58. Kaffeefazendas.
São Paulo.
Von dem feuchtheißen, ehemals so fieberschwangeren Santos führt in steiler Kurve die Bahn durch tropischen Urwald hinauf auf das kühle und gesunde Paulistaner Hochland, und hier, fast unter dem Wendekreis, liegt in 800 Meter Höhe São Paulo, die Hauptstadt des gleichnamigen Staates, die nur hinter der Bundesmetropole Rio de Janeiro an Größe und Einwohnerzahl zurücksteht, sie aber übertrifft an Rührigkeit und Energie ihrer Bewohner und an wirtschaftlicher Bedeutung.
Diese große, europäisch anmutende Stadt mit ihren breiten Boulevards, großen öffentlichen Palästen, großen Theatern ist ebenso wie der Hafen Santos und wie der ganze Staat São Paulo, der mit Minas Geraes zusammen den brasilianischen Bund regiert, eine Schöpfung des Kaffees.
Der Kaffee baute diese breiten Straßen, dieses dichte Bahnnetz, diese reichen Paläste und prächtigen öffentlichen Gebäude. Er zahlt die Seidenkleider und Florstrümpfe der Frauen und die Autos und mancherlei Passionen der Männer. Vom Kaffee lebt nicht nur der Staat São Paulo, von ihm lebt in der Hauptsache der gesamte brasilianische Bund. Er ist Hauptexportartikel, wirtschaftliches Rückgrat des ganzen Landes. Auch in der gegenwärtigen Krise richten sich aller Augen hoffend auf diesen Artikel, in dem die große südamerikanische Republik ein gewisses Weltmonopol hat. Wie wird die Ernte werden? Wie werden sich die Preise gestalten? Wird es den Valorisationskäufen der Regierung gelingen, die Preise so weit zu heben, daß trotz des erschreckenden Valutasturzes die Handelsbilanz des Bundes nicht allzu ungünstig abschneidet?
Abgesehen von den Verhältnissen auf dem Weltmarkt ist für São Paulos Kaffeebau zweierlei nötig: die Erschließung neuen Plantagenbodens und die ständige Zufuhr von Arbeitskräften.
Fährt man von São Paulo aus westwärts und nordwestwärts, so kommt man über Land, das ehemals Kaffeeboden war, das aber jahrzehntelanger Anbau der braunen Bohnen so ausgelaugt hat, daß man zu andern Kulturen überzugehen gezwungen war. So müssen sich die parademäßig aufmarschierten Reihen der Kaffeebäume immer weiter nach Westen schieben, wo ein Stück jungfräulichen Urwalds nach dem andern zu fallen hat, damit die Kaffeeproduktion auf der Höhe erhalten werden kann.
Noch ist der unerschlossene brasilianische Urwald groß, schier unermeßlich. Darum droht hier noch keine Gefahr. Anders aber steht es mit den Arbeitskräften. Der eingeborene Brasilianer arbeitet in den Kaffeefazendas nicht oder nur sehr ungern — er wird seine Gründe haben —, und auch frisch Herübergekommene bleiben nur in Ausnahmefällen als Arbeiter auf den Plantagen, so daß die Fazendeiros, die Plantagenbesitzer, ständigen Bedarf an Arbeitskräften haben, den sie aus den Einwanderern decken: Portugiesen, Spaniern, Italienern und neuerdings auch Deutschen. Der Bedarf danach ist groß. Als ich in São Paulo auf der Immigração weilte, waren dort nicht weniger als 20000 Arbeitskräfte als verlangt angemeldet. Bei einer derart großen und derart lebenswichtigen Nachfrage mag es immerhin vorkommen, daß Bestechung eine Rolle spielt und daß von Einwanderungsbeamten ein unzulässiger Druck auf die Einwanderer ausgeübt wird, um sie auf die Fazendas zu bringen. Der Gerechtigkeit halber muß jedoch anerkannt werden, daß von seiten der zentralen Einwanderungsbehörde sehr energisch gegen solche Mißbräuche eingeschritten wird, sobald sie zu ihrer Kenntnis gelangen.
Das Leben und die Arbeit auf den Kaffeefazendas wird sehr verschieden beurteilt: von dem einen als sicherer Aufstieg zu eigenem Besitz, von dem andern als reine Sklaverei. Zweifelsohne ist die Arbeit dort schwer, und das Leben niemals leicht. Die Temperatur in den Kaffeefazendas ist hoch. Das Land ist kahl. Die mannshohen Kaffeebäume geben keinen Schatten. Es gilt, sie das ganze Jahr über unkrautfrei zu halten. Das ist nicht leicht, denn das Unkraut wuchert üppig. Man muß sich schon fest daranhalten, wenn man 3–4000 Bäume im Jahr rein halten will. Und diese Arbeit ist herzlich schlecht bezahlt, etwa 160 Milreis im Jahr für 1000 Bäume. Da ist es gut, wenn man eine recht zahlreiche Familie hat, die tüchtig mithilft.
Das Pflücken des Kaffees macht extra Arbeit, die allerdings auch extra bezahlt wird: für den Sack zu hundert Liter werden 2 Milreis gezahlt. Eine Familie zu sechs Personen vermag 1400 Sack zu ernten.
Zu diesem Barlohn tritt noch freie Wohnung und freies Holz. Außerdem wird in der Regel die Erlaubnis erteilt, zwischen den Kaffeebäumen eine Reihe Mais und zwei Reihen Bohnen zu ziehen, mitunter wird auch noch sonstiges Pflanzland gegeben, so daß sich die Fazendaarbeiter Hühner und Schweine halten können.
Unter solchen Bedingungen haben zahlreiche Einwandererfamilien es dahin gebracht, sich nach einer Reihe von Jahren erst Land zu pachten und später kleine Kaffeeplantagen zu kaufen und auf eigene Rechnung zu bewirtschaften. Aber äußerste Sparsamkeit in den ersten Jahren gehört dazu und Verzicht auf alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten. Außerdem darf man nicht krank werden; ein Unglücksfall kann alles ruinieren, und man darf nicht auf eine Fazenda kommen, wo der Besitzer für die Lebensmittel, die jeder besitzlose Arbeiter für den Anfang auf Kredit nehmen muß, Wucherpreise verlangt. Sonst ist die Gefahr der Schuldenwirtschaft gegeben, die leicht zu einer Schuldknechtschaft werden kann.
Als ich in São Paulo auf dem deutschen Konsulat war, traf ich dort einen Mann und eine Frau, die von einer Kaffeefazenda in die Stadt geflohen waren. Der Fazendeiro hielt sie über den Kontrakt hinaus auf der Fazenda unter geradezu grauenhaften Verhältnissen. Als sich der Mann dagegen auflehnte und fort wollte, ließ der Plantagenbesitzer ihn niederschlagen und sperrte ihn in den Schweinestall. Mit einem andern dort arbeitenden Deutschen floh daraufhin die Frau, um die Hilfe des Konsulats anzurufen.
Solche Fälle mögen selten sein. Der geflohene Mann sagte mir selbst, daß er seit vielen Jahren auf Fazendas arbeite und daß er solche Verhältnisse bisher nie angetroffen habe. Allein, mögen sie auch noch so selten sein, Vorsicht tut doch bei jedem Vertragabschluß not. Wesentlich bessere Bedingungen würden sich erzielen lassen, wenn es gelänge, für die deutschen Einwanderer Tarifverträge durchzusetzen und eine Organisation zu schaffen, die dafür sorgt, daß solche Ausnahmefälle von Brutalitäten und Übergriffen nicht mehr vorkommen oder daß wenigstens ihre Ahndung auf dem Fuße folgt. Gar so schwer könnte das nicht sein; denn Brasilien lebt vom Kaffee, und ohne Zufuhr von Arbeitern für die Fazendas müßte es wirtschaftlich zusammenbrechen.