19. Zukunftsland.
Wo der Rio Cayunco in den Neuquen fließt, treten die Berge im weiten Umkreis zurück und bilden mit ihren steil abfallenden Wänden einen mächtigen Felskessel. Eingeschlossen von dem toten heißen Gestein aber, an den Ufern der Flüsse, fruchtbares Land, das nur des Wassers bedarf, um jede Frucht zu treiben.
Es ist ein eigen Ding um die Sonne, die hier von einem Himmel von unendlicher Bläue herunterbrennt und deren Hitze die steinernen Mauern vielfach widerstrahlen. In wenigen Tagen färbt sie Gesicht und Hände, den offenen Hals und die bloßen Arme über ein Indianerrot zu einem tiefen satten Braun.
Sicherlich steigt hier die Quecksilbersäule auf die gleiche Höhe wie in Buenos Aires, ja selbst auf die Höhe, die ich im Dezember und Januar im Norden der Provinz Santa Fé stöhnend erlebte. Aber es ist eine andere Hitze. Es scheint eine andere Sonne. Die Luft ist in diesem Lande, das keinen Regen kennt, von einer Trockenheit, Reinheit und Klarheit, daß die Hitze nur wie ein köstlicher, warmer Hauch empfunden wird. Dazu sind die Nächte wundervoll frisch, fast kalt.
Wer hat von diesem Klima Neuquens gehört? Ich habe nur von unerträglichen Staubstürmen gelesen, und es bedarf wohl geraumer Zeit, bis man sich klar wird, daß dieses Wohlgefühl des Körpers von einem Klima herrührt, das dem Ägyptens ähnelt.
In der trockenen Glut dieses Felskessels reift eine Frucht von unendlicher Süße. Ich gehe durch die pappelumstandenen Weingärten der Estancia, die mir Gastfreundschaft gewährt. Schwer hängen grün und blau und rot die Trauben von den jungen Stöcken. Noch sind erst schüchterne Versuche gemacht worden, aus ihnen Wein zu keltern. Aber Lage und Boden müssen ein Produkt geben, das es mit jedem Wein des Rio-Negro-Tales aufnehmen kann. Anschließend strömen die Obstgärten unter kühlem Schatten einen betäubenden Duft aus. Die zehnjährigen Pfirsichbäume hängen übervoll. Hier und da sind besonders schwerbehangene Äste gestützt oder unter der Last der Früchte heruntergebrochen. Weiterhin Äpfel und Birnen, Pflaumen, aber auch Feigen. Auch mit Tabak sind die ersten Anbauversuche erfolgreich gemacht. Der Boden scheint alles zu tragen, was man in ihn pflanzt.
Schwierig ist die Verwertung. Zur Station sind zehn Leguas. Trotzdem werden Früchte nach Bahia Blanca verschickt. Das übrige dient für den großen Bedarf des Besitzers, seiner Familie und des Gesindes. Für den Winter wird in großem Maße Trockenobst bereitet, das man in einfacher Weise in der Sonne dörrt.
Die Obst- und Weingärten säumen Alfalfafelder, die fast bis an den Fluß reichen. Unter den Akazienbäumen des Hofes steht die Reinigungsmaschine, die den Samen von den letzten Unreinigkeiten befreit. Wie pures Gold rinnen die gelben Körner über die Siebe in die Benzinkannen, die als Meßgefäße dienen.
Keuchend bringen die Peone die schweren Säcke angeschleppt. Klappernd dreht sich die Maschine, und ein kleiner Indianerjunge streicht vorsichtig den Samen in den Latas, den Kannen, bis zum Rande glatt, damit das Maß genau stimme, und der Besitzer füllt über ausgebreitetem Segeltuch den goldenen Samen so sorgfältig in die zum Versand bestimmten doppelten Säcke, als handle es sich um wirkliches Gold. Für ihn ist es das auch. Trägt ihm doch jeder Hektar 500 Kilo Samen und rechnet er aus seinen wenigen hundert Hektaren auf einen Gewinn von 30000 bis 40000 Peso.
Mit Ausnahme der in der Nähe des Flusses liegenden Alfalfafelder empfängt das ganze Land Wasser mittels eines Kanals, der zwei Leguas oberhalb der Estancia vom Fluß abzweigt und durch ein System von Acequias Alfalfa, Obst und Wein bewässert.
Die ganze Anlage ist nicht älter als dreizehn Jahre. Um diese Zeit kam der Besitzer hierher, ein Spanier, der bisher einen Laden in Las Lajas hatte, kaufte um wenige Peso das wertlose Land und schuf in unermüdlicher, harter Arbeit das heutige Paradies.
Das Land ringsum, zum Teil Regierungsland, zum Teil Privatland, ernst um einen Pappenstiel gekauft, aber unverwertet gelassen, da seine unfruchtbare Dürre kaum Schafe und Ziegen ernähren würde, unterliegt denselben Bedingungen. Nur zwei Dinge braucht es, Arbeit und Wasser.
Wir reiten zum Fluß. Noch brennt die Mittagssonne. Langsam trotten die Pferde hintereinander auf dem schmalen Pfad durch die Alfalfa. Noch liegt ein leichter blauer Schimmer der absterbenden Blüte über dem grünen Feld. Doch die meisten Pflanzen hängen schon schwer unter dem überreichen Samen.
Ein breiter Streifen ungenützten Landes trennt das letzte Alfalfafeld vom Fluß, Überschwemmungsland. Denn noch ist ja der wilde Gebirgsfluß in keiner Weise reguliert, und Überschwemmungen drohen hier jede menschliche Arbeit zu vernichten. Sand und Kiesbank, grünumstandene Lagunen, Schilf, Gras und Buschwerk, durch das sich die Pferde kaum einen Weg bahnen können und das fast über unseren Köpfen zusammenschlägt, wechseln miteinander ab. Dann wieder das Kiesbett eines trockenen Flußarmes und Weiden in kleinen Gruppen. Die Sonne brennt auf unsere bloßen Arme. Über unsern Häuptern streicht ruhigen Fluges ein mächtiger Adler. In seinen Fängen windet sich lang herabhängend eine große Schlange.
Unsere Pferde saufen im Fluß. Man muß schon ein guter Schwimmer sein, um über den breiten reißenden Strom das andere Ufer zu gewinnen. Fast andächtig sehe ich auf die raschfließende Flut. Wie nutzlos vergeudetes Lebensblut verströmt sie. Nur ein winziger Bruchteil dieses lebenweckenden Elementes ist ja abgefangen. Statt Hunderte von Hektaren ließen sich Tausende und Zehntausende bewässern. Wir stehen hier am Anfang vielfältigen Werdens.
Vor den Hufen unserer Pferde schwirren immer wieder die Martinetes auf. Diese schmackhaften, hier nur allzu zahlreichen Vögel sind der einzige Feind der Kulturen, die weder Dürre noch Heuschrecken, noch Phylloxera noch irgendeine andere Reben- oder Baumkrankheit kennen. Aber wie der Weg höher hinaufführt, sandiger und steiniger wird, hören auch sie auf, und nur ab und zu huscht eine feiste Feldmaus vorüber oder ein putziges Gürteltier, das eiligst hinter einem Busch Deckung sucht.
Der Weg führt hoch oben am Rand der Felsmauern entlang, und man sieht weithin über das Land. Nur spärlich sind die grünen Flächen bebauten Landes oder die Baumgruppen, die menschliche Wohnung künden. Fast zufällig sind sie entstanden, indem da oder dort ein unternehmender Estanciero oder ein etwas weiterblickender Indio einen Kanal vom Fluß abzweigte.
Rasch wechseln beim eiligen Reiten Gedanken und Phantasien. Wenn hier planmäßig gearbeitet würde, wenn das Wasser der Flüsse nicht nur zu rationeller, groß angelegter Bewässerung genützt, sondern der regulierte Neuquen gleichzeitig als Transportstraße für den Absatz der Produkte dieses Landstriches verwendet werden könnte und sein Gefälle für den Antrieb elektrischer Maschinen, die ein weites Gebiet mit Licht und Kraft versorgten — da, das bäumende Pferd wirft mich fast aus dem Sattel. Grellgelb und schwarz züngelt dicht vor ihm eine Giftschlange auf. Die Pistole fliegt aus dem Futteral. Aber schon ist das Biest in einem Erdloch verschwunden. Die Gedanken sind plötzlich abgerissen. Noch ist hier ja Wüste, Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit. Wer hier als Ansiedler anfängt, läßt weit hinter sich alles, was Kultur und Zivilisation heißt. In weiter Ferne liegt die Verwirklichung der Möglichkeiten, die dieses Land birgt, es sei denn, daß zu den beiden, die Wüste in Garten wandeln sollen, zu Wasser und menschlicher Arbeit, ein drittes kommt — das Kapital.