Achter Auftritt.
Die Vorigen. Frau Prostakowa, Prostakow, Mitrofan und Jeremejewna.
Frau Prostakowa (eintretend). Hast du auch alles bei dir?
Mitrofan. Beruhige dich endlich mal!
Frau Prostakowa (zu Starodum). Hast du gut zu ruhen geruht, Väterchen? Wir alle gingen im vierten Zimmer auf den Zehenspitzen, um dich nicht aufzuwecken wir wagten’s nicht, durchs Schlüsselloch zu sehn. Doch da hörten wir dich hier sprechen und sind gekommen. Nichts für ungut –
Starodum. O, es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie früher gekommen wären.
Skotinin. Spielst du mir einen Schabernack, Schwester, daß du dich mir an die Fußsohlen heftest? Ich habe hier ein Geschäft abzumachen.
Frau Prostakowa. Und ich auch. (Zu Starodum.) Verstatte, Väterchen, daß wir dich mit einer Bitte belästigen. (Zu Mann und Sohn.) Grüßet!
Starodum. Mit welcher?
Frau Prostakowa. Erst bitte ich alle, Platz zu nehmen. (Alle, mit Ausnahme von Mitrofan und Jeremejewna, setzen sich.) Die Sache ist nämlich die, Väterchen: Gott der Herr hat uns auf das Gebet unsrer Eltern hin (wo hätten wir Sünder ihn erbitten können!) das Söhnchen Mitrofan geschenkt. Wir thaten unser möglichstes, daß er so werde, wie du ihn jetzt siehst. Wolltest du dich nicht bemühen, Einsicht zu gewinnen, was er gelernt hat und kennt?
Starodum. O, es ist mir bereits zu Ohren gekommen, was er gelernt hat. Ich habe gehört, wer seine Lehrer sind, und weiß im voraus, welche Sprachkenntnisse ihm Kutejkin beigebracht, und was er aus der Mathematik bei Zyfirkin gelernt hat. (Zu Prawdin.) Neugierig wär’ ich, zu erfahren, was er beim Deutschen gelernt.
| Frau Prostakowa. Alle Wissenschaften. | } | (Gleichzeitig.) |
| Prostakow. Alles. | ||
| Mitrofan. Alles, was du willst. |
Prawdin (zu Mitrofan). Was denn z. B.?
Mitrofan (gibt ihm ein Buch). Hier, Grammatik.
Prawdin (nimmt das Buch). Ich sehe wohl, daß es eine Grammatik ist. Nun, und was kennen Sie daraus?
Mitrofan. Eine Menge. Viele Redeteile –
Prawdin. Nun, was für ein Redeteil ist das Wort „Thür?“
Mitrofan. Thür? Welche Thür?
Prawdin. Welche Thür? ... Nun, diese da.
Mitrofan. Diese? Ein Bindewort.
Prawdin. Warum denn?
Mitrofan. Weil sie zwei Zimmer verbindet. Wir haben aber eine Thür, die seit Wochen nicht in ihre Angeln gehängt wird, was jedoch hauptsächlich des starken Zugwinds wegen sehr nötig wäre; jene ist darum ein Hauptwort.
Prawdin. Also ist auch das Wort Narr ein Bindewort, weil man einen dummen Menschen damit in Verbindung bringt?
Frau Prostakowa. Nun, was sagst du dazu, Väterchen.
Prostakow. Ja, was sagst du dazu?
Prawdin. Ausgezeichnet! In der Grammatik ist er recht bewandert.
Milon. Ich denke, auch nicht weniger in der Geschichte.
Frau Prostakowa. O, er ist schon als Kind immer ein großer Liebhaber von Geschichten gewesen!
Skotinin. Mitrofan ist ganz in mich geraten. Auch ich höre für mein Leben gern den Dorfschulzen erzählen. Ein Meister darin, der Hundesohn! Wo er’s nur immer hernimmt?!
Frau Prostakowa. O, mit Adam Adamytsch wird er sich nicht messen können!
Prawdin (zu Mitrofan). Wie weit sind Sie in der Geschichte gekommen?
Mitrofan. Wie weit? Das hängt von der Geschichte ab. Manchmal hinter dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Königreiche.[2]
[2] Stehende Redensart in russischen Märchen zur Bezeichnung einer sehr großen Entfernung. Anm. d. Übers.
Prawdin. So! Also das ist die Geschichte, welche Sie bei Wralmann treiben?
Starodum. Wralmann? Der Name klingt mir bekannt.
Mitrofan. Nein, unser Adam Adamytsch erzählt keine Geschichten; er liebt ebenso wie ich nur zuzuhören.
Frau Prostakowa. Beide lassen sie sich die Geschichten von der alten Viehmagd Chawronja erzählen.
Prawdin. Habt ihr nicht gar von ihr auch Geographie gelernt?
Frau Prostakowa (zum Sohn). Hörst du, mein Schatz? Was ist denn das nun wieder für eine Wissenschaft?
Mitrofan (leise zur Mutter). Was weiß ich!
Frau Prostakowa (leise zu Mitrofan). Sei nicht eigensinnig! Jetzt gilt’s, dich zu zeigen.
Mitrofan (leise zur Mutter). Aber ich versteh’ gar nicht, wonach man fragt!
Frau Prostakowa (zu Prawdin). Wie hast du die Wissenschaft genannt?
Prawdin. Geographie.
Frau Prostakowa. Hörst du? Eorgavieh.
Mitrofan. Was ist denn das wieder? Mein Gott, wie sie mich foltern!
Frau Prostakowa (zu Prawdin). Habe doch die Güte, ihm zu sagen, was das für eine Wissenschaft ist! Dann wird er dir schon Antwort geben.
Prawdin. Die Erdbeschreibung.
Frau Prostakowa (zu Starodum). Wozu wäre denn die nötig?
Starodum. Nötig wäre sie, sei’s auch nur, um auf der Reise zu wissen, wo und wohin man reist.
Frau Prostakowa. Ach, du lieber Himmel! Wozu sind denn die Fuhrleute da? Das müssen sie wissen ... Nein, diese Wissenschaft paßt gar nicht für den Adel. Der Edelmann braucht nur zu sagen: fahre mich da- und dahin – und er wird hingefahren ... Ach, alles, was mein Mitrofan nicht kennt, ist ein Unsinn!
Starodum. Gewiß ist es für einen ungebildeten Menschen sehr trostreich, alles das, was er nicht kennt, für Unsinn zu halten.
Frau Prostakowa. Gott sei Dank auch ohne die Wissenschaften haben die Menschen gelebt! Mein seliger Vater war fünfzehn Jahre Wojewode und starb auch als Wojewode, ohne das Lesen und Schreiben gekannt zu haben. Doch dafür verstand er ein erkleckliches Sümmchen zu verdienen und es aufzuheben. Immer saß er auf einem eisernen Kasten, wenn er Bittsteller empfing, und nach Fortgang eines jeden öffnete er den Kasten und legte etwas hinein. Das war ein ökonomischer Mann! Die bitterste Not litt er, nur um den Inhalt des Kastens nicht zu vermindern. Ja, ohne Ruhm zu sagen: Vater selig starb auf dem Kasten sozusagen Hungers. Das war ein Mann!
Starodum. Höchst lobenswert! Man muß Skotinin heißen, um eines so seligen Todes zu sterben!
Skotinin. Zum Beweise, daß das Lernen ein Unsinn ist, nehmen wir meinen Onkel Wawila Falilejitsch. Nie hatte er von jemandem ein gebildetes Wort vernommen, noch hatte jemand ein solches von ihm gehört – und was war das für ein Kopf!
Prawdin. Nun?
Skotinin. Folgendes passierte ihm in seinem Leben. Auf einem feurigen Roß – er hatte etwas über den Durst getrunken – flog er gegen einen steinernen Thorweg. Der Mann war hoch, das Thor niedrig; er vergaß, sich zu bücken und knallte mit der Stirn an den Steinbogen, so daß er zurücksank und das brave Roß den rücklings Liegenden bis zum Hausflur heimgaloppierte. Da möcht’ ich nun wissen, ob es auf der Welt eine Gelehrtenstirn gibt, die von einer solchen Kopfnuß nicht in Stücke zersplittert wäre! Der Onkel jedoch, Gott hab’ ihn selig, kam bald zu sich und fragte nur, ob das Thor ganz geblieben sei.
Milon. Sie, Herr Skotinin geben selbst zu, daß Sie nicht gelehrt seien – doch in einem solchen Falle würde Ihre Stirn nicht härter als die eines Gelehrten sein.
Starodum (zu Milon). Geh nur keine Wette drauf ein! Mir scheint, die Skotinin sind alle ein hartstirniges Geschlecht.
Frau Prostakowa. Ach Gott, was hat man auch vom Lernen! Wir sehen’s hier selbst mit eigenen Augen! Wer nur einigermaßen gebildet ist, der wird sofort von den eigenen Kameraden in irgend ein Amt eingesetzt.
Starodum. Und ein solcher wird sich nicht weigern, seinen Mitbürgern nützlich zu sein.
Frau Prostakowa. Weiß Gott, was die Menschen jetzt für Ansichten haben! Zu unsrer Zeit sorgte jedermann nur für seine eigene Ruhe. (Zu Prawdin.) Du selbst, wie mußt du dich abplagen! Als ich herkam, sah ich, daß dir ein Paket gebracht wurde.
Prawdin. Ein Paket an mich? Und das muß ich erst jetzt erfahren! (Aufstehend.) Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Sie verlasse. Vielleicht erteilt mir der Gouverneur einige Orders.
Starodum (aufstehend, nach ihm auch die anderen). Geh, mein Freund; wir werden noch voneinander Abschied nehmen.
Prawdin. Ich werde Sie noch sehen. Sie fahren morgen in der Frühe?
Starodum. Um sieben etwa. (Prawdin ab.)
Milon. Und ich gebe Ihnen das Geleite und führe sofort mein Kommando weiter. Ich gehe, die Anstalten hierzu zu treffen. (Nimmt mit den Augen im Abgehen von Sophie Abschied.)