31. Oficina.
Peineta.
Seltsam, daß im Süden wie im Norden Chiles die Landschaft an die Schlachtfelder in Frankreich erinnert. Gleicht der Süden mit seinen verkohlten Baumstümpfen zwischen den Feldern Gegenden, in denen nach mörderischer Schlacht neues Leben erblühte, so ähnelt die Salpeterwüste des Nordens jenen unglücklichen Landstrichen von Ypern und an der Somme, in denen der Eisenhagel die Eingeweide der Erde um und um wühlte.
Calichera, Salpeterfeld! — Heißer Stein, heiße Arbeit! Ein halbes bis ein Meter tief liegt der Caliche, das kostbare Mineral, unter taubem, wertlosem Gestein. Sprenglöcher werden gebohrt, mühsame, wochenlange Arbeit mit Schlegel und Eisen, mit selbstbereitetem Schwarzpulver gefüllt — Salpeter gibt es ja genug, Schwefel liefern die nahen Schwefelfabriken, Kohle die Bahn — und gesprengt. Die hohen, schwarzen Rauchwolken inmitten all der Sprengtrichter vollenden den Eindruck des Schlachtfelds.
In den heißen Kesseln der Sprengtrichter, die sich bald schützengrabenartig aneinanderreihen, geht die harte Arbeit des Losbrechens und Zerkleinerns des Caliche weiter. Das Mineral ähnelt in Form und Farbe dem es deckenden Stein. Der Laie vermag einen vom andern nicht zu unterscheiden, und auch der Aufseher bedarf der brennenden Lunte, um den Salpetergehalt des zu brechenden Minerals zu prüfen.
Ist es hoch salpeterhaltig, so brennt der Stein mit heller, sprühender Flamme, während der geringwertige kaum trübglimmende Funken gibt.
Hart poltert der gebrochene Stein in die von Mulas gezogenen Karreten. Im Galopp zur Rampe. Von da mit der Kleinbahn zur Oficina, der Salpeterfabrik. Jede Oficina baut sich auf wie eine Burg. Auf ihren Zinnen stürzt der Caliche aus den Kipploris in die Brecher und Mühlen, die ihn zerkleinern und mahlen, bis ihn ein Förderwerk in die „Cachuchas“ leitet. Cachuchas sind rechteckige, offene Kessel, wie riesige Badewannen, die, von Heizschlangen durchzogen, in langen Reihen aufmarschieren. Einige frisch gefüllt, kaum daß aus der Steinschicht die ersten unheimlichen Dämpfe aufsteigen, andere in vollem, brodelndem Kochen, schwadenumwallt. Bisweilen ist alles in beizenden Qualm und Rauch gehüllt, durch den man halbnackte Gestalten mit langen Eisenstangen in den Händen springen sieht. Manch einer fiel unvorsichtig ausgleitend in die siedende Brühe. Längs der Bahn sind genug Gräber.
In kochendem Sud löst sich der Salpeter aus dem Stein. Die wertvolle Lösung wird in die „Chulladores“ geleitet, während der schlammige Rückstand, der „Ripio“, durch geöffnete Bodenklappen in Loren fällt, die ihn auf die Halde führen. Doch auch der Ripio ist nicht wertlos. Er enthält noch Jod, und vor allem Wasser, das man ablaufen läßt und in grünlich-schmutzigen Becken sammelt.
Wasser! Das ist ja die große Not in der Salpeterwüste. Der Prozeß erfordert viel Flüssigkeit, und jeder Tropfen kommt meilenweit in langen Rohrleitungen von der Kordillere her. Die Tonne Wasser kostet anderthalb Peso, und ein mittelgroßes Werk verbraucht im Monat für 14000 Peso Wasser. So sucht man im ganzen Arbeitsprozeß Wasser zu sparen, und auch im Campamento ist der Wasserbedarf kontingentiert. Heiße Wüste und Wasserknappheit!
In den Chulladores setzen sich Fremdkörper aus der Flüssigkeit ab, und die konzentrierte Lösung wird in die Bateas geleitet. Die Bateas sehen aus wie die Klärbecken eines Wasserwerkes, offene, eiserne Tanks, quadratisch aneinandergereiht. Hier kristallisiert in zwei bis drei Tagen der Salpeter aus. Und jetzt erst bekommt er seine schöne glänzend weiße Farbe. Die Tanks voll fertigem Salpeter glitzern gleich Schatzkammern märchenhafter Schätze. Am Fuß der Bateas waten die Arbeiter, die den Salpeter in Säcke füllen, wie in silbernem Schnee.
Schätze! Sie zahlen nicht nur den ganzen teueren Apparat in der Wüste, wo der Unterhalt jedes Menschen drei, jedes Tieres sechs Peso pro Tag kostet, sie zahlen nicht nur die Steuern des Landes, sie geben auch reichen Überschuß.
Eine Oficina produziert im Monat 70000 Quintal (zu 46 Kilogramm), die Provinz Antofagasta allein 3,5 Millionen. Wie Kraken wandern die Oficinen über das Land, reißen den Boden auf und lassen wild zerfleischtes Land zurück. So geht es Jahrzehnt um Jahrzehnt. Die noch jungfräuliche Calichera aber ist noch unabsehbar, auf unbegrenzte Zukunft deckt sie den Weltbedarf. Auf dem Salpeter beruht Chiles Existenz; aber eine Gefahr steigt unheilvoll am Horizont auf: die fortschreitende Vervollkommnung in der Gewinnung künstlichen Salpeters; sie droht Chiles Weltmonopol zu zerstören und damit die Wirtschaft des Landes schwer zu schädigen.