56. Fahrt auf dem Iguassu.
Porto Almede.
Wir standen am Ufer des Iguassu und warteten auf die Barkasse. Jeden Augenblick glaubte ich das Puffen des Motors zu hören und hoffte das Boot an der nächsten Flußbiegung auftauchen zu sehen, aber dann war es wieder nichts.
„Manchmal wird es 5 Uhr, bis sie kommt“, tröstete Karl.
Karl war bisher Kellner in einem deutschen Hotel von Porto da União gewesen und ging jetzt daran, sich selbständig zu machen. Er hatte sich ein paar tausend Milreis erspart und erborgt. Mit denen wollte er eine Venda in Cruz Machado aufmachen.
„Gibt es denn dort noch keine?“ fragte ich.
„Doch, schon drei, aber es wird schon noch für eine vierte etwas zu verdienen geben. Die Kolonie wächst.“
Karls Vertrauen stand in krassem Gegensatz zu allem, was man mir in der Stadt gesagt.
„Was, Sie wollen nach Cruz Machado?“ hatte der Wirt gemeint, als er von meiner Absicht gehört. „Das hat gar keinen Wert. Cruz Machado taugt nichts.“
„Der Boden ist schlecht“, sagte der Besitzer der größten Venda. „Alle Einwanderer, die dorthin gehen, kommen wieder zurück. Es ist ein Verbrechen, Einwanderer nach Cruz Machado zu bringen.“
Auch der sehr verständige Arzt meinte, es gebe so viele Kenner dieser neuen Staatskolonie in Porto da União, daß ich hier alle Auskünfte viel besser einziehen könnte als draußen im Wald.
Cruz Machado ist gegenwärtig die bedeutendste brasilianische Bundeskolonie, in die ein großer Teil der in Rio eintreffenden Einwanderer geleitet wird. Ich bestand also auf meiner Absicht.
„Wozu wollen Sie dahin? Der Beauftragte des deutschen Reichswanderungsamtes selbst, der vor einigen Monaten hier war, ist auch nicht hingefahren. Außerdem können Sie jetzt gar nicht hin. Die Wege sind aufgeweicht. Es gehen keine Autos.“
„Ich werde schon hinkommen.“
„Und wenn; Sie werden nichts anderes sehen, als wir Ihnen gesagt haben. Was haben Sie dann?“
„Dann habe ich mit eigenen Augen gesehen.“
Man war etwas beleidigt, und ich stand jetzt mit Karl am Iguassu. Es war wirklich nicht so leicht, nach Cruz Machado zu kommen. Bis Porto Almede ging gelegentlich ein Motorboot, aber von da war es noch eine tüchtige Strecke ins Land.
„Wie weit?“
„Oh, so 30 bis 40 Kilometer.“
„Sie reiten einen Tag.“
„70 Kilometer mindestens“, meinte ein Dritter.
Auskünfte über Weglängen sind im ganzen Innern Südamerikas immer sehr unbestimmt.
Wir warteten; die Barkasse kam nicht. Wir hatten um 11 Uhr ein wenig gefrühstückt und rannten dann eilig an den Fluß hinunter. Jetzt brannte brasilianische Sommersonne mit größter Kraft.
Neben uns im Gras glühten mächtige Eisenstücke in der Sonne, Maschinenteile, Zahnräder, ein Zylinder, ein in zwei Teile zerlegtes Schwungrad.
„Für die Papierfabrik“, sagte Karl.
„Wann wird die gebaut?“
Er zuckte die Achseln.
„Die Sachen liegen schon ein Jahr da.“ Sie waren rot von Rost.
Deutsche Siedlung in Brasilien.
Maispflanzung.
Die ersten Anfänge einer Siedlung.
Papierfabriken fehlen in ganz Südamerika. Das ist sehr sonderbar. Es gibt, vor allem in Brasilien, Holz und Wasserkraft dicht beieinander in beliebigen Mengen, dazu Zeitungen, die einen Papierbedarf haben, größer als die größte deutsche Zeitung, aber das Papier kommt so gut wie alles von Übersee, viel aus Nordamerika, einiges aus Europa.
Vor uns floß der Iguassu, ruhig, breit, mächtig. Sein Wasser war fast so grau wie Buschwerk, Sumpf und Schlingpflanzen, die seine Ufer säumten. Nur die Stelle, wo das Motorboot anlegen sollte, war etwas ausgehauen. Am andern Ufer, gerade uns gegenüber, warfen riesige Palmen ein leise zitterndes Spiegelbild.
Die Barkasse kam noch immer nicht. Es war sehr heiß. Ich warf die Kleider ab.
„Lieber nicht“, meinte Karl.
„Warum?“
Ich war schon im Wasser. Es war lau, aber doch herrlich erfrischend. Ich vergaß das Boot und schwamm, bis ich weit über Strommitte war.
Dicht neben mir kräuselte sich die Flut. Etwas sich Windendes, Schillerndes. Eine Wasserschlange. Ich erschrak und machte einen Bogen. Außerdem fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, nach Alligatoren zu fragen. Überhaupt die Barkasse. Es war Zeit umzukehren.
Ich wendete. Karl war nicht mehr zu sehen. Die Strömung war viel stärker gewesen, als ich geschätzt, und ich war weit stromab getrieben. So gut es ging, holte ich gegen den Strom auf, aber ich kam doch gut ein Kilometer weiter flußab ans Ufer. Vor einem Steilhang lagerte sich ein schier undurchdringliches Gewirr von Wasserpflanzen. Glücklich kam ich heraus und trabte zu meinen Kleidern. Als ich da war, legte eben die Barkasse an.
Bereits wenige Kilometer hinter der Stadt traten die Waldberge bis dicht an den Fluß heran, hohe, dichtbewaldete Kuppen. Nur ab und zu sieht man ein Stück Hang gerodet. Daneben liegt zwischen Mais, Wein und Pfirsichbäumen ein Haus. Eine einfache Bretterhütte, aber herrlicher gelegen als die schönsten Villen an mondänen Plätzen.
Die Kolonisten, die hier am Ufer wohnen, haben beste Absatzgelegenheit auf billigem Wasserwege nach Porto da União. So wundert man sich, daß noch nicht mehr Boden urbar gemacht ist. Allein das Land an beiden Ufern gehört Kolonisationsgesellschaften. Sie haben es nicht sehr nötig zu verkaufen, von Porto da União soll eine Bahn Iguassu abwärts gebaut werden. Dann verdoppeln sich die Preise.
Diese Bahn ist nötig; denn der Iguassu ist nur bis Porto Almede schiffbar; dann beginnen die Stromschnellen: ein Krescendo von über Felsen stürzenden Wassern, bis sie ihren Höhepunkt in den Fällen von Santa Maria erreichen, kurz vor der Mündung des Flusses in den Paraná in einer Phantasie tosender Wassermengen.
Die Iguassufälle sind ein Weltwunder. Sie sind die größten der Welt. An Höhe und Wassermenge übertreffen sie noch den Niagara und die Viktoriafälle des Sambesi. Die Energiemenge, die da verstäubt, genügte für ganz Südamerika; aber bisher ist noch nicht die bescheidenste Pferdekraft gewonnen. Die Fälle liegen mitten im feuchtheißen, tropischen Urwald, Tausende von Kilometern von den industriellen Mittelpunkten der angrenzenden Länder Brasilien und Argentinien entfernt. Brasilien lenkt planmäßig seine Kolonisation Iguassu abwärts, und auch die projektierte Bahn von Porto da União bis an die Flußmündung soll der Erschließung dieser Region dienen, deren Wichtigkeit in absehbarer Zukunft vielleicht nicht hoch genug veranschlagt werden kann. In dem Augenblick, in dem der eine der beiden Besitzer der Fälle, Argentinien oder Brasilien, auch nur die bescheidenste Anlage an den Iguassufällen schafft, wird die Erschließung der Fälle in raschestes Tempo geraten, da dann Rivalität und Eifersucht auch den andern Staat zu fieberhaften Anstrengungen und großen Unternehmungen treiben werden. Aber bis heute blieb’s bei Studienkommissionen. —
Ab und zu legte das Motorboot an. Der Neger zog es dann mit einem langen Bootshaken unter die traumhaft überhängenden Weiden und Palmen, zwischen denen weiße und rote Blumen leuchteten und flammten wie eine Schar rastender bunter Vögel. Es ist nicht viel Verkehr flußab. Der bedeutendere geht stromauf: Mais, Schweine, Hühner, Eier und Früchte von den Kolonien in die Stadt.
Trotz der raschen Fahrt wurde es fast Abend, bis wir nach Porto Almede kamen. Die Waldhänge waren etwas stärker gelichtet, ein paar rote Dächer im Grün, das war der ganze Hafen. Hinter dem letzten Haus schien ein Strich über den Fluß gezogen, von da ab war das ruhige Grün des Stromes unruhig, gekräuselt, mit weißen Flecken durchsetzt: die Schnellen.
Das Motorboot, das nur selten verkehrt, fuhr am übernächsten Tag wieder nach Porto da União. Bis dahin mußte ich nach Cruz Machado und wieder zurück sein. Zunächst schien es allerdings hoffnungslos; denn, wo ich auch um ein Pferd oder Maultier anfragte, erhielt ich abschlägigen Bescheid.