43. Die Seele des Indio.

La Paz.

Allerseelen. Die Glocken läuten. Übervoll sind die Kirchen. Man ist fromm und gut katholisch in Bolivien. In der Mitte auf den Bänken die Frauen und Mädchen der „Weißen“, olivbraun, im dunklen, den Kopf einhüllenden Manto, die sonst auf dem Prado flirtenden Augen auf das Gebetbuch gesenkt.

Die Orgel erklingt. In Seide und Gold eifert von der Kanzel der Priester: „Denkt der Verstorbenen, betet für ihre Seelen!“ Ja, ja, es sind die Malquis, die Toten, die wiederkommen und in ihre alten Körper schlüpfen, wenn man an sie denkt, unsichtbar zwar, aber darum nicht weniger wirklich. Sie sind mächtige Geister jetzt, die schützen und strafen können. Man darf ihrer nicht vergessen. Auch der Priester sagt es.

Es ist ein großes Fest, das für die Toten. Seit acht Tagen ist der Markt übervoll, weit über die Straßen hinaus gequollen, die er gewöhnlich füllt. Zu den Gemüsen und Früchten, die sonst feilgeboten werden, zu den Ocas, Tuntas und Chunos, zu den Bananen, Orangen und Limonen, zu den Ananas, Paltas und Datteln, zu dem Charqui, dem getrockneten Hammelfleisch, und dem Aji, dem brennend scharfen roten Pfeffer, sind noch als Votivgegenstände hinzugekommen die goldbemalten, nackten Holzpuppen, weiß natürlich, mit hellblondem Haar, Lamas und Puppen aus Teig. Vor allem aber sind Kuchen aufgebaut, über das Pflaster ausgebreitet, Kuchen in Hunderten von Arten und Formen, runde und eckige, Kringel und Brezeln. Ein europäischer Weihnachtsmarkt ist armselig dagegen.

Es wogt von roten, grünen, blauen, orangenen und violetten Ponchos und Sayas, den bunten Überwürfen der Männer und Frauen. Und die Indianer kaufen und kaufen. Der Indianer, der sonst für einen „Bob“ stundenweit die schwerste Last schleppt, der für ein Zehncentavostück als Draufgabe eine Viertelstunde lang in der demütigsten, jämmerlichsten Weise betteln und winseln kann, wirft heute mit den Fünf- und Zehnpesoscheinen nur so um sich. Er, der sonst armseliger vegetiert als ein Hund, lebt und arbeitet ja nur für seine Feste. Um wenige Tage zu schlemmen und zu prassen, darbt er ein Jahr lang.

Mit riesigen Körben kommen die Indianer und kaufen, kaufen, bis die Behälter übervoll sind und sie zu zweit, zu dritt und viert schleppen müssen. Aber man muß sich gut vorsehen. Die Toten kommen ja wieder, nehmen Gestalt an, essen und trinken mit. Sie sind tüchtige Esser und wackere Zecher, die Toten.

Wenn man feiert in Bolivien, tut man es nicht unter einer Woche. Am Tage vor Allerheiligen geht man zuerst auf den Friedhof, und erst sechs Tage danach verklingt die letzte Rohrflöte.

Natürlich ist das Fest auf dem Friedhof. Dort wohnen ja die Toten, und man muß zu ihnen kommen. Ist es entheiligend, zwischen Gräbern zu schmausen, zu zechen und zu tanzen? Ach nein, höchstens fremdartig für ungewohnte Augen; denn die Toten, der verstorbene Vater, der verschiedene Gatte, das tote Schwesterchen sitzen ja mitten darunter, essen und trinken mit, lachen, scherzen und freuen sich mit den Lebenden.

Ein lebensgefährliches Gedränge herrscht vor dem Friedhof, der hoch über der Stadt liegt und einen Blick auf das Eis- und Felspanorama der Anden bietet, der sich mit dem schönsten in der Welt messen kann. Auto auf Auto rattert heran. Wo kommen sie nur alle her? Und in ihnen leuchtet es in bunten Farben. Was sonst barfüßig, lastenschleppend über das holperige Pflaster trottet oder von früh bis spät auf dem Markt oder in den kleinen Kramläden auf dem Boden hockt, kommt heute im Auto daher. Besonders die Cholas, die Mischlingsfrauen, prangen in ihrem ganzen Staat. Seidene Tücher über weit abstehenden, kurzen Brokatröcken, graue oder lichtgelbe elegante Schnürstiefel, die bis über die halbe Wade reichen, die Ohrläppchen heruntergezogen von den schweren Perlengehängen. Auch die Indianerinnen, die sonst von Schmutz starren, sind heute in neuen, bunten Tüchern. Es flimmert, leuchtet und flammt in allen Farben.

Kaum kann die Kette der Schutzleute vor dem Gittertor des Friedhofes die Masse bändigen. Man ist zivilisiert in La Paz und duldet die tollsten Orgien nicht auf dem Friedhof. So trifft man eine Auswahl unter denen, die hineindürfen.

Diese Glücklichen lassen sich zwischen den Gräbern nieder. Erst ein Gebet, dann werden die Körbe ausgepackt. Wie riesige farbige Blumen sehen die kauenden, schmausenden Frauen in ihren bauschigen Röcken zwischen den niederen Miniaturgewölben auf den Gräbern aus.

Das andere Volk aber lagert sich rings um den Friedhof. Er wäre ja auch viel zu klein, all die Tausende aufzunehmen. Bis weithin an den Rand der Puna, der Hochfläche, leuchtet es bunt wie Frühlingsblumen in den Wiesen und in den Gerstenfeldern.

In zwei in spitzem Winkel aufeinanderstoßenden Reihen sitzen sie, auf der einen Seite die Männer, auf der andern die Frauen. In der Mitte zwischen den Vorräten die einladenden nächsten Angehörigen der Verstorbenen. Eine alte Frau teilt aus. Sie häuft die Teller: Kuchen, Früchte, Zuckerrohr. Die bereits Bedachten warten mit dem Teller auf den Knien, bis alle versehen sind. Dann ein Gebet und ein Kreuzschlagen, und mit einem Ruck werden als erste die Schnapsgläser geleert, die zwischen Kuchen und Früchten standen.

Ja, Schnaps! Das ist ja das Wichtigste. In mächtigen Blechkannen wurde er heraufgeschleppt. Und ein Mädchen steht auf, macht die Runde mit solch einem Blechtopf und schenkt immer wieder ein.

Lallen und Rufen, Schwelgen und Lallen, und dazwischen das monotone Murmeln von Gebeten. Bis irgendwo die erste Flöte erklingt, und der erste Tanzrhythmus anhebt. Einer steht auf: „Unser Toter war fröhlich in seinem Leben, und er will, daß auch wir es sind.“ Das ist das Zeichen zum Tanz. Freilich die hauptstädtische Polizei schließt früh die Friedhofstore. So zieht sich der zweite Teil des Festes immer mehr auf die Felder, die Umgebung und in die Häuser zurück.

Hier aber tönen jetzt in der Dämmerung überall die Rohrflöten zu den großen Trommeln. Und wer es hat, leistet sich noch ein paar Blechinstrumente dazu.

Inkamusik! Uralte Melodie. Sie kennt nicht mehr als fünf Noten. Es ist ein monotoner, aber unheimlich aufreizender Klang. Ein Rhythmus, der das Blut peitscht.

Sie tanzen. Ein einförmiges Stampfen und wildes Drehen. Die Röcke fliegen. Die Köpfe schaukeln im Takt. Nicht Ordnung noch Regel gibt es bei diesem Tanz. Da tanzen Mann und Weib, erhitzen sich immer mehr, greifen sich, fassen sich bei den Händen, wirbeln eng aneinandergepreßt. Da tanzt ein Mann allein oder eine Frau. Oder einer greift sich zwei Frauen oder ein Mädchen zwei Männer.

Die Nacht fällt. Unermüdlich quäkt die Rohrflöte, dröhnt die Trommel. Das Blut brennt, die Leiber taumeln. Aus dem lehmgestampften Hof schwankt ein Paar hinaus. Männer werfen Mädchen zwischen den grünen Halmen der jungen Gerste zu Boden. „Ya bailó“, „sie tanzte schon“, sagt man von dem Mädchen, das seine Jungfernschaft verlor. Es ist keine Schande, im Gegenteil. Es ist Bestimmung und Wunsch der Toten. Tod fordert Zeugung. Die Flöte quäkt. So sproßt aus dem Fest der Toten neues, junges Leben.