52. Kolonisten und Kolonien in Rio Grande.
Santo Angelo.
Im Hotel „Stadt Hamburg“ hatten mich und meinen Reisekameraden die Wanzen gemeinsam fast aufgefressen. Das verbindet immer. Nun kamen wir im Zug zufällig wieder zusammen. Wir plauderten daher bereits als alte Bekannte miteinander.
Das Hotel „Stadt Hamburg“ war übrigens geeignet, meine bisherigen guten Ansichten über das Deutschbrasilianertum wieder aufzuheben. Im Vertrauen auf deutsche Sauberkeit hatte ich mich zu Bett gelegt. Sehr lange dauerte es nicht. Dann hatten mich die Wanzen derart zugerichtet, daß ich trotz aller Müdigkeit wieder aufwachte. Der Lokalaugenschein beim Kerzenlicht veranlaßte mich, das Schlachtfeld zu räumen. Ich zog mich an, um mich draußen auf den ziegelsteingepflasterten Hof zu legen. Einen neidischen Blick warf ich noch auf meinen fest schnarchenden Schlafgenossen. Die fettesten Wanzen krochen ihm übers Gesicht, daß es eine Lust war; er wachte aber davon nicht auf.
Ich hatte diese Gleichgültigkeit und Immunität gegen Ungeziefer trotz all meiner Reisen auf dem Balkan, in Galizien, Rußland und Polen noch immer nicht erreicht, und so jagten mich auf dem Hofe die Moskitos alsbald wieder hoch. Ich ging zurück ins Zimmer, um das Moskitonetz zu holen, das ich erst von Wanzen säubern mußte. Als ich glücklich soweit war und in das Netz eingewickelt auf den Fliesen lag, ging ein derartiger Platzregen los, daß ich schleunigst wieder ins Haus mußte. Mein Reisekamerad schnarchte immer noch unentwegt.
Im Zug erzählte er mir dann, daß man in ganz Südbrasilien kaum ein Haus finde, einerlei welcher Nationalität sein Besitzer, das nicht verwanzt sei; nach meinen späteren Erfahrungen mußte ich ihm darin recht geben. In dieser Hinsicht haben die Deutschen von der Lethargie der Einheimischen angenommen; schließlich ist es auch zum Verzweifeln, wenn keine noch so gründliche Säuberung hilft. Ist ein Haus glücklich ungezieferfrei, so ziehen die lieben Tiere nach wenigen Tagen aus dem Nachbarhaus wieder ein.
Mein Reisekamerad war vor dreiviertel Jahren eingewandert. Er war ein junger Bursch, der seine vier Jahre im Feld gewesen war und dann hinüberging, ohne jemand zu kennen, ohne von dem fremden Land viel mehr zu wissen, als daß dort Deutsche wohnen. Bei ihnen dachte er Arbeit und Brot zu finden.
Aber beinahe wäre er dabei verhungert. Die deutsch-brasilianischen Kolonisten sind wie alle Bauern gegen Fremde mißtrauisch und gegen deutsche Landsleute sind sie es ganz besonders. Die „Deutschländer“ gelten bei ihnen als arbeitsscheu und anspruchsvoll; es ist schwer zu sagen, wer schuld daran ist, einzelne Bauernfänger und Schwindler, die sich kurz nach Kriegsende in den deutschen Kolonien herumtrieben, sich als Kriegsteilnehmer ausgaben und die teilnahmsvolle Gutmütigkeit der Deutschbrasilianer für sich ausnützten, oder die deutschnationale Propaganda, die drüben mit allen Mitteln gegen das heutige Deutschland und insbesondere seine Arbeiter hetzt.
Genug, der junge Einwanderer zog vergeblich von Hof zu Hof, überall abgewiesen, bis er schließlich am Ende seiner Kräfte und seiner Mittel Arbeit und Unterkommen fand. Von da an war er gesichert; denn sein erster Arbeitgeber empfahl ihn weiter, und so zieht er jetzt, immer an Hand von Empfehlungen, von einer Kolonie zur andern.
An sich wäre Arbeit genug vorhanden, so daß es nicht erst einer Empfehlung bedürfen sollte, um sie zu bekommen. Am liebsten arbeitet allerdings der deutschbrasilianische Kolonist nur mit seinen Familienmitgliedern. Wenn von einem besonders reichen Bauern die Rede ist, so kann man oft genug hören: ja der, der hat auch fünfzehn Kinder!
Kinder sind hier eben noch Segen, auch im wirtschaftlichen Sinne. Jedes Kind mehr bedeutet bereits nach kurzer Zeit eine wertvolle kostenlose Arbeitskraft. Volkswirtschaftler, die die Ursache für Kinderreichtum oder Kinderbeschränkung ausschließlich in wirtschaftlichen Gründen suchen, werden in Südbrasilien die volle Bestätigung ihrer Theorie finden; denn hier ist Kinderreichtum die Regel. Familien mit einem Dutzend Kinder sind nichts Seltenes, und auch solche mit 15, 16 und 18 Kindern kommen häufig genug vor.
Aus diesem Grund zahlt der deutschbrasilianische Bauer auch ungern und nur möglichst niedrige Löhne, wenn er schon fremde bezahlte Arbeitskräfte beschäftigen muß. Bei freier Unterkunft und Verpflegung gibt es nicht mehr als 2 bis 2½ Milreis für den Tag. Um bei diesen Löhnen und den hohen Kosten, die Bahnfahrt und Hotel ausmachen, das zum Ankauf eigenen Landes erforderliche Kapital in absehbarer Zeit zu ersparen, muß man schon die eiserne Energie meines Reisekameraden haben, der mir voll Stolz erzählte, daß er noch niemals auch nur einen einzigen Centavo für Tabak oder Bier ausgegeben habe.
Inzwischen waren wir in Cruz Alta von der Hauptlinie abgezweigt und hielten nun in Ijuhy. Von der hochgelegenen Station sah man auf dem nächsten Hügel die sanft ansteigende breite Straße mit den sauberen Häusern, auf dem höchsten Punkt die große Kirche. Vor wenigen Jahren war noch alles Urwald.
Von hier aus wird von Pionierbataillonen die Bahn gegen das angrenzende argentinische Misiones vorgetrieben. Die bisher fertiggestellte Strecke bis Santo Angelo wird noch von Militär betrieben. Aus diesem Grund müssen wir jetzt nochmals umsteigen, trotzdem der Zug auf dem gleichen Geleise weiterfährt.
In den Wagen sind jetzt lediglich Deutschbrasilianer, alles Landsucher, Landkäufer, Neusiedler.
In Neuland fahren wir ein, als der Zug endlich mit sinkendem Tag sich wieder in Bewegung setzt. Links und rechts der Bahn kaum gerodeter Urwald, dazwischen gestreut schmale Parzellen von Mais und Tabak.
Von hier bis an den Grenzfluß Rio Uruguay ist noch jungfräuliches Land, die letzten Ländereien, über die Rio Grande do Sul verfügt. Kurz vor dem Krieg wurden hier noch deutsche Einwanderer angesiedelt, mit allen Vorteilen, welche die „Immigração“ gewährt. Heute hat man die Einwanderung gesperrt, d. h. nicht offiziell, nicht formell. Wer einwandern will, erhält Land zu den gleichen Bedingungen wie die Eingeborenen auch, nur Vorteile und Vergünstigungen werden nicht mehr gewährt.
Rio Grande will das noch verfügbare Land für seine eigenen Landeskinder vorbehalten. In erster Linie sind dies die deutsch-brasilianischen und italienisch-brasilianischen Kolonisten; diese brauchen viel Land. Der väterliche Hof wird ja nicht unter die Kinder geteilt oder einer erbt ihn und die andern ziehen in die Stadt, sondern jeder Sohn erhält zur Hochzeit einen Besitz mindestens in der Größe des väterlichen. Zu diesem Zweck kaufen die Bauern frühzeitig in den frisch vermessenen Urwaldgebieten Lose für ihre Kinder, auf denen diese nicht anders anfangen, als es ihre Eltern getan, es sei denn der väterliche Wohlstand bereits so groß, daß den Nachkommen unter Kultur stehende Kolonien aus zweiter Hand gekauft werden können.
Im ganzen Wagen — es ist ein großer, durchgehender amerikanischer Wagen — hört man nur von Landpreisen und von Bodenbeschaffenheit sprechen, von Gegenden, wo noch Land zu haben und von den Bedingungen, zu denen es abgegeben wird. Dazwischen reden die Frauen untereinander leise von der Wirtschaft, von Schweinen und Mais. Man hört unverfälschte schwäbische, hessische und norddeutsche Mundart. Aus Bündeln wird gute alte deutsche Wurst geholt und Kuchen, wie ihn die Bauernfrauen in Deutschland auch backen. Es ist ein eigentümlicher Eindruck, deutsche Bauernschaft um sich zu haben, die in immer dichter werdenden Urwald hineinfährt.
Bald wird es allerdings so dunkel, daß der Mais wie die Wellen eines geheimnisvollen Wassers den Bahndamm umspült und die alten lianenumrankten Bäume sich wie Gespenster über ihn neigen. Schließlich hockt alles auf harten Bänken und schläft, bis der jähe Ruck in Santo Angelo uns weckt.
Unergründliche Nacht und unergründlicher Schmutz. Wir fragen nach der Witwe Schirach, die man uns als Quartiermutter empfohlen. In der Ferne schimmern ein paar ungewisse Lichter. Sie weist man uns. Wir schultern den Rucksack und treten den Marsch an, der eine Expedition durch Sumpf und Schlamm ist.