7. Kapitel
Nachdem wir wieder in die Stadt zurückgekehrt waren, bedrängte Rose mich mehrere Tage lang, diese Szene zu wiederholen. Doch ich wollte nichts davon hören. Einmal paßte mir ihre Selbstgefälligkeit nicht, zum andern erschien es mir geschmacklos, etwas Derartiges zu tun, wenn mein Vater nicht dabei war. Meine Vorliebe für Vernol, die nur von meinen Augen und meinen Sinnen ausgegangen war, ohne daß das Herz daran beteiligt gewesen wäre, minderte sich von Tag zu Tag. Schließlich konnte ich nur noch mit Bedauern an diese Vorliebe denken. Leidenschaftlicher denn je kehrte ich zum Gegenstand meiner ersten Liebe zurück. Meine Bindung an ihn nahm — weit entfernt davon, sich zu verringern — neue Formen an. Ich betrachtete meinen väterlichen Geliebten als einen außergewöhnlichen und einmaligen Mann, als einen wahren Philosophen, dessen Liebenswürdigkeit aber gleichzeitig imstande war, jedes Herz zu erobern. Ich liebte ihn, ich betete ihn an.
Ah, teure Eugenie, wie wundervoll sind diese Eigenschaften der Seele, die uns einen Menschen liebenswert erscheinen lassen, die uns unabhängig vom Schrei der Sinne an ihn fesseln! Wieder war ich der einzige Gegenstand seiner Neigung, so wie er der Mittelpunkt meines Herzens war. Die folgenden Ereignisse ließen alle anderen Bindungen, die ich damals schon lösen wollte, vollends vergehen.
Ein Abenteuer, bei dem Rose mit viel Unklugheit und Keckheit mehrere Lanzen brach, entfremdete mich ihr und Vernol zusehends. Ich entdeckte bei dieser Gelegenheit, daß in ihren Herzen kein Raum für delikate Gefühle war. Weder er noch sie hatten etwas anderes als die gewöhnlichsten Leidenschaften im Kopf und das auf eine höchst indiskrete Weise. Diese Eigenschaften, die sich mit den meinen so wenig vertrugen, entfremdeten mich ihnen weitgehend. Ich sah sie in der Folge nicht mehr so häufig. Sie suchten ihrerseits alle Vergnügungen, deren sie habhaft werden konnten. Sie pflegten täglich zusammen zu promenieren, und bei dieser Gelegenheit führte Vernol Rose eines Tages in einen öffentlichen Garten. Dort traf er vier seiner Freunde. Der älteste war kaum zwanzig. Man neckte sich, jubelte, und Umarmungen und neugierige Fragen wurden getauscht. „Wo kommst Du her?“ „Was machst Du?“ „Wohin gehst Du?“ „Wer ist denn diese Schöne?“
Die Antwort auf diese letzte Frage gab den jungen Leuten Gelegenheit, eine Unzahl von Komplimenten auf Rose loszulassen, die davon sichtlich beeindruckt war.
Der älteste der Gesellschaft beschloß alsbald, Vernol zu einem Ausflug zu gewinnen. Vernol machte keine Einwendungen und noch weniger Rose. Sie brachen also auf.
Im ersten Freudentaumel schon vergaßen die jungen Leute völlig, eine Abmachung zu beachten, der sie sich unterwerfen wollten. Nur der älteste von ihnen, der zugleich der schlaueste war, hatte sie nicht völlig aus den Augen verloren. Er nahm Rose zusammen mit einem seiner Freunde in die Mitte. Sie protestierte ein wenig, doch dann ging sie auf die Neckereien der jungen Leute ein. Es war noch mitten in der schönen Jahreszeit. Man wanderte ziemlich rasch. Am Ziel angekommen, begab man sich in ein kühles Zimmer. Rose war erhitzt, sie warf sich auf einen Diwan, öffnete ihr Mieder, und ihre in Unordnung geratenen Röcke ließen ein außerordentlich hübsch geformtes Bein sehen, das wahre Lobeshymnen unserer jungen Leute herausforderte. Man ließ Wein und Likör bringen, die Köpfe begannen sich zu erhitzen und die Sinne nicht minder. Ein freches Liedchen klang auf, das Benehmen wurde freier, etliche Küsse wurden getauscht. Der älteste von den vier Burschen, der natürlich am meisten Erfahrung hatte, umarmte Vernol und verriet ihm schließlich, unter welcher Bedingung die vier diesen Ausflug unternommen hätten. Vernol lachte Tränen darüber, und Rose, die wie gewöhnlich neugierig war, wollte wissen, was es damit auf sich habe. Als die vier Freunde mit der Wahrheit nicht recht herausrücken wollten, bedrängte sie diese umso lebhafter. Schließlich gestand ihr der Älteste, man habe beschlossen, daß derjenige, der die kleinste Rute sein eigen nenne, die Zeche für die übrigen zahlen solle.
Diese Worte und das Gelächter, das darüber ausbrach, ergötzten Rose. Sie wurde lebhaft, hob ein Bein so hoch, daß man beinahe alles sehen konnte, und rief: „Ei, wer wird denn wohl der Schiedsrichter sein?“
„Sie selbst, meine Schöne“, sagte der Älteste unverblümt.
Rose, die vom Wein erhitzt war, fühlte sich von dieser Rolle geschmeichelt und erregt und antwortete, daß sie ohne jeden Zweifel für jeden das beste Zeugnis ablegen würde. Von diesem Augenblick an genierte sich niemand mehr. Die obszönsten Ausdrücke mischten sich mit den gewagtesten Zärtlichkeiten, die von Mund zu Mund gewechselt wurden. Rose erwies sich bald als ein erfahrener Champion und nahm unerschrocken an allem teil. Sie war noch auf ganz andere Angriffe gefaßt gewesen, die sie mehr interessierten und die sie daher förmlich herausforderte. Sie rief Vernol zu sich, und indem sie ihm einen Arm um den Hals legte, drückte sie ihn an ihren Busen und verlangte, daß er diesen küsse. Dann ließ sie ihre Hand tiefer gleiten und bemächtigte sich seiner Lanze, während er ihr ganz ungeniert unter die Röcke griff, die nach oben gestülpt wurden und nun so gut wie alles sehen ließen. Dieser Anblick erregte die Freunde so sehr, daß sie alle Selbstbeherrschung vergaßen. Der eine faßte ihr Hinterteil, der andere einen Schenkel, der dritte ihre Brüste. Kurz, jeder packte ein anderes Stück von ihr. Rose befahl Vernol wieder aufzustehen, und sie zeigte ihnen seine Rute.
„Könnt ihr mit etwas ähnlichem aufwarten?“ fragte sie herausfordernd.
Darauf nahm jeder seine Waffe in die Hand, und sie hatte das Vergnügen, fünf nackte und bedrohlich aussehende Ruten auf einmal zu sehen. Sie alle sagten ihr den Kampf an, und einige von ihnen würden mit Sicherheit besiegt werden. Rose setzte sich mit ausgebreiteten Schenkeln auf das Bett. Der Ort, an dem das allgemeine Lanzenstechen stattfinden sollte, war völlig unbedeckt.
„Ich könnte nach dem Augenschein urteilen“, sagte sie. „Aber ich will die Sache genau nehmen, so daß keiner sich über mich zu beklagen hat. Deshalb will ich ein Maß anwenden, das dem meinen gerecht wird. Los, fangen wir an!“
Sie ließ alle fünf vor sich antreten und nahm mit großer Genauigkeit Maß, und zwar sowohl was die Länge als auch die Stärke betraf.
Der Anblick und die Berührung dieser kampfbereiten Lanzen erregte sie derart, daß sie auf den Rücken fiel und sich nach zwei oder drei Bewegungen den Zuckungen ihrer Wollust überließ. In diesem Augenblick wollten alle zugleich über sie herfallen, doch sie hielt sie zurück.
„Zuerst will ich mein Urteil verkünden“, sagte sie. Der Älteste mußte demzufolge den Wein und die übrigen Getränke zahlen, während Vernol den Rest zu übernehmen gehabt hätte, wenn er nicht schon dazu eingeladen worden wäre. So kam der zweitälteste zu dieser Ehre. Er war kaum weniger gut gerüstet als Vernol. Er hatte eine recht ansehnliche Figur, und Rose tröstete ihn über seinen Ärger, indem sie ihm versprach, daß er der erste sein werde, seine Kräfte an ihr zu erproben.
Sie erwartete diesen Augenblick mit Leidenschaft. Alle diese entblößten Lanzen hatten ihre Glut geweckt, und sie brannte nun danach, sie aufzunehmen. Sie ließ sich auf das Bett zurücksinken und zog jenen mit sich, dem sie diese Bewährungsprobe als erstem versprochen hatte. Vernol und die drei anderen folgten in der Reihenfolge, in der sie gemessen und für gut befunden worden waren. Rose ließ sich auf einer Woge von Lust treiben. Es kam ihr ohne Unterlaß. Kaum, daß ihr genügend Zeit blieb, sich zu erholen. Der eine hatte den Ort seines Entzückens kaum verlassen, als der andere schon eindrang. Endlich trat ein Augenblick der Ruhe ein. Man war erschöpft.
Wein, Gelächter und Zärtlichkeiten ersetzten die leidenschaftlichen Eroberungen. Rose fand sich den lasziven Lippen und Händen dieser fünf Faune völlig ausgeliefert. Sie duldeten nicht das mindeste Stückchen Stoff an ihr. So blieb sie in dem anbetungswürdigen Zustand, in dem die drei Göttinnen einst dem Paris erschienen. Da sie alle jung und stark waren, dauerte es nicht lange, bis ihre Begierden wieder neu entflammt waren und zu neuen Heldentaten im Dienste der Venus drängten.
Rose hätte gern den Gürtel der Venus gehabt, ja selbst eine ganze Girlande von wollüstigen Öffnungen hätte ihren Begierden kaum Genüge tun können.
Da sie deren nur zwei besaß, wechselte sie die Szenerie. Der größte und stärkste unter ihren Eroberern mußte sich auf das Bett legen. Sie legte sich über ihn, während der mit einer weniger wirksamen Waffe versehene Freund sich hinter ihr in Positur stellte. Jeder nahm den Weg, der sich ihm bot, während sich jede ihrer Hände einer der übrig gebliebenen Waffen bemächtigte. Vernols Lanze hingegen fand sich bevorzugt, da sie dieselbe zwischen ihre Lippen aufnahm und ihn mit ihrer Zunge liebkoste und kitzelte.
Es dauerte lange, bis die siegreiche Rose, die sich solcherart von fünf Liebhabern auf einmal in jeder erdenklichen Weise erobert fand, in ein Übermaß der Lust versank, das ihr fast die Besinnung raubte.
Ich sah sie am nächsten Morgen. Sie war erschöpft, ihre Augen blickten ermattet. Ich war erstaunt, sie in diesem Zustand zu finden, und fragte sie nach der Ursache. Es dauerte eine Weile, bis sie und Vernol mir dieses Abenteuer gestanden. Ich nahm mir nicht die Mühe, ihr einen guten Rat zu geben, denn ich sah wohl, daß dies nutzlos gewesen wäre. Doch von diesem Augenblick an vermied ich es, die beiden zu treffen. Rose, die sich ohne jede Achtsamkeit den wildesten Leidenschaften auslieferte, erlag ihrer ausschweifenden Lebensweise schließlich. Ihre Regel kam nicht mehr, sie befand sich in einem Zustand schrecklicher Erschöpfung, dem die wildesten Krämpfe folgten. Nach einiger Zeit war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ihre Heiterkeit war völlig verschwunden, und ein schleichendes Fieber raffte sie hinweg.
Auch Vernol wurde von einer fiebrigen Krankheit befallen, und er brauchte lange, um sich davon zu erholen. Eine Geschlechtskrankheit machte ihm viel zu schaffen und entstellte ihn völlig. Er blieb noch monatelang schwer krank und konnte sich lange nicht erholen. Mein Vater hatte alle diese Ereignisse vorausgesehen. Ich begriff wohl, was die Sorgfalt, mit der er über mir wachte, mir erspart hatte, und ich konnte meine Dankbarkeit für ihn nicht zurückhalten. Da ich das Übermaß der Begierde fürchten gelernt hatte, schonten wir einander mehr und mehr. Wir waren mehr zärtlich, mehr wollüstig als leidenschaftlich und empfingen unsere Lust aus den Zärtlichkeiten, die wir miteinander tauschten.
Manchmal, wenn ich mich an das erinnerte, was damals auf dem Lande geschehen war, bereitete mir diese Erinnerung einen heftigen Kummer. Und in einer unserer glücklichen Nächte brach ich in plötzliche Tränen aus.
„Was hast Du, meine liebste Laurette“, fragte mein Freund ernstlich besorgt. „Warum weinst Du?“
„Ah, mein Liebster! Unmöglich kannst Du mich länger lieben, Du kannst Dein kleines Mädchen nicht länger achten nach allem, was ich getan habe . . .“
„Bist Du verrückt, mein liebes Kind? Glaubst Du wirklich, daß meine Achtung und meine Freundschaft von irgendwelchen Vorurteilen abhängen könnten? Was macht es schon aus, eine geliebte Frau in den Armen eines anderen Liebhabers zu sehen, wenn die Qualitäten ihres Herzens, wenn ihr Geist und Charakter und all die Vorzüge ihrer Person sich nicht im Mindesten geändert haben, und wenn sie noch immer empfänglich ist für eine zärtliche Bindung? Höre meine Grundsätze, meine Liebste. Ich werde glücklich sein, wenn sie Dich beruhigen und überzeugen können, daß ich Dich nach wie vor zärtlich liebe und daß ich Dich nicht im Mindesten weniger schätze als zuvor. Nichts kann mich so wenig beunruhigen, als Dich untreu zu sehen. Denn das ist bei einem Menschen, der aufrichtig und zärtlich liebt, nicht möglich. Ich will Dir ein einfaches Beispiel geben. Ich liebe Dich, meine Laurette, und meine Liebe ist beinahe mit Dir aufgewachsen. Ich glaube, ich habe Dich schon geliebt, als Du kaum sieben Jahre alt warst. Du füllst mein ganzes Herz aus. Und doch — war ich Dir etwa nicht untreu mit Lucette, mit Rose und selbst mit Vernol?
Glaube mir, diese Handlung, die von der Konstitution unserer Organe abhängt, ist zu natürlich, um nicht verzeihlich zu sein. Dem Gegenstand unserer Begierden gilt nur diese. Doch dem unseres Herzens sind wir darüber hinaus auch mit unserer Achtung, mit unserem guten Glauben und unzähligen zärtlichen Gefühlen verbunden. Natürlich gibt es Menschen, die zu ernsthaft sind, um diese Unterscheidung vorzunehmen. Aber ich habe eine glücklichere Wahl getroffen. Die Unbeständigkeit enthüllt ein leichtes Herz, das undankbar und treulos ist. Ich machte sie mir niemals zum Freund. Denn ich glaube, daß jeder Mann, der im Herzen unbeständig und treulos gegenüber einer Frau ist, die delikat in ihren Gefühlen ist, einen kultivierten Geist hat und sich aus Liebe seiner Diskretion ausgeliefert hat, daß jeder solche Mann auch gegenüber seinen Freunden unbeständig und treulos sein wird. Doch die vorübergehende Treulosigkeit der Sinne ist nichts weiter als die Frucht eines leicht beeinflußbaren Temperaments. Verlockt von Begierde, Gelegenheit und allen möglichen unvorhergesehenen Ereignissen, nützt es die Möglichkeiten, die sich ihm bieten. Der Mensch ist aus Widersprüchen zusammengesetzt, mein Kind. Nicht immer stimmt der Wille mit unseren Handlungen überein, und diese hängen nicht immer von ihm ab. Jene Leute, die von einem sechsten Sinn im Menschen sprechen, haben die Natur recht scharf beobachtet. Hängt es etwa von unserem Willen ab, ob wir ihn in Tätigkeit setzen oder nicht? Nein, er selbst ist nicht im Geringsten seinen eigenen Gesetzen unterworfen. Alles an uns ist vielmehr von unserer Konstitution und der Zusammensetzung und Bewegung unserer Säfte abhängig. Nichts kann sich diesen widersetzen, nichts sie ändern als die Zeit, die alles zerstört. Meine Sinne wachsen in der Vereinigung des Geschlechts. Sie wachsen an Eindrücken, deren wir nicht Herr werden können. Warum berührt, verführt und inspiriert der eine Sinneseindruck das Begehren eines bestimmten Menschen, während er auf einen anderen überhaupt nicht wirkt? Wir sind einer Person besonders zugeneigt?
Wohlan, so erscheinen uns sogar ihre Fehler liebenswert. Sowohl solide Bindungen als auch vorübergehende Leidenschaften finden sich in dem Lebenskreis, den wir zu durchschreiten haben. Wenn wir bei unseren Bestrebungen auf Widerstand stoßen, wird sich die Eigenliebe erheben und all ihre Kräfte einsetzen, um diesen Widerstand zu überwinden und jene, die wir am meisten schätzen und lieben, an uns zu fesseln. Schließlich werden Begierde, Ehrgeiz und Habsucht — Eigenschaften, die alle Menschen während ihres Lebens verfolgen — unsere Handlungen bestimmen und sie notwendigerweise in eine Kette von Umständen zwingen, die das Muster ausmachen, das unser Leben formt. Diese drei Beweggründe, die man mit den schmeichelhaftesten Namen zu umschreiben und auf das vollkommenste zu verschleiern sucht, sind die einzigen, die den Menschen in Bewegung halten und ihn regieren. Bei einem Individuum wird nur eines dieser Motive bei seinen Handlungen im Vordergrund stehen, bei einem anderen vielleicht zwei oder auch alle drei, je nach den Anlagen und ihrer Entwicklung. Wenn man von der Natur ein Herz bekommen hat, das für starke und dauernde Leidenschaften, für eine zarte und innige Bindung empfänglich ist, wird die Ähnlichkeit des Temperaments und der Charaktere eine Vereinigung bewirken. Man ist weniger von der Wonne leiblicher Vereinigung erfüllt als vielmehr von der süßen Zufriedenheit, welche aus der Harmonie von Geist und Geschmack entspringt. Es ist verächtlich, aus eigener Schuld das Blumenband der Freundschaft zu zerstören. Mag diese zarte Kette auch noch so leicht zu brechen sein, so ist der Verlust, der aus dieser törichten Handlung folgt, doch unersetzlich. Es ist allerdings richtig, daß man die Sensationen der Lust in diese intimen Bindungen der Menschen gemischt hat. Doch glaube mir, ihr Ursprung ist völlig anderer Natur.
Es gab eine Zeit, meine liebste Laurette, wo man alles, was ich Dir über diese Dinge sagen kann, für eine Fabel gehalten hat, während es doch der Gesetzmäßigkeit der Natur entspringt. Früher oder später kommt die Gewohnheit, welche, ohne die liebenswürdigen Bindungen der Gefühle zu zerstören, doch die Lebhaftigkeit der Begierden, die Feinheit der Wollust erlahmen läßt, so daß diese nur durch ein neues Objekt wieder zum Leben erweckt werden können. Diese Begierden aber scheinen mit unserer Existenz unlösbar verbunden und lassen uns den Reiz und Wert des Lebens erst richtig bemerken. Doch hier gilt es eine schwierige Entscheidung zu treffen.
Hat man genügend Vernunft und Festigkeit, um ein Gebilde der Phantasie zu opfern, eine Laune, einen augenblicklichen Einfall, der die Harmonie einer innigeren Bindung zerstören könnte, so soll man nicht zögern, dies zu tun. Aber zerstört die Eifersucht nicht noch viel mehr als eine vorübergehende Untreue? Ist es nicht viel klüger, sich ohne Groll und Widerwillen den Gesetzen der Natur zu überlassen, deren Macht doch unbesiegbar ist? Hören wir ihre Stimme, die aus allem spricht! Schließen wir unsere Augen nicht vor ihr, haben wir Verständnis für das, was sie uns zeigen und sagen will! Sie verkündet in allem den Wandel, ja noch mehr, das Ende.
Warum sollten wir uns über ein Gesetz beklagen, das wir nicht ändern können, dem wir absolut unterworfen sind, und das nicht weniger mächtig ist als das der Zerstörung, dem alles Sein ausgeliefert ist? Unsere Eigenliebe und unser Egoismus sträuben sich dagegen, und doch entspricht diese Erkenntnis den Gesetzen der Natur.
Betrachten wir nur die Tiere, meine liebe Laurette. Sieht man etwa die Weibchen mit jenen Männchen verbunden, die sie im Vorjahr gehabt haben? Selbst die Turteltaube, von der wir ein ebenso rührendes wie grundfalsches Bild gezeichnet haben, bleibt nur so lange im gleichen Nest, als ihre Brut ihrer bedarf. Und noch im selben Sommer sucht sie sich einen anderen Liebsten. Suche nach anderen Beispielen in der Natur, Du findest ihrer genug. Denn was ist der oberste Zweck der Natur? Die Vermehrung des Seins. Nur um die Geschöpfe dadurch zur Vermehrung anzuregen, hat sie so viel Lust in die Geschlechtsvereinigung gelegt. Diese Lust ist so groß, daß sie uns sogar gegen unseren Willen zu Handlungen treibt, welche sie hervorrufen. Wenn wir beide dieses Ziel der Natur umgangen haben, so sind es unsere Sitten und Vorurteile, die uns dazu gezwungen haben. Grundsätzlich jedoch ist dieser Plan der Natur so offensichtlich, daß ein Mann von guter Konstitution sogar mit einer Frau zu fruchtbarer Vereinigung kommen kann, die er überhaupt nicht kennt.
Wenn es zuweilen unter beiden Geschlechtern Leute gibt, die dem Willen der Natur gegenüber unempfindlich erscheinen, so ist das nur ein Fehler in der Veranlagung, der die allgemeinen Gesetze nicht zu zerstören vermag.
Ich muß allerdings gestehen, daß der Vorzug der Fruchtbarkeit, den die Männer genießen, den Frauen nicht gegeben ist. Zumeist können sie nur ein einziges Lebewesen hervorbringen. Es gibt Männer, die daraus einen Vorteil ziehen, ohne die bedauerlichen Wirkungen einer Mischung der Samenflüssigkeit zu bedenken. Wenn sich nämlich ein Keim in den Tiefen der Matrix festgesetzt hat und nach einiger Zeit derselbe Mann oder auch ein anderer einen neuen Keim befruchtet und ins Leben ruft, kann die Matrix eine zweite Frucht hervorbringen und selbst eine dritte. Doch liegt dies nicht im Sinne der Natur.
Hat die Natur die Männer mit allen möglichen Vorzügen ausgestattet, so hat sie sich doch auch den Frauen gegenüber nicht ganz und gar als Rabenmutter erwiesen. Diese tragen nämlich ein lebhaftes und immerwährendes Verlangen, einen unersättlichen Appetit in sich, eine Frucht des Lebens zu empfangen und zu tragen. Wenn der eine Mann dieses Verlangen nicht stillen kann oder will, so führt sie ein Gefühl, das stärker ist als alle Vorurteile, zum nächsten. Doch die Wahl hängt von ihrem Geschmack ab. Warum sollten sie auch die Umarmungen und Liebkosungen eines Mannes dulden, den sie verabscheuen? Was könnte aus einer Verbindung Gutes hervorgehen, gegen die sie sich auflehnen? Wie viele Beispiele hat man dafür gesehen? Solche unglücklichen Bindungen, die leider nur zu häufig sind, haben die Möglichkeit einer völligen Trennung bitter notwendig.
Die menschliche Existenz, die natürliche Konstitution des Menschen, gibt ihm das Recht zu wählen und selbst zu wechseln, wenn er sich getäuscht sieht. Nun wohl, wer täuschte sich nicht? Schließlich ist es dieses Recht zu wählen, das die Frau unbeständiger und treuloser macht als die Männer, die sich eher an die allgemeinen Gesetze halten. Wenn nun in den Frauen wegen der Beschaffenheit ihres Geschlechts ein größerer Grad von Wollust, ein lebhafteres und dauerhafteres Vergnügen als in uns Männern lebendig ist, so werden sie in gewisser Weise für die Beschwerden und Schmerzen entschädigt, denen sie unterworfen sind. Welche Ungerechtigkeit, aus diesen natürlichen Eigenschaften ein Verbrechen zu machen! Sind die Frauen etwa die Urheberinnen ihres Temperaments? Von wem haben sie es empfangen? Ihre Einbildungskraft, die auf Grund der Feinheit und Sensibilität ihrer Organe so leicht erweckt wird, ihre exzessive Neugierde und ihr leicht erregbares Temperament gaukeln ihnen Bilder vor, die sie heftig bewegen und die sie der Realität ihrer Begierden um so leichter zugänglich machen.
Betrachten wir doch die Unannehmlichkeiten, die durch die Eifersucht, dieses Lieblingskind unserer Eigenliebe und unseres Egoismus, verursacht werden! Sind die Frauen diesem Übel nicht ungleich stärker unterworfen als die Männer? Finden wir uns doch mit den Eigenarten des weiblichen Charakters ab! Machen wir ihnen das Joch leicht, das die Natur ihnen aufgebürdet hat! Binden wir sie mit losen Ketten, um ihren Geist zu fesseln, ihr Herz zu unterjochen und die Unbeständigkeit zu bändigen, die ihnen die Natur verliehen hat! Halten wir ihnen ihre Schwächen zugute, um sie uns nicht zu entfremden, was ohne Zweifel geschehen würde, wenn sie die Bürde der Ketten, mit denen die Liebe sie beladen möchte, zu drückend empfänden. Ohne diese unsere Großzügigkeit wäre die schönere Hälfte des Menschengeschlechts recht unglücklich. Doch wie bedauerlich ist es, daß diese Grundsätze von dem weitaus größten Teil unserer zivilisierten Welt nicht befolgt werden. Es ist vor allem die Unduldsamkeit, welche die Untreue der Frau zu einem solch beklagenswerten Verhängnis werden läßt. Und doch, glaube mir, liegt es vor allem an uns Männern, durch Klugheit und Weitblick die Frauen vor den furchtbaren Folgen zu bewahren, welche ihre Unabhängigkeit für sie haben kann. Denn so natürlich diese Unbeständigkeit auch Deinem Geschlecht erscheinen mag, so entsteht daraus doch zuweilen das größte Unheil. Bedenken wir nur die unglücklichen Resultate, die diese fatale Neigung bei den Frauen häufig zeitigt, während die Untreue der Männer zumeist keine solchen Folgen nach sich zieht!
Ich werde Dir den Grund dafür an einem einfachen Beispiel beweisen. Wenn man in zwanzig verschiedene Gefäße denselben Wein füllt und diesen dann in einem Gefäß mischt, so wird er in seinem Geschmack und seiner Qualität unverändert sein. Doch wenn man in einem einzigen Gefäß zwanzig verschiedene Flüssigkeiten zusammengießt, so wird sich daraus eine Mischung ergeben, welche die natürlichen Eigenschaften jeder dieser Flüssigkeiten verändert. Und wenn man auch nur einen Tropfen davon in ein Gefäß schüttet, in dem sich eine unvermischte Flüssigkeit befindet, so wird diese dadurch verdorben werden.
Aus diesem Beispiel kannst Du leicht Deine Folgerungen ziehen. Wenn sich ein Mann mit mehreren Frauen vereint, kann daraus kein Übel entstehen. Sein Verhalten ist vielmehr dasselbe, wie wenn man ein und dieselbe Flüssigkeit in mehrere Gefäße füllte. Aber wenn eine Frau, selbst eine gesunde Frau, sich hintereinander mit mehreren Männern verbindet, so wird diese Vermischung der Samenflüssigkeit in ihr, selbst wenn die Männer ihrerseits ganz gesund sein sollten, doch die gefährlichsten Folgen zeitigen.
Wenn ein Mädchen, eine junge, reizende, freie und unabhängige Frau, die dem Pöbel entstammt und daher keine Erziehung genossen hat und keine hinreichenden Vorkehrungen trifft, infolge ihrer eigenen Arglosigkeit oder aus Nachgiebigkeit gegenüber der Lockung jener alten Hähne, die auf ihre Reize scharf sind, sich in diesen schrecklichen Zustand versetzt, so werden die Folgen unausbleiblich sein. Hat sie sich nun infolge ihres Temperaments oder weil sie den Charakter einer Libertine hat, verführen lassen, mehrere Männer in rascher Reihenfolge zu empfangen, wird sie dies zu ihrem eigenen Schaden tun, und sie wird ohne Zweifel ein Opfer der Ansteckung sein, auch wenn diese Männer an und für sich gesund sein mögen. Die Mischung der Samenflüssigkeit in ihrem Innern hat die schädlichsten Folgen. Sie wird an weißem Ausfluß und Geschwüren der Gebärmutter zu leiden haben, wenn ihr nicht noch Schlimmeres bevorsteht. Die Samenflüssigkeit dieser verschiedenen Männer, die einander infolge der Verschiedenheit des Temperaments oder infolge der Verschiedenheit ihres Gesundheitszustandes widersprechen, zerstört die Gesundheit der Frau, die sie in sich aufgenommen hat. Vor allem jene, die an Hautkrankheiten leiden, übertragen diese häufig auf die Frauen, mit denen sie sich verbinden. Gar nicht zu reden von jenen anderen, die an chronischen Geschlechtskrankheiten leiden, ohne daß deshalb ihre Potenz zerstört wäre. Alle diese Stoffe, die sich an ein und demselben Ort treffen, verursachen mit beinahe absoluter Sicherheit ein Gift, das viel wirksamer ist als jeder einzelne Krankheitsstoff für sich allein. Das beweist, daß die Frauen nicht für die physische Untreue gemacht sind und noch weniger für die Prostitution, der sich so viele von ihnen ergeben.
Du ersiehst aus dem Gesagten wohl, daß die physikalischen Erkenntnisse sowie Vernunft und Erfahrung es gewiß erscheinen lassen, daß von dem Augenblick an, da sich die Frauen der Freizügigkeit ihres Temperaments auslieferten, die venerische Ansteckung sich an den Quellen des Lebens verbreiten mußte. Unglücklicherweise ist sie aus den niedrigsten Volksschichten, wo sie vielleicht ihren Ausgang genommen hat, bis zu den Spitzen der Gesellschaft emporgestiegen.
Doch da dies nun einmal geschehen ist, erscheint es ohne Zweifel notwendig, daß erleuchtete und kluge Männer, die durch eine lange Erfahrung weise geworden sind, versuchen, ein Mittel zu finden, das die verheerenden Folgen dieser geschlechtlichen Vergiftung aufhebt. Es gab genügend solche Männer, die, mögen sie auch dem Spott und dem Geschrei des Pöbels ausgesetzt sein, doch ihren Zeitgenossen ebenso nützlich sind wie künftigen Generationen, indem sie die Schäden zu beseitigen suchen, die aus der Prostitution der Frauen für alle Welt entstanden sind.
Das ist übrigens auch ein Vorteil dieses Schwämmchens, das ich Dich benützen lehrte. Aber die Anwendung desselben allein genügt nicht. Die Flüssigkeit, mit der es präpariert ist, zerstört zwar die Kraft des männlichen Samens, aber das Gift, das durch die Vermischung der Säfte auf den weiblichen Körper einzuwirken vermag, ist oft stärker. Immerhin reicht diese Vorsichtsmaßnahme in vielen Fällen, die verheerenden Folgen einer Infektion zu verhindern.
Es gibt indessen noch eine stärker wirkende Flüssigkeit. Eine Frau, die ihren Gebärmuttermund durch ein mit dieser Flüssigkeit durchtränktes Schwämmchen verschließt, kann sich ohne Risiko mit mehreren Männern paaren, ja, sie kann sogar einen kranken Mann empfangen. Kommt ihr der Verdacht, daß ein Mann krank sein könnte, zu spät, so kann sie das Schwämmchen hinterher mittels der seidenen Schnur entfernen und sich durch eine Waschung mit derselben Flüssigkeit reinigen, um danach ein anderes Schwämmchen, das auf dieselbe Weise getränkt ist, wieder einzuführen. Man kann diese Schwämmchen auch in eine starke Lösung einer solchen Flüssigkeit tauchen und sie hernach wieder in Gebrauch nehmen.
Auch ein gesunder Mann kann sich im Verkehr mit einer Frau, die er im Verdacht einer venerischen Erkrankung hat, schützen, indem er ein mit vorbeugender Flüssigkeit getränktes Schwämmchen in ihre Vagina einführt. Doch sollte er nach dem Verkehr sein Glied in dieser Flüssigkeit waschen. Dazu kann man ein Glas oder Porzellangefäß verwenden. Noch sicherer ist es, wenn man in den Harnkanal etwas von dieser Flüssigkeit einführt. Dazu kann man eine kleine Elfenbeinröhre — doch niemals einen Metallgegenstand verwenden. Will der Mann eine sehr köstliche Sensation erleben, soll er diese Flüssigkeit zur Hälfte mit Rosenwasser mischen. Ich würde Dir das nicht sagen, meine Liebe, wenn ich nicht die entsprechende Erfahrung gemacht hätte.
Auch könnte ich Dir, meine liebe Laura, noch eine Reihe von anderen Beweisen dafür geben, daß die Natur den Frauen nicht dasselbe Recht auf Untreue gegeben hat wie den Männern. Doch anderseits ist es sicher, daß sie in ihr Herz und ihren Charakter mehr Unbeständigkeit gelegt hat als in unser Geschlecht. Ah, wie glücklich sind wir, wenn ein Liebesobjekt unser wahres Gefühl erweckt! Sollten wir da nicht ein kleines Opfer bringen, um einen großen Verlust zu vermeiden?“
Gerechter Himmel, wie tief war doch seine Erkenntnis des menschlichen Herzens! Du wirst mir das ohne Zweifel zugestehen. Durch dieses Gespräch nahm er mir eine Last von der Seele. Er gab mir meine Ruhe wieder und erfüllte mich mit vollkommener Freude.
Ich wollte allerdings noch einen gewissen Verdacht klären, den unsere ländliche Orgie damals in mir erweckt hatte. Zwar zögerte ich anfangs, ihn danach zu fragen, aber schließlich wagte ich es doch.
„Ich möchte Dich noch etwas fragen, mon cher, und ich bitte Dich, mir offen darauf zu antworten.“
„Wie? Meine Laurette, könnte ich Dir das unwürdige Beispiel der Verstellung geben, nachdem ich mich immer bemüht habe, in aller Aufrichtigkeit mit Dir zu reden? Sprich offen, und ich werde Dir offen antworten.“
Ich rückte also unbefangen mit meinen Zweifeln heraus.
„Als wir damals jenen Landausflug machten und Du eine gewisse Bedingung stelltest, um meiner Torheit Vorschub zu leisten, habe ich mir eingeredet, daß die Reize dieses hübschen Jungen dein Verlangen ebenso erweckt hätten wie meines und daß Du, um Dich daran zu ersättigen, diese Bedingung gestellt habest. Habe ich mit dieser Vermutung recht gehabt?“
„Ah nein, wie Du Dich täuschst, meine Liebste! Ich war begehrlich, das stimmt. Du hast das untrügliche Zeichen dieses Verlangens ja gesehen. Wer hätte in einer Situation wie dieser nicht ähnlich empfunden? Aber in erster Linie waren die Vorzüge Deiner eigenen Person die Ursache dieser Empfindungen. Ich muß Dir gestehen, daß mir die Vorliebe mancher Männer für ihr eigenes Geschlecht immer bizarr erschien, wenn man sie auch bei allen Nationen finden mag. Diese merkwürdige Leidenschaft erscheint mir vor allem deshalb extravagant, weil sie alle Gesetze der Natur verletzt, es sei denn, daß ein akuter Mangel an Frauen uns unsere Zuflucht zu unserem eigenen Geschlecht nehmen läßt. Man kann dies in Schulen, Klöstern, Gefängnissen und überall dort, beobachten, wo die Frauen aus dem Leben der Männer ausgeschlossen sind. Doch werden diese Unglücklichen, welche die Reize der Frauen entbehren müssen, immer wieder zu diesen zurückkehren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.
Etwas anderes ist es mit der Neigung der Frauen für ihr eigenes Geschlecht. Diese scheint mir nicht so unnatürlich. Ich glaube vielmehr, daß die Zärtlichkeit ihres Betragens untereinander sie sehr leicht verführt, mit ihren Geschlechtsgenossinnen eine intime Bindung einzugehen. Auch stört diese Neigung zumeist ihre Vorliebe für unser Geschlecht nicht im Geringsten. Tatsächlich werden diese armen Geschöpfe doch zeitlebens einem gewissen Zwang unterworfen. Man sperrt sie in Klöster ein, bei nahezu allen Nationen macht man aus ihrem Heim ein Gefängnis.
Diese Abgeschlossenheit erzeugt in ihnen die Illusion, daß sie wenigstens in den Armen ihrer Geschlechtsgenossinnen jene Wonne suchen und finden könnten, nach der ihre Natur verlangt, wenn ihnen schon der natürlichere Umgang mit Männern verwehrt ist. Und da dieses unzweifelhafte Vergnügen, in dem sich Schönheit, Grazie und Jugendfrische mischen, für sie völlig ungefährlich ist, geben sie sich ihm nach den ersten schüchternen Versuchungen mit einer gewissen Leidenschaft hin. Sie riskieren nichts und sie gewinnen viel in einer solchen zärtlichen Bindung.
Bei den Männern ist das etwas anderes. Im Allgemeinen mangelt es ihnen nicht an Frauen, und es ist für sie nicht halb so gefährlich wie für jene, ihren Wünschen nachzugehen. Sie haben also recht wenig Grund, sich mit ihresgleichen einzulassen. Übrigens scheint es mir im Ganzen als pervers, und Du darfst mir glauben, daß es damals mit Vernol das einzige Mal war, daß ich etwas dergleichen getan habe. Doch wenn mir diese Methode der Lust auch bei den Männern höchst bizarr erscheint, so finde ich es doch ganz natürlich, eine Frau gelegentlich von hinten zu nehmen. Ja, ein schlecht ausgerüsteter Mann ist in einer weiten Vagina so gut wie verloren und daher beinahe gezwungen, es mit einem engeren Weg zu versuchen, um auf dem Feld, das er beackert, die Lust zu empfangen, nach der er strebt. Und übrigens gibt es sogar eine ganze Anzahl von Frauen, die nicht anders erregt werden können als auf diesem Weg.
Doch um auf die Gründe zurückzukommen, die mich damals veranlaßten, Vernol zu nehmen: Meine Liebe und mein Begehren galten Dir, und nur dir allein. Aber ich habe, wie Du weißt, keine Vorurteile. Dazu kam ein lebhaftes Verlangen, Dich von allen Seiten zu befriedigen und all Deine Gefühle zu wecken. Auch wollte ich, daß Du die Verschiedenheit des Genusses kennen lernen solltest. Dazu kam, daß ich Vernol seinen Genuß nicht allein zu gönnen vermochte, ich wollte daran teilnehmen. Auf welch andere Weise hätte ich dies erreichen können, ohne in Deinem Herzen als ein eifersüchtiger Tyrann zu gelten? Hätte ich mich Deinem Verlangen nach Vernol widersetzt, würde ich vielleicht Deine Zärtlichkeit und Dein absolutes Vertrauen verloren haben. Das konnte ich nicht riskieren, umso weniger, als ich nur auf Dein Herz eifersüchtig bin. Anderseits konnte ich Dich nicht in den Armen Vernols sehen, der sich meine Gefühle für Dich anmaßte, nur um eine Eroberung, die mir so viel bedeutete, dann als ein hübsches Abenteuer zu betrachten. Ich wollte, daß er sich, ebenso wie Rose, nicht dieser Lust erinnern könne, die er in deinen Armen empfing, ohne zur selben Zeit daran zu denken, daß er dafür mit seiner eigenen Person hatte bezahlen müssen. Und ich hoffte, daß diese Erinnerung seinen Gedanken und seiner Zunge einen Zaum auferlegen würde. Ich habe ihn mit umso mehr Grund in der Art der Frauen benutzt, weil Männer kaum je klug und diskret genug sind, das Gute, das ihnen widerfahren mag, für sich zu behalten. Um Dir die Ehrlichkeit meiner Gründe zu beweisen, erinnere ich Dich daran, daß Rose von mir nicht auf diese Weise behandelt wurde, obwohl das bei einer Frau doch um vieles natürlicher erschiene als bei einem Mann. Doch sie war mir dazu nicht wichtig genug. Und obwohl dies das erste Mal gewesen wäre, sie auf diese Weise zu besitzen, habe ich es doch Vernol überlassen, ihre zweite Jungfernschaft zu brechen. Urteile nun selbst, ob ich Dich täusche.“
Seine Antwort überzeugte mich. Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich drückte ihn an mein Herz, ich erstickte ihn beinahe mit den Beweisen meiner Liebe.
„Mein Liebster, nie, nie wieder werde ich Deine Güte und Deine Liebe für Deine Laurette bezweifeln. Glaube mir, von nun an soll jeder Atemzug meines Lebens Dir geweiht sein. Ich will Dich zum Gefährten meiner Lust wie meiner Sorgen, ja selbst meiner geheimsten Gedanken machen. Die Beständigkeit und Treue meines Herzens sollen Dir die Innigkeit eines Herzens beweisen, das nur für Dich schlägt.“
Ich genoß in der Folge vier köstliche Jahre, die erfüllt waren von Frieden und süßem Glück. Er war all meine Seligkeit. Behütet und behütend, liebend und wiedergeliebt genoß ich das Glück seiner innigen Zuneigung jeden Tag aufs neue. Nichts trübte mein Glück außer dem Tod unserer lieben Lucette. Ihr Andenken ist mir für immer teuer. Dies ist die Frucht der tiefen Zuneigung, die wir für einander empfanden. War nicht ihr ganzes Verhalten von der zärtlichen Liebe erfüllt gewesen, die sie meinem Vater und mir entgegengebracht hatte? Ich hatte den Unterschied zwischen ihr und Rose wohl erkannt und die Verbindung mit ihr viel höher eingeschätzt als jene mit der flatterhaften Rose. Doch ach, der Verlust, den ich durch sie erlitt, war nur ein schwacher Vorgeschmack jener Qualen, jener nachtschwarzen Kümmernisse, die gar bald über mich hereinbrechen sollten. Ach, meine Eugenie, wozu diese Wunde aufs Neue aufreißen? Wozu meinen Schmerz erneuern?
Die Erinnerung an mein Unglück zerreißt mein Herz. Nein, ich will nicht noch einmal darüber sprechen . . .