Erster Auftritt.
Starodum und Prawdin.
Prawdin. Es ist dasselbe Paket, von dessen Eintreffen mich gestern in Ihrer Gegenwart die Frau vom Hause in Kenntnis setzte.
Starodum. Und somit bietet sich jetzt die Möglichkeit, den unmenschlichen Handlungen dieser wütigen Gutsbesitzerin ein Ende zu machen?
Prawdin. Ich habe die Order, Haus und Hof unter Tutel zu stellen bei dem ersten Akt der Willkür, von dem ihre Untergebenen leiden könnten.
Starodum. Gelobt sei Gott, daß die Menschheit noch Schutz finden kann. Glaube mir, mein Freund: da, wo der Souverän denkt, wo er weiß, worin sein wahrer Ruhm besteht – dort kann die Menschheit nimmer ihrer Rechte verlustig gehen; dort werden sehr bald alle fühlen, daß jedermann sein Glück und seinen Vorteil nur darin suchen muß, was gesetzlich ist, und daß er wider das Gesetz verstößt, wenn er seinesgleichen tyrannisiert.
Prawdin. Ich bin hierin Ihrer Ansicht; doch wie schwer ist es, eingewurzelte Vorurteile auszurotten, in denen niedrige Seelen ihre Vorteile finden!
Starodum. Höre, mein Freund. Ein großer Souverän ist ein weiser Souverän. Seine Pflicht ist es, den Menschen zu zeigen, wie sie wahrhaft glücklich werden. Die Krone seiner Weisheit ist – über Menschen zu herrschen, denn Klötze zu regieren – dazu bedarf es keiner Weisheit. Gewöhnlich wird im Dorf der beschränkteste Bauer zum Viehhirten gewählt, denn um das Vieh zu weiden, braucht der Hirt wenig Verstand. Ein seines Thrones würdiger Souverän bestrebt sich, die Seelen seiner Unterthanen mit Hochgefühl zu erfüllen. Das sehen wir mit unsern eigenen Augen.
Prawdin. Das Glück, welches ein Souverän im Beherrschen freier Seelen genießt, ist so groß, daß ich’s nicht verstehe, welche Antriebe ihn ablenken –
Starodum. Wie erhaben muß die Seele eines Souveräns sein, um nie vom Wege der Wahrheit abzulenken! Wie viele Netze sind ausgestellt, um die Seele eines Menschen zu fangen, in dessen Händen das Schicksal von seinesgleichen liegt! Sodann sucht ihn die Menge selbstsüchtiger Schmeichler allaugenblicks zu überzeugen, daß die Menschen seinetwegen erschaffen sind, und nicht – er ihretwegen.
Prawdin. Man kann sich keinen Schmeichler vorstellen, ohne tiefe Verachtung im Herzen zu empfinden.
Starodum. Der Schmeichler ist ein Geschöpf, das weder von andern noch von sich selbst eine gute Meinung hat. Sein ganzes Streben geht dahin, erst eines Menschen Verstand zu blenden und sodann alles aus ihm zu machen, was ihm beliebt. Er ist ein Nachtdieb, der erst das Licht auslöscht und erst dann zu stehlen beginnt.
Prawdin. Natürlich liegt die Quelle des menschlichen Unglücks in der Sittenlosigkeit der Menschen; doch die Mittel, die Herzen zu bessern –
Starodum. Liegen in den Händen des Souveräns. Sobald alle sehen, daß man ohne Tugend sich nicht aufschwingen kann; daß man durch keine niedrigen Dienstleistungen den Lohn des wahren Verdienstes zu kaufen vermag; daß nicht die Menschen von den Ämtern, sondern die Ämter von den Menschen Nutzen ziehen sollen – dann wird jeder seinen Vorteil in der Tugend finden, und die Herzen werden gebessert sein.
Prawdin. Sie haben ganz recht. Ein großer Souverän verleiht –
Starodum. Gnade und Freundschaft nach Neigung, Ämter und Würden nach Verdienst.
Prawdin. Damit es keinen Mangel an würdigen Menschen gebe, wird jetzt ein besonderes Augenmerk auf die Erziehung gerichtet.
Starodum. Sie muß in der That das Pfand des Staatswohls sein. Alles Unglück entsteht durch schlechte Erziehung. Freilich – welchen Nutzen kann der Staat von einem Menschen wie Mitrofan ziehen, dessen unwissende Eltern unwissenden Lehrern gar noch Geld zahlen? Wie viele Väter gibt es unter dem Adel, welche die Erziehung ihres Sohnes einem sklavenseelischen Leibeigenen anvertrauen! Nach etwa fünfzehn Jahren gibt’s dann zwei Sklaven: den alten Hofmeister und das junge Herrchen.
Prawdin. Doch Personen aus den höchsten Ständen sorgen für eine tüchtige Erziehung ihrer Kinder –
Starodum. Vollkommen richtig, mein Freund; doch wünschte ich, daß in allen Wissenschaften das Hauptziel jedes menschlichen Wissens nicht vergessen werde: die Tugend. Glaube mir, daß die wissenschaftlich gebildeten, aber demoralisierten Menschen diese Wissenschaften zum argen Werkzeug des Bösen gebrauchen werden. Die Aufklärung erhebt nur eine tugendhafte Seele. So wünschte ich, daß der Erzieher eines jungen Aristokraten denselben täglich auf zwei Fälle aus der Weltgeschichte aufmerksam mache: erstens – wie große Männer das Wohl ihres Vaterlandes fördern, und zweitens – wie ein unwürdiger Würdenträger sein Vertrauen und seine Macht zum Bösen mißbraucht und von der Höhe seines glänzenden Ranges in den Abgrund der Verachtung und des Spottes niederstürzt.
Prawdin. Es ist in der That notwendig, daß jeder Stand eine angemessene gute Erziehung erhält: dann kann man versichert sein – Was für ein Lärm?
Starodum. Was ist geschehn?
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Milon, Sophie, Jeremejewna.
Milon (stößt Jeremejewna von Sophie, welche von der Alten festgehalten wird, und schreit, einen entblößten Degen in der Hand). Wage es keiner, mir zu nahen!
Sophie (eilt zu Starodum). Onkel, beschütze mich!
| Starodum. Mein Kind, was gibt’s denn? | } | (Gleichzeitig.) |
| Prawdin. Beleidigt man Sie? | ||
| Sophie. O mein Herz! | ||
| Jeremejewna. Ich bin verloren! |
Milon. Die Bösewichter! Als ich hierher ging, sah ich eine Menge Menschen, die Sophie unter den Armen hielten und sie, die Schreiende und sich Sträubende, in einen Wagen vor der Hinterthür schleppen wollten.
Sophie. Das ist mein Retter!
Starodum. Teures Kind!
Prawdin (zu Jeremejewna). Sofort bekennst du, wohin ihr sie bringen wolltet, sonst sollst du als Verbrecherin –
Jeremejewna. Zur Trauung! ach, zur Trauung!
Frau Prostakowa (hinter der Szene). Halunken! Diebe! Spitzbuben! Zu Tode lass’ ich euch peitschen!