30. La Pampa Salitrera.
Peineta.
Gesellschaft zur Erforschung der Wüste (Compañía Exploradora del Desierto) nannte sich die erste Salpeterkompanie, die im Jahre 1866 von der bolivianischen Regierung eine Konzession auf fünf Quadratleguas erhielt. — Desierto! Wüste! der Name paßt besser als das euphemistische „Pampa“. Wer die argentinische Pampa kennt, denkt bei diesem Namen doch auch im ungünstigsten Falle mindestens an Steppe, die genügsamen Schafen Nahrung bietet. Die chilenische Pampa aber ist Wüste im reinsten Sinne des Wortes, ein Grauen von Öde und Unfruchtbarkeit.
Man ist mitten in ihr, sobald man den Bannkreis der Stadt Antofagasta und ihren hochgelegenen Friedhof verlassen, dessen Boden aus Zement besteht, zwischen dem einige kümmerliche Bäume hochgepflegt werden. Eine steile Rampe den Berg hinauf — zwei Lokomotiven mühen sich schnaufend —, und noch ein letzter Blick auf das blaue Meer, und dann ist man in einer Rinne von Schutt und Geröll.
Eine Landschaft von trostloser Öde, der selbst die Grandiosität der Öde fehlt. Nicht der winzigste Halm, nicht das leiseste Grün. Nicht das mindeste Insekt, nicht der armseligste Wurm könnte hier leben. Es ist nicht einmal starrer, festgewachsener Fels, der die Landschaft bildet. Alles scheint Geröll, Schutt, Staub, Schmutz!
Es ist jetzt Winter. Aber man sieht Tropenanzüge und weiße Kleider, und die stechende Sonne erinnert an qualvoll heiße Tage im sommerlichen Buenos Aires. Wie muß es hier im Sommer sein! Und keinen Schutz vor der Sonne als das brennend glühende Wellblechdach. Zu beiden Seiten des Bahndammes schwärzlicher Staub, als hätte die Lokomotive hundert und mehr Meter breit das Land verrußt, dann Sand in hellerer Färbung bis zu den brüchigen Bergen, die, mehr und mehr zurücktretend, eine weite, öde Hochebene öffnen.
Die Berge, bald ferner, bald näher, das ist der einzige Wechsel in der Melodie von Monotonie, die die längs des Zuges stehenden Telegraphenstangen und Wellblechbaracken der Streckenarbeiter singen. Eine niederdrückende Landschaft. Jeder Vergleich für sie fehlt. Am ehesten gewinnt man eine Vorstellung von ihr, wenn man sich die Schutt- und Schlackenhalden der Industriereviere ohne Abwechslung unabsehbar aneinandergereiht denkt.
Wer von Salpeterfeldern liest, denkt leicht an weißschimmernde, glänzende Fläche — ich selbst erinnere mich, solche Beschreibung gelesen zu haben —, aber nur in den seltensten Fällen ist der Caliche, das Mineral, aus dem der Salpeter gewonnen wird, so hochprozentig, 50 bis 70 Prozent, daß es im weißen Glanz schimmert, und so bleibt der Charakter der Landschaft schmutzig-eintönig, auch als der Zug jetzt mitten durch die Salpeterregion fährt.
Jede Wüste hat ihre Oasen, auch die Salpeterwüste kennt sie. Allein es sind künstliche, von Menschenhand geschaffene. Statt Palmen Essen, statt blauer Lagunen und Teiche die dampfenden offenen Kessel, in denen der Caliche kocht, statt weißer, kühler Häuser die öden Wellblechcampamentos der Arbeiter. Kaum ein wenig Grün im Hofe des Administratorhauses. Das sind die Oasen der Salpeterwüste, die „Oficinas“, wie sie genannt werden.
Am Horizont, bald näher, bald ferner, tauchen sie jetzt immer zahlreicher auf. Es sind die Forts, die der Mensch in die Wüste gebaut hat. Dazwischen ein Schlachtfeld aufgerissenen, durch Pulver und Dynamit zerstörten Bodens, dem das kostbare Mineral entnommen wird. Geleise, Rampen, Feldbahnen, rauchende Lokomotiven und stöhnende Mulas vor schwerbeladenen Karren. Aber alles weit verstreut in der Wüste, in einer braungelben Öde, über die sengend und blendend die Sonne brennt.
Ab und zu hält der Zug, wo eine Zweigbahn zu einer Oficina führt. Da steht eine Wellblechbaracke als Station. Aber es gibt auch größere Stationen, wo eine ganze Zeile Häuser steht. Das sind die Städte der Pampa. Hier gibt es „Hotels“, „Restaurants“, Kinos, Läden und vor allem Kneipen, in denen der Arbeiter seinen Wochenlohn verspielen und vertrinken kann. Es sind buntgestrichene Häuser — aus Wellblech natürlich — mit pompösen Namen, die in der öden, durchglühten Wüste wie grell geschminkte, alternde Dirnen erscheinen. Und man weiß nicht, was erschütternder wirkt: ihr Anblick oder der der Gräber, die man nicht allzu selten längs der Bahn sieht, Gräber, wie im Felde: ein flacher Hügel mit einfachem Holzkreuz und davor ein Strohkranz oder ein Radreifen, wenn es nur etwas Rundes ist.
An beiden vorbei aber rollen Tag für Tag die Züge, die endlos langen Züge mit den schweren Säcken — so schwer, daß ein Mann sie keuchend gerade tragen kann — voll des weißglänzenden Minerals, dem die Chilenen bisher Steuerfreiheit und glückliche Aktienbesitzer in Valparaiso, New York, Paris oder London ein verschwenderisches, sorgenloses Leben verdankten.