18. Ritt durch Neuquen.
Am Neuquenfluß.
Der Zug fährt durch eine Wand von Staub. Mehr als die schwarzen Schleier, die die unendliche Nacht vor die Kupeefenster zieht, sind es die Staubmassen, die jeden Ausblick hemmen. Wie inmitten einer Sandhose fährt der Zug.
Resigniert gibt man den Versuch auf, durch die blinden Scheiben den Charakter der Landschaft zu erspähen, und läßt auch noch die hölzernen Rolläden herab, um dem Staub den Eintritt in den Wagen zu wehren.
Umsonst. Durch die feinsten Ritzen dringt er ein. Fingerdick setzt er sich auf Polster und Lehne, auf Koffer und Kleider. Von Zeit zu Zeit macht ein Bediensteter der Bahn den Versuch, mit einem Wedel den Staub aufzuwischen. Es ist hoffnungslos. Der Zug ertrinkt im Staub.
Wie sagte der Herr in Bahia Blanca, als er von meiner Reise durch Neuquen hörte?
„Was, in diese Wüste wollen Sie?“
„Waren Sie denn schon einmal dort?“ war meine Gegenfrage.
„Nein, aber das weiß man doch!“
Das weiß man doch! Ich frage etwas unter meinen Bekannten in Bahia Blanca herum, wer Neuquen oder auch nur Rio Negro kenne. Das Resultat war nicht anders als in Buenos Aires. — Kaum einer. Seltsam, da handeln die Geschäftsherren mit den Frutos del pais, mit Getreide und Alfalfa, mit Wolle und Häuten, aber sie haben kein Interesse daran, das Land kennenzulernen, aus dem sie das beziehen, womit sie sich ein Vermögen machen.
Und so bilden sich Urteile nicht aus eigener Anschauung, sondern gleichsam auf überkommenen Konventionen ruhend, die man nachspricht, ohne sie nachzuprüfen. „Patagonien — nur für Schafzucht geeignet“, „Regierungsland — wertlos“, „Neuquen — eine Wüste“.
Stimmt das Urteil? Auf den Stationen sieht man im schwachen Licht der Sterne kaum eine Bretterbude, einen Windmotor und Wassertank, dahinter nichts als zampabestandene Wüste. — Ich gehe ins Schlafkupee. Auch hier der Staub. Noch in den Traum folgt er und liegt beim Aufwachen trocken im Gaumen und knirscht zwischen den Zähnen.
Die Stationen sind spärlich geworden. Stundenlang fährt der Zug von einer zur andern. Und nicht einmal für die wenigen fanden sich Namen, einfach Kilometer soundso.
Sand, Zampa, Tosca, dorniges Buschwerk, bestenfalls am Horizont ein paar Hügel und leicht sich wellende Berge.
Um neun Uhr sind wir in Ramon M. Castro, der letzten Station vor Zapala, von wo die Reise zu Pferd weitergehen soll.
Freundliche Marktweiber.
Lamaherde.
Ein Säugling zu Pferd.
In einer bolivianischen Posada.
Wie ging uns als Knabe das Herz auf, wenn wir von Wild West lasen. Heute kann man die Vereinigten Staaten von Ost nach West, von Nord nach Süd durchfahren, man wird von Wild-West-Romantik nichts mehr sehen. In Argentinien gibt es sie noch, keine 40 Bahnstunden von der Hauptstadt entfernt: Städte, die heute aus ein paar Wellblechbaracken bestehen und deren Entwicklung niemand ahnen kann. Unbegrenzte Möglichkeiten für den Zähen, Zielbewußten, und königliche, schrankenlose Freiheit in unbegrenzter Weite.
Die Häuser, aus denen Ramon M. Castro besteht, lassen sich leicht an zwei Händen zählen: Außer der Station drei Almacene, ein Franzose, ein Spanier, ein Pole, eine Fonda, die ein Italiener bewirtschaftet, die Bretterbude der Polizeistation und einige Lehmranchos. Halt, da ist noch ein stattliches, zweistöckiges Gebäude, ein Ziegelbau mit Wellblechdach — die Schule. Man frägt erstaunt, für wen. Alle Achtung vor einem Land, das in seinen abgelegensten, menschenärmsten Teilen noch solche Schulen baut.
Diese armselige Kampstadt inmitten trostlos heißer Sandwüste ist für eine weite Umgebung Kultur- und Wirtschaftszentrum. Hierher verkaufen die wenigen an dem Flusse sitzenden Estancieros wie die auf dem Regierungsland nomadisierenden Indios ihr Vieh und ihre Felle. Hier können sie in den Läden alles einkaufen, was sie brauchen, und in der Kneipe können sie spielen und sich betrinken. Kehrt man nach tagelangen Ritten in einsamer Wüste und Steppe nach Ramon zurück, so ist es nicht anders als die Rückkehr aus der Provinz nach Buenos Aires.
Einstweilen aber kann man es nicht fassen, wie Menschen es in diesem heißen, sandigen Kessel aushalten. Kein Grün, weder Busch noch Baum. Nur an der Bahn das Gärtchen des Stationsvorstands, das, von dem Tank der Südbahn aus mit Wasser versorgt, mit frischem Grün prangt: Tomaten, Kohl, Pfirsiche, Äpfel, Birnen.
Sonst kommt alles, was diese Kampstadt zum Leben braucht, mit der Bahn. Die Preise sind höher als in Buenos Aires. Früchte, die man nur wenige Bahnstunden weit in Roca zu anderthalb Peso das Hundert kaufen kann, verkauft der Italiener mit 10 Cent das Stück. Gebrauchsgegenstände, Stoffe, Kleider, Küchengerät, Messer usw. verkaufen die Almaceneros mit hundert, zweihundert, ja sogar dreihundert Prozent Aufschlag. Oft spielt sich das Geschäft in der Weise ab, daß die Indios den Erlös für Vieh, Felle oder Wolle in einem Tag vertrinken, die Ware auf Kredit nehmen und wieder ohne einen Cent bares Geld auf ihre einsamen Ranchos zurückkehren.
Wir warten die größte Mittagshitze ab, ehe wir abreiten. Mäntel und Decken — denn die Nächte sind kalt — und ein wenig Wäsche ist alles, was mitkommt.
Ein breites flaches Tal zwischen sanften Hängen zieht sich nach Norden. Wir reiten Stunden und Stunden. In großen Abständen kündet eine weidende Tropilla Pferde oder eine Schaf- und Ziegenherde einen Puesto, eine kleine Ansiedlung von Indianern.
Ein ganz ärmlicher Rancho, ein Brunnen, um den Kürbisse wuchern, und allenfalls noch ein Corral, mit mühsam zusammengesuchtem Gestrüpp kunstlos eingehegt, das ist alles. Auf engstem Raum hausen unter dem niedrigen Lehmdach oft mehrere Männer und Frauen und ein Dutzend Kinder. Wir steigen ab und bitten um Wasser. Mit argentinischer Höflichkeit wird es gereicht, aber als wir photographieren wollen, gibt es fast eine böse Szene. Die Señora fürchtet sich vor dem Apparat; vielleicht glaubt sie sich auch nicht schön genug angezogen. Wir müssen ohne Aufnahme weiter.
Von den Hufen unserer galoppierenden Pferde weht der Staub in langen Fahnen. So geht es Stunde um Stunde, kaum mit kurzen Schritteinlagen. Es sind billige eingeborene Tiere, klein und unansehnlich; aber fabelhaft ist, was sie leisten. Sicher wird durch Mischung mit europäischem Blut der einheimische Schlag größer und ansehnlicher. Allein geht das nicht auf Kosten von Zähigkeit und Anspruchslosigkeit? Kein europäisches Pferd könnte bei diesem Futter auch nur entfernt ähnliches leisten.
Schon will es dämmern, als sich das Tal verengt. Felskulissen schieben sich vor. Über den Paßeinschnitt wechselt flüchtendes Wild — Strauße. Scharf zeichnen sich für Augenblicke ihre Silhouetten am Horizont ab.
Die Pferde keuchen den steinigen Pfad empor. Auf der Höhe weitet sich der Blick. Den Horizont grenzen blaue Berge.
In wildem Farbentaumel stirbt der Tag. Soweit das Auge reicht, nicht Mensch noch Tier noch Anzeichen menschlicher Behausung. Ringsum grenzenlose Einsamkeit.
Der Galopp der Tiere, der müd und kurz geworden war, wird in der kühlen Nachtluft wieder raumgreifend. Schweigend galoppieren wir durch buschbestandene Steppe. Mensch wie Tier hasten dem Ziele zu.
Aus dem Grunde vor den horizontfernen Bergen, die sich jetzt wie eine schwarze Wand drohend vor uns aufbauen, kommt ein mattes Blinken wie von Silber, auf das schwaches Licht fällt — der Fluß.
Ohne es zu wissen löst sich aus staubtrockener Kehle ein Schrei: Der Fluß, Wasser, Leben! Die Pferde rasen ohne Antrieb vorwärts.
Wie im Traum faßt das Auge die wechselnde Landschaft. Zwischen den blinkenden Kurven dunkle Flächen von Grün, Gras und Alfalfa, mehr geahnt als erkannt, Pappeln in Reihen aufmarschiert, die Schatten hoher Baumgruppen.
Inmitten der Wüste grünendes Leben, treibende Frucht.
Wir reiten zwischen Pappelreihen. Dahinter Weingärten, Obst, Früchte. Unter hohen Bäumen ein großes, weißes Haus, Schuppen, Ställe und ringsherum Gärten. Eine Oase in der Wüste nimmt uns auf.
Es ist kein anderer Boden, kein anderes Land als jenes, das wir durchritten haben, nur daß es der Zauberstab berührt hat, auf den das ganze Land wartet, um sich in ein Paradies zu wandeln — die segenspendenden, lebenschenkenden Fluten künstlicher Bewässerung.