44. Indianerwallfahrt.

Copacabana (bolivianisch-peruanische Grenze).

Sobald der Dampfer die Enge von Tiquina hinter sich hat, beginnt der Tag zu sinken. Wie eine dunkle Masse hebt sich bald über die Flut die Sonneninsel des Titicacasees, deren Zacken eben noch scharfe Konturen in den Horizont schnitten.

Dämmer und Nebel weben. Es ist, als stiegen Gestalten aus dem See, dessen Inseln und Ufer Sitz und Wiege der Urvölker des Kontinents waren. Seine Wasser spülen an die Kaimauern der längst versunkenen Metropole Tiahuanacu. Von der Sonneninsel aus traten die Inkas ihren Eroberungszug an. Schatten vergangener Zeiten umwallen das Schiff. Das Herz klopft lauter.

Plötzlich erklingen Glocken hell und stark. Der volle Mond steigt auf, die Nebel versinken, die Schatten zerreißen. Unmittelbar aus dem See erheben sich steile Felsen, dazwischen öffnet sich ein weites Tal, aus dem die Glocken tönen. Licht schimmert.

Copacabana, die Wallfahrtskirche, die als kostbaren Schatz die „heilige Jungfrau vom See“ birgt, nimmt jetzt den Platz ein, wo ehemals Inkapriester opferten. Die Glocken klingen lauter, der Spuk versinkt.

Westwand des Illampu.

Indianerdorf in der Puna.

Nordostflanke des Illimani.

Wie ein mächtiger Tempel hebt sich der kuppelreiche Bau über die sich tief duckenden niederen Lehmhütten. Eine sauber gepflasterte Straße führt mitten hindurch. Plötzlich treten die Häuser zurück, ein weiter Platz öffnet sich. Hinter zinnenreichen Mauern liegt die Kirche. Geheimnisvolle Feuer flackern an ihrem Fuß. In dem ungewissen Dämmer erscheint der Bau wie eine phantastisch-gewaltige Burg.

Die Feuer vor der Kirche sind Garküchen, die köstlichen heißen Kaffee schenken. Die darumhockenden Indianerinnen weisen den Weg in die Pilgerhäuser, wo die gastfreien Padres den Wallfahrern kostenfreie Unterkunft gewähren.

Copacabana weist dieses Jahr nicht den sonst üblichen Massenbesuch auf. Der Dampfer war fast leer. Mitfahrer erzählen mir, daß sich in früheren Jahren die Passagiere Kopf an Kopf drängten. Revolution, Indianerunruhen, Kriegsdrohung mögen die Ursache sein, und vielleicht nicht zum mindesten die Verdoppelung der Tarife durch die Dampfergesellschaft. Teuerung auch hier.

Aber man genießt den Zauber dieses Ortes, der sich an landschaftlicher Schönheit mit den berühmtesten Wallfahrtsstätten des alten Kontinents messen kann, vielleicht noch mehr, wenn nicht alle Plätze von Menschen überfüllt sind. Und die Kirche wird trotz des geringeren Besuches nicht leer. Unermüdlich ertönt hier die Huldigung an die Jungfrau. Blumengeschmückt hebt sie sich auf ihrem Tragsessel über die Menge, im Blumenschmuck prangt die ganze Kirche. Das Braun und Gold der alten Altäre verschwindet völlig unter Rosen und andern Blumen.

Andächtig liegt die Menge auf den Knien, Indios und Cholas in bunter Anzahl. Dazwischen die Frauen, die ihre Kinder vom Rücken herabgenommen und vor sich gelegt haben. Die grellen Farben der Ponchos und Frauentücher leuchten wie bunte Flammen. Die Orgel tönt. Unermüdlich geht der Gesang: „Heilige Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitt für uns.“

Hinter der Kirche träumt der stille Frieden des Konvents. Die Inkablume läßt ihre roten Glocken hängen. Ein Brunnen rauscht.

Vor dem Tor hockt noch immer der zerlumpte Bettler, der sich, wenn jetzt der Tag zur Neige geht, enger in seinen zerrissenen Poncho wickelt.

Der Weihrauchduft hängt noch in den Kleidern, die Hymnen klingen nach im Ohr, als ich den Hügel hinansteige. Einen intensiven Goldglanz breitet die sinkende Sonne über die Landschaft. Wie sie jetzt in den See taucht, färbt sich seine Flut blutrot. Ein glühendes Kohlenbecken, liegt der See zwischen den Felsen. Krieg, Krieg, ruft das flackernde Rot, aber da tönen von unten herauf wieder Glocken. Das allzu grelle Licht verblaßt zu sanftem Rosa, und in stillem Frieden verscheidet der Tag. —

In seinem bekannten Werke über Südamerika bringt Jakob von Tschudi die Nachbildung einer Darstellung einer Prozession zur Ehre der Muttergottes von Copacabana. Die Originalzeichnung rührt von einem einheimischen indianischen Künstler her, und sie ist so eigenartig in ihrer naiven und doch bezeichnenden Schilderung, daß ich die Leser meines Buches mit ihr bekannt mache.