32. Pampinos.
Calama.
Wir standen unter der Tür des Administratorhauses und sahen auf das Werk. Seine Lichterreihen bauten sich terrassenförmig auf, und darüber hoben sich vom sternklaren Nachthimmel die rauchenden Essen ab.
„Wie ein Schiff“, meinte nachdenklich der Administrator.
„Ja, wie ein Schiff.“ Ich mußte an die lange frauenlose Männerrunde der Beamten und Ingenieure denken, die immer die gleiche blieb, die nie wechselte. Immer die gleichen Gesichter, immer die gleichen Arbeiten, und kaum einmal im Jahr ein paar Tage Urlaub nach Antofagasta.
„Der Unterschied ist nur der,“ fuhr der Leiter des Werkes fort — er war vor dem Kriege als Kapitän zur See gefahren, und das Kriegsschicksal hatte ihn in die Pampa verschlagen —, „ein Schiff legt an, ein Schiff wechselt Ladung und Passagiere; wir aber, wir liegen ewig am gleichen Fleck im Ozean vor Anker.“ Das Werk lag jetzt wirklich wie ein phantastisches Schiff in der Wüstennacht. Unendlichkeit von Wüste und Himmel, gleich ewig, gleich drückend, gleich grausam.
„Noch ein paar Jahre als Pampino, dann —.“ Wir gingen zum Whisky zurück ins Haus.
Pampino, Pampabewohner, es ist ein eigener Menschenschlag. Allein, wenn sich Werkleiter und Beamte auch dazu rechnen, wenn man ihn wirklich und echt kennenlernen will, den „Pampino“, muß man ins Campamento, ins Arbeiterlager, gehen.
Ich habe als Student im Industrierevier gearbeitet, vor dem Hochofen, im Stahlwerk, im Walzwerk, und dieses Land von Ruß und Feuer, von Schlackenhalden und Essen schien mir seitdem das grauenvollste, die Arbeit als Hüttenarbeiter die schwerste und freudloseste. — Es war ein Irrtum. Die Salpeterpampa ist schlimmer. Wohl gibt es auch in europäischen Kohlen- und Eisenrevieren Arbeiterkasernen. Aber oft sind es freundliche Häuser mit Gärtchen. Es gibt doch Bäume, andere Häuser als Wellblechbaracken, andere Menschen als die täglichen Arbeitskameraden. Man kann in die Stadt gehen oder schließlich an Sonntagen auch ins Freie, ins Grüne.
Das Campamento — zwei Reihen Wellblechbuden, eine wie die andere, primitiv aus Blechtafeln zusammengesetzt. Vorne ein Wohnraum, dann durch eine kaum mannshohe Zwischenwand abgetrennt ein Schlafraum, dahinter ein Hof, gleichzeitig Küche, Vorratsraum, Rumpelkammer und alles übrige. Freilich, man kann die Unterkunft primitiv halten in diesem Landstrich. Es regnet ja nie. Aber das Wellblech gibt auch in gleicher Weise der sengenden Glut des Tages wie der beißenden Kälte der Nacht Zutritt.
Campamento und Werkleitung, das ist Todfeindschaft. Wie die Dinge liegen, künden auf den ersten Blick die schweren, eisernen Gitter, die doppelten Läden und die eisernen Querbalken, die in wenigen Augenblicken Verwalterhaus und Beamtenwohnungen in starke Festungen verwandeln können. Und dann ist gar nicht weit die Carabinerostation, zu der eine direkte Telephonleitung führt.
Dem Salpeter dankt Chile seinen Reichtum, aber auch die Verschärfung seiner sozialen Frage. Gewiß, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit durchzieht die ganze Welt. Er muß auch in der Pampa zum Ausdruck kommen, ob aber in dieser scharfen, erbitterten Form? Man hört von gestürmten Oficinen, von erschlagenen Werkleitern, von Plünderungen, aber andrerseits auch von Gewalttaten gegen streikende Arbeiter, von ganzen Belegschaften, die von den Carabineros einfach in die Wüste getrieben wurden. In die Wüste, in der kein Halm wächst, in der kein Tröpfchen Wasser zu haben ist, wo die Sonne erbarmungslos sticht.
Man sagt mir, der Arbeiter verdient gut. Aber was sind 8, 10 oder selbst 12 Peso im Tag für die Arbeit und das Leben, das er führen muß? Dabei braucht ein Mann für das nackte Leben im Tag zweieinhalb bis drei Peso. Und alles, was der Arbeiter und seine Familie benötigt an Nahrung, Kleidung, Hausgerät, muß er in der Pulperia, der Werkkantine, kaufen, und die Werkleitung setzt die Preise fest.
Jede Oficina gibt ihr eigenes Geld aus, aus Kautschuk geprägte Fichas. Sie hinterlegt dafür eine gleichwertige Summe in Bankbilletten bei der Nationalbank. Das Kautschukgeld ist handlich und praktisch, aber auch sein sonstiger Zweck liegt auf der Hand. Es hat nur in der Salpeterzone Kurswert. Und dann: „Wenn die Arbeiter die Kasse stürmen,“ meinte der Zahlmeister zu mir, „so ist eben nicht viel verloren; die betreffenden Fichas werden dann einfach für wertlos erklärt.“ Zu ihrer Charakterisierung genügt schließlich, daß ihre Abschaffung ein Programmpunkt der radikalen Partei ist, die jetzt mit dem neugewählten Präsidenten Arturo Alessandri in Chile zum erstenmal zur Herrschaft gelangt.
Von manchen Werken wird allerlei an Wohlfahrtseinrichtungen getan. Man legt Plazas an, läßt Musikkapellen spielen, richtet Kinos ein. Aber ich habe auch Werke gesehen, in denen der Eintritt ins Kino für den Arbeiter einen Peso kostet, so daß die Werkleitung auch noch mit ihrer Wohlfahrtseinrichtung ein fettes Geschäft macht. Aber auch selbst wenn es wirkliche Wohlfahrtseinrichtungen sind, es bleibt ein Almosen. —
„Wenn die Regierung, die so viel an den Salpeterabgaben verdient, wenigstens darauf dringen wollte, daß die Werke hygienische, menschenwürdige Unterkunft schüfen!“ meinte der Unterbeamte, mit dem ich durch das Campamento ging. „In einem solchen Raum schlafen, wohnen und essen oft zehn Menschen zusammen.“
Bezeichnend für die bisherigen politischen Verhältnisse in Chile ist, daß die Arbeiter wohl das Wahlrecht haben, daß aber die Ausübung des Wahlrechts sehr erschwert ist, da sie dazu nach Antofagasta fahren müssen, fünf bis acht Stunden Bahnfahrt. Und da nur täglich ein Zug fährt, bedeutet das einen Lohnausfall von zwei bis drei Tagen, ganz abgesehen von den teueren Reisekosten.
Die Sonne brennt durch die Scheiben des Zuges. Die Wüste flimmert. Der Speisewagenkellner bringt Beefsteak mit Spiegelei, Preis 3,60 Peso. Die Frau, die es bestellt hat, trägt unter ihrem ärmlichen Kleid kein Hemd. Ihr gegenüber sitzt eine Bolivianerin in bunten Tüchern mit einem Säugling. Wie sie das Kleid abhebt, um den Säugling zu stillen, tropft von der braunen Brust langsam ein schwerer weißer Tropfen zu Boden.