Die Braunschweiger in Canada 1776.
Das Braunschweigische Kontingent der deutschen Truppen, welches von England zur Unterdrückung der Revolte in ihren Nord-Amerikanischen Kolonien gedungen war, wurde von Baron Friedrich Adolph von Riedesel befehligt. Er stammte aus einer adeligen hessischen Familie und war im Jahre 1738 geboren. Im Alter von 15 Jahren war er nach Marburg geschickt worden, um Rechtswissenschaft zu studieren, obschon er kaum schreiben konnte und nur einige wenige lateinische Brocken gelernt hatte. Ein Bataillon hessischer Infanterie stand damals in Marburg, und Riedesel sah lieber den Soldaten zu, als dass er den Professoren der Universität zuhörte. Der Major, der die Bekanntschaft des Jungen gemacht hatte, hoffte ihn als Rekruten zu bekommen. Er gab Riedesel den Rat, in seine Kompagnie mit der Aussicht auf Avancement einzutreten und sagte ihm obendrein, dass er mit seinem Vater gut bekannt sei und an ihn schreiben würde, um seine Einwilligung zu diesem Plane zu erbitten. Kurz darauf sagte der Major zu Riedesel, dass er von seinem Vater gehört, er habe in seine Einstellung eingewilligt. Der Junge war über diese Nachricht entzückt und wurde sofort für den Dienst gemustert. Indessen, als er seinem Vater schrieb, um sich zu bedanken, erhielt er eine sehr enttäuschende Antwort. Baron von Riedesel hatte nie etwas von dem Major gehört und hätte nie seinem Sohn die Erlaubnis gegeben, den für ihn gewählten Beruf zu verlassen. Nun aber, da der junge Mann in den Dienst eingetreten sei, erforderte es die Ehre, seinen Farben treu zu bleiben, aber er brauchte auf keine weitere Unterstützung von Seiten seines Vaters zu rechnen. Es blieb dem jungen Riedesel nichts übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen. Die ganze Angelegenheit ist nur ein Beispiel von dem deutschen Rekrutierungs-System der damaligen Zeit.
Der Landgraf von Hessen-Cassel, hatte einige seiner Regimenter an England geliehen. Riedesel ging mit seinem Bataillon dorthin mit dem Rang als Fähnrich. Er war indessen nicht so lange dageblieben, um die Sprache vollkommen zu erlernen, denn sein Regiment war nach Deutschland zurückbeordert worden, um am siebenjährigen Kriege Teil zu nehmen, in welchem England mit Preussen und einige kleinere deutsche Staaten Frankreich, Österreich, Russland und Schweden gegenüberstand. Von dieser Zeit an war Riedesels Avancement rapide. Er wurde ein Günstling von Prinz Ferdinand und vertauschte den hessischen Dienst mit dem braunschweigischen. Beim Ausbruch der amerikanischen Revolution war er bis zum Range eines Obersten aufgestiegen und wurde General an dem Tage, an dem er an der Spitze des Kontingents aus Braunschweig nach Amerika ausmarschierte.
Riedesel sah nichts Entehrendes in der Thätigkeit, zu der er berufen war. Er war Soldat von dem Typus, der dem 18. Jahrhundert eigen ist, und in militärischen Dingen kannte er nichts anderes als seine Befehle. Er war überdies ein zärtlicher Gatte und Vater, und seine Frau und Kinder sollten ihm nach der Neuen Welt nachfolgen, sobald es die Gesundheit der ersteren erlauben würde. »Liebste Frau,« schrieb er von seinem ersten Halt, »nie habe ich mehr gelitten, als heute früh bei meiner Abreise. Mein Herz brach mir, und hätte ich zurückgekonnt, wer weiss was ich gethan hätte! Aber, meine Liebe, Gott hat mir diesen Beruf gegeben, ich muss ihm folgen; Pflicht und Ehre verbinden mich dazu; man muss sich also trösten und nicht murren.«
General Riedesel brach von Braunschweig am 22. Februar 1776 nach Stade an der Elbe auf, an der Spitze von 2282 Mann. Die Truppen wurden zwischen dem 12. und 17. März eingeschifft und gingen am 22. März in See. Es waren 77 Soldatenfrauen mit dieser Division. Der Rest des braunschweigischen Kontingents marschierte im Monat Mai nach Stade. Die einzelnen Teile zusammen beliefen sich auf die Gesamtsumme von 4300 Mann. Das Regiment von Hessen-Hanau, 668 Mann stark, schloss sich der Expedition in Portsmouth an. Die Braunschweiger wurden besichtigt und für den englischen Dienst gemustert durch den Oberst Faucitt, welcher von dem Aussehen der Soldaten nicht befriedigt war. Viele waren zu alt, viele nur halbwüchsige Jungen. Die Uniformen der ersten Division waren so schlecht, dass die englische Regierung gezwungen war, Riedesel 5000 £ vorzuschiessen, um die Leute in Portsmouth neu auszurüsten. Er wurde von den englischen Lieferanten betrogen, denn als man die Kisten mit Schuhen auf der See öffnete fand man Damenschuhe darin enthalten. Für einen Feldzug in Canada waren keine Mäntel vorgesehen. Neue Uniformen für die erste Division wurden im Laufe des Sommers nachgeschickt.
Der General war von dem Geiste seiner Truppen sehr befriedigt. »Ich weiss die Zufriedenheit unserer Soldaten nicht genugsam zu beschreiben, — — alles ist munter und guter Dinge,« schreibt er von Bord des Schiffes aus an seinen alten Chef, Prinz Ferdinand von Braunschweig. Bald indessen gesellte sich die Seekrankheit zu der Unbequemlichkeit auf den vollgepfropften Schiffen. »Die Soldaten sind meistens alle seekrank gewesen. Die meisten sind es noch, wie auch meine Leute«, schreibt Riedesel an seine Frau von Dover aus. »Der arme Koch ist es so sehr, dass er gar nicht arbeiten, ja nicht einmal den Kopf aufheben kann. Das ist eine grosse Unbequemlichkeit für uns, denn Kapitän Foy und ich müssen unsere Küche selbst besorgen, welches Dich belustigen würde, wenn Du es sähest.« Vor Beendigung der Reise war das Wasser verdorben.
Die Flotte von 30 Schiffen lichtete die Anker in Portsmouth am 4. April und kam vor Cap Gaspé am 16. Mai an, vor Quebec am 1. Juni. Riedesel erhielt hier das Kommando über ein besonderes Korps, welches aus 1 englischen und 2 deutschen Bataillonen mit 150 Canadiern und 300 Indianern bestand und den St. Lawrence-Strom entlang zwischen Quebec und Montreal postiert war. »Das hiesige Land wird Dir sehr gefallen; es ist so schön, wie es nur sein kann,« schreibt Riedesel am 8. Juni an seine Frau; und weiter sagt er am 28.: »Du wirst die Gegenden hier herrlich finden, nur schade, dass die Kolonien noch in ihrer Kindheit sind, und man also Gemüse, Obst und andere dergleichen zu einem guten Tisch gehörige Sachen sehr selten findet; Fleisch, Geflügel und Milch aber hat man im Ueberfluss. Die Häuser sind alle nur von einem Stockwerk, haben aber inwendig viele Zimmer und sind sehr reinlich. Die Einwohner sind überaus höflich und dienstfertig, und ich glaube nicht, dass unsere Bauern bei einer ähnlichen Gelegenheit sich so artig bezeigen würden.«
Nachrichten bekam man zu jener Zeit so spät, dass die Niederlage von Montgomery und Arnold vor Quebec am 31. Dezember 1775 in England noch nicht bekannt war, als die Flotte von dort absegelte. Riedesel und seine Begleiter hörten erst davon auf ihrem Wege den St. Lawrence-Strom hinauf. Kurz nach ihrer Ankunft wurde Canada von den »rebellischen« Truppen bis zum Nordende von Lake Champlain gesäubert, auf welchem See die Amerikaner eine Flotte improvisirt hatten, bestehend aus 4 Schaluppen, 8 »Gondolas« und 3 Ruder-Galleeren. Den Sommer brachten die Briten damit zu, Kriegs- und Transportschiffe zu bauen, um den See hinauf vorzudringen. Die Truppen wurden einquartiert oder in Lager untergebracht den St. Lawrence- und Richelieu-Fluss entlang, und nur ein bedeutendes Scharmützel vermochte die gewohnte Thätigkeit des Drillens und Schanzenbaues und des gleichzeitig fortschreitenden Bootsbaues durch Rückwärtsmarschieren zu unterbrechen.
Am 23. Juni wohnte General Riedesel einer feierlichen Versammlung bei in der früheren Jesuitenkirche in Montreal von General Carleton, dem Gouverneur von Canada und den Häuptlingen der fünf Nationen. Alle höheren Offiziere der Armee waren dazu eingeladen worden und ungefähr 300 Indianer waren anwesend. Die europäischen Offiziere waren mit Stühlen auf dem Chor der Kirche versehen, der Gouverneur in der Mitte, den Hut auf dem Kopfe. Die Indianer sassen auf Bänken im Mittelschiff der Kirche und rauchten ihre Pfeifen. — Nachdem Reden gehalten und verdolmetscht waren, wurden die Dienste der Indianer durch den englischen General angenommen, und es wurden ihnen Stellungen angewiesen. Die Indianer reichten den europäischen Offizieren die Hände, und den Generalen Carleton, Burgoyne und Phillips wurden Skalpe von Rebellen geschenkt. Was die englischen Herren mit diesen reizenden Geschenken ihrer menschenfreundlichen Bundesgenossen thaten, ist nicht ersichtlich. Bei einer späteren Zusammenkunft, die General Carleton mit Indianern mehr von Westen her abhielt, erschien einer von diesen in der Uniform des General Braddock, welchen er getötet zu haben behauptete.
Von Montreal sagt Riedesel: »Diese Stadt ist in der That etwas feiner als Quebec und hat ungefähr 1600 Häuser. Sie ist von nichts anderem umgeben als einer Mauer mit Schiessscharten für Kanonen und Musketen, und was man Citadelle nennt ist ein Blockhaus in sehr schlechter Verfassung. Diese Werke waren im Jahre 1736 angefangen worden. Die ganze Insel Montreal, gleichwie auch die Stadt gehören dem Seminar.... In der Nähe dieses Seminars ist der beste Garten von ganz Canada, aber er ist nicht besser angelegt, als der von einer Privatperson bei uns zu Hause. Sie haben die meisten Arten der europäischen Pflanzen hier.« —
Schliesslich war am 9. September der Transport fertig, um auf dem Lake Champlain vorzudringen. Es war indessen notwendig, wegen der Kriegsfahrzeuge noch einen Monat länger zu warten. Sobald diese vollzählig waren, übertrafen sie die der Amerikaner um mehr als das doppelte, sowohl an Zahl als an Gewicht. Sie waren mit aufgegriffenen englischen Seeleuten bemannt, während die Schaluppen und Gondolas unter Benedict Arnold meistens von Nicht-Seeleuten bemannt und befehligt waren. Das Resultat war vorauszusehen. Arnold wählte am 10. Oktober 1776 eine unvorteilhafte Stellung zwischen Valcour Island und dem westlichen Ufer des Sees. Hier bestand er einen ungleichen Kampf am 11. und von da entwischte er in der folgenden Nacht, verwegen durch die Linie der britischen Flotte hindurchschlüpfend. Am 13. wurde er in der Nähe der Insel der vier Winde von Carleton eingeholt. Einige der Boote zertrümmerten, andere wurden auf den Strand gesetzt und verbrannt; nur fünf entkamen. Arnold und sein Haufe bewiesen die grösste Tapferkeit bis zu Ende; aber Tapferkeit allein konnte den Mangel an Seetüchtigkeit und die Minderzahl nicht ausgleichen. Einige von den Deutschen nahmen an dem Seegefecht vom 11. teil, und eins der Schiffe, auf dem die Hanauer Artillerie war, wurde durch das amerikanische Feuer zum Sinken gebracht. Die Soldaten und Seeleute, welche es bemannten, wurden indessen durch ein anderes Boot gerettet. —
Unmittelbar nach diesem Seekampf besetzte Carleton Crown Point ohne Gegenwehr. Streifparteien wurden bis in die Nähe von Ticonderoga vorgetrieben. Riedesel war am 22. oder 23. Oktober dieser Festung so nahe, dass er sie von einem Hügel aus vollkommen sehen konnte. Er dachte, sie könnte wohl leicht von der britischen Armee in Canada genommen werden, wenn die ganze Armee in Bewegung gesetzt werden würde, doch er rechnete die Stärke der eigentlichen Besatzung entschieden zu hoch. Sir Guy Carleton hielt es für zu spät, in diesem Herbst weitere Eroberungen zu unternehmen. Selbst Crown Point verliess er und zog sich nach der Nordspitze des Sees zurück.
Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre. Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit den Rebellen gezeigt hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.
Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam, waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.
Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31. Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden hatten.
Während des zweiten Teils des Winters gab Riedesel in Trois-Rivières jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20. Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten. »Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R—e, in ihrem schäbigen baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind, und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise, mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni 1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger eröffnete.