59. Die Großstadt der Tropen.
Rio de Janeiro.
„Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit.“
Wenn der Dampfer in die Bai von Rio de Janeiro einläuft, vorbei an den umgischteten Kaimauern der alten Forts und unter dem Schatten der unheimlichen Felssäule des „Zuckerhuts“, schaut man den Berg, auf den der Satan den Erlöser führte, um ihn zu versuchen. Wenigstens machen die Brasilianer Anspruch darauf, daß der Corcovado, die steil über Stadt und Bucht ragende Felsklippe, der Berg sei, von dem das vierte Kapitel des Matthäus-Evangeliums erzählt.
Es läßt sich gegen diese Legende wenig einwenden; denn der Versucher hätte in ganz Palästina, ja in der ganzen Alten Welt keinen Fels finden können, zu dessen Füßen so überreich alle Herrlichkeit der Welt ausgebreitet ist.
Brasiliens Hauptstadt ist vielleicht die schönste Stadt der Erde. Das ist so bekannt und so oft geschildert, daß es müßig wäre, darüber noch ein Wort zu verlieren. Mehr noch, man sollte gar nicht erst versuchen, ihre Schönheit zu schildern; denn sie ist derart, daß sie über Maß und Beschreibung hinausgeht. Wenn man über die grünen, palmenbestandenen, in Blüten brennenden Hügel streift, die wie vielfach gereihte Perlenschnüre Stadt und Bai umgrenzen, geht das Maß des Schönen selbst über das hinaus, was die Augen aufzunehmen vermögen. Ins Extrem überschlagend möchte man ausrufen: „Ja, weiß der Himmel, Rio ist schön; aber das weiß ich nun schon. Laßt mich in Dreiteufelsnamen in Ruhe, ich kann nicht mehr.“
Wenn irgendwo, braucht man in Rio Zeit und Muße, um die Schönheit zu genießen, die dort auf den Beschauer einstürmt. Denn sie ist immer da, ob die über die Bucht gespannte, schmerzhaft blaue Kuppel wolkenlos ist und alle Farben an Leuchtkraft miteinander wetteifern, oder ob die aus schwarzen Wellen und weißem Gischt ansteigenden, mit allen Tropengewächsen überwucherten Felsen in mystisch-geheimnisvolle Nebel sich verlieren. Mag man über die Hügel wandern oder die Bucht durchkreuzen, die endlosen Praias, die Strandpromenaden, im Auto oder in der Elektrischen entlang fahren, auf den Corcovado steigen oder auf den Zuckerhut, die Schönheit wird nie weniger. Immer eine neue Bucht, eine neue Klippe, aus Palmen und Blüten wachsend, immer ein neuer Ausblick. Geht die Sonne auf, brennen Bucht und Berge in dem tiefsten Rot einer ungeheueren Feuersbrunst. Senkt sich die Nacht, so laufen vielfache Lichterreihen jede Strandzeile entlang, jeden Hügel hinauf. Die Berge stehen wie phantastische Schatten am Himmel, bis auf den unheimlichsten, den Pão d’Assucar, der aus den Lichterkränzen aufsteigt wie die gespenstische Vision eines riesenhaften Symbols altheidnischer Phallusfeste.
Wenn ich jemand beneide, so sind es jene portugiesischen Seefahrer, die, als erste in die Bucht einlaufend, die ganze Tropenwelt um die blaue Bucht noch in ursprünglicher, unberührter Herrlichkeit antrafen.
Das heißt jedoch nicht, daß Rio als Stadt nicht auch seine schönen Teile hätte. Keineswegs will ich mir das boshafte argentinische Wort zu eigen machen, das von Rio, wie überhaupt von ganz Brasilien behauptet: „La naturaleza todo, los brasileros nada“; das heißt, daß alles die Natur geschaffen, die Brasilianer nichts.
Freilich, die Stadt ist entstanden und gewachsen wie alle südamerikanischen Städte. Wahllos und unorganisch wurden Häuser und Straßen über Hügel und Täler geworfen. Aber einen großen Vorzug hat sie vor fast allen übrigen Seestädten, die Lage des Hafens.
Freilich der mächtige Eindruck eines modernen Hafens soll nicht geleugnet werden, der immer gleich bleibt, mochte man an einem Nebeltag die Elbe hochfahren und in vergangenen Tagen den Mastenwald des Hamburger Hafens vor sich sehen, oder auf der Themse unter Tower Bridge hindurchgleiten, oder in den Hudson einlaufen zwischen Docks, Riesenschiffen und den phantastischen Wolkenkratzern New Yorks. Aber immer schließt doch der Hafen die eigentliche Stadt vom Wasser und der freien See ab, bleibt kein Platz für Bäder und Strandpromenaden. Rio dagegen stößt mit seinem Zentrum, mit seiner City, in breiter Front an die offene Bucht, und der Hafen, Arsenale, Docks und Werften, alles was raucht, qualmt und lärmt, ist nach hinten verlegt, tiefer in die Bucht hinein, gleichsam an die Rückseite der Stadt. Was man beim Einlaufen von der Stadt zunächst vor sich sieht, wirkt wie ein Palast, wie ein Garten.
Bai von Rio de Janeiro, vom Gipfel des Corcovado aus.
In der Mitte der „Zuckerhut“.
Auf dem Marsch durch den Urwald.
Blumeninsel bei Rio de Janeiro.
Diesen Teil der Stadt so auszubauen, daß er den Vergleich mit jeder Hauptstadt der Welt aushält, hat die Brasilianer ein Vermögen gekostet, so viel, daß die Unzufriedenheit in den einzelnen Staaten, vor allem in denen des Nordens, groß wurde, weil so viel an den Prunk der Hauptstadt gehängt wurde, während es für ihre Bedürfnisse an Geld mangelte.
Wie Buenos Aires war die City von Rio ursprünglich ein Winkelwerk kleiner Gassen. Eine Bresche wurde hindurchgeschlagen, von einer Bucht zur andern, ein mächtiger Durchlaß für Luft und Licht, der den frischen Seewind bis ins Zentrum trägt. Die so entstandene Avenida Rio Branco grenzt auf der einen Seite an die Kais und die Hafenanlagen, auf der andern an die Praia, den freien Strand, die breiten palmenbepflanzten und beetumsäumten promenadeartigen Straßenzüge, die viele Kilometer weit die Buchten entlang führen.
Auf diesen Promenaden, sowie in den Straßen, die auf sie münden, sieht man am frühen Morgen ein eigenartiges Bild: Männlein und Weiblein wandern da, nur mit dem Badeanzug, höchstens noch mit Bademantel oder Badetuch bekleidet, an den Strand. Eine Badeanstalt in unserm Sinn gibt es in ganz Rio nicht; jeder badet, wo er gerade Lust hat, und an der Stelle, die seiner Wohnung am nächsten. In bestimmten Abständen führen Treppen oder schräge Rampen ins Wasser hinunter. Dieser Badebrauch beschränkt sich keineswegs auf die unteren Schichten. Auch die Damen der Gesellschaft baden hier, und man kann des Morgens häufig Damen sehen, die im Badeanzug ihr eigenes Auto an den Strand hinunterlenken.
Autos sieht man überhaupt in ungeheuerer Menge, kaum viel weniger als in New York oder Chicago. Pferde dagegen ziehen höchstens noch einen Leichenwagen. Nichts macht einen merkwürdigeren Eindruck als so ein schimmelbespannter Leichenwagen, hinter dem eine endlose Kette vielepferdestarker Automobile im langsamsten Tempo dahinschleicht.
Ja, die Stadt ist reich, und sie zeigt und verschwendet ihren Reichtum, sie, die kostbarste Blüte eines reichen Landes. Es war für sie keine Kleinigkeit, nicht nur zur schönen, sondern auch zur gesunden Stadt zu werden. Ursprünglich war Rio de Janeiro eines der schlimmsten Fiebernester an der brasilianischen Küste. So schlimm, daß zeitweise die Schiffe sich scheuten, es anzulaufen — man erzählte von Schiffsbesatzungen, die bis auf den letzten Mann dahingesiecht waren —, so schlimm, daß die brasilianischen Kaiser ihre Residenz aus dem Fiebersumpf heraus in die Berge verlegten, wo sie in Petropolis sich eine eigene Stadt bauten.
Heute aber ist Rio so gesund wie nur irgendeine Stadt der Welt. Hier, wo es bei einer Lage zwischen Wasser und Wald von Moskitos wimmeln müßte, kann man nachts im Freien ohne Moskitonetz schlafen.
Nur eines ist geblieben von den Lasten des Klimas: die Hitze. Kräuselt kein Wind die Wasser der Buchten, liegen sie da wie flüssiges Blei, dann lastet auch Tag und Nacht unerträglicher Druck auf allen Straßen, und man hebt sich morgens nicht erfrischt und müde von dem schweißnassen Lager.
Alles, was Geld hat, kann bis zu einem gewissen Grad auch der Hitze entfliehen. Man kann nach Leme oder Copacabana hinausziehen, wo die mächtigen Wellen des Atlantik an den Strand spülen, oder man kann auf den Bergen und Hügeln seinen Wohnsitz nehmen, die heute schon zahlreiche elektrische und Zahnradbahnen mit der Stadt an der Bucht verbinden. —
Es ist ein oft wiederholtes Phantasiebild, die City von New York oder Berlin in fünfzig oder hundert Jahren aufzuzeigen. Aber die Phantasie beschränkt sich bei diesem Bild auf die Übereinanderhäufung von Stockwerken und Verkehrsmitteln. Eine solche Phantasie auf Rio übertragen, böte ganz andere Möglichkeiten. Rio kann nicht nur die schönste, sondern auch die phantastischste und großartigste Stadt der Welt werden und gleichzeitig das wundervollste und eleganteste Seebad.
Es ist ja nur eine Frage des Ausbaus der Verkehrsmittel, um die ganzen Wohnviertel auf die frischen kühlen Berghügel zu verlegen, so daß am Hafen nur die Geschäftshäuser bleiben, die durch künstliche Kühlung und Ventilation vor der Hitze geschützt werden. Schnelle Verbindungen, in Tunneln laufende elektrische Schnellzüge würden an die Bucht, Badestrand und den offenen Ozean führen, so daß man von der Wohnung ebenso rasch zum Bad wie zur Geschäftsstadt gelangen könnte.
Wie heute schon eine Seilbahn freischwebend Hunderte von Metern weit auf den Zuckerhut führt, so ließen sich alle die einzelnen Bergkuppen miteinander verbinden, und auf einem zentral gelegenen würde eine Vergnügungsstadt mit Theatern, Kinos und Tanzpalästen sein.
Wer weiß, vielleicht!