33. Unter Vulkanen.
Ollague (chilenisch-bolivianische Grenze).
Von den Felsmauern herab, die oben blank von Eis sind, kollert ein brauner Stein, stürzend, sich türmend, ein Strom von Stein. Rasend rasch kommt er näher, füllt das Tal, prallt an den Bahndamm, staut sich zu beiden Seiten. Wir fahren mitten hindurch.
Lava! Bräunlich-schwarze, graue Lava. Hochgetürmt, daß der Zug fast darin versinkt. So frisch sieht sie aus, als sei sie eben erst vom Berg herabgeflossen, und ist doch hundert, tausend, vielleicht viele tausend Jahre alt.
Zone der Vulkane. Die weißen Schleier, die um die Spitzen der Berge hängen, sind nicht Wölkchen, die sich an ihren Zacken gefangen. Es ist Rauch, Wasser- und Schwefeldampf, der aus den Kratern steigt. Wie der Zug weiterfährt, sieht man durchs Glas deutlich, wie es aus runden und ovalen Kratermäulern weiß und gelb in die Höhe schießt.
Die heilige Jungfrau vom See in Copacabana.
Ein frischer Trunk.
Bepackter Hochlandesel.
Wir sind in der Werkstatt der Erde. Tief unter dem Boden, über den wir eilen, ruhen die Kräfte, die diesen Kontinent schufen, veränderten und verändern werden. Sah es nicht unten im Archipel südlich von Puerto Montt aus, als sei hier die See in das chilenische Längstal hineingebrochen und habe es in einen langen Meeresarm verwandelt und die ragenden Kuppen der Küstenkordillere in Tausende von Inseln?
Hier oben im Norden aber, wo der Salpeter quadratkilometerweit das Land bedeckt, möchte man glauben, als habe das ganze Land sich aus dem Meer gehoben, aus dessen verdunsteten Wassermengen das Seesalz zurückblieb, das stellenweise in blinkender dicker Kruste den steinigen Fels überzieht.
Aber schon die Salpetergegend war 1000 Meter, 1500 Meter hoch, Calama, wo die großen Salzseen sind, 2000, und die letzte Station, an der der Zug vorbeieilte, trug die Zahl 3223 Meter.
So wäre ganz Südamerika einst am Grunde des Meeres gelegen? Doch nein! Lag nicht östlich des Kontinents Atlantis, der sagenhafte versunkene Erdteil? Vielleicht war er nichts anderes als die Fortsetzung der argentinischen Pampas, und als sich in unvordenklichen Zeiten die chilenische und peruanische Küste aus den Fluten des Pazifik hob, da versank im Osten die weite Ebene in den Wassern des Atlantik, so daß sich der ganze Kontinent um seine Achse drehte wie der Balken einer ungeheuren Wage.
Die Berge beiderseits der Bahn sind rot und blau, in bunten Streifen gefärbt. Wie Hermelinbesatz zieht sich über scharfe Kämme und Grate der ewige Schnee, und darüber die weißen und gelblichen Wolken wie eine Warnung: Wir sind immer da, wenn wir auch zu schlafen scheinen, wir ewigen Kräfte, die wir die Welt wandeln und zerstören.
4000 Meter, fast Montblanchöhe! Die Luft von einer unwahrscheinlichen Klarheit und Durchsichtigkeit. Man meint Hunderte von Kilometern weit zu sehen und glaubt noch an den fernsten Hängen die kleinste Einzelheit erkennen zu können.
Wunderlich rot färbt sich der Boden. Ein ganz satter, warmer Ton. Erst beim Näherkommen sieht man, daß es nicht Fels noch Stein, sondern eine niedrige fleischige Pflanze ist, eine Art Fetthenne, die meilenweit über den nackten Stein kriecht.
Dann aber wird mit einem Schlag alles schneeweiß, glitzernd, kristallklar zu beiden Seiten der Bahn bis an den Fuß der Vulkane. Mitten hindurch fährt der Zug wie über einen gefrorenen See. Ein unheimliches Gefühl; denn an einzelnen Stellen sieht man noch dunkle Flut zwischen dem glitzernden Weiß.
Und das alles wie unter einer Kuppel von intensivstem Blau. Es ist, als hätten sich die vulkanischen Kräfte hier auf dem Dache der Welt einen Tempel gebaut, daß die Menschheit dahin wallfahre und sich in Demut beuge vor den ewigen Gewalten.
Aber nein, das Weiße ist Borax. Millionenwerte liegen hier. Man braucht sie nur aufzulesen, und weiterhin sieht man inmitten des glitzernden Weiß Schlote und Wellblechbaracken: die Boraxwerke von Cebollar, in denen das wertvolle Material für den Versand eingesotten wird. Seit Jahren wird hier gearbeitet und in die Welt hinausverschickt. Aber das Tischtuch, das hier die Natur über die Erde gebreitet, ist kaum kleiner geworden.
Und weiterhin ist der Boden gelb; es ist Schwefel. Und gleichfalls braucht es nicht mehr als die Mühe des Losbrechens. Grünlich gelbe Dämpfe wallen um die viereckigen Blöcke der Schwefelöfen, aus denen das goldgelbe Mineral fließt, Tränen in die Augen treibend und die Kehle würgend. Aber dem, der es fand und von der Erde hob, lauteres Gold in die Taschen.
Geld machen, Geld, Geld! Wie wird sich erst in absehbarer Zeit die göttliche Felseinsamkeit bevölkern mit Essen und Öfen, wenn erst weitere Schienenstränge die Kordillere durchziehen; denn die Bahn ist hier alles. Ohne sie blieben die weiten, großen Schätze der einsamen Erde tot. Über dem Vulkan aber steht Tag und Nacht, als stumme Warnung, die Rauchwolke.
Als Chile noch unter den Meeresfluten lag, soll das heute kalte und rauhe Andenhochplateau jenseits der Kordillerenkette ein paradiesisch schönes, tropisches Land gewesen sein, die Wiege der amerikanischen Völker. Uralte Ruinen künden, daß hier einst Weltstädte standen. Was mag aus diesem Gebiet hier werden, wenn sich die unheimlichen Kräfte wiederum regen, wenn neuerdings Kontinente versinken, Kontinente erstehen?
Auf der einsamen, im Weltmeer verlorenen Osterinsel steht eine ungeheuere Steinstatue mit traurig ergebenem Gesicht, nach Norden blickend. Als einst die Achse des Kontinents sich drehte und Atlantis versank, da errichteten seine entsetzten Bewohner, die das Meer über sich hereinbrechen sahen, auf der höchsten Höhe diese Statue, wie um den Zorn der Götter zu besänftigen, und als einziges Denkmal einer versunkenen Welt blieb sie von der Flut verschont.
Mag es so sein oder nicht. Die Mythe ist schön, und als in Ollague der erste Aimara an den Zug herantrat, um Llareta zu verkaufen, die als Brennmaterial dienenden torfigen harzreichen Polster einer Schirmblütlerpflanze, die er in unsäglich harter Arbeit in eisiger Felseinsamkeit gesammelt, da glaubte ich in den Zügen dieses Sprossen eines vielgeprüften Volkes die gleichen Züge trauriger und stummer Resignation zu lesen.