27. Copihue.

Oh Copihue, oh Copihue,

En la paz de la selva dormida

Simbolizas la raza hecha flor.

(Aus „La Flor Nacional de Copihue“.)

Dampfer „Taltal“ im Pazifik.

Es sind andere Bäume und sie tragen andere Namen — roble, quila, alerce —, die die dichten Wälder Südchiles bilden, aber oft könnte man doch meinen, es sei deutsches Land, schwermütiger, träumerischer deutscher Wald.

In diesem Wald hängt fremdartig wie ein Märchen die Blume, die Chiles Volk sich als Nationalblume erkor: die Copihue. In dichten Dolden schlingt sie sich um die Äste und tropft in schweren roten Blüten herab mit langen, schmalen, purpurnen Kelchen gleich Tropfen heißroten Blutes, die langsam und schwer aus tödlich getroffenem Herzen sickern.

War es die Erinnerung an die mit Blut geschriebene Eroberungsgeschichte ihres Landes, welche die Chilenen diese Blume zur Lieblingsblume wählen ließ? Oder ist sie dem Andenken des tapferen stolzen Volkes geweiht, das den Spaniern den zähesten Widerstand in ganz Amerika entgegenstellte, den sie erst nach unerhörtem Kampfe besiegen konnten, eigentlich erst nachdem sie seine Kraft durch den Alkohol gebrochen, und dessen Überreste jetzt einem tragischen Ende entgegengehen?

Auf dem Marktplatz von Temuco sieht man die ersten Araukaner. In der sonst so biederen, sauber blanken Stadt wirken die kleinen schwarzen Gestalten wie ein Faschingsscherz. Der Mann im bunten Poncho, die Frau mit Stirnbinde, Bänder in den straffen schwarzen Zöpfen, und die ganze Bluse mit reichem Silberschmuck behängt. Es sind keine schönen Frauen und Mädchen, aber sie haben märchenhaft kleine, schmale Hände und Füße.

Auf dem Wege, der von Las Casas hereinführt, begegnet man ihnen in langen Zügen, wie sie auf uralten Ochsenkarreten, mit Baumstammscheiben als Rädern, ihr Gemüse und Korn nach der Stadt fahren. Oft der Mann hoch zu Pferd, die Frau lastenbeladen, mit ihren kleinen Füßen im Schlamm daneben trippelnd. In den Straßen von Santiago sieht man die gleichen kleinen Hände, die gleichen Füße, die gleichen Züge, wie sie der Mann auf dem Pferde hat. Fließt doch ein gut Teil araukanisches Blut im heutigen chilenischen Volk, und es sind nicht die schlechtesten Eigenschaften, die die Chilenen der araukanischen Blutmischung danken.

Sie haben es ihnen schlecht vergolten. Die Araukaner, die eigentlich nie ganz unterworfen waren, wurden mit List und Gewalt um ihren Besitz gebracht. Es gab eine Zeit, wo es ein einträglicher Sport war, Araukaner betrunken zu machen, um ihnen dann in der Trunkenheit um ein Spottgeld ihr Land abzunehmen. Leider blieben auch die eingewanderten Deutschen daran nicht unbeteiligt, und mancher deutschchilenische Millionär in Osorno und Valdivia dankt solch unsauberem Landgeschäft seiner Vorfahren Besitz und Stellung.

Endlich besann sich die chilenische Regierung darauf, welch wertvolles Volkselement sie in den Araukanern besaß. Es wurden Vormunde für die Indianer eingesetzt und Geschäfte mit den Indianern ohne deren Zustimmung für ungültig erklärt. Zu spät! Überdies kehrte man sich vielfach nicht an die gesetzlichen Bestimmungen, und um für alle Fälle sicher zu sein, überfiel man die Indianer und schlug sie einfach tot. Die Rasse stirbt.

Bayerische Kapuziner sind es, die sich ihrer Rettung gewidmet haben. Draußen in Las Casas ist ihr Stammhaus. Schon sieht man ihre Spuren. Die Straße, die bisher ausgefahren, voller Löcher, unergründlich war, wird mit einem Male eben und glatt. Ein sauberer Zaun. Dahinter ein Blumengarten, dann Kirche und Kloster.

Ein Pater in wallendem Bart führt uns. Alles ist selbstgebaut, gezimmert, gemauert, gepflanzt. Die Kirche, der geschnitzte Altar, selbst die Orgel und ebenso Gemüsegarten, Bienenhaus und Stall.

Die Indianermission der Kapuziner nimmt unentgeltlich so viele Araukanerjungen auf, wie sie unterbringen kann. Sie lernen lesen, schreiben und rechnen und sie lernen vor allem Spanisch. Der Unterricht ist nicht einfach, denn keiner der Jungen kann etwas anderes als Mapuche, die Sprache der Eingeborenen. Und es sind sonderbare Klassen; denn neben Achtjährigen sitzen Achtzehnjährige auf der gleichen Bank.

Neben dem Schulunterricht geht der Handfertigkeitsunterricht. Einer der Fratres ist Tischler. Er hat eine große Werkstatt eingerichtet mit Drehbank, Hobelmaschine und Bandsäge. Bis auf die Eisenteile alles selbstgebaut. Sein Stolz ist ein deutscher Sauggasmotor, der die Werkzeugmaschinen und daneben die Dynamomaschine für die Lichtanlage treibt.

Andere Knaben werden als Lehrer ausgebildet — die Indianermission ist weitverzweigt — und in der untersten Klasse unterrichtet bereits ein junger Araukaner.

Die Patres sind voll Stolz, und sie können es auch sein, auf die Kulturarbeit, die sie geleistet. Allein ich werde ein Gefühl drückender Trauer nicht los. Die Klänge der „Copihue“, der Hymne auf die Blume, die die sterbende araukanische Rasse verkörpert, wehen mir durch den Sinn.

In Santiago im Konzertsaal hörte ich sie. Der Komponist dieser echt chilenischen Musik ist übrigens ein Deutscher, ein ehemaliger Hof- und Kammersänger, der Commendatore Oberstetter von der Münchener und Wiesbadener Oper. Der Krieg überraschte ihn in Brasilien. Er schlug sich tapfer durch ganz Südamerika durch, überall deutsche Musik hinbringend, und so hat er vielleicht besser deutsche Propaganda gemacht, als manche vom Auswärtigen Amt betriebene war, die Unsummen verschlang.

Tu que sabes de sangre vertida,

Tu que viste la lucha potente.

Die du weißt von vergossenem Blute,

Die du sahst den verzweifelten Kampf.

Der hinreißende Marschrhythmus zuckt mir im Blut, wie ich dem jungen Araukanerlehrer zum Abschied die Hand drücke. Auch in seinen Adern brennt noch die Flamme, die seine Vorfahren gegen die spanischen Feuerschlünde anreiten ließ. Uralte Rhythmen! Sangen sie nicht auch uns im Blute, als wir bei Gorlice stürmten, als wir über die Berge am Isonzo in Italien einbrachen, als die letzte tragische Schlacht in Frankreich anhob?

Künstliche Züchtung hat das ursprüngliche Blutrot der Copihue in fleckenloses Weiß gewandelt — die Reste der Araukaner haben ihren Frieden mit den Eroberern gemacht. Die Überlebenden gehen langsam in der Rasse des Siegers auf. Die Copihue der schweigenden Wälder weiß von keinen furchtbaren Schlachten mehr zu erzählen.