37. An einem Tag aus Nordland in die Tropen.
Bella Vista.
Welch ein Kontinent! Immer neue Überraschungen und neue Szenen. Verblüffte schon in Chile das nahe Nebeneinander der verschiedensten klimatischen Zonen, so ist das nichts gegen Bolivien. Hier ist es die reine Hexerei. Hier ist Kälte und Hitze, Nordland und Tropen dicht beieinander. Mit einem Sprung etwa von Nordrußland nach den Kanarischen Inseln, weiß Gott, mit einem Sprung. Nicht etwa derart, daß man von vereinzelten eisstarrenden Höhengipfeln ins warme Tal hinunterstiege. Das kann man in Italien auch haben. Nein, in Bolivien liegen zwei gewaltige Gebiete, das eine kaum kleiner als Deutschland, das andere so groß wie Bayern, dicht beieinander. Wand an Wand kann man sagen: das Altiplano und die Yungas.
Die Wand der Kordillere, die beide voneinander scheidet, ist bei La Paz so schmal, daß man sie in einem Tag übersteigt, und kaum daß man von Pongo abwärts zieht, sieht man mit Verblüffung, wie das kümmerliche kurze Gras, das den genügsamen Lamas kaum dürftige Nahrung bietet, sich unversehens in kurzes Buschwerk wandelt. Schon geht man in niederem Wald. Saftiges Grün, bunte Blätter, wucherndes Schlingwerk und darüber wie Märchenvögel blaue, violette und rote Blüten.
Aber noch phantastischer ist der Wechsel, wenn man in San Felipe, trotzdem man hier schon auf 2000 Meter und einiges hinabgestiegen ist, die bequeme Karawanenstraße nach Coripata und Chulumani verläßt und nochmals aufsteigt auf die steilen Hänge, die zu beiden Seiten Weg und Fluß begleiten.
Nochmals hinauf auf 3600 Meter. Aber diesmal in steiler Steigung. Fast muß sich das Maultier ständig um sich selber drehen, wie es jetzt mühsam die engen Windungen der sich den Berg hinanwindenden Spirale aufwärtskriecht.
Der Gipfel des Berges ragt in die Wolken. Bald ist man mitten drin im Nebel, man sieht nichts mehr und erkennt nur an den niedriger und kümmerlicher werdenden Bäumen, wie langsam wir steigen.
Eine Steigung, die nie enden will. Und immer schlechter der Weg, die reinsten Treppen mit ausgetretenen, ungleich hohen Stufen. Dazu regnet es jetzt. Schon dicke Tropfen. Der wasserdichte Gummimantel ist nicht lange mehr wasserdicht. Bald dringt die Feuchtigkeit bis auf die Haut.
Die Höhe ist endlich erreicht. Fast unmittelbar fällt sie jenseits des schmalen Grates wieder ab.
Man glaubt, falsch geritten zu sein; denn der Weg ist kaum mehr als Geröll und Steinbruch, den der strömende Regen in die reinsten Grotten mit Wasserfällen verwandelt. Aber die Indios, die tropfnaß mit ihren Tieren an der andern Seite aufsteigen, nicken auf die Frage nach dem Wege.
Also hinunter, das Tier am Zügel! Ein Springen von Stein zu Stein, die Mula bald vorsichtig tastend, bald fast auf der Kruppe rutschend hinterher. Dazu Wasser, Wasser in Strömen. Aber sobald man bis auf die Haut naß ist, wird man vergnügt, denn nässer kann man nun nicht mehr werden.
Und wie könnte man auch verdrießlich sein, wo sich das Blattwerk immer phantastischer um einen rankt, Fächer, Teller, Schwerter, Grün in allen Schattierungen. Hunderte von Bäumen, die man nicht kennt. Und alles umrankt und verwoben durch schlingende, wuchernde Lianen.
Ab und zu erscheint der Berg gespalten, und den Einschnitt hinunter stürzt aus hundert Meter Höhe ein sprühweiß gischtender Wasserfall.
Langsam vertropft der Regen. Aus dem Grün hört man seltsames Rascheln, und fremde, bunte Vögel fliegen über den Weg, glitzernd farbige Schmetterlinge folgen.
Aber das Wunderbarste ist doch, wie jetzt Regen und Wolken weichen, und wie man nun, sobald die Bäume den Blick freigeben, das Land sieht, in das man hinabsteigt.
Gewiß, es gibt Landschaften von gewaltigerer Schönheit und auch von größerer Fremdartigkeit, aber es passiert einem kaum, daß man sie nicht längst im Bilde sah, ehe man sie wirklich betritt. Allein, wer sah je Bilder von den Yungas. Nicht einmal in La Paz gab es dergleichen.
So aber ist die Landschaft: Man denke sich den Schwarzwald oder den Wiener Wald. Waldberge. Aber Waldberge, die vom Tal aus tausend, zweitausend und mehr Meter ansteigen. Ungeheuere Kuppen, und von der Sohle bis zur Spitze mit dem gleichen, fremdartig, tropisch anmutenden Wald bedeckt.
Berge wie Lebewesen, unheimliche, fremdartige Lebewesen. Man sieht keine Felswände, Schründe oder Klippen, nur Wald, Wald. Was jenseits von ihm an Fels, Schnee und Eis der Kordillere sonst sichtbar sein mag, decken die Wolken.
Das Unheimlichste aber ist der Fuß der Berge. Unten, ganz unten muß ein Fluß fließen. Man sieht ihn nicht. So eng stoßen die Berge im Tal zusammen. Man sieht nur die Krümmungslinien, in denen die steil abfallenden und dennoch grünen Wände sich begegnen. Man möchte meinen, daß unten hinein kein Sonnenstrahl dringe und dort düster feuchte, dunstige Tümpel voll vorsintflutlichem Gewürm sein mögen.
All diese Wälder sind Urwald. Unbetretbarer, nie betretener jungfräulicher Wald. Er ist beiderseits des Weges durch und durch undurchdringlich. Man ist mitten drin und übersieht ihn doch von Höhenwegen aus. Steht ihm gleichsam Aug in Aug gegenüber. Der Mensch und der Wald. Seit Stunden, seit den Indianern auf der Höhe, kreuzt niemand mehr meinen Weg.
Es gibt nur den einen unfehlbaren Weg durch den Wald, unfehlbar, denn es gibt nicht eine Abzweigung. Und jeder muß die vorgeschriebene Tagesreise machen. Denn vor Tagesende gibt es kein Haus, nicht die geringste menschliche Spur. Ein endlos langer Tag durch Wald.
Ein vorspringender Rücken ist es, der das erste einsame Haus trägt. Bella Vista. Hier ist der Wald gerodet, hellgrüne Pflanzungen, Mais, Bananen, Zitronen, Orangen. Zu gleicher Zeit tragen die Orangenbäume brautweiße Blüten und vollsaftige, goldene Früchte. Gelbe Zitronen und Limas in dunkelgrünem Laub. An der Banane aber schält sich aus riesiger violetter Blüte die vieltraubige Frucht.
Der Regen hat aufgehört, die Wolken haben sich verzogen. Man sieht weithin talabwärts in das wellige, hügelige Grün. Nur an einzelnen Stellen ist es sonderbar rot gefärbt. Tief orangerote, kreisrunde Flecken unterbrechen das zarte Grün, gleichsam als durchbrächen ungeheuere Giftpilze den Waldboden.
Es sind Ceibas, Wollbäume, Bäume ohne Blätter, nur dicht bedeckt mit den orangefarbigen Blüten. Dicht vor den Häusern, auf die ich zureite, steht solch ein Baum, und wie zum Willkommen wirft ein Windstoß seine Blüten auf mich herab, während beiderseits des Weges Orangeblüten, schneeige und rosige Pfirsichblüten schimmern und goldene und gelbe Früchte glühen.