46. Der amerikanische Himalaja.
La Paz.
Eines schönen Tages wird nach Bolivien ein findiger Yankee kommen, dessen Sinnen nicht nur auf Minen und Bergwerke, auf Kupfer und Zinn eingestellt ist, wie es bisher bei allen seinen Landsleuten war, sondern der auch einen Blick für die unendliche Schönheit der Landschaft übrig hat. Er wird zu seiner Überraschung finden, daß dieses von Fremden und Touristen noch kaum berührte Land dicht aneinanderreiht: eine Eis- und Bergwelt, gegen die die Schweizer Berge klein und ärmlich erscheinen, die Tropenwunder Indiens und die gesunde, trockene Hitze Ägyptens. Und dieses alles ist von New York aus — sind erst einmal die Verbindungen ausgebaut — nicht schwerer erreichbar als Europa. Dann werden sich dort, wo bisher nur ärmliche Indios ihre Lamas trieben, Kurhäuser, Hotels und Sanatorien erheben. In weniger als Tagesfrist wird man im bequemen, bald zu heizenden, bald zu kühlenden Aussichtswagen durch alle Klimate der Welt fahren können, und auf die bisher unersteigbaren Eisberge werden bequeme Bergbahnen leichten Zutritt ermöglichen.
Doch halt! Eine Schwierigkeit vergaß ich, eine Sperre, die die Natur zog und die vielleicht doch verhindert, daß hier auf dem Dache Südamerikas einmal der bevorzugteste Luftkurort der New Yorker „Upper Ten“ ersteht. Die bolivianische Hochebene, von der aus die Bergwände gen Himmel streben und von der schluchtartig abstürzende Täler unmittelbar in die subtropischen und tropischen Provinzen hinunterführen, liegt 4000 Meter hoch. Nur ein ganz gesundes Herz vermag diese Höhe zu ertragen, und selbst den Gesunden, Kräftigen fällt in der ersten Zeit oft genug die Soroche, die Bergkrankheit, an. Obwohl ich selbst ohne allzu fühlbare Beschwerden von Antofagasta aus diese Höhe erreichte, so bekam ich doch die ganze Gewalt der Bergkrankheit zu spüren, als ich allzu leichtsinnig bereits am ersten Tag auf den Vulkan Ollague zu klettern versuchte. Von seinem Krater trieb mich in 5000 Meter Höhe die Soroche zurück.
Später lernte ich auch die 5000-Meter-Zone ohne Atemnot und Herzbeklemmung erreichen. Allein die Beschwerden und Schwierigkeiten der dünnen Luft steigen im quadratischen Verhältnis mit jedem Meter weiterer Höhe, und so ist noch ein weiter Schritt von den 5000 bis zu den 6000 und 6600 Meter Höhe, die die Eisspitzen des bolivianischen Bergmassivs erreichen und überschreiten.
Hierin und in dem Mangel jeglicher alpiner Hilfsmittel, in dem Fehlen von Schutzhütten und Stützpunkten, in der Unmöglichkeit, Führer oder Träger zu beschaffen, liegt der Grund, daß die ganze Bergwelt der bolivianischen Fels- und Eisriesen bis heute so gut wie unerschlossen ist; der Anfang zu einer alpinen Erforschung wurde erst vor einigen Jahren gemacht.
Ein Unternehmen wie die geplante Besteigung des Mount Everest beschäftigte monatelang die ganze Welt. Aufsätze und Bilder von dieser Expedition gingen, trotzdem sie nicht zum Ziele kam, durch die Presse aller Länder. Von den erfolgreichen, kaum weniger schwierigen Versuchen aber, die ein paar junge, unternehmende Deutsche an die Eroberung der Eisspitzen des „amerikanischen Himalajas“ wagten, ist kaum über Bolivien hinaus Kunde gedrungen.
Vier Deutsche, Adolf Schulz, Rudolf Dienst, Eduard Overlack und Bengel, waren es, die während des Krieges auf dem 6405 Meter hohen Illimani die deutsche Fahne aufpflanzten. Rudolf Dienst und Lohse bezwangen außerdem den um ein weniges niedrigeren, aber noch schwerer ersteigbaren Huaina Potosi, während sich den Anstrengungen des unermüdlichen Rudolf Dienst im Verein mit Schulz schließlich selbst der höchste Berg Boliviens, der Illampu, beugen mußte, an dessen steilen Eiswänden im Jahre 1898 der englische Bergsteiger Sir Martin Conway gescheitert war.
Monatelang hatte ich in La Paz von meinem Häuschen aus, das wie ein Nest am Berghang hing, das Massiv des Illimani vor mir. Ich sah es morgens in dem intensiven Rot des Rosenquarzes aufleuchten und sah es über das schimmernde Weiß seiner Schneefelder und Gletscher und über den Purpur des Abendglühens bis in die tiefen Schatten der blauen Stunde verdämmern. Einmal umritt ich in tagelangem Ritt das ungeheuere Massiv dieses Bergblockes und erlebte, zwischen Palmen und Bananen reitend, das Märchenwunder, aus blauem und grauem Felsgetürm die blendend weiße Eisspitze des Berges in den tiefblauen Himmel stoßen zu sehen.
Bergwerk in der bolivianischen Kordillere.
Mazamorra.
Der Morro bei Arica.
Südbrasilianische Kolonisten.
Um einen Begriff von den Schwierigkeiten der Besteigung des Illimani zu bekommen, muß man sich klarmachen, daß die indianischen Träger in blinder Gespensterfurcht vor den Berggeistern sich weigerten, die Gletscher zu betreten, daß Decken, Schlafsäcke und Lebensmittel unter der Firngrenze zurückgelassen werden mußten. Ohne genügende Mäntel, nur mit dem nötigsten Proviant wurde die Eisregion angegangen, nachts hockten die Bergsteiger frierend auf dem blanken Eis, tagsüber erklommen sie die Felsgrate und schleppten obendrein die schwere Fahnenstange mit der deutschen Flagge in der eiskalten, dünnen Luft.
Dabei empfingen die kühnen Besteiger, als sie nach ungeheueren Anstrengungen und Mühen schließlich wieder heruntergestiegen waren, zunächst nur Angriffe, Hohn und Spott. Es war mitten im Krieg, und man war um diese Zeit in Bolivien nicht sehr deutschfreundlich.
Die Behauptung der Bergsteiger, den Illimani bezwungen zu haben, wurde zunächst glatt als Lüge abgetan. Man suchte den Gipfel des Berges nach der angeblich dort aufgepflanzten Fahne ab, und als man sie nicht entdeckte, wurde von der Geographischen Gesellschaft von La Paz ein Dokument aufgesetzt, das das Nichtvorhandensein der Fahne feststellte und die Behauptung von der Ersteigung als unwahr zurückwies. Dieses Dokument sollte gerade im Observatorium der Jesuiten unterzeichnet werden, da stürzte einer der Herren, der nochmals mit dem großen Teleskop die Bergspitze abgesucht hatte, aufgeregt in das Beratungszimmer und schreckte die dort Versammelten mit dem Rufe: „Die Fahne ist da!“ Die Beleuchtungsverhältnisse hatten sich geändert, und tatsächlich konnte man deutlich die Flagge sehen.
Nun brach aber erst recht ein Sturm der Empörung aus, und unter Führung der alliiertenfreundlichen Presse entrüstete sich das ganze Land, daß man gewagt habe, die deutsche Fahne auf dem bolivianischen Berg aufzupflanzen.
Wochenlang dauerten diese Schmähungen und Angriffe. Die kühnen Bergsteiger ließen sich dadurch nicht anfechten. Es kam ihnen nicht auf den Ruhm, sondern lediglich auf die alpine Leistung an, und sie gingen darum nur noch unauffälliger an die weiteren Erstbesteigungen, die sie vorhatten. In der Folge wurde der unersteigbar scheinende Grat des Huaina Potosi bezwungen und endlich auch der höchste Gipfel Boliviens, der 6617 Meter hohe Illampu.
Diese letzte Besteigung war die kühnste von allen. Nach den ersten abgeschlagenen Versuchen, die Spitze zu erreichen, kehrten die beiden Männer, Dienst und Schulz, erschöpft in das letzte Lager zurück, das in einer Eishöhle aufgeschlagen war. Der Proviant war bis auf geringe Reste verzehrt. Die Träger, Bergarbeiter, konnten in ihrem Bergwerk nicht länger entbehrt werden, und man hatte sie mit den Decken und Schlafsäcken hinuntergehen lassen müssen. Die beiden gaben trotzdem den Versuch nicht auf. Da man noch eine Nachtrast im Eis ohne die Gefahr des Erfrierens nicht wagen durfte, ruhten sie den Tag über in der Sonne aus und gingen daran, mit Anbruch der Nacht beim Scheine des Mondes die Eisspitze zu erklettern. Nachdem sie Tag und Nacht geklettert, erreichten sie um 4 Uhr nachmittags in rasendem, eisigem Sturm die Spitze. Mit frosterstarrten Händen pflanzen sie eine kleine Fahne auf und müssen dann eilen, wieder hinunterzukommen. Vor sich haben sie keinerlei Stützpunkte mehr. Die Träger sind schon unten im Bergwerk. Da Gefahr besteht, daß sie in ihrem erschöpften Zustand den ganzen, auf dem Anstieg eingeschlagenen Weg nicht mehr leisten können, beschließen sie, auf gut Glück eine neue kürzere Linie zu versuchen, durch den großen Eisschlund, der sich zwischen dem Illampu und seinem 6560 Meter hohen Zwillingsgipfel Ancohuma auftut. Das Wagnis ist ungeheuerlich. Ist auf dieser Linie der Abstieg unmöglich, so fehlt den Erschöpften die Kraft, umzukehren und die Anstiegslinie wieder zu erreichen. Allein das tollkühne Wagnis gelang, und in etwa elf Stunden führten sie den Abstieg aus von den 6600 Metern des Gipfels bis zu 3260 Meter, wo das rettende Bergwerk sie aufnahm.