4. Kapitel.

Padua ist, der Tebel hol mer, eine brave Stadt; ob sie gleich nicht gar groß ist, so hat sie doch lauter schöne neue Häuser und liegt eine halbe Stunde von Rom. Sie ist sehr volkreich von Studenten, weil so eine wackere Universität da ist. Es sind bisweilen über dreißigtausend Studenten in Padua, welche in einem Jahre alle miteinander zu Doktors gemacht werden. Denn da kann, der Tebel hol mer, einer leicht Doktor werden, wenn er nur Speck in der Tasche hat und scheut dabei seinen Mann nicht. In derselben Stadt kehrte ich nun mit meinem Pferde und großen Kober in einem Gasthofe, zum Roten Stier genannt, ein, allwo eine wackere, ansehnliche Wirtin war. Sobald ich nun mit meinem großen Kober von dem Pferde abstieg, kam mir die Wirtin gleich entgegen gelaufen, fiel mir um den Hals und küßte mich, sie meinte aber nicht anders, ich wäre ihr Sohn. Denn sie hatte auch einen Sohn in die Fremde geschickt, und weil ich nun unangemeldet flugs in ihren Gasthof hineingeritten kam, und sie meiner nur von hinten ansichtig wurde, so mochte sie in dem Gedanken stehen, ihr Sohn käme geritten; so kam sie spornstreichs auf mich zu gewackelt und kriegte mich von hinten beim Kopfe und herzte mich. Nachdem ich ihr aber sagte, daß ich der und der wäre und die Welt auch überall durchstankert hätte, so bat sie hernach bei mir um Verzeihung, daß sie so kühn gewesen wäre.

Es hatte dieselbe Wirtin auch ein paar Töchter, die führten sich, der Tebel hol mer, galant und proper in Kleidung auf, nur schade war es um dieselben Menscher, daß sie so hochmütig waren und allen Leuten ein Klebefleckchen wußten anzuhängen, da sie doch, der Tebel hol mer, von oben bis unten selbst zu tadeln waren. Denn es kunnte kein Mensch mit Frieden vor ihrem Hause vorbeigehen, dem sie nicht allemal was auf den Ärmel hefteten, und kiffen[69] sich einen Tag und alle Tage mit ihrer Mutter, ja sie machten auch bisweilen ihre Mutter so herunter, daß es Sünde und Schande war, und hatten sich an das häßliche Fluchen und Schwören gewöhnt, daß ich, der Tebel hol mer, vielmal dachte: Was gilts? die Menscher werden noch auf dem Miste sterben müssen, weil sie ihre eigene Mutter so verwünschen. Allein es geschah der Mutter gar recht, warum hatte sie dieselben in der Jugend nicht besser gezogen. Einen kleinen Sohn hatte sie auch noch zu Hause, das war noch der beste; sie hielt ihm unterschiedene Präzeptores, aber derselbe Junge hatte zu dem Studieren keine Lust. Seine einzige Freude hatte er an den Tauben und auch (wie ich in meiner Jugend) an dem Blaserohre, mit demselben schoß er im Vorbeigehen, wenn es Markttag war, die Bauern immer auf die Köpfe und versteckte sich hernach hinter die Haustür, daß ihn niemand gewahr wurde. Ich war demselben Jungen recht gut, nur des Blaserohrs halber, weil ich in meiner Jugend auch so einen großen Narren daran gefressen hatte.

Nun hätte auch diese Wirtin so gerne wieder einen Mann gehabt, wenn sie nur einer hätte haben wollen, denn der sappermentsche Kupido mußte ihr eine abscheulich große Wunde mit seinem Pfeile gemacht haben, daß sie in ihrem sechzigjährigen Alter noch so verliebt um den Schnabel herum aussah. Sie hätte, halt ich dafür, wohl noch einen Leg-dich-her bekommen, weil sie ihr gutes Auskommen hatte. Den ganzen Tag redete sie von nichts anders als von Hochzeit machen und von ihrem Sohne, welcher in der Fremde wäre, und sagte, was derselbe vor ein so stattlicher Kerl wäre.

Ich hatte, halt ich davor, noch nicht drei Wochen bei derselben Wirtin logiert, so stellte sich ihr fremder Sohn zu Hause wieder ein. Er kam, der Tebel hol mer, nicht anders als ein Kesselflicker aufgezogen und stunk nach Tobak und Branntewein wie der ärgste Marodebruder[70]. Ei sapperment! was schnitt der Kerl Dinges auf, wo er überall gewesen wäre, und waren, der Tebel hol mer, lauter Lügen.

Wie ihn nun seine Mutter und Schwestern wie auch sein kleiner Bruder bewillkommet hatten, so wollte er mit seinen Schwestern Französisch an zu reden fangen, allein er kunnte, der Tebel hol mer, nicht mehr vorbringen als »oui«. Denn wenn sie ihn auf deutsch fragten, ob er auch da und da gewesen wäre, so sagte er allemal »oui«. Der kleine Bruder fing zu ihm auch an und sagte: »Mir ist erzählt worden, du sollst nicht weiter als bis Halle in Sachsen gewesen sein: ists denn wahr?« So gab er ihm gleichfalls zur Antwort: »Oui«. Als er nun hierzu auch »oui« sprach, mußte ich mich, der Tebel hol mer, vor Lachen in die Zunge beißen, daß ers nicht merkte, daß ich solche Sachen besser verstünde als er. Denn ich kunnte es ihm gleich an den Augen absehen, daß er über eine Meile Weges von Padua nicht mußte gewesen sein.

Wie ihm das Französischreden nicht wohl fließen wollte, so fing er Deutsch an zu reden und wollte gerne fremde schwatzen, allein die liebe Muttersprache verriet ihn immer, daß auch das kleinste Kind es hätte merken können, daß es lauter gezwungen Werk mit seinem Fremdereden war. Ich stellte mich nun dabei ganz einfältig und gedachte von meinen Reisen anfänglich nicht ein Wort. Nun da hat der Kerl Dinge hergeschnitten, daß einem flugs die Ohren davon hätten weh tun mögen, und war nicht ein einzig Wort wahr. Denn ich wußte es alles besser, weil ich dieselben Länder und Städte, da er wollte gewesen sein, schon längst an den Schuhen abgerissen hatte.

Die Studenten, so im Hause waren, die hießen ihn nicht anders als den Fremden und zwar aus den Ursachen, weil er wollte überall gewesen sein. Man denke nur, was der sappermentsche Kerl, der Fremde, vor abscheuliche große Lügen vorbrachte. Denn als ich ihn fragte, ob er auch was Rechts da und da zu Wasser gesehen und ausgestanden hätte, so gab er mir zur Antwort, wann er mirs gleich lange sagte, so würde ich einen Quark davon verstehen. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem nichtswürdigen Bärenhäuter, daß er mir da von einem Quarke schwatzte; es fehlte nicht viel, so hätte ich ihm eine Presche gegeben, daß er flugs an der Tischecke hätte sollen kleben bleiben, so aber dachte ich, was schmeißt du ab, du willst ihn nur aufschneiden lassen und hören, was er weiter vorbringen wird. Ferner so fing der Fremde nun an, von Schiffahrten zu schwatzen. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, was der Kerl vor Wesens von den Schiffen machte und absonderlich von solchen Schiffen, die man nur Dreckschüten[71] nennt. Denn er erzählte seinen Schwestern mit großer Verwunderung, wie er bei abscheulichem Ungestüm und Wetterleuchten auf einer Dreckschüte mit zweitausend Personen von Holland nach England in einem Tage gefahren wäre und hätte keiner keinen Schuh naß gemacht. Worüber sich des Fremden seine Schwestern sehr verwunderten. Ich aber sagte hierzu nicht ein Wort, sondern mußte innerlich bei mir recht herzlich lachen, weil der Fremde so ein großes Wesen von der lumpigen Dreckschüte da erzählte. Ich mochte ihn nur nicht beschimpfen und auf seine Aufschneidereien antworten. Denn wenn der Kerl hätte hören sollen, wie daß ich mit meinem verstorbenen Bruder Grafen über hundert Meilen auf einem Brette schwimmen müssen, ehe wir einmal Land gerochen hätten, und wie daß auch einstmals ein einziges Brett unser fünfzig das Leben errettet: O sapperment! wie der Fremde die Ohren aufsperren sollen und mich ansehen! So aber dachte ich, du willst ihn immer aufschneiden lassen, warum sein die Menscher solche Narren und verwundern sich flugs so sehr über solchen Quark. Weiter erzählte der Fremde auch, wie er wäre in London gewesen und bei dem Frauenzimmer in solchem Ansehen gestanden, daß sich auch eine sehr vornehme Dame so in ihn verliebt hätte gehabt, daß sie keinen Tag ohne ihn leben können, denn wenn er nicht alle Tage wäre zu ihr gekommen, so hätte sie gleich einen Kammerjunker zu ihm geschickt, der hätte ihn auf einer Chaise de Roland mit elf gelben Rappen bespannt allemal holen müssen; und wenn er nun zu derselben vornehmen Dame gekommen wäre, so hätte sie ihm allzeit erstlich einen guten Rausch in Mastixwasser zugesoffen, ehe sie mit ihm von verliebten Sachen zu schwatzen angefangen. Er hätte es auch bei derselben Dame so weit gebracht, daß sie ihm täglich fünfzigtausend Pfund Sterling in Kommission gegeben, damit er nun anfangen mögen, was er nur selbsten gewollt. O sapperment! was waren das wieder vor Lügen von dem Fremden, und seine Schwestern, die glaubten ihm nun, der Tebel hol mer, alles miteinander. Die eine fragte ihn, wie viel denn ein Pfund Sterling an deutscher Münze wäre. So gab er zur Antwort, ein Pfund Sterling wäre nach deutscher Münze sechs Pfennige. Ei sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Kerl, daß er ein Pfund Sterling nur vor sechs Pfennige schätzte, da doch, der Tebel hol mer, nach deutscher Münze ein Pfund Sterling einen Schreckenberger macht, welches in Padua ein halber Batzen[72] ist. Über nichts kunnte ich mich innerlich so herzlich zulachen, als daß des Fremden sein kleiner Bruder sich immer so mit dreinmengte, wann der Fremde Lügen erzählte, denn derselbe wollte ihm gar kein Wort nicht glauben, sondern sagte allemal, wie er sich doch die Mühe nehmen könne, von diesen und jenen Ländern zu schwatzen, da er doch über eine Meile Weges von Padua nicht gekommen wäre. Den Fremden verschnupfte das Ding, er wollte aber nicht viel sagen, weils der Bruder war, doch gab er ihm dieses zur Antwort: »Du Junge verstehst viel von dem Taubenhandel«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding auch, daß der Fremde ihn einen Jungen hieß und von dem Taubenhandel schwatzte, denn die Wetterkröte bildete sich auch ein, er wäre schon ein großer Kerl, weil er von dem sechsten Jahre an bis in das fünfzehnte schon den Degen getragen hatte. Er lief geschwind zur Mutter und klagte ihrs, daß ihn sein fremder Bruder einen Jungen geheißen hatte. Die Mutter verdroß solches auch und war hierauf her und gab ihm Geld, schickte ihn hin auf die Universität in Padua, daß er sich da mußte einschreiben lassen und ein Studente werden.

Wie er nun wiederkam, so fing er zu seinem fremden Bruder an und sagte: »Nun bin ich doch auch ein rechtschaffener Kerl geworden, und Trotz sei dem geboten, der mich nicht dafür ansieht«. Der Fremde sah den kleinen Bruder von unten bis oben, von hinten und von vorne mit einer höhnischen Miene an, und nachdem er ihn überall betrachtet hatte, sagte er: »Du siehst noch jungenhaftig genug aus«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding erschrecklich, daß ihn der Fremde vor allen Leuten so beschimpfte. Er war her und zog sein Fuchtelchen da heraus und sagte zu dem Fremden: »Hast du was an mir zu tadeln oder meinest, daß ich noch kein rechtschaffener Kerl bin, so schier dich her vor die Klinge, ich will dir weisen, was Burschenmanier ist«. Der Fremde hatte nun blutwenig Herze in seinem Leibe, als er des kleinen Bruders bloßen Degen sah, er fing an zu zittern und zu beben und kunnte vor großer Angst nicht ein Wort sagen, daß auch endlich der kleine Bruder den Degen wieder einsteckte und sich mit dem Fremden in Güte vertrug. Wie sehr aber der neue Akademikus von den Hausburschen und andern Studenten gevexiert[73] wurde, das kann ich, der Tebel hol mer, nicht sagen. Sie hießen ihn nur den unreifen Studenten, ich fragte auch, warum sie solches täten, so wurde mir zur Antwort gegeben: deswegen wurde er nur der unreife Student geheißen, weil er noch nicht tüchtig auf die Universität wäre, und dazu so hielte ihm seine Mutter noch täglich einen Moderator[74], welcher ihn den Donat[75] und Grammatika lernen mußte. Damit aber der unreife Student die Schande nicht haben wollte, als wenn er noch unter der Schulrute erzogen würde, so machte er den andern Studenten weis, der Moderator wäre sein Stubengeselle.

Indem mir nun einer von den Hausburschen solches erzählt hatte und noch mehr Dinge von dem unreifen Studenten erzählen wollte, so wurde ich gleich zur Mahlzeit gerufen. Über Tische fing der Fremde nun wieder an, von seinen Reisen aufzuschneiden, und erzählte, wie daß er wäre in Frankreich gewesen und bei einem Haare die Ehre gehabt, den König zu sehen. Wie ihn nun seine Schwestern fragten, was vor neue Moden jetzo in Frankreich wären, so gab er ihnen zur Antwort: wer die neuesten Trachten und Moden zu sehen verlangte, der sollte nur ihn fragen, denn er hielte bis dato noch einen eigenen Schneider in Frankreich, welchem er jährlich Pensionsgelder gäbe, er möchte ihm nun was machen oder nicht; wer was bei demselbigen wollte von den neusten Moden verfertigen lassen, der sollte nur zu ihm (als nämlich zu dem Fremden) kommen. Er wollte es ihm hineinschicken, denn derselbe Schneider dürfte sonst niemand einen Stich arbeiten, wenn ers nicht haben wollte. Ich kanns, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie der Fremde seinen Leibschneider herausstrich und verachtete dabei alle Schneider in der ganzen Welt, absonderlich von den Schneidern in Deutschland wollte er gar nichts halten, denn dieselben (meinte der Fremde) wären nicht einen Schuß Pulver wert aus Ursachen, weil sie so viel in die Hölle[76] schmissen.

Nachdem er solches erzählt und seine Jungfern Schwestern hierzu nicht viel sagen wollten, so rief er den Hausknecht, derselbe mußte geschwinde in die Apotheke laufen und ihm vor vier Groschen Mastixwasser holen. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, was der Fremde vor Wesens und Aufschneidens von dem Mastixwasser machte, wie nämlich dasselbe frühmorgens vor die Mutterbeschwerung und vor den Ohrenzwang so gesund wäre, und wie es den Magen einem so brav zurechte wieder harken könnte, wenn es einem speierlich im Halse wäre. Ich dachte aber in meinem Sinn, lobe du immerhin dein Mastixwasser, ich will bei meiner Bomolie bleiben. Denn ich sage es noch einmal, daß auf der Welt nichts Gesunders und Bessers ist, als ein gut Gläschen voll Bomolie, wann einem übel ist. Als nun der Hausknecht mit dem Mastixwasser kam. Ei sapperment! wie soff der Fremde das Zeug so begierig in sich hinein! Es war nichts anders, als wenn er ein Glas Wasser in sich hineingösse, und gingen ihm die Augen nicht einmal davon über.

Nachdem der Fremde nun vor vier Groschen Mastixwasser auf sein Herze genommen hatte, so fing er ferner an zu erzählen von den Handelschaften und Kommerzien in Deutschland und sagte, wie daß sich die meisten Kaufleute nicht recht in die Handlungen zu finden wüßten und der hundertste Kaufmann in Deutschland nicht einmal verstünde, was Kommerzien wären. Hingegen in Frankreich, da wären brave Kaufleute, die könnten sich weit besser in den Handel schicken als wie die dummen Deutschen. O sapperment! wie horchte ich, als der Fremde von den dummen Deutschen schwatzte. Weil ich nun von Geburt ein Deutscher war, so hätte ich ja, der Tebel hol mer, wie der ärgste Bärenhäuter gehandelt, daß ich dazu stillschweigen sollen, sondern ich fing hierauf gleich zu ihm an und sagte: »Höre doch, du Kerl! Was hast du auf die Deutschen zu schmälen? Ich bin auch ein Deutscher, und ein Hundsfott, der sie nicht alle vor die bravsten Leute ästimiert«. Kaum hatte ich das Wort Hundsfott dem Fremden unter die Nase gerieben, so gab er mir unversehenerweise eine Presche, daß mir die Gusche[77] flugs wie eine Bratwurst davon auflief. Ich war aber her und kriegte den Fremden hinter dem Tische mit so einer artigen Manier bei seinem schwarzen Nischel[78] zu fassen und gab ihm vor die eine Presche wohl tausend Preschen. O sapperment! wie gerieten mir seine Schwestern wie auch der unreife Student und der Moderator oder, daß ich recht sage, des unreifen Studentens sein Stubengeselle, in meine Haare und zerzausten mich da tüchtig. Ich wickelte mich aber aus dem Gedränge eiligst heraus, sprang hinter dem Tische vor und lief nach dem Kachelofen zu, daselbst hatte ich in der Hölle meinen großen Kober an einem hölzernen Nagel hängen, denselben nahm ich herunter, und weil er von dem Specke, welchen ich von den barmherzigen Brüdern im Kloster geschenkt bekommen, brav schwer war, so hätte man da schön Abkobern gesehen, wie ich sowohl des Fremden Schwestern und den unreifen Studenten wie auch des unreifen Studenten Moderator (ei, wollte ich sagen Stubengesellen) und den Fremden selbst mit meinem großen Kober da zerpumpte. Daß auch der Fremde vor großer Angst das Mastixwasser, welches er über Tische so begierig hineingesoffen hatte, mit halsbrechender Arbeit wieder von sich spie und unter währendem Speien um gut Wetter bat: wenn er ausgespien hätte, so wollte er die ganze Sache mit mir vor der Klinge ausmachen. O sapperment! was war das vor ein Fressen vor mich, als der Fremde von der Klinge schwatzte. Worauf ich auch alsobald »Topp« sagte und ihn mit meinem großen Kober nicht mehr schmiß. Des unreifen Studenten Stubengesellen aber koberte ich gottsjämmerlich ab, und ich sage, daß ich ihn endlich gar hätte zu Tode gekobert, wenn nicht des Fremden Mutter und Schwestern so erschrecklich vor ihn gebeten hätten, denn er stund überaus wohl bei den Töchtern und der Mutter.

Nachdem der Fremde nun mit Speien wieder fertig war, hing ich meinen großen Kober wieder in die Hölle und suchte meinen langen Stoßdegen zur Hand, welchen ich dazumal trug, und forderte ihn hierauf vors Tor. Der Fremde suchte seinen Degen auch hervor, dasselbe war nun eine große breite Musketierplempe mit einem abscheulichen Korbe, damit marschierten wir beide nun spornstreichs nach dem Tore zu. Der unreife Studente wollte mit seinem Stubengesellen auch hinten nachgelaufen kommen, allein ich und der Fremde jagten die Bärenhäuter wieder zurück. Wie wir nun vor das Tor hinauskamen, so war gleich flugs nahe an der Ringmauer ein hoher spitziger Berg, denselben kletterten wir hinauf und oben auf der Spitze des Berges gingen wir zusammen. Wir hätten uns zwar unten am Berge schlagen können, allein so hatten wir keine Sekundanten bei uns, denn wenn wir Sekundanten gehabt, hätten dieselben mit bloßen Degen hinter uns stehen müssen, damit von uns keiner zurückweichen können. In Ermangelung derselben aber mußte uns der hohe spitzige Berg sekundieren, denn da durfte und kunnte von uns beiden auch keiner ausweichen; denn wenn nur einer einen Strohhalm breit aus seiner Positur gewichen, so wären wir, der Tebel hol mer, alle beide den Berg hinuntergepurzelt und hätten Hals und Beine über unserer Schlägerei morsch entzweigebrochen; so aber mußten ich und der Fremde oben auf der Spitze wie eine Katze innehalten und unter währendem Schlagen wie eine Mauer auf den Knochen stehen. — Ehe wir uns aber anfingen zu schmeißen, so fing der Fremde zu mir an und sagte, ich sollte mit ihm auf den Hieb gehen, weil er keinen Stoßdegen hätte, oder wenn ichs zufrieden wäre, so wollte er den ersten Gang mit mir auf den Hieb gehen, den andern Gang wollte er mit mir auf den Stoß versuchen. Ich sah aber nun gleich, daß der Fremde kein Herze hatte, sondern sagte: Kerl, schier dich nur her, es gilt mir alles gleich, ich will mit dir nicht lange Federlesens machen. Damit so zogen wir beide vom Leder und gingen miteinander da auf den Hieb zusammen. Ei sapperment! wie zog ich meinen Stoßdegen mit so einer artigen Manier aus der Scheide heraus! Den ersten Hieb aber, so ich mit meinem Stoßdegen nach dem Fremden tat, so hieb ich ihm seine große Plempe flugs glatt von dem Gefäße weg und im Rückzuge streifte ich ihm die hohe Quarte über der Nase weg und hieb ihm, der Tebel hol mer, alle beide Ohren vom Kopf herunter. O sapperment! wie lamentierte der Fremde, da er seine Ohren vor sich liegen sah. Ich war auch willens, ihm wie dem Seeräuber Hans Barth eine stumpfichte Nase zu machen, weil er aber so sehr um die Ohren tat und mich bat, daß ich ihn ungeschoren lassen sollte und daß er zeitlebens keinen Deutschen wieder verachten wollte, sondern allezeit sagen, die Deutschen wären die bravsten Leute unter der Sonne, so steckte ich meinen Stoßdegen wieder ein und hieß ihn beide Ohren nehmen und damit eiligst zum Barbier wandern, vielleicht könnten sie ihm wieder angeheilt werden.

Hierauf war er her und wickelte seine Ohren in ein Schnupftuch und nahm seine zerspaltene Plempe mit dem großen Korbgefäße unter den Arm und ging mit mir in die Stadt Padua hinein. In dem großen Hause flugs am Tore neben dem Aufpasser wohnte ein berühmter Feldscher, welcher auch wacker wollte gereist sein; zu demselben hieß ich den Fremden mit seinen abgehauenen Ohren gehen, und sollte da hören, ob sie ihm wohl könnten wieder angeheilt werden. Der Fremde aber hatte keine Lust, zum Feldscher hinzugehen, sondern sagte, er wollte erstlich ein gut Gläschen Mastixwasser auf die Schmerzen aussaufen, hernach so wollte er sich zum Schinder in die Kur begeben und bei dem hören, ob seine Ohren wieder könnten angeheilt werden. Nachdem er dieses zu mir gesagt, so ging er von mir und nahm seinen Marsch immer nach der Apotheke zu. Ich aber war her und schlich mich heimlich in des Fremden seiner Mutter Haus, allwo ich im Quartier lag, daß mich keiner gewahr wurde, und praktizierte mit so einer artigen Manier meinen großen Kober aus der Stube hinter der Hölle weg, setzte mich wieder auf mein gewonnenes Pferd und ritt da ohne Stallgeld und ohne Abschied immer zur Stadt Padua hinaus und nach Rom zu.

Von derselben Zeit an habe ich den Fremden wie auch den unreifen Studenten mit seinem Moderator oder, sage ich, Herrn Stubengesellen mit keinem Auge wiedergesehen. Nachricht aber habe ich seithero von dem Universitätsboten aus Padua erhalten, daß der Schinder dem Fremden die Ohren wiederum feliziter[79] sollte in zwei Tagen angeheilt haben. Er hätte aber die zwei Tage über vortrefflichen Fleiß bei ihm angewendet und hätte unter währender Kur der Fremde über zwölf Kannen Mastixwasser muttersteinallein ausgesoffen, und von demselben Mastixwasser (meinte der Universitätsbote) wäre er meistenteils wieder zurechte geworden.

Was den unreifen Studenten und Moderator wie auch des Fremden ganze Familie anbelangt, so habe ich bis dato nichts erfahren können, was sie machen müssen.

Nun Adieu, Padua, Signor Schelmuffsky muß sehen, wie Rom aussieht.

[69] keiften.

[70] vagabondierender Soldat.

[71] Holländisch Trekschuyte: ein Kahn, der geschleppt wird.

[72] Ein Pfund Sterling ist in deutscher Münze ungefähr 20 M.; ein Batzen entspricht etwa 10 Pfg. heutiger Reichswährung.

[73] gefoppt.

[74] Pauker.

[75] lateinische Grammatik.

[76] Vertiefung in dem Tische, auf dem die Schneider bei der Arbeit zu sitzen pflegen.

[77] Schnauze.

[78] Kopf.

[79] glücklich.