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Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten, sich an Tapferkeit übertreffen zu lassen, ein Schimpf fürs Gefolge, es der Tapferkeit des Führers nicht gleichzutun. Höchste Schmach und Schande vollends ist es für das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene Heldentat seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eides[pg 13]pflicht. Fürsten kämpfen für den Sieg, das Gefolg für den Fürsten.
Wenn ihre Heimat in langem, müßigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige Jünglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg führen. Denn ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der Gefahr finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes Gefolge nur durch Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des Fürsten das Streitroß und die blutige, siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu pflügen und die Jahreszeit abzuwarten, würde sie keiner so leicht überreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es dünkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut zu gewinnen wäre.
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Wenn sie nicht Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd, häufiger noch müßig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegstüchtigsten tun gar nichts und überlassen die Sorge um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und träge zu. Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz die gleichen Menschen so sehr das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen!
Es ist Sitte, daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder für sich, den Fürsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch auch dem Bedarf zustatten [pg 14]kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken benachbarter Völker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, prächtigen Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen gelehrt.
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Daß die germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen, ist genugsam bekannt, auch daß sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein Gehölz gefällt. Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer Art mit verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder für sich umgibt sein Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr, vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und Ziegel sind ihnen unbekannt; überall verwenden sie ungefüges Holz, unbekümmert um Gefallen und Ansehn. Doch überstreichen sie einzelne Stellen recht sorgfältig mit einer Erdart von so reinem Glanz, daß es wie Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Höhlen und legen eine dichte Dungschicht darüber hin: als Zuflucht für den Winter und als Vorratsspeicher. Denn solche Räume mildern die strengen Fröste; und fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar, was offen daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhält er nicht Kunde, oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen müßte.
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Als Überwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie mangelt, von einem Dorn zusammen[pg 15]gehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten läßt. Man trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und verbrämen die abgezogenen Hüllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als Männer; nur gehen sie gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten Säumen verziert sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel aus; Schultern und Arme sind bloß, aber auch ein Teil der Brust bleibt unverhüllt.
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Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung wohl am meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnügt sich jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Männern abgesehen, die nicht ihre Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und prüfen die Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck für die Neuvermählte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes Roß und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der Mann die Frau entgegen, und dafür bringt sie selber dem Mann auch ein Rüststück zu: dies gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime Weihe, [pg 16]dies als Segen der Ehegötter. Auf daß sich das Weib nicht fremd in einer Welt von Männergedanken und wechselndem Kriegsglück erachte, wird es schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in Mühsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu dulden und mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann, das gerüstete Roß, die dargereichten Waffen. So müsse sie leben, so in den Tod gehen; was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen wiedergeben, daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch die Enkel erbten.
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So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von geheimen Briefschaften weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten kommt es in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem Haar, entblößt, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und für preisgegebene Keuschheit gibt es keine Verzeihung: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe könnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand über das Laster, und Verführen und Sichverführenlassen heißt nicht „der Geist der Zeit“. Besser steht es gewiß noch um Völkerschaften, bei denen nur Jungfrauen heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde der Ehefrau einmal für immer abschließen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben erhalten haben, auf daß sich kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren [pg 17]weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe selber lieben.
Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes zu töten, gilt als verruchte Tat; mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.
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In jedem Hause wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Größe, zu diesem Wuchs heran, über den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene Mutter die Brust, und es wird nicht Mägden und Ammen überlassen. Freie scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spät erfahren junge Männer die Lust; daher ihre unerschöpfte Kraft. Auch die Mädchen werden nicht gedrängt; in gleicher Jugend, von ähnlicher Gestalt, ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der Stärke der Eltern zeugen die Kinder.
Schwestersöhne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche halten dieses Blutsverhältnis noch für heiliger und enger und fordern, wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als hätten sie damit das Gewissen stärker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im nächsten Glied die Brüder, Väter- und Mütterbrüder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die Verschwägerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat keine Lockungen.