12. Nach Patagonien.

Bahia Blanca.

Von der Station Constitucion, dem Bahnhof der Südbahn in Buenos Aires, aus dessen bretterbudenartiger Halle sonst die Ausflüglerzüge nach Quilmes und die eleganten Badezüge nach Mar del Plata laufen, fährt zweimal in der Woche der Neuquenzug, der bis nach Zapala an den Fuß der Kordillere führt. Die Rio-Negro-Neuquen-Bahn ist die nördlichste der vier Stichbahnen, die vom Atlantischen Ozean aus nach Patagonien hineinführen, gleichsam als ein schwacher Versuch, dieses ungeheure Gebiet zu erschließen.

Plaza de la Independencia in Santiago.
Rechts der Hügel Santa Lucia, im Hintergrund die schneebedeckte Kordillere.

Bergarbeiterheim.

Salpeteroficina.

Patagonien ist für den Europäer im allgemeinen ein Begriff, unter dem er sich nicht viel vorstellen kann. Bestenfalls hat er ein unklares Bild von Wüste und Steppe, von winddurchwehter, eisiger Hochfläche, auf der Indianer und Schafe ein kümmerliches Dasein fristen. Aber auch der Argentinier der zentralen Provinzen und des Nordens besitzt, soweit er nicht geschäftliche Verbindungen nach dort unten hat, kaum eine bessere Kenntnis dieses Teiles seiner Heimat, der sich über nicht weniger als 18 Breitengrade erstreckt. Die meisten, zu denen ich von meiner Absicht sprach, Patagonien zu bereisen, meinten erstaunt: „Was wollen Sie da? Das ist die reine Wüste, höchstens für Schafzucht geeignet. Im übrigen kommen Sie da bereits bald in den Winter.“ Allerdings wird in dieses Urteil das Rio-Negro-Gebiet nicht eingeschlossen, das zwar nominell zu Patagonien gehört, aber einen Begriff für sich bildet, da die klimatischen und infolge der künstlichen Bewässerung auch die wirtschaftlichen Verhältnisse völlig andere sind als im mittleren und südlichen Patagonien.

Der Zug füllt sich. Estancieros und Chacreros, die nach kurzem Besuch in der Hauptstadt auf ihre Besitzungen zurückfahren, vor allem aber Kaufleute, Geschäftsreisende, Aufkäufer und Arbeiter, die zur Alfalfa- und Obsternte an den Rio Negro fahren. Vom Kupeefenster aus sieht man den Strom am Zug entlang streichen, und unter all den dunkelfarbigen, schwarzhaarigen tauchen mit einem Male ein paar blauäugige helle Blondköpfe auf. Junge Burschen in Lodenanzügen, die ihre Säcke schleppen. Auf den ersten Blick unverkennbar deutsche Offiziere, die mit Fahrkarten der Einwanderungsbehörde nach dem Süden fahren, um sich dort am Rio Negro oder in der Kordillere eine neue Existenz zu gründen.

Immer wieder stößt man auf das eine schwere Problem: da Frachtraum und mehr noch Valutanot es nicht ermöglicht, den gewaltigen Überschuß dieses Landes an Nahrungsmitteln dem hungernden Deutschland zuzuführen, sollte es da nicht gehen, all denen, die in Deutschland weder Brot noch Arbeit finden, hier eine neue Heimat zu schaffen?

Die Reise im Zwischendeck kostet beim heutigen Kurs 5000 Mark, der Aufenthalt in Buenos Aires selbst bei bescheidensten Ansprüchen 2–3000 Mark für den einzelnen. Es gehört also ein kleines Vermögen dazu, um nur herüberzukommen und hier mit nichts anfangen zu können. Und doch! — Wenn sich hier nur Menschen fänden, die statt zu debattieren und zu verhandeln rasch und tatkräftig helfen wollten!

Drei Richtungen stehen sich in der Siedlungs- und Kolonisationsfrage gegenüber. Jene, die den Einwandererstrom nach dem subtropischen Norden, in den Chaco, nach Formosa und Misiones, lenken wollen, die andern, die nur auf die zentralen Provinzen schwören, auf Buenos Aires, Santa Fé, Cordoba, Entre Rios und allenfalls die Pampa, und schließlich jene, die nur den Süden gelten lassen.

Auf eine kurze scharfe, aber leider im allgemeinen zutreffende Formel gebracht, kann man sagen: Die Herren in Buenos Aires halten stets die Gegend für die geeignetste zur Kolonisation, in der sie Kampe liegen haben, die sie entweder anbringen wollen, oder für die sie durch intensivere Wirtschaft fleißiger Kolonisten Wertsteigerung erhoffen. Die zentralen Provinzen haben das eine für sich, daß der Einwanderer auf gutes Land und in Verhältnisse kommt, die den europäischen verhältnismäßig am ähnlichsten sind. Da hier jedoch der Hektar 300, 400, 500 und mehr Peso kostet, ist es mir unklar, woher die Mittel hierfür aufgebracht werden sollen.

Im Norden gibt es viel billiges und auch gutes Land. Aber ob deutsche Familien dort auf die Dauer die sehr hohen Temperaturen ertragen?

So bleibt zunächst nur der Süden.

Der Früchteaufkäufer, der mir gegenüber sitzt, schwärmt davon. Er kauft für eine Engrosfirma in Buenos Aires ein. Seine Pflücker sind schon unten; denn die Chacreros verkaufen die Ernte meist auf den Bäumen. Er zahlt für den Cajon, für die Kiste Pfirsiche, die etwa 180 bis 200 Stück faßt, zweieinhalb Peso. Mit Pflücklohn, Fracht und sonstigen Unkosten stellt sich der Cajon auf 6 Peso. Verkauft wird er im Großhandel für 12 bis 14 Peso. Und bis die Früchte an den Konsumenten kommen, kosten sie ein bis eineinhalb Peso das Dutzend. „Muy lindo negocio“ — ein feines Geschäft —, meint schmunzelnd der Händler.

Draußen zieht erst unter klarem Sternenhimmel und dann bei grauendem Tag das Land vorbei. Noch öder, noch trostloser, noch flacher, wenn möglich. Stundenlang nur roher Kamp und der ewige Draht. Die Estancien müssen weit drinnen im Lande liegen. Kaum daß man ab und zu einen dunklen Schatten am Horizont sieht.

Erst hinter Pringles ändert sich das Bild. Sanft ansteigende Hügel, dann steile Felsen, tief eingeschnittene Flußtäler. Und gleichzeitig zwischen den Bergen grüne Gärten, Bäume — man staunt, richtige Bäume —, die Sierra de la Ventana, die einer Oase gleich die ewig gleichförmige Landschaft unterbricht.

Aber nach wenigen Stationen werden die Hügel flacher und verlaufen sich schließlich wieder in der unendlichen Ebene, graubraun, öde und tot.

Mit einem Male steht mitten in der Ebene ein Schiff. Schornsteine, zwei Masten und unterhalb des schwarzen Rumpfes ein leuchtender roter Streifen. Unvergleichlich phantastisch sieht es aus, bis das Auge langsam erkennt, daß die Ebene am Horizont ohne erkennbare Grenzlinie in Schlick, Sumpf und schließlich offenes Wasser übergeht.

Schiff auf Schiff. Dann die unheimlichen Türme der Getreidesilos: Bahia Blanca, die Metropole des Südens!