21. Auf dem Cayuncohochland.

Am Cayunco.

Zwischen den beiden Nebenflüssen des Neuquen, dem Cayunco und dem Agrio, erstreckt sich als Wasserscheide ein mächtiges Hochplateau. Vom Fluß aus scheinen dessen steil abfallende Wände das Tal wie mit unübersteigbaren Mauern abzuschließen. Aber wie man mir sagt, führt ein Reitweg auf die Hochfläche hinauf, und da Hufspuren und vertrockneter Pferdemist untrügliche Spuren geben, reite ich allein eines Morgens los.

Endlos dehnt sich der Weg. Die scheinbar so nahen Felsmauern rücken immer wieder ein Stück in die Ferne. Es zeigt sich, daß oberhalb der leicht und einfach bewässerbaren Flußufer sich weithin eine zweite Stufe dehnt, teilweise Ebene, teilweise leicht gewelltes Land, die nicht minder Frucht und Alfalfa tragen könnten wie das Land am Fluß, wenn, ja wenn es gelänge, hierhin Wasser zu bringen. Allein mit den einfachen Mitteln des bisherigen Kanalsystems ist nicht daran zu denken. Dazu gehörten schon Stauwerke, großzügige Anlagen, Ingenieurarbeit.

Zwischen Zampabüschen, die noch bei größter Dürre und absolutem Wassermangel gedeihen, führt die Hufspur. Der Boden ist reich an Salpetersalzen. Stellenweise ist er weiß von ausgeschiedenen Kristallen, und einzelne Pflanzen sind von unten her ganz damit bedeckt. Die Kristalle kriechen an Wurzeln und Stengeln in die Höhe, so daß es aussieht, als verwandelten sie sich langsam in steinerne Blumen des Todes.

Eine Reihe trockener Flußbetten kreuzt den Weg. Dann schlängelt er sich längs der Felsen hin, bis eine Schlucht sich auftut und steil und steinig der Weg sich aufwärts windet.

Mühsam keucht das Pferd. Auf Meilen sind wir beide die einzigen Lebewesen. Sind wir’s wirklich? Dort, von dem Felsvorsprung, hebt sich eine seltsame Silhouette vom Himmel ab, ein seltsam geformter Stein, ein bizarrer Strauch, oder ist es wirklich ein Guanaco? Beim Näherkommen zeichnet sich deutlich das braune zottelige Fell ab, der unwahrscheinlich lange Hals, der lächerlich kleine Kopf des Tieres, das wie eine tolle Laune des Schöpfers wirkt. In seiner unbeweglichen Haltung sieht das Tier nicht anders aus wie einer dieser grotesken Auswüchse der Felsen, die bald Drachen, bald menschliche Köpfe oder tierische Leiber scheinen. Fast könnte man noch zweifeln, ob es wirklich ein lebendes Wesen ist. Da bekommt es Wind von dem nahen Menschen und zieht in eiliger Flucht ab.

Wie Blut und Feuer brennt in der Sonne der rote Fels. Die Augen schmerzen, bis der Rand der Hochfläche erreicht ist und das jetzt wieder alles überwuchernde matte Grün der Büsche wohltuende Ruhe gibt.

Aber zwischen den Büschen verschwindet der letzte Rest der Hufspur. In den leichten Senkungen des Hochplateaus versinkt der letzte Richtpunkt am Horizont. Nach rechts, nach links, nach vorn, nach hinten eine einzige, gleichförmig eintönige Fläche. Nur Sonne und Kompaß bleiben als letzte untrügliche Wegweiser.

In mühsamem Galopp geht es durch das dornige Strauchwerk. In die grenzenlose Verlassenheit zittert ein Sehnen nach etwas Großem, Befreiendem, nach einem Ende dieser verzweiflungsvollen Öde. Aber hinter jede eben überwundene sanfte Hügelkette schiebt sich eine neue. Mit einem Male, als die Stimme, die zur Umkehr mahnt, schon laut und vernehmlich geworden war, scheint es, als höben sich Vorhänge, und von der letzten Kimme aus öffnet sich berauschend weit der Blick ins Agriotal hinunter.

Einem Amphitheater gleich öffnet sich die weite Schlucht. Immer weiter treten Felskulissen zurück, braun und grau und rot, bis über Hänge und Stufen hinunter tief unten im Grund wie fließendes grünes Licht das gewundene Band des Agrio aufleuchtet. Nach West und Nordwest aber baut sich in horizontweiter Ferne unter der leuchtenden Last des ewigen Schnees der Fels der Kordillere in intensiv blauen und weißen Farben auf.

Unbestimmte Sehnsucht ist es, die durch brennend heißen Sand und Dornbusch bis zu jenen unerreichbar fernen Bergen treibt. Zwischen Busch und Stein formt sich wieder Hufspur, die durch Schluchten hindurch langsam wieder abwärts führt zu jener Stufe oberhalb des Cayuncotals.

Eben oder nur in sanfter Wellung zieht sich die Terrasse Leguas weit. Herrenloses Land, unnützes Land, trocken und dürr. Wer hier Wasser hinbrächte, wer hier Weide und Acker erschlösse, nahrungspendend für Tausende!

Vor dem Reiter flüchtende Schaf- und Ziegenherden künden die ersten Spuren menschlicher Siedelung. Es sind Indianerpuestos unten am Fluß zwischen Pappeln und Weiden.

Der Weg führt plötzlich steil und rasch abwärts. Der Fluß rückt dicht heran. Jetzt trennt nur mehr ein steil abfallender Hang den Pfad von seinem blauen Spiegel.

Hörige Indianerinnen im Cocal.

Weg im Fluß.

Prähistorische Mumien vom Andenhochland.

Bolivianischer Friedhof.

Der Weg scheint zu Ende. Die Hänge, die voll von Papageienlöchern sind, lösen Felsen ab, die dicht an den Fluß heranrücken. Zwischen Wasser und Stein bleibt kaum so viel Platz, daß das Pferd vorsichtig tastend seine Hufe setzen kann.

Auf einer Sandbank am Fluß endet der Weg. Kristallklar strömt die Flut. Durstig trinken Mensch und Tier. Hinter dem über den Wasserspiegel Gebeugten knirscht der Kies. Ein Mensch ist aus den Felsen herausgetreten, sonngebräunt, verwildert, mit langem Bart und Haar. Einen mächtigen Kasten und ein Stativ hält er in den Händen. Weiß Gott, ein Nivellierapparat! — Es ist ein Vermessungsingenieur. Seit Wochen haust er hier in menschenfernster Einsamkeit, häuft meterhohe Steinpyramiden zu trigonometrischen Punkten und mißt das Land, das selbst auf den neuesten Regierungskarten nur eine weiße Fläche ist.

Er führt mich zu dem Indianerpuesto, wo er ißt und schläft. Hier kredenzt die braunhäutige Señorita den Mate, den in Argentinien üblichen Paraguaytee. Neben dem alten Indianer, der nicht lesen noch schreiben kann, der nichts kennt als seine Pferde und Schafe, sitzt als Gast und Hausgenosse der akademisch gebildete deutsche Ingenieur und ehemals königlich preußische Staatsbeamte, benutzt zum Trinken dieselbe Bombilla, das Röhrchen mit einem Sieb am untern Ende, und spricht mit dem Indio als Caballero zum Caballero. Der in Europa so ganz andere Verhältnisse gewöhnte Fremde muß immer wieder über die natürliche, kavaliermäßige Sicherheit staunen, mit der sich auch der einfachste Ureinwohner dieses Landes bewegt, und über das über alle sozialen Unterschiede hinwegleitende chevalereske Verhältnis gegenseitiger Höflichkeit und Achtung zwischen Patron und Peon.

Wie ich die beiden nebeneinander sitzen sehe, steigt mir eine Zukunftsvision dieses Staates auf, in dem sich aus den größten Gegensätzen des Klimas, des Bodens und der Menschen langsam und fast unmerklich ein neues Land und eine neue Rasse formen.