45. Indianeraufstand.
Copacabana.
Das Maschinengewehrfeuer war verhallt, die Revolution hatte gesiegt. Bewaffnete Aufständische an allen Straßenecken, die Gefängnisse voll von Ministern und Beamten der gestürzten Partei. Auf der Plaza von La Paz wollte das Viva-Rufen auf die neuen Machthaber kein Ende nehmen.
Aber mit sinkendem Tag legte sich der Jubel. Gerüchte rannten durch die Stadt, Gespenster. Begegnende tauschten hastige Worte: Was werden die Indios machen?
Die Indianer! Gewiß, die neue Revolutionsregierung hatte sich ja auch an sie gewandt. Recht und Freiheit allen Unterdrückten! Aber man konnte nie wissen. Auch als Bundesgenossen konnten sie gefährlich werden. War es nicht in der Revolution der neunziger Jahre, als die Konservativen gestürzt wurden? Damals hatte man die Hochlandsindianer bewaffnet; aber schließlich kannten sie weder Freund noch Feind, nur noch Blancos, Weiße, gegen die jahrhundertelang gebändigter Haß endlich Rachemöglichkeit fand. Eine ganze Schwadron, die sich, von den Indios gejagt, in eine Kirche geflüchtet, wurde dort abgeschlachtet, daß Fliesen und Pfeiler im Blut schwammen....
Die Nacht verging ohne Störung; — auch die folgenden Tage. Aber die Gerüchte blieben. Auf der Puna, dem Andenhochland, waren die Indianer aufgestanden.
In graubrauner Monotonie dehnt sich die grandios-traurige Unendlichkeit des Hochplateaus. Auf den Stationen Militär, Gendarmen, Gefangene. Es sind nur einige Fincas, heißt es, auf denen die Indianer sich empörten, die Gutshäuser angezündet und die Verwalter niedergemetzelt haben. Man wird mit ihnen bald fertig sein. —
Hinter der Kühle des Kreuzgangs des Klosters am See, den blutrot die Inkablume umrankt, liegt das Zimmer des Priors. Wir sitzen beisammen und plaudern. Neben der Bettstatt steht ein Gewehr. Auch in den Zellen der Mönche sah ich die Waffe.
„Warum?“
„Man kann nie wissen“..., über das kluge, faltenreiche Gesicht huscht kaum merkbares Lächeln, „— freilich, die Jungfrau von Copacabana ist unser bester Schutz. An sie werden sich die Indianer nicht wagen. Aber immerhin — es ist besser so.“
Die heilige Jungfrau von Copacabana ist mehrere hundert Jahre alt. Die ersten bekehrten Indianer schufen sie. Vielleicht wollen sie kommen, sich ihr Eigentum wiederzuholen.
Längs des gegenüberliegenden Seeufers dehnen sich kilometer-, meilen-, königreichweit die Fincas Goytias. Ein typisch amerikanisches Schicksal: vom indianischen Maultiertreiber brachte er es zum vielfachen Millionär und einflußreichsten Manne im Staat. Heute liegen die Fenster seines Palastes in La Paz in Scherben. Er selbst ist landflüchtig.
Die Hörigen auf seinen Gütern, die er mehr bedrückte als jeder Weiße, trotzdem er oder vielleicht weil er eines Stammes, einer Rasse mit ihnen ist, witterten Freiheit. Sie standen auf und schlugen ihre Sklavenhalter nieder. Die Revolution hatte doch Freiheit und Gerechtigkeit gebracht!
Aber keine Revolution kann an den Grundlagen ändern, auf denen dieser Staat ruht. Es ist die harte Herrschaft über die Masse der Farbigen, die eine kleine Schicht ausübt, die sich Blancos nennt, in deren Adern aber viel Indianerblut fließt. Und so schickt auch die neue revolutionäre Regierung Truppen gegen die Empörer, muß es tun, um ihrer eigenen Existenz und Sicherheit willen.
Die Truppen tun ihre Arbeit wie immer. Kurz, blutig, grausam. Sie tun es, obwohl ihre Haut die gleiche Farbe aufweist, ihre Züge den gleichen Schnitt wie jene, auf die sie ihre Maschinengewehre richten, sie tun es, obwohl sie selbst auf eisig kalter, winddurchbrauster Puna auf dem Lehmboden armseliger Hütten das Leben empfingen und aufwuchsen.
Gefangene überall, an allen Stationen, auch in La Paz. Offen werden sie über den Markt geführt. Die grauen Uniformen säumen die bunten Ponchos ein, aber die Gesichter sind dieselben. Eigentlich ist es nur eine dünne Decke, die die Herrschaft der „Weißen“ trägt, fatalistischer Glaube an die Macht der Blancos und die Uneinigkeit der Ureinwohner.
In dem Bündel eines der Indianer, das dieser heimlich fortzuwerfen versuchte, fand man noch einen mit Chunos zusammengekochten menschlichen Arm.
Es ist ein uralter, unerbittlicher Haß, der sich unter sklavischen Formen verbirgt und der unter der Decke glüht.