11. Gespräch über Deutschland mit dem Präsidenten der Argentinischen Republik.

Buenos Aires.

Im Hafen lag noch die beflaggte „Argentina“, der erste deutsche Passagierdampfer, der seit Kriegsausbruch in den La Plata eingelaufen war; die Sirenen, die zu ihrem Willkommen über die Docks gegellt, waren noch kaum verhallt. Es war ein starker Sympathiebeweis für Deutschland gewesen, und auch jene Zeitungen, die während des Krieges auf Deutschland nicht genug Schmähungen hatten häufen können, hatten freundliche Worte gefunden.

Die Casa Rosada, der Regierungspalast, flimmerte in der Sonne. Die rosaroten Wände glühten wie von innen erleuchtet. Hier war man immer deutschfreundlich und entschlossen, den Krieg zu vermeiden. Auch in jenen schweren Tagen, als das Ungeschick des deutschen Gesandten es dem argentinischen Präsidenten fast unmöglich machte, seine Neutralitätspolitik fortzusetzen. Damals stand Irigoyen fast allein gegen Volk, Presse und Parlament. Er schaffte es; der ungeheure Wille des einen Mannes siegte.

Verständlich, daß ich ihn sehen und sprechen wollte. Es war nicht leicht; denn natürlich ist er überlaufen, und überdies ist er eine zurückgezogene Natur. Die deutsche Gesandtschaft hatte es sogar für vollkommen ausgeschlossen erklärt, diese Unterredung zustandezubringen, aber das „Argentinische Tageblatt“ machte sie sofort möglich. Kaum hatte es von meinem Wunsche gehört, so erhielt ich eine Einladung in das Präsidentenpalais.

Es war wirklich nicht ganz leicht, bis in das Innerste der Gemächer vorzudringen, und wir entgingen übermäßig langem Warten nur dadurch, daß uns ein Vertrauter durch den Eingang des Präsidenten und mittels des ihm vorbehaltenen Fahrstuhles unmittelbar in das Vorzimmer des Präsidenten geleitete.

Als wir bei Irigoyen eintraten, saß er an seinem Schreibtisch, den mächtigen, fast ungefüge wirkenden Kopf über Schriftstücke gebeugt, die ihm einer seiner Sekretäre reichte. Als er den Kopf hob, schaute man in ein durchdringend blickendes Auge, wie ich es vorher nur bei Thomas Alva Edison gesehen. Eine seltsame Mischung von Güte und unbeugsamem Willen lag in Gesicht und Erscheinung des Mannes, der, auf Gehalt, Wohnung im Palast sowie allen Luxus und Prunk verzichtend, in den einfachsten Verhältnissen lebt, der nur einen Gedanken kennt: sein Land, und der keinen Augenblick zögert, seinen Willen einer Welt entgegenzusetzen.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er jetzt auf uns zuging und uns in der natürlich höflichen und herzlichen Art des Südamerikaners begrüßte, dem republikanisches Empfinden und demokratische Form seit Generationen angeboren ist.

Man braucht nicht sehr lange mit Irigoyen zu plaudern, um dem faszinierenden Zauber zu unterliegen, den diese starke Persönlichkeit ausstrahlt, und man versteht ebensosehr die fanatisierende Wirkung, die er auf die Massen ausstrahlt, wie die innerliche Überredungskunst, die schon oft genug aus erbitterten Gegnern ergebene Freunde machte.

Was an dem Präsidenten der Argentinischen Republik am stärksten wirkt, ist die gerade Offenheit, mit der er seine Gedanken äußert und seine Ideen vertritt. Es zeigte sich dies ganz besonders, als wir auf die argentinische Völkerbundpolitik zu sprechen kamen. Man hatte gerade in deutsch-argentinischen Kreisen die Meinung geäußert, daß Deutschland mit seinen Sympathiekundgebungen gegenüber Argentiniens Haltung auf dem Völkerbundkongreß in Genf zurückhalten solle, da ein allzu großes Maß von Zustimmung und Sympathie Argentiniens Stellung gegenüber den Alliierten erschweren müsse.

Ich äußerte diese Bedenken, aber Irigoyen schüttelte nur den Kopf: „Unsere Haltung in Genf“, sagte er, „wie auch unsere Neutralitätspolitik während des Krieges war lediglich bestimmt durch unsere Interessen als souveräner Staat, durch unsere Auffassung von einer wirklich gerechten, völkerversöhnenden Politik, sowie durch unsere Sympathien gegenüber Deutschland. Was Dritte dazu meinen sollten, ist uns völlig gleichgültig und kann in keiner Weise unsere Entschlüsse oder unsere Politik beeinflussen.“

Im weitern Verlauf des Gespräches entwickelte Irigoyen seine Ideen über einen wirklichen Völkerbund. Und der sonst so ruhige abgeklärte Mann ereiferte sich dabei.

„Que esperanza!“ — rief er aus, „welche Idee, ein Völkerbund, dem nicht alle Staaten angehören! Wie soll ein solcher Staat den Frieden garantieren können?“

Und er sprach im Anschluß daran von seinen Sympathien für Deutschland, für das deutsche Volk, und welche Erwartungen er in die deutsche Zukunft setze.

Von seiten jener ultrareaktionären extrem monarchistischen Auslandsdeutschen wird immer wieder betont, wie sehr Deutschland durch die „Schmach“ seiner Niederlage und der Revolution in der Achtung des Auslandes gesunken. Und da auch Irigoyen von diesen Kreisen gerne als Kronzeuge angeführt wird, ergab es sich von selbst, daß das Gespräch auch diesen Punkt berührte.

„Unsere Sympathie“, meinte der Präsident, „gilt in erster Linie dem tüchtigen und arbeitsamen deutschen Volk. Ohne Rücksicht auf seine Regierungsform. Aber selbstverständlich ist es, daß wir als Republikaner für eine deutsche Republik doppelte Sympathien empfinden. Im Kriege muß schließlich immer einer verlieren, und die Niederlage kann die Bewunderung für das, was Deutschland geleistet, nicht verringern. Statt an Sympathien zu verlieren, hat das deutsche Volk durch die Revolution nur gewonnen, und zwar durch die Tatsache, daß es aus einem derartigen weltgeschichtlichen Zusammenbruch sich aus Anarchie in die Bahnen einer neuen ruhigen Entwicklung hinaufarbeitete.“

„Selbstverständlich ist es,“ fügte Irigoyen hinzu, „daß die Spuren eines derartigen Umwandlungsprozesses noch nicht verwischt sind und daß man noch mit einem Dezennium wird rechnen müssen, ehe die deutsche Republik sich völlig konsolidiert hat. Aber ich habe keinen Zweifel daran, daß Deutschland sich zu einem großen demokratischen Gemeinwesen entwickeln wird, in ähnlicher Weise wie die Vereinigten Staaten.“

Wir sprachen noch lange über den Krieg, die Revolution, die Blockade und den Hunger und das Elend, die in ihrem Gefolge einherzogen. Auch über Versailles und die Wirkungen, die eine Politik heraufbeschwören muß, die ein Volk durch unerfüllbare Forderungen zur Verzweiflung treibt. Das Gesicht Irigoyens war sehr ernst, sehr nachdenklich, als ich von den Konsequenzen sprach, die die Geschehnisse in Europa auch für die südamerikanischen Republiken haben müßten.

Es war spät geworden. Durch die weit offenstehenden Fenster sah man, wie die lehmgelben Wasser des La Plata sich rot zu färben begannen. Es sah aus, als spüle der Ozean von Osten her Blut an den Strand.

Ich stand auf; es war Zeit zu gehen. Mehr als Phrase war es, als ich Irigoyen zum Abschied sagte, daß die Unterredung mit ihm mein stärkster Eindruck in Südamerika gewesen. „Sie kennen ja jetzt den Weg zu mir,“ sagte er zum Abschied, „sobald Sie wieder nach Buenos Aires kommen, vergessen Sie nicht mich wieder aufzusuchen.“

Man ist außerordentlich höflich in Südamerika. So höflich, daß man keineswegs jedes Wort, das im Verlauf eines Gespräches fällt, als bare Münze nehmen darf. Aber von dem, was Irigoyen über seine Politik und über Deutschland sagte, blieb nachhaltig das starke Gefühl, daß hier ein Mann gesprochen, der unbedingt und unbeugsam zu seinen Worten und Entschlüssen steht.