5. Kapitel.
Rom ist, der Tebel hol mer, auch eine wackere Stadt, nur immer und ewig schade ists, daß dieselbe von außen keinen Prospekt[80] hat. Sie ist gebaut in lauter Rohr und Schilf und ist mit einem Wasser, welches der Tiberfluß genannt wird, ringsumher umgeben, und fließt die Tiber mitten durch Rom und über den Markt weg. Denn auf dem Markte kann kein Mensche zu Fuße nicht gehen, sondern wenn Markttag da gehalten wird, so müssen die Bauersleute ihre Butter und Käse oder Gänse und Hühner in lauter Dreckschüten feil haben. O sapperment! was gibt es täglich vor unzählig viel Dreckschüten auf dem römischen Markte zu sehen! Wer auch nur eine halbe Mandel Eier in Rom verkaufen will, der bringt sie auf einer Dreckschüte hinein zu Markte geschleppt. Daß auch manchen Tag etliche tausend Dreckschüten auf der Bauerreihe dort halten und keine vor der andern weichen kann. Vortreffliche Fische gibts des Markttages immer in Rom zu verkaufen und absonderlich was Heringe anbelangt, die glänzen auch, der Tebel hol mer, flugs von Fette wie eine Speckschwarte und lassen sich überaus wohl essen, zumal wenn sie mit Bomolie brav fett begossen werden. Nun ist es zwar kein Wunder, daß es so fette Heringe da gibt, denn es ist, der Tebel hol mer, ein über alle Maßen guter Heringsfang vor Rom auf der Tiber, und wegen der Heringe ist die Stadt Rom in der Welt weit und breit berühmt. Es mag auch eine Heringsfrau in Deutschland sitzen, wo sie nur wolle, und mag auch so viel Heringe haben, als sie nur immer will, so sind sie, der Tebel hol mer, alle auf der Tiber bei Rom gefangen, denn der Heringsfang gehört dem Papste, und weil er immer nicht wohl zu Fuße ist und es selbst abwarten kann, so hat er denselben etlichen Schiffern verpachtet, die müssen dem Papste jährlich viel Tribut davon geben.
Wie ich nun mit meinem großen Kober zu Pferde vor Rom angestochen kam, so konnte ich wegen der Tiber nicht in die Stadt Rom hineinreiten, sondern mußte mich mit meinem großen Kober und Pferde auf eine Dreckschüte setzen und da lassen bis in die Stadt Rom hineinfahren. Als ich nun mit meinem großen Kober zu Pferde auf der Dreckschüte glücklich angelangte, so nahm ich mein Quartier bei einem Sterngucker, welcher in der Heringsgasse nicht weit von dem Naschmarkte wohnte. Derselbe war, der Tebel hol mer, ein überaus braver Mann, mit seiner Sternguckerei halber fast in der ganzen Welt bekannt. Absonderlich was den Fixstern anbelangte, aus demselben kunnte er erschreckliche Dinge prophezeien, denn wenn es nur ein klein wenig regnete und die Sonne sich unter trübe Wolken versteckt hatte, so kunnte ers einem gleich sagen, daß der Himmel nicht gar zu helle wäre. Derselbe Sterngucker führte mich nun in der ganzen Stadt Rom herum und zeigte mir alle Antiquitäten, die da zu sehen sein, daß ich auch von dergleichen Zeuge so viel gesehen habe, daß ich mich jetzo auf gar keines mehr besinnen kann. Letztlich so führte er mich auch bei der St. Peterskirche in ein groß steinern Haus, welches mit marmorsteinernen Ziegeln gedeckt war, und wie wir da hinein und oben auf einen schönen Saal kamen, so saß dort ein alter Mann in Pelzstrümpfen auf einem Großvaterstuhle und schlief. Zu demselben mußte ich mich auf Befehl des Sternguckers sachte hinschleichen, ihm die Pelzstrümpfe ausziehen und hernach die Füße küssen.
Da ich ihm nun die Knochen geküßt hatte, so wollte ich ihn immer aufwecken. So aber winkte mir der Sterngucker, daß ich ihn nicht aus dem Schlafe verstören sollte, und sagte ganz sachte zu mir, ich sollte Ihrer Heiligkeit die Pelzstrümpfe wieder anziehen. O sapperment! als ich von der Heiligkeit hörte, wie eilte ich mich, daß ich ihm die Pelzstrümpfe wieder an die Knochen brachte und mit dem Sterngucker wieder zum Saale hinunter- und zum Hause hinausmarschierte. Vor der Haustüre sagte mirs nun der Sterngucker erstlich recht, daß es Ihre Päpstliche Heiligkeit gewesen wäre, dem ich die Füße geküßt hätte, und meinte auch dies dabei: wer von fremden Deutschen nach Rom käme und küßte dem Papste die Füße nicht, der dürfte sich hernachmals nicht rühmen, wenn er wieder nach Deutschland käme, daß er zu Rom gewesen wäre, wann er solches nicht getan hätte.
Und also kann ichs mit gutem Rechte sagen, daß ich zu Rom bin gewesen, es wäre denn, daß mir der Sterngucker aus dem Fixsterne einen blauen Dunst vor die Nase gemacht und daß es sonst etwa ein alter Botenläufer gewesen wäre. Wenn ich aber drauf schwören sollte, daß es der Papst, welchem ich die Füße geküßt gehabt, gewiß gewesen wäre, so könnte ichs, der Tebel hol mer, nicht mit gutem Gewissen tun, denn der Sternseher kam mir für, als wenn er mehr als Brot fressen könnte, weil er sein Herze so sehr an den Fixstern gehangen hatte; sobald er auch nur an den Fixstern gedachte, so wußte er schon, was in dem Kalender vor Wetter stund.
Derselbe Sterngucker war ein vortrefflicher Kalendermacher; er lernte mir dieselbe Kunst auch; ich habe auch sehr viel Kalender gemacht, welche noch alle geschrieben unter der Bank liegen und treffen doch, der Tebel hol mer, noch bisweilen ziemlich ein. Sollte ich wissen, daß Liebhaber dazu möchten gefunden werden, wollte ich mit der Zeit etwa einen herfürsuchen und zur Probe herausgeben. Doch kommt Zeit, kommt Rat.
Damit ich aber wieder auf meinen vorigen Diskurs komme und erzähle, wohin mich der Sterngucker weitergeführt, als ich dem Papste die Füße geküßt hatte. Flugs an der St. Peterskirche war ein ganz enges Gäßchen, durch dasselbe führte mich der Sterngucker und immer vor bis an den Markt. Wie wir nun an den Markt kamen, so fragte er mich, ob ich Lust und Belieben hätte, mich in eine Dreckschüte zu setzen und ein wenig mit nach dem Heringsfange spazieren zu fahren. Ich sagte hierzu gleich Topp. Darauf setzten wir uns beide in eine Dreckschüte und fuhren da, weil wir guten Wind hatten, immer auf der Tiber übern Markt weg, und unten bei dem Heringstore zu einem Schlauchloche hindurch und nach dem Heringsfange zu.
Wie wir nun mit unserer Dreckschüte an den Heringsfang kamen: O sapperment! was war vor ein Gelamentiere von den Schiffsleuten, welche den Heringsfang gepachtet hatten. Da ich nun fragte, was es wäre, so erzählten sie mir mit weinenden Augen, wie daß ihnen der Seeräuber Barth mit der stumpfichten Nase großen Abbruch an ihrer Nahrung getan und ihnen nur vor einer halben Viertelstunde über vierzig Tonnen frische Heringe mit etlichen Kapers schelmischerweise weggenommen hätte. O sapperment! wie lief mir die Laus über die Leber, als ich von Hans Barthens stumpfichter Nase hörte; da dachte ich gleich, daß es derselbe Kerl sein müßte, welcher mich mit so erschrecklich viel Kapers weiland auf der spanischen See ohne Räson in Arrest genommen und dadurch dasselbemal zum armen Manne gemacht hatte. Ich war flugs hierauf her und fragte die Schiffsleute, wo der Galgenvogel mit den Heringstonnen zugemarschiert wäre. Da sie mir nun sagten und zeigten, daß er noch auf der Tiber mit seinem Kaperschiffe, worauf er die vierzig Tonnen frische Heringe gepackt hatte, zu sehen wäre, so setzte ich ihm geschwind mit etlichen Dreckschüten nach, und weil so vortrefflich guter Wind war, so ergatterte ich ihn noch mit dem Sterngucker und etlichen Schiffsleuten eine halbe Meile von dem Heringsfange.
O sapperment! wie fiel dem Hans Barth das Herze in die Hosen, da er mich nur von ferne kommen sah; er wurde wie ein Stück Käse so rot im Angesichte und mochte sich wohl flugs erinnern, daß ich der und der wäre, welcher seiner Nase vormals so einen erschrecklichen Schandflecken angehängt hätte. Als wir nun auf unsern Dreckschüten Hans Barthen mit den vierzig gestohlenen Heringstonnen einholten, so fing ich gleich zu ihm an: »Höre doch, du Kerl, willst du die Heringe wieder hergeben, welche du den armen Schiffsleuten abgenommen hast, oder willst du haben, daß ich dir deine krumme stumpfichte Habichtsnase vollends heruntersäbeln soll?« Der Hans Barth gab mir hierauf zur Antwort und sagte, er wollte sich eher sein Leben nehmen lassen, ehe er in Güte einen Schwanz nur von einem Hering wiedergäbe. Hierauf so rückte ich mit meiner Dreckschüte an sein Kaperschiff hinan und kriegte meinen langen Stoßdegen heraus; nun da hätte man schön Fuchteln gesehen, wie ich den Hans Barth auf seinem Kaperschiffe exerzierte. Er wehrte sich zwar auch mit seinen Kapers, allein sie kunnten mir nichts anhaben. Denn wenn sie gleich nach mir hieben oder stachen, so war ich wie ein Blitz mit meiner Dreckschüte auf der Seite, den Hans Barth aber jagte ich, der Tebel hol mer, immer um die vierzig Heringstonnen, welche er auf sein Schiff geladen hatte, herum und hieb wie Kraut und Rüben auf ihn hinein. Endlich war ich so sehr auf den Galgenvogel erbittert, daß ich mich ganz nahe mit meiner Dreckschüte an sein Kaperschiff machte und ehe er sichs versah, bei seinen diebischen Federn zu fassen kriegte, aus dem Kaperschiffe herauszog und plumps in die Tiber hineintauchte. O sapperment! da hätte man schön Schreien gesehen, wie der Hans Barth schrie; er bat mich fast um Himmels willen, ich sollte ihm wieder heraushelfen, daß er nicht ersöffe, er wolle den Schiffsleuten ihre vierzig Heringstonnen herzlich gerne wiedergeben. Als ich dieses von Hans Barthen hörte, so gab ich gleich den Schiffsleuten Befehl, das Kaperschiff zu plündern, und hielt ihn so lange im Wasser bei den Ohren, bis sie die Heringstonnen wieder hatten, hernach ließ ich ihn mit seinem leeren Kaperschiffe hinfahren, wo er wollte. O sapperment! was war da vor ein Jubelgeschrei unter den Schiffsleuten, welche den Heringsfang gepachtet hatten, daß sie durch mich zu ihren Tonnenheringen wieder gekommen waren.
Sie baten mich auch alle miteinander, ich sollte Heringsverwahrer werden, sie wollten mir jährlich zehntausend Pfund Sterling geben, allein ich hatte keine Lust dazu. Wie wir nun auf unsern Dreckschüten mit den vierzig Tonnen Heringen bei dem Heringsfange wieder anlangten, so verehrten mir zum Trinkgelde die Heringspächter eine Tonne von den besten Heringen, die lud ich in meine Dreckschüte und fuhr damit nebst dem Sterngucker wieder in die Stadt Rom hinein. Als ich nun zum Sterngucker ins Quartier kam, so ließ ich die Tonne aufschlagen und probierte einen, wie er schmeckte. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie fett dieselben Heringe waren, daß man sie auch ohne Salz, da sie doch im Einlegen schon scharf gesalzen waren, nicht fressen kunnte. Weil ich nun wußte, daß meine Frau Mutter eine große Liebhaberin von einem frischen Heringe war, so packte ich die geschenkte Tonne Heringe in meinen großen Kober und schickte ihr dieselben durch einen eigenen Boten nach Schelmerode in Deutschland zu, schrieb ihr auch einen sehr artigen Brief dazu, welcher folgenden Inhalts war:
»Mit Wünschung Gutes und Liebes zuvor,
ehrbare und ehrenfeste Frau Mutter!
Wenn die Frau Mutter noch fein frisch und gesund ist, so wird mirs, der Tebel hol mer, eine rechte Freude sein, ich meinesteils bin jetzo ein brav Kerl wieder geworden und lebe zu Rom, allwo ich bei einem Sterngucker logiere, welcher mir das Kalendermachen gelernt hat. Die Frau Mutter hat auch durch diesen Boten in meinem großen Kober frische Heringe zu empfangen, welche mir von den Heringspächtern zu Rom sein verehrt worden. Im übrigen wird der Bote meinen ganzen Zustand mündlich berichten, die Frau Mutter lebe wohl und schicke mir in meinem großen Kober ein Fäßchen gut Klebebier mit zurück und schreibe mir, wie es ihr geht und ob sie den kleinen Vetter noch bei sich hat, so werde ich allezeit verbleiben
der ehrbaren und ehrenfesten Frau Mutter
allezeit reisebegierigster einziger lieber Sohn
Signor von Schelmuffsky.
Rom, den 1. April, im Jahr nach Erbauung der Stadt Rom 090«.
Diesen Brief schickte ich nun nebst meinem Kober voll frischen Heringen durch einen eigenen Boten zu Fuß meiner Frau Mutter in Deutschland zu; es gingen nicht vierzehn Tage ins Land, so brachte mir der Bote in meinem großen Kober von meiner Frau Mutter folgendes zur Antwort wieder:
»Ehrbarer und namhafter Junggeselle von
Schelmuffsky, mein lieber Sohn!
Ich habe deinen großen Kober mit den frischen Heringen empfangen und habe auch deinen Brief gelesen, und hat mir der Bote auch deinen ganzen Zustand erzählt, worüber ich mich sehr erfreut habe; was mich anbelangt, so bin ich jetzo sterbenskrank, und wenn du mich noch einmal sehen willst, so komm geschwinde nach Hause; dein kleiner Vetter läßt dich grüßen und deine Jungfer Muhmen lassen dir einen guten Tag sagen und lassen dich auch bitten, du möchtest doch geschwinde heimkommen. Lebe wohl und halt dich nicht lange in der Fremde auf. Ich verharre dafür lebenslang
deine liebe Frau Mutter in Deutschland,
wohn- und seßhaftig zu Schelmerode.
Schelmerode, den 1. Januari 1621.
PS. Das Klebebier ist jetzo alle sauer, sonst hätte ich dir herzlich gerne was mitgeschickt«.
Als ich meiner Frau Mutter ihren Brief nun gelesen, O sapperment! wie packte ich alles in meinen großen Kober zusammen, sattelte mein Pferd, nahm von dem Sterngucker Abschied, setzte mich mit meinem Pferde in der Stadt Rom auf öffentlichem Markte wieder in eine Dreckschüte und fuhr da immer per postae bei dem Heringstore unten zu einem Schlupfloche hinaus. Vor dem Tore so stieg ich nun von der Dreckschüte ab, setzte mich mit meinem großen Kober auf mein Pferd und marschierte immer nach Deutschland zu. Ich nahm meinen Weg durch Polen und ritt auf Nürnberg zu, allwo ich des Nachts über in der Goldenen Gans logierte. Von da so wollte ich meinen Weg durch den Schwarzwald durch nehmen, welcher zwei Meilen Weges von Nürnberg liegt. Ich war kaum einen Büchsenschuß in den Schwarzwald hineingeritten, so kamen mir unverhoffterweise zwei Buschklepper auf den Hals, die zogen mich, der Tebel hol mer, reine aus und jagten mich im bloßen Hemde mit einem Buckel voll Schläge von sich. O sapperment! wie war mir da zumute, daß mein Pferd, meine Kleider, meine tausend Dukaten und mein großer Kober mit allerhand Mobilien fort war.
Da war, der Tebel hol mer, Lachen zu verbeißen. Ich kunnte mir aber nicht helfen, sondern mußte sehen, wie daß ich mich aus dem Schwarzwalde herausfand und von da mit Gelegenheit mich vollends nach Schelmerode bettelte. Wie ich nun im bloßen Hemde zu Hause bei meiner kranken Frau Mutter bewillkommnet wurde und mich mein kleiner Vetter auslachte, dasselbe wird entweder künftig im dritten Teile meiner gefährlichen Reisebeschreibung oder in meinen kuriösen Monaten, wovon ich in der Vorrede gedacht[81], sehr artig auch zu lesen sein.
Weswegen denn jetzo ein jedweder mit
mir sprechen wolle: Schelmuffskys
anderer Teil seiner gefährlichen
Reisebeschreibung hat
nun auch ein
Ende.
[80] schöne Ansicht.
[81] Die Fortsetzung seiner interessanten Reiseberichte ist uns Schelmuffsky leider schuldig geblieben.