3. Kapitel.
Es war gleich denselben Tag, als die Nacht zuvor meiner Frau Mutter die Truthühner waren gestohlen worden, da ich die ehrliche Geburtsstadt verließ und meine sehr gefährliche Reise zum andern Mal zu Wasser und zu Lande wieder antrat. Kaum waren wir einen Musketenschuß von der Stadt gefahren, so schmiß uns der Postillon um, daß flugs alle vier Räder an der Postkalesche in Stücke brachen; die Personen, so er geladen hatte, die lagen, der Tebel hol mer, im Drecke bis über die Ohren, denn es war in einem greulichen Morastloche, da er uns umschmiß. Ich hatte noch von großem Glück damals zu sagen, daß ich hinten in der Schoßkelle saß, denn wie ich sah, daß der Wagen fallen wollte, so sprang ich mit meinem Kober herunter, denn wenn ich wäre sitzengeblieben. Ei sapperment! wie würde ich mit meiner Nase im Dreck auch gelegen sein. Da war nun Lachen zu verbeißen, wie sich die Passagiere so im Kote herumwälzten. Der Postillon wußte nun beileibe keinen Rat, wie er fortkommen wollte, weil die Räder alle viere am Wagen zerbrochen waren. Nachdem ich nun sah, daß ganz keine Hilfe fortzukommen vorhanden war und ich mich nicht lange zu versäumen hatte, sondern wollte eiligst die Stadt Venedig besehen, so war ich her, nahm meinen großen Kober und bedankte mich gegen meine Reisegefährten, welche noch im Drecke dalagen, vor geleistete Kompagnie und ging immer per pedes[61] nach Italien und Welschland zu.
Denselben Tag wanderte ich noch zu Fuße zweiundzwanzig Meilen und gelangte des Abends bei zu Rüste gehender Sonne in einem Kloster an, worinnen die barmherzigen Brüder waren, der Tebel hol mer, gute Kerls, sie traktierten mich mit essender Ware recht fürstlich, aber kein gut Bier hatten sie in demselben Kloster. Ich fragte sie auch, wie es denn käme, daß sie keinen guten Tischtrunk hätten: so gaben sie mir zur Antwort, es hätte bei ihnen die Art so nicht, gut Bier zu brauen, dieweil sie mit lauter saurem Wasser versehen wären. Damit so lernte ich ihnen ein Kunststück, wie sie könnten gut Klebebier brauen, welches auch so gut schmecken würde, daß sie es gar mit Fingern austitschen würden, und wie sie danach würden brav predigen können. O sapperment! wie dankten mir die barmherzigen Brüder vor mein Kunststück, welches ich ihnen gelernt hatte. Sie stellten auch noch selben Abend eine Probe an, den Morgen früh darauf hatten sie, der Tebel hol mer, das schönste Klebebier im Bottich, welches wie lauter Zucker schmeckte. Ei sapperment! wie soffen sich die barmherzigen Brüder in dem Klebebiere zu und kunnten nicht einmal satt werden, so gut schmeckte es ihnen; sie mußten bald immer das Maul mit Fingern zuhalten, so begierig soffen sie es hinein und wurdens nicht einmal inne, wenn es ihnen gleich in die Köpfe kam. Wie mir auch die Kerls deswegen so gut waren und viel Ehre erzeigten, werde ich, der Tebel hol mer, mein Lebtage nicht vergessen. Sie baten mich auch, daß ich eine Weile bei ihnen bleiben sollte, allein ich hatte keine Lust dazu.
Da ich von denselben nun wieder Abschied nahm, gaben sie mir einen Haufen Viktualien[62] mit auf den Weg, daß ich nicht verhungern sollte, denn die barmherzigen Brüder hatten gleich den Tag zuvor (welches der Freitag war im Kloster) sechs Eckerschweine[63] geschlachtet, davon kriegte ich eine große lange Wurst und ein abscheulich Stück dicken Speck mit auf meine gefährliche Reise. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, wohl sagen, daß ich dergleichen Speck mein Lebetage noch nicht in der Welt gesehen hatte, als wie ich bei den barmherzigen Brüdern da antraf, und wenn er nicht sechs Ellen dicke war, so will ich, der Tebel hol mer, kein brav Kerl sein.
Nachdem ich nun von den barmherzigen Brüdern Abschied genommen hatte und mein großer Kober ziemlich mit Proviant gespickt war, so nahm ich meinen Weg immer nach Venedig zu. Unterwegens erholte ich eine geschwinde Post, welche auch willens war, nach Venedig zu fahren, und weil der Postillon nicht viel Personen geladen hatte, so dingte ich mich auf dieselbe, doch traute ich mich nicht unter die Kompagnie mit zu setzen aus Furcht, der Postknecht möchte etwa auch umwerfen wie der vorige, und man könnte nicht wissen, wie das Umwerfen allemal glückte, so setzte ich mich wieder hinten mit meinem großen Kober in die Schoßkelle und hieß den Postillion per postae nach Italien und Welschland fortfahren. Wir fuhren etliche Tage sehr glücklich, und wie wir etwa noch einen Büchsenschuß von Venedig hatten, allwo man zwischen großen hängigen Bergen fahren muß, so schmiß der Postillion, ehe wir es uns versahen, den Postwagen um, daß er wohl den einen Berg hinunter über tausendmal sich mit uns überkepelte, und nahm, der Tebel hol mer, keiner nicht den geringsten Schaden. Ausgenommen zwei Räder, die gingen an der Postkalesche vor die Hunde. Aber die wir auf dem Postwagen saßen, wurden alle miteinander tüchtig von dem Sande bestoben, denn es gibt um Venedig herum nichts als lauter sandige Berge. Doch muß ich gestehen, daß sich die Stadt Venedig von ferne, der Tebel hol mer, recht proper präsentiert[64], denn sie liegt auf einem großen hohen Steinfelsen und ist mit einem vortrefflichen Wall umgeben.
Als ich nun die Stadt Venedig zu Fuße mit meinem großen Kober erreicht, so kehrte ich im Weißen Bocke ein, allwo ich sehr gute Bequemlichkeit und Bedienung hatte. Die Wirtin, welches eine Wittfrau war, die empfing mich sehr freundlich und führte mich gleich in eine wunderschöne Kammer, worinnen über zweihundert gemachte Betten stunden; dieselbe Kammer gab sie mir zur Verwahrung meiner Sachen ein und nahm mit einem höflichen Komplimente wiederum Abschied. Wie ich nun allein in der wunderschönen Kammer war, nahm ich meinen Kober vom Halse ab, machte ihn auf und langte mir aus demselben ein weiß Hemde. Sobald als ich mir nun das weiß Hemde angezogen hatte, versteckte ich meinen großen Kober mit den Sachen unter ein gemacht schön Bette, damit ihn niemand finden sollte, und ging aus der Kammer wieder heraus, schloß sie zu und fragte die Wirtin, was denn gutes Neues in der Stadt Venedig passierte. Die Wirtin, die gab mir zur Antwort und sagte, es wäre jetzo allerhand (indem es Jahrmarkt wäre) auf dem Sankt Marxplatze zu sehen. O sapperment! wie nahm ich meinen Marsch nach dem Sankt Marxplatze zu, als die Wirtin vom Jahrmarkte schwatzte. Ich war her und holte meinen großen Kober mit meinen Sachen geschwinde wieder aus der Kammer und hing denselben an, damit mir derselbe, weil es Jahrmarkt war, nicht irgend wegkommen sollte. Wie ich nun auf den Sankt Marxplatz kam, Ei sapperment! was stunden da vor wunderschöne Häuser, desgleichen ich in Holland und England wie auch in Schweden und ganz Indien an keinem Orte niemals noch nicht gesehen hatte. Sie waren, der Tebel hol mer, mit den kostbarsten Marmorsteinen ausgemauert und war ein Haus wohl über fünfzig Geschoß hoch, und vor einem jedweden Hause rings um den Markt herum stund eine große Plumpe, aus Ursachen, weil das Wasser da so selten ist. Mitten auf dem Sankt Marxplatze nun stund eine große Glücksbude, da griff nun hinein, wer wollte, es mußte aber die Person vor einen jedweden Griff einen Dukaten geben; es waren auch aber Gewinste darinnen zu sechzig- bis siebzigtausend Talern und gab auch sehr geringe Gewinste, denn der geringste Gewinst wurde nur auf einen Batzen wertgeschätzt, welches in Deutschland sechs Pfennige macht.
Wie ich nun sah, daß manche Leute brav gewannen, so war ich her und wagte auch einen Dukaten dran und wollte mein Glück versuchen. Als ich nun in den Glückstopf hineingriff, O sapperment! was waren da vor Zettel! ich will wetten, daß wohl über tausend Schock Millionen Zettel in dem Glückstopfe da vorhanden waren. Indem ich nun in den Glückstopf mit beiden Händen hineinfühlte, so tat ich auch einen solchen Griff, daß ich die Zettel bald alle auf einmal mit beiden Fäusten herausgriff. Da dieses der Glückstöpfer sah, O sapperment! wie klopfte er mich auf die Finger, daß ich so viel Zettel herausgeschleppt brachte, welche ich aber miteinander flugs wieder hineinschmeißen mußte und hernach vor meinen Dukaten nur einen einzigen hinausnehmen, welches ich auch tat. Wie ich nun vor meinen Dukaten einen Zettel aus dem Glückstopfe herausgenommen hatte und ihn aufmachte, so war es eine gute Nummer, und zwar Nummer elf, dieselbe mußte ich nun dem Glücksbüdner zeigen. Nun meinten damals alle Leute, ich würde was Rechts davontragen, weil ich eine ungleiche Nummer ergattert hätte, aber wie danach gesehen wurde, was Nummer 11 mit sich brachte, so war es ein Bartbürstchen vor sechs Pfennig, O sapperment! wie lachten mich die um die Glücksbude herumstehenden Leute alle miteinander mit meinem Bartbürstchen aus. Ich kehrte mich aber an nichts, sondern war her und griff noch einmal in den Glückstopf hinein und langte noch einen Zettel heraus, derselbe hatte nun wiederum eine gute Nummer, denn es war Nummer 098 372 641 509. Sapperment! wie sperrten die Leute alle miteinander in und an der Glücksbude die Mäuler auf, daß ich so eine vortreffliche Nummer ergriffen hatte. Wie nun in der Glücksbude nachgesehen wurde, was meine vortreffliche Nummer vor einen Gewinst hatte, so war es ein Pferd vor fünfhundert Taler und des Glücksbüdners seine Frau, welche auf tausend Dukaten stund. O Morbleu! was war vor ein Zulauf, wie es kundbar wurde: Signor Schelmuffsky hätte sich in der Glücksbude so wohl gehalten. Ich mußte mich nun gleich auf das gewonnene Pferd setzen, und die tausend Dukaten anstatt des Glückstöpfers seiner gewonnenen Frau wurden alle an ein Paternoster gereiht, dieselben mußte ich über meinen großen Kober hängen und in der ganzen Stadt herumreiten, damit die Leute meinen Gewinst sahen. Es mußten auch vor meinem Pferde hergehen neunundneunzig Trommelschläger, achtundneunzig Schalmeipfeifer und ihrer drei mit Lauten und einer Zither; die zwei Lauten und die einzige Zither klungen auch so anmutig unter die Trompeten und Schalmeien, daß man, der Tebel hol mer, sein eigen Wort nicht hören kunnte. Ich aber saß darbei sehr artig zu Pferde, und das Pferd mußte wohl sein auf der Reitschule und auf dem Tanzboden gewesen, denn wie die Musik ging, so tanzte es auch und trottierte, der Tebel hol mer, unvergleichlich. Wie mich auch das Frauenzimmer zu Venedig, als ich auf den St. Marxplatz kam, in einem ansah, kann ich, der Tebel hol mer, nicht genugsam beschreiben, denn es lachte alles an meinem ganzen Leibe, und kunnte ein jeder flugs sich an den Fingern abzählen, daß meinesgleichen wohl schwerlich würde in der Welt zu finden sein.
Unter währendem Herumreiten ließen mir wohl über dreißig Nobelspersonen auf der Gasse nachschicken und ließen mich untertänigst grüßen und schön bitten, ich möchte ihnen doch berichten, wer und wes Standes ich wäre, damit sie ihre schuldigste Aufwartung bei mir abstatten könnten. Ich ließ aber den Nobelspersonen allen sehr artig wieder zur Antwort sagen, wie daß ich mich zwar was Rechts in der Welt schon versucht hätte und wäre in Schweden, in Holland und England wie auch bei dem Großen Mogol in Indien ganzer vierzehn Tage lang gewesen und wäre mir auf seinem vortrefflichen Schlosse Agra viel Ehre widerfahren; wer ich nun sein müßte, das könnten sie leichtlich riechen. Hierauf so ritt ich mit meiner Musik nun wieder fort, und als ich vor dem Rathause vorbeitrottieren wollte, so fielen mir unvermuteterweise sechsundzwanzig Häscher meinem Pferde in den Zaum und schrien alle zugleich: »Halt!« Wie ich nun stillhalten mußte, so kamen die großen Ratspersonen, welche in vierzehnhundert Nobels bestunden, die bekomplimentierten mich und schätzten sich glücklich, daß sie die hohe Ehre haben sollten, meine vornehme Gegenwart zu genießen. Als sie solch Kompliment gegen mich nun abgelegt hatten, so antwortete ich zu Pferde überaus artig auch wieder in halb engländischer, holländischer wie auch bisweilen deutscher Sprache.
Sobald als nun meine Antwortsrede aus war, hießen mich die sämtlichen Ratsherren absteigen und baten mich, daß ich ihr vornehmer Gast sein sollte. Worauf ich mit meinem großen Kober alsobald abstieg und gab Order, mein Pferd so lange ins Häscherloch zu ziehen, bis daß ich gegessen hätte. Welches auch geschah. Damit so führten mich drei Präsidenten in der Mitten auf das Rathaus hinauf, hinter mir her gingen nun die sämtlichen Mitglieder des Rats alle zu zwölfen in einer Reihe. Wie wir nun elf Treppen hoch auf das Rathaus gestiegen waren, Ei sapperment! was präsentierte sich da vor ein schöner Saal. Er war mit lauter geschliffenen Werkstücken von Glas gepflastert und anstatt des Tafelwerks waren die Wände mit lauter marmorsteinernem Gipse ausgemalt, welches einem fast ganz die Augen verblendete. Mitten auf dem Saale, nicht weit von der Treppe, stund eine lange von venedischem Glase geschnittene Tafel gedeckt, auf welcher die raresten und delikatesten Speisen stunden. Ich mußte mich nun mit meinem großen Kober ganz zu oberst an die Tafel setzen, und neben mir saßen die drei Präsidenten, welche mich die elf Treppen hinaufgeführt hatten. Weiter an der Tafel hinunter saßen die übrigen Mitglieder des Rats und sahen mich alle mit höchster Verwunderung an, daß ich solchen Appetit zu essen hatte. Unter währender Mahlzeit wurde nun von allerhand diskuriert, ich aber saß anfänglich ganz stille und stellte mich, als wenn ich nicht drei zählen könnte. Da ich mich aber satt gefressen hatte, so tat ich hernach mein Maul auch auf und fing an zu erzählen, wie daß ich in Indien einstmals von dem Großen Mogol so trefflich wäre beschenkt worden, und wie daß ich demselben den Kalkulum wegen seiner Einkünfte hätte führen müssen, und wie ich noch halb soviel Überschuß herausgebracht, als er jährlich hätte einzunehmen gehabt, und wie daß der Große Mogol mich deswegen zu seinem Reichskanzler machen wollen, weil ich Adam Riesens Rechenbuch so wohl verstanden. O sapperment! wie horchten die Herren des Rats zu Venedig, da ich von dem Reichskanzler und Adam Riesens Rechenbuche schwatzte. Sie titulierten mich hernach nicht anders als Ihre Hochwürden und fingen alle miteinander gleich an, meine Gesundheit zu trinken. Bald sagte einer: »Es lebe derjenige, welcher in Indien hat sollen des Großen Mogols Reichskanzler werden und hats nicht annehmen wollen«. Bald fing ein anderer an und sagte: »Es lebe derjenige, welcher noch halb soviel Überschuß über des Großen Mogols Einkünfte herausbringen kann, ob ers gleich nicht einzunehmen hat«. Welche und dergleichen Gesundheiten wurden nun von allen über der gläsernen Tafel mir zuliebe getrunken.
Wie nun meine Gesundheit herum war, so fing der eine Präsident, welcher flugs neben mir saß, zu mir an und sagte, ich sollte doch meine hohe Geburt nicht länger verborgen halten, denn er hätte schon aus meinen Diskursen vernommen, daß ich nicht eines schlechten Herkommens sein müßte, sondern es leuchtete mir was Ungemeines aus meinen Augen heraus. Hierauf besann ich mich, ob ich mich wollte zu erkennen geben oder nicht. Endlich so dachte ich, du willst ihnen doch nur die Begebenheit von der Ratte erzählen, damit sie Maul und Ohren brav aufsperren müssen, weil sie es nicht besser wollen gehabt haben. O sapperment! was erweckte das Ding bei den vierzehnhundert Ratsherren vor groß Aufsehens, als ich von der Ratte anfing zu schwatzen. Sie steckten, der Tebel hol mer, an der Tafel die Köpfe alle miteinander zusammen und redeten wohl drei ganzer Zeigerstunden heimlich von mir; was sie aber durcheinanderplisperten, das kunnte ich gar nicht verstehen. Doch soviel ich von meinem Herrn Nachbar zur rechten Hand vernehmen kunnte, sagte er zu dem einen Präsidenten: wann ichs annehmen wollte, so könnte ich Überaufseher des Rats zu Venedig werden, weil sie indem niemand hätten, der sich dazu schickte. Nachdem sie sich nun alle so durcheinander heimlich beredet hatten, so fingen sie alle zugleich an zu reden und sagten: »Wir wollen Ihre Hochwürden zu unserm Ratsinspektor machen, wollen Sie es wohl annehmen?« Auf dieses gute Anerbieten gab ich dem sämtlichen Ratskollegio flugs sehr artig wieder zur Antwort und sagte: »Vielgeehrte Herren und respektive werte Herzensfreunde! Daß ich ein brav Kerl bin, dasselbe ist nun nicht Fragens wert, und daß ich mich in der Welt, sowohl zu Wasser als zu Lande, was Rechts versucht habe, solches wird der bekannte Seeräuber Hans Barth, welchem ich auf der spanischen See mit meinem vortrefflichen Rückenstreicher einen großen Flatschen von seiner krummen Habichtsnase gesäbelt, selbst gestehen müssen, daß meinesgleichen in der Welt wohl schwerlich von Konduite[65] wird gefunden werden«. O sapperment! wie sahen mich die vierzehnhundert Ratsherren alle nacheinander an, als sie von meinem Rückenstreicher und von meiner Konduite hörten.
Worauf auch der eine Präsident zu mir gleich sagte, das sämtliche Kollegium hätte nun schon aus meiner Antwort vernommen, daß ich solche angetragene Charge[66] wohl schwerlich akzeptieren würde, indem mein Gemüte nur an dem Reisen seine Lust hätte. Hierzu schwieg ich nun stockmausestille und machte gegen die drei Präsidenten ein über alle Maßen artig Kompliment und stund, ehe sie sichs versahen, wie ein Blitz von der Tafel auf. Da solches dieselben nun sahen, daß ich aufstund, fingen sie gleich auch an, alle miteinander aufzustehen.
Da sie nun merkten, daß meines Bleibens nicht länger sein wollte, so beschenkte mich der ganze Rat mit einem künstlich geschnittenen venedischen Glase, welches auf zwanzigtausend Taler geschätzt wurde; dasselbe sollte ich ihnen zum ewigen Andenken aufheben und zuzeiten ihre Gesundheit daraus trinken. Es wäre auch geschehen, wenn ich nicht, wie man ferner hören wird, solches unverhoffterweise zerbrochen hätte.
Nachdem ich nun von dem sämtlichen Rate zu Venedig wieder Abschied genommen und mich vor so große erzeigte Ehre bedankt hatte, steckte ich das geschenkte schöne kostbare Glas in meinen großen Kober und ließ mir von etlichen Klaudittgen[67] mein in der Glücksbude gewonnenes Pferd aus dem Häscherloche wieder herausziehen und auf den Saal oben hinaufbringen. Daselbst setzte ich mich nun mit meinem großen Kober wieder zu Pferde und ritt mit so einer artigen Manier im vollen Kurier die Treppe hinunter, daß sich auch die Ratsherren alle miteinander über mein Reiten höchst verwunderten und meinten nicht anders, ich würde Hals und Beine brechen müssen, weil es so glatt auf der Treppe wäre, indem die Stufen von dem schönsten geschnittenen venedischen Glase gemacht waren; allein mein Pferd, das war gewandt, es trottierte wie ein Blitz mit mir die gläsernen Treppen hinunter, daß es auch nicht einmal ausglatterte. Unten vor dem Häscherloche, da paßten nun meine Musikanten wieder auf und sobald sie mich sahen von dem Rathause heruntergeritten kommen, so fingen die mit den Trommeten gleich an eine Sarabande[68] zu schlagen, die Schalmeipfeifer aber pfiffen den Totentanz drein und die zwei mit den Lauten spielten das Lied dazu: »Ich bin so lange nicht bei dir gewesen«, und der mit der Zither klimperte den Altenburgischen Bauerntanz hintennach.
Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie die Musik so vortrefflich zusammenklang, und mein Pferd machte immer ein Hoppchen nacheinander dazu. Damit so wollte ich nun noch einmal um den St. Marxplatz herumreiten, und zwar nur deswegen, die Leute dadurch an die Fenster zu locken und daß sie sich wacker über mein vortrefflich Reiten verwundern sollten. Welches auch geschah. Denn als ich mit meinem großen Kober über den St. Marxplatz wieder geritten kam, so steckten wohl auf dreißigtausend Menschen die Köpfe zu den Fenstern heraus, die sahen sich bald zum Narren über mich, weil ich mit meinem großen Kober so galant zu Pferde saß. Wie wohl mir auch das Ding von den Leuten gefiel, daß sie die Augen so brav über mein vortrefflich Zupferdesitzen aufsperrten, dasselbe werde ich, der Tebel hol mer, zeitlebens nicht vergessen. Aber was ich auch dabei vor einen Pfui-dich-an mit einlegte, davon werden noch bis dato die kleinen Jungen zu Venedig auf der Gasse zu schwatzen wissen.
Man höre nur, wie mirs ging. Indem ich nun mit meinem großen Kober überaus artig um den St. Marxplatz herumritt und alle Leute Maul und Nasen über mich aufsperrten, so zog ich ein Pistol aus der einen Halfter und gab damit Feuer. Der Glückstöpfer hatte mir aber zuvor (als ich das Pferd bei ihm gewonnen) nicht gesagt, daß es schußscheu wäre und kein Pulver riechen könnte. Wie ich nun so in aller Herrlichkeit das Pistol losschoß, so tat das Pferd, ehe ichs mich versah, einen Ruck und schmiß mich, der Tebel hol mer, mit meinem großen Kober flugs aus dem Sattel heraus, daß ich die Länge lang auf dem St. Marxplatz dorthinfiel und das wunderschöne Glas, welches so kostbar sein sollte, in hunderttausend Stücken zerbrach. O sapperment! wie fingen die Leute alle miteinander an, mich auszulachen. Ich war aber her und stund mit meinem großen Kober geschwinde wieder auf und lief immer hinter dem Pferde her und wollte es wieder haschen. Wenn ich denn nun bald an ihm war und wollte das Rabenas hinten beim Schwanze ergreifen, so fing die Schindmähre allemal geschwinde an zu trottieren und kurbettierte eine Gasse hinauf, die andere wieder nieder. Ich jagte mich wohl drei ganzer Stunden mit dem Schindluder in der Stadt Venedig herum und kunnte es doch nicht kriegen. Endlich so lief es gar zum Tore hinaus und in ein Stück Hafer, welcher flugs vorm Tore auf einen Steinfelsen gesät stund, hinein; da dachte ich nun, ich wollte es ergattern, und lief ihm immer im Hafer nach, allein ich kunnte seiner, der Tebel hol mer, nicht habhaftig werden, denn je mehr ich dem Ase nachlief, je weiter trottierte es ins Feld hinein und lockte mich mit den Narrenspossen bis vor die Stadt Padua, ehe ich solches wiederbekommen kunnte. Ich hätte, halt ich dafür, dasselbe wohl noch nicht gekriegt, wenn nicht ein Bauer aus der Stadt Padua mit einem Mistwagen wäre herausgefahren kommen, welcher eine Stute mit vor seinen Wagen gespannt hatte, bei derselben blieb mein gewonnenes Pferd, weil es ein Hengst war, stillstehen.
Wie ich dasselbe nun wieder hatte, so setzte ich mich mit meinem großen Kober gleich wieder drauf und beratschlagte mich da mit meinen Gedanken, ob ich wieder nach Venedig oder in die Stadt Padua flugs spornstreichs hineinreiten wollte und selbige auch besehen. Bald gedachte ich in meinem Sinn: was werden doch immer und ewig die Musikanten denken, wo Signor Schelmuffsky muß mit seinem großen Kober geblieben sein, daß er nicht wiederkommt? Bald gedachte ich auch: reitest du wieder nach Venedig zu und kommst auf den St. Marxplatz, so werden die Leute den von Schelmuffsky wacker wieder ansehen und die kleinen Jungen einander in die Ohren plispern: »Du siehe doch, da kommt der vornehme Herr mit seinem großen Kober wiedergeritten, welchen vor vier Stunden das Pferd herunterwarf, daß er die Länge lang in die Gasse dahinfiel, wir wollen ihn doch brav auslachen«. Endlich dachte ich auch: kommst du nach Venedig wieder hinein und der Rat erfährt es, daß du das wunderschöne Glas schon zerbrochen hast, so werden sie dir ein andermal einen Quark wieder schenken. Faßte derowegen eine kurze Resolution und dachte: Gute Nacht Venedig! Signor Schelmuffsky muß sehen, wie es in Padua aussieht; und rannte hierauf in vollem Schritte immer in die Stadt Padua hinein.
[61] zu Fuße.
[62] Eßwaren.
[63] mit Eckern gemästete.
[64] recht gut ausnimmt.
[65] Benehmen.
[66] Amt.
[67] Häscher.
[68] feierlicher, langsamer Tanz.