Der gläserne Garten
Nun ist wieder Glas zwischen uns, Geliebte, wie damals. Damals, als du schon stärker in mir warst als jeder Mann. Ich habe nie gedacht, daß man das mit Worten sagen könnte; denn die Worte sind hart und grob, und die Dinge der Seele stoßen sich schmerzlich an ihnen, wie deine Brüste an den Wänden deiner Kleider.
Weißt du noch, Ylone, doppelt kalt empfanden wir den Schnee, der am Fenster vorbeifiel, weil unser Zimmer in den Flammen einer innigen Entzückung stand. Nur das Glas war zwischen uns und dem Winter wie Sehnsucht zwischen unsern Herzen, die sich in äußerster Vermählung berührten. Von mir zu dir führten, wie ein goldenes Spruchband ewiger Engel aus den Marienleben alter Meister, Worte aus der Verkündigung meiner Liebe. Du schautest nach innen, wo ich dich angerührt hatte, und wir vergingen Hand in Hand im Grenzenlosen. Aus Angst vor Steigerung und mit der Scheu gegenüber dem Ausgesprochenen versuchtest du mich aus überirdischer Stille ins Zimmer zurückzuzwingen und sagtest: „Fühlst du, wie wir hinauswachsen aus Raum und Zeit, Venera?“ Als Antwort breitete sich über deinen Worten eine schwermütige Klage aus. Eine Stimme weinte aus der Ferne, sie sang aus dem Orpheus von Gluck und rief den Schatten. Da mußte ich mich umsehn nach ihm und der Vergangenheit, und ich dachte:
„Jetzt bist du überirdisch wie damals, als ich aus meiner keuschen Nacht in euren Morgen trat. Euer Zimmer brannte. Sommer und Liebe schlugen mir
entgegen. Das Zimmer hing reif in den Garten, aber ich sah nicht mehr, wo es aufhörte und der Garten begann; denn das Fenster war groß.“
Ich verlor die Geste der Unbefangenheit, die ich über meinen Schmerz gebreitet hatte, und in der Verwirrung sagte die, die ins Zimmer getreten war — nicht ich — „Komm, Ylone, es ist Morgen, der Zug fährt zurück in die Stadt“. Denn ich fühlte, du wußtest nicht mehr, was Morgen war.
Welten trennten dich von dem Mann, der vor dir lag. Kindsein und Alter, Lachen und Verzweiflung, Dasein und Abgeschiedenheit, Unschuld und Verderbtes waren dein Gesicht. Du warst so stumm, daß ich deine Schreie hörte. Komm, sagte ich noch einmal. Da schlug dein Erstaunen über mir zusammen, und du kamst langsam zwischen den Welten auf mich zu. Wie fühlte ich da wieder, daß ich dich mehr liebte als diesen Mann, dem ich entsagte, um ihn in dein Leben zu bringen, weil er mir für dich nötig schien, und schämte mich, daß ich schwach geworden und vor seinem Schatten geweint hatte die ganze Nacht.
Und ich begann zu verzichten. Erst schwach, dann stärker und immer stärker, bis das ganze Zimmer erglühte und bebte, weil es zu klein wurde, um so viel Hingabe an dich ertragen zu können. Auch du kamst mit den Augen auf mich zu, von der Kraft dieses Verzichts getroffen, und sagtest aus der Ferne erkennend mit hilflos schmaler Stimme: Es ist etwas im Zimmer, das stärker ist als wir alle, und ich weiß doch nicht was.
Heute ist Glas zwischen uns, und du wirst kaum meine Antwort hören: Es war ein Opfer.
Hier hinein gehört dies welke Blatt:
„O Ylone, ich halte noch ein schwarzes Stück unserer letzten Nacht in den gefalteten Händen. Davon lebe ich. Wenn es zu Ende ist und ich gänzlich erwache, werde ich sterben müssen; denn du fehlst, du erster Stern all meiner Abende. Stärker als alle andern durchbrachst du den Horizont. O daß du am Himmel eines Mannes aufgehn mußtest, Ylone! Eines Tages wirst du abstürzen und deine goldenen Zacken zerbrechen, und ich habe dich nicht beschützen können! Sorgfältig habe ich immer alle Welt von dir fern gehalten, und nun stehst du mitten darin. Wie wirst du sie bestehen? Ich zittere und irre durch das Haus.
Der zärtliche Flügel tönt nicht mehr, er ist tot. Er rauscht nicht mehr wie ein fremdländischer Vogel durch den Wald deines nächtlichen Haares. Der große Spiegel gegenüber, der dich so viele Male empfing wie ein Fest, lächelt sein kristallenes Lächeln. Er spürt dich noch. Er strahlt dich zurück. Er ist angefüllt von den Variationen des einen Themas: Ylone. Er glänzt noch von damals, als du das Märchen von der kleinen Seejungfrau tanztest und am Ende zu Schaum vergingst.
Sieben Meere lagen wie sieben Schleier über dir. Der große Sockel aus karrarischem Marmor wurde zur Säule des Königsschlosses. — Was wird nicht zum Schloß, wenn du dich daran lehnst! —
Sogar der kalte Spiegel fängt an zu glühen. Der Tanz der Sphinx steigt wieder aus ihm auf, in dem du mich mit dem ägyptischen Kuß der Jahrtausende versuchtest.
Noch ist Nacht in mir, ein schwarzes Stück unserer
letzten Nacht, aber wenn ich aus ihr erwache, werde ich sterben müssen.
Ein Brief von Ylone! Ein Brief von Ylone! Ylone und Claudio kehren zurück! Ich kann mich nicht freuen. Zu früh kehren sie aus ihrer Liebe zurück. Leise streichle ich die Worte ihres Briefes, zwischen denen so viel Ahnung steht.
Sie verrinnen die feinen Buchstaben, die wie Filigranarbeit über dem Papier liegen. Kleine Hecken mit Vögeln dazwischen.
Ich sehe die Gotik ihres Leibes wieder. Die knabenhafte Steilheit ihrer Hüften. Die graziösen Rosetten ihrer Brüste. Die schlanken Bogen der Arme, die in den ziselierten Spitzen ihrer Finger enden, den feinen von den Adern durchbrochenen Turm des hinaufstrebenden Halses, und die Pfeiler in den Kreuzgängen ihrer Schenkel, mit dem mystischen Schlußstein des Schoßes.
Aber zwischen den Buchstaben träumen die blauen Monde ihrer Augen, um die die seidenen Strahlen der Wimpern stehn. Leuchtend hängen sie über der Herzensfinsternis meiner Tage.
Ich halte einen Brief von Ylone an meiner Seele!
Ich möchte es auf den Knieen niederschreiben, so heilig ist mir, wenn ich daran denke.
Eines Tages kam Claudios Mutter durch unsere violett verhängten Tage auf uns zu. Wir erstaunten nicht; es war uns, als ob wir sie schon lange erwartet hätten. „Sie wundern sich nicht, Ylone,“ sagte sie, „daß ich eindringe in Sie ohne gerufen zu sein? Aber ich will mich Ihnen doch erklären. Ich zürnte Ihnen zuerst,
als ich Claudio an Sie verlor; denn er lebte nur matt in den Intervallen, die er bei mir war, weil sich sein ganzes Wesen Ihrem Anblick entgegenspannte. Ich empörte mich gegen Sie. Ich hatte für ihn gelitten und gelebt. Ich hatte ihn vom ersten Tage an durch alle Gedanken, Wünsche und Enttäuschungen begleitet, und trotzdem ich ihn gerne an sein Glück verlor, stand ich ohne zu begreifen. Mit einer unsichtbaren Bewegung hatte mich plötzlich eine fremde Macht auf die Seite geschoben.
Er verreiste in Fernen, in die ich ihm nicht folgen konnte, und ich zitterte vor seiner Rückkehr.
Aber Sie entwaffneten mich, Ylone. Ich erkannte Sie bald in jeder seiner Veränderungen. Sie waren in jedem Lächeln, in dem er mir gütig begegnete, und er warf einen großen Schatten, wenn Sie ihn alleine ließen. Er war hart und spröde gewesen, aber Sie reiften ihn zur weichen Frucht. Er war noch in sich gefangen, und Sie brachten ihm die Erlösung, die nicht von der Mutter kommen konnte. Er war ein verstreuter Sucher, aber Sie haben ihn gesammelt und gestillt.
Ich begann Sie langsam in Ihrer Schöpfung zu lieben. Ich lebte von ferne mit Ihnen beiden; denn das Glück einer Mutter beruht darin, das Leben der andern zu leben.
Ich sah ein, daß ich mich nur gegen Sie gewehrt hatte, weil ich ahnte, daß ich Sie sonst lieben müßte. Irgendwo in mir begannen Sie zu wachsen, schlugen aus wie ein junger Baum und umblühten mich mit allen Zweigen. Da mußte ich zu Ihnen. Lassen Sie mich die Urne sein, in der Sie beide beschlossen und beschützt liegen. Begreifen Sie mich: In dieser großen
Stadt sind zwei Menschen, die ihn am innigsten lieben, und so dachte ich, daß zwei Menschen, in deren Leben ein Thema singt, verschmelzen sollen zu einem Gesang, daß sie sich ineinander schütten müssen zu einer Liebe.“
Die Mutter schwieg und ihre Augen waren zwei milde, tiefe Flammen, die aus ihrer Seele brannten. Ylone aber lehnte erschüttert an ihrer andern Welt. Ihr Körper war ganz vornüber gesunken zu einer stummen Verbeugung vor dieser Mutter.
Da neigten sich ihre Herzen einander und brachen auf wie zwei Ströme, die über weite Landschaft fluten. Und um das Haupt der Mutter schwebte ein goldenes Schluchzen, wie bei allen großen Müttern, die Gott gezeichnet hat und denen ein Wunder gelang.
Ich brachte in dein Dasein den Mann, Ylone, weil ich glaubte, dich dem Leben nicht vorenthalten zu dürfen. Auch ich war ja einmal durch ihn hindurchgegangen, bevor du meine Wohnung wurdest, Geliebte. Einzig wir Frauen wissen tiefer von einander. Der Mann sieht in uns nur sich selbst. Fremde sind wir ihm immer. Wir müssen ihn überwinden, auswandern aus dem irdischen Erlebnis, einziehen in das göttliche, das ohne Körper ist. Solltest auch du es schon damals erkannt haben, Ylone, damals als ich diese sapphische Klage von dir fand:
Betrunkene Gärten weckten mich zur Nacht.
Wer ist es, der so weinend lacht?
Wie Weiden, die zu tief an wilden Wassern lehnen,
Steh ich in meinen uferlosen Tränen.
Des abtrünnigen Schlafs Dämonen
Kommen schon mich zu bewohnen:
Aus männlicher Nacht will ich mich schrein,
Schwester, zu dir, aus allem Dunkelsein,
Du mich entführendes Narzissental!
In dir sind alle Schwestern, frühlingsschmal,
Die von den jungen Inseln nach sich rufen.
Knie mit mir auf antiken Tempelstufen
Um jenes Schicksal, das sie retten kann:
Gib allen Einzahl, löse sie vom Mann!
Wie wenig ein Mann von uns weiß, das sah ich damals vor dem Zusammenbruch eurer Liebe. Es war noch nichts ausgesprochen; es war kaum etwas angedeutet, aber es lag bereits in der Müdigkeit seiner Bewegungen, in der nachlässigen Zerstreutheit, mit der er über dich hinwegdachte, und in der Selbstverständlichkeit, die schon anfing, dich wie eine Gewohnheit, wie den Alltag hinzunehmen.
Dein ganzer Tag war Vorbereitung für den Abend, der Claudio bringen sollte. Aber du begannst zu früh zu warten, und das hatte dich erschöpft. Ich sah, wie du schwer ins Zimmer tratest, aber im ersten seiner Blicke äußerste Anstrengung wurdest. Du warst künstlich bis zur Entwertung. Du warst kaum mehr Du vor Angst. Deine Augen waren die einer Fiebernden, sie waren ganz weit weg, da, wo er dich morgen vielleicht schon zurücklassen würde. Aber ihr wußtet beide nichts von der Verzweiflung, mit der du um einen Aufschub kämpftest. Besinnungslos steigertest du dich, deine Gesten, deine Worte, formtest um und schufst neu.
Stürztest aus einem Lächeln, das geliehen war, in die Pose einer Fremden, hattest hundert Gesichter in der Minute, entblößtest alle Menschen, die in dir waren, warst naive Verständnislosigkeit und greisenhaftes Erkennen. Du warst immer das, was er im Augenblick brauchte, und warfst dich ihm zu wie einen Ball. Es war, als wolltest du ein letztes Mal eine Andere für ihn sein, die Neue, die er noch nicht kannte, um das Ende hinauszuschieben, das du im Untergefühl fürchtetest. Er mordete dich langsam mit seiner Ahnungslosigkeit, die dich nicht schützte vor dir selber und deine Demütigung annahm, weil sie nichts von ihr wußte. Aber als du seine neue Sehnsucht erfühltest, nahmst du dich vorsichtig zurück und batest um Einsamkeit. Du strichst seine heißen Blicke aus deinem Herzen und sagtest etwas, das wie: auf Morgen! für ihn klang, aber ich hörte schon die Abschied schluchzende Nachtigall.
Dann war das Zimmer mit uns allein. Das Lächeln auf deinem Gesicht alterte. Und plötzlich begann es zu sterben. Der Stuhl fing steif den Verfall deines Körpers auf, und die Hände fielen verblüht und welk wie erfrorene Blumen herab. Du sahst mich, ohne zu sehen. Deine Blicke waren wie das Flügelschlagen eines Vogels, der Festes sucht. Ich nahm mich zusammen, damit wir das ertragen konnten, was jetzt kommen mußte. Dein Blick wurde fester, hielt auf mir aus wie eine Fermate, sah mich und Dich in mir und wußte.
Du flüchtetest aus meinem Mitleid; denn das Leid um ihn war klein gegenüber der turmhohen Scham über deine Nacktheit, die dich sogar seinen Verlust bestehen ließ. Stolz brach steil aus deinen Mienen.
Du wurdest starr und sicher und wuchsest langsam über ihn hinaus, dahin wohin er dir nicht folgen konnte.
Suchtest den Weg zu mir, die dich erwartete, und gingst fort von ihm in diesem Brief:
Nun rede ich noch einmal zu dir, Claudio, denn ich kann nicht im Schweigen von dir fortgehen. Ich muß dich verlassen jetzt, da ich kaum geöffnet bin, weil ich nicht erst warten will, bis du nichts mehr für mich bist als das Bild, das ich mir von dir gemacht habe. Ich hatte seit Jahren dein Nahen gefühlt und war so innerlichst deinem Kommen zugewandt, daß ich mir nicht einmal das Bild eines anderen Mannes merken konnte. Erwartung hing wie ein Mantel um mich und meine Weltfremdheit, bis du ihn aufschlugst über meinem Schicksal.
Ich wußte dies Schicksal vom ersten Kusse an.
Alle Tränen, die ich nicht bei dir weinen durfte, sind noch in meinen Augen. Alle Gedanken, die ich nicht denken konnte, ohne mich vor dir zu entstellen, schreien um Erhörung. Denn gerade meinen Ernst, den ich liebe, mußte ich verbergen, weil ich erkannte, daß du das Spiel wolltest, das zu nichts verpflichtet. Ich verklage mich, daß ich so schwach war, immer dein Lächeln zu lächeln und es wie einen Schleier vor meine schmerzende Dunkelheit zu halten.
Ach, warum hast du immer an mir vorübergeschaut? Lieber als das wäre ich durchschaut worden. Warum hast du mich da aufgeschlagen, wo es dir gefiel, und hast die Seiten überschlagen, die dir unbequem waren? Ahntest du nie, daß ich neben mir saß mit
frierendem Herzen und uns zusah und wartete; denn ich selber ging langsam vorbei.
Du hast einen Menschen an mir geliebt, und da waren so viele andre in mir, die darauf warteten, von dir erlöst zu werden. Aber du überhörtest ihre hundert Nuancen, und ich mußte dich in der hundertsten über die anderen neunundneunzig hinwegtäuschen, weil deine Liebe nur die eine ertrug.
Verzeih mir, daß ich dich mit mir betrog von dem Augenblick an, als ich mich selbst für jene andere verleugnete, die du gemeint hattest. Als ich tausendmal mein Ich für dich verlor, verlor ich das Beste an mir: die Treue an mich selbst.
Ich habe sie mir nicht halten können, aber dir habe ich alles gehalten, was ich dir versprochen, und noch mehr, das, was ich dir nicht versprochen hatte. Ich habe die ganze Unendlichkeit meiner Liebe an dich verschüttet, während du nur einige Fingerspitzen der deinen über mich ausstreutest. Ich verbrannte an meiner Hingabe, die mir alles war, du aber erloschst; denn für dich war sie nichts. Ich lebte in Anbetung und du lebtest von der Anbetung. Einer war Gott und einer war Beter.
Immer spartest du, wo ich mich völlig ausgab. Es gab kaum ein Gefühl, in dem ich dich allein ließ, und ich habe mich bemüht, dir nachzuwerden. Aber du kamst niemals dahin, wo ich mir selbst am dunkelsten war. Ich bin immer allein geblieben mit meinem Gefühl, das du aussetztest in die Welt und dessen Sehnsucht nach Erhörung schrie hinweg über die Zeit. Ich glaube, daß ich durch dich hindurchmußte, um mehr von mir zu wissen. Ja, vielleicht habe ich all diese Jahre nur auf mich gewartet.
Nun will ich von dir gehen, ehe es zu spät ist und ich nichts mehr mit meiner Freiheit anzufangen weiß. Ich will nicht warten, bis du dich noch mehr veränderst, nun, da du begonnen hast, mich in einem Kuß zu entkleiden und meine Liebe mit Worten zu versuchen.
Ich will ausruhen von der Qual des Rufens ohne Antwort und wieder da gefunden werden, wo es einzig möglich ist: bei Venera. Hier wird einer im anderen so stark werden, daß man nebeneinander stehen kann. Ich will heimfinden aus meiner Abtrünnigkeit, und wenn ich auch sieben Jahre um mich dienen müßte, um jene wieder zu finden, die ich vor dir war.
Auch an dir habe ich manches verändert, und darum sollst du zurückkehren zu dir, wie man heimkehrt zu seiner Mutter nach langer Reise durch seine Jünglings- und Manneszeit, und seine Kindheit unverändert und unberührt wiederfindet.
Ich danke dir noch einmal, Claudio, für den Traum. Ach, laß ihn mich noch einmal träumen! Ich will die Augen schließen, um dich deutlicher zu sehen. Tanz war die Berührung deiner Hände. Nie fühlte ich das Gitter des Regens und eigener Gefangenschaft. Da waren nicht zwei Lächeln, nicht zwei Küsse, die einander ähnlich waren. Laß mich ein letztes Mal in sie und auf die Insel deines Herzens flüchten. Meine Liebe umspannt dich noch einmal von Kopf zu Füßen wie eine Oktave. Den Weg, den du gehst, sollen Sonnen- und Mondblumen säumen, und paradiesische Schmetterlinge sollen vor dir Frühling tanzen.
Ich werde dir viele Jahre nachsehen auf diesem Wege, den du ohne mich weitergehst, und wenn du dich
einmal umsiehst, weil es dunkel wird, wird dir mein Lächeln wie ein Licht entgegenleuchten.
Ich küsse dein Herz ein letztes Mal.
Irgendwo in mir weint es, weine mit mir, Claudio . . . .
Als die fremde Stadt mir Claudio einen Tag lang auslieferte, habe ich dich gerächt, Ylone; denn er liebte mich noch. Ich spielte mit roten Worten. Ich hatte ja nicht nur seine Blindheit zu rächen, nein, vor allem, daß er dich genommen und uns beide gemeint hatte. Er machte es mir schwer. Er war sehr stark an diesem Tage. Mein Blut rauschte, so daß ich fürchtete, mein Gefühl für ihn könnte stärker sein als meine Rache. Ich klammerte mich fest an sie an. Ich schwieg. Er hätte sonst hören können, wie wenig es brauchte, damit ich wieder vor seinem Herzen lag. Aber er sah mich nicht knien; hinter künstlich gefrorenen Blicken. Blutblumen brachen auf und schlangen sich in die Tapete der Wand.
Mein Blick blühte sie nach, wie das Fieber den Mustern der Wände nachschleicht, um ferner von Claudio zu sein. Sterne fielen durch die Fenster und mein Herz lehnte an ihnen, schwer von Abend und Sehnsucht.
O qualvoller Übergang in die Nacht, mit der er tiefer und tiefer in mich hinabstieg! Ich litt. O, ich litt mehr als er, weil ich für uns beide litt. Da fiel mir rettend der Schlaf ein. Wir suchten unsere Zimmer. Ich begriff nicht, daß eine Treppe den Saal mit dem Schlaf verbinden konnte. Ich begriff die Treppe nicht, die mich trug; denn ich war so schwer.
Er schrie stundenlang in meine Nacht. Aber ich zog sie fest über mich. Seine Qual rüttelte an der Tür, die
zu ihr führte, und die Fackeln seines Zorns zuckten durch ihr Glas.
Ich habe dich gerächt, Ylone, während er nach mir schrie in der dreizehnten Stunde. Ich drückte meine Angst tief in mein Bett; denn bestand die Tür in Wirklichkeit?
Plötzlich kroch durch die Nacht ein Blatt langsam unter der Tür auf mich zu. Ein Blatt des Aufruhrs, Stücke waren herausgeschnitten, wieder zurückgenommen, weil sie ihm zu stark erschienen. Die Buchstaben schrien durcheinander und warfen sich gequält über das Papier. Er schrieb:
„Höre, Venera, ich weiß, daß du schon lange diese Rache suchst. Bisher war sie dir nur noch zu leicht erschienen. Ich hätte wissen müssen, daß diese Nacht in meiner Niederlage enden werde. Und doch, Venera, ich will lieber deinen Haß, wenn ich deine Liebe nicht haben kann. Mußt du euch beide rächen? O, tue es nicht mit dem schmerzlichen Pathos der Distanz! Freilich, ich habe auch dich in ihr geschändet. Ihr seid eine Einheit, und ich hätte euch niemals trennen dürfen, weil ihr euch nur zusammen geben könnt. Du bist hart zu mir und dir, Venera, weil ich dir zumutete, das zu übersehen. O, wie war ich plump, als ich das Geheimnis eures Körpers mit dem eurer Seelen verwechselte! Und wie habe ich gelogen, indem ich euch auseinander riß!
Venera, du hast recht, euch zu rächen, du hast tausendmal recht. Aber ich kann euch nicht ganz verlieren! Gib mich mir selber und der Erinnerung zurück; ich will nicht mehr als das: Berühre mein Herz und verzeih! So warte ich auf den Morgen.“ Ylone, begreifst du, daß ich die Rache, die ich dir
schuldete, nur äußerlich nehmen konnte nach diesem? Daß ich nicht genug verhärtet war, um mich seinem demütigen Leid zu verschließen? Daß ich die Probe vor uns selber nicht ganz bestand, weil ich einen Brief schrieb in jenen Stunden, der mich ihm offenbarte. Freilich, er wird nie wissen, daß ich nur halbe Rache nahm, denn er hat ihn nie erhalten, und ich floh vor dem Morgen, bevor er von der Auferstehung meiner Liebe ahnen konnte.
Aber dir, Ylone, bin ich Rechenschaften schuldig, ich schäme mich vor uns, daß die Frau einen Augenblick lang die Freundin überragte. Versuche zu verstehen, und lies:
„Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du! Wie schwer deine Liebe an meiner Türe lehnt! Ich weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal geöffnet habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine Widerstandslosigkeit durch die Wand. Einmal will ich dich erträumen wie du nicht bist. Diese Nacht soll nicht unausgekostet und halbgelebt modern wie eine unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone versuchen, aber diese Liebe wächst über jeden Tag und jede Nacht und wird auch sie überstehen.
Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein Herz um meine Türe flattern, ein kranker Vogel, der aus dem Neste fiel. Es ist aus dir gefallen und schreit sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen. Schlaf steht um uns und Abend. Aber in mir leuchten die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie jetzt in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen muß. O Lust dieses Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich suchenden
Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken und dich mit einem smaragdenen Schloß von unendlicher Zärtlichkeit umgeben.
Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und führen in dich, Kirche. Ich bin gesammelt, wie zu einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt läuten dich alle Glocken der Welt ein, du Feiertag, jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt brechen alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende Blumen auf; ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen Wesen, die sich über die Endlichkeit erhoben. Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den ewigen Ton gestimmt; vor der Macht unserer Liebe stürzt alles ein, wir steigen hinunter in unsere verborgensten Schluchten und sind allein auf der Welt. Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß liegt die Ewigkeit. Ich danke dir für das Geschenk dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde eine Dämmerung haben wird — denn kurz und vergänglich ist jede Ewigkeit — wenn sie auch untergeht und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der Nacht: der Duft dieses unendlichen Augenblicks kann nie verwehen.
Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in dieser heiligen Nacht! Vielleicht hätte mich seine Schwere verhindert, mich an deine Seele hinzugeben. Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber war ich dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich gab dir alles, wenn ich mich auch von ferne gab. Ich empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine Liebe wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird göttlich und endlos sein, wie ihr Fall vom Himmel.
Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief, als dir je aus einer Schnur von Tagen kommen könnte?
Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des Weltalls einsam schweben. Nun muß ich wieder auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in dich mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle ich mich; denn wenn ich zu Ylone komme, muß alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an dich erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes Mal. Lebewohl!
Ich war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem, Ylone. Ich suchte das lautloseste Schweigen und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine Füße, damit du leichter gingst. Ich bekleidete dich mit den Blicken meiner Liebe und steckte dir meine Küsse an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen Gärten und legte sie in deine gefalteten Hände. Ich ging niemals fort, ohne dir etwas mitzubringen: einen träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen eines Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den duftenden Seufzer eines Baums.
Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille, in die du dich eingeriegelt hattest. Denn manchmal tratest du heraus, um nach dir zu suchen. Du, die niemals die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden.
Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren so brünstig von Sommer. Sie machten schwach. Du rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest dich in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag
in den schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit. Lichter durchstachen den Raum, den du gequält nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war ein Geruch von Erde, Mond und Unvergänglichkeit, der berauschte und schmerzte in einem. Die Luft vibrierte von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte, daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der Gärten fiel süß in das Zimmer, und wir standen in ihm wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung des Sommers, sich an das All zu verlieren. Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner weißen Arme zerbrachst, die du an die blühende Luft geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht hineinwarfst. Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die das Gefühl der Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück in die Begrenzung des Zimmers. In diesem Augenblick spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick fiel mir gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest mich seit Wochen zum erstenmal; denn bisher hattest du an mir wie an einer Fremden vorbeigefühlt. Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm. Deine Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder. Aber bevor du dich demütigen konntest, hielt ich dich schon in meiner Liebe.
Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir, daß ich dich dir ganz zurückgeben konnte. Jeder Augenblick deines Gefühls hatte Flügel bekommen und flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich, und deine ungeträumten Träume warteten darauf, von dir geträumt zu werden. Deine Gedanken hatten noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich
dir zart wie präraffaelitische Engel. Du konntest dich in mir wie in einem Spiegel sehen, der dein Bild von früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken. So wie man nach einer Sommerreise heimkommt und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden; denn seitdem haben uns viele Spiegel gesehen und verändert gesehen, und er ist der einzige, der uns unverändert behalten hat.
So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen einsehen in mich, damit du dich langsam wieder aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer Worte begann sich von neuem die samtene Stille von Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende, in denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die Hände nahmen und uns von ihnen streicheln ließen. Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß ein leiser Wind aus den Fächern deiner Hände: Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele, die in Gebet gewandet war. Und einmal brach deine Stimme zwischen den Tasten auf wie ein Lied:
Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern, der vom Himmel fiel, damit wir uns in ihm noch tiefer lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und hat uns mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle, strahlt er erkannt und leise wieder.
Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam dein Kuß auf mich zu.
Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte . . .