36. Gebirgsreise in Bolivien.
Pongo.
Noch immer ist die Wand der Cumbre in meinem Rücken. Wie der Weg sich auch schlängelt, bleibt sie und sperrt den Horizont, ungeheuer, unheimlich und so steil, daß man jetzt kaum versteht, wie diesen senkrechten Fels überhaupt ein Weg hinunterführen kann, gangbar für Mensch und Tier.
4600 Meter! Selbst wenn man aus dem 3600 Meter hohen La Paz kommt, ist der Marsch über die Höhe anstrengend genug. Jetzt sind bereits wieder 3800 Meter erreicht, und nach dem kahlen, nackten Fels der Kordillerenhöhe mit den letzten Schneeresten des Winters fängt bereits wieder das erste Grün am Wege an.
Es dämmert. Die Wand der Cumbre wächst zusammen mit den sich ballenden Nebelwolken und steigt ins Unendliche auf. Schwache, weiße Wölkchen, die an ihr hochziehen, entzünden sich am Abendhimmel und glühen wie irrlichternde rosenrote Flächen auf.
Tief unten rauscht der Fluß, den die Gletscher schufen. Immer schwärzer wird die Tiefe, daß bald nur mehr Rauschen aus undurchdringlichem Dämmern dringt.
Wie in einen Schlund rutscht man den steilen Weg hinunter. Bizarre Felsen am Wege türmen und häufen sich, täuschen Häuser vor. Und dazwischen wirkliche Reste verfallener Mauern und Häuser, daß man nicht mehr weiß, was Schein, was Wirklichkeit ist.
Aber jetzt Hundegebell. Lagernde Tiere und Menschen am Wege. Diese Mauern sind wirklich, sind bewohnte Häuser — die Posada.
Ein langgestreckter, niederer Bau. Ein fensterloses Zimmer neben dem andern, auf der andern Seite des Hofes ein Strohdach, unter das die Tiere bei Regen untertreten können. Das ist die Posada, staatlich konzessioniertes Wirtshaus, Relaisstelle, der Posthalterstation aus der Urgroßväterzeit noch am meisten vergleichbar. Es ist die übliche, vom Staat vorgesehene Unterkunftsstätte in jenen Gegenden, in denen es kein anderes Verkehrsmittel gibt als das Maultier.
Im ersten Augenblick mutet es seltsam und fast unbegreiflich an, daß in nächster Nähe der Hauptstadt des Landes, die mit nicht weniger als drei Bahnen mit dem Pazifik verbunden ist, ein weites, reiches, kommerziell und wirtschaftlich überaus wichtiges Gebiet liegt, für das es keine andere Verkehrsmöglichkeit gibt als eine kostspielige und anstrengende Maultierreise.
So mögen wohl — wie lange ist es her — die Poststraßen der Alpen, über den Gotthard und Brenner, ausgesehen haben, als noch keine Postkutschen fuhren, Maultierkolonne hinter Maultierkolonne.
Denn die Yungas sind ja keine abgelegene, ferne Region, in die man etwa eine Expedition unternehmen müßte, nein, es ist das Gebiet, das La Paz, Oruro und den ganzen Minendistrikt mit Bananen, Orangen, Zitronen, Kaffee und vor allem mit Coca versorgt, dem unentbehrlichen Stimulans des Hochlandindianers.
Indianerprozession in Copacabana.
Nach einer von Jakob v. Tschudi veröffentlichten Zeichnung eines Indianers.
Eingeborne vom Rio Beni.
Indianerin am Webstuhl.
Karawane geht hinter Karawane, Maultiere und dann wieder Esel, struppige kleine Hochlandsesel mit langhängendem Zottelfell. Mit Früchten und Coca aus den Yungas, mit Gerste und Fleisch vom Hochland und mit Ware jeder Art von La Paz. Und dazwischen, spärlich allerdings, Reisende. Am seltsamsten wohl jene Dame, die ich unterwegs traf. Sie selbst, mit der ältesten Tochter hinter sich, auf dem Maultier; mit ihr der indianische Diener, ein Kind vor sich im Sattel und auf dem Rücken noch einen Säugling.
Kein angenehmes Reisen. Und so reist denn auch kaum jemand in den Yungas außer jenen indianischen Frachtführern und etwa der eine oder andere Fincabesitzer, der einmal im Jahr mit oder ohne Familie auf kurze Zeit auf sein Gut kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Der Bolivianer reist ja überhaupt nicht gern, und wenn schon, dann eher nach Europa als in sein eigenes Land.
Schwierig, anstrengend und teuer, das war der sich immer wiederholende Refrain, wenn ich mich nach den Reisemöglichkeiten abseits der Bahn erkundigte.
Vor allem teuer! „Sie brauchen ein bis zwei Reittiere für sich, mindestens ein Packtier und ein Tier für den Führer, der gleichzeitig als Arriero die Tiere versorgt.“ Wie oft habe ich das gehört. Da kämen allerdings leicht bald 1000 Peso für eine kurze Reise heraus.
So geht’s freilich nicht. Und so habe ich auf Packtier und Führer verzichtet und bin allein losgeritten, das Nötigste in den Packtaschen, wie ich es von so manchen einsamen Ritten im Balkan und in Mexiko her gewohnt war.
Der Hof der Posada ist schon voll fremder Tiere. Eine Jagdgesellschaft, ein Minenbesitzer und ein paar Goldsucher haben bereits ihre Tiere eingestellt. Es gibt Beißen und Schlagen, bis jedes Tier sein Futter hat.
Futter! Da denkt man freilich an das, was erfahrene Yungasreisende in La Paz erzählten. Ein Tercio Cebada, ein Büschel Gerste auf dem Halm, kostet einen Peso. Mindestens drei bis vier Tercios braucht man, um sein Tier satt zu kriegen.
Da ist das Futter für den Menschen billiger, das ein siebenjähriger Junge bringt — gleichzeitig Kellner, Hausdiener und Pferdeknecht, kurz der einzige dienstbare Geist im Hause. Suppe und Fleisch, derartig mit Aji, dem einheimischen Pfeffer, gewürzt, daß Mund und Gaumen brennen wie Feuer. Ein Ungar müßte seine Freude daran haben; denn gegen Aji ist der magyarische Paprika die reinste Süßrahmbutter.
Der Junge klagt beweglich, er sei Waise und sein ganzes Gehalt bestehe in Schlägen, bis er ein entsprechendes Trinkgeld erhalten hat. Dann richtet er das Zimmer für die Nacht her, indem er das schmutzige Tischtuch fortnimmt. Sonst braucht er vor etwaigen diebischen Gästen nichts zu sichern; denn außer dem wackligen Tisch und einem dreibeinigen Hocker steht im Zimmer nichts als das leere Bettgestell, ein Rahmen auf vier Pfosten und darauf ein paar Riemen gespannt. Das Lager ist hart, die Nacht kalt. Schlafsack, Decke und Mantel genügen kaum. Draußen wiehern die Mulas. Ein Tier hat sich losgerissen und galoppiert über den Hof.
Ich trete noch einmal unter die Tür. Eine schmale Mondsichel steht am Himmel, und die Cumbre ragt in sie hinein. Und es ist wie scheues Wundern, daß ich noch vor wenigen Stunden auf jener senkrechten Wand stand und in eine unbegreifliche, märchenhafte Eis- und Felswelt sah.