3. Die Stellung der Aesthetik in dem Systeme der Philosophie.

Baumgarten glaubte in dem System der Philosophie eine gewisse Lücke entdeckt zu haben. Wir haben in der Logik eine Wissenschaft, die sich auf die allgemeinen Gesetze oder Kennzeichen des denkenden Erkennens des menschlichen Geistes bezieht. Eine ähnliche Wissenschaft muss es nach Baumgarten auch geben für das niedere oder das an die Sinnlichkeit gebundene empfindende Erkenntnissvermögen unseres Geistes. Das Verhältniss der Aesthetik zu diesem letzteren Vermögen ist nach Baumgarten dasselbe als das der Logik zu jenem ersteren. Der Begriff der Aesthetik als solcher hat also bei Baumgarten zunächst noch nichts mit dem ganzen Gebiet der Erkenntniss vom Schönen zu thun. Derselbe Gebrauch dieses Wortes findet sich auch noch bei Kant, indem derselbe in der «Kritik der reinen Vernunft» das anschauliche oder ästhetische und das denkende oder logische Erkenntnissvermögen von einander unterscheidet. Wir haben aber mit Unrecht in der neueren Zeit vergessen und ausser Acht gelassen, welches die eigentliche und ursprüngliche Bedeutung des Namens der Aesthetik ist und ich schliesse mich daher hier wiederum zur wahrhaften Begründung des Begriffes dieser Wissenschaft an den früheren Sprachgebrauch Baumgartens und Kants an.

Es ist gewiss, dass alles menschliche Erkennen an und für sich in diese doppelte Region des empfindenden und des denkenden zerfällt. Die Frage nach dem Verhältniss derselben aber ist eines der tiefsten und wichtigsten Probleme der Philosophie. Es hängt wesentlich hiermit unsere wissenschaftliche Gesammtansicht von der ganzen geistigen Natur und Stellung des Menschen zusammen. Es ist dieses Verhältniss in den einzelnen Lehren der Philosophie in einer sehr verschiedenen Weise aufgefasst und dargestellt worden. Wir sind aber gegenwärtig in der Lage, auf Grund positiver Wissensresultate hierüber vollkommener und sicherer urtheilen zu können als früher. Diese positiven Resultate sind wesentlich diejenigen, welche sich durch die neuere vergleichende Sprachwissenschaft für uns ergeben haben. Auch unsere jetzige Psychologie begeht immer noch den Fehler, den Menschen und seine Seele nur ganz an sich oder abstract genommen zum Gegenstand ihrer Untersuchung zu machen. Was der Mensch wirklich ist, kann nur auf dem Boden der geschichtlichen Entwickelung seines ganzen Geisteslebens wahrhaft von uns aufgefunden und festgestellt werden.

Die Wissenschaft der Psychologie entbehrt zur Zeit noch eines jeden wahrhaften Bodens und gesicherten Fundamentes. Wir verstehen unter ihr die Bearbeitung der geistigen oder der an und für sich selbst unsinnlichen Erscheinungen im Leben des Menschen. Alle diese Erscheinungen sind zunächst gebunden an die physischen Bedingungen des Körpers oder des materiellen Substrates des Lebens der Seele. Jeder sogenannte psychische Vorgang ist zugleich mit ein physischer in den Bedingungen und Organen des Lebens des Körpers. Alles eigentlich Actuelle am Menschen ist an und für sich nur dasjenige, was zum Körper und zu seinem Leben gehört. Alles Geistige hat blos die Gestalt einer ideellen Wirkung oder eines vorübergehenden Phänomenes am Leben des Körpers. Es liegt insofern nahe, im Körper die einzige reale Substanz oder die gesammte actuelle Wesenheit des Menschen zu erblicken und aus den körperlichen Bedingungen und Vorgängen allein die ganzen der Seele zugeschriebenen Erscheinungen am Menschen erklären und ableiten zu wollen. Wir müssen uns sagen, dass unser ganzer Begriff der Seele eigentlich nur eine angenommene oder fingirte Ursache ist, auf welche wir einen bestimmten Complex von gegebenen Erscheinungen am Menschen zurückzuführen gewohnt sind. Die Existenz der Seele als einer anderen selbstständigen Natur und Wesenheit neben dem Körper ist an und für sich noch nicht empirisch gewiss oder wissenschaftlich erwiesen. Die Wissenschaft der Psychologie also befindet sich in der eigenthümlichen Lage, dass dasjenige, wonach sie sich benennt, möglicherweise gar nicht existirt und es stehen sich über die ganze Frage nach der Natur des Menschen zuletzt blos zwei allgemeine Hauptansichten gegenüber, die eine, welche in dem Körper oder der Materie allein die reale Substanz oder Wesenheit des Menschen erblickt und die andere, von welcher neben dem Körper zugleich die Seele als ein anderes selbstständiges Prinzip des Lebens im Menschen unterschieden wird. Die erstere Ansicht aber wird auch mit dem allgemeinen Namen des anthropologischen Materialismus, die letztere mit dem des Spiritualismus bezeichnet und es ist jene ihrer allgemeinen Beschaffenheit nach näher ein Monismus, diese aber ein Dualismus. Der Körper oder das physisch Wirkliche ist in dem ersteren Falle die alleinige, in dem letzteren aber nur eine begleitende oder Nebenursache der geistigen Erscheinungen am Menschen. Für den Standpunkt des Materialismus sind alle Erscheinungen und Vorgänge am Menschen zuletzt von einer und derselben Art und es sind die einen von ihnen höchstens die dem Grade nach höheren und feineren gegenüber der niedrigeren und gröberen Natur der anderen, während dagegen für den Standpunct des Spiritualismus die geistigen Erscheinungen des Menschen an sich von specifisch anderer Natur sind als die physischen und sich an diese nur als an die sie begleitenden Unterlagen und Nebenbedingungen gebunden finden.

Es hat etwas Verführerisches für den menschlichen Geist, den Zusammenhang zwischen dem Leben des Körpers und dem der Seele ergründen oder vom Standpuncte der gegebenen physiologischen Thatsachen die Brücke zur Erklärung der psychischen Erscheinungen schlagen zu wollen. Die Lehre von der Seele und ihren Erscheinungen würde hierdurch zu einer Consequenz und einem Ausflusse der Naturwissenschaft erhoben werden. Wir halten alles Zusammenwerfen und Vermischen der verschiedenen Gebiete des Erkennens für einen wissenschaftlichen Fehler; auch wird es nie gelingen, die Grenze zwischen den Erscheinungen des Lebens, der Materie und denen des Geistes wirklich zu überschreiten. Wir weisen daher jeden Anschluss der Wissenschaft der Psychologie an diejenige der Physiologie principgemäss von uns ab. Die gegebenen geistigen oder psychischen Erscheinungen des Menschen bilden ein besonderes Gebiet der Erkenntniss oder Bearbeitung für sich. Die Frage nach dem Wie des Entstehens dieser Erscheinungen aus den Bedingungen des Körpers ist zu sondern von der nach dem Was ihres eigenen Wesens oder Gehaltes; es können Blicke von der einen dieser beiden Seiten nach der anderen hin gethan werden, aber es ist unmöglich, beide in eine Einheit mit einander zusammenzufassen und den Schwerpunkt für die Wissenschaft vom geistigen Leben des Menschen in die Lehre von seinem Körper oder in die Physiologie zu verlegen.

Auch die Wissenschaft der Psychologie bildet an sich einen Theil des systematischen Ganzen der Philosophie überhaupt. Ihre Entwickelung hängt zusammen mit der Entwickelung des allgemeinen wissenschaftlichen Prinzipes dieser letzteren selbst. Sie ist sogar in gewissem Sinne das innerste, wesentlichste und vitalste Hauptgebiet aller philosophischen Speculation. Das an und für sich Wichtigste, was überhaupt vom Menschen erkannt werden kann, ist unter allen Umständen nur er selbst und alle wichtigsten Hauptfragen der Philosophie haben zuletzt ihren Sitz und ihren Ausgangspunkt in der Psychologie. Das ganze Ziel alles Begreifens für die Philosophie aber ist zuletzt ein doppeltes, einmal die uns gegenüberstehende sinnliche Aussenwelt der Natur oder Objectivität, andererseits die Welt unseres eigenen geistigen Innern oder die menschliche Subjectivität oder der Makrokosmus des äusseren Seins und der Mikrokosmus des inneren Fühlens, Anschauens und Denkens. Der Mensch und sein geistiges Leben ist in der ganzen uns umgebenden Welt derjenige Boden, auf welchem wir selbst stehen und in welchem sich die ihn umgebende Aeusserlichkeit selbst abspiegelt und reflectirt. Die Aussenwelt ist für uns nur dasjenige, als was sie sich dem Menschen zeigt und von ihm aufgefasst und erkannt wird. Die Erkenntniss unserer selbst ist daher für uns auch das Wichtigere und der wahrhaft entscheidende Punkt für unsere Erkenntniss der ganzen uns umgebenden äusseren Welt.

Wir postuliren den Begriff der Seele im Sinne eines realen Trägers oder einer Substanz aller geistigen Erscheinungen und Vorgänge im Menschen. Es ist für das wissenschaftliche Begreifen der geistigen Erscheinungen des Menschen an und für sich gleichgültig, ob und welche Realität diesem Begriffe von uns zugeschrieben werde. Die allgemeine Streitfrage des Materialismus und Spiritualismus hat an sich keinen Einfluss auf die Aufgabe der wissenschaftlichen Bearbeitung der gegebenen Erscheinungen der Seele als solcher. Wir sind berechtigt, von der Seele zu reden als von einem an sich einfachen Wesen, welches den Hintergrund oder die Basis eines bestimmten Complexes der wirklichen Erscheinungen am Menschen bilde, wenn wir uns auch sagen müssen, dass dieser Begriff nur eine von uns selbst gemachte und angenommene Fiction oder Hypothese sei.

Die ganzen Erscheinungen der Seele werden von uns eingetheilt oder classificirt durch ein System von Begriffen, in welchen wir die Vertreter der einzelnen Abtheilungen, Kräfte oder Functionen derselben zu erblicken gewohnt sind. Auch von allen diesen Begriffen gilt an sich dasselbe als von demjenigen der Seele überhaupt; sie sind an sich keine Realitäten, sondern nur fingirte Substanzen oder Träger gewisser Complexe gleichartiger Erscheinungen am Menschen. Wir reden von ihnen allerdings so, als ob sie ganz bestimmte einzelne Organe und Theile des Lebens der Seele wären ähnlich als diejenigen des Körpers und wir stellen uns überhaupt die Seele gleichsam als ein System oder einen Organismus von Theilen und Functionen vor nach der Analogie des Körpers. Wir schaffen uns aus den vorübergehenden und wechselnden Erscheinungen des Seelenlebens gleichsam ein Bild oder eine Vorstellungseinheit von der Seele an sich. Alles dieses ist für uns freilich etwas Nothwendiges und Berechtigtes; es dient uns sogar in vielen Fällen geradezu ein bestimmter Theil des Körpers als Ausdruck oder Bezeichnung einer bestimmten Kraft oder eines Prinzipes des Lebens der Seele, so wie wir von Kopf, Herz u. s. w. reden als ob dieses nicht blos Theile des Körpers, sondern auch solche der Seele wären. Es kann im gewissen Sinne allerdings überhaupt die Gliederung des Körpers als Basis und Prinzip für diejenige der Seele angenommen werden, so wie sich insbesondere das System der Seelenabtheilungen bei Plato an dasjenige der körperlichen Gliederung anschloss. In ähnlicher Weise wurde auch früher die Lehre von den vier Temperamenten mit den vier Elementen der Natur in Verbindung gebracht und es kann allerdings mehr oder weniger alles Psychische auf bestimmte materielle oder physische Prinzipien zurückgeführt werden.

Wir dürfen hierbei aber in keinem Falle vergessen, dass alles dasjenige, was wir uns als objectiv gegebene Kräfte oder Theile der Seele u. s. w. vorzustellen pflegen, unmittelbar genommen nichts sind als innere oder subjective Begriffe unseres eigenen Denkens, deren ganzer Inhalt und deren Gebrauchsanwendung häufigen Schwankungen und Missverständnissen unterliegt. Mit demselben Worte wird oft ein etwas abweichender Sinn in Verbindung gebracht. Das System der psychologischen Begriffe oder Kategorieen ist mehr oder weniger in jeder einzelnen Sprache selbst ein verschiedenes und es ist die ganze Gruppirung oder Vertheilung der Seelenerscheinungen hiernach immer zum Theil eine andere. Es ist deswegen wissenschaftlich durchaus unberechtigt, von allen diesen Begriffen ohne Weiteres so zu sprechen als ob sie Realitäten wären oder als ob es ein ganz bestimmter und unzweifelhafter wirklicher Inhalt wäre, der in ihnen für uns seine Vertretung fände. Was der Begriff eines körperlichen Theiles für uns bedeutet, ist etwas ganz Bestimmtes und unzweifelhaft Gewisses oder es entspricht hier dem subjectiven Begriff eine fest begrenzte sinnliche und objective Realität. Es werden nichtsdestoweniger im philosophischen Denken alle jene Begriffe auch gegenwärtig noch so gebraucht, als ob sie ohne Weiteres Realitäten wären. Unsere ganze philosophische Kunstsprache beruht einem wesentlichen Theile nach auf diesem Irrthum, den subjectiven Begriffen ohne Weiteres den Charakter als Vertreter von etwas Wirklichem oder Sachlichem zuzuschreiben. Eine subjective Begriffsentwickelung ist nicht als solche bereits eine Erkenntniss oder die Darstellung eines objectiven und sachlichen Inhaltes. Man ist sich vielfach der Rohheit gar nicht bewusst, welche darin liegt, die Begriffe des Denkens oder die Worte der Sprache in einem anderen Sinne als dem ihnen rechtmässig zukommenden zu gebrauchen. Die Begriffe oder Kunstausdrücke der Philosophie unterscheiden sich von denen anderer Wissenschaften überhaupt dadurch, dass sie von nur subjectiver Art sind oder dass keine bestimmte und feste objective Realität nachgewiesen werden kann, auf die sie sich beziehen. Dieses sogenannte Denken in reinen oder subjectiven Begriffen hat an und für sich gar keinen wissenschaftlichen Werth. Es entspringen hieraus eine Menge vollkommen leerer und unrichtig gestellter Streitfragen und Probleme des Tages. So ist jenes berühmte Unbewusste nichts als ein Name, dem in künstlicher und willkürlicher Weise der Charakter einer Realität beigelegt worden ist. So streitet man sich jetzt unter Anderm darüber, ob die Thiere denken können oder nicht: es handelt sich hierbei nicht um etwas Objectives in der Sache selbst, sondern nur um die Bedeutung eines subjectiven Begriffes unseres Denkens. Denn die Erscheinungen der Thiere bleiben dieselben, die sie sind, und es fragt sich blos danach, ob sie vermöge ihres gegebenen Charakters rechtmässig unter den Begriff des Denkens subsumirt werden können oder nicht. Alles dieses sind blos innere oder dialektische Fragen des menschlichen Geistes selbst, die nicht das Wesen der Sachen an sich, sondern nur das Verhältniss unserer Begriffe zu ihm zum Gegenstand haben.

Der Begriff der Seele vertritt für uns das andere geistige oder immaterielle Prinzip im Menschen neben dem sinnlichen oder materiellen des Körpers. Dem Begriffe der Seele substituiren wir auch wohl hin und wieder denjenigen des Geistes. Seele und Geist aber sind deswegen nicht für uns schlechthin identische Begriffe. Es ist z. B. ein wesentlicher Unterschied, ob wir mit einem Menschen das Prädicat des Geistvollen oder das des Seelenvollen in Verbindung bringen. Ein Mensch von Geist ist insbesondere ein solcher, welcher reich ist an eigenen und selbstständigen Gedanken. Der specifische Charakter des Seelenvollen liegt dagegen mehr in der Tiefe und Eigenthümlichkeit des Empfindens. Der Begriff des Geistes im specifischen Sinne vertritt für uns wesentlich nur eine bestimmte Abtheilung oder Richtung des menschlichen Seelenlebens überhaupt. Wir rechnen zum Leben des Geistes insbesondere alles dasjenige hinzu, was auf einer selbstständigen Anstrengung unseres Denkens oder auf einer befreienden Erhebung unseres inneren Bewusstseins über die blosse Abhängigkeit von den Bewegungen und Eindrücken des Körpers beruht. In diesem Sinne aber ist es wesentlich der Begriff der Sinnlichkeit, welcher das allgemeine und natürliche Gegentheil der Region des Geistes im Leben der Seele bildet. Die Sinnlichkeit ist im Allgemeinen diejenige Region des Lebens der Seele, deren Charakter in einer unmittelbaren Einheit oder in einem abhängigen und empfangenden Anschluss desselben an die Bedingungen und Anregungen unserer körperlichen Natur besteht. Das Seelenleben der Thiere aber kommt über diese ganze Region der Sinnlichkeit überhaupt nicht hinaus, während dasjenige des Menschen sich wesentlich aus der doppelten Region der Sinnlichkeit und des Geistes, von denen jene gleichsam direct an das Leben des Körpers oder der Materie angrenzt, diese aber das Prinzip der Seele selbst in seinem höheren reineren oder specifischen Sinne in sich vertritt, zusammensetzt.

Als eine dritte hauptsächliche Seelenabtheilung darf von uns angesehen werden diejenige des Charakters. Der Charakter ist wesentlich der Sitz oder das Organ für das psychische Vermögen des Wollens. Das Verhältniss der drei allgemeinen Seelenvermögen des Fühlens oder Empfindens, des Denkens und des Wollens entspricht dem der drei allgemeinen Abtheilungen oder Organe der Sinnlichkeit, des Geistes und des Charakters. Diese Gliederung bildet das erste und wichtigste Fundament aller weiteren Eintheilung des Lebens der Seele. Hierdurch überhaupt aber unterscheidet sich zunächst das ganze höhere und reichhaltiger zusammengesetzte Seelenleben des Menschen von dem niedrigeren und mehr einfach rudimentären des Thieres. Auf die Erscheinungen und Vorgänge des thierischen Seelenlebens kann weder der Begriff des Denkens noch der des Wollens rechtmässig in Anwendung gebracht werden. Wir bedienen uns auch zur Charakteristik der höheren Natur und vollkommeneren Einrichtung des menschlichen Seelenlebens des Ausdruckes der Vernunft, welchem wir in Bezug auf das Leben des Thieres denjenigen des Instinctes gegenüberstellen. Zwischen beiden aber zieht sich durchaus eine bestimmte und scharf bezeichnete Grenze. Alle Acte des thierischen Erkennens sind von einer rein unmittelbaren, wesentlich zeitlosen oder instinctiven Natur, d. h. es ist dem Thier die dem Menschen eigenthümliche in sich zurückgezogene Sammlung oder nachdenkende Reflexion des Erkennens vollständig fremd. Jede Erkenntniss tritt überall nur in der Gestalt einer augenblicklichen und blitzartigen Erleuchtung in der Seele des Thieres auf Grund einer gegebenen sinnlichen Wahrnehmung hervor. Eine solche Erkenntniss mag vielleicht aufgelöst werden können in eine bestimmte Folge einzelner Momente und sich insofern an eine menschliche Schlussfolgerung oder Gedankenüberlegung anzuschliessen scheinen, aber sie ist als psychischer Act immer ein durchaus einfacher, zeitloser und sprungartiger Vorgang. Ein Thier kann eine Reihe von Erfahrungen machen und es tritt zu dem Prinzipe des Instinctes hierdurch noch das der Gewöhnung in seinem Seelenleben hinzu, aber es ist unfähig, die Summe der Erfahrungen innerlich zu sammeln und aus ihnen weitere Ableitungen oder Schlussfolgerungen zu ziehen. Für den ganzen Unterschied des thierischen Seelenlebens vom menschlichen ist am Bezeichnendsten die Unfähigkeit des ersteren zu dem Acte der Abstraction, d. h. zu der selbstständigen Erhebung oder Befreiung seines Innern über die Gewalt einer unmittelbar gegebenen sinnlichen Wahrnehmung und des aus dieser entspringenden Eindruckes auf das Leben der Seele. Nur hierauf gründet sich sowohl das Vermögen des Denkens als auch dasjenige des Wollens in der Seele des Menschen. Jeder Act des Verlangens oder des Strebens beim Thier ist ein unmittelbarer Gegenstoss des Reizes irgend einer sinnlichen Wahrnehmung oder eines äusseren Eindruckes. Alles dieses sind Erscheinungen des Begehrens, noch nicht aber solche des Wollens. Nur der Mensch vermag zu wollen, d. h. ein bestimmtes von Innen heraus erfasstes Ziel im Gegensatz zu blossen äusseren sinnlichen Anregungen oder Begehrungen zu verfolgen. Diese Function des Wollens aber hat wesentlich immer diejenige des Denkens zu ihrer Voraussetzung; denn nur durch die Erhebung über das Einzelne des sinnlichen Eindruckes zu allgemeinen geistigen Begriffen wird der Mensch auch fähig, sich bestimmte innere oder nur ihm selbst angehörende Ziele des Bestrebens zu stecken. In seinem Erkennen ist es die Vernunft, in seinem Handeln ist es die sittliche Freiheit, durch welche sich der Mensch von dem einfachen und instinctiven Gebundensein des Thieres an die Gewalt der sinnlichen Wahrnehmungen unterscheidet. Nur beim Menschen aber kann überhaupt wegen der ganzen reicheren Gestaltung seines Seelenlebens von einer bestimmten Gliederung desselben in einzelne Abtheilungen gesprochen werden.

Der Ausgangspunct aller Entwickelung des menschlichen Seelenlebens ist an und für sich kein anderer als derjenige des Seelenlebens des Thieres. Nur durch die Fähigkeit seiner weiteren Vervollkommnung ist das menschliche Seelenleben zu Anfang von demjenigen des Thieres verschieden. Dieses gilt sowohl vom Kind als auch vom ursprünglichen Menschen am Anfang aller Geschichte. Im Leben der Thiere tritt durch sich selbst in allem Wechsel der Generationen keine Veränderung ein. Das Thier ist durchaus abhängig und gebunden an die Natur, während die Bestimmung des Menschen in dem Heraustreten aus der blossen Einheit mit der Natur und in der Erhebung zur Herrschaft über dieselbe besteht. Entscheidend für das ganze höhere Seelenleben des Menschen aber ist insbesondere der Besitz und das Entstehen der Sprache. Nur durch diese sondert sich das denkende Erkennen der Seele in bestimmter Weise von demjenigen durch das blosse Gefühl oder die Empfindung ab. Wir wissen aber jetzt, dass die Sprache nicht etwas dem Menschen Angeborenes, sondern etwas in ihm Entstandenes ist, welches sich im fortwährenden Zusammenhang mit seiner ganzen sonstigen geistigen Bildung in der Geschichte weiter entwickelt hat. Alles actuelle Denken ist überall nur dasjenige, welches in die Sprache einzutreten oder in ihr seine Form und seinen Ausdruck zu gewinnen vermag. Die Sprache bildet ihrer Natur nach die Grenze oder Schwelle zwischen dem sinnlichen oder empfindenden und dem geistigen oder denkenden Erkennen der Seele. Sie steht insofern im wahrhaften Mittelpunct der ganzen Gliederung des menschlichen Seelenlebens und es sind zuletzt Sprache, Vernunft und sittliche Freiheit wesentlich eng verbundene und in gleichem Maasse charakteristische Erscheinungen des Lebens des Menschen.

Es giebt eine dreifache Wissenschaft der Philosophie, von denen eine jede sich auf das eine jener drei Grundvermögen der menschlichen Seele, das Empfinden, das Denken und das Wollen bezieht. Dieses sind die Aesthetik, Logik und Ethik. Die allgemeine Stellung dieser drei Wissenschaften ist eine verwandte und sie bilden mit einander die eine Hauptgruppe der philosophischen Disciplinen, neben welcher als eine andere Gruppe diejenige der beiden Gebiete oder Disciplinen der Metaphysik und der Psychologie unterschieden werden darf. Die Welt und die Seele oder der objective Makrokosmus und der subjective Mikrokosmus sind an sich die beiden gegebenen Hauptabtheilungen alles philosophischen Erkennens und Begreifens und es wird insofern der allgemeine Stoff der Philosophie zunächst durch die beiden Gebiete der Metaphysik und der Psychologie erschöpft. Treten aber innerhalb der menschlichen Seele zunächst die drei allgemeinen Grundvermögen des Empfindens, des Denkens und des Wollens hervor, so gewinnt ein jedes von diesen seinen näheren Inhalt an einer bestimmten Sphäre des objectiven oder an und für sich selbst ausserhalb des Menschen liegenden Stoffes. Das Wesen der äusseren Welt oder der Objectivität tritt der menschlichen Seele oder der Subjectivität im Ganzen von einer dreifachen Seite gegenüber, von der des Schönen, der des Wahren und der des Guten und es ist die allgemeine Vollkommenheit oder die wesentliche Bestimmung unseres inneren Vermögens des Empfindens an die Einstimmigkeit mit der Idee oder dem Inhalte des Schönen, die des Denkens an diejenige mit der des Wahren, die des Wollens endlich an diejenige mit der des Guten gebunden. Ein jedes dieser drei Vermögen der Seele erfüllt sich insofern mit einem bestimmten weiteren an sich ausser ihm liegenden Inhalte und es ist überhaupt nur eine Beziehung unserer innern Subjectivität auf die äussere Objectivität, aus welcher alle wirkliche Entwickelung des menschlichen Seelenlebens entspringt. Die drei Wissenschaften der Aesthetik, der Logik und der Ethik aber beziehen sich auf jene drei Grundvermögen des Empfindens, Denkens und Wollens nicht so wie dieselben ihrer unmittelbar gegebenen psychischen Naturbeschaffenheit nach sind, sondern so wie dieselben unter dem Gesichtspunct ihrer an und für sich geforderten Vollkommenheit oder des von ihnen zu erreichenden idealen Inhaltes und Zieles sein sollen. Eben hierdurch aber begrenzen sich diese Wissenschaften in einer ganz bestimmten und festen Weise mit dem Standpuncte der allgemeinen Wissenschaft von der menschlichen Subjectivität, der Psychologie. Alle Wissenschaften zerfallen überhaupt in solche, welche sich auf die Erklärung und Bearbeitung der gesetzlichen Erscheinungen eines bestimmten gegebenen Seins und in solche, welche sich auf die Bestimmung der Gesetze eines geforderten idealen Sollens beziehen und es können die ersteren unter ihnen auch mit dem Ausdrucke von beschreibenden oder Realwissenschaften, die letzteren aber mit dem von normirenden oder Idealwissenschaften bezeichnet werden. Unter den einzelnen Theilen der Philosophie aber gehören die Psychologie und Metaphysik der ersteren, die Aesthetik, Logik und Ethik dagegen der letzteren dieser beiden Kategorien an. Die Aesthetik überhaupt also ordnet sich ein in eine bestimmte weitere Reihe philosophischer Wissenschaften. Die dreifache Idee des Schönen, des Wahren und des Guten ist überhaupt entscheidend für die ganze Gliederung und Ordnung des Lebens des menschlichen Geistes. Diese dreifache Idee findet insbesondere ihre Verwirklichung und nähere Ausprägung in den drei Reichen oder Culturgebieten der Kunst, der Wissenschaft und der Religion und es schliesst sich insofern auch das Verhältniss jener drei philosophischen Wissenschaften an dasjenige dieser drei wichtigsten Hauptgebiete des menschlichen Geisteslebens an.