4. Form und Materie des ästhetischen Erkennens.
Alle menschliche Erkenntniss ist zunächst eine solche durch das Gefühl oder die Empfindung. Die höhere logische oder denkende Erkenntnissweise wächst überall zuerst aus der niederen sinnlichen oder anschaulich empfindungsmässigen hervor. Es ist also eigentlich unrichtig, von einem an sich gegebenen dualistischem Nebeneinanderstehen beider Erkenntnissweisen zu sprechen. Das unmittelbare oder empfindende Erkennen ist zu Anfang durchaus vorwiegend über dasjenige der bewussten und vermittelten Reflexion des logischen Verstandes. Dieses gilt um nichts weniger von dem Leben des einzelnen Menschen als von demjenigen der ganzen Gattung oder der Menschheit überhaupt in der Geschichte. Ueber das ganze Gesetz und die Ordnung des denkenden Erkennens aber hat es schon längst eine Wissenschaft und Theorie gegeben, während diejenige des empfindenden Erkennens erst in neuerer Zeit und auch hier in sehr unvollkommener Weise bearbeitet zu werden angefangen hat. Es war daher ein an sich ganz richtiger Gedanke Baumgartens, der Aesthetik ihre Stelle im System der Philosophie an der Seite der Logik anzuweisen. Man hatte bisher nur das logische Erkennen einer wahrhaft wissenschaftlichen Bearbeitung würdig gefunden; dieses ist allerdings dasjenige, auf welchem alles wissenschaftliche Begreifen der Welt und ihrer Erscheinungen beruht und es hatte insofern die Philosophie und Wissenschaft selbst ein natürliches und nahe liegendes Interesse daran, sich mit seiner Bearbeitung zu beschäftigen. Es hing hiermit überhaupt eine ungerechtfertigte Ueberschätzung des denkenden Erkennens gegenüber dem empfindenden zusammen. Aesthetik und Logik überhaupt fallen unter den gemeinsamen Begriff der Lehre vom menschlichen Erkennen und es kann überhaupt eine jede dieser beiden Wissenschaften immer nur mit einem gewissen Hinblick auf die andere richtig aufgefasst und bearbeitet werden.
Das Schöne zunächst ist es nicht allein, welches den Gegenstand unserer empfindenden oder ästhetischen Erkenntniss bildet. Wir nehmen bestimmte Empfindungseindrücke auch aus solchen Dingen und Erscheinungen in uns auf, die mit der Idee des Schönen an und für sich selbst nichts zu thun haben. Es ist ein Missverständniss oder eine falsche und einseitige Auffassung der Natur unseres ästhetischen Erkenntnissvermögens, wenn hierüber gesagt zu werden pflegt, dass die ganze Aufgabe und Thätigkeit desselben allein in dem Aussprechen von Urtheilen des Wohlgefallens oder des Missfallens über die gegebenen äusseren Erscheinungen oder Wahrnehmungen bestehe. Diese Aufgabe oder Function desselben bezieht sich im Allgemeinen immer auf die Frage nach dem Passenden oder Unpassenden der Verbindung der gegebenen einzelnen Wahrnehmungen unter einander. Wir finden die Verbindung eines doppelten Tones, einer doppelten Farbe u. s. w. entweder passend oder unpassend und sprechen insofern ein kritisches Urtheil des Wohlgefallens oder Missfallens, der Anerkennung oder Verwerfung über ein derartiges Verhältniss aus. Alles Passende hierbei erscheint uns zuletzt als schön, alles Unpassende aber als unschön oder hässlich. Es ist aber mit diesem ganz einfachen Urtheile noch keinesweges der ganze Empfindungseindruck ausgesprochen oder bestimmt, welchen wir aus einem solchen entweder wohlgefälligen oder missfälligen Verhältnisse in uns aufnehmen. Jedes einzelne Schöne und Hässliche trägt ausserdem noch einen ganz besonderen und eigenthümlichen Charakter an sich und ruft überall einen ganz bestimmten und specifischen Empfindungseindruck in uns hervor. Auch sind es keinesweges blos die Verbindungen und Verhältnisse der einzelnen einfachen Elemente des Wahrnehmens, sondern auch diese letzteren rein an sich oder als solche, welche einen bestimmten Werth oder eine Bedeutung für unser Empfinden besitzen. Jene kritische Function unseres ästhetischen Erkennens ist blos eine einzelne Form oder Thätigkeit desselben überhaupt, die sich auf unser Verhalten zu der Region des specifisch Wohlgefälligen oder Schönen bezieht. Es hat aber dieselbe noch eine breitere und reichere Unterlage, welche einer ausführlicheren wissenschaftlichen Bestimmung bedarf.
Alles dasjenige, was wir auf empfindendem oder ästhetischem Wege erkennen, ist nothwendig etwas in irgend welcher Weise sinnlich Gegebenes. Eine jede ästhetische Erkenntniss ist die Folge und Nachwirkung eines Eindruckes unserer Sinne. Dieser Eindruck selbst ist überall wesentlich das Object, um dessen Erkenntniss es sich handelt. Wir erkennen durch die sinnlichen Eindrücke zunächst die äusseren Dinge in dem, was sie an sich selbst oder unmittelbar genommen sind. Dieses blos physische Erkennen oder Wahrnehmen aber ist noch nicht dasjenige, was als ein Act unseres geistigen oder psychischen Empfindens angesehen werden kann. Auch das Thier erkennt alle sinnlichen Dinge in der Welt ganz ebenso gut als wir, aber es wird in seinem inneren Empfinden nicht in derselben Weise von ihnen berührt als der Mensch. Auch Kant hatte bei seiner Lehre vom ästhetischen Erkennen zunächst nur die blossen aus der Aussenwelt aufgenommenen sinnlichen Anschauungen vor Augen. Dieses ist etwas Anderes als was wir hier und mit höherem Rechte das ästhetische Erkennen der Seele nennen. Es ist etwas Anderes, eine Farbe, einen Ton u. s. w. einfach sehen oder hören und ihn nach seinem ferneren Werthe oder nach seiner tieferen geistigen Bedeutung verstehen und in unsere innere Empfindung eintreten lassen. Die Sinne sind für uns noch mehr als die blossen Organe zum Wahrnehmen oder Erkennen des Thatsächlichen in der gegebenen Natur der äusseren Dinge. Die wahrgenommenen Erscheinungen und Dinge rufen in uns überall noch bestimmte weitere und tiefere Empfindungen hervor. Solche Empfindungen knüpfen sich nicht blos an das Schöne oder an das specifisch Wohlgefällige und Missfällige in den äusseren Erscheinungen für uns an. Die ganze sinnliche Welt hat an sich ein tiefes Interesse und eine mächtige Bedeutung für das Empfinden der menschlichen Seele. Wir sind uns gegenwärtig dieser ganzen Eigenschaft derselben nicht mehr in ihrem vollen Umfange bewusst, weil wir überhaupt jetzt die Welt mehr mit dem Auge des denkenden Verstandes als mit demjenigen der lebendigen Anschauung und der Phantasie anzusehen gewohnt sind. Wir haben auf wissenschaftlichem Wege das Wesen der Dinge erkannt, welches hinter ihren Erscheinungen steht. Wir können uns den Schein selbst jetzt zum Theil in der Art seines Entstehens wissenschaftlich erklären. Anders aber war es, als noch der Schein selbst die ganze für uns gegebene Realität war. Für den natürlichen Menschen, das Kind u. s. w. hat jeder sinnliche Schein noch eine ganz andere und tiefere empfindungsmässige Bedeutung gehabt als für uns. Eben die Unbekanntschaft mit dem hinter ihm verborgenen Wesen der Dinge liess ihn in einem tieferen und bedeutungsvolleren Lichte erscheinen. Für uns sind jetzt die sinnlichen Erscheinungen im Allgemeinen nur Boten und Repräsentanten des zu ihnen gehörigen wesenhaften Inhaltes und Charakters der Dinge. Sie sind für uns an sich ebenso wenig etwas Bestimmtes und Werthvolles als die Worte der Sprache, welche für uns die gewohnheitsmässigen Zeichen und Vertreter der Begriffe des Denkens geworden sind. Wir haben jetzt durch Gewohnheit und Studium gelernt, die Sprache zu verstehen, welche die sinnlichen Erscheinungen zu uns reden. In einer Farbe und einem Ton sehen wir jetzt im Allgemeinen nur den Ausdruck und Boten irgend einer sachlichen Mittheilung über das Wesen der Dinge oder wir wissen empirisch, was alle diese sinnlichen Phänomene zu bedeuten haben und wie sie sich zu der mit ihnen zusammenhängenden Welt der wirklichen Dinge, Vorgänge u. s. w. verhalten. Der rein verstandesmässige Mensch geht im Allgemeinen auch so wie das Thier gleichgültig und in seinem inneren Empfindungsleben unberührt in der Mitte der sinnlichen Erscheinungen einher. Er hat in sich eine Welt des abstracten Denkens ausgebildet und insofern das lebendige Interesse für den unmittelbaren empfindungsmässigen Werth der sinnlichen Phänomene verloren. Das Thier wird im Allgemeinen nur von denjenigen sinnlichen Eindrücken lebhaft und nachhaltig berührt, die eine unmittelbare und praktische Bedeutung für die Erhaltung seines Lebens, die Erweckung seiner Begierden u. s. w. besitzen. Für den natürlichen Menschen aber beim ersten Erwachen seines Seelenlebens hat alles dieses Sinnliche einen tieferen Reiz und ein intensiveres Interesse gehabt als für uns, eben weil hier die Seele noch anschliessend damit beschäftigt war, den empfindungsmässigen Werth aller Phänomene zu ergründen und sich noch ohne Kenntniss ihres actuellen Wesens oder Gehaltes befand. Es ist dieses an und für sich derjenige Standpunct, auf welchen die Aesthetik in unserem Sinne sich zurückzuversetzen hat. Wir fassen die Aesthetik auf als Wissenschaft des menschlichen Empfindens über den gegebenen sinnlichen Schein. Auch die Kunst selbst aber ist ja zuletzt nichts als ein blosser Schein. Allen diesen Schein in seinem Werthe oder seiner Bedeutung für unser Empfinden sich gegenständlich zu machen oder ihn in denkender Weise zu begreifen, eben dieses ist es, worin die wahrhafte Aufgabe und der Begriff aller Aesthetik von uns erblickt wird.
Es giebt in Bezug auf unsere ganze Stellung zum Schönen eine bestimmte Ansicht, welche dahin geht, dass es lediglich das Element der Form, d. h. die äusseren Verhältnisse der einzelnen Theile oder Beschaffenheiten einer Sache seien, auf die sich dieser Charakter derselben oder das ganze Interesse unseres ästhetischen Wohlgefallens an ihr beschränke. Es ist wahr, es ist zunächst überall das Element der Form, wegen dessen wir eine Sache schön finden; nur Verhältnisse sind es, in denen zunächst der ganze Reiz und Charakter des Schönen beruht. Ein einzelner Ton in der Musik ist an sich weder schön noch unschön und allein die Verhältnisse der Töne sind es, auf denen der ganze Eindruck des musikalisch Schönen beruht. So begründet dieses an sich ist, so wenig kann doch gesagt werden, dass die Form oder das äussere Verhältniss allein und als solches genommen der wahrhafte Grund und Gegenstand unseres Interesses an der Sache sei. Das Verhältniss oder die Form ist überall auch nur eine bestimmte einzelne Beschaffenheit in der ganzen Natur und Einrichtung der Sache. Es gefällt uns die Form überall nur in Verbindung mit dem materiellen Inhalt der einzelnen Theile, den sie in sich umschliesst. Es ist insofern ein Missverständniss oder ein Irrthum, in die Form ganz allein und als solche den Schwerpunct oder Sitz des Schönen verlegen zu wollen. Man stellt sich unter der Form häufig etwas Allgemeines vor, was nur auf eine specielle Besonderheit des Inhaltes Anwendung finde und durch welches die ganze Richtigkeit und Vollkommenheit dieser letzteren erst anerkannt und festgestellt werde. Auch in der Aesthetik hat man versucht, bestimmte sogenannte allgemeine oder formale Kennzeichen und Merkmale des Schönen aufzustellen. Man ist insofern hierbei gewissermaassen von dem Grundsatze ausgegangen, dass es irgend ein höchstes und allgemeines Naturgesetz des Schönen geben müsse, welches in jedem einzelnen Falle als das innere Prinzip oder der Grund unseres Wohlgefallens an demselben constatirt werden könne. Alles Schöne ist sich allerdings rücksichtlich seiner Formbeschaffenheit mehr oder weniger ähnlich und wir nehmen zuletzt aus allen einzelnen schönen Dingen einen in gewisser Weise verwandten oder gleichartigen Eindruck in uns auf. Durch alle solche Gleichartigkeit aber wird doch zuletzt die Eigenthümlichkeit und Besonderheit des einzelnen Schönen nicht mit eingeschlossen und erschöpft und wir müssen uns sagen, dass es immerhin keinesweges gleichgültig sei, an welchen besonderen Stoff oder Inhalt uns irgend ein solches allgemeines ästhetisches Formgesetz erscheine. Auch ist zuletzt doch eben das ästhetische Formgesetz selbst ein unendlich dehnbares, mannichfaltiges und vielgestaltiges und es ist bis jetzt wenigstens nicht gelungen, den allgemeinen Charakter desselben an gewisse unzweifelhaft feststehende empirische Merkmale zu binden. Die kritische Beurtheilung des einzelnen Schönen kann hiernach nicht blos in einer einfachen Subsumtion desselben unter irgend ein allgemeines Gesetz oder Prinzip der Form bestehen, sondern es wird nothwendig das allgemeine Gesetz der Form durch die besondere Beschaffenheit des Inhaltes in einem jeden einzelnen Falle in einer anderen Weise abgewandelt und modificirt.
Ein jeder wirkliche Schein setzt sich überall zusammen aus seiner formalen Einheit oder ordnenden Idee im Ganzen und aus dem besonderen materiellen Inhalt oder Wesen seiner einzelnen Theile. Keines dieser beiden Elemente für sich allein hat einen reinen ästhetischen Werth oder kann den Anspruch erheben, als schön und befriedigend zu gelten. Das Verhältniss dieser beiden Elemente aber ist wesentlich dasselbe als dasjenige des formellen und materiellen oder des grammatischen und des lexicalischen Bestandtheiles in der sprachlichen Rede oder im Satz. Die Grammatik ist das System der allgemeinen gesetzlichen Formen, das Lexicon ist das Verzeichniss der sämmtlichen einzelnen materiellen Bestandtheile der Sprache oder der Worte. Eine jede einzelne wirkliche Rede aber enthält theils immer irgend ein allgemeines grammatisches oder syntaktisches Formgesetz in sich, theils besteht sie aus gewissen Gliedern oder Elementen des materiellen oder lexicalischen Wortschatzes der Sprache. Jene Lehre aber, dass der Charakter und Eindruck des Schönen an einer Sache sich lediglich auf das Element der Form oder das Verbindungsgesetz ihrer einzelnen Theile gründe, ist zuletzt eine ebenso einseitige und unzureichende, als wenn gesagt werden wollte, dass unser Interesse und Verständniss eines sprachlichen Satzes sich allein auf die grammatische Form desselben unabhängig von dem materiellen Inhalt oder der Bedeutung der einzelnen in ihm enthaltenen Worte beziehe. Die ganze Wissenschaft von der Sprache setzt sich zusammen aus Grammatik und Lexicon oder aus einem formellen und einem materiellen Theile; ebenso aber kann auch in der Aesthetik einmal eine Lehre von dem formalen Gesetze der Ordnung und Verbindung oder gleichsam eine ästhetische Grammatik und Syntax, andererseits aber eine Bearbeitung des materiellen Werthes oder Bedeutungsinhaltes der einzelnen einfachen Bestandtheile des Schönen selbst unterschieden werden.
Wir glauben den Satz aussprechen zu dürfen, dass an sich jede einzelne sinnliche Wahrnehmung einen bestimmten Werth oder eine Bedeutung für unser geistiges Empfinden besitze. Eine schöne Sache oder ein Kunstwerk ist nur ein bestimmtes System oder eine formale Verbindung solcher einzelner Elemente; auch diese einzelnen Elemente als solche bedürfen einer wissenschaftlichen Bearbeitung in Rücksicht ihres ästhetischen Werthes. Zu diesen einfachen Elementen gehören auch die Farben. Unsere ganze Aesthetik ist namentlich deswegen zum Theil noch unvollkommen, weil man die Aufgabe derselben bisher noch wesentlich auf die blosse Bearbeitung des eigentlichen oder specifischen Schönen, insbesondere in Rücksicht des einseitigen Elementes der Form beschränkt hat. Es giebt noch eine andere oder Elementarlehre der Aesthetik über die empfindungsmässige Bedeutung oder den Werth der unmittelbar gegebenen einzelnen Elemente und Erscheinungen des sinnlichen Wahrnehmens und es hat diese an und für sich die erste Einleitung und Voraussetzung für die Aesthetik im höheren Sinne als die Lehre vom Schönen oder von den wohlgefälligen Verbindungsverhältnissen jener einfacheren Elemente zu bilden. Ich habe deswegen auch in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik in diesem Sinne eine niedere und eine höhere Abtheilung des ästhetischen Erkennens unterschieden. Der wahre und vollkommene wissenschaftliche Begriff der Aesthetik ist zunächst noch keineswegs allein derjenige vom Schönen, sondern vielmehr derjenige von den objectiven, d. h. von den sich mit innerer Nothwendigkeit an die sämmtlichen Erscheinungen des äusseren Wahrnehmens anknüpfenden Empfindungen der menschlichen Seele überhaupt und es tritt dieselbe unter diesem Gesichtspunkt namentlich der Logik als der Lehre vom objectiven, d. h. dem an sich wahren oder mit dem geistigen Inhalte der Wirklichkeit einstimmigen Denken verwandtschaftlich zur Seite. Auch bei der Bearbeitung der Logik aber ist es ein Missverständniss oder ein Fehler, wenn hier das Hauptgewicht immer auf das sogenannte formelle Element, die allgemeinen Figuren des Schliessens u. s. w. gelegt wird. Es kommt beim richtigen Denken hauptsächlich immer darauf an, was in dem einzelnen bestimmten Begriffe als solchem enthalten sei oder gedacht werde. Das Element der Form ist überall nur dazu da, die Verhältnisse der materiellen Theile der Sache zu ihrem wahrhaften Ausdruck zu bringen und nicht in ihr, sondern in diesen letzteren selbst ist daher überall der wahrhafte Schwerpunct für unsere Auffassung des Ganzen der Sache gegeben.