20. Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis.
Am Cayunco.
Die Nebenflüsse des Neuquen vervielfachen die Möglichkeiten dieses Flusses der Gobernacion gleichen Namens. Wenn auch für Schiffahrtszwecke infolge des niedrigen Wasserstandes im Sommer nicht geeignet, so sind die Verhältnisse für künstliche Bewässerung hier stellenweise noch günstiger als am Hauptfluß.
Ich reite den Cayunco stromauf. Einige Leguas hinter der Mündung schließt sich das Tal zu enger Felsschlucht zusammen. Tief unten springt der Fluß über Felsblöcke. Aber noch hier oben am Wege ist der Stein seltsam ausgehöhlt, rundgewaschen und glattpoliert, zum Zeichen, daß manchen Winter übergroße Wassermassen die ganze Schlucht füllten.
Hinter der Enge öffnet sich ein weites Tal. Auf dem nördlichen Ufer rücken die Berge bis an den fernen Horizont zurück, während sie sich auf dem südlichen in sanftgewellte Hügel lösen.
Von Zeit zu Zeit künden grüne Flächen und Baumgruppen die Puestos von Indianern, die mit Hilfe primitiver Kanäle einige Hektar unter Kultur genommen haben.
Bei einer Ranchogruppe unter besonders hohen dichten Bäumen soll erste Rast gehalten werden. Allein statt der Indios, die wir um Mate, um Paraguaytee, angehen wollten, stoßen wir auf Männer, bei denen aller Sonnenbrand die mitteleuropäische Abkunft nicht verwischen konnte. Deutsche Laute nehmen den letzten Zweifel. Wir sind in einer deutschen Siedelung mitten in der Wildnis, an der Grenze der Republik.
Es sind junge Leute zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die der für Deutschland ungünstige Ausgang des Krieges aus ihrer Bahn geworfen hat: aktive Offiziere des Heeres und der Flotte, Marineingenieure, Staatsbeamte, aber auch Handwerker und Landarbeiter. Da sie nicht über viel Geld verfügten, blieb ihnen die Qual der Wahl, wo sie das Land kaufen sollten, erspart. Sie mußten sich mit billigem Regierungsland begnügen.
Ich habe einige Tage unter diesen Siedlern gelebt, und ich muß sagen, einfacher kann man nicht gut leben, aber auch kaum glücklicher und zukunftsfroher sein. Wohl waren einige Lehmranchos da. Aber da sie noch von ihren früheren Bewohnern her voll Ungeziefer saßen, nutzte man sie lediglich als Gepäck- und Geräteschuppen, und alles, einschließlich der einen Frau, die ihren Gatten in die Wildnis begleitete, schlief im Freien.
Es ist ein herrliches Schlafen unter dem freien strahlenden Sternenhimmel, wenn auch das Aufstehen in der empfindlichen Kühle nicht ganz leicht ist. Bereits vor fünf Uhr steht alles um das mächtig flackernde Feuer, auf dem der Siedler vom Küchendienst bereits den Morgenkaffee bereitete.
Um fünf Uhr beginnt die Arbeit. Der ehemalige Indianerpuesto, in dem sich die Siedler zunächst niedergelassen, hatte einen alten verwahrlosten Kanal. Den galt es zunächst in Ordnung bringen, um möglichst rasch einige Hektar Gartenland und Weide bewässern zu können. Dann mußte ein Potrero gebaut werden, der bereits fertig ist, und jetzt ist man an der Errichtung eines Kolonistenheims, um vor Eintritt der kalten Jahreszeit unter Dach und Fach zu sein und um vor allem auch für die übrigen Frauen, die teilweise auf benachbarten Estancien, teilweise noch in Deutschland sitzen, eine gute warme Unterkunft zu schaffen.
Steine für den Unterbau liefert eine hinter der Siedelung hochsteigende Felswand. Lehmboden zum Ziegelbrennen ist zur Genüge da, Kalk hofft man noch zu finden, und so brauchen nur Holz und Wellblech zugeführt zu werden. Einer der Siedler ist Architekt, nach dessen Plänen und unter dessen Leitung gebaut wird.
Es sind etwa zwanzig Herren, die unter der Leitung zweier argentinischer Landwirte, eines Kolonisationschefs und eines Capataz, den Grundstock zu einer Siedelung legen.
Manche der Siedler stammen aus angesehenen, wohlhabenden Familien, und sicher war der Sprung in so ganz andere Lebensverhältnisse und die Gewöhnung an schwere körperliche Arbeit nicht leicht, und das Zusammenleben so verschiedenartiger Elemente auf so engem Raume mußte zu Reibungen führen. Aber wie sich alle in der Zwischenzeit ein paar tüchtige, schwielige Hände zugelegt haben, so hatte ich auch den Eindruck, daß sich die übergroße Mehrzahl nicht nur mit dem neuen Leben abgefunden hat, sondern daß sie alle völlig in ihrer Arbeit und in ihrem Unternehmen aufgehen.
Es ist ein eigen Ding um die Arbeit auf eigenem Grund und Boden. Zehnmal so leicht ist sie wie für fremde Rechnung. Die Siedler haben sich zunächst zu einem Jahr unentgeltlicher gemeinschaftlicher Arbeit verpflichtet, und sobald wie möglich sollen dann die einzelnen Familien auf eigenen Losen angesiedelt werden und jede eine gewisse Anzahl Hektar Bewässerungsland bewirtschaften, während der übrige Kamp genossenschaftlicher Viehwirtschaft dient.
Sobald es Abend wird, kommen die einzelnen Gruppen von der Arbeit, die einen vom Steinetragen, die andern vom Roden, die dritten vom Kanalbau. Unter den Pappeln und Weiden sitzt man auf den selbstgefertigten Bänken, ein Stück knusprigen Bratens in der Hand.
Rasch sinkt die Nacht. Von dem verglimmenden Feuer steigt ein leichter blauer Rauch. Aus dem Potrero tönt das Läuten der Glocke der Leitstute der Tropilla, und in das Läuten der Glocke, in das Quaken der Frösche vom Fluß her und das Zirpen der Grillen und in all die unbestimmbaren Geräusche der Nacht in der Wildnis klingt immer wieder das Lachen der jungen Frau.
Man sitzt und erzählt. Einer hat sich schon zurückgezogen, und aus der Ferne klingt sein Geigenspiel. Schwermütige Weisen — wie könnt’ es anders sein.
Es war viel Hoffnungsfreude und Zukunftsglaube unter den Siedlern. Im Geiste stand bereits das Haus, blühte das Feld. Aber als ich nach Jahresfrist nach Argentinien zurückkehrte, da war die Siedelung eingegangen, an Kapitalmangel, an Streitigkeiten der Siedler. Sie alle waren auseinandergeflogen, und ein Teil vegetierte dahin in Elend und Armut.