Myriel

Heute, an meinem sechzehnten Geburtstag, beginne ich diese Blätter um zu sehen, ob mein Weg auf- oder abwärts führt.

Ich bin ganz allein mit meinem Bruder Johannes auf der Welt; denn wir gehören zu jenen Kindern, für die die Eltern keine Zeit haben. Ich liebe Johannes mehr wie mich selber, und in dieses Buch will ich alles legen, was ich von seiner heimlichsten Seele spüre, damit mir nichts an ihm verloren gehe.

Johannes ist fünf Jahre älter als ich, aber mir ist, als wäre er nie Knabe gewesen; denn solange ich Erinnerung habe, empfinde ich ihn als Mann. Wir haben immer ganz eng nebeneinander gelebt. Seit ich fühlen kann, ist Johannes neben mir, nein, in mir. Seit meinem ersten Weinen leiden wir zusammen, seit meiner ersten Freude lächeln wir zusammen. Ich habe nie gewagt ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, daß meine Liebe viel größer ist wie ich selber und kaum in mein Kindsein hineingeht. Es war so, daß ich nachts vor seine Türe schlich, um ihn atmen zu hören; denn ich hatte plötzlich tiefe Angst um ihn. Ich stand die halbe Nacht und wagte nicht hineinzugehen. Ich fürchtete mich vor den Worten, und mein Schweigen hätte er vielleicht nicht verstanden. Früher, als ich kleiner war, bin ich des Nachts immer zu ihm gekommen. Ich glaube, ich war eifersüchtig auf seinen Schlaf. Und dann nahm er mich in sein Bett und an sein Herz. Aber eines Nachts — ich war damals vierzehn Jahre alt — veränderte er sich. Seine Stimme war gläsern, wie verwundet, er sah gequält an mir vorbei und sagte: „Myriel, kleine liebe Myriel, geh

nicht mehr durch die Nacht zu mir!“ Er sah wie ein Kranker aus, und ich stand in Scham. Aber ich fand keine Frage. Stechender Schmerz trug mich hinaus. Ich kniete an seiner kalten Tür und horchte zu ihm hinein. Da hörte ich einen Ton! Einen Ton! Ich hörte einen Menschen, der ganz in Schluchzen war. Johannes weinte! Wen beweinte er, weinte er um mich? Ach und ich stand und fühlte in dem Dunkel umher, das er plötzlich um uns gebreitet hatte, und stieß mich wund an meinen Ahnungen. Ohne zu verstehen, wich ich viele Tage seiner Berührung, seinen Worten aus. Dann fanden wir uns wieder in einem Buch; denn er suchte immer tiefe Bücher für mich aus, in die wir uns zusammen hineinstürzten, und aus ihnen legte er mir mit seiner Stimme, die wie Gesang ist, alles das aus, wofür ich noch zu klein war.

Einmal, als er las, saßen wir tief in einer Wiese unter einem hohen, lauschenden Baum und ich erwartete, daß die Zweige sich alsbald mit tausend bunten Vögeln bedecken müßten, und alle Tiere, die sich sonst vor der Nähe des Menschen flüchten, zärtlich und liebend um seine Füße geschlichen kämen. Auch die Wiese schien mir schon ganz erschüttert, oder kam das von all den heißen Blumen, die sie trug? Jedenfalls, ich glaubte immer fester an ein Wunder, vergaß ihm zuzuhören und erwartete.

„Woran denkst du?“ unterbrach er, als er meine Abwesenheit bemerkte. „Ich denke an Franz von Assisi“, sagte ich mit purpurroter Stimme und schämte mich sehr. Da wuchs er plötzlich vom Boden auf, an dem Baum in die Höhe:

„Kind,“ sagte er, „Kind, du weißt nicht, wie sehr ich auf der Erde bin.“ Und er küßte mir mit frommem Mund die Hände. Aber ich entriß sie ihm; denn mir schlug das Blut vor den Augen zusammen. Ich kletterte verstört den Baum hinauf. Oben vergaß ich alles, warf funkelndes Lachen hinunter und war wieder Spiel und Tollheit.

Ich sagte, die Eltern hätten keine Zeit für uns. Vater liegt immer über seinen Büchern, und Mutter, meine schöne, junge Mutter ist stets fern und abwesend, beinah nur Gast bei uns. Mir ist, als wäre sie nicht körperlich da. Ich ahne eine andere Welt um sie. Sie zerrinnt förmlich unter einer Berührung, die mein kindliches Liebesbedürfnis manchmal wagt. Immer sitzt sie am Flügel, ganz abgekehrt von uns und Unsichtbarem zugewandt. In den Tönen fängt sie an und dort hört sie auf, wo man nur noch hinfühlen kann. Zu uns aber scheint sie kalt und leblos, und Johannes

und ich wagen es kaum, sie mit Worten zu betasten. Mutter erscheint mir einem jener leisen Bilder entstiegen, zu denen ich heimlich flüchte, anstatt in meine Stunden zu gehen. Jenen alten, müden Bildern in den großen Galerien. Ich träume, daß sie als eine dieser seltenen Frauen durch die Jahrhunderte gegangen kam und durch uns hindurch geht in die Zukunft; denn solche Frauen sind zeitlos.

Gewöhnlich aber sitze ich dort vor dem Johannes des Dürer. Ich liebe seine hohe Stirn, die ganz aus Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, warum ich mir immer einbilde, daß so Aljoscha, der jüngste Karamasoff, ausgesehen haben muß. Wie komme ich dazu, diesen hohen, bewußten Deutschen mit dem unbewußten, russischen Gottesknaben zu verbinden? Vielleicht, weil sie beide Heilige sind? Und wir Mädchen nun einmal einen Heiligen, eine Anbetung brauchen? Oder weil mein Bruder äußerlich diesem Johannes und innerlich Aljoscha so ähnlich sieht, denn er hat die Reinheit der beiden? Oder vielleicht, weil unsre Sehnsucht solche überirdische Menschen nicht nur lesen, sondern erleben will?

Diesem Bild gegenüber habe ich den Mut, der mich bei Johannes manchmal verläßt. Diesem Bild vertraue ich alle Verwirrungen meiner Mädchenheit an. Ich bekannte dies einmal dem Bruder. Er zürnte, daß er nicht der Erste und Einzige wäre, zu dem ich mit meinen Kindergeheimnissen käme, und manchmal, wenn ich fieberheiß aus solch einer Beichte bei Tisch ankam, flüsterte er:

„Ah, man hat mich betrogen, Myriel!“

Es schwang aber immer ein so ernster Ton mit in seiner Stimme, daß ich vor schäumender Erregung

nichts essen konnte. Einmal sagte Vater spöttisch: „Hast du wieder mit Windmühlen gekämpft, Donna Quijota?“ „Ja“, sagte ich und hatte Lust, auch gegen ihn zu kämpfen. Und plötzlich hörte ich mich mit Pathos deklamieren: „O laßt mich scheinen, bis ich werde!“ Hatte ich es gesagt, um Eindruck auf Johannes zu machen? Alles lachte, sogar Johannes lächelte sein feines Lächeln mit. Das verwundete mich sehr. Vater sagte: „Das kommt davon, wenn man die Kinder zu früh mit Goethe spielen läßt.“ Aber ich war schon hinausgestürzt in den Garten, unter die Einsamkeit eines Baumes. Ich begrub mein Gesicht in den Händen und schluchzte, daß sogar er, sogar Johannes mich verkannt hatte. Da hörte ich seinen leisen Gang. Zärtlich hob er mich zu sich auf. „Liebling,“ sagte er mit behutsamer Stimme, „verzeih mir, daß ich darüber lachte, daß du jung bist. Daß ich dieselbe Gemeinheit beging wie alle Alten.“ Er streichelte mich mit den Augen.

„Wer sollte das Oberirdische anbeten, wenn nicht wir Jungen, Myriel, wir, die wir noch Rausch und Flamme kennen! Vielleicht Vater, der seine Menschen schön getrocknet auf Formeln bringt, die er die Jugend lehrt? Nein, laß diesen Toten. Wir sind die Welt. Sei hell und lächle mir wieder, Schwester!“

Sein Kuß brachte neues Licht in mein Gesicht. Mein Weinen löste sich in große Versöhnung auf, und wir gingen Hand in Hand hinaus durch die Nachmittagswelt Abend und Sternen entgegen.

Ich vergaß zu sagen, daß Johannes ein Dichter ist. Was könnte er wohl auch anderes sein? Manchmal liest er mir aus seinen Gedichten, in denen alle Vögel der Welt gefangen sind. Aber heute noch strömen Kantaten aus seinem Mund, und morgen schon kann er nur noch Chaos, mitternächtig und dunkel sein. Und bis er die Elemente in sich gebändigt hat zu leisem Lied oder stürmendem Schicksal, sind gläserne Mauern um ihn. Ich sehe sein verwüstetes, zerpeitschtes Gesicht und kann es doch nicht erreichen, so entfremdet ist es mir. Bald aber ist es wieder gereinigt und von alter Vertrautheit. Nur einmal mußte ich lange auf ihn warten, das war damals, als er das große Buch vom „Neuen Menschen“ schrieb. Es war eine glühende Herausforderung an die enge, gefesselte Vorwelt der Väter, Umsturz, Verleugnung alles Ererbten, Erschaffung einer neuen, rasenden Welt. Es war viel Blut in dem Buch, und Johannes wurde sehr gefeiert. Ich frug ihn einmal, ob es im Leben wirklich solche riesigen Menschen gibt.

„Nein,“ sagte er, „was wir geben können, ist immer nur die Sehnsucht nach solchen Menschen; denn im Grunde suchen wir alle den Helden. Natürlich den inneren Helden, nicht den der Faust.“

„Du bist mein Held,“ sagte ich kindisch und umschlang ihn mit wilder Kraft. Er ließ meine Umarmung geschehen, ohne sie wie sonst zu erwidern, und sah mich mit blinden Blicken an.

„Ein Tag wird kommen, der dich mir stehlen wird, Myriel; denn das Leben erwartet dich.“

„Dich, Johannes,“ schrie ich auf, „dich wird es mir nehmen!“

Sein Blick betäubte mich:

„Mich, Myriel, du Kind, du Frau! Wenn du nicht zufällig meine Schwester wärst, dich hätte ich überall gesucht. Von deiner ersten Minute an lebte ich mit dir, jedes Jahr bist du an mir und ich an dir gewachsen. Ich habe nie begriffen, wie Menschen plötzlich ineinanderfliegen können, ohne mehr voneinander zu spüren als ein brennendes Gefühl. Sie reiften sich nicht durch die Zeit entgegen wie wir, sie wissen nichts von ihren Kindheiten, nicht die tausend Übergänge, die den Menschen und sein Wesen machen, und so stehn sie sich plötzlich erschreckt und enttäuscht gegenüber.“

„Johannes,“ sagte ich da und verlangte nach seiner Nähe wie nie zuvor — trotzdem wir nur diesen Gedanken voneinander getrennt waren —. „Johannes, wie du mich durch deine Liebe erhöhst!“ Und da geschah mir etwas Heiliges: Er kam auf mich zu und schenkte mir den ersten Kuß seines Mundes.

An diesem Tage verging ich am Flügel vor unnennbarem Gefühl, und meine Finger sangen alles, was sie von Chopin und Sehnsucht wußten.

Eines Tages fiel mir ein, daß ich nichts von Johannes wußte. Ich erschrak tief. Ich sah die helle Wölbung seiner Stirn und die Tore der Brauen über dem großen Staunen seiner Augen. Sah den edel geschwungenen Mund, der soviel Schönheit verschwieg. Ich sah seine weißen, verhaltenen Hände und nahm alle Gegenstände in meinem Zimmer, die sie mir geschenkt hatten, und küßte sie. Ich sah auch das leuchtende, kühn gewellte Haar und seinen von aller Erde befreiten Gang. Aber mehr, mehr wußte ich nicht. Mein Herz stach und der Körper zog sich qualvoll zusammen. Ich warf mich dem Abend entgegen, rannte die Bäume an im Park, preßte mich wild in eine Wiese. Mir war, als schwölle mein Herz höher und höher bis zu den Wolken, mein Körper aber würde immer kleiner und aufgelöster. Die Beine waren stumpf, wie abgebrochen, es zog hinter der Stirn und ein unbändiges Gefühl zerriß mich. Ich weinte und lachte durcheinander. Und dann auf einmal begann ich mich zu schämen, zu schämen! Ich wußte es plötzlich, daß ich ganz anders war wie Johannes. Auch fing ich mit Gott zu reden an, stürmisch und wirr und mir selber nur halb bewußt. Ich bat ihn, mir Johannes zu zeigen, wie man um ein Wunder bittet. Ich forderte, drohte endlich, ihm meine Anbetung zu entziehen. Meine Gedanken wurden immer schwindliger, unzusammenhängender. Der Weg taumelte, die Bäume standen schief, und das Haus schien um viele Tage fortgerückt, alles hatte ein anderes Gesicht bekommen. Zu hause vergrub ich mich in mein Bett, das um mich wie Flamme brannte. Da sah ich, daß meine Tage gekommen waren und das Kindsein zu Ende. O, wie fühlte ich mich allein auf der Welt mit diesem ersten Geheimnis vor Johannes!

Am andern Morgen lief ich zu meinen Bildern in die Galerie. Ich sah mir zum ersten Mal mit Bewußtheit nackte Körper an und war tief enttäuscht! Ich hatte mir immer soviel hinter den Kleidern gedacht.

Bei Tisch wagte ich es kaum, Johannes mit den Blicken zu berühren. Wie ein Verrat erschien es mir, daß er nicht ohne Körper und auserwählt, sondern mit allen Männern soviel Häßlichkeit — wie ich es nannte — gemeinsam haben sollte.

Am Abend schlich ich vor meinen Spiegel. Bisher hatte ich eigentlich immer an mir vorbei gesehen. Jetzt prüfte ich mich aufmerksam. Wie schämte ich mich, als ich zum ersten Mal meine Brüste erkannte! Ich verhüllte sie mit meinem langen, finstern Haar, und am andern Tag zog ich eine große Schürze an, hinter der man mich kaum noch ahnen konnte. Vielleicht tadelte mich Johannes, der unpersönliche Kleider haßte und in der Intimität des Hauses niemals jene charakterlosen Anzüge trug, in die unsre ganze Zeit eingenäht ist. Aber ich fürchtete noch mehr, daß er sich eines Tages erinnern würde, daß ich ein Mädchen bin, mich daraufhin ansehen und häßlich finden könnte.

Wirklich trat er nach Tisch in mein Zimmer. Sein Blick flog untersuchend über mich und meine Verkleidung hin.

„Haben dich meine Augen schon einmal entweiht?“ frug er streng. Da riß ich die Schürze ab und die Kleider und stand nackt vor ihm. Er sah mich mit einem jubelnden Blick an und kam auf mich zu. In diesem Blick sah ich, daß ich schön war. Johannes aber schwieg so sehr, daß ich mich doch wieder verwirrte, und ich wünschte zehntausend Kleider über mich.

Johannes mochte fühlen, daß es noch über meine Kraft ging. Er neigte sich vor mir bis zur Erde, küßte meinen Fuß und ging schnell hinaus.

Von jenem Blick an liebte ich mich. Auch versprach ich mir, dem Bruder immer jede Freude zu schenken, die in mir wäre.

Der kühlere Herbst brachte mir eine vernichtende Krankheit. Für Wochen hörte alles auf zu sein. Der Tod war ganz in der Nähe. Durch die Dunkelheiten des Fiebers hingen wie Ampeln die brennenden Augen des Bruders. Und einmal neigte er sein zerrissenes Gesicht dem meinen und murmelte mit kranker Stimme: „Liebe so stark du kannst, dann gibt es kein Aufhören. Ich habe noch zu viel unterlassen, dir zu wenig Freuden gemacht, zu viel geschwiegen. Lebe mir!“

Mit meiner ganzen Seele stemmte ich mich gegen das Sterben. Johannes erwartete jedes Erwachen, und ich fühlte mich in seinen Blicken stärker werden. Immer war seine heilende, liebeschwere Stimme um mich und rettete mich aus stechenden, phantastischen Fiebernächten.

Dann kam ein langsames Auferstehen, Zurückkehren in die Welt. Johannes sah immer beschenkter, strahlender aus.

Als ich zum ersten Mal um seinen Arm gerankt der Sonne entgegen ging, frug ich: „Was hättest du getan, Johannes, wenn ich . . . . .“ „Ich wäre dir nachgestorben“, sagte er einfach. „Es gibt nichts, das stärker wäre als du.“

„Und dein Werk?“, sagte ich voll Vorwurf und doch in tiefer Angst und fühlte ihn scheu mit den Blicken an.

„Bist du nicht mein höchstes Werk?“, rief er heiß. Aber ich zögerte, noch immer an solche Erhöhung zu glauben, und so warf ich ein: „Ich habe doch keine Ewigkeit!“

„Glaubst du, der Teich stahl nicht dein gestriges Lächeln,“ sagte er da, „und schimmert es morgen

zurück? Deine Tränen, kehren sie nicht als Wolke wieder, und dein längst verklungener Schritt, wer sagt uns, daß er nicht in irgend einer Arie ewig wird? Nichts geht verloren, alles wird wiedergeboren, es gibt keine Zeit für die Ewigkeit.“

Wir ruhten selig an einer Weide, die zu uns herunter träumte. Ich verlor vor Glück das Gefühl von mir selber, es war mir, als wäre ich Johannes. Dahlien und Astern tanzten bunten Herbst um unsre entirdischten Füße.

„Wie jung wir sind,“ rief Johannes verzückt, „und so tief im Leben!“ Er legte die Hände vor das Gesicht, als ob er den Tag nicht ertragen könne, Tränen fielen durch seine Finger. Und auf einmal sich selber überraschend, stürzte er hart und schmerzhaft nieder auf die Knie. Und wieder gegen seinen Willen begann es laut aus ihm zu beten für meine Rettung. Auch mich warf eine riesige Gewalt an die Erde, und ich hob die verschämten Hände. Ich hatte noch nie einen Menschen beten sehen. Wie auf italienischen Bildern die Stifter vor einem Wunder knien, so knieten wir hintereinander.

Und wenn es niemals Gott gegeben hat, damals erschuf ihn unsre inbrünstige Anbetung.

Ich reibe mir den Winterschlaf aus den Augen. Wirklich schon Frühling? Erlebten wir den Winter so stark, daß ich nicht vor dem Frühling zur Besinnung kam? Ich habe solange geschwiegen? Wir waren so tief ineinander versenkt, daß wir ganz erstaunt waren, wenn ein Ton aus der Welt zu uns herein drang. Das Haus war wie verhängt, wir gingen auf den Zehen durch die zeitlosen Räume. Johannes arbeitete, und auch von mir forderte er als mein Lehrer Äußerstes. Daneben erholten wir uns in Büchern, Musik und Gesprächen. Johannes, Meister auf dem Cello, holte alte vergessene Italiener, deren Süßigkeit Jahrhunderte lang hinter dunklen Noten gegärt hatte, hervor, und von ihnen gingen wir zu Bach und Händel über. Zuweilen, wenn Johannes so neben mir spielte, daß ich glaubte sein Herz in Händen zu spüren, hob großer Sturm in mir an, und ich raste auf dem Flügel. Dann tadelte Johannes: „Myriel, Myriel, vergiß nicht, daß wir in der Kirche sind!“

Ach, in mir explodierten tausend unheilige Dinge, ich war nur noch Aufruhr und Element. Ein Instinkt aber ließ mich die Unruhe verschweigen, die mich ergriffen hatte. Dafür rüttelte ich mit tausend Fragen an Himmel und Erde. Ich hatte den Ehrgeiz, Johannes nicht nur bis ans Herz, sondern auch bis an die Stirne zu reichen. So erhellte er mir denn viele Dinge, denen ich noch dumpf und kämpfend gegenüber stand.

„Wenn Gott mir nicht ohnehin Voraussetzung wäre,“ sagte er einmal, „so würde ich ihn in der durchdachten Steigerung jedes Daseins erkennen. Diese Steigerung ist für mich der Tod. Er ist der höchste und raffinierteste Beweis für Gott. Denn er schließt schon die Ewigkeit in sich ein, da er nur scheinbar ist. Es

gibt keinen Tod, jeder Tod ist eine Verwandlung, eine Wanderung. Darum ist den Buddhisten alles Leben heilig. Jedes Geschöpf verkörpert eine Idee und trägt ein mehr oder minder schwaches Gesetz in sich, diese Idee auszuleben. Aber die meisten leben daran vorbei. Darum finde ich: ganz Löwe, Vogel oder irgend ein Tier sein ist mehr, als Halbtier oder, was dasselbe ist, ein Viertelmensch sein. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit und den Willen haben, seiner innern Idee leben zu können. Dem Menschen kann nicht von außen, sondern einzig von innen geholfen werden. Man kann sich nur selber erlösen, nie erlöst werden. Aber vielleicht liegt dies unserm Volke gar nicht mehr. Es ist — im Gegensatz zu heißeren Völkern — viel mehr ein Volk des Leibes denn der Seele geworden. Vielleicht auch brauchte es doch einen Führer, einen Vergewaltiger, der mitreißt ohne Gewalt, einzig durch seine Existenz. Vielleicht müßte man ihm Zeit und Einsamkeit aufzwingen, um die es von seinen Scheinbedürfnissen bestohlen wurde. Der Mensch hat zuweilen eine Insel nötig. Das siehst du an zweien seiner Führer, die gerade Antipoden in ihren Lehren sind: Christus und Nietzsche. Christus brauchte eine Wüste, um sich zu überwinden, und Nietzsche die Verlassenheit eines Berges, um die Forderung seines kommenden Menschen aufzustellen. Der eine verkündete den Kampf, der andere wehrte ihm. Der eine stellte ein Herrenideal und der andere ein Menschenideal auf. Aber versagten nicht beider Lehren vor dem Trieb zur Erde, der immer im Menschen wohnen wird? Wir warten noch immer auf den Führer. Auch mein letztes Buch ist eine Erwartung. Bis dahin nach innen leben und

den Körper töten! Wenn wir das versuchen wollten, ständen wir nicht so tief. Man muß an einer Ekstase, an zu viel Jugend sterben können. Aber sieh doch die gealterten, unheiligen Gesichter an! Sind sie der Unsterblichkeit entgegengereift? Nein, verfault und verhärtet von Genuß und Erfahrung. Und mit was für häßlichen Füßen sie ankommen in der Ewigkeit! Denke nur, über was sie alles gegangen sind! Ach, Schönheit und Güte sterben immer mehr aus in der Welt!“ Er schwieg und sah mich mit lodernden Augen an. Tiefe Nacht war, und die sieben Feuer des Leuchters tasteten gierig umher.

„Mach mich weit und stark für den Tod, Johannes,“ sagte ich, „ich möchte ihn bald sterben. Mir ist so, als stünde ich tief innen in Flammen.“ Johannes stand steil und blaß vor mir. „Myriel!“ Er hob mich mit liebenden Armen auf und hielt mich hinaus in die seidene Nacht.

„Ich verspreche es uns“, flüsterte er und deckte mich mit den weichsten Blicken zu.

Als ich erwachte, war es Morgen. Ich fand mich in den Armen des Bruders, in denen ich am Abend eingeschlafen sein mußte. Er saß auf einem Stuhl und seine Augen hingen mit seltsam prüfender Leidenschaft über mir. — Ich bedeckte erregt mein unbewachtes Gesicht.

„Was hast du darin gesehen?“ frug ich ängstlich.

„Nichts, Kind, nichts — außer mir“, lächelte er innig.

Mit dem Morgen rannte ich hinaus, tausend Wege weit, dem Mittag entlang bis zur Dämmerung. Ich glaube: in jenen Stunden mit mir allein warf ich die letzte dumpfe Kindheit ab. Geliebter Bruder, in jenen Stunden hörte ich schon auf zu sein, da begann meine Unsterblichkeit, die Verklärung in dir.

Gegen Abend kam Johannes und sagte: „Morgen ist dein Geburtstag, Myriel, ich will dir ein Fest geben.“

„Jeder Augenblick wird Fest durch dich, Johannes“, glühte ich und wußte erst, wie ich ihn jede Stunde dieses Tages entbehrt hatte. Seine geistige Stirn zog sich nachdenklich zusammen: „Wir sind auch zu kurz auf der Welt, Kind, um nur einen Tag mit dem zu vergeuden, was die Menschen Leben nennen. Ihr Leben und sogar ihre Feste sind ein einziger Alltag. Tierhaft ist ihre Freude, Verliebtheit in ihren Bauch. Sie haben es verlernt, sich und die andern zu feiern. Ich meine gar nicht jene brausenden, maßlosen, egoistischen Feste der Römer oder der Renaissance, die nur um der Schönheit willen geschahen, und von denen den Armen nur Schein und Abfall blieb. Ich denke an jene seelische, adlige Freude, die Schiller und Beethoven meinten in ihrem Hymnus. Sie ist tot, diese leise, ewige Freude, von Mensch zu Mensch, die göttlich macht.“

„Und auch ihr Leid, Johannes?“ frug ich; denn ich liebte es, seine Überlegenheit zu fühlen.

„Ja, sie leiden unter Geheul und kleinem Zank. Sie haben den großen Aufschrei verlernt, den Schmerz, der zu Stein und zur Quelle wird. Die Stadt verengt. Früher hatte man noch Erde, sich hinzuwerfen, und das Ohr der Wälder und Wiesen, seine Klage hineinzurufen. Und man hatte Zeit, unerschöpfliche Zeit.

Heute lebt und stirbt alles gemein, ohne Pathos. Und damit sie in ihrer Dumpfheit bleiben, hat man das herrliche Wort: Selig sind, die hungrig nach Seele sind, in den Satz verfälscht: Selig sind die Armen im Geist. Seele, alles, was über sie hinausführen könnte, unterdrücken sie geschickt in sich und den andern. Sieh doch, wie sie zusammen leben! Sieh doch ihre altgebornen Kinder an! Ist in ihnen Anbetung oder Erschütterung von einem zum andern?“ Johannes’ Mund wurde herb. Ich wollte zu ihm reden und konnte nicht. Mir war so weit. Als reichte ich von der Erde bis zu den Himmeln. Ich fühlte sie, seine Seele, diese unendliche Dehnbarkeit. Wir schwiegen uns zu, bis das Zimmer undurchdringlich und schwarz wurde. Da zitterte ich auf. Die Nacht kam. Meine Empfindungen verwirrten sich.

„Was hast du, Kind, liebe ich dich nicht genug?“ frug Johannes.

Wir warfen uns ineinander. Er hob mein Gesicht vor das seine und sah mir eine Ewigkeit lang durch die Augen ins Herz.

Die ganze Nacht kauerte ich vor seiner Tür.

Nach Jahren — so schien mir — wurde es Morgen.

Mit dem Mittag trat ich sehr hell, im ersten langen Kleid bei Johannes ein. Seine Augen blendeten mich beinahe, so strahlten sie mich an.

„Wie weiß du bist!“ rief er verzückt. „So muß Dante gefühlt haben, als ihm Beatrice im ‚allerweißesten Kleid‘ begegnete. Wird auch mir aus diesem Anblick seine rote Vision? Wirst auch du von meinem glühendsten Herzen essen? Nimm es ganz zum Geburtstag!“

Seine Stimme flammte über mich hin. Brennende Gerüche umstanden uns; denn Johannes hatte die Wände in hängende Gärten verwandelt.

Ich sah über viele Geschenke hin, die ich ebenso schnell wieder vergaß. Johannes hatte mich dazu erzogen, Besitz gering zu achten. Das Eigentliche aber fühlte ich schnell heraus. Das waren in heißen Brokat gebundene Blätter, die des Bruders Schrift trugen. Ich öffnete sie, noch die Augen an Johannes, und sah, wie sich sein Gesicht einen Augenblick lang vor Schreck verengte. Doch sagte er mit verhüllter Stimme: „Lies.“

„Ich lade Dich auf ein seltenes Fest, zärtliche kleine Schwester. Du brauchst nichts weiter mitzunehmen als Deinen Kinderglauben an mich. Auch mich wird er stark machen, daß ich mit Dir reden kann wie mit mir selbst.

Ein Schicksal hat aus uns eine Zweiheit geschaffen, die nie eins werden kann: Bruder und Schwester. Sicher, die Einheit in uns kann nur gesteigert werden dadurch, daß wir so heißen. Aber sie ist nicht alles. So wie unsere Herzen ineinander getürmt sind, so könnten sich auch eines Tages unsre Körper erinnern, daß sie einem Mann und einer Frau gehören. Es ist

unwichtig, sich zu besitzen, um so mehr, da man sich nur mit der Seele besitzen kann. Aber wir sind so glühend jung. Ein Sturm kann kommen, den wir nicht bestehen. Alles wird schwer und fremd. Vielleicht nicht durch uns, wohl aber durch jene enge unfestliche Welt mit ihren Dogmen, die Ungewöhnliches ersticken im bürgerlichen Schlamm.

Ich ahne, daß die nächsten Jahre Qual über uns bringen, wenn sie gelebt werden. Mir wurde der heilige Auftrag, über Dich zu wachen, ich will ihn zu Ende führen, so lange ich kann. Heute noch weiß ich mich stark, aber morgen vielleicht überfällt mich mein Blut, steigt so ein alter Ahne auf aus meinen Adern.

Wir wollen jubelnd zusammen ins nächste Dasein gehen, wie in ein Fest. Sterben ist ja nur Übergang, ein kurzer Verzicht, eine kleine Veränderung bis zur nächsten Auferstehung — und die wird unser sein, Geliebte!“ —

„Johannes“ sang mein Herz. Ich flog ihm zu, verschüttete ihn mit Umarmung.

Seine Hand liebte zart mein aufgeregtes Gesicht. Da erfaßte mich maßlose Gier nach dieser Hand. Ich riß sie vor meinen Mund und küßte sie schluchzend, verbrennend, als wäre Feuer in mir.

„Johannes“, rief ich unzählige Male und schmeckte seinen Namen nach wie Wein. Er spannte die Arme auf und ich ruhte an ihm, eine Verirrte, die man endlich gefunden hat.

Johannes hatte ein ganz neues, entschlossenes Gesicht an.

Wir verstürzten in eins. Zum erstenmal rissen wir uns auf voreinander. Blut überwältigte uns, Bekenntnisse

schäumten auf. Ich beichtete die dunkelroten, flehenden Nächte vor seiner Tür. Johannes bog mich jauchzend in sich, so daß ich nur noch Zittern in seinen Händen war.

„Willst du die letzte, äußerste Nacht mit mir, Geliebte?“ stammelte er. Ich tauchte meinen Mund noch tiefer in den seinen und sagte mit fliehender Stimme: „Keiner soll von mir wissen außer dir und dem Tod. Wir werden an zu viel Liebe sterben, es gibt keine Umkehr, keinen anderen Ausweg aus unserem Schicksal.“

Meine Augen glühten den Geliebten an. „Warte mit der Dunkelheit auf mich,“ sang ich ihm zu und verließ ihn, um mich für ihn zu weihen.

Noch eine Nacht, in der wir alles von der Erde und alles von Gott erfahren werden! Eine Nacht letzter Offenbarungen! Dann beginnt meine Himmelfahrt in dir, Johannes! Mein Heiliger!

Heute, mit meiner siebzehnten Geburtsnacht ende und zerstöre ich euch, meine Blätter. Mein Weg ging aufwärts!