28. Längs der Küste nach Nordchile.
Dampfer „Taltal“ im Pazifik.
Die täglich wachsende Teuerung der Lebenshaltung bezeichnet den Weg vom Süden Chiles nach dem Norden des Landes. Im regnerischen Süden Überfülle an Frucht, so groß, daß jedes Jahr gewaltige Mengen nutzlos verfaulen. Im regenlosen Norden absoluter Mangel, so daß jeder Zentner Mehl, jeder Sack Kartoffeln, jeder Korb Äpfel vom Süden nach dem Norden geschafft werden muß.
Allein trotzdem liegt das wirtschaftliche Schwergewicht des Landes im Norden. Hier dehnen sich in trostlos dürrer Pampa die Salpeterlager, auf deren Ausbeute der Reichtum, ja überhaupt die ganze Finanzwirtschaft des Landes beruht.
Meinen ursprünglichen Plan, auf dem Landweg nach Antofagasta zu fahren, konnte ich nicht ausführen, denn seit einiger Zeit fährt die Longitudinalbahn wegen Kohlenmangel nicht mehr. Der große Streik im Kohlenrevier von Concepcion nötigte die Eisenbahnverwaltung, Zug um Zug einzustellen, und man kann froh sein, noch gute Zugverbindung auf der verkehrsreichen Strecke nach Valparaiso zu finden, wo der Dampfer nach Antofagasta bestiegen werden soll.
Nach Überschreitung der Küstenkordillere führt die Bahn plötzlich ans Meer, und an den reichen Villen des Seebades Viña del Mar vorbeigleitend baut sich unmittelbar das Panorama Valparaisos überwältigend auf. Die Stadt scheint zwischen dem blauen Pazifik und den steilen Felsen kaum Platz zu haben, und so klettert Haus um Haus terrassenförmig die Felsen hoch. Einige Straßen sind asphaltiert, andere muß man bergmäßig über Geröll und Gerinne ersteigen, und an Regentagen mögen sie sich in wahre Sturzbäche wandeln, wie die Sandsacksicherungen vor den Fenstern an der Rückseite der gegen den Fels gelehnten Häuser zeigen.
Valparaiso ist nichts als Hafen, Stadt am Meer, im Meere fast. Stadt der Reeder, Stadt der Großkaufleute. Mochte im Weltkrieg, als der Verkehr durch die Magalhãesstraße aufgehört hatte und die Nordamerikaner den Panamakanal gesperrt hielten, hier auch vieles tot gelegen haben, heute ist es auf der offenen Reede, deren unbeweglicher Bläue man an stillen Tagen nicht ansieht, wie gefährlich hier der „Norder“ wüten kann, voll von kommenden und gehenden Schiffen. Fast jede Woche geht einer der großen Passagierdampfer durch den Panamakanal nach Europa oder den Vereinigten Staaten, und außerdem gibt es einige chilenische Dampfergesellschaften für den Lokalverkehr.
Die Zeiten sind gut für die Dampfergesellschaften. Der „Taltal“, der kleine schmucke Dampfer, von dessen Heck die chilenische Flagge weht und dessen tadellose Sauberkeit überrascht, liegt mit vielstündiger Verspätung noch immer im Hafen, als längst der volle Mond, einer riesigen Bogenlampe gleich, über der Bucht hochgezogen war. Kisten auf Kisten, Faß auf Faß, Alfalfabund auf Alfalfabund, und noch immer ist die Hauptladung noch nicht eingenommen, liegt in großen Prahmen wartend längsseits des Schiffes: einige hundert Kühe und Ochsen, die nach Antofagasta sollen.
Bei so viel Ladung bleibt für die Menschen kein Platz. Freilich die erste Kajüte mit bequemen Kabinen, Rauch- und Damensalon ist kaum halb voll. Aber die Zwischendecker werden von Fracht und Vieh immer enger zusammengepreßt. In dem Raume, der sonst bei jedem Schiff als Zwischendeck dient, steht in langen Reihen Ochse an Ochse, und immer mehr kommen vom Kran hochgezogen brüllend und strampelnd durch die Ladeluke in den Raum hinunter. Auf- und übereinander drängen sich die Tiere, die Ladeluke wird noch voll gestellt, und von den Peonen mit ihren Frauen und Kindern, die sich unten ein warmes Plätzchen sichern wollten, muß eins nach dem andern aufs offene Deck wandern, wo bereits eine Schicht Männer, Frauen und Kinder so enggedrängt aneinanderliegt, daß man kaum den Fuß dazwischen setzen kann. Auf dem breiten, bequemen Promenadedeck der ersten Kajüte schlendern ein paar einsame Nordamerikaner auf und ab.
Wie eine hohe Festungsmauer, die jedem Fremdling den Weg wehren will, baut sich die Küstenkordillere längs des Meeres auf, steil, steinig und unfruchtbar. Ein unfruchtbares, unzugängliches Land von Fels und Stein täuscht sie vor, und die Überraschung der ersten Spanier muß groß gewesen sein, hinter dieser Küstenmauer das frucht- und blütenreiche Längstal zu entdecken.
Allerdings wird diese reiche Vegetation immer spärlicher, je weiter man nach Norden kommt. In Coquimbo, wo der Dampfer am nächsten Tag gegen Abend einläuft, scheint das reiche Mittelchile im Elquital noch einen Ausläufer zu entsenden. Zwar die Felsen sind hier nicht weniger steinig drohend und laufen längs des Kammes in so scharfe Zacken aus, daß diese fast Baumwuchs vortäuschen. Allein die Dutzende von Booten mit Früchten, die ein Wettrudern nach dem Schiff veranstalten, zeigen an, wie gesegnet das Elquital ist.
Im Handumdrehen wimmelt das ganze Deck. Früchte werden ausgebreitet, unter den Zwischendeckern werden ganze Speiseanstalten aufgetan, aus großen Kesseln wird Hühnersuppe verteilt, einen Peso der Teller, gierig gekauft von den Zwischendeckern, deren Verpflegung nur dünne Bohnensuppe bildet. Dazu Früchte, Früchte in großen Mengen, Früchte, die man nicht kennt, die wie Mischung von Zitrone und Melone schmecken, oder mehr wie Gurke oder Kürbis.
Früchte und Überfluß an Lebensmitteln zum letztenmal. Am nächsten Tag in Taltal kommt kein Boot. Die kurzen, staubigen Straßen des kleinen Städtchens enden nur zu bald in Stein und Wüste. Dankt doch dieses selbst seine ganze Existenz nur dem Salpeter, der im Hinterland gefunden wird.
Copacabana am Titicacasee.
Kirche auf dem Ruinenfeld von Tiahuanacu.
(Aus den Steinen der uralten Tempelbauten errichtet.)
Wüste von Stein, Sand, Geröll. Gut paßt dazu der ölige Schimmer von vergossenem Petroleum, der vor dem Städtchen auf dem Wasser schwimmt. Die meisten Dampfer entnehmen hier den großen Tanks nordamerikanischer Petroleumfirmen den flüssigen Brennstoff für ihre Kessel. Zwischen Felsspalten führt die Röhrenleitung zum Strand, läuft auf schmutzigem Eisensteg ins Meer hinaus, um in dicke Schläuche zu münden, die auf Flößen schwimmend in Windungen wie eine riesige schmutzige Seeschlange sich längsseits des Schiffes schlängeln.
Wie eine Zwingburg haben die Yankees die riesigen Tanks vor Taltal aufgepflanzt, dessen Salpeterwerke bisher in deutschem Besitz waren. Eine von den drei großen Gesellschaften ist drauf und dran, in Yankeehände überzugehen. Oben im Rauchsalon auf dem Promenadedeck sitzen die Nordamerikaner beieinander, die in der ersten Kajüte dominieren. Abgerissene Worte wehen durch den Raum: „Wir kriegen das ganze Salpetergeschäft noch in die Hand.“
Vorn auf dem Deck liegen eng gedrängt und schlechter untergebracht als das Vieh die ursprünglichen Herren des Landes, die eingeborenen Chilenen, gute, willige Arbeiter von Haus aus.
In dem engen Gang, der an der Maschine vorbei zur Kajüte führt, hockt eine Reihe Peone beisammen und saugt gierig den Duft der Speisen, die an ihnen vorbei in die erste Kajüte getragen werden. Da tritt zu den teilnahmslos Kauernden einer im schmutzigen Poncho, lang und hager, struppiger Stoppelbart. Unruhige Augen stechen unter einer blauen Schirmmütze hervor. Er redet heftig, eindringlich, mit eindrucksvollen Gesten. Bald hat sich ein dichter Kranz um ihn gebildet; in die bisher teilnahmslos blickenden Augen kommt Leben. Und es ist, als laufe ein Funke durch all die Reihen abgearbeiteter, abgerissener Männer, ein gefährlicher, aber auch leuchtender, strahlender Funke. — In der aufkommenden See stampft und schlingert schwer das kleine Schiff. Oben im Rauchsalon trennt man sich von flaschenbedecktem Tisch. Ein behagliches „Good Night“ verweht in der Luft.