53. Kolonisten im Urwald.

Guarany.

Wir ritten die Linie entlang. Linien heißen die breiten Straßen, die schnurgerade durch den Urwald führen und von denen die Nebenwege abzweigen, an denen die Kolonien liegen.

Die Linien sind die Hauptverkehrsadern der Kolonien. Alle Augenblicke begegnet uns denn auch ein Wagen, ein Reiter oder ein Viehtrieb. Erst nach ein paar Stunden Reiten wird es einsamer.

An den Linien liegen die Venden, ferner die Schulen, dann Brauerei- und Limonadefabriken, Schneide- und Mahlmühlen und was man sonst noch hier an kleingewerblichen Betrieben braucht, sowie die bevorzugten Kolonielose: manche Musterwirtschaft, aber auch mancher heruntergekommene Betrieb, in denen ein paar Polen oder ein Weißer mit einer Farbigen in einer Hütte hausen, die nicht mehr als gerade das zum Leben Nötige anbauen.

Beiderseits der Linie Mais. Dann Tabak, der mit Maniok wechselt, und wieder Mais. Mais ist die Hauptfrucht, die wichtigste Nahrung für Mensch und Vieh. Aus ihm bäckt der Kolonist sein Brot. Erst der Wohlhabende nimmt Weizen dazu. Weizen ist hier Luxus. Für seinen Anbau ist es bereits zu heiß. Er muß von der Serra, dem kalten Hochland, hergeschafft oder aus Argentinien importiert werden.

Um die Häuser steht Obst, vor allem Pfirsich, der ähnlich wie in Argentinien auf diesem Boden gleich Unkraut wuchert und bereits im ersten oder zweiten Jahr Frucht trägt, Yerba — Bäume, deren Blätter den Mate-Tee liefern, und wo Italiener siedeln, eine Weinlaube oder Weinberg.

Die Häuser selbst sind fast sämtlich aus Holz, von hübschen soliden Bauten bis zu einfachsten Bretterbuden. Daneben ein Schuppen für die geerntete Frucht und ein Pferch für das Vieh.

Je länger wir reiten, desto häufiger unterbrechen Waldpartien die Felder, und schließlich geht’s eine ganze Strecke lang durch ungerodeten Urwald. Lianenverfilzt schließen die alten Bäume gleich Mauern beiderseits die Straße ein. Es sind noch nicht kultivierte Kolonielose, deren Besitzer auf die Konjunktur warten, um sie mit hohem Nutzen weiterzuverkaufen. Wo eine neue Staatskolonie vermessen wird, macht sich alsbald die Spekulation breit. Wenn auch dem Gesetz nach jeder Bodenwucher vermieden und Land nur an jene abgegeben werden soll, die es tatsächlich bebauen, so ist doch unvermeidlich, daß der und jener, von den Koloniechefs und Vermessungsingenieuren angefangen, durch Mittelsmänner eine größere Anzahl von Losen in seine Hand bringt, die er erst zum Verkauf stellt, wenn alles Land in der Gegend vergeben und durch die Arbeit der Kolonisten auf den Nachbargrundstücken ein erheblicher Wertzuwachs eingetreten ist.

Eine Pforte in der Mauer steht offen. Ein schmaler Weg führt in den Wald. Ein schmales Spitzgewölbe aus Zweigen und Blättern. Grünliches Dämmern. Treibhausluft. Hintereinander gehen die Pferde.

Wo sich der Weg senkt, öffnet sich eine Lichtung. An den Hängen liegen noch geschlagene Stämme. Verkohlte Stumpen, zwischen denen sich handhoch Asche breitet, zeigen, daß hier frische „Roce“ gemacht wurde. Unten im Grunde steht zwischen hochtreibendem Mais an einem kleinen Wässerlein eine einfache Bretterhütte: der Anfang einer Kolonie. Es ist vollendete Urwaldeinsamkeit, aber lange nicht gleich der, in der Väter und Großväter der heutigen Deutschbrasilianer anfingen. Ein kurzer Ritt bringt bis an die Linie, nur ein paar Stunden sind bis zur nächsten Venda und nicht mehr als zwei Tagereisen bis an die Bahn. Man kann leicht und billig alles kaufen und heranschaffen, was nötig: Gerät und Lebensmittel, Nägel und Bretter. Und Freunde und Nachbarn sind nicht weit, die einem im Notfall helfen können.

Trotzdem bleibt genug an Einsamkeit und Härte des Lebens. Die Frau kommt uns aus der Küche entgegen. Die Küche ist ein offenes Feuer zwischen zwei Feldsteinen. Darüber hängt ein Kessel. Das ist alles.

Sie nötigt uns ins Haus. Es ist einfach aus Brettern zusammengeschlagen, vielleicht fünf Meter im Geviert. Eine Bettstatt und ein Tisch mit einigen Hockern, selbstgezimmert, bilden das ganze Mobiliar.

Das Haus stellt ein Minimum an Wohnung dar, und trotzdem ist es ein Palast gegen die Anfangszeit, als man in einer Laubhütte hauste und bei jedem Regen im Wasser lag.

Der Anfang, das war das Schlimmste; damals, als erst ein Pfad durch den Wald geschlagen werden mußte, um auf den eigenen Grund zu kommen, und dann das Roden begann. Bis Breschen für Luft und Licht hineingeschlagen sind, steckt der Urwald voll Moskitos und Schlangen, von anderem Ungeziefer nicht zu reden. Dann heißt es mit dem Fäustel das Unterholz buschen, darnach werden die großen Bäume geschlagen. Nach ein paar Wochen, wenn alles gut trocken, wird angezündet.

In den durch die Asche gedüngten Urwaldboden, der frischen Roce, wird der erste Mais gesät. Zwischen den Stumpen und halbverkohlten Stämmen werden reihenweise mit dem Stock Löcher gestoßen. Ein paar Maiskörner in ein jedes hinein, und nach ein paar Wochen steht der Mais bereits mannshoch. Hat man im September Roce gemacht, im Oktober gepflanzt, so kann man im März die erste Ernte einbringen.

Der Kolonist kommt aus der Roce herunter und begrüßt uns. Er erzählt, daß er von der ersten Ernte immerhin bereits 35 Sack verkaufte. Für den Sack 5 bis 6 Milreis. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß man jetzt nicht mehr von gekauften Nahrungsmitteln leben muß, daß man seinen eigenen Bedarf selbst baut und daß man jetzt daran gehen kann, sich Vieh zu halten.

Bisher hatte man nur ein Pferd oder Maultier, das im Wald weidete. Jetzt kann man sich Schweine kaufen und damit vor allem die eintönige Nahrung aufbessern, die bisher nur aus Mais und schwarzen Bohnen bestand.

Dicht neben dem Haus ist ein Pferch, in dem bereits ein paar Dutzend schwarzstruppiger Borstentiere grunzen. Schweinehaltung ist die große landwirtschaftliche Industrie in ganz Rio Grande. Jeder Kolonist, der nur ein wenig Glück mit ihnen hat, wird seinen Mais nicht verkaufen, sondern damit Schweine großziehen. Das Wichtigste an ihnen ist das Fett, das ausgelassen und in Blechbüchsen in die Hafenstädte verkauft wird. Was übrigbleibt, ißt man selbst oder verkauft es an die Nachbarn; denn hat man’s erst, so lebt man auch üppig.

Aber das dauert noch ein paar Jahre, und bis dahin heißt’s harte, schwielentreibende Arbeit. Auf dem Fußboden spielen die Kinder. Es sind im zweiten Ehejahr bereits ihrer zwei. Pro Jahr ein Kind. Auch Wald und Urwaldboden strotzen ja von Fruchtbarkeit.

Im Dach sind Löcher. Der Kolonist folgt unserm Blick. „Ja, das muß ich auch noch machen. Man kommt kaum zu allem.“ Im Urwald heißt es alles selbst machen, alles selbst können.

Die Frau bringt das Essen: schwarze Bohnen, Brot und etwas ausgelassenes Schweinefett. Wie wir abreiten, gehen die beiden zusammen in die Roce. Das Ein- und das Zweijährige bleiben allein zuhause. Die Schweine grunzen im Pferch.

Die Sonne steht hoch. Mann und Weib jäten nebeneinander im jungen Mais. Mann und Weib allein im Wald und nur aufeinander angewiesen. Es ist wie bei der Erschaffung der Erde.