55. Brasilianische Landgesellschaften.
Porto da União.
Noch bei Morgengrauen fuhren wir bei Marcelino Ramos über den Fluß, der hier flußauf Rio Pelotas, flußab Rio Uruguay heißt. Dann ging’s quer durch Santa Catharina, fast einen Tag lang im Tal des Rio do Peixe entlang.
Die Bahn war erst seit kurzem wieder hergestellt, nachdem der Fluß den Damm unterspült und einen Personenzug von den Schienen heruntergeholt hatte. Reißend sah er noch immer aus, aber es war eine herrliche Fahrt an den tobenden, in Fällen und Stromschnellen sich überstürzenden Wassern entlang, die fast schmerzhaft blinkten und glänzten, sobald die Sonne auf ihnen lag.
Beiderseits des Flusses Wald. Wald in unendlicher Ausdehnung. Größtenteils brasilianische Koniferen. Mit ihren hohen, geraden Stämmen, die nur an der Spitze einen Kranz horizontal abstehender, spärlich mit Nadeln besetzter Äste tragen, sehen sie aus wie riesige Regenschirme, in deren Bezug ein Sturmwind bös gewütet hat.
An allen Bahnstationen Schneidemühlen und mächtige Stapel von Blockholz und Brettern. Aber so dicht stand der Wald noch, daß man sich fragte, woher denn all dies Holz eigentlich stamme.
An dieses Tal grenzen die Ländereien der wichtigsten brasilianischen Kolonisationsgesellschaft, der Kompanie Hacker. Und alsbald liegen in allen Waggons die Prospekte und Pläne dieser Kompanie, die zum Kauf ihrer Ländereien einladen.
Überall in Südbrasilien, in Hotels, auf den Bahnen trifft man die Propaganda dieser Landgesellschaften, und man begegnet so vielen ihrer Agenten, daß man sich fragt: „Woher nehmen diese Gesellschaften all das Geld nur allein für ihre Propaganda; wie teuer muß der Kolonist schließlich das Land bezahlen, oder wie billig muß der Kompanie seinerzeit die Konzession zu stehen gekommen sein!“
Die Frage der Einwanderung ist nicht zu trennen von der der Landgesellschaften, insbesondere da bei weiterem Anschwellen des Einwandererstromes die Kolonisation der brasilianischen Staaten keineswegs reicht, alle Landsuchenden mit geeigneten Ländereien zu versorgen. Dazu kommt ein anderes. Die am günstigsten gelegenen Ländereien an den Bahnen und Strömen sind zu einem großen Teil in den Händen von Kolonisationsgesellschaften, die sich häufig diese Komplexe sicherten, als sie durch einen mit ihnen liierten einheimischen Politiker von bevorstehenden Bahnkonzessionen erfuhren.
Es ist der Fall möglich, daß der kapitalkräftige Siedler vorteilhafter ein teueres Los bei einer Landgesellschaft erwirbt, als Land vom Staate zu geringerem Preis. Der Anteil der Transportkosten ist sehr groß. Der Sack Mais in Kolonien an der Bahn, mit kurzen Frachten zu den Hauptabsatzgebieten, ist beispielsweise etwa 11 Milreis wert, bei schlechteren Verkehrsverhältnissen kann er bis zu 7 Milreis und weniger heruntergehen, während in tagereisenweit von der Bahn abgelegenen Urwaldkolonien mit obendrein schlechten Wegverhältnissen der Händler dem Kolonisten nicht mehr als 2 Milreis für den Sack bietet.
Man braucht nicht lange in Brasilien zu reisen, um von den verschiedensten Seiten die widersprechendsten Urteile über ein und dieselbe Gesellschaft zu hören. Nach dem einen sind ihre Leiter sämtlich die gemeinsten Betrüger und Blutsauger, nach dem andern sind sie die reinen Wohltätigkeitsanstalten, und die Einwanderer können gar nichts besseres tun, als sich ihnen sofort und blindlings anzuvertrauen. Man wird ja sehr rasch lernen, ungerechte Erbitterung und Verärgerung auf der einen wie Interessenverknüpfung auf der andern Seite zu erkennen. Allein trotzdem ist nichts schwerer, als sich über die Qualitäten der einzelnen Gesellschaften ein zutreffendes Bild zu machen.
Die Preisunterschiede zwischen den Ländereien der Kolonisationsgesellschaften und des Staates sind sehr erheblich. Während staatliche Kolonielose von 25 Hektar in Paraná für 350 Milreis zu haben sind, und selbst in Rio Grande mit seinen hohen Landpreisen Staatskolonien nicht mehr als 1000, allerhöchstens 1500 Milreis kosten, muß man an Kolonisationsgesellschaften 2–3000 zahlen, es sei denn, daß es sich um Kolonien in ganz abgelegenen Gegenden handelt, wo schon Land für 5–800 Milreis zu haben ist.
An Kosten hat die Landgesellschaft im allgemeinen nur die für Vermessung und Wege hineingesteckt. Die in den Prospekten enthaltenen Angaben über Kirche, Schule usw. bleiben allzu häufig nur auf dem Papier.
Im Gegensatz zu den Staatskolonien wird aber streng auf Trennung von Nationalität und Konfession geachtet. Brasilien sucht gleich allen andern südamerikanischen Staaten in seinen neuen Kolonien möglichst die verschiedenen Nationalitäten zu mischen, allerdings überall mit dem gleichen Mißerfolg — national geschlossene Kolonien kommen wirtschaftlich stets rascher voran. Dagegen halten die auf rein privatwirtschaftlicher Grundlage basierenden Privatkolonien größtenteils auf Scheidung. So hat zum Beispiel die Hackergesellschaft nicht nur streng voneinander geschiedene Kolonien für Deutsche und für Italiener, sondern auch Kolonien für protestantische und katholische Deutsche. Ebenso wie in Südchile ist ja die Gegnerschaft der beiden Konfessionen gerade unter den deutschstämmigen Elementen unvergleichlich größer als in Europa. Wo man auf möglichst alle Landinteressenten spekuliert, wie es bei neuen, abgelegenen Kolonien geschieht, legt man wenigstens die verschiedenen Nationen auseinander. So siedelt beispielsweise die Petri-Meiersche Kolonisationsgesellschaft in ihrer neuen großen Kolonie Affonso am Paraná im Nordteil nur Italiener, im Südteil nur Deutsche an. Für beide Nationen ist auch von vorneherein ein eigener Stadt- und Hafenplatz vorgesehen. In dieser Kolonie hat sich übrigens ein Teil der mit der „Argentina“ in Buenos Aires eingetroffenen deutsch-ostafrikanischen Pflanzer angesiedelt.
Das Haupttätigkeitsfeld der Kolonisationsgesellschaften liegt in Santa Catharina und Paraná, teilweise auch in São Paulo. Neuerdings wird eine wachsende Propaganda für Matto Grosso gemacht. Nach den Prospekten ist Land und Klima überall herrlich, und viele mögen auch zufriedenstellende Käufe gemacht haben. Die Rio Grandenser Bauern kaufen z. B. viel von Kolonisationsgesellschaften. Allein für Unerfahrene bestehen doch große Gefahren. Es gibt gewissenlose Landgesellschaften, deren Geschäft hauptsächlich darin besteht, den Käufer um die Anzahlung zu bringen. Das verkaufte Land liegt dann entweder in einer Fiebergegend, oder hat keinen Absatz. Der Käufer muß es aufgeben, und die Anzahlung, meist ein Drittel des Kaufpreises, verfällt.
Überhaupt ist in bezug auf Fieber die größte Vorsicht geboten. Von Kolonisten wurde mir gegenüber beweglich geklagt, daß ihnen selbst eine so alte und renommierte Kolonisationsgesellschaft wie die Hanseatische Fieberland verkauft habe. Auch Hacker erlebte mit Fieberland ein böses Fiasko. Er hatte eine riesige Konzession am Paraná-Panema erworben. Aber das Fieber wütete dort so schlimm, daß bereits der größte Teil der Vermessungskolonne hinsiechte und sich nur ein kleiner Teil retten konnte.
Mit mir im Kupee saß ein junger Rio Grandenser Bauer, der sich auf der Staatskolonie Cruz Machado Land ansehen wollte. Hatten es ihm die lockenden Prospekte angetan, oder war er anderer Einwirkung erlegen, jedenfalls sah ich ihn in Capinsal, der ersten Hackerkolonie, mit einem andern Herrn aussteigen und Richtung landeinwärts nehmen.
So mag wohl etwas daran sein an der Mahnung an die Landsuchenden, die in allen Prospekten wiederkehrt, doch ja auch bis zu der empfohlenen Kolonie zu fahren und sich nicht etwa unterwegs von dem Agenten einer anderen Landgesellschaft beschwätzen zu lassen, um bei ihr sich Land anzusehen und zu kaufen.
Diese Mahnung sollten Einwanderer weitergehend dahin auslegen, überhaupt zunächst von keiner Landgesellschaft Land zu kaufen, ehe sie es nicht auf Grund eigener Erfahrungen über Bodenkultur- und Absatzverhältnisse zu beurteilen vermögen.