7. Das wissenschaftliche Prinzip der ästhetischen Farbenlehre.
Alles Räumliche tritt uns zunächst entgegen durch das Medium des Lichtes oder der Farbe. Unser Interesse hierbei ist überall mehr gerichtet auf die Dinge, die uns durch die Farbe gezeigt werden, als auf diese letztere rein an sich oder als solche. Aber wir erfreuen uns doch zunächst überall an der bunten und eigentlich überschüssigen Farbenpracht der Natur und aller einzelnen Dinge. Die Farbe übt als solche einen physischen Reiz auf uns, der zugleich auch ein gewisses inneres oder geistiges Interesse in uns erweckt. Es wird gleichsam hell in unserer Seele mit dem Eintreten der Vorstellungen oder Anschauungen der Farbe. Das Leben in den Anschauungen oder Wahrnehmungen der Farbe hat insofern einen ganz anderen Werth oder eine andere Bedeutung für uns als dasjenige in denen des Tones. Der Ton berührt die Innerlichkeit unseres Gemüthes, während durch die Farbe die anschauliche Einbildungskraft geweckt und in Anspruch genommen wird. Das Leben im Ton und das in der Farbe erzeugt wesentlich andere Erscheinungen und Eigenthümlichkeiten in der menschlichen Seele. Alles Streben nach Klarheit des Anschauens und Denkens wird wesentlich begünstigt und getragen von dem Elemente der Farbe. Die Farbe ist wesentlich immer das äusserliche oder objective, der Ton das innerliche oder subjective Element im Sinnesleben der Seele. Die Farbe zieht uns hinaus aus uns selbst oder veranlasst uns zur Erschaffung klarer und sichtbarer Werke in der äusseren Welt, während der Ton die tiefe und dunkle Region des inneren Traumlebens der Seele beherrscht. Die Farbe zieht uns wesentlich zu sich heran, während der Ton umgekehrt von Aussen her in unser Inneres eindringt. Die Farbe ist dasjenige, was zwischen uns und der äusseren Körperwelt in der Mitte liegt. Sie übt als solche einen rein sinnlichen Reiz auf uns aus, der aber bald auch einen inneren oder geistigen Werth für uns gewinnt. Die Bestimmung dieses geistigen Werthes der Farben ist es, welche uns hier beschäftigt, und es fragt sich vor Allem nach der hierbei zu befolgenden wissenschaftlichen Methode.
Der Werth, welchen der menschliche Geist einer bestimmten Farbe beilegt oder die besondere Empfindungsanschauung, welche sich mit derselben für ihn verknüpft, wird im Ganzen und Grossen überall als eine Erkenntniss des eigenen Wesens oder der Bedeutung dieser Farbe an sich angesehen werden müssen. Alle unsere Empfindungen, inwiefern sie sich direct an bestimmte äussere Erscheinungen oder Momente des Wahrnehmens anschliessen und unmittelbar durch sie in uns hervorgerufen werden, haben die Gestalt von Erkenntnissen über dieselben. Der Eindruck eines jeden solchen äusseren Momentes aber wird auf jeden normal angelegten Menschen an sich auch der nämliche sein; das Erkennen im geistigen Sinne des Wortes oder als ein innerer Act der Seele aber ist hierbei immer zu unterscheiden von dem blos körperlichen oder physischen Erkennen durch die einfache Thätigkeit oder Anwendung der Sinne als solcher. Dass wir durch die Farbe die Dinge erkennen, in dem was sie unmittelbar sind, in ihrer äusseren Gestalt, Begrenzung u. s. w. ist an sich ein rein physischer Act; nur insofern aber als hiervon abgesehen die Farbe an sich Ursache und Träger irgend einer inneren Empfindung wird, kann von einem Erkennen im innern oder geistigen Sinne des Wortes die Rede sein. Das blosse Anhören einer Musik ist ein physischer Act; nur das Verstehen der in ihr niedergelegten Empfindungen kann als ein innerliches oder geistiges Erkennen angesehen werden. Die Farbe ist für uns zunächst Eins mit den Dingen, an welchen sie uns erscheint; sie wird als solche für uns zu einem Gegenstand des empfindenden Erkennens, wenn wir sie innerlich von diesen absondern und sie rein als solche zu verstehen und auf uns wirken zu lassen versuchen. Diese Absonderung selbst aber muss dem Acte des Erkennens vorausgehen. Es entsteht in unserem Innern eine allgemeine Vorstellung von der bestimmten Farbe und es bildet diese als solche den Gegenstand oder das Object unseres ästhetischen Erkennens. Ein jedes solches allgemeine Farbenbild aber ist es, dem wir einen bestimmten ästhetischen Werth zugestehen oder welches in unserem Seelenleben als der Ausdruck und Repräsentant bestimmter weiterer geistiger Ideen erscheint.
Die Vertheilung der Farben zwischen die einzelnen Dinge und Erscheinungen in der Natur beruht jedenfalls auf irgend einem tieferen allgemeinen und organischen Gesetz. Es wird nicht zufällig sein, dass uns der Himmel blau, die Vegetation grün erscheint, wenn gleich an sich auch das Umgekehrte der Fall sein könnte. Die Natur bedient sich der Farben nicht bloss, um ihre einzelnen Dinge und Abtheilungen durch sie von einander zu unterscheiden, sondern auch um sie in dem was sie an sich oder ihrem Wesen nach sind, durch dieselben zu charakterisiren. Jedes Ding oder jeder Theil der Natur tritt uns im Allgemeinen in irgend einer bestimmten Farbe entgegen. Diese Farbe bildet zugleich etwas innerlich und wesentlich Charakteristisches für sie selbst. Die Farbe ist im Allgemeinen das natürliche Kleid oder die Uniform des stofflichen Wesens der einzelnen Dinge. Jede Farbe umschliesst im Allgemeinen einen bestimmten Kreis oder eine Provinz natürlicher Dinge und Erscheinungen und darf insofern als ein bestimmtes gemeinsames charakteristisches Merkmal derselben angesehen werden. Aus einem solchen Kreise von Erscheinungen aber ragt dann in der Regel die eine oder andere von einer besonders wichtigen oder bedeutungsvollen Natur hervor, deren Charakter sich auf die allgemeine Bedeutung jener Farbe für uns mit überträgt. So wird z. B. diejenige Bedeutung, welche die blaue Farbe für uns besitzt, in Uebereinstimmung stehen oder sich anschliessen an alle diejenigen Empfindungsvorstellungen, welche sich zunächst an das Bild des Himmels als der wichtigsten und bedeutungsvollsten Naturerscheinung auf dem Umfangsgebiete des Blauen anknüpfen. Ein derartiges besonders wichtiges und bedeutsames einzelnes Naturphänomen bezeichnen wir mit dem Ausdrucke eines ästhetischen Typus der Farbe; im Allgemeinen aber wird anzunehmen sein, dass der ästhetische Werth oder die Bedeutung jeder einzelnen Farbe mit der Natur aller derjenigen Gegenstände oder Erscheinungen, an denen sie sich regelmässig vorzufinden pflegt, in einer naturgemässen und nothwendigen Uebereinstimmung stehen werde. Eine jede Farbe hat so wie jeder Begriff einen Umfang, d. h. einen Complex wirklicher Erscheinungen, den sie in sich umschliesst. Wir bestimmen aber den Inhalt eines Begriffes oder suchen ihn zu ermitteln durch die vergleichende Zusammenstellung oder Beobachtung der einzelnen Erscheinungen seines Umfanges. Dasselbe Verfahren aber wird an und für sich auch Anwendung finden müssen auf die Bestimmung des ästhetischen Werthes oder Gehaltes jeder einzelnen Farbe. Auch hier wird die Bedeutung oder der Inhalt, welchen dieselbe für unser Empfinden besitzt und in sich vertritt, im Zusammenhange stehen müssen mit dem geistigen Wesen oder dem Charakter aller derjenigen einzelnen Dinge und Erscheinungen, an welchen sie sich in der Wirklichkeit vorfindet. Dieser ganze Umfang des wirklichen Vorkommens einer Farbe aber kann näher überall zerlegt werden in eine doppelte Abtheilung, in die objective und die subjective, d. h. diejenige der Stellung derselben im Reiche der natürlichen Dinge und diejenige ihrer Anwendung oder ihres Gebrauches im Reiche der Vorstellungen und Dinge der menschlichen Cultur. Die Natur vertheilt die Farben nach einem bestimmten organischen Gesetz oder mit einer gewissen inneren Vernunft zwischen die einzelnen Erscheinungen ihres ganzen Gebietes. Hieraus nimmt der Mensch eine bestimmte innere Vorstellung von dem Wesen oder der Bedeutung der Farben in sich auf und er giebt derselben einen Ausdruck, indem er sie als Repräsentanten gewisser allgemeiner Begriffe oder Ideen ansieht oder von ihnen einen eigenthümlichen Gebrauch in Bezug auf die ihn selbst umgebenden Gegenstände oder Verhältnisse macht. Jene objectiven Thatsachen und Phänomene aber bilden gleichsam die directen oder unmittelbaren, diese subjectiven die indirecten oder abgeleiteten Quellen für die Erkenntniss und Ermittelung des ästhetischen Werthes der einzelnen Farben und es kommt bei diesen letzteren zugleich überall die Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse und der ganzen Lebensstellung jeder einzelnen menschlichen Subjectivität in Betracht. Es hat aber die Natur selbst gleichsam schon gewollt, dass die Farbe noch etwas mehr für uns sein solle als ein blosses Mittel für das physische Erkennen ihrer einzelnen Dinge, indem sie dieselbe im Allgemeinen in einer über dieses Bedürfniss weit hinausreichenden Fülle und Mannichfaltigkeit vor uns ausgegossen hat. Es würden auch wenigere und mattere Farben ausgereicht haben, um die Dinge als solche von uns erkennen zu lassen. Diese Mannichfaltigkeit und Pracht der Farben ist nach den einzelnen Klimaten selbst eine verschiedenartig abgestufte und der Eindruck einer Landschaft am Nordpol verhält sich zu dem einer solchen in den Tropen etwa ähnlich wie derjenige einer einfachen schwarzen Zeichnung zu dem eines farbenreichen und bunten Gemäldes. Die ganze grössere sinnliche Lebhaftigkeit und das ausgeprägtere Formengefühl aller Südländer aber erklärt sich jedenfalls zuerst mit aus der Einwirkung des bunteren und reicheren Farbenspieles der Natur auf das menschliche Gemüth. Die Farbe öffnet im Allgemeinen die Phantasie des Menschen dem Verständniss und der Hingebung an die ihn umgebende äussere Objectivität und die inneren Vorstellungen oder Bilder der Farben gewinnen daher auch für sein geistiges Innere leicht einen tieferen und reichhaltigeren Werth.
Die Begriffe und Bezeichnungen für die einzelnen Unterschiede der Farbe sind nicht überall vollkommen dieselben und es weichen in dieser Rücksicht sogar die verschiedenen Sprachen oft nicht unwesentlich von einander ab. Im Griechischen insbesondere war das System der Begriffe über die Farbe noch zum Theil unvollkommener als bei uns. Es giebt auch jetzt noch nicht für alle Nüancen der Farbe bestimmte Bezeichnungen; häufig ist der Name einer Farbe abgeleitet oder entlehnt worden von irgend einer bestimmten Sache, an welcher sie uns erscheint. Die Mittel der Sprache reichen im Allgemeinen durchaus nicht aus, alle einzelnen Arten oder Nüancen der sinnlichen Wahrnehmungen zu bezeichnen. Es giebt nichtsdestoweniger ein bestimmtes System der allgemeinen und wesentlichen Unterschiede der Farbe. Dieses System wird gebildet aus fünf Paaren von Farbenverschiedenheiten, welche zugleich überall in einem bestimmten mehr oder weniger scharf gespannten Verhältniss des Gegensatzes zu einander stehen. Es sind dieses die zehn Farben: weiss und schwarz, gelb und roth, grün und blau, orange und violett, braun und grau. Es bilden diese zehn Begriffe den allgemeinen Kanon für die Eintheilung der Farbe in ihrer Eigenschaft eines sinnlichen Scheines. Jede derselben aber beherrscht im Allgemeinen eine bestimmte Abtheilung oder Sphäre wirklicher Dinge und Erscheinungen. Die Bedeutung aber, welche sie für uns besitzt, wird sich zunächst gründen auf den Charakter dieser von ihr beherrschten wirklichen Dinge. Wir versuchen daher zunächst auf Grund dieses Prinzipes den allgemeinen Bedeutungswerth der einzelnen Farben zu bestimmen.