II.
Meine Reise nach den Diamantenfeldern.
So verließ ich denn in den ersten Tagen des August 1872 Port Elizabeth, um über Grahamstown, Cradock, Colesberg und Philipolis, Fauresmith zu erreichen.
Von vier kleinen Pferden gezogen, legten wir die 86 englische Meilen betragende Strecke nach Grahamstown, der drittgrößten Stadt der Cap-Colonie, in einem zweirädrigen Karren in 11 Stunden zurück.
Diese Strecke ist in Bezug auf die Schönheit der Scenerie und der Vegetation gewiß die anziehendste. Heute gelangt man nach jenem Orte mittelst Bahn, auch diese führt durch reizende Partien, wenn ich ihnen auch jene, die man früher per Achse passirte, vorziehe. Der größte Theil des Weges führt längs den Abhängen der Zuur-Berge, welche bebuscht und bewaldet mit ihren Schluchten und Thälern, mit den eingeschlossenen Lagunen und den begrenzenden Bergwiesen, dem Künstler wie Naturliebhaber viel des interessantesten Stoffes bieten. Ich möchte sagen, daß wir auf dieser Strecke den mannigfachen Typen größerer Landstriche aller Welttheile begegnen. Weite Ebenen, zum Theil mit hohem Grase bedeckt, erinnern uns lebhaft an eine Pußta, nur daß die bekannten, unbeholfenen Ziehbrunnen fehlen; kurzbegraste Flächen rufen uns ein Bild der Steppe in's Gedächtniß, während einige wenige mit spärlichem Graswuchs bewachsene Sandflächen an die Wüste mahnen. Mancher hochbegraste Abhang gewährt mit den hunderten ihn bedeckenden riesigen und armleuchterartig geformten Euphorbien ein fesselndes Bild, doch den anziehendsten Anblick bieten die bebuschten und mit Niederwald bedeckten Partien.
Die Gebüsche stehen bald gruppenweise, auf Wiesenpartien dichte Knäuel bildend, ein Vegetationsbild, das namentlich weiter im Innern Süd-Afrika's ganze Landstriche charakterisirt; doch bei weitem der größte Theil der Strecke Port Elizabeth-Grahamstown ist von einem sozusagen undurchdringlichen Gebüsche bedeckt, das theils von eigentlichen Büschen, theils von Zwergbäumchen gebildet wird. Manche derselben scheinen wahre Riesen an Alter zu sein, während andere wieder von gewissen Insectenarten befallen, in kurzer Zeit absterben und unaufhaltsam der Fäulniß unterliegen.
Oft führte uns der Weg an Abhängen vorüber, deren weißberindete Bäumchen mit Schüssel- und Baumflechten über und über bedeckt, einen eigenthümlichen Anblick darboten und an niederschlagreiche Gegenden mahnten; besonderen Reiz und eine anmuthende Erinnerung an die Wälder des Nordens gewährte das massenhafte Auftreten einer Bartflechte (Usnea), welche mit ihren grau-grünen, fußlangen und dichten Zotten, einer Draperie gleich, die Queräste der Bäume schmückt und ihnen einen ehrwürdigen Anblick verleiht. An anderen Stellen wieder überschaut das Auge auf Meilen hin mit Zwergbüschen bedeckte Abhänge, aus denen uns sofort mehrere Arten der rothblüthigen Aloë, riesige baumartige, zahlreiche strauchartige und krautartige Wolfsmilcharten, mit ihren wundervollen, meist cactusförmig gebildeten Formen auffallen und das Herz eines Botanikers hoch entzücken. Zahlreiche Solanum-(Nachtschatten-)Species, bald niedrig, bald strauchartig an den Bäumchen emporrankend, mit gelben, weißen, violetten und blauen Blüthen beladen, gestalten mit anderen üppigwuchernden Schlinggewächsen einzelne, durch hochstämmigere Bäumchen ausgezeichnete Partien zu einem förmlich undurchdringlichen Dickicht, während vor Allem die Menge von Gras und Binsen, Erica- und Ranunculusarten unser Staunen erregt.
[Euphorbiaceen-Bäume.]
Den kaleidoskopartig wechselnden Landschaftsbildern entspricht auch die Vegetation; kahle, niedrige, oder aber mit Hochgras bestandene Flächen, Busch- und Miniaturhaine, marschige Stellen, Sümpfe, Bergabhänge und Ebenen zeigen uns immer wieder neue Liliaceen, Papilionaceen und Mimosen.
Hie und da finden wir eine Farm in der Mitte einiger Acker bebauten Landes, an der Wegseite ein aus galvanisirtem Eisen oder aus Backsteinen erbautes Hotel; Hotel heißt es immer, ob es den Namen eines solchen verdient oder blos aus zwei Zimmern und einem Krämerladen besteht.
Nicht minder artenreich als die Flora ist die Fauna auf dieser Strecke. Wir finden hier ein mannigfaltigeres Thierleben, als selbst im ganzen Raume der nächsten zehn Breitengrade nach Norden, also gegen das Innere Süd-Afrika's. Auf den kahleren, grasarmen Ebenen tummeln sich Scharrthierchen und Erdeichhörnchen; beide Thiere leben in gemeinschaftlichen Bauen, und solche Stellen sind dann etwas erhaben und zeigen bis zwanzig Ein- und Ausgangslöcher, so breit, daß man bequem eine Faust einführen könnte. Wo die Erdeichhörnchen hausen, da finden sich auch zahlreiche große Spitzmäuse vor. (Die Gewohnheiten dieser Thiere will ich hier nicht beschreiben, aber späterhin bei der Schilderung meiner drei Reisen in's Innere Afrika's, wo einzelne der eben noch zu nennenden Thiergattungen bestimmte Landstriche bewohnen, ihrer dann ausführlicher gedenken.) Die hochbegrasten Gegenden zeigen uns zahlreiche Bauten von Maulwürfen, des Schabrakenschakal, des Mäusehundes (das afrikanische Stinkthier), von Springhasen und Stachelschweinen, Blindmäusen, dem interessanten Erdferkel und kurzschwänzigen Schuppenthier. An den Moorstellen beobachten wir Fischottern, eine Wieselart und mehrere Rattenarten. Die felsigen Abhänge weisen zahlreiche Pavianheerden, Rohrrüßler, schwarzgefleckte Genetta's, Tharikatzen, Karakal's, Springmäuse, eine besondere Kaninchenart, röthliche Roibockgazellen und zahlreiche Klippschliefer auf. An hochbegrasten Strecken, wo sich, wie schon erwähnt, stellenweise gruppenförmig dichte Gebüsche vorfinden, finden wir nebst den schon bisher erwähnten Zahnarmen (Edentata), Deuker und Steinbockgazellen. Dichte, niedere, meilenweite Flächen bedeckende Gebüschstrecken beherbergen die gestreifte und gefleckte Hyäne, sowie den Strandwolf (Hyëna brunea) und unter zahlreichen Nagethieren eine riesige Wühlmaus; ferner zwei Arten von Gazellen, darunter namentlich den schönen Buschbock. Hochstehende, die weiten Abhänge bekleidende Büsche, sowie der Niederwald dienen Pavianen und Meerkatzen, grauen Wildkatzen und Füchsen und dem Leoparden, der Kudu-Antilope, dem Buschsark und Blacksark, dem Büffel und dem Elephanten (der größten von den drei afrikanischen Varietäten) sowie einem auf Bäumen lebenden Hyrax (einer besonderen Art) zum Aufenthaltsorte.
Die Leoparden sind in diesen Gegenden gefährlicher als in den menschenleeren Gegenden des Innern, wo sie weniger an den Knall des Feuerrohres gewohnt sind. Da sie als Feinde, namentlich wenn verwundet, sehr gefährlich werden, tödtet man sie in diesen bewaldeten Gegenden meist mit Gift, oder fängt sie in Eisen. Die Elephanten sind durch ein Gesetz vor den Nachstellungen geschützt, so daß wir in der Cap-Colonie noch einige wilde Heerden[[1]] (je zu etwa 20-30 Stück) zählten, während sie im Oranje-Freistaat, den Transvaal- und in den südlichen Betschuanaländern schon vollkommen ausgerottet sind. Weil sie jedoch nicht gejagt werden, sind diese Thiere recht übermüthig geworden, was uns sofort auffällt, wenn wir sie mit ihren Brüdern im nördlichen Süd-Afrika und in Central-Afrika vergleichen. Dort bringt ein Schuß (wenn er auch in einer Entfernung von 2-3 englischen Meilen abgefeuert wurde) eine Elephantenheerde sofort zur schleunigen Flucht und die Thiere legen dann meistens 20-30 englische Meilen zurück, bevor sie sich eine Rast gönnen; daß dort ein Elephant ungereizt den Menschen angreifen würde, gehört zu den größten Seltenheiten, trotzdem in den letzten zwanzig Jahren allein von den Europäern mehr denn 7500 Elephanten erlegt wurden. Hingegen muß man in den Gegenden zwischen Grahamstown und Port Elizabeth, wo sich die Elephanten aufhalten, vorsichtig sein, um nicht den hin- und herwandernden Kolossen zu begegnen. Bevor ich auf der Heimreise Port Elizabeth erreichte, ereignete sich eben ein trauriger Fall in dem Niederwalde am Zondags-River, der theilweise die genannten Waldpartien durchfließt. Ein farbiger Diener war von seinem Herrn ausgeschickt worden, um einige Ochsen zu suchen, welche sich verirrt haben mochten; da der Mann nicht wieder heimkehrte, forschte man nach ihm, fand aber blos seinen verstümmelten Körper. An den Spuren ringsum konnte man sehen, daß ihn eine vorbeipassirende Elephantenheerde ausgewittert, sich von ihrem Pfade ab auf ihn gestürzt und ihn zertreten hatte. Nur mit Erlaubniß des Gouvernements ist man berechtigt, eines der Riesenthiere zu erlegen.
[1] Siehe Seite 25.
Von den Vögeln die mannigfachen Species zu erwähnen, würde zu weit führen. Ein etwa sechsmonatlicher Aufenthalt würde hier dem Ornithologen eine reichhaltige Sammlung verschaffen. Ich will nur bemerken, daß dem Jagdliebhaber mehrere Trappenarten, Perlhühner, Reb-, Hasel- und Steppenhühner, Schnepfen und Regenpfeifer, Wildenten und Wildgänse, sowie Taucher und Schlangenhalsvögel täglich seine und seines Dieners Jagdtasche füllen können. Bewundern wir auf der Jagd oder auf einem Ausfluge in dieser Gegend die, die verschiedenen Strecken charakterisirende Pflanzenwelt, so sind es namentlich die Vögel und Insecten, welche den schönen, oft wundervollen Pflanzenformen doppelten Reiz verleihen. Da sind es langschwänzige Kolibris und Honigsucher, welche bald in den prächtigen kelchförmigen Schwertblüthen, bald in den weithin schimmernden carminrothen Aehrenblüthen der Aloëarten nach Insecten haschen. Dort wiederum winken uns die hellglänzenden dunkelgrünen Blätter eines Zwergstrauches, wir fühlen nicht den leisesten Windhauch, der sie bewegen würde—und immer nicken die zarten Aestchen wie mit Befriedigung einander zu. Doch siehe da, ein ganzer Schwarm kleiner, gelblich-grünlicher, unserem Goldhähnchen nicht unähnlicher Singvögel tummelt sich emsig in der Krone des Strauches umher, um Käferchen von der Innenseite der Blätter aufzupicken.
Von der Spitze des Waggonbaumes halten Falken und zahlreiche schön gefiederte Würger ihre Rundschau—ein jeder hat ein kleines Reich um seinen hohen Wohnsitz eigen—und hat jener eine Blindschleiche oder ein Mäuschen, dieser einen summenden Käfer erspäht, stürzt er sich auf die arglose Beute herab und da schnellt sich immer wieder das Aestchen, auf dem er saß und mit ihm die nächsten Zweige, rasch empor, scheinbar froh, von der Bürde befreit zu sein. Die reichblättrigen Mimosen, mit hellglänzenden Insecten bedeckt, locken gar manchen Vogel an, doch auch die schilfigen Partien sind nicht weniger reich an befiederten Bewohnern der Lüfte. Rohrsänger, gelbe und feuerrothe Finken und Webervögel halten die schlanken Rohrstengel in fortwährender Bewegung, während die kleinen Thälchen von ihrem Gezwitscher wiederhallen.
Von den Reptilien finden wir den Wasserleguan (riesige Eidechsen) in jedem fließenden Gewässer; von Schildkröten eine reiche Auswahl auf dem Lande und eine Art in stehendem und fließendem Wasser, von Schlangen sehr viele und sehr giftige Species, namentlich Bussadern, Cobras, Hornvipern, Korallenschlangen etc. etc. und von Wasserschlangen schöne harmlose grüne Species, doch auch sehr giftige Seeschlangen, die manchmal vom Meere aus die Flüsse heraufzuschwimmen pflegen.
Spät in der Nacht desselben Tages, an dem ich Port Elizabeth verließ, gelangten wir nach Grahamstown, und verließen es schon zeitlich am nächsten Morgen. Wir stiegen in einem Hotel ab; die gewöhnlichen Logispreise waren und sind geblieben 2 Shillings und 6 Pence für ein Bett und ebensoviel für ein jedes Mahl.
Grahamstown liegt malerisch an den Abhängen einiger Sandsteinhöhen, dem Quellgebiete des Kowie-Rivers, es hat seinen eigenen doch offenen Hafen an der Mündung dieses Flusses, Port Alfred genannt.[[1]] Ich bemerkte schon, daß wir hier den besten der botanischen Gärten in Süd-Afrika antreffen, indem außer afrikanischen Pflanzen meist Bäume aus Australien, Acacien und Eucalyptusarten, sowie Kasuarinen, ferner Gewächse aus Mauritius, Madagascar und Süd-Amerika mit dem besten Erfolge gepflegt werden. Von einheimischen Gewächsen sah ich namentlich schöne Exemplare des wundervoll geformten »Elephantenfußes« und mehrere Encephalartos-Arten sehr gut gedeihen. In dem geräumigen Glashause fand ich unter andern Prachtformen riesige Exemplare südafrikanischer Farrenbäume.
[1] Siehe [Anhang 3].
Nach zwei Tagen angenehmer Fahrt in einer bequemen amerikanischen Kalesche hatten wir die 25 geographische Meilen lange Strecke zwischen Grahamstown (The Town of the Settlers) und Cradock zurückgelegt. Die durchreiste Strecke war zu Beginn schluchten- und waldreich, wie jene zwischen Grahamstown und Port Elizabeth, hierauf ein Hochplateau, das mit zahlreichen isolirten Tafel- und Spitzbergen besäet, von Bergkämmen und Höhenzügen im fernen Nordost und Nordwest begrenzt war. Die ersteren erhoben sich 200 bis 500 Fuß über das sie umgebende Flachland und sind meist mit niederem Gebüsch, namentlich dem Nahrung spendenden Speckbaume bewachsen. Die Thäler zeigen Dornenbäume und Sträucher, die Warte-bichi, den Heckenstich und andere Mimosenarten im Ueberfluß, welche Thalbewaldung weiter nach Norden über Cradock hinaus abnimmt und erst wieder gegen den Vaalfluß und von da nach Norden zu, häufiger auftritt. Auf dieser Strecke nach Cradock beobachtete ich auch zuerst jene großen Ebenen, die zur feuchten Jahreszeit ein unabsehbarer hellgrüner (wenn von Gras), dunkelgrüner (wenn von dem Kapbusche gebildet) Teppich, zur Zeit der Dürre ein einförmiger brauner oder röthlicher Wüstenstrich sind, wie wir sie in der westlichen Cap-Colonie, dem Freistaate, im westlichen Griqua-Lande, der Transvaal-Colonie und dem Batlapinenlande vorfinden, und welche den Zwergtrappen, den Spring- und Blaßbockgazellen sowie dem schwarzen Gnu zum Aufenthaltsorte dienen. Da wo diese Thiere wenig gejagt werden, finden sie sich noch zu Tausenden. Auf meiner Reise nach Cradock beobachtete ich nur die erstgenannten, doch die zierlichsten unter den größeren Gazellen. Sie nehmen auf den Ebenen nach Norden zu ab, und ich beobachtete sie nicht über das Salzseebecken im centralen Süd-Afrika hinaufreichend, während sie längs der Westküste bis zu den portugiesischen Besitzungen ausschwärmen.
Die Springbockgazelle (A. Euchore) gehört unstreitig zu den schönsten Gazellenarten, die wir kennen. Sie besitzt außer allen Vorzügen einer Gazelle eine seltene Sprungkraft in ihren stählernen Muskeln und ihr edles zierliches Köpfchen schmückt ein so schönes, lyraförmig geschwungenes Hörnerpaar, daß man ihr wohl den Vorzug unter den mittelgroßen ihrer Familie einräumen muß. Dieses ungewöhnlich reizende Thier hat so graziöse Bewegungen, namentlich wenn es spielt, oder aufgescheucht die Flucht ergreift, daß man in Verlegenheit geräth, selbe zu beschreiben. Selbst wenn sie gejagt wird und in Angst dahinfliegt, scheint sie es darauf angelegt zu haben, durch ihre Coquetterie des Jägers Mordlust zu beschwichtigen. Leider findet sie für ihre Schönheit abgestumpfte Nimrode in mehr als hinreichender Zahl und dies namentlich unter den holländischen Farmern und den Eingebornen, welche dafür sorgen, daß sie täglich seltener wird. Ihre Sprünge ähneln dem Ausschnellen einer Uhrfeder. Sie läßt namentlich gewöhnliche Jagdhunde, mit Ausnahme der Windspiele, ziemlich nahe kommen; sie schaut die anrennenden, laut kläffenden Köter so gleichgültig an, wie wenn sie geduldig erwarten würde, bis sie zu ihr gekommen und ihr Alles gesagt, was sie zu sagen hätten. Plötzlich, wenn nach ihrer Berechnung die Zeit zur Flucht gekommen, schnellt sie sich wie eine losgelassene Uhrfeder in die Höhe, um etwa 6-8 Fuß weiter die Erde mit ihren zarten, spitzen Klauen zu berühren, allein kaum daß dies geschehen, so ist sie schon wieder über derselben, und so macht sie fünf bis zehn Sprünge sehr rasch hintereinander und dem Emporschnellen eines auf harten Boden auffallenden Gummiballes nicht unähnlich; es scheint, als ob sie die Erde gar nicht berühren würde, kaum senkt sich der Körper zur Erde, hat er sich auch schon wieder emporgeschnellt. So in einem überraschend kurzen Zeitraume von dem Verfolger weit entfernt bewegt sie sich plötzlich eine Minute langsam im Schritte vorwärts, wiederum dem Hunde Zeit gönnend sich zu nähern, dann wiederholen sich die Sprünge, und so neckt das Thier seine Verfolger mehrmals, bis es endlich, gleichsam des Spielens müde geworden, in weiten, großen Sätzen, in wilder Flucht davonjagt, bis es sich vollkommen sicher glaubt, und man sie in einigen Augenblicken in der weitesten Entfernung auf der Ebene als winzigen, weißlichen, beweglichen Punkt wahrnimmt, welcher dem Jäger die Richtung angibt, in der das schnellfüßige Thier seinen Lauf, oder besser gesagt, seinen Flug genommen. Allein selbst seine fabelhafte Schnelligkeit rettet es nicht vor dem Tode. Die Entdeckung der Diamantenfelder hat Tausenden dieser Thiere, wie auch ihren Verwandten, dem Bläßbock und dem schwarzen Gnu, Verderben gebracht. Die holländischen Farmer als Besitzer der Striche, auf welchen die edlen Thiere weiden, und als vortreffliche Schützen, sind ihre ärgsten Feinde. Sie kamen periodisch auf die Diamantenfelder und immer mit reicher Beute versehen. Ich hatte während meines dortigen Aufenthaltes beobachtet, daß in den Wintermonaten von Mai bis September ganze Wagenladungen mit solchen erlegten Thieren zu Markte gebracht wurden; doch auch sonst ist dies Wildpret nicht selten zu haben. Namentlich sind es der öffentliche Auctionsmarkt, der jeden Morgen in Kimberley und Dutoitspan abgehalten wird, wo sie an den Meistbietenden überlassen werden. Da liegen sie vor uns, der Köpfe und Füße beraubt, oft zu Dutzenden nebeneinander in langen Reihen! Der Preis wechselt je nach der Jahreszeit und der Größe des Thieres zwischen 3-7 Shillinge.
Nicht uninteressant ist die Jagdweise dieser Thiere. Man jagt sie zu Pferde, erlegt sie auf dem Anstande und hetzt sie mit Windhunden zu Tode. Die gewöhnlichste ist jene zu Pferde. Der Jäger setzt im stärksten Galopp den Thieren nach; die auf jenen begrasten Ebenen geborenen und an die Löcher der vielen Erdthiere sowie die niedrigen Termitenhaufen gewöhnten Pferde eilen im schnellen Laufe in der ihnen angegebenen Richtung dahin, so daß sie dem Jäger wenig Mühe verursachen, ihm vielmehr gestatten, seine ganze Aufmerksamkeit den fliehenden Gazellen zuzuwenden. Etwa zweihundert bis hundert Schritte nach einem 1½-2 Meilen (engl.) langem Ritte den Thieren nahe gekommen, bringt oft schon ein leichter Druck mit den Knieen das im wilden Galopp dahinjagende Pferd zum plötzlichen Stillstand, der Jäger springt ab, legt an und schießt. Es sind namentlich holländische Bauern, welche in dieser Jagdweise Unglaubliches leisten. Ich habe Fälle beobachtet, wo der Jäger mit seinem Hinterlader zwei fliehende Gazellen mit einem Schusse erlegte, auch Fälle, wo die ersten beiden Schüsse fehl gingen oder sonst etwas dem Jäger seinen zweiten Schuß so spät abzufeuern erlaubte, daß die Gazellen erst nachdem sie 600 bis 800 Schritt weit abgekommen waren, stehen blieben. Während sie dann nach dem Jäger zurückblickten kniete dieser nieder, wies sich umwendend mit den Worten: »det rechte kantsche bock, Mynheer« auf eines der Thiere und streckte eben das bezeichnete mit der Kugel seines Carabiners nieder.
Die zweite Art, die Springböcke zu jagen, ist jene auf dem Anstande. In der Nähe der Wassertümpel, zu welchen die Gazellen trinken kommen, oder auch an den Lachen in einem bis auf diese ausgetrockneten Flußbette, gräbt man muldenförmige Gruben, in der Tiefe von 1½-3 Fuß und 3 Fuß im Durchmesser haltend. In diese Grube kauert sich der Jäger und schießt die zur Tränke kommenden Thiere nieder. Diese Jagdweise ist namentlich in trockenen Wintern sehr üblich, wo es nur wenige Wasserstellen gibt, an denen die armen Thiere ihren Durst stillen können. Die südlichsten der Betschuanen, die Batlapinen und Barolongen, lieben eine ähnliche Jagdweise, welche jedoch mehr eine Treibjagd genannt werden muß. Sie thun dies auch, weil sie als schlechte Schützen sonst dem Wilde nicht gefährlich werden könnten. Mehrere Männer legen sich in das etwa 2 Fuß hohe Gras, welches die Ebenen zwischen dem Hart-River und dem Molapo bedeckt, oder hinter die Termitenhügel platt auf die Erde, und da sie in der Regel nur gewöhnliche Musketen (Pavion boute) besitzen und somit der Erfolg von einem Schusse abhängt, 700-900 Schritte windabwärts von einer grasenden Springbockheerde, und zwar jeder Schütze etwa 50, wenn es nur wenige sind, etwa 200 Schritte von einander entfernt. Hier warten sie oft stundenlang, bis ihre zahlreichen Genossen im weiten Bogen die Heerde umgangen, und sie halbmondförmig einschließend, nach den Schützen zu gedrängt haben. Sind es nur wenige Eingeborne, die sich auf eine solche Jagd begaben, so warten sie ruhig einen ganzen Tag im Grase liegend, bis sich das grasende Wild ihnen allmälich genähert. Ich beobachtete Fälle, wo sechs Schützen auf ein Thier anlegten, sechs Donnerbüchsen (denn ihre Musketen sind wahre Donnerbüchsen) ließen die Erde erzittern und als sich der Rauch verzog, da schauten hoch aufgerichtet ebensoviel dunkle Gestalten verwundert, eine flüchtige Springbockgais schnellfüßig das Weite suchend—alle Schüsse waren fehl gegangen.
[Springbockjagd bei Colesberg.]
Mir selbst geschah etwas Aehnliches. Auf dem Anstande stundenlang in einer kurzgrasigen Ebene, nahe an einem Salzsee drei Springbockgazellen erwartend, sah ich endlich die schönen Thiere einige 20 Schritte vor mir, allein mir schien's ein Verbrechen, ihnen ein Leid anzuthun; nur der Gedanke, daß wir Nahrung brauchten, brachte mich dahin, von meinem Snider-rifle Gebrauch zu machen; allein die Hand zitterte—ich konnte mich nicht des Gedankens erwehren, daß ich einen Mord begehe, möglich, daß man in größerer Entfernung hartherziger ist—und so legte ich die Hand an den Drücker und die Thiere, erschreckt durch den plötzlichen Knall, flogen in weiten Sätzen von dannen. Livingstone erwähnt in seinen südafrikanischen Reiseberichten, bei Gelegenheit als er die Jagd auf Gazellen bei den Betschuanen beschreibt, der sogenannten Hopofalle. Ich sah sie nicht mehr im Gebrauch, sie ist auch heutzutage nicht mehr gut möglich. Zu seiner Zeit war das Wild in jenen Gegenden weniger scheu und in größeren Massen vorhanden.
[Antilopenfalle.]
Die dritte Jagdweise auf den Springbock ist die von den Engländern eingeführte und besteht darin, daß man das Thier, ohne sich des Feuergewehrs zu bedienen, mit Windhunden zu Tode hetzt. Die Jagdgesellschaft jagt den Thieren mit verhängten Zügeln auf guten, allein weniger an das Terrain gewöhnten Pferden nach, bis es entweder den Hunden gelingt die Gazellen einzuholen, oder die letzteren einen solchen Vorsprung gewinnen, daß die Verfolger, müde geworden, die Verfolgung aufgeben müssen.
Auch in Cradock[[1]] währte unser Aufenthalt nur einen Tag.—Cradock liegt am linken Ufer des Fish-River, eines Flusses, der oft monatelang bis auf einzelne Tümpel versiegt. Treten jedoch starke Regengüsse ein, so genügen einige Stunden, um das Flußbett mit chokoladfärbigen Wasserfluthen zu füllen, die mit tausendfachen Trümmern bedeckt, Verderben und Entsetzen auf beiden Ufern verbreiten. Kommt man zur Zeit der Dürre zu einer der großen Brücken, von denen auch eine bei Cradock das Flußbett überspannt, so konnte man leicht versucht sein, die Zweckmäßigkeit derselben zu bezweifeln, wir erfahren aber, daß selbst diese große Brücke im Jahre 1874 von dem tückischen Gewässer zertrümmert wurde, und der neue Brückenträger um mehr als 6 Fuß höher gelegt wurde als der frühere. Die solide und schwere Eisen-Construction war von den Pfeilern gehoben und weggespült, die Pfeiler gleichfalls arg mitgenommen worden.[[2]]
[1] Siehe [Anhang 4.]
[ 2] Siehe [Anhang 5.]
[Gegend bei Cradock]
Am zweiten Tage nachdem wir Cradock verlassen, langten wir in der Stadt Colesberg an, da wir aber mit Windeseile vorwärts ritten, fand ich kaum mehr die Muße, die Physiognomie der Landschaft in's Auge zu fassen. Auf meiner sieben Jahre später erfolgten Heimreise, auf der ich mit einem Ochsengespann der Dürre wegen langsam reisen mußte, hatte ich Gelegenheit, die Strecke theilweise geologisch zu durchforschen und dabei einige recht interessante vom Wege abseits liegende Partien kennen zu lernen. Gegen Colesberg zu nehmen die isolirten, tafelförmigen Erhebungen allmälich an Zahl und Höhe ab, dagegen geht das Land nach Norden zu in ein Hochplateau über. Eine der schönsten Partien ist New-Port, ein Paß, an dem sich die Wasserscheide der nach dem Süden fließenden Gewässer und der Nebenflüsse des Oranje-River befindet. Die Höhen im Colesberg- und Cradockdistrict beherbergen viele Pavianheerden, mehrere kleine Gazellenarten, kleinere katzenartige Raubthiere, sowie Leoparden, und bei Cradock auf den flachen Häuptern einiger Tafelberge finden sich noch mehr denn 50 der eigentlichen Quaggas, ich glaube die einzige Art, die wir noch in Süd-Afrika antreffen. Mit Freuden beobachtete ich, daß sie von einigen der Farmer geschont werden; vor etwa zehn Jahren waren sie schon bis auf 15 Stück herabgeschmolzen.[[1]]
[1] Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jenen einsichtsvollen holländischen Farmern von Seite zoologischer Gesellschaften und der Thierschutzvereine einige Anerkennung zukommen zu lassen, damit sie nicht nur bei ihrem vernünftigen Entschlusse verharren, sondern auch ihre Freunde in der Umgegend die Thiere schonen und ihre Berufsgefährten in den anderen civilisirten Theilen Süd-Afrika's bezüglich anderer auch schon stark abnehmender, unschädlicher Vierfüßler ein Gleiches beobachten mögen. Und wenn es auch nur einfache Belobungsdecrete wären, sie würden eine gute Wirkung nicht verfehlen.
Der Cradocker-, Colesberger- und der benachbarte District von Graaf-reynet sind ausgezeichnet durch Lager fossiler Ueberreste, namentlich Dicynodonlager und der dieser Periode angehörenden fossilen Flora.
Colesberg selbst ist durch einen gleichnamigen Berg ausgezeichnet, an dem wir die Schichtung der einzelnen Gesteine, welche den District charakterisiren, vor uns aufgethürmt sehen. Die Stadt ist etwas kleiner als Cradock und liegt in einem ziemlich engen Felsenthale. Die Höhen, die sie umschließen, sind meist nur mit Gras und so kleinen Zwergbüschen bedeckt, daß sie dem Beschauer fast von aller Vegetation entblößt erscheinen. Die meist kahlen Blocke, welche sie bedecken, werden zur Sommerszeit gewöhnlich so ausgeglüht, daß sie die zwischen ihnen liegende Stadt zu einem förmlichen Backofen, und den Aufenthalt daselbst nicht besonders angenehm machen.[[1]]
[1] Siehe [Anhang 6].
Auf meiner Weiterreise von Colesberg nach Norden zu, gelangten wir nach zweistündigem Ritte zu dem Oranjeflusse, welcher die Grenze zwischen dem Oranje-Freistaat und der Cap-Colonie bildet. Wir übersetzten den an Wassergehalt der Elbe gleichkommenden Strom in einer Fähre, welche die Communication der beiden Ufer vermittelte und noch vermittelt; doch steht schon heute einige hundert Schritte stromaufwärts eine Eisenbrücke, und drei andere erleichtern den Verkehr zwischen beiden Staaten stromauf- und abwärts. Der erste Tag, den ich in der Republik verlebte, wollte mir nicht recht gefallen, und ich erinnere mich noch heute lebhaft aller jener kleinen Zwischenfälle, die ich auf der Strecke vom Oranjefluß bis Fauresmith erlebte. Der Weg zum Flusse bis Philipolis wurde in etwa zwei Stunden zurückgelegt. Hier mußten wir der Passagierkutsche Valet sagen und hatten den Rest des Weges nach Fauresmith in einem Postkarren zurückzulegen. Philipolis bot einen äußerst traurigen Anblick. Die Winterdürre hatte das Gras im Thale ringsum, sowie an den umliegenden Höhen verbrannt, so daß die ganze Gegend braun und kahl erschien; ebenso traurig war das Bild einiger sechzig viereckiger, flachgedeckter, in der Mehrzahl nicht eingefriedeter Häuser; nur an einer mit einigen seichten Wasserlachen bedeckten Schlucht, dem Rinnsale eines jetzt ausgetrockneten Bächleins, standen einige Bäume, deren fahles Laub den traurigen Anblick des Städtchens nicht zu heben vermochte. Die Oede desselben wurde noch durch die Stille des Ortes verschärft, kaum daß das Auge einem lebenden Wesen begegnete, denn die Mehrzahl der Häuser war unbewohnt.
Da wir hier einige Stunden auf den Postkarren warten mußten, nahm ich mit meinem Freunde, Herrn Michaelis, in dem Postgebäude Zuflucht. Es war zugleich der Sitz der politischen Behörde und des Polizei-Commissariats des Districts Philipolis. Denken wir uns ein kleines, etwa 14 Meter langes und 6 Meter breites Steinhäuschen, durch eine dünne Bretterwand in einen dem öffentlichen Dienste gewidmeten und Privatraum getheilt, von welchem letzterer nicht nur die Kanzlei der politischen Behörde (des Landdrostes), sondern zugleich das Amtslocale des Sheriffs (der Polizeibehörde) und des Postmeisters bildet. Ein mit einem Tuche behangener Tisch auf einem Podium, ein Stuhl dahinter, zwei Holzbänke und ein mit Latten abgesonderter, etwa einen Quadratmeter umfassender Raum vor demselben das ganze Meublement des ersterwähnten Raumes bildend, läßt uns dessen Bestimmung als Gerichts-, Sitzungs- und Wahlversammlungs-Saal des Districts errathen. Die Schilderung des Posthauses dürfte die geehrten Leser auch mit der Natur der Postkarren vertraut machen.[[1]]
[1] Der Postdienst ist in Süd-Afrika zumeist an Privatleute vergeben, welche gegen eine fixe Subvention die Verbindung zwischen den einzelnen Städten (ein- bis dreimal die Woche) herzustellen sich verpflichten.
[Fahrt in die Diamantenfelder.]
In dichter bewohnten Gegenden, wo der Posthalter auf Passagiere rechnen kann, sind diese Karren gedeckt und mit Polstersitzen versehen, wo er jedoch auf diesen Nebenverdienst verzichten muß, sind dieselben sehr primitiver Natur; ein roher, viereckiger, gelbangestrichener und auf zwei hohen Rädern ruhender Holzkasten. Die Wohlthat eines solchen Vehikels mußten wir nun durch drei Stunden rascher Fahrt genießen. Selbst auf einer glatten, asphaltirten Chaussee, bei herrlichem Wetter einer Folterstrafe zu vergleichen, war unsere Fahrt mit einem solchen Vehikel bei dem damaligen Zustande der Straße ein waghalsiges Beginnen. Wir kamen in Verlegenheit, für den Weg von Philipolis nach Fauresmith selbst in Mexico und anderen durch den erbärmlichen Zustand der Straßen bekannten Ländern eine Analogie zu finden. Dazu beliebte es dem Kutscher die Schnelligkeit seiner Pferde im günstigsten Lichte zu zeigen.
Es bedurfte des Aufwandes aller Kraft und Balancirkunst, um bei dieser tollen Fahrt über einen von hunderten von Rinnsalen und Felsadern durchsetzten, mit Blöcken und Wasserlöchern überreich bedeckten Weg (oft ist derselbe das natürliche Rinnsal des abfließenden Wassers einer größeren Fläche des Hochlandes) nicht vom harten Sitze herabgeschleudert zu werden und bei dem durch die Fahrt verursachten Getöse nicht unbemerkt in Verlust zu gerathen. Fälle, wo Kutscher und Passagiere lebensgefährliche Verletzungen davontragen, sind nicht selten.[[1]]
[1] So geschah es, daß vor wenigen Jahren in der Nähe von Cradock ein Postbote mit vier Pferden ertrank und in einer Schlucht zwischen Cradock und Grahamstown ein Anderer umwarf, wobei die meisten seiner Passagiere umkamen. In beiden Fällen hatten Regenfluthen und der schlechte Weg das Unheil verschuldet. Leider wird diesem Uebelstande noch für lange Zeit in vielen Theilen der südafrikanischen Colonie nicht abgeholfen werden, da man trotz der großen Opfer, die man schon gebracht, noch nicht so viel Capital verwenden konnte, um die langen Strecken gegen die Einflüsse der plötzlichen Regengüsse zu schützen. Es ist jedoch zu hoffen, daß der Eingeborne in Süd-Afrika sich mehr an die Arbeit gewöhnt, als es jetzt der Fall ist, und daß, wenn dann ausgiebige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, alle diese Arbeiten auch viel leichter und mit geringeren Kosten ausgeführt werden können.
Unsere Lage war noch dadurch erschwert, daß wir auch noch unser Gepäck ängstlich behüten mußten; da saßen wir drei auf einer ungefähr einen Meter langen und einen halben Meter breiten Fläche. Ein eisiger Wind wehte uns entgegen, so daß unsere Hände bald erstarrten. Zudem ging es langsam bergan und doch mußten die armen Thiere zum scharfen Trabe angehalten werden. Zum Ueberflusse fing es, als wenn sich Alles gegen uns verschworen hätte—eine Seltenheit in jenen Gegenden—zu schneien an. Wir hatten etwa zwei Drittel der Strecke in diesem eisigen Schneegestöber zurückgelegt, weiter, das fühlte ich, konnte diese Marterfahrt nicht ausgedehnt werden, denn Mensch und Thier waren der Erschöpfung nahe.
Lieblichste Musik däuchte uns in dieser Lage das Gebell eines Hundes, denn er bedeutete die Nähe einer Wohnstätte und Ruhe. Die elendeste Kaffernhütte wäre uns willkommen gewesen und mein Begleiter schwur, ein £ St. für ein Nachtlager, wenn auch nur in einer geräumigen Hundehütte, bieten zu wollen.
Wir waren auf das Freudigste überrascht, anstatt einer dürftigen Hütte die erleuchteten Fenster eines Farmhauses zu entdecken. Wir fanden eine überaus freundliche Aufnahme und, als wenn sich auch der Himmel mit uns aussöhnen wollte, ließ, bevor wir noch die Pferde ausgespannt hatten, das Gestöber etwas nach. Bald saßen wir am gastlichen Tische des holländischen Farmers und hatten alle ausgestandene Pein vergessen, so vollständig, daß ich, als wir nach einer Weile vor die Thüre tretend, um nach dem Wetter zu sehen, kreischende Vogelstimmen hörten, mich entschloß, mein Jagdglück zu versuchen. Der Himmel hatte sich etwas aufgeklärt und ließ das Licht des Mondes matt durchscheinen. Nach Südosten hing es noch dunkel; es war die Richtung des abziehenden Unwetters. Mir war schon, während wir bei Tische saßen, das hundertfache Vogelgeschrei aufgefallen und auf meine Anfrage antwortete mir mein freundlicher Wirth, daß es von »Det grote springhan Vogl« herrühre. Die Holländer nennen nämlich den grauen, südafrikanischen Kranich (C. Stanleyi), von welchem ich ein Exemplar dem Prager Stadtpark widmete, ob seines großen Nutzens, den er durch das Vertilgen der Wanderheuschrecken bringt, den großen Heuschreckenvogel; zum Unterschiede von einer anderen Art, welche sie den kleinen Heuschreckenvogel nennen, der in großen Schwärmen diesen Insecten folgt, während die südafrikanischen Kraniche ihre ständigen Quartiere nicht verlassen.
Langsam schlich ich mich an, allein ich machte die Erfahrung, daß diese Thiere sehr wachsam sind, denn die ganze Gesellschaft erhob sich kreischend in die Lüfte; da ich nicht in den ganzen Schwarm feuern wollte, zog ich mich wieder zurück. Später machte ich die Beobachtung, daß diese Vögel, so wie die Kronenkraniche (Balearia regulorum), auch Reiher und mehrere Storcharten, zur Nachtzeit stehende Gewässer aufsuchen und hier übernachten. Dieser Aufenthalt schützt sie vor den Nachstellungen der Hyänen, Schakale, Füchse, dem Hyänenhund (Canis pictus) und verschiedenen Katzenarten. Man findet oft große Heerden vermiedener Abarten dieser Stelzenvögel in den genannten Gewässern versammelt, bei Anbruch der Dunkelheit stellen sie sich in langen Zügen ein und erst bei Sonnenaufgang verlassen sie das schützende Versteck. Was mir besonders bei meinen häufigen nächtlichen Jagdausflügen zu den Salzseen und in der Nähe ähnlicher doch süßwasserhaltiger Gewässer in Süd-Afrika auffiel, war, daß sich die Vogelschaaren in den Gewässern nicht außer aller Gefahr hielten. Sie haben Wachen ausgestellt, welche sie von Zeit zu Zeit ablösen. Diese Wachen erheben etwa viertel- und halbstündlich ein kurzes Geschnatter, etwas ähnliches beobachtete ich auch im Transvaalstaate bei den gewöhnlichen und schwarzen Störchen, bei den grauen Fischreihern am Molapoflusse, bei den kleinen weißen Reiherarten in den Sümpfen des Limpopothales, bei dem Riesenreiher im Sibananie-Walde und den Purpurreihern und Sporngänsen im Zambesithale.
Nach einer beschwerlichen Fahrt von mehreren Stunden erreichten wir, nachdem wir die gastliche Farm verlassen, die Stadt Fauresmith. Sie zeigte den Charakter aller Städte des Freistaates; obschon sie kaum 80 Häuser zählte, dehnte sie sich doch über eine beträchtliche Fläche aus; die reinlich getünchten Häuser mit ihren flachen Dächern, aus den sie theilweise umgebenden Gärten hervorlugend, gewährten uns einen freundlichen Anblick. Fauresmith ist der Sitz eines Landdrosten und im Allgemeinen eine der bedeutenden Städte der Republik. Der gleichnamige District, dessen einzige Stadt eben Fauresmith ist und der zu den reichsten des ganzen Freistaates zählt, verdient weiters noch durch seine Pferdezucht und den nahe der Stadt gelegenen Diamanten-Fundort »Jagersfontein«, in dem der Abbau etwas rationell betrieben wird, besondere Erwähnung.[[1]]
[1] Siehe [Anhang 7].
Fauresmith, sowie die meisten südafrikanischen Städte, bieten viermal des Jahres, wenn die holländischen Farmer zur Andachtsübung und Erfüllung ihrer religiösen Pflichten (hauptsächlich um das heilige Abend- und Nachtmahl, wie es hier genannt wird, zu empfangen) und auch zur Besorgung ihrer En gros-Einkäufe und Abrechnung mit ihren Geschäftsfreunden nach der Stadt kommen, ein ungewöhnlich belebtes Bild, das zur gewohnten Stille und Einsamkeit einen grellen Contrast bildet. Eine Unzahl der bekannten südafrikanischen Riesenwägen durchzieht dann die Straßen und campirt theils in denselben, theils außerhalb der Stadt. Im Gefolge der Wagen fanden wir immer einige Reiter, theils Farmerssöhne, theils farbige Diener. Die bemittelteren der Farmer besitzen ihre eigenen Häuser in der Stadt und wo es die künstliche Bewässerung erlaubt auch ein Gärtchen dazu; die weniger wohlhabenden miethen sich von den letzteren für die Zeit ihres Aufenthaltes ein bis zwei Zimmer, oder wohnen—was jedoch nur die Aermsten thun—außerhalb der Stadt für die kurze Dauer ihres Besuches in ihren großen Wägen. Diese Besuche der holländischen Farmer sind für die dortigen Geschäftsleute heiß ersehnte Tage und erinnern in mancher Hinsicht an die europäischen Messen. Auch der Arzt findet in dieser Zeit eine vermehrte Beschäftigung, da die Farmer sehr oft bei allen nicht besonders gefährlichen Krankheiten mit ihrer Consultation bis zum Besuche der Stadt warten. Unter der nicht besonders zahlreichen Bevölkerung dieser Städte bilden die Prediger, der Landdrost, der Arzt, die Kaufleute und der Notar die Crême der Gesellschaft.
Ich erwähnte bereits, daß ich meine Reise nach Fauresmith mit den schönsten Hoffnungen und in gehobener Stimmung antrat. War ich doch hier dem ersehnten »Innern« viel näher als in Port Elizabeth, konnte ich doch über den Umfang und die Details meiner nöthigen Ausrüstung belehrt werden, endlich sollte ich hier die Gelegenheit finden, mir die Geldmittel zu meinen geplanten Reisen in das Innere zu verschaffen. Dies Alles war mir von dem Fauresmither Geschäftsmann so leicht, in solch' schönen Farben geschildert worden, daß ich es ja glauben mußte, und ich vertraute um so zuversichtlicher, als ich mich so alleinstehend, so fremd und weil mittellos, so verlassen in dem mir fremden Welttheile fühlte. Ein Ertrinkender faßt mit ganzer Kraft und Zuversicht nach dem schwächsten Zweige, der ihm erreichbar ist, von ihm erhofft er seine Rettung; wäre er am Ufer, er würde allerdings solche Hoffnungen thöricht schelten.
Enttäuschung ist wohl einer jener so oft im Leben wiederkehrenden, wenig angenehmen Momente, die den Menschen zum Sammeln aller seiner Kräfte und Fähigkeiten zwingen, wenn er nicht muthlos verzagen will. Dieser ungebetene Gast sprach aber bei mir so oft vor, daß er mich heute nicht mehr überraschen würde. Wir haben ihn gewiß alle ohne Ausnahme kennen gelernt, vielleicht bin ich jedoch häufiger mit ihm zusammengekommen, als Andere. Kannte ich ihn doch schon aus meiner frühen Jugend, aus den Anfängen meiner »Forschungsreisen« im Mittelgebirge und im Egerthale, aus meinen Universitätsstudien in Prag, aus dem Beginne und aus der Entwickelung meines Unternehmens.
Alle Hoffnungen, die ich auf den Aufenthalt in Fauresmith gesetzt hatte, zerrannen in wenigen Tagen; ich hatte wahrgenommen, daß ich auch dem, der mich zur Reise hierher bewogen, zur Last fiel; er kam mit seinem älteren Freunde, einem in Fauresmith wohnenden Arzte, meinethalben in Collision, schließlich siegten seine älteren Sympathien über die mir zugedachte Gewogenheit, doch gab er mir den wohlmeinenden Rath, die Diamantenfelder aufzusuchen, in welchen ich, wie er sich ausdrückte, am rechten Platze und der rechte Mann wäre. Mir blieb nichts übrig, als diesem »wohlmeinenden« Rathe zu folgen und so brach ich wieder auf. Ich hatte kaum die nöthigsten Kleider auf dem Leibe, meine Fußbekleidung war in Brüche gegangen und da meine Mittel nicht hinreichten, mir neue Kleider zu kaufen, mußte ich versuchen, sie creditirt zu erhalten. Dies gelang mir, und so zog ich weiter, mein Stolz verbot es mir, den Mann, der in Port Elizabeth den guten Willen gezeigt hatte, mir zu helfen, an sein Versprechen zu erinnern. Wie von Port Elizabeth nach Fauresmith, so war auch von Fauresmith nach den Diamantenfeldern Herr Hermann Michaelis mein guter Helfer. Für jene Strecke hatte er mir das nöthige Geld vorgestreckt, auf dieser nahm er mich als seinen Gast mit, da er eben auch nach den Diamantenfeldern gehen und sie besichtigen wollte. Wir fanden nun noch einen Reisegefährten in Herrn Rabinsvitz, dem Oberrabbiner für Süd-Afrika, der mir ein sehr freundliches Entgegenkommen bewies. So schied ich denn von Fauresmith, ohne Groll und muthig der Zukunft entgegenblickend. Dem Kaufherrn in Fauresmith sei hier für die gewährte Gastfreundschaft mein Dank ausgesprochen.
Die Gegend zwischen Fauresmith und den Diamantenfeldern ist recht eintönig. Nur die Strecke längs des Riet-River und im Thale des Modder-River, welches wir zu durchkreuzen hatten, bot eine etwas anziehendere Scenerie dar. Hier zeigte sich mir auch eine günstige Jagdgelegenheit, und ich benützte die wenigen freien Minuten während einer Ruhepause, nach eingenommenen Mahle, die nächste Umgebung zu durchstöbern. Der Riet-River floß in einem tiefen Bette als ein dünner Faden nach Nordwest, um sich mit dem Modder- (Sumpf-, Schlamm-) River zu verbinden. Wie in den meisten Flüssen Süd-Afrika's zur Trockenzeit (Winter) hatten sich auch hier mehrere die ganze Breite des Flußbettes einnehmende, bis drei Meter tiefe, fischreiche Tümpel gebildet.
Der großen Mannigfaltigkeit von Landschaftstypen entspricht auch eine große Mannigfaltigkeit von Thierformen, namentlich Vierfüßlern, und selbst in den zur Trockenzeit wüstenartig erscheinenden Gegenden bietet sich dem Zoologen wie dem Jäger ein reiches Arbeitsfeld. Diese Mannigfaltigkeit ist besonders bei den niederen Thierformen ausgeprägt, und ich fand schon in der Cap-Colonie viele Schmetterlings- und Käferarten oft auf kleine, durch zwei parallel laufende Flüsse begrenzte Striche beschränkt.
Mit einzelnen interessanten Arten von Federwild wurde ich eben jetzt in dem mit Trauerweiden (Salix babylonica) dicht bewachsenen Riet-Riverthale näher bekannt. Mein Jagdglück versuchend, war ich thalaufwärts vorgedrungen und wollte mich eben durch ein dichtes Gebüsch drängen, um eine bessere Rundschau über die Tümpel im Flußbette zu gewinnen, als ein wohl hundertstimmiges Geschrei und ein leises Rascheln in den überhängenden Zweigen mir die befiederte Gesellschaft verrieth. Zurücktretend, scheuchte ich die Thierchen vollends auf, welche mit lautem Gezwitscher in ein nahegelegenes Dorngebüsch einfielen. Es waren die zierlichen, beschopften und durch lange schmale Schwänzchen ausgezeichneten Wiriwa (Colius leucotis), von denen ich später noch zwei weitere Arten kennen lernte. Eines der Thiere hatte auf dem höchsten Zweige Posto gefaßt, wohl um den fremden Ruhestörer im Auge zu behalten, die übrigen hatten sich in das Innere des Busches zurückgezogen, so daß sie meinen Blicken vollends entzogen waren. Es sind sehr muntere Thiere, doch schwer in Gefangenschaft zu erhalten, die einzig lebenden fand ich in Grahamstown, wo sie ein Vogelliebhaber mit Finkenarten in einem großen Käfig gefangen hielt und sie mit Orangen ernährte.
Das Gros der Vogelwelt im Riet-Riverthale bildeten die Vertreter zweier Arten von Turteltauben, der eigentlichen südafrikanischen, bläulichgrauen Turtur und der Lachtaube, welchen wir bis zum Zambesi und darüber hinaus begegnen, Vögel, die jeder Thierfreund, wenn er sie in der Nähe beobachten kann, liebgewinnt. Ich hatte mir mehrere derselben, die ich im Fluge leicht angeschossen, jahrelang erhalten, und mir damit manche vergnügte Stunde verschafft. Schon um 3 Uhr Morgens ließen sich die Männchen mit ihrem Girren und dann mit ihrem Silbergelächter hören; und als sie so ihren Morgengruß den neben ihnen sitzenden Täubchen gespendet, da antworteten diese, allein so leise und zart, daß es wie aus der Ferne, doch äußerst melodisch und lieblich herüberklang. Leider fielen sie der Nachlässigkeit eines meiner schwarzen Diener zum Opfer.[[1]]
[1] Siehe [Anhang 8].
Auf der Ebene an den beiden Flußufern fand ich als das gewöhnlichste Wild Süd-Afrika's eine Zwergtrappenart, den Knurhahn, dessen Geschrei uns vom ersten bis zum letzten Tage, so lange wir in der Karroo im Freistaate[[1]] und Transvaalstaate reisen, begleitet und selbst einem minder geübten Schützen täglich gute Mahlzeiten sichert. Bemerkt diese Trappe den Jäger, so bewegt sie ihren Kopf neugierig nach allen Seiten, duckt sich plötzlich nieder und hebt sich mit lautem, kreischendem, weithin hörbarem Geschrei in die Lüfte, setzt ihren unbeholfenen Flug etwa bis 200 Meter fort, um langsam mit eingezogenen Flügeln und herunterhängenden Beinen sich wieder niederzulassen. Ihr Obergefieder ist schön braun melirt, das Gesicht, mit Ausnahme je eines weißen Streifens an den Wangen, Kehle und Unterleib schwarz, die Füße gelb. Ihr Verbreitungsbezirk endigt in den waldbedeckten, nördlicheren Gebieten Süd-Afrika's; gleich den vorhergehenden Repräsentanten der Vogelwelt ist auch sie nur sehr schwer in der Gefangenschaft zu erhalten.
[1] Es ist damit stets der Oranje-Freistaat gemeint.
[Hotel am Riet-River.]
Unser Weg führte uns nun weiter im Thale des Riet-Rivers über Coffeefontein, nächst Jagersfontein bei Fauresmith, die zweite Diamanten-Fundgrube des Freistaates, woselbst kleine aber schöne und weiße Brillanten gefunden werden. Spät am Abend des ersten Tages unserer Reise gelangten wir zu der Furth des genannten Flusses, die wir benützten, und übernachteten in einem am jenseitigen Ufer stehenden Hotel.
Der pompöse Ausdruck Hotel wird bei den geehrten Lesern leicht irrthümliche Vorstellungen erwecken. Die folgende Skizze wird am besten diesem Irrthume vorbeugen. Denken wir uns zwei mit Segeltuch überspannte Bretterhäuschen, die zugleich als Wohnstätte und als Geschäftslocal dienen, einige auf der Erde ausgebreitete Ziegen- und Schaffelle und wir haben ein Bild der äußeren und inneren Ausstattung des sogenannten Hotels. Ein ungemüthlicher Aufenthalt fürwahr, besonders da ein heftiger Wind, durch die Fugen eindringend, die in Fetzen herabhängenden Reste einer Stofftapete, deren Aussehen kaum mehr ihre Provenienz errathen ließ, in schwingende Bewegung versetzte und uns mit einem dichten Staubregen bedeckte; dazu eine empfindliche Kälte während der Nacht, die mich in Versuchung führte, die Tapetenlappen vollständig abzureißen und sie als Decke zu benützen.
An Schlaf war in dieser angenehmen Situation nicht zu denken, und so erhob ich mich zeitlich des Morgens, nahm ein Gewehr und schlich mich in's Freie, die Richtung nach dem nahen Flusse einschlagend. Kaum angelangt, hörte ich stromaufwärts das mir schon bekannte, weithintönende Geschrei der Kraniche; ein Zug kam den Fluß abwärts geflogen. Es war mir leid, auf eines der Thiere anzuschlagen, allein die Aussicht, einen schönen Balg zu gewinnen, den ich vielleicht in den mir Tags zuvor als nahe bezeichneten Diamantenfeldern präpariren konnte, besiegte alle Bedenken. Als die Schaar mir beinahe über dem Kopfe hinflog, sandte ich eine Schrotladung hinauf, die Thiere wichen rechts und links aus dem Zuge, nur einer schien mir zu schwanken, senkte sich, und im nächsten Augenblick fiel er an einer seichten Stelle todt in den Fluß herab. Da war auch schon der kalte Morgen vergessen, rasch entledigte ich mich der Stiefel und watete in den Fluß, um mir meine Beute zu holen.
Von einem Rudel heißhungriger Köter begleitet, die der Schuß aus dem Hotel und den nahen Hütten der Koranna's herbeigelockt, kehrte ich, die Jagdbeute hochhaltend, zum Hotel zurück. Nach beendetem Morgenimbiß—einigen auf Kohlen gerösteten Fleischstücken und Zwieback—brachen wir auf, froh, diesem wenig einladenden Hotel den Rücken gekehrt zu haben. Nachmittags hatten wir das Städtchen Jakobsdaal erreicht, das mit seinen 25 ärmlichen, über eine von der Hitze ausgetrockneten Ebene zerstreuten Häuschen ein trostloses Bild bot. Schon am folgenden Morgen verließen wir auch dieses letzte der Freistaat-Städtchen und erreichten nach mehrstündiger Fahrt die Central-Diamantenfelder. Je näher wir denselben kamen, desto trauriger wurde die Gegend, die Büsche schwanden zusehends, blos hie und da war an den niedrigen Höhen zu beiden Seiten des Weges etwas trockenes Gras zu erspähen. Ich muß eingestehen, daß mir der Tag, an dem ich die Diamantenfelder erblickte, unvergeßlich bleiben wird. Wir fuhren mit unserem vierspännigen Karren rasch die Höhen von Scholze's Farm herab; mein Gefährte wies auf eine, etwa zwei Stunden vor uns liegende kahle, nur im Osten in der Entfernung von bläulichem Gebirge begrenzte Ebene und bedeutete mir, daß sich unter dem auf ihr ruhenden, uns sichtbaren Dunstkreise meine neue Heimat befinde. Ein kalter Wind strich von den Höhen nach der Ebene hin und ließ uns in dem luftigen, hohen Karren, trotzdem, daß wir uns in unsere Mäntel gehüllt hatten, den südafrikanischen Winter recht unangenehm empfinden. So weit der Himmel reichte, hingen an ihm dichte, graue Wolken, welche die ohnehin trostlose und wenig anmuthende Landschaft noch trauriger erscheinen ließen. Unser Wagen rollte schnell nach dem gepriesenen Eldorado von Tausenden aus aller Herren Länder, welche der Reiz eines reich entlohnenden Erwerbszweiges angezogen. Je näher wir kamen, desto mehr sank mein Muth, einen so deprimirenden Eindruck übte die trostlose Gegend auf mich. Der graue Dunstkreis, den wir früher von der Höhe erblickt, war endlich erreicht und Gesicht und Geruch des Besuchers konnten ihn nur zu leicht analysiren. Es waren dies dichte Staubwolken, die der Westwind aus dem röthlich-gelben Sande, der den Boden auf der Ebene bedeckt, aufwirbelte, und der sich mit den losen Theilchen der überall zwischen den primitiven Wohnungen und um die Diamantengruben angehäuften kalkhaltigen Erdmassen mischend, die Atmosphäre erfüllten, so daß es keiner besonders erregten Phantasie bedurfte, um sich in das Wüthen eines Sandsturmes in der Sahara zu versetzen. Der Zeltstadt nahe gekommen, jagte uns der Sturmwind eine so dichte Staubwolke entgegen, daß wir uns vorsichtshalber, da wir auf 30 Schritt nicht sehen konnten, nur langsam vorwärts bewegen mußten. Bald waren Gesicht und Kleider grau incrustirt, kein Wunder, daß wir uns—wie alle Neulinge—in dieser Atmosphäre, bevor wir das Geschäftslocale des Fauresmither Kaufmannes (er hatte in einem der Fundorte eine Geschäftsfiliale), das noch etwa 1000 Schritt im »Camp« entfernt lag, erreicht hatten, sehr unwohl fühlten; selbst die Pferde schnaubten und schienen dem reichsten Minendistrict der Erde keinen Geschmack abgewinnen zu können. Die aus dem eisen- und kalkhaltigen Sande bestehende Wolkenmasse schien die beiden Ortschaften in den Diamantenfeldern Bultfontein und Dutoitspan förmlich zu bedecken und erfüllte bis zu einigen hundert Fuß Höhe die Luft, alles in ein undurchdringliches Dunkel hüllend. Hie und da erblickte ich, rechts und links von uns—so weit es eben die staubgeschwängerte Atmosphäre erlaubte, einfache runde und längliche Zelte, Zelthäuser und aus geripptem Eisenblech errichtete, doch geschlossene Verkaufslocale. Die Zeltstangen bogen sich unter der Gewalt des Sturmwindes, der so heftig an den Stricken zerrte, daß man jeden Augenblick befürchten mußte, die luftigen Behausungen im Sturmwinde verschwinden zu sehen. Von den Dächern der eisernen Häuschen halb losgelöste Blechplatten kreischten mit dem heulenden Sturme um die Wette und vervollständigten den entmuthigenden Anblick. Gewiß ein seltsamer Willkommengruß für den Ankömmling! Hie und da hatten sich die Pflöcke, mit denen die Zelte zur Erde gehalten werden, losgelöst oder die Oesen hatten sich ausgerissen und das halbe Zelt flatterte wie eine Fahne lustig im Winde, hie und da lugten einige dunkle Körper aus dem Hintergrunde des flatternden Zelthäuschens hervor, die sich bei näherer Besichtigung als auf der Erde liegende, schlafende oder ausruhende halbnackte Gestalten der in den Diamanten-Fundorten arbeitenden Eingebornen entpuppten.
III.
Die Diamantenfelder.
Leiden und Freuden in meiner ärztlichen Praxis.—Ein nächtlicher Ueberfall.—Dutoitspan und Kimberley.—Diggerverfahren.—Panorama der Kopje.—Morgenmarkt.—Meine erste Pavianjagd.—Vorbereitungen zur ersten Reise.
Es war nicht allein die trostlose Gegend, der höchst unfreundliche Anblick der Städte (Diamanten-Fundorte) und das rauhe stürmische Wetter, welches täglich in den verschiedensten, aber immer gleich unangenehmen Variationen uns seine Wuth fühlen ließ, was mich so niedergeschlagen machte. Meine Verhältnisse waren auch trostlose. Im Vertrauen auf die Versprechungen des Kaufmannes in Fauresmith hatte ich es versäumt, mir von Herrn Adler in Port Elizabeth Empfehlungsbriefe für die Diamantenfelder zu erbitten und meine Baarschaft war auf fünf Shillinge reducirt, ein Betrag, kaum hinreichend, um die Kosten einer Mahlzeit zu decken. Ich sollte hier entweder »diggen«, d.h. nach Diamanten graben, oder unter der aus aller Herren Ländern zusammengewürfelten, theilweise mehr als zweifelhaften Gesellschaft ärztliche Praxis ausüben, um meine Existenz fristen, sowie um mir die Mittel zur Weiterreise verschaffen zu können. Meine Lage war um so schlimmer, als ich weder der englischen, noch der holländischen Sprache mächtig war, die wenigen Redephrasen, die ich mir früher aneignen konnte, reichten kaum hin, um mich nothdürftig über die allereinfachsten Dinge zu verständigen, geschweige denn mit einem Kranken zu verkehren. Die Wahl zwischen dem »Diggen« und »Prakticiren« war bald entschieden, zu dem ersteren brauchte ich ein Capital—das ich nicht besaß—zum letzteren blos eine mitleidige Seele, welche mir auf einige Wochen ein Zelthäuschen und einige Möbelstücke lieh. Der Zufall war mir hold.
Ich hatte nämlich einen Brief in der Tasche, der mir als Empfehlungsbrief dienen, zugleich aber auch dem Adressaten mehr als ein solcher sein sollte. Dieser war nämlich kränklich und wollte, da er in den Diamantenfeldern keine Besserung erreichen konnte, nach Europa reisen, um hier von den Aerzten Heilung seiner Krankheit zu suchen. Glücklicherweise war dieser Mann der deutschen Sprache mächtig, und als ich ihm meinen Empfehlungsbrief übergab, aus welchem er entnahm, daß er einen Arzt vor sich habe, wollte er es noch mit mir versuchen, ehe er die beabsichtigte Fahrt nach Europa antrat, ein Entschluß, der angesichts der hohen Kosten einer solchen Reise dem praktisch angelegten und sparsamen Mann nicht schwer fiel. Es gelang mir denn auch, denselben in acht Tagen so weit herzustellen, daß er seine Reise definitiv aufgab, und sich meiner Behandlung vollends anvertraute. In dem Maße aber als mein Patient praktisch war, fehlte mir diese Tugend, ich unterließ es, meine Forderungen zu fixiren, und nahm mit Dank gleichsam als Abschlagszahlung für meine Dienste das an, was er mir bot. Er stellte mir nämlich ein altes, morsches Zelthäuschen zur Verfügung, lieh mir großmüthig 5 £ St., eine Gefälligkeit, um welche er von dem Kaufmanne in Fauresmith ersucht worden war, und einige der nothwendigsten, allein nichts weniger als comfortablen Möbelstücke. In meiner Lage sah ich jedoch all' dieses als eine sehr große Gefälligkeit an, und hatte meine herzliche Freude, den »Herrn Gönner« unter meinen Augen genesen zu sehen.
Dieses etwa 3½ Meter breite, ungefähr 3 Meter lange und 2 Meter hohe Zelthäuschen bestand aus Fichtenlatten, die mit einfacher Segelleinwand überzogen waren. Die Leinwand war durch Staub und Regen so morsch geworden, daß sie weder vor Wind noch vor den eindringenden Staubmassen schützte, die Latten knarrten bei jedem Windstoß und wäre nicht ein hölzernes Waarenhaus zur Seite gestanden, das dem Zelthause einigen Schutz verlieh, ich glaube die heftigen Südwinde, welche ihm oft eine völlig windschiefe Form gaben, hätten diese Ruine schon längst von der Erde gefegt. Auch der Zugang war recht bequem. Die Hütte stand nämlich knapp an der nach Kimberley (dem Hauptorte der Diamanten-Fundstätten) führenden Straße, und es kostete immer einen beherzten Sprung über den Straßengraben, wenn man den Eingang erreichen wollte. Die Thüre stellte ein beweglicher, mit Segeltuch überzogener Holzrahmen dar; um halbwegs sicher zu sein, stemmte ich Nachts von Innen eine Eisenstange vor, die ich in meinem »Grund und Boden«, den natürlichen Parquetten meines luftigen Palastes, gefunden. Statt des Fensters war eine bewegliche Leinwandklappe angebracht, welche bei dem geringsten Windstoße auf- und zuflog. Ein grüner Tuchlappen theilte den Innenraum in zwei Gemächer.
Das erste Gemach war mein Consultations-, mein Arbeitszimmer und die Apotheke; sein Meublement bestand aus einem alten, unangestrichenen Tische, zwei gleichen Stühlen und zwei Kisten, von welchen die eine zur Aufbewahrung meiner Medicamente, die zweite als Bücherschrank diente; war der Krankenbesuch zahlreich, und dies geschah, wenn eine ganze holländische Farmerfamilie mir in's Haus fiel, so stellten diese Kisten so etwas wie Fauteuils im Ordinationszimmer meiner etwas comfortabler eingerichteten europäischen Collegen vor. Die zweite und etwas kleinere Hälfte meines Zelthauses war meine Küche, meine Speisekammer und Schlafzimmer, sowie das für die Arbeiten meines Dieners bestimmte Local—Arbeiten, die ich mir vorderhand, bevor sich noch ergiebigere Einnahmen eingestellt hatten, nolens volens selbst verrichten mußte. Eine ähnliche splendide Ausstattung hatte mein Lager, auf welchem ich mich ohnehin meistens schlaflos vor Kälte zitternd, zusammenkauerte. Das eleganteste europäische Möbelstück war noch mein von der Reise arg hergenommenes Kofferchen.
Um die zu einer Reise in's Innere nöthigen Mittel möglichst bald zu erwerben und den Verpflichtungen, unter denen namentlich die Holitzer Sparcasse mit 300 fl., Herr Hermann Michaelis mit 16 £ St. etc. figurirten, gerecht zu werden, nahm ich mir vor, mich auf das Möglichste einzuschränken und so lebte ich auf Monate hin—als ich auch später eine Wohnung nehmen mußte, in der größten Einfachheit und Zurückgezogenheit; da mich die Theuerung in den Diamantenfeldern sehr erschreckte und mir der geringe Werth des Geldes—denn damals herrschten noch gute Zeiten in jenen Districten—auffiel, besorgte ich mir selbst die Küche. Sobald es dunkel geworden war und die Straßen menschenleer erschienen, besorgte ich meine Einkäufe und versah mich mit dem nöthigen Wasservorrath für den nächsten Tag, theilweise zur Herstellung der Arzneien, größtentheils aber, um allen gewöhnlichen Ansprüchen—und diese waren, wie sich leicht denken läßt, ziemlich mannigfaltige—zu genügen; mußte ich doch das Amt der Waschfrau und Köchin versehen—daß ich mein eigener Leibschneider war, brauche ich nicht weiter hervorzuheben.
Ich will die geehrten Leser nicht weiter in die Details meiner Wirthschaft einführen, sondern nur bemerken, daß ich all' dies sehr geheim halten mußte, da das Bekanntwerden dieser Details mir in meinem Ansehen als Arzt sehr geschadet hätte. Mit der Zeit hatte ich nach und nach eine ganz respectable Praxis erworben, deren Ertrag mich schon zu Beginn des Monats October 1872 (ich war am 26. August in den Diamantenfeldern angelangt) in den Stand setzte, meine Verpflichtungen in der Heimat zu tilgen.
Allmälich konnte ich mich auch aus meiner Zurückgezogenheit hervorwagen, mir eine kräftigere Kost gönnen, wenn auch meine Wohnung noch für lange hin ein Zelthäuschen verblieb, was wohl etwas unbequem war und manches Ungemach im Gefolge hatte, allein mir in meinem »öffentlichen« Auftreten zu jener Zeit keinen Abbruch that. Meine Praxis war mir dadurch bedeutend erleichtert worden, daß viele Deutsche, die von dem neu angekommenen, deutschsprechenden Arzte hörten, zu mir pilgerten. Damit war auch beiden Parteien geholfen, ich hatte aber noch den Vortheil, meine Kenntnisse in der holländischen Sprache in überraschend kurzer Zeit zu erweitern.
Zu der Zeit meines ersten Besuches waren die Diamanten-Fundorte noch nicht von allen den unreinen Elementen so gesäubert, wie es gegenwärtig der Fall ist; viele Abenteurer hatten sich da eingefunden und da die Engländer in dem erst kürzlich zuvor erworbenen Lande noch nicht alle Reformen durchzuführen Gelegenheit gehabt hatten, war die Sicherheit des Eigenthums und selbst des Lebens noch ziemlich problematisch. Den Uebelthätern konnte man aber um so weniger beikommen, als die meisten nach vollbrachter That das Weite suchten und in einer halben Stunde, von den Central-Diamantenfeldern (Dutoitspan, wo ich mich niedergelassen, bildet den östlichen Theil derselben) aus, den Oranje-Freistaat erreichten, wo sie vollständig geborgen waren, da die Regierung des Freistaates den Engländern noch immer ob der Annexion von West-Griqua-Land (d.h. eben der Diamantenfelder) grollte und sich deshalb auch nicht bemüssigt hielt, der englischen Polizei hilfreich die Hand zu bieten. Seitdem aber England die Ansprüche des Freistaates auf diese Provinz mit 90.000 £ entschädigte, haben sich diese Verhältnis selbstverständlich zum Besseren verändert. Unter jenen Abenteurern gab es viele, die sich darin getäuscht sahen, ohne jede Anstrengung in dem Diamanten-Eldorado Reichthümer zu erwerben, und da sie schwere Arbeit scheuten, bildete sich aus ihnen eine lichtscheue Bande, die auch unter der schwarzen Bevölkerung Rekruten und Helfershelfer fand. Gelang es nun auch, einen oder den anderen dieser Wegelagerer dingfest zu machen, so bot die nichts weniger als solide Bauart der Gefängnisse keine Sicherheit gegen Fluchtversuche; die Loslösung einer oder mehrerer Platten der Blechbedachung war keine schwierige Leistung, auf dem Camp gab es genug frei grasende Pferde, nichts leichter daher, als eine Flucht, die nach einem viertelstündigen scharfen Ritte in ein schützendes Asyl führte.
[Nächtlicher Ueberfall.]
Wie sehr Vorsicht im Umgange mit den Bewohnern der Diamantenfelder am Platze war, erfuhr ich leider selbst an einem im nahen (zwei englische Meilen entfernten) Kimberley wohnenden Landsmann, in dem ich einen Freund zu finden glaubte. Gleich vielen seiner Genossen hatte auch er gehofft, hier in kurzer Zeit Schätze zu sammeln, und war Digger geworden. So freundlich er sich mir aber im Verkehr zeigte, so hinterlistig und ehrlos manövrirte er hinter meinem Rücken und trieb länger denn zwei Jahre dieses Doppelspiel, bis mir Briefe aus der Heimat die Augen öffneten.
Es mag vielleicht unglaublich erscheinen, aber thatsächlich war Neid die Triebfeder seines ganzen Benehmens; er, der sich dazu ausersehen wähnte, Afrika als Vertreter Oesterreichs zu erforschen, suchte mich, seinen Nebenbuhler, zu verdächtigen.
Mit den Leistungen der vorerwähnten Strauchritterbande sollte ich früher als mir lieb war, bekanntwerden. Von einem Besuche in Kimberley eines Abends heimgekehrt, bemerkte ich, als ich eben mein primitives Lager aufsuchen wollte, daß die Zeltwand in der hinteren rechten Ecke gerade oberhalb der Stelle, wo mein Bettgestell stand, von oben bis unten zerschnitten war. Ich hielt sofort unter meinen Mobilien und Schätzen gründliche Nachschau, überzeugte mich aber, daß alles auf seinem Platze stand, woraus ich schloß, daß der freundliche Besucher, welcher in meiner Abwesenheit durch die Zeltwand hindurch bei mir vorsprechen wollte, an der Ausführung seines Vorhabens durch irgend einen Zufall gehindert worden war. Ich muß gestehen, daß ich diese Nacht nicht zu den angenehmsten zählen konnte, da ich sie im Dunkeln mit dem Revolver in der Hand durchwachen mußte. Bei reiflichem Nachdenken über den mir zugedachten Besuch hielt ich es für das Beste, meine Visiten nach Kimberley vorläufig einzustellen, um abzuwarten, ob sich derselbe nicht vielleicht wiederholen würde. Ich sollte darüber nicht lange im Zweifel bleiben; schon in der nächsten Nacht wurde ich darüber belehrt. Um den nächtlichen Besucher an meiner Wachsamkeit irre zu führen, hatte ich absichtlich den am Zelthäuschen verursachten Schaden nicht ausgebessert. Ich löschte rechtzeitig mein Lieht aus, warf mich mit meinem sechsläufigen Freunde auf meine Lagerstätte und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Es ist begreiflich, daß ich jedem, auch dem unbedeutendsten und leisesten Geräusche in der Nähe meiner luftigen Residenz meine volle Aufmerksamkeit schenkte. Als es in den Straßen stille geworden war, glaubte ich Jemanden sich meinem Zelte von rückwärts nähern zu hören, geräuschloser, als es ein Vorübergehender thun würde, und was mir auffiel, nach der Stelle zu, wo Nachts zuvor der Einbruch versucht worden war; ich erhob mich so sachte als möglich von meinem Lager, und da der Lehmboden meine Tritte dämpfte, war es mir möglich, dem von außen das Zelt Umgehenden Schritt für Schritt zu folgen, bis wir beide an der Thüre angelangt waren. Bald vernahm ich den Versuch, die Thüre aufzudrücken, ein Augenblick genügte, um die vorgeschobene Eisenstange geräuschlos zu beseitigen und so dem Ankommenden den Versuch, die Thüre zu öffnen, zu erleichtern. Im nächsten Augenblicke riß ich die Thüre auf und der Eindringling, der sich gegen dieselbe gestemmt, wäre fast in das Zelt hineingetaumelt. Den Strolch bei der Kehle fassen und ihm den Revolver an die Brust zu setzen, war das Werk eines Augenblickes. Nun sah ich bei dem schwachen Schimmer des halb von Wolken bedeckten Mondes, daß ich einen halbnackten Kaffer, der so schwarz wie ein Bewohner der Hölle war, gefaßt hatte. Der Eindringling war durch das plötzliche Nachgeben der Thüre und durch den Zusammenstoß, jedoch noch mehr durch die unsanfte Berührung seiner Kehle und den Anblick der Waffe derart verwirrt, daß er an keinen Widerstand dachte, kaum einige Worte, wahrscheinlich eine Entschuldigung, lallen konnte, und dann flehentlich bat, ihn freizulassen. Wir waren in dieser Weise über den Straßengraben in die Mitte der für ihn glücklicherweise menschenleeren Straße gekommen, ein Allarm hätte wohl den Kerl um sein süßes, schwarzes Dasein gebracht; ich schüttelte ihn weidlich durch, ließ meinen Revolver noch etwas vor seinen Augen verheißungsvoll blitzen und warf ihn dann in den Straßengraben zurück, aus dem er sich blizschnell aufraffte und eiligst die Flucht ergriff. Als ich am folgenden Tage meinen Patienten von dem nächtlichen Besuche erzählte, bedauerten sie allgemein, daß ich den Strolch nicht niedergeschossen hatte. Mein energisches und kluges Abwehren dieses Einbruchversuches hatte den gewünschten Erfolg, ich wurde später nicht weiter belästigt, und habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß dieses Diebsgelichter es scheut, einen mißglückten Versuch zu wiederholen.
Daß mein Heim nichts weniger als einbruchsicher war, ist damit wohl zur Evidenz erwiesen, daß es dem Regen und Winde freies Spiel ließ, habe ich bereits erwähnt; ich sollte aber noch erfahren, daß der ganze Bau sich der Elementargewalt des Windes gegenüber mehr als nachgiebig bewies. Bevor noch die Katastrophe mit meinem Zelte eintrat, die ich in Folgendem schildern will, sei es mir erlaubt, einer Episode aus meiner Praxis zu erwähnen. Eben mit einem Patienten beschäftigt, sah ich einen Fremden in meinen Ordinationssalon eintreten, und gedachte ihn zu ersuchen, noch einige Augenblicke sich auf der Straße zu gedulden, als ich an seiner Stimme einen meiner ersten Kunden erkannte. Es war ein Deutscher, Namens Oppermann, ein Mann, den ich an einer Lungenentzündung behandelt, und der durch einige Tage in Lebensgefahr geschwebt hatte. Während wir unter der gegenwärtigen Behandlung gewöhnliche, meist durch Verkühlung verursachte Fälle der Pneumonie (Lungenentzündung) in den gemäßigten Strichen des europäischen Continentes meist in kurzer Zeit gebessert und auch bald geheilt sehen, gehörten die Pneumonien in den Diamantenfeldern, namentlich als noch die Zelthäuschen und die Zelte überwogen und die Erkrankten gegen die Unbill des Wetters nicht den geringsten Schutz fanden, zu den gefährlichsten Krankheiten. Auch diesen meinen Klienten hatten dessen Freunde aufgegeben und erklärten mir, so oft ich ihn besuchte, daß alle meine Mühe vergebens sei, der Mann müsse doch sterben. Ich that dennoch mein Möglichstes, ihn gegen den eindringenden Staub und die Kälte zu schützen, denn daß mein Erfolg in diesem Falle für mich und die Zukunft meiner ärztlichen Praxis von größter Tragweite sein mußte, ist wohl selbstverständlich.
Zu einem Ausgange in die freie Luft hätte ich den Mann noch nicht fähig gehalten und war daher überrascht und erstaunt, ihn bei mir zu sehen. Ohne auf meine Widerrede zu achten, bestand er, der hier in den Diamantenfeldern Schiffbruch an seiner ganzen Habe gelitten, darauf, mich für meine Mühewaltung zu entschädigen, und schloß seine Ansprache mit den Worten: »Nun, Doctor, nur noch einige Worte: Sie wissen wohl selbst, daß Sie mir das Leben gerettet haben, und da ich Ihnen wirklich mit dem kleinen Geldbetrage nie meine Dankbarkeit hinreichend darthun kann, erlaube ich mir, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn Sie mich als Begleiter auf Ihren Reisen brauchen könnten; ich werde gewiß Alles thun, um mir Ihre Zufriedenheit zu erringen.« So hatte ich meinen ersten Begleiter auf meine Reisen in das Innere gewonnen.
Und nun zum seligen Ende meines Zelthäuschens. Von einem Krankenbesuche zurückkehrend, war ich nicht wenig erstaunt, trotz alles Suchens mein afrikanisches Heim nicht mehr wiederzufinden; verblüfft blieb ich stehen, sah mich nach allen Seiten um, die Staffage war dieselbe geblieben wie immer, von einem Zelte aber keine Spur; während ich jedoch noch darüber nachgrübelte, was da vorgefallen sein mochte, trat einer meiner nächsten Nachbarn, ein Kaufmann, an mich heran und sagte lächelnd: »Sie suchen wohl Ihr Haus, der Wind hat es weggeblasen; sehen Sie, dort liegt es.« Und damit wies er auf einen etwa 150 Schritte weiter liegenden Haufen von Leinwandstücken, zwischen denen einige meiner Karten lustig im Winde flatterten. Ehe ich mich noch recht besinnen konnte, führte mich der Kaufmann zu den Ruinen und dann in sein Verkaufslocale und zeigte mir in einer Kiste die Ueberreste meiner Habe, die er freundlichst gerettet hatte. Mir blieb keine lange Zeit zum Nachdenken übrig, nachdem ich noch Manches aus den Trümmern gerettet, was dem Kaufmann vielleicht überflüssiger Ballast scheinen mochte, beeilte ich mich, da der Abend bereits angebrochen war, ein neues Zelt zu suchen. Nach langem Suchen und Fragen war ich so glücklich, dem Magistratsgebäude gerade gegenüber ein kleines Zelthäuschen vermiethet zu erhalten. Dasselbe war von gleicher Beschaffenheit wie das eben vom Wirbelwinde dagegen nicht so sehr vom Wind und Regen mitgenommen, auch befand es sich in der Reihe der übrigen Segeltuch- und Eisenhäuschen, welche die Hauptstraße von Dutoitspan bildeten, und war dadurch vor der Wuth des Sturmwindes etwas geschützt. Als Miethe mußte ich monatlich 3½ £. St. bezahlen, und da der Besitzer desselben die Wissenschaft der Hauseigenthümer gründlich studirt hatte, wurde mir diese Miethe im Laufe eines Jahres auf 5 £. St. erhöht.
Ich hatte mich bald davon überzeugt, daß ich mit meiner neuen Acquisition aus dem Regen in die Traufe gekommen war. Während der heißen Jahreszeit mußte ich stets im Innern meines Hauses den Schirm aufgespannt erhalten, um mich der durchdringenden Sonnengluth zu erwehren, bei Regenwetter war ohne Schirm noch weit weniger zu bestehen, denn das Wasser rann in feinen Fäden herab, dazu war der Raum so beschränkt, daß ich namentlich bei meinen Kochversuchen in die ärgsten Verlegenheiten gerieth.
Die Situation wurde aber eine in hohem Grade komische, wenn mich meine Patienten consultirten, denn dann wurde ihnen das Vergnügen zu Theil, den Schirm über uns beide emporzuhalten; glücklicherweise nahmen es dieselben nicht so genau, waren an die rauhe Witterung und das rauhe Leben in den Diamantenfeldern gewöhnt und so konnte ich auf Entschuldigung der vielfachen Gebrechen meines Empfangssalons rechnen. Eine der unangenehmsten Seiten meiner, sowie aller der Wohnungen mit ungedielten Fußböden war, daß sie von allem möglichen Ungeziefer strotzten. Mir wurde dieses in meiner neuen Wohnung zu einer wahren Tortur und erst als ich sie nach etwa zehn Monaten mit einer anderen vertauscht hatte, welche von dem Straßengetümmel abseits lag, fühlte ich, was ich in der Mainstraße ausgestanden und war um eine Centnerlast erleichtert.
Das ganze Arsenal von Vertilgungsmitteln, das mir zu Gebote stand, Pulver, Carbolsäure, brachte nicht die mindeste Besserung zu Stande; ergötzlich waren oft die Scenen, die sich unwillkürlich bei dieser Sachlage während meiner ärztlichen Ordinationsstunden abspielten. Da eines Tages wurde ich mitten in der Berathung mit den Worten unterbrochen: »Please pardon, my Doctor, but you have a large flea sitting on your left cheek.« Ja, mein aufmerksamer Patient ging noch so weit, daß er, über diese Landplage der Diamantenfelder losziehend, den Unverschämten von meiner Wange entfernte. Doch damit waren die nächtlichen Ruhestörungen nicht erschöpft, es gehörte nicht zu den außerordentlichsten Seltenheiten, des Morgens sich von einigen Kröten angestaunt zu sehen, oder gar durch ein eigenthümliches Rascheln am Boden aus dem Schlafe gerissen zu werden, und mit dem Licht in der Hand im tiefen Negligé sich plötzlich entsetzt einer Cobra capella gegenüber zu finden, die hochaufgerichtet, mit breit aufgeblähtem Halse den Zelt-Insassen laut anzischte. Gewiß eine erfreuliche Bescheerung!
Werfen wir nun einen Blick in das Straßenleben der Diamantenfelder-Städte. Es ist Mittag, die belebteste Stunde; von allen Seiten strömen die durch den grauen Staub der Diamantengruben fast zur Unkenntlichkeit entstellten Digger von der Arbeitsstätte nach ihren Wohnungen, um hier für kurze Zeit Ruhe und Erholung zu suchen. Diese Digger (Diamantengräber) sind—dies verräth ihr ganzes Benehmen und Auftreten—theils selbstständige Besitzer kleiner Claims (Gruben), welche die Arbeit in diesen selbst beaufsichtigen, oder Aufseher (Overseer), welche im Dienste einer Gesellschaft oder eines reichen Claimbesitzers stehen.
Ein Troß von Eingebornen aller Farben-Nuancen, bald schreiend und lärmend oder sogar tanzend, bald stille wie eine gedrillte Truppe, folgt den Diggern, ihren Herren; die verschiedenen Hautschattirungen verschwinden für den flüchtigen Blick unter der monotonen grauen Staubkruste, die alle gleichmäßig bedeckt, nur das äußere Costüm läßt hie und da auf die innern Neigungen des Einzelnen schließen.
In das Gewühl der bunten Menge von Passanten mischt sich ein Troß von Fuhrwerken aller Art, hier zwei- und mehrspännige, zweirädrige Scotchkarren mit der diamantenhältigen Grubenerde beladen, dort die von 8-10 Ochsenpaaren gezogenen Ungeheuer von Capwägen—alle diese Vehikel, zwischen welchen die leichten zweirädrigen Kaleschkarren mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit sich durchwinden, bilden oft einen dichten Knäuel, dessen Entwirrung kaum möglich scheint. In das Gejohle der Grubenarbeiter mischen sich dann die gegenseitigen höflichen Complimente der Fuhrleute in allen europäischen und südafrikanischen Sprachen.
Dieses rege Leben erklärt sich aber nicht nur aus der Natur und dem leitenden Motiv der Beschäftigung in den Diamantenfeldern, sondern auch aus der Zahl der Beschäftigten. In den auf einer verhältnißmäßig engbegrenzten Fläche sich ausbreitenden vier wichtigsten Fundorten Kimberley, Old de Beers, Dutoitspan und Bultfontein finden außer den häuslich und in Waarengeschäften bediensteten Eingebornen sechs- bis zwanzigtausend Schwarze, Hottentotten, Griqua, Koranna, Betschuana und Zulu lohnende und dauernde Beschäftigung.
Verlassen wir nun die Straßen der luftigen Zelt- und Eisenstadt und folgen wir den nach den Gruben zurückkehrenden Diggern und ihrem schwarzen Arbeiterheere, es erwartet uns ein für den ersten Augenblick sinnverwirrender Anblick. Bevor wir uns jedoch mit dem bunten, aufregenden Treiben in den Diamanten-Fundstätten vertraut machen, sei es mir erlaubt, in Kürze eine geographisch-historische Skizze der Diamantenfelder zu entwerfen.
Die Diamantenfelder Süd-Afrika's liegen zum überwiegenden Theile in der englischen Provinz Griqualand-West,[[1]] ein Landstrich, der mit der Entdeckung seiner unterirdischen Schätze zum Zankapfel aller eingebornen Fürsten wurde. Der Griquakönig Waterboer, die Batlapinenhäuptlinge Jantje und Gassibone, sie alle stritten sieh um den Alleinbesitz, obschon jeder von ihnen nur einen Theil des Gebietes sein Eigen nannte; Waterboer besaß die Hauptmasse des Landes, zu beiden Seiten des unteren Vaal- und Modder-Rivers, Jantje den nördlichen Theil an der Hart-Rivermündung, Gassibone den nordöstlichen zwischen dem Vaal- und Hart-River und die Koranna das Thal des Vaalflusses von Fourteen stream bis zur Einmündung des Hart-Rivers.
[1] Die gegenwärtige Provinz Griqualand-West ist in drei Districte getheilt; einen nördlichen, am mittleren Vaal und am unteren Hart-River, das frühere Gebiet der westlichen Koranna's und jenes des Batlapinenfürsten Jantje in sich begreifend und »the Division of Barkly« (zu Ehren des früheren Gouverneurs der Cap-Colonie Sir Henry Barkly) genannt, einen mittleren District am linken Vaalufer zwischen dem südwestlichen und dem obengenannten gelegen, »the Division of Kimberley« (zu Ehren des gewesenen englischen Colonial-Ministers) genannt und einen südwestlichen an der Vereinigung des Vaal- und Oranje-Rivers gelegen »the Division of Hay« (zu Ehren des Generals gleichen Namens). Dieser war Waterboer's Stammland. Sein Hauptort, in welchen die Hauptmacht der westlichen Griqua's concentrirt ist, hieß früher Griqua-Town, nun Hay; in der mittleren Provinz ist Kimberley (früher New-Rush genannt) und im nördlichen Districte ist Barkly, früher Klipdrift, am rechten Vaalufer, der Berliner Missionsstation Pniel gegenüberliegend, der Hauptort. Im Süden bildet der Oranjefluß die Grenze gegen die Cap-Colonie, im Osten verläuft die Grenze zwischen der Provinz und dem Oranje-Freistaat nach einer von Colonel Warren und einer Freistaat-Commission bestimmten Linie, welche in ihrer nördlichen Fortsetzung die Provinz von der Transvaalprovinz (dem früheren Gebiete Gassibone's) trennt, nach Westen ist die Grenze noch nicht festgestellt—tief in's Kalahari-Bushveldt greifend—und nach Norden zu wurde die früher gezogene Scheidelinie durch den Krieg mit den Botlaros bis zu den südlichsten Viehposten der westlichen Barolongen vorgeschoben. Früher wurde dieser Landstrich von der Cap-Colonie aus verwaltet, seit den letzten sieben Jahren hat die Provinz ihre eigene Regierung, einen Gouverneur, dem ein »executive Council« zur Seite steht.
[Platz in Dutoitspan.]
Die Auffindung der ersten »Kieselsteine«, wie die Diamanten anfänglich von den Boers spöttisch genannt wurden, erregte in ihnen allen die Ländergier und als später die Annexion der Diamantenfelder durch die Engländer eine erbitterte Streitfrage zwischen diesen und der Regierung des Oranje-Freistaates hervorrief, hielten sich beide Theile als die allein berechtigten Besitzer kraft der ihnen von den vorerwähnten Eingebornenfürsten eingeräumten Concessionen.
Wie überall mußte auch hier nach kurzem Besitze der schwächere Theil, der Oranje-Freistaat, aus dem Felde weichen; er erklärte sich dennoch für den allein rechtmäßigen Besitzer, und alle Versuche Englands, zwischen der neuen Provinz und der Republik, die, civilisirten Grenzstaaten zum gemeinschaftlichen Wohle gereichenden Gesetze anerkannt zu sehen, blieben fruchtlos, bis das mächtige England, ob als »großmüthiger« Nachbar oder dem »Gerechtigkeitsgefühl« folgend, jedweden Anspruch des Freistaates auf den Landstrich Griqualand-West mit 90.000 £ St. ablöste, und sich nebenbei verpflichtete, weitere 15.000 £ St. zum Ausbau einer Bahn beizusteuern, welche den Anschluß des Freistaates an eine der Eisenbahnen in der östlichen Cap-Colonie herstellen sollte.
Die gesammten Diamantenfelder, sowie die Diamanten-Fundorte im engeren Sinne des Wortes lassen sich in drei Districte eintheilen. Die ältesten sind die am Vaalflusse, von dem Transvaal-Städtchen Bloemhof bis zur Vereinigung des Hart- und Vaalflusses sich erstreckenden »River (Fluß) Diggings«; ihnen folgen die in der Division Kimberley im engsten Umkreise um diese Stadt gelegenen »Dry-Diggings« (so genannt, weil man früher hier die Diamanten ohne die Erde zu waschen durch Sieben und Sortiren der diamanthaltigen Erde auf trockenem Wege gewann) und endlich die außerhalb der englischen Colonie Griqualand-West im Oranje-Freistaate gelegenen Fundorte bei Sagers- und Coffeefontein als dritten District.
Die Niederlassungen der »River-Diggings« wuchsen—wie es leicht begreiflich und wie wir es ähnlich in Californien beobachten können—wie aus der Erde empor. Das der Missionsstation Pniel gegenüberliegende Klipdrift, welches sich ungemein rasch entwickelte, wurde der Hauptort dieser Diamanten-Fundorte, ja zu ihrem Centralpunkte; seit den letzten neun Jahren hat Kimberley (das früher New-Rush hieß) ihm diesen Vorrang abgerungen.
Im Thale des Vaalflusses, wo vor der Entdeckung der »wasserhellen Steinchen« nur der eitle und müßige Koranna sein Dasein zu verträumen gewohnt war, reihten sich schon ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Entdeckung ganze Colonnen von luftigen Zelten aneinander. Ganz Süd-Afrika schien wie vom Fieber befallen, Jung und Alt, Gesunde und Kranke, Lords und Diener, Landleute und Städter, entlaufene Matrosen und Soldaten, Boers mit ihren ganzen Familien wanderten nach dem gepriesenen und gelobten Lande. In überraschend kurzer Zeit verwandelten sich diese Zeltlager in Städte von drei- bis fünftausend Einwohnern, denn nach Bekanntwerden der aufregenden Nachrichten aus Süd-Afrika, namentlich seitdem der »Stern von Süd-Afrika«, ein 83½ Karat schwerer, wasserheller Diamant gefunden war, brachte jeder Dampfer aus Europa hunderte und wieder hunderte von Glücksjägern aus aller Herren Länder.
So entstanden neben Klipdrift die Städte Hebron, River-Town, Gong-Gong, Blue-Jacket, New-Kierks-Rush, Delpoortshope, Waldecks-Plant und andere. Doch ihr Wachsthum, ihre Blüthezeit, war ebenso schnell verflossen, als es begonnen, denn kaum war die Nachricht von der Entdeckung der Diamanten auf der Ebene der Farm Dutoitspan unter den River-Diggers am Vaalflusse verbreitet, und die Fama ließ die Diamanten hier in Massen auf der Erdoberfläche zu Tage treten, als Alles diese Orte verließ und nach den viel reicheren Dry-Diggings eilte.
Groß war die Zahl derer, die, durch das Glück begünstigt, sich in kurzer Frist Vermögen erwarben, groß aber auch die Zahl jener, welche es ebenso schnell entschwinden sahen und weitaus die Mehrzahl verkamen hier, denn die Fundstätten waren sehr bald Lasterhöhlen jeglicher Art.
Im Vaalflusse werden die Diamanten in dem angeschwemmten Geröll (Partien im Flußbette wie im Thale oder im Geröll an den höheren Thalpartien) gefunden. Dieses Geröll besteht aus Grünsteinblöcken, welche schöne mandelartige Chalcedons und Achate, bald bis faustgroß und milchquarzartig, bald rosa- oder carminroth und zahlreich und klein, bald bläuliche und gelbliche, kleine und größere einschließen, und welches Gestein als »Vaalgestein« namentlich die Strecken von Bloemhof bis Hebron bedeckt, ferner aus Bruchstücken der die Gegend von Hebron bis zur Hart-River-Mündung, doch auch die meisten Höhen in der östlichen Cap-Colonie, dem Oranje-Freistaat und Griqualand-West charakterisirenden Trap-Dykes, aus ausgewaschenen mannigfarbigen größeren und kleineren Achatstücken, Milchquarz- und Thonschieferfragmenten, titaneisenhaltigem Sand und zahlreichen, früher für Rubin und Granaten gehaltenen Pyropen (letztere in kleinen, Hirse- bis Maiskorn großen Stückchen vorhanden), auch Bruchstücke des die Gegend zu beiden Seiten des Vaalflusses, doch nicht im unmittelbaren Thale, bedeckenden Kalkgesteins, in dem ich jedoch keine Fossilien nachweisen konnte.
Die Diamantengräber holten das diamantenhaltige Gerölle aus den ihnen von der Behörde oder nach Uebereinkunft abgesteckten Gruben »Claims«, fuhren bis zum Flusse herab, um es durch Sieben von den gröberen Steinstücken zu befreien, und dann in einfachen, 2-4 Fuß lange, 1-1½ Fuß breite Wiegen »Craddles« zu waschen, worauf dann im feinen und von dem Lehmgrund befreiten Rückstand nach den Brillanten gesucht wurde. Man fand kleine Steine, selten einen größeren, doch die meisten waren schöne, weiße und reine, sogenannte Glassteine, so daß man seither die schönsten und werthvollsten der in den beiden anderen Diamanten-Districten vorgefundenen Brillanten als »wahre River-(Fluß-)Stones« bezeichnet.
Von den genannten Städten und Städtchen der River-Diggings hat sich nur Klipdrift als der Sitz der Obrigkeit und kleine unbedeutende Handelsstation—das jedoch als solche Hoffnung hat, wieder zu gewinnen—als nennenswerth erhalten, mehrere massive, zur Zeit seiner Blüthe aufgeführte Gebäude weisen noch auf seine frühere Bedeutung hin.
Der zweite und bis jetzt der wichtigste Diamanten-District ist der von mir »The Central-Diggings« oder früher die Dry-Diggings benannte; es ist Kimberley mit seiner Umgebung aus vier Fundorten in zwei Gruppen bestehend, die nordwestliche Gruppe, die Kimberley und das damit an seiner Ostseite zusammenhängende Old de Beers, und die östliche, welche Dutoitspan und das sich südlich und westlich daran schließende Bultfontein in sich begreift. Die letztere Gruppe liegt von Kimberley zwei, von Old de Beers etwas über eine englische Meile, und Kimberley selbst circa 22 englische Meilen von dem oberwähnten Klipdrift in südöstlicher Richtung entfernt. Der wichtigste der vier genannten Diamanten-Fundorte ist Kimberley; hier werden die meisten Diamanten in allen Qualitäten, sowie reiner Krystallbildung gefunden, Dutoitspan ist durch seine zahlreichen großen, hell und bis in's weingelbe spielenden gelblichen und Bultfontein durch seine kleinen, aber schönen den Riverstones ebenbürtigen Brillanten bekannt.
Diese vier, die Central-Diggings bildenden Niederlassungen stellen aus Segelleinwand, aus Brettern, aus galvanisirtem Eisenblech, auch (in der Minderzahl) aus gebrannten und ungebrannten Backsteinen und einige wenige aus Trapdykes (Gebirgsformation) errichtete Städte dar, in deren Mitte sich Krater und muldenförmige Vertiefungen befinden—die jeweiligen Diamantengruben. Diese Niederlassungen liegen auf einer schon von Osten und Süden in einer Entfernung von etwa neun englischen Meilen von Höhenzügen begrenzten und durch eine unmerkliche Bodenerhöhung in zwei Abschnitte gesonderten Ebene. Diese steinige Erhebung »the rise« scheidet auch die beiden oberwähnten Gruppen von einander.
Die Diamantengruben haben 45-200 Fuß Tiefe, 200-760 Schritte im Durchmesser; sie heißen »Diggings« oder »Kopjes« und jede ist in eine Anzahl Quadrate oder Parallelogramme, 10 Fuß breit und 30 Fuß lang, oder 30 Fuß lang und 30 Fuß breit (dies war die ursprüngliche übliche Größe derselben) in »Claims« eingeteilt. Ein Digger (Gräber) kann einen oder mehr, bis zu 20 solcher Claims besitzen, allein er muß sie bearbeiten und monatlich eine gewisse, in der Regel 20 fl. übersteigende Grund- und Wassersteuer (für das Herauspumpen des Wassers) an die Regierung und den Mining-Board (ein Ausschuß von Diamantengräbern, der über die Interessen derselben wacht) entrichten; in Dutoitspan und Bultfontein gesellt sich hierzu noch die Abgabe an den Proprietär, d.h. die Eigenthümer der Farmen, während in der anderen Gruppe Kimberley und Old de Beers die Regierung dieses Eigenthumsrecht von der Firma Ebden & Co. erstanden hat.
Ich halte diese Gruben für Oeffnungen von Schlammkratern, glaube aber nicht, daß diese vier Diggings sich von einem gemeinschaftlichen Kraterkanale abzweigen, nur die in Old de Beers und Kimberley zu Tage geförderten Steine zeigen eine gewisse Aehnlichkeit und geben der Vermuthung Raum, daß diese beiden Diggings unterirdisch communicirende Kraterbecken sind. Was die River-Diggings anbetrifft, so glaube ich, daß irgendwo in der Nähe des Flußbettes oder vielleicht an seinem Rande, doch oberhalb Bloemhof, sich eine oder mehrere Kratermündungen befanden.
[Die Kimberley-Kopje im Jahre 1871.]
Die Jahre 1870 und 1871 waren die Glanzperiode der Diamanten-Diggings, waren jene Zeit, wo es vorgekommen ist, daß sich zuweilen ein übermüthiger Digger mit einer Fünfpfund-Note seine kurze thönerne Tabakspfeife anzündete, und wo es einem ärztlichen Gehilfen möglich war, 1100 £ in sieben Monaten zu verdienen. Man kann nicht sagen, daß die Ausbeute gegenwärtig geringer sei, allein die Steine sind seit 1871 stetig im Werthe gesunken, und so werden die Einnahmen die gleichen geblieben sein; dagegen haben sich die Auslagen mehr denn verzehnfacht und trotz des Sinkens der Preise hat sich der Werth der Gruben bedeutend erhöht. Bei der Entdeckung der Kimberley-Kopje konnte man für 10 £ einen Voll-Claim von 900 Quadrat-Fuß Fläche erlangen, freilich hatte man die bloße Oberfläche der Kopje vor sich, gegenwärtig ist man bis 200 Fuß tief gegangen und der Werth mancher der reicheren Gruben ist 12- bis 15.000 £ Sterling. Diese Thatsache beweist zur Genüge, daß sich die Verhältnisse in den Diamantenfeldern nicht so verschlechtert haben, als man es vielleicht erwartet hätte, weil, wie an ähnlichen stabilen Goldgruben, das zügellose, gierige Rennen und Jagen nach plötzlichem Reichthum einem besonnenen und erfolgreichen Streben nach Erwerb Raum gemacht hat.
Man erkennt dies an Allem und überall. Die Regierungsorgane handhaben mit Strenge und Unparteilichkeit die Gesetze, die socialen Verhältnisse haben sich gebessert. Ein flüchtiger Blick auf die Wohnhäuser belehrt uns darüber. An Stelle der windschiefen, jeden Augenblick dem Zusammensturz nahen Bretterbuden und Hartebeest-Häuschen, nothdürftig aus einigen mit Schilfrohr belegten, mit rother Thonerde und eisenhaltigem Sand angeworfenen Pfählen bestehend, finden wir jetzt solide Eisen- und Ziegelhäuser erbaut, deren innere Einrichtung den verfeinerten Bedürfnissen ihrer Bewohner entspricht, während die früheren Hausgeräthe des Diamantengräbers von ehemals sich kaum noch in einer Rumpelkammer vorfinden oder höchstens als Curiosität auf den »Morning Market« erscheinen dürften; die Zelte, die häufigste Behausung des Diggers in früheren Jahren, werden jetzt zu 95 Percent nur noch von den schwarzen, gemietheten Grubenarbeitern bewohnt.
Wie ich schon erwähnt, haben sich die Verhältnisse im Allgemeinen, sowohl jene für die Sicherheit der Person und des Eigenthums, als auch die gesellschaftlichen und endlich die Beziehungen zu anderen Staaten bedeutend und wesentlich zum Vortheile der Colonisten gebessert. Es besteht jetzt dort, wo früher ziemliche Willkür herrschte, wo man sich nicht viel um behördliche Verfügungen und Anordnungen gekümmert und die wenigen bestehenden respectirt hatte, eine feste, zielbewußte Regierung. Ihre Aufgabe ist keine leichte; denn auf der kleinen Fläche, welche die Central-Diggings bedecken, sind die verschiedensten Elemente, Vertreter aller Eingebornenstämme Süd-Afrika's zusammengewürfelt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse gleichen jenen in einem civilisirten Staate, trotzdem daß hier die Eingebornenfrage Schwierigkeiten bereitet, die ein europäischer Staat nicht kennt und alle Industrie-Erzeugnisse, deren sich die Civilisation nicht entschlagen kann, hunderte von Meilen weit hergeschafft werden müssen.
Im Laufe der Jahre nahm der Betrieb des Diamantensuchens immer complicirtere Formen an; in den Jahren 1870 und 1871 schafften die Digger die Erde aus den in Parzellen getheilten Gruben mit Hilfe der als Arbeiter verwendeten Eingebornen, meist Kaffern, Hottentotten und Betschuanen heraus, ein oben am Rande der Grube in die Erde eingelassener Pfahl, an welchen eine Holz- oder Eisenrolle befestigt war, womit der diamantenhaltige Grund in Eimern mit den Händen herausgezogen wurde, war der ganze Apparat und galt für Gruben mit senkrechter Wand; da, wo sie mehr oder weniger geneigt, oder wo man etwa 100 Schritte weit her, über andere Arbeitende hin den Grund herausheben mußte, schlug man unten in der Grube einen, oben drei Pfähle ein, zwischen zweien bewegte sich ein Holzcylinder von 2-3 Fuß Durchmesser oder ein großes Rad; ein oder zwei Eingeborne setzten dieses auf beiden Seiten mit Drehkurbeln in Bewegung, so daß sich an demselben das Seil »ab-« und von demselben »aufrollte«, und die mit Grund gefüllten oder leer nach abwärts laufenden Eimer befördert wurden. Von dem dritten Pfahle lief ein Hanfstrick, ein starker Eisendraht oder ein schwaches Drahtseil zu dem in der Grube eingeschlagenen Pfahle und an diesem bewegten sich zwei eiserne mit einer Rinne versehene Stäbchen, welche ein mit einem Haken zur Aufnahme des Eimers versehenes Eisengestell trugen. Später als die Gruben etwas tiefer wurden und namentlich die Digger ihren Besitz auf mehrere Claims erweiternd, größere Mengen der diamantenhaltigen Erde, und weil sie mit größeren Kosten arbeiteten, auch in kürzerer Zeit herausholen wollten, wandte man zur Erleichterung dieser Arbeit hölzerne Fördermaschinen an, welche mittelst Pferdekraft in Bewegung gesetzt wurden. Von diesen sind gegenwärtig noch viele gang und gäbe, allein die reichen Grubenbesitzer, sowie die in neuerer Zeit gebildeten Gesellschaften haben bereits zu Dampfmaschinen ihre Zuflucht genommen.
[Fördermaschinen in den Diamantengruben.]
Am besten konnte man dies an der Kopje zu Kimberley bemerken. Da diese den kleinsten Rauminhalt hat, allein, weil die reichste, die meisten Diamantengräber zählt, war es diesen nicht möglich, ihre in der ersten Zeit mit Handarbeit betriebenen Aufzüge nebeneinander aufzustellen. Deshalb wurden riesige Gestelle aus schwedischen Fichtendielen errichtet, diese in drei Stockwerke getheilt, und so drei Aufzüge übereinander auf einer Fläche von etwa 2 Quadrat-Meter errichtet. Diese Gestelle standen in Gruppen, von welchen jede 18-30 Diggern das Heraufholen der Diamantenerde ermöglichte. Gegenwärtig ist der dammartige Rand der Grube von großen durch Pferdekraft betriebenen Fördermaschinen und aus England eingeführten Dampfmaschinen bedeckt; auch ist es jetzt nicht mehr gestattet, den diamantenhaltigen Grund nahe an der Ausholungsstelle zu sortiren, wie es früher geschah, und viele Unannehmlichkeiten zur Folge hatte. Der Besitzer muß ihn auf seinen Grund und Boden oder auf eine dazu außerhalb der Stadt gemietete Stelle verführen, um ihn zu durchsuchen. Die letztere Prozedur ist gegenwärtig auch viel schwierigerer Natur.
[Kimberley.]
Früher wurde die diamantenhaltige Erde mit Hilfe verschiedener Siebe von den gröbsten Bestandtheilen befreit, dann der feinere Rückstand auf einen flachen Tisch ausgeschüttet und mit Hilfe eines Eisenblechstückes oder eines kleinen Holzbrettchens sortirt. Bei einem solchen Verfahren konnte man aber viele, namentlich kleine Steine übersehen, so daß der früher schon durchsuchte Boden um die Kimberley-Kopje als diamantenhaltig verkauft wurde und als solcher die Mühe des Käufers reichlich lohnte. Man bedient sich (unbemittelte Diamantengräber durch Handarbeit in Bewegung gesetzter, wohlhabendere mit Pferdekraft getriebener, von den bedeutenderen Claimbesitzern auch mit Dampfkraft bewegter) complicirter Waschmaschinen, in denen die diamantenhaltige Erde von ihren lehmigen Bestandtheilen befreit, blos die körnerartigen Steinchen zurückläßt, welcher Rückstand, nochmals in Wasserfässer geworfen, die letzten ihm noch anhaftenden erdigen Bestandtheile verliert, gewöhnlich allabendlich mit Sieben herausgeschöpft, etwas durchgeschüttelt und dem Aufseher oder Claimbesitzer zur Ansicht auf eine Tafel vorgelegt wird. Finden sich Diamanten in der Lage, so sinken sie bekanntlich unter dem körnigen kleinen Gestein der diamantenhaltigen Erde als die schwereren Körper bis an das dichte Drahtnetz des Siebes, so daß sie beim Umstürzen des Inhaltes des letzteren obenauf zu liegen kommen, und gleich in's Auge fallen.
Im selben Maße aber als das Betriebsverfahren und die hierbei verwendeten Maschinen verbessert wurden, stiegen auch die Kosten desselben. Zur Zeit erfordert das Diamantengraben schon eine ziemlich ansehnliche Capitalsanlage, dadurch ist auch der Betrieb ein ruhiger und geschäftsmäßiger, das Heer der Glücksjäger bedeutend gelichtet worden, auch die Gesetze, welche das Diamantengraben behandeln und die Rechte der Digger sowie jene der Diamantenhändler schützen, sind geregelter geworden.
Unter der Bevölkerung der Diamantenfelder sind namentlich die Diamantengräber, die Diamantenkäufer, »The Diamond-buyers oder merchants« und die Kaufleute im allgemeinen stark, die Kanteenkeeper (Besitzer von Localen, in denen blos Spirituosen verkauft werden) zahlreich vertreten. Bei der großen Menge der schwarzen Diener und dem Werthe des gesuchten Artikels ist es leicht erklärlich, daß Veruntreuungen, namentlich von Seite der Eingebornen häufig vorkommen und in raffinirtester Weise ausgeführt werden, zur Steuer derselben wurden sowohl gegen die Verkäufer als auch Käufer verheimlichter und veruntreuter Steine drakonische Gesetze erlassen. Nebstdem wurde ein eigenes Detectiv-Korps errichtet, welches zur Säuberung der Diamanten-Districte von den diese Gesetze noch umgehenden Elementen beitragen soll. Die dagegen Handelnden werden mit Gefängnißstrafe (verbunden mit hard labour, d.h. schwerer Arbeit auf öffentlichen Orten) mit Geldstrafen bis zu 300 und 500 £ St. und in manchen Fällen mit körperlichen Strafen (der neunschwänzigen Katze) belegt.
Der Anblick, der sich uns bietet, wenn wir eine der größeren Diamantengruben von dem Kamme der ringsherum aufgetürmten Thonwälle aus betrachten, ist ein so seltsamer, daß Worte kaum hinreichen, ihn naturgetreu zu beschreiben. Die Kopje läßt sich zutreffend mit einem großen Kraterkessel vergleichen, der vor der Abarbeitung bis zum Rande, an dem wir stehen, mit vulcanischen Auswurfstoffen, hier der grünen, aus zerfetztem Tuff begehenden, bröckligen, diamantenführenden Erde ausgefüllt war, nunmehr aber tief ausgehöhlt ist. Die zu ungleicher Tiefe abgebauten viereckigen Claims füllen nun diesen großen Kraterkessel mit einer chaotischen Menge von Erdmassen, die hier als Pfeiler, Thürme, Plateaus, dort als Schächte, Wälle, Gräben, Treppen erscheinen, und es bedarf keiner erregten Phantasie, um in diesem Labyrinth sich das Bild einer vor Jahrhunderten versunkenen, nunmehr aber an das sonnige Tageslicht hervorgezauberten Stadt zu vergegenwärtigen, namentlich aber in der Abenddämmerung oder gar wenn des Vollmonds fahles Licht die Tiefen durchfluthet.
Die Illusion wird jedoch zerstört, wenn unser Auge das lebhaft pulsirende Leben, die geräuschvollste, emsigste Thätigkeit am Grunde dieses tiefen, dunklen Kessels erblickt, und sich uns der Vergleich mit einem zerstörten Ameisenhaufen unwillkürlich aufdrängt. Die unabsehbare Menge von Drahtseilen, die den Raum über dem dunklen Grunde wie mit einem riesigen Spinngewebe überzieht, an denen, glänzenden Knoten gleich, die zahllosen Fördereimer auf- und abrollen, verwirren die Sinne, dazu vermag das Ohr des Fremden das Geräusch der zahlreichen knarrenden Winden, das Summen der Drahtseile, das Getöse fallender Massen, alles noch übertönt von dem Rufen, Singen und Schreien der Arbeiter und von dem Klappern der das Wasser aus den Gruben entfernenden Saugpumpen auf die Dauer nicht zu ertragen. Fast betäubt verlassen wir diese, ein neues Weltwunder bergende Stätte.
Bevor ich diese in allgemeinen Zügen gehaltene Skizze der Diamantenfelder beschließe, will ich noch einiger eigentümlicher Scenerien des Straßenlebens in den Städten der Diamantenfelder gedenken. Vor Allem sind es die täglich mit Ausnahme Sonntags auf dem Markte zu Dutoitspan und Kimberley abgehaltenen Morning-markets (öffentliche Auctionen). Ein von der Regierung angestellter Morning-master (Auctionär), der jedoch auch Privatauctionen abhalten kann, versieht dieses, wenn auch die Lunge über die Zuträglichkeit anstrengende, dafür aber sehr lucrative Amt. Dieser alltägliche Morgenmarkt bietet ein höchst interessantes Schauspiel. Der ganze, von eisernen und leinenen Häusern umgebene, ungepflasterte Marktplatz ist in den Morgenstunden von 6-8 Uhr mit einer fast unabsehbaren Masse der bekannten Ochsenwagen förmlich bedeckt, die Mehl, Früchte, Gemüse, Kartoffeln, Mais, Schlacht- und Federvieh aller Art, aber auch Brennholz, Fourage, Schilfrohr zur Bedachung u.s.w. zuführen. Der Verkauf geschieht ausschließlich durch Auction. Von dem Markterlös erhält der Staat 5 Percent, der Marktmeister 2 Percent. Die Preise der Waaren sind ungemein schwankend und hängen ganz von der Größe der Zufuhr ab, der Preis eines Sackes Kartoffeln schwankte auf dem Markte in Kimberley zwischen 15 Shillingen und 3 bis 4 £ St.
Außer diesen Morning-markets werden noch an allen Orten und Ecken mit Ausnahme der Feiertage, in dazu errichteten Hallen, sowie Abends in den Cantinen öffentliche Versteigerungen von Privatsachen sowie anderer sonst unverkäuflicher Geschäftsartikel abgehalten. Um die Kauflust anzufachen, wird auf riesigen Plakaten nebst den zur Veräußerung gelangenden Artikeln hervorgehoben, daß während der Versteigerung liquors gratis an das kauflustige Publicum abgegeben werden.
Die Mehrzahl der Cantinen waren die ersten Jahre hindurch zumeist nur wahre Lasterhöhlen und bildeten eine der traurigsten Schattenseiten der Diamantenfelder; in letzterer Zeit macht sich indessen eine starke Abnahme dieser Locale bemerkbar. Die hie und da in den Straßen oder am Rande der Niederlassungen errichteten hohen Ziehbrunnen mit dem sie umkreisenden bunten Gewirre sind eine andere Specialität. Das Heraufziehen der Wasserkübel wird von Kaffern oder Pferden besorgt, das Wasser aber verkauft. Hunderttausende von Gulden werden jährlich in den Central-Diggings für dieses so notwendige, namentlich auf den Sortirplätzen unentbehrliche Element verausgabt.[[1]]
[1] Zum Betriebe der Waschmaschinen und weil der diamantenhaltige Grund aus den Kimberley-Gruben erst längere Zeit der Atmosphäre ausgesetzt und mit Wasser benetzt werden muß, bevor er waschungsfähig ist. Gegenwärtig ist man darauf bedacht, die Grubenstädte aus dem etwa 15 Meilen entfernten Vaalflusse mit Wasser zu versorgen.
An Vergnügungen und Belustigungen fehlt es in den Diamantenfeldern keineswegs, dem Freunde lärmender Schauspiele bieten sie sich im Theater, auf Bällen u.s.w., wenn auch die Kosten solcher Vergnügungen exorbitante sind; wer zurückgezogen bleiben will und hier nur die Gelegenheit sucht, sein angelegtes Capital rasch zu verdoppeln oder überhaupt Ersparnisse zu machen, findet in den zwischen Kimberley und Old de Beers angelegten öffentlichen Gärten manche Zerstreuung. Wie indeß in den californischen Goldgruben ist auch hier Alles, selbst die luxuriösesten Dinge—allerdings zu fabelhaften Preisen—zu haben. Die hohe Fracht von der Küste bis hierher vertheuert eben alle Artikel europäischer Industrie in ungewöhnlichem Maße, besonders gilt dies von Metallartikeln, Maschinenbestandtheilen, Holzarbeiten u.s.w.
Unter den Unannehmlichkeiten, welche der Aufenthalt in den Diamantenfeldern mit sich bringt, sind die Unbilden des Wetters hervorzuheben, namentlich die in der trockenen (Winters-) Jahreszeit täglich daherbrausenden Staubstürme, welche eine den Athmungsorganen, Augen und Ohren wenig zusagende, mit allem möglichen Unrath gemischte Atmosphäre erzeugen, in die Häuser dringen und hier in kurzer Zeit Alles verderben. An meisten jedoch leiden jene unter dieser Unbill des Wetters, welche den Tag über unausgesetzt in den Diamantengruben arbeiten, oder sich als Karrentreiber etc. in den Straßen bewegen müssen.—Wird dann das Land im Sommer, während der Regenzeit, von heftigen Regengüssen überfluthet, wo sich die am Südende von Dutoitspan in einer 1/8 englischen Meile im Durchmesser haltenden Bodenvertiefung befindliche große aber seichte Brackpfanne (einer der bekannten, seichten, jährlich austrocknenden Salzseen) oft in einem Tage füllt, so werden die Straßen so sehr aufgeweicht, daß es namentlich bei dem regen Verkehr in Kimberley kaum für den Fußgänger möglich ist, sie zu passiren. Die neue Munizipalität war jedoch bemüht, diesem Uebelstande abzuhelfen, indem sie Abzugscanäle herstellen und die Straßen schottern ließ.
Wir nehmen nun vorläufig von den Diamantenfeldern Abschied, ich werde jedoch noch wiederholt Gelegenheit finden, manch' interessante Episoden und Scenen aus dem socialen Leben daselbst zu schildern.
Ich will nun noch eines dreitägigen Jagdausfluges gedenken, den ich in Gesellschaft von Pavianjägern zur Weihnachtszeit des Jahres 1872 von den Diamantenfeldern aus nach den nahen Höhen im westlichen Theile des Oranje-Freistaates unternahm.
Nachdem ich meine Patienten besucht und ihren Zustand derart gefunden hatte, daß ich sie auf einige Tage verlassen durfte, brach ich am ersten Weihnachtstage in den ersten Stunden des Nachmittags bei einer wahrhaft tropischen Hitze von Dutoitspan auf, um mich mit der Thierwelt der den Horizont im Osten begrenzenden Höhen im Oranje-Freistaat bekannt zu machen. Welch' großer Contrast zwischen jetzt und einst! Unwillkürlich stieg die Erinnerung an die in der Heimat verlebten Abende der Weihnachtszeit vor meiner Seele auf; anstatt in der gemütlichen, warmen Stube die Feier des Tages zu begehen, schritt ich jetzt unter afrikanischer Sonnengluth dahin, ohne durch irgend etwas an die Weihe des Tages gemahnt zu werden. In meiner Gesellschaft befanden sich ein junger deutscher Kaufmann, der hier mehr als in der Heimat zu Ausflügen Muße fand, ein junger Pole aus Posen, den sein Hang zum Abenteuerlichen nach den Diamantenfeldern verschlagen hatte, und ein Fingo, der mit den Reise-Utensilien beladen, die Wohlthat eines Dampfbades im Freien zu genießen verurtheilt war. Ich und der junge Pole waren jagdgerecht bewaffnet.
Wir zogen anfänglich über eine mit niedrigen, kaum 12-18 Zoll hohen Zwergbüschen (Scapbusch) bewachsene Ebene, auf welcher nur hie und da die tiefer liegenden Einsenkungen das saftige Grün eines Rasens, die höheren mit Felsblöcken besäeten Partien hohes Gras zeigten, die weite Fläche war von einem ungezählten Heere von Insecten bevölkert, unter welchen uns verschiedene, schön gefärbte Species von Heuschrecken—manche mit hervorgehenden stacheligen Schildern wie gewappnet—in dichten Schaaren die Milkbüsche (Euphorbiacea) occupirend, besonders auffielen.
Die 2-3 Zoll langen Thiere mit ihrem walzenförmigen Körper, hell bis dunkelgrün gefärbten und roth umsäumten Flügeldecken saßen in großer Menge träge an den Büschen und fielen bei der Berührung anscheinend todt zur Erde nieder. Bei dem großen Heere ihrer Feinde aus der gefiederten Welt (vom Adler bis zur Wildgans herab) fiel mir ihre Menge und Verwegenheit, sich auf die exponirtesten Stellen der Büsche zu wagend schon auf meiner Reise von Port Elizabeth nach den Diamantenfeldern auf, hier wurde mir das Räthsel durch mein Geruchsorgan gelöst. Diese Heuschrecken sondern nämlich einen äußerst penetranten und übelriechenden Saft aus, von dessen »Parfüm« wir uns nur mit Mühe nach längerem Reiben der Hände mit Sand befreien konnten. Außer diesen Heuschrecken fanden wir mehrere Käferarten—einige Sandkäfer, zwei große Laufkäfer und an den Büschen in schönen metallisch schillernden Farben prunkende Blattkäfer. Die artenarme und von der Sonnengluth gedörrte Vegetation erklärte uns den Mangel an Tagfaltern, deren Stelle zahlreiche Mottenarten einnahmen.
Von Vierfüßlern beobachteten wir nur ein hellrothes Scharrthier (Rhyzaena) und ein Erdeichhörnchen mit seinen Gesellschaftern, den großen Spitzmäusen, am Rande ihrer unterirdischen Bauten hoch auf ihren Hinterfüßen aufgerichtet und neugierig die Ankommenden anblickend. Das Scharrthier leise knurrend, die Eichhörnchen mit einem schrillen Pfiff, verschwanden bei unserer Annäherung.
Von Vögeln fiel uns der bekannte, kleine südafrikanische dunkelgefiederte Steppenstaar auf, der sich auf die zahlreichen Termitenhaufen schwingt oder die Spitzen vereinzelt stehender Dornenbüsche aufsucht und neugierig den Fremden zu mustern scheint. Er ist ein dreistes und munteres Thierchen, welches oft die verlassenen Höhlen der Scharrthiere und Erdeichhörnchen bewohnt, und sich, wenn verfolgt, namentlich aber wenn verwundet, dahin flüchtet.
[Kaffer, Schafe hütend.]
Nach etwa 1½stündigem Marsche befanden wir uns am Rande einer jener kleinen viereckigen »Pfannen«, welche den Charakter der größeren, Süd-Afrika namentlich in seiner Längsachse charakterisirenden, seichten Salzseen zeigten. Nahe dabei befand sich (die Salzpfanne war trocken) eine kleine mit grünlichen. Wasser gefüllte Regenlache, deren Inhalt mit einem Löffel »Brandy« gemischt, genießbar war. Wir trafen hier auch einen Schafe hirtenden Kaffer, der, nachdem wir durch ein Stückchen Tabak seine Zuneigung gewonnen, uns über die weiter nach Osten liegenden Farmen belehrte; die sogenannte Krichofarm (auch Kuudu-place genannt) war die Stelle, die wir uns zu unserem Feldlager ausersehen hatten. Von hier wollten wir dann unsere Ausflüge nach den Höhen unternehmen.
Gegen Abend erreichten wir die ersten von Süden nach Norden sich erstreckenden Ausläufer der Freistaathöhen. Die Vegetation war hier schon üppig, wir fanden zahlreiche Büsche und die von den Diamantenfeldern als dunkle Punkte sichtbaren Stellen entpuppten sich uns als Kameeldornbäume, deren breite niedere Kronen und große, flache, graubewollte Samenschoten ihren Mimosen-Charakter verriethen. Seit der Zeit sind schon die meisten der Axt zum Opfer gefallen und in den Diggings zu Asche verwandelt worden. Was uns an diesen Bäumen, die bis zu zwei Schuh stark, den knorrigen Stamm mit dunkelgrauer zerrissener Rinde bedeckt, ein sehr hartes Holz liefern, auffiel, waren ihre bis drei Zoll langen und oft an ihrer Basis fingerstarken, je paarweise sitzenden, doch mit den Spitzen divergirenden Dornen und die an ihnen hängenden Vogelnester, von denen wieder zwei besonders erwähnenswerth waren. Es waren dies die Nester einer kleinen Kolonie von Siedelsperlingen (Philetaerus socius). Die Bauart dieser Nester ist eine höchst merkwürdige; haben diese Bienenfleiß entwickelnde Thierchen ein geeignetes Stämmchen gefunden und den Bau ihrer Nester begonnen, so verfertigen sie gemeinschaftlich das allen dienende Dach. Jedes Pärchen baut sein eigenes Nest aus trockenem Gras und bedacht es, aber eines so dicht neben dem andern, daß man nur ein einziges von einem großen, 2-5 Fuß Durchmesser und 1-3 Fuß Höhe haltenden Dache bedecktes Nest erblickt, zu dem von unten unzählige kreisrunde Löcher führen. Oft brechen die unter der Last dieser Nester sich biegenden Aeste, deren Kronen über das kegelförmige und steil abschüssige Dach herausragen. Obgleich die Eingänge zu diesen Nestern sich an der unteren Seite befinden und man doch denken würde, daß die munteren Thierchen durch ihr abschüssiges Dach nicht nur gegen Regenschauer, sondern auch gegen ihre Feinde geschützt wären, ist dies doch nicht der Fall; ich beobachtete, daß sich namentlich größere Schlangen, wie die Cobras, daran wagen, und habe selbst einige Jahre später einen solchen Räuber an einem Baume auf der Oliphantfontein-Farm erlegt, als er sich in einem Nestbau dieser Siedelsperlinge verkrochen und Verderben unter seinen Bewohnern angerichtet hatte. Die Vögel, welche die Schlange im Neste überraschte, waren von ihr gebissen und die Leichen herausgeworfen, die Jungen und die Eier verschluckt und die aufliegenden Eltern durch Fauchen verscheucht, die Muthigeren durch Bisse getödtet worden. Da ich durch einen Schuß nicht die vielleicht noch lebenden Jungen in den Nestern tödten wollte und auch nur den Schwanz der Schlange sah, brachte ich sie durch einen wohlgezielten Steinwurf zur Erde, um dann der davon Eilenden mit einem Doppelschusse den Garaus zu machen.
Am Abend nachdem wir die Ausläufer der felsigen Höhen erreicht hatten, befanden wir uns auf einer bis zu den gegenüberliegenden, etwa drei englische Meilen entfernten Höhen reichenden Grasebene. Unter einer nahen felsigen Erhebung standen zwei Zelttuchhäuschen, in denen ein Eingeborner eine kleine Cantine hielt, ein Beweis, daß wir auf den von den Diamantenfeldern nach dem Freistaate führenden Weg gestoßen waren. Aus einer nahen umfriedeten und bebuschten Stelle schlug das Meckern einiger Ziegen an unser Ohr.—Ein Geschenk von einigen österreichischen Zigarren billiger Sorte zauberte auf das Gesicht des Cantinenwirthes ein freundliches Lächeln und rief in seiner Seele eine wohl seltene Anwandlung von Freigebigkeit wach, denn als Gegendienst bewirthete uns der krausköpfige Schwarze mit Brandy, denselben vorsichtig in kleinen Gläschen credenzend. Ein befriedigendes Schmunzeln, mit dem er wieder in's Häuschen zurücktrat, überzeugte uns, daß er sich nicht zu viel zugemuthet und sein Vorrath an Brandy durch die eben bewiesene Gastfreundschaft nicht sehr gelitten hatte. Die Freigebigkeit unseres Wirthes brachte auch das Gespräch etwas in Fluß und bald zeigte er sich noch freigebiger, als er erfuhr, daß ein Farmer, den ich in den Diamantenfeldern behandelt hatte, und den er kannte, auf der Krichofarm wohne. Er glaubte wohl sich seinem Freunde erkenntlich zu zeigen, wenn er dessen Arzt in seinem kleinen Heim bewirthete. Seinen uns anstaunenden, im tiefen Negligé und barfuß erschienenen Kindern bedeutete er, den Fremden eine Christmaßboox zu bieten. Wir alle verstanden jedoch nicht, was er damit meine, bis die beiden größeren Knaben, mit drei Tassen schwarzen, duftenden Kaffee's und einem Teller Kuchen erschienen, eine Gabe, die von uns dankbar angenommen wurde. Nach dem Kaffee lud uns unser Wirth ein, die Nacht in seinem Häuschen zuzubringen, doch ich wollte noch desselben Tages an Ort und Stelle sein und so dankten wir herzlich für die Christmaßboox und die Bewirthung und setzten durch tiefen Flugsand watend, unsern Weg fort. Es war dunkel und deshalb gewagt, quer durch das hier dicht bebuschte Thal zu schreiten, das viele Schlangen zu beherbergen schien.
[Trunk aus einer Sumpflache.]
Spät Abends langten wir bei der Krikofarm an, ich entschloß mich im Freien zu übernachten, und da wir auch sehr durstig geworden waren, folgten wir dem Schimmer eines kleines Wassers, der uns zu einem halb ausgetrockneten Teich brachte, und wählten uns nahe an demselben eine ebene Uferstelle zu unserem Nachtlager aus. Unser Nachtimbiß war bald fertig, die tagsüber erlegten rothfüßigen Kibitze, sowie einige kleinere Trappen (eine von den Boers Patluperken genannte Art) mundeten nicht minder wie eine Tasse Thee, zu welcher wir das Wasser aus dem Teiche genommen hatten; bei Tage hätte uns wohl nur der peinlichste Durst dazu gebracht, dieses Wasser zum Munde zu führen, denn es schillerte im Feuerschein in allen Farben des Regenbogens und wurde selbst von den Rindern der Farm verschmäht.
Während wir um das Feuer sitzend die Erlebnisse des Tages besprachen, wurden wir durch den Besuch dreier Korannas beehrt. Vom Feuer angelockt, waren sie von dem etwa 100 Schritte entfernten Farmhause herangekommen und mochten uns wohl für arbeitsuchende Basutos (ein im Westen vom Oranje-Freistaat wohnender Eingebornenstamm) halten, die sich hier ein Nachtlager ausgesucht. Sie wunderten sich nicht wenig Weiße hier campiren zu sehen. Bald nachdem uns die neugierigen Besucher verlassen und das Gekläffe der Farmhunde verstummt, herrschte in unserer Umgebung tiefe Stille, nur durch das monotone Zirpen einer kleinen Grillenart unterbrochen. Nach so vielen in der Staubatmosphäre von Dutoitspan verlebten Tagen waren wir froh, hier in frischer, gesunder Luft zu athmen, und waren bald in tiefen Schlaf versunken.
Zeitlich des Morgens durchstöberten wir die nächste Umgebung der Farm. Dieselbe liegt in einem breiten Thale, in welches, nahe der Farm, einige Querthäler münden, die von den isolirten Hügelketten gebildet sind. Diese Höhen fallen ziemlich steil, oft sogar perpendiculär ab und zeigen Riesenblöcke der Trapdykes. Es that unserem Auge wohl, an den Abhängen dieser Hohen eine ziemlich reiche Vegetation zu finden, selbst die flachen Kuppen waren mit kleinen, baumartigen Mimosen bewaldet. Außer einer Menge gestreifter Mäuse fanden wir keine Säugethiere, dagegen eine Menge Turteltauben, Kibitze, Wiedehopfe, langschwänzige, weiß und schwarz gescheckte Würger, die gemeinen braunen Aasgeier oben auf den Felsen hockend, die von ihrem Unrath so weiß getüncht waren, daß man diese Stellen 15 englische Meilen weit erblicken konnte, ferner kleine Rothfalken und schöne braune Gabelweihen, uns die günstigste Gelegenheit bietend, unsere Jagdtasche zu füllen und den Mittagstisch mit manch' leckerem Bissen zu versorgen. Auch unsere Spiritusflaschen füllten sich mit Fröschen, Chamäleons, Eidechsen, riesigen Spinnen und zahlreichen Insecten. Zu unserem Lagerplatz zurückgekehrt, trafen wir den Farmer. Meine Frage, wie wohl den die Höhen bevölkernden Pavianen beizukommen sei, ließ ihn sehr gesprächig werden.
»Hier,« meinte er, »hausen in der Nachbarschaft zwei Pavianheerden, eine kleinere und scheuere geht in der Regel Vormittags in der nahen Bergschlucht zur Tränke, die große Heerde wagt sich täglich an den zweiten Teich in unserer Nähe.« Der Farmer klagte nun sein Leid über die Frechheit dieser Affen; sie waren eine große Plage, denn kaum, daß sie durch ihre auf den Felsen ausgestellten Wachen entdeckten, daß Feld und Garten verlassen waren, so war die Heerde auch schon bald über den Zaun eingebrochen und der Garten verwüstet, besonders schädlich aber wurden sie den weidenden Schafen. Geschah es, daß der hütende Hirt auch nur für kurze Zeit eingeschlafen, oder die Thiere aus einem anderen Grunde unbewacht blieben, so konnte der Farmer gewiß sein, einige Lämmer mit zerrissenem Körper zu finden. Die Paviane folgen den Thieren auf den Höhen, während die Schafe im Thale weiden und stürzen, sobald sie selbe unbeschützt sehen, auf sie herunter und reißen mit ihrem furchtbaren Gebiß den Thieren den Bauch auf, um zu dem Milchinhalt des Magens zu gelangen; haben sie diesen entleert, so lassen sie die zuckenden Körper liegen, um dasselbe an anderen der blöde hin- und herrennenden Lämmer zu versuchen. (Ich fand dies später oft bestätigt.) Nun begriffen wir wohl des Farmers zufriedenes Schmunzeln, als er unser Vorhaben, einige der Thiere zu erlegen, erfuhr. Des Farmers Redseligkeit bewog mich, ihn über die weiteren Absichten bei dieser Jagd zu unterrichten, daß ich gerne einige schöne Bälge zum Ausstopfen und einige Kopfskelette erlangen wollte. Diese Mittheilung machte ihn stutzen. Etwas ähnliches hatte er doch noch nicht vernommen »Allmachtag (Allmächtiger) wat will ye dun?«[[1]] und kopfschüttelnd ging er zu seiner Frau, um ihr das »wonderlijke« Vorhaben des »albernen« Doctors mitzutheilen, der einen »Babuin« todtschießen und das Fell, ja sogar das Kopfskelett nach »Duitsland« schicken wollte.
[1] Das in der Regel von den Farmern gesprochene Holländisch in Süd-Afrika ist nicht das reine Holländisch, wie wir es in Europa hören, sondern ein Gemisch von vielen Sprachen, englisch, plattdeutsch, französisch etc., dagegen sprechen die gebildeten Holländer der Capstadt, in Bloemfontein und in der Nachbarschaft anderer Städte ein sehr reines Holländisch.
Viele der Freistaatfarmer sind einfache, gute, oft wahrhaft herzensgute Leute, denen nur die nöthige Bildung fehlt, um sie als beständige Gesellschafter zu wünschen. Ich habe nie dankbarere Patienten gekannt als sie.
Gegen die Mittagsstunde verließen wir die Farm und brachen nach den Felsenhöhen im Osten derselben auf, um noch zur Tränkezeit der kleinen Heerde auf dem Platze zu sein. Wir passirten einige von Korannas und Basutos, Dienern des Farmers bewohnte Hütten. Die Basutos kommen von ihrem im Osten gelegenen Lande und verdingen sich mit ihren Frauen an die Farmer, sie werden jährlich mit einer bestimmten Anzahl von Schafen, ein oder zwei Kühen und Ochsen, hie und da auch noch mit einer Mähre oder einem Fohlen bezahlt und bekommen nebstdem die nöthige Nahrung; außerdem wird ihnen gestattet, sich nach einem fruchtbaren Stück Land umzusehen, wo sie sich Korn (Sorghum-Art), Mais, Kürbisse, Tabak etc. anbauen können. Auf meinen späteren Reisen beobachtete ich, daß namentlich wohlhabende Farmer, wie Mynheer Wessels, auf dessem Gebiet auch jene auf unserem Marsche berührte Cantine lag und dessen Farmen einen Umfang von mehreren Meilen hatten, von welcher Fläche aber nur etwa 1/36 angebaut war, mehrere kleine Basutodörfer ihr eigen nennen, deren Bevölkerung sich in der obbeschriebenen Weise auf mehrere Jahre verdingt. Es sind meist mittellose Leute aus dem dicht bevölkerten Basutolande am Caledon-River, welche durch jahrelange Trockenheit um alle ihre Ernte-Erwartungen gebracht, genöthigt waren, aus der Heimat auszuwandern und günstigere Gebiete aufzusuchen.
An der Bauart der Hütten konnten wir sofort den ethnographischen Unterschied zwischen beiden Stämmen deutlich wahrnehmen; während die Hütten der Basuto's, aus Baumästen in cylindrischer Form (circa 3 Meter im Durchmesser haltend) gebaut und von einem kegelförmigen Dache bedeckt, das auf dünnen Pfählen ruhte und mit dürrem Grase überdeckt war, hatten die Koranna's halbkugelförmige Hütten, welche aus dürren Aesten erbaut und mit Matten lose überdeckt waren.
Wir hatten die Ehre, von einer der schwarzen Damen gemustert zu werden; sie war vor den Zaun getreten und blos mit einem grauen kurzen Kaliko (Unterrocke) bekleidet. Stirn, Wangen und die Brüste waren mit einem bläulich-schwarzen Ocker mit Wellenstrichen bemalt; an einer der Korannahütten stand ein europäisch gekleideter Mann, dem eben ein ältliches Weib, ebenfalls in schmutzige europäische Fetzen gekleidet, aus der Hütte einen mächtigen Feuerbrand brachte. Ich war neugierig, was sie wohl damit thun wolle, und siehe, er blieb ohne eine Miene zu verziehen, gleichgiltig vor sich hinstarrend stehen, die ältliche Frau jedoch hob das brennende Holz, von dem eine wahre Rauchsäule emporwirbelte, auf, legte die glühende Spitze desselben sachte an ihres Mannes kurze Pfeife, der nun mit seiner Rechten nachzuhelfen sich bemühte. Hervortretend fragte ich nach dem besten Aufgang auf die Höhe und erhielt von dem braungelben Phlegmatiker eine artige, meinem Ansuchen entsprechende Antwort. Eine halbe Stunde später erreichten wir die Kuppe der Höhe, die eine mit Busch bewachsene, wellenförmige, mit Steinblöcken besäete Ebene bildete. Nachdem wir sie in ihrer Länge von Süden nach Norden durchschritten und uns der vom Farmer erwähnten Schlucht genähert hatten, vernahmen wir von dem gegenüber liegenden Abhange derselben, etwa 300 Schritte vor uns, ein heiseres, mehrstimmiges Gebelle. Hinblickend sahen wir sieben, darunter vier erwachsene Paviane mit Sprüngen die Höhe erreichen, auf der kleinen Tafelebene noch einmal nach uns umsehen und dann wieder in einer weiter rechts liegenden Schlucht verschwinden. Wir folgten ihnen rasch, erkannten auch an den frischen Spuren am Boden der Schlucht, daß sie erst vor kurzem die Tränkstelle verlassen haben mußten. Um nicht die größere Heerde zu versäumen, folgten wir der Schlucht, die in unser Thal mündete, füllten auch unsere Waidmannstaschen mit einigen Taubenpaaren, die am Feuer geröstet, uns einen guten Imbiß lieferten.
[Pavianjagd.]
Während wir beim Mahle saßen, ließen wir alle unwillkürlich die Blicke auf die zu beiden Seiten und vor uns liegenden Abhänge schweifen, um vielleicht einen der gesuchten Vierfüßer zu erspähen, allein vergebens. Da erscholl plötzlich ein lautes Geschrei von der Farm her, welches sich uns zu nähern schien, allein bald verstummte. Gegen diese hin standen hohe Mimosenbäume, zwischen denen nur durch eine schmale Lichtung ein Theil des Hauses sichtbar wurde, rechts von uns erhob sich der etwa 12 Fuß hohe steinerne Damm des Teiches, an dessen Ufer wir campirt hatten, so daß uns von unserem Standpunkte aus der Blick über die Ursache des Geschrei's nicht belehren konnte. Scherzweise warf ich hin, daß, während wir uns hier gütlich thaten die Paviane wohl die Mittagszeit benützend, dem Farmer einen Besuch abgestattet haben konnten. Ich hatte kaum ausgesprochen, als ich aufbringend auf die etwa 250 Schritte von uns entfernte Höhe zur Linken wies. »Seht, ist das nicht ein Affe?«—und richtig ein Pavian, ein zweiter—eine ganze Heerde lief den Abhang hinan, allein nicht sehr eilig und von Zeit zu Zeit auf einem Felsblock hocken bleibend; am Fuße der Höhe erschienen schon die Leute, der Farmer und die farbigen Diener mit Knütteln und Stocken bewaffnet und laut schreiend. In einem Nu waren wir unter der Höhe, bogen etwas nach rechts, wohin sich auch die Affen, den höheren Partien zustrebend, zu wenden schienen und meine Gefährten zur Vorsicht mahnend, stiegen wir empor. Ich schlug vor, in stille wie möglich uns aufwärts zu bewegen, damit die Aufmerksamkeit der Thiere sich auf die übrigen, ungefähr 200 Schritte mehr zur Linken langsam emporklimmenden, laut schreienden Verfolger richten möge.
Da der eine meiner Gefährten nur mit einem Schrotgewehr, der andere nur mit einem Stock bewaffnet war, hieß ich beide, in meiner Nähe bleiben, um ihnen, im Nothfalle beistehen zu können, denn ein erzürnter, erwachsener Pavian ist als Feind gefährlicher als ein Leopard. Wir hatten bereits den Abhang zur Hälfte erstiegen und noch immer war keiner der Flüchtigen zum Schuß gekommen. Endlich erschien einer über mir, doch hoch oben von Block zu Block springend, bald deckte ihn ein Busch, bald ein Felsen, so daß kein Schuß mit Erfolg anzubringen war. Das Thier verschwand als es die Höhe erreicht hatte und wir mußten, höher klimmend, trachten, es noch auf der flachen Kuppe zu treffen, oder vielleicht einen seiner Genossen zu erspähen. Meine Hoffnung wurde nicht getäuscht, denn schon 40 Fuß höher entdeckte ich ein erwachsenes Weibchen. Doch alle Mühe, zum Schuß zu kommen, war vergebens, einmal stand der schwarze Diener des Farmers mir in der Schußlinie, und die zweite günstige Gelegenheit verdarb mein Gefährte, der, als sich das Weibchen uns bis auf fünf Schritte genähert hatte, mit lautem Schrei in die Höhe sprang und damit das Thier in die Flucht jagte. Obwohl wir athemlos die steile Höhe emporklommen, um das Thier nicht gänzlich aus dem Auge zu verlieren, war es zu spät. Auf der Kuppe angelangt, war nirgends mehr eine Spur von den Affen zu entdecken.
Wir stiegen herab, gewiß nicht in der rosigsten Laune und gaben nicht allein jeden Gedanken auf, noch am selben Tage einen Pavian zu sehen, sondern hatten auch nicht die geringste Ahnung, daß uns mit derselben Heerde noch ein ähnliches Mißgeschick begegnen würde. Unten angelangt, hörten wir nun von den Koranna's, daß die Paviane einen Versuch gemacht hatten, in den Schafkraal (Umzäunung) zu gelangen, zu dem einige blökende Lämmer die Affen hingezogen hatten. Sie wurden jedoch zeitig bemerkt und damit sie ihren Raubzug nicht zu bald wiederholten, nicht nur verscheucht, sondern auch verfolgt. Man versicherte uns jedoch, daß sie gewiß noch einmal zur Tränke an den andern, uns schon früher bezeichneten nahen Teich kommen würden; alle Müdigkeit war bei dieser Nachricht vergessen und wir begaben uns sofort auf die bezeichnete Stelle. Ein kleiner von Regenwasser gefüllter Teich lag im Thale, zur Linken, etwa 300 Schritte entfernt zogen sich die Höhen hin, die wir eben verlassen hatten, zur Rechten, ihnen gegenüber, in der Entfernung einer Meile eine zweite Reihe von Höhen. Der Teich war an drei Seiten eingedämmt, nach dem Hause zu war der Damm aus Steinen errichtet und lag der freien Einflußstelle des Wassers gegenüber. Diese Stelle war sandig, zur Linken bildete das trübe, gelbliche Wasser eine kleine Bucht, zur Rechten fiel dem Beschauer ein dichtes, niederes von der schon erwähnten strauchartigen Euphorbia gebildetes Gebüsch auf. An der Sandseite des Dammes wuchsen aus den Steinspalten einige Sträucher hervor. Hinter einem derselben, ihn als Deckung für den Kopf benützend, hatte ich Stellung genommen.
Wir hatten kaum unsere Stellungen bezogen, als uns der Knabe des Farmers auf zwei dunkle auf dem Abhange des Hügels zur Rechten sichtbar werdende Punkte aufmerksam machte; in der That konnten wir eine größere Anzahl beweglicher dunkler Körper wahrnehmen. Sie bewegten sich bergab und als sie auf etwa 900 Schritte nahe gekommen waren, erkannten wir die Pavianheerde. »Sie kommen zum Wasser!« meinte der Knabe. Zu unserer Verwunderung schienen sich die Affen nicht von der Stelle rühren zu wollen, es verging eine Viertel-, eine halbe Stunde und noch immer war der Haufen auf derselben Stelle—da auf einmal, wie aus der Erde herausgezaubert, erschienen uns gegenüber an dem freien Ende des seichten, kaum 60 Schritt langen Teiches zwei riesige Männchen, keiner unserer Gesellschaft hatte ihre Annäherung beobachtet, ob sie in einem Bogen quer über das Thal oder durch das Gras geraden Weges von der Heerde zu uns gekommen waren, konnten wir uns nicht aufklären. Da ich die Thiere beobachten und mich dessen vergewissern wollte, ob sie zu jener Heerde, die unter den niedrigen Mimosenbäumen spielte, gehörten, kam ich von dem Entschlusse, sofort eines der Thiere zu erlegen, ab und wartete mit Spannung der weiteren Dinge. Nun sprangen sie vom Damme zum Wasser, beugten sich nieder und tranken; sich wieder emporrichtend, verließen sie recht gravitätisch auf allen Vieren einherschreitend das Wasser und schlugen die Richtung nach der Heerde ein; sie gehörten ihr also thatsächlich an und waren die ausgesandten Kundschafter. Zu den Ihren gekommen, setzte sich die ganze Truppe sofort in Bewegung; kurze Zeit darauf waren schon alle am Teiche. Da gab es Mütter mit Säuglingen und halb erwachsenen Thieren, der erwachsenen Männchen nur drei oder vier. Die Thiere kamen einzeln heran, tranken und kehrten unverweilt zurück; nachdem etwa zehn in dieser Weise ihren Durst gelöscht hatten, kamen mehrere auf einmal, während die übrigen sich auf dem Sande ringsum mit Sprüngen und Herumrollen ergötzten. Bald wären wir jedoch um alle weiteren Betrachtungen gekommen, denn vom Hause her näherten sich zwei Korannafrauen, Töpfe auf den Köpfen tragend, um Wasser aus dem Teiche zu holen, an dem wir lagen. Durch Gesticulationen hielten wir glücklicher Weise die Frauen ab, näher zu kommen, allein es war auch die höchste Zeit, zum Schusse zu kommen. Eben waren, wie ich mir einbildete, dieselben Männchen, welche so geschickt das jenseitige Ufer ausgekundschaftet, zum zweiten Mal an's Wasser getreten, sie setzten sich auf jede Seite der kaum zwei Fuß hohen Einbuchtung und beugten sich mit dem Vorderkörper zum Saufen nieder. Diesen Moment wollte ich benützen, um mein Glück zu versuchen. Wie wir später an den Spuren ersahen, hatten sich die beiden Thiere so gegeneinander vorgebeugt, daß blos ein Raum von nicht ganz vier Zoll zwischen den gesenkten Köpfen frei blieb. Da donnerte meine Büchse—wie wir uns später überzeugten, hatte die Kugel, zwischen den Köpfen der Thiere durchfliegend, etwa drei Fuß hinter denselben eingeschlagen. Hoch sprangen sie beide auf, wie auf ein Tempo mit den Händen nach der Schnauze greifend, und unmittelbar darauf eilte die ganze Heerde bellend, die größeren Thiere etwas zurückbleibend und sich oft umdrehend, von dannen.——Obgleich wir bis zum Abend liegen blieben und sogar unser Nachtlager hierher verlegten, sahen wir nichts mehr von den Affen, deren heiseres Gebell wir noch die halbe Nacht hindurch von den Bergen herab deutlich vernahmen. Wir blieben noch einen Tag, allein die Thiere, die uns von den Höhen bemerken konnten, behielten uns im Auge, und wollten sich von den Felsenhängen, wo sie Herren der Situation waren, nicht herabwagen.
Meine Begleiter waren in der dem mißglückten Jagdtage folgenden Nacht in tiefen Schlaf versunken, während mich das Gebell der Paviane in steter Spannung erhielt. Allein außer ihren heiseren Tönen konnte ich auch nichts Anderes vernehmen. Selbst der leise Wind war eingelullt und ließ von seinem Spiele mit den zarten Blüthen der Mimosen ab. Solch' stille Nächte—unter südafrikanischem Himmel—üben auf den Fremden einen mächtigen, lange hin nachklingenden Reiz aus. Die Atmosphäre war rein, der Himmel so dunkel und zwischen ihm und der Erde unzählige Wölkchen in solch' lebendigen Schattirungen zwischen milchfarben und grau, daß ich mich nicht entsinnen konnte, je etwas Aehnliches zuvor beobachtet zu haben.
[Die Kimberley-Kopje im Jahre 1872.]
Nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt, nahm ich wieder meine Berufsthätigkeit auf, die immer ausgebreiteter wurde, und es mir erlaubte, zur Verwirklichung meiner weitgehenden Pläne manches Pfund Sterling bei Seite zu legen. Nachdem ich schon im Laufe des Jänner mir einen der bekannten Wagen angeschafft hatte, also im Besitze des wichtigen Reisemittels war, hielt ich zu Beginn des Februar 1873 die Zeit für gekommen, um meine erste größere Reise, gewissermaßen eine Recognoscirung, zu unternehmen.
Meine erste Reise in das Innere von Süd-Afrika.
IV.
Von Dutoitspan nach Lekatlong.
Meine Reisebegleiter.—Schwierigkeit der Beschaffung geeigneter Zugthiere.—Aufbruch aus den Diamantenfeldern.—Trostloser Zustand der Wege.—Südafrikanischer Vorspann.—Old de boers-Farm.—Bismark's Retreat.—Der Vaal-River und sein Thal.—Ein Besuch im Korannadorfe bei Pniel.—Bauart der Korannahütten.—Sociale Zustände unter den Koranna's.—Vorschläge und Mittel zur Besserung derselben.—Freimaurerthum unter den Koranna's.—Ein gefährlicher Nachtmarsch zum Vaal-River.—Klipdrift.—Racenunterschiede zwischen Koranna's und Betschuana's.—Das Innere der Korannahütten.—Die River-Diggings am Vaal.—Die Fauna des Vaal-Thales.—Eine Krankenordination in Klipdrift.—Gong-Gong, Waldeks-Plant und der Fly-Diamond.—Eine desolate Strasse.—Die Holitzer Schlucht.—Die Cobra capella und ihre Gefährlichkeit.—Ringhalsschlangen.—Im Schlamme des Vaal River Versunken.—Ankunft in Lekatlong.
Meine Vorbereitungen waren beendet, die Ausrüstung besorgt; es blieb mir nur noch die für Reisen in Afrika wichtige und folgenschwere Wahl meiner Begleitung zu treffen. Von der Idee, mich blos mit eingebornen Dienern zu umgeben, kam ich bald ab und entschied mich in Begleitung von Weißen zu reisen. Meine Wahl fiel auf jene beiden jungen Männer, deren ich eben vorher auf meinem Ausflüge nach dem Freistaate erwähnte und als dritten Gefährten lud ich Herrn Friedrich Eberwald aus Thüringen ein, einen biederen Charakter, der später einer meiner herzlichsten Freunde wurde und mir auch auf der zweiten Reise treu zur Seite stand. Ein unwiderstehlicher Drang, fremde Länder mit eigenen Augen zu schauen, hatte ihn, nachdem er einen großen Theil von Europa, Kleinasien, Nord- und Südamerika gesehen, nach den Diamantenfeldern geführt, um hier sein Glück als Diamantengräber zu versuchen, doch war ihm dieses nicht besonders günstig. (Ich kam auch nach meiner letzten Reise mit ihm zusammen und bat ihn, mit mir nach Europa zurückzukehren, doch vergebens.)
Vor meiner Abreise galt es noch, jedem meiner Begleiter sein specielles Arbeitsressort zu bestimmen; mein Freund Eberwald legte sich die freiwillige Pflicht auf, uns, so weit es mit dem Schrotgewehr anging, mit Wildgeflügel zu versorgen und über den Wagen zu wachen. K., der zweite meiner Gefährten nahm die Küche auf sich, während der dritte, F., mir im Jagen und Sammeln behilflich sein sollte. Diesen letzteren hoffte ich mir zu einem steten Begleiter für künftige Reisen heranzubilden. Meine Mühe scheiterte jedoch an seinem ganzen Wesen; nicht nur, daß er sich gänzlich unfähig zeigte, er war auch böswillig und blieb verstockt—und obwohl ich mich von seinem Charakter bereits auf der ersten Reise überzeugt hatte, ließ ich mich verleiten, ihn auf der zweiten Reise mit mir zu nehmen, auf welcher er alle meine Geduld mit schwärzestem Undank lohnen sollte.
Der Zweck der ersten Reise war, mich durch einen mehrwöchentlichen Aufenthalt im Freien dem afrikanischen Klima anzupassen, einen Begriff vom Reisen im Innern zu gewinnen und namentlich durch eine solche Versuchsreise den Umfang der Ausrüstung für eine größere Forschungsreise nach dem Innern kennen zu lernen. Die endlich zur Abreise anberaumte Frist war schon verflossen, allein mein Wagen konnte sich noch immer nicht von der Stelle rühren. Man rieth mir, Ochsen als Gespann zu wählen, ich jedoch dachte einen Versuch mit jenen stillen, selbstzufriedenen Geschöpfen zu wagen, welche schon im grauen Alterthume durch mehrere ihres Gleichen, wie jenen, der durch Bileam's »Dressursinn« sprechen lernte, hochgeehrt waren und in dieser Absicht durch die Behauptung der Eingebornen bestärkt, daß die südafrikanische Race »tsetsefest« sei. Ich fand unter meinen Patienten einen im Besitze von zwölf solchen Stilldenkern und schloß den Kauf ab, 3 £ St. per Stück. Als jedoch der Tag der Abreise kam und wir auf den Farmer warteten, erschien er nicht, auch nicht den folgenden, sondern erst den dritten Tag und nun erst mit der traurigen Nachricht, daß sich seine zwölf »Grubh« in ihrem Wissensdrang nach neuen (newe d.h. frisch) Kräutern und Gras verlaufen hätten. »Vergebens habe ich sie überall gesucht und, heute heimgekehrt vernommen, daß sie etwa 30 Meilen von hier in der »Pound« seien.« To keep in Pound heißt das Recht, aufsichtslose Hausthiere, vom Pferde bis zur Ziege, wenn diese von dem Besitzer einer Farm auf seinem Grund und Boden angetroffen und von diesem an dazu gesetzlich bestimmte Stellen, d.h. Farmen, abgeliefert wurden—auf einen Monat zu behalten und zu überwachen. Eine solche Farm heißt eine Pound, der dazu gesetzlich bestimmte Farmer ist ein Poundmaster. Werden die so eingebrachten Thiere, die in den Districtsblättern genau beschrieben werden, nicht binnen vier Wochen (vom Tage des Einfangens) von ihrem rechtmäßigen Besitzer gegen Entrichtung eines verhältnißmäßig geringen Betrages ausgelöst und abgeholt, so werden sie in einer öffentlichen Auktion, die vom Poundmaster gehalten und in den Districtsblättern annoncirt wird, feilgeboten. Der Ertrag kommt dem Staatssäckel zu Gute.
[Vorspann in Süd-Afrika.]
Es blieb mir nun nichts übrig, als mich nach einem behörnten Gespann umzusehen, machte hierbei jedoch die Erfahrung, daß es unmöglich war, sofort gute Zugthiere zu erlangen und ich hätte einige Wochen auf solche warten müssen. Dies war noch schlechter, es blieb mir also keine andere Wahl, als mich mit Pferden zu versehen, trotzdem der Preis eines Pferdegespanns das Zweifache eines Ochsengespanns betrug und es angesichts des herannahenden ersten Reifes, zu welcher Zeit eine bösartige Pneumonie in Süd-Afrika alljährlich Hunderte von Pferden vernichtet, sehr gewagt war, Pferde zu nehmen. Da F. prahlte, ein geübter Rosselenker zu sein, nahm ich mir vor, ihm nicht allein das Lenken des Gespanns, sondern auch dessen Ankauf zu übergeben. Allein der Preis, den man für die Pferde forderte, überstieg meine Berechnungen und ich wäre gezwungen gewesen, meine Reise doch noch aufzugeben, wenn mir nicht mein Gefährte K. mit der nöthigen Summe ausgeholfen hätte.
[Korannagehöfte im Hart-Riverthale.]
So schieden wir denn—vier Weiße mit fünf Pferden und fünf Hunden auf einige Wochen aus der staubigen Atmosphäre der Diamantenfelder. Ich wollte mich direct nach Klipdrift begeben und im Thale des Vaalflusses abwärts bis zu der Mündung des Hart-River, sodann im Thale des Hart-Rivers nach Nordost vordringen, um einige der Batlapinenstämme kennen zu lernen und nachdem ich diesen Zweck erreicht, in mein neues Heim zurückkehren. Der mir berichtete schlechte Zustand der einzigen Straße nach Klipdrift und mein Sammeleifer bewogen mich, querfeldein über die bebuschte Ebene zu reisen. Wir schlugen daher eine nordöstliche Richtung nach der Riet-Farm, einer der von allen Seiten die Diamantenfelder umgebenden Pounds, ein. Diese ist wie die meisten der übrigen, ein höchst unbeholfen aussehendes, viereckiges Farmhaus, an das ein ebenso einfacher Wagenschuppen angebaut war; ein aus Dornbüschen gebildeter Kraal für die eigenen und eingefangenen Thiere zur Linken war Alles, was von der einst blühenden und durch die Entdeckung der Diamantenfelder im Werthe so hoch gestiegenen Farm übrig geblieben war. Nicht ein Stückchen Garten war zu sehen; unsere Aufmerksamkeit erregten nur zwölf gezähmte, junge Strauße, welche den sie beaufsichtigenden Korannajungen willig folgten.[[1]]
[1] In den letzten Jahren hat sich die Straußenzucht in Süd-Afrika so bedeutend gehoben, daß man gegenwärtig wohl über 100.000 Strauße in den Colonien hält.
Auch in der eben eingeschlagenen Richtung zeigte sich der Boden derart aufgeweicht, daß kaum an ein Fortkommen zu denken war; wir schlugen deshalb die Richtung nach Westen gegen die Old de boers-Farm zu, ein. Neues Mißgeschick! Auch hier stand das Land unter Wasser, nur ein schmaler Streifen am Fuße eines, einen künstlichen Teich umsäumenden Dammes schien passirbar; nahe gekommen, fanden wir selbst diesen Engpaß morastig. Mit vereinten Kräften gelang es, das Gefährt bis zur Mitte des Weges zu bringen, hier aber versanken die Räder bis zur Achse im morastigen Grunde und alle weiteren Anstrengungen waren nutzlos. Selbst als eine diese Strecke passirende Frau uns das Gespann ihres Karrens zur Hilfeleistung überließ, konnten wir keinen Erfolg erzielen. Ermüdet gaben wir jeden weiteren Versuch auf.
Auf einer etwa 50 Schritte vom Wagen entfernten freieren, aber leider nassen Sandstelle, breiteten wir unsere Decken aus und schlugen unser Nachtlager auf. Von Schlaf war keine Rede, ein leiser Regen, ein kalter durchdringender Wind und unzählige Mosquito's hielten uns die ganze Nacht wach. Wie es aber so oft geschieht, daß man über das Unglück eines Armen, trotz der eigenen erlittenen Unfälle noch lacht und spöttelt, so geschah es am Morgen des nächsten Tages dem armen F., als wir sein Antlitz von vielen Insectenstichen verunstaltet sahen. Das Gesicht stellte eine einzige dunkelrothe mit zwei feuerrothen Wülsten (den Lippen) geschmückte Kugelfläche vor, an der man von der Nase nicht viel, statt der Augen blos zwei Spalten bemerkte.
Eine sehr schwache Lösung von Salmiakgeist brachte Linderung und zu Mittag war er bereits wohlauf. Vier prächtige Ochsen und zwei Diener aus der nahen Farm, deren Besitzer uns schon tagsvorher Hilfe zugesagt hatte, stellten sich gegen Mittag beim Wagen ein und bald war derselbe aus dem »Modder« befreit. Kaum dieser Misère glücklich entronnen, fing der Himmel durch ein von Westen heranziehendes Gewitter sich zu verdunkeln an und wir mußten eilen, um noch vor dem Sturme die nahe Old de boers-Farm zu erreichen. Als wir eben die steinige Farmhöhe hinanfuhren, da brach das Ungewitter über uns herein und bald darauf begegnete uns schon ein gelblicher Strom, der von der Ebene herabfließend, den Weg als Abflußgraben benützte, und uns zum Stillstand nöthigte. Der kaum halbstündige, heftige Gewitterregen hatte den Weg so tief versandet, daß wir nun wieder verurtheilt waren, den Wagen aus dem Sande förmlich herauszugraben. In der Farm endlich angelangt, waren wir froh, für die kommende Nacht Ruhe und ein schützendes Dach finden zu können. Ich gewann jedoch auch die Ueberzeugung, daß wir von der Fortsetzung des bisher eingeschlagenen Weges absehen mußten und beschloß, die Pferde nach Kimberley zurückzusenden und sie gegen kräftige Maulesel umzutauschen. Der Tausch kam indessen nicht zu Stande und so waren wir genöthigt, auf dem morastigen Wege nach Klipdrift weiter zu reisen. Die Abwesenheit des Farmers, von dem ich zwei Ochsengespanne zu erhalten hoffte, nöthigte uns noch zu weiterem Aufenthalte, den wir durch einen Jagdausflug ausfüllten.
Unter der Beute dieses Jagdausfluges fanden sich auch zwei Exemplare jenes schon von Livingstone beschriebenen, südafrikanischen Riesenfrosches »Motla metlo«, die ich meiner Sammlung einverleibte. Diese Thiere verbringen die Zeit der Dürre in einer Art Halbschlummer unter der Erde, meist in verlassenen Erdlöchern, und kommen nur nach heftigen Regengüssen zum Vorschein.
Nachdem wir noch unsere Vorräthe auf der Farm ergänzt, brachen wir auf; es war dunkle Nacht geworden, als wir die einige Meilen nordwärts gelegene Bredekam's Farm und das in der Nähe derselben befindliche Hotel erreichten. Auch diese Farm, obwohl sie einem Manne angehörte, der in den Diamantenfeldern reich geworden, war blos ein dürftiger, zur Noth seiner Bestimmung entsprechender Bau. Das Hotel bestand aus zwei mit Eisenblech gedeckten Segeltuchhäusern; es war von einem Deutschen gehalten, von dem es »Bismarck's Retreat« (Erholungsplätzchen) genannt wurde. Trotzdem, daß derselbe dieser Stelle Berühmtheit und sich selbst ein gutes Stück Geld erwerben wollte, und deshalb mit Wort und Inserat einige der vielen, Süd-Afrika charakterisirenden, salzhaltigen Quellen als eminente Heilquellen ausposaunte, war es ihm nicht vergönnt, aus Bismarck's Retreat ein Eldorado zu schaffen.
Nach mancherlei unangenehmen Zwischenfällen erreichten wir endlich die Höhen, welche von Hebron ab das Ufer des Vaal-River säumen, und begrüßten hocherfreut und aufathmend das uns entgegenschimmernde Grün des Thales; bald weidete sich unser Auge am Anblicke des in ziemlicher Fülle hingleitenden Stromes, an dessen südlichem Ufer wir die zerstreuten Häuschen der Berliner Missionsstation Pniel und ein kleines Korannadorf erblickten.
Von den Pnielhöhen herabfahrend, passirten wir am Wege die Ruinen eines Missionsgebäudes, in dem ein Korannaschmied mit seinem aus Schafhäuten verfertigten Blasebalg den zahlreichen hier nistenden grauen Fledermäusen Gesellschaft leistete. Wir machten nahe am Vaalflusse Halt, und während meine Begleiter Anstalten zur Bereitung des Mittagsmahles trafen, nahm ich das Gewehr, um die Gegend zu durchstreifen. Im Bette einer ausgetrockneten Regenschlucht, die hier in den Vaalfluß einmündete, beobachtete ich zahlreiche Spuren von Wasserleguanen und Fischottern, und erlegte nebst mehreren Mäusevögeln und Turteltauben einige große Regenpfeifer, welche mich mit ihrem lauten Tip-Tip angelockt hatten. Der Vaal, der bedeutendste Nebenfluß des Oranje, ist an dieser Stelle, wo ihn der von Kimberley nach Klipdrift Reisende zuerst trifft, etwa 100 Schritte breit, sehr schlammig und durch seine unzähligen Stromschnellen charakterisirt, welche von einander durch tiefe schlammige Stellen geschieden sind und an welch' letzteren der Fluß eine fast gleichmäßige bis 200 Schritt messende Breite zeigt. Seine Ufer sind gleichfalls auf weite Strecken hin schlammig, und dadurch unnahbar; Hausthiere können nur an den in den Fluß reichenden Felsenbänken oder an den Stromschnellen zur Tränke geführt werden; durstige fremde Thiere, die hier ausgespannt und nicht gut bewacht zum Wasser hinabeilen, büßen einen solchen Versuch meist mit dem Leben.
Ein Besuch im Korannadorfe bot uns einen trostlosen Anblick und gab mir die Ueberzeugung, daß bei keinem anderen Eingebornenstamm, etwa mit Ausnahme der Matabele, die Missionsthätigkeit so geringe Erfolge aufzuweisen hat, als bei den Koranna's. Ihre socialen Zustände und Verhältnisse, ihre Bildungsstufe, bewiesen mir, daß sie nur die Laster der Civilisation angenommen, für die Lichtseiten derselben aber wie vorher unempfindlich geblieben waren. Krankheiten und Trunksucht mit ihren verderblichen Folgen herrschen auch hier unter den Koranna's.[[1]]
[1] Zu Anfang des Jahres 1877, habe ich in einer Brochüre die Eingebornenfrage in Süd-Afrika zu besprechen mir erlaubt und der englischen Regierung angerathen, diesen Koranna's gegenüber, welche zum Theile im Vaalthale von Fourteen-Stream bis zur Hart-Rivermündung als englische Unterthanen wohnen, ferner am mittleren Hart-River um die Stadt Mamusa ein kleines selbstständiges Reich bilden, und auch unter den nördlicher wohnenden Barolongen in der Stadt Koranna leben, den Verkauf spirituoser Getränke zu sistiren, um sie zum Ackerbau anzuhalten, sowie durch wöchentliche Inspicirung durch Polizisten sie zur Reinlichkeit und Instandhaltung ihrer Dörfer und Gehöfte zu gewöhnen. Man kann sich keinen widerlicheren Anblick denken, als diese in europäische Fetzen gekleideten, von Schmutz und Unreinlichkeit im höchsten Grade strotzenden Gestalten. Es freut mich, in der letzten Zeit vernommen zu haben, daß der gegenwärtige Gouverneur Colonel Warren von Griqualand-West, die Ausfuhr von Spirituosen in die nachbarlichen Eingebornenreiche verboten und auf seine Provinz beschränkt hat. Ein voller Erfolg, eine gründliche Verbesserung in den socialen Verhältnissen der Koranna's, wird aber erst dann eintreten, wenn das Gesetz noch bis zur vollkommenen Verweigerung der genannten Getränke verschärft sein wird.
Unter allen Stämmen Süd-Afrika's verwendet dieses Volk die geringste Mühe auf den Aufbau und die Instandhaltung ihrer Wohnungen. In der wohl auch durch das Klima beförderten Indolenz und Energielosigkeit übertreffen die Koranna's und Griqua's diese beiden Bruderstämme der Hottentottenrace, selbst die übel beleumundeten Buschmänner, welche die Felswände ihrer früher bewohnten natürlichen Höhlen mit einfachen mit Ocker übertünchten Zeichnungen bedeckt und die Gipfel der von ihnen bewohnten Höhen, d.h. die diese bedeckenden dunkeln Felsenblöcke mit Ausmeißelungen von thierischen und menschlichen Gestalten und anderen Objecten geschmückt hatten. Wenn der Koranna sich aus der ihm eigenthümlichen Trägheit, dem Mangel an Streben und Ausdauer herausreißt, um als Diener Anderer zur Arbeit zu greifen, so geschieht dies nur, weil ihm dadurch die Möglichkeit geboten ist, sich dem heißersehnten Branntweingenusse hinzugeben.
Hier am Abhange eines kahlen Höhenzuges, dort am Flußufer oder am Rande einer Salzpfanne, hie und da auch in den Felsenschluchten des Vaalflusses, finden wir eine oder mehrere, etwa 1½ Meter Höhe und 3-3½ Meter im Durchmesser haltende halbkugelige, jeder Umzäunung bare Hütten, die augenscheinlich nur dem Nothbehelf dienen, weder geräumig, noch symmetrisch gehalten, mehr thierischen Strohbauten gleichen. Die Herstellung ist denn auch, dem Aussehen entsprechend, eine höchst primitive. Wenn die Frauen, denen die Herstellung der Wohnung obliegt, die oberen Enden etwa zwei Meter langer, dünner, im Kreise aneinander gereihter und gesteckter Baumzweige in einem Mittelpunkte zusammengebunden und das Gerippe mit Binsenmatten überdeckt haben, ist auch schon das Wohnhaus in der Hauptsache hergestellt. Eine Oeffnung, hinreichend groß, um einem Menschen in kriechender Stellung Einlaß zu gewähren, bildet die einzige Verbindung mit der Außenwelt, die im Nothfalle durch eine von innen vorgeschobene Matte abgesperrt wird. Das Innere der Hütte entspricht dem Aeußern, es läßt sich kaum etwas Trostloseres und zugleich Unreinlicheres denken als das Innere einer Korannahütte. In der Mitte eine schüsselförmige Vertiefung als Feuerherd, einige niedrige mit Querhölzern verbundene Holzgabeln, behangen mit den Ueberbleibseln einstiger europäischer Kleidungsstücke, einige Ziegen- oder Schaffelle, weiters einige Töpfe, und die Einrichtung ist damit fertig. Eine von dürren Mimosenzweigen nothdürftig umzäunte Stelle zwischen oder vor den Hütten, beherbergt die Rinder- oder Ziegenheerde, und wo nicht die Hyäne und der Leopard oder andere Raubthiere auf ihren nächtlichen Schleichwegen zu fürchten sind, bezeichnet blos ein Düngerhaufen den Sammelplatz des Vieh's. Bezeichnende Stille herrscht über dieser trostlosen Scenerie, nur nachdem Branntwein die Gemüther erhitzt, den einer der Insassen von der Stadt gebracht, oder den ein vorüberfahrender Händler ihnen überlassen, geht es lärmend zu, sonst aber unterbricht nur des Morgens und Abends, wenn die nackten Kinder die Heerden auf die Weide treiben, einige Bewegung die Monotonie im trägen Leben der Hütteninsassen.
Nur hie und da, wo wohlhabende Koranna's sich den Luxus einiger Makalahari und Masarwa, Diener und Sklaven, gönnen können, wurde im beschränktesten Maße Ackerbau versucht, für dessen Entwickelung an vielen Stellen des Landes die natürlichen Bedingungen vorhanden sind, und welche Versuche selbst bei der genannten Beschränktheit den günstigsten Erfolg hätten, wenn man Dämme aufzuwerfen oder hie und da den Hart-River oder Vaal-River abzuleiten versuchen würde.
[Koranna.]
Wie die Hottentottenrace überhaupt, die eigentlichen, die Cap-Colonie bewohnenden Hottentotten, die Griqualand-West an der Einmündung des Vaals in den Oranje und jene, Neu- oder Ost-Griqualand oder das sogenannte Nomansland um Kockstadt herum bevölkernden Griqua's, sind auch die Koranna im Aussterben begriffen, ihre Zahl hat sich beinahe um 50 Percent, ihr Besitz um 25-75 Percent verringert. Arbeitsscheu und unrein, hinterlistig und in der Mehrzahl der Fälle untreu, rachsüchtig und nur für den Moment lebend, ohne auf das Morgen zu denken etc., sowie fähig, alle möglichen Verbrechen zu begehen, um sich nur den Branntwein zu sichern, boten sie mir ein abschreckendes Bild. Da sie jedoch als Rosselenker und Gespanntreiber im nüchternen Zustande (nur in der Wildniß, wo ihnen kein Europäer das Feuerwasser reichen kann) besser als die Kaffern etc. zu verwenden sind, so versuchte ich es auch mit ihnen und trachtete nach Möglichkeit, sie nüchtern zu erhalten—vergebliche Mühe, ich mußte den Versuch sehr bald aufgeben.
In England herrschen gegenwärtig unter den Gebildetsten bezüglich der Eingebornenfrage irrige Ansichten; dieses Mißverständniß beruht hauptsächlich darauf, daß die betreffenden Persönlichkeiten sich nicht selbst von dem Stand der Dinge überzeugt haben. Wenn einzelne Menschenfreunde oder ganze Gesellschaften etwas für die Eingebornen Süd-Afrika's thun wollten, wenn sie sich selbst ein Denkmal setzen und den Farbigen die größte Wohlthat erweisen wollten, so wäre es nöthig gewesen, daß sie die gegenwärtige Bewegung in Süd-Afrika, jene der Good-Templers in re unter den Eingebornen unterstützt hätten, welche auf Grund von namentlich in den Diamantenfeldern gesammelten, sehr bitteren Erfahrungen den Verkauf von Spirituosen an die Schwarzen zu hemmen suchten. Kriege mit den Eingebornen können denselben nicht so viel materiellen Schaden an Körper und Habe (die Habe des Einzelnen schmälernd) verursachen, als ein jahrelanger ungestörter Genuß des Feuerwassers und dies namentlich bei Stämmen, die schwach in ihren geistigen Anlagen, sich leicht durch alles Glänzende, kleinen Kindern gleich, bethören lassen. Ja, ich bin dessen vollkommen sicher, daß viele meiner hohen Gönner in England, denen die Eingebornenfrage Süd-Afrika's am Herzen liegt, nie einen solchen Anblick vergessen würden, wie er sich den Bewohnern vieler Capland-Städte noch darbietet, in den Diamantenfeldern jedoch ein alltäglicher war: daß der weiße Mann betrunkene Korannafrauen, wild fluchend, von Schmutz halb verzehrt, in den staubigen Straßen herumwanken sah, bis sich ihrer ein Wachmann erbarmte. Der Anblick eines unreinen, im Schlamm sich wälzenden Thieres könnte nicht mehr anwidern als jener. Wenn ich aber hinzufügen darf, daß in den Diamantenfeldern, in der Provinz Griqualand-West selbst, in dieser Beziehung ein lobenswerther, ein bedeutender Fortschritt geschah, daß die Regierung, um die materielle Lage ihrer farbigen Bevölkerung zu verbessern, die Summe von 3000 £ St. in Kantinenlicenzen (Kantinensteuern) aufopferte und sonst bemüht ist—obgleich gegen eine starke Opposition ankämpfend—den Verkauf des Brandy an Eingeborne zu beschränken, wird dies jeden einsichtsvollen Mann gewiß befriedigen. Unstreitig wird sich die materielle Lage der Eingebornen bessern, und sie als kleine Steuerzahler, den der Regierung durch jene Maßregel verursachten Schaden wieder gut machen.
Es ist zu hoffen, daß die in den letzten Jahren so vollkommen zerrütteten Verhältnisse, das über alle Begriffe demoralisirte Familienleben der Koranna's sich verbessern und sie namentlich als Viehzüchter und Ackerbauer etwas Bedeutendes leisten können. Einen kleinen Preis müßte die Regierung ausschreiben für jene, welche an ihren Hütten den einfachen europäischen Styl nachahmend, ihre Wohnungen sich selbst errichten, welche das meiste Feld bebauen, welche die schönsten Feldfrüchte gewinnen oder das beste Vieh aufziehen; so aufmunternd, edlere Gefühle in der bis jetzt nur noch von blinden thierischen Regungen erfüllten Brust zu wecken trachten. Die Koranna's könnten in der Holzschnitzerei und Steinschneiderei manches Gute leisten, wären also auch hier zu unterstützen.
Durch den moralischen Verfall der Koranna's im letzten Jahrzehnte haben dieselben die meisten ihrer früheren erwähnenswerthen Gebräuche außer Acht gelassen, ja ich möchte sagen; vollkommen vergessen; was sich jedoch noch bei ihnen erhalten hat, das ist eine Art Freimaurerthum. Die Mitglieder dieser Gesellschaft erkennen sich an einem äußeren Abzeichen, in der Regel drei auf der Brust ausgeführte 1-1½ Zoll lange (vernarbte) Schnitte. Ein Mitglied dieses Bundes findet überall, wo er zu Seinesgleichen hinkommt, die freundlichste Aufnahme, sowie er dem Hausherrn die Narben auf der Brust gewiesen, oder dieser, dem Besucher das Hemd an der Brust öffnend, das Zeichen erblickt hat. Solch' ein Freimaurer wird nun von dem Bruderhausherrn auf das Freundlichste aufgenommen, bewirthet, und einem Verwandten oder Familiengliede gleichgehalten. Will ein Koranna diesem geheimen Bunde beitreten, so macht er, da das Erkennungszeichen ziemlich bekannt unter dem Stamme ist, einem seiner Nachbarn, an welchem er ein solches beobachtet, seinen Entschluß bekannt, daß er beitreten wolle. Hat sich der Angesprochene überzeugt, daß der Antragsteller im Stande ist, die Kosten der Einweihungs-Ceremonie zu tragen, so meldet er es den in demselben Dorfe oder ringsherum Wohnenden, und wenn sich keine in der Nähe aufhalten, sondern weitab wohnen, so wird um diese gesendet und nachdem sie sich versammelt, die Einweihungs-Ceremonie vorgenommen, welche darin besteht, daß man dem neuen Bruder die gegenseitigen Unterstützungspflichten bekannt macht, und wobei er, von dem Aeltesten der Anwesenden mit den drei Schnitten gekennzeichnet, das Gelübde, jenen Verpflichtungen nachzukommen, abgibt und dies mit dem gewöhnlichen Schwure »so wahr als ich eine Mutter habe« bekräftigt. Eine Orgie beschließt diese Ceremonie, wobei einige Stück Rindvieh, Schafe und Ziegen geschlachtet werden und die Gesellschaft nicht eher scheidet, als bis alles consumirt ist.
Ich werde noch mehrfach Gelegenheit finden, diese in allgemeinen Zügen gehaltene Charakteristik dieses Stammes zu vervollständigen.
Nach einem fast dreistündigen Aufenthalte verließen wir Pniel, der Weg führte nun über bebuschte Hochebenen, welche von zahllosen rothen Flugsanddünen durchzogen waren, die unseren Zugthieren die größten Schwierigkeiten bereiteten. Wir mochten etwa zwei Drittel des Dünengürtels durchmessen haben, als unsere Thiere, erschöpft, nicht mehr von der Stelle zu bringen waren, und wir hier auf vorbeiziehende Batlapinen warten mußten, welche nach den Diamantenfeldern Holzhandel treiben. Wir waren schon mit der Herstellung unseres primitiven Nachtlagers beschäftigt, als uns der bekannte gedehnte Knall der Ochsenpeitsche (eines Monstrums in seiner Art) auf ein ankommendes Gefährte aufmerksam machte. Es waren, wie ich vermuthet, von Klipdrift kommende Holzfuhrleute; die Unterhandlungen über die geforderte Entlohnung waren bald beendigt, und der Wagen in kürzester Zeit aus der mit Dünen besäeten Ebene auf festem Boden in Sicherheit. Eine neue bange Sorge verursachte uns die Beischaffung des nöthigen Trinkwassers für unseren persönlichen Bedarf und zum Tränken der durstigen Thiere. Die Nacht war sehr dunkel, ein kalter Nordwind durchdrang unsere Kleider, nur ein ungewöhnliches Wetterleuchten am westlichen Horizonte erhellte zuweilen die tiefe Finsterniß.
Die Wegrichtung zum Strom war uns wohl bekannt, allein in der Dunkelheit, die uns kaum erlaubte, auf 40 Schritte hin deutlich zu sehen, war es uns unmöglich, uns über die Stelle zu orientiren, auf welche wir lossteuerten; es konnte ein steiler Abhang oder eine schlammige Uferpartie sein, beides gleich gefährlich.
Ich mein Reitpferd, meine weißen Gefährten je ein Paar der Zugthiere führend, steuerten wir, unseren zurückbleibenden Wagen allen Göttern empfehlend, in die Dunkelheit hinaus, von »Nigr« begleitet, der sich um die Dunkelheit wenig zu kümmern schien und vorwärtseilend durch lautes Bellen seine Befriedigung über den nächtlichen Ausflug kundgab. Anfangs ging es über eine kurz begraste Ebene, die nach dem öfteren Ausgleiten zu urtheilen, mit vielen breitblättrigen Liliaceen bedeckt zu sein schien, dann kamen wir an zahllose vom Regenwasser aufgewühlte Rinnsale, deren erstes uns ein Schrei meines Begleiters F. ankündigte, der bis zu den Hüften darin versank. Wir brachen von den unseren Weg säumenden Gebüschen Aeste ab, um damit das Terrain vor uns zu sondiren, doch half dies nicht viel, namentlich als wir uns dem Flusse nähernd, den Abhang heruntergingen. An den zahlreichen Mimosenzweigen blieb so manches wollene Wahrzeichen unseres kühnen Nachtmarsches zurück, der den Koranna unwillkürlich Achtung abringen mußte.
Am Flusse angelangt, war eine sichere Tränkstelle nicht anders zu entdecken, als daß wir selbst mit Stöcken den schlammigen Ufergrund sondirend, nach einer solchen suchten. Unsere Bemühungen waren über alles Erwarten glücklich, nur wenige Schritte unterhalb unserer Haltstelle stieß mein Begleiter F. auf einen vorzüglichen Tränkplatz. Nachdem die Pferde mit aller Vorsicht einzeln getränkt waren, hieß es, den Rückweg zum Lagerplatze auf der Hochebene antreten. Dies war nichts Leichtes, denn wir hatten uns bald überzeugt, daß wir beim Abstieg zu sehr vom directen Wege abgekommen waren. In der herrschenden undurchdringlichen Finsterniß war unser Beginnen nicht ohne Gefahr, nach wenigen Schritten, die wir vom Ufer ab zurückgelegt hatten, versperrte uns eine dichte Gebüschbarriere den Weg, wir mußten also versuchen, stromaufwärts freieres Feld zu gewinnen, ein in den letzten Zügen flackerndes Feuer in der Entfernung von etwa 600 Schritten wies uns auf die richtige Fährte. Vor Kälte zitternd (das Thermometer zeigte blos 7 Grad Reaumur) langten wir endlich am Wagen an, der heftige Wind und ein vom Blitz und Donner begleiteter Regenschauer machten alle Versuche, ein tüchtiges Feuer zu entzünden, zu Schanden. Obwohl auf das Aeußerste ermüdet, wollte dennoch kein Schlaf unsere Glieder stärken, die durch das Unwetter unruhig gewordenen Pferde zerrten ununterbrochen an unserer »Arche« und vereitelten dadurch jeden Versuch, Morpheus an uns zu fesseln, mit Gewalt. Da sich die Pferde durchaus nicht beruhigen ließen, vermutheten wir, daß sie durch herumschleichende Hyänen beängstigt wären und durchstreiften die nächste Umgebung, indeß ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen.
Gegen Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir weiter gegen Klipdrift auf. Kleine in unsern Weg mündende Thälchen und mit hohem Busch bestandene Ebenen brachten in die bisherige Monotonie einige Abwechslung und waren durch Deuker und Steinbockgazellen belebt, auch die graue Zwergtrappe tummelte sich zwischen den in kleinen, dichten Gruppen stehenden, 6-12 Fuß hohen Büschen. Beide Gazellen halten sich tagsüber in dem niedrigen und dichten Gebüsch im Versteck, die Steinbockgazelle (Tragalus rupestris) verläßt dieses nur zur Nachtzeit oder bei annähernder Gefahr. Ich glaube auch darin, daß sie des Tageslichtes entwöhnt ist, den Grund des Erblindens der in der Gefangenschaft gehaltenen Thiere (zu 90 Percent) zu finden. Im minderen Grade ist das bei dem Deuker (Cephalolophus mergens) der Fall, da er auch zuweilen tagsüber der Nahrung nachgeht. Geübte Schützen jagen beide Thiere mit dem Riflestutzen; unter allen Umständen erfordert das Erlegen der zierlichen, kaum 20 Zoll hohen Gazelle auf 200-400 Schritte Entfernung eine meisterhafte Handhabung der Waffe.
»Sportsmänner« jagen die schönen Thiere mit Windhunden; ähnliche Thierquälerei, einem der unschuldigsten Thiere gegenüber, hat der Weiße auch in allen anderen Welttheilen eingeführt. In Süd-Afrika war es bisher nur unter den Eingebornen im Gebrauch, schädliche und namentlich des Pelzwerkes halber nützliche Thiere mit Hunden zu jagen und selbst bei diesen verkürzte man thunlichst die Dauer der Verfolgung. Dazu gehören die südafrikanischen Schakale (Canis mesomelas und cinereus), der Kamafuchs, sowie der Erdwolf (Proteles Lalandii), die Genettkatzen und das Scharrthier.
Der Steinbock, von den Boers »Steenbuck« genannt, sowie der Deuker oder Ducker sind in den dichtbebuschten und bewaldeten Partien am Abfalle des süd- und centralafrikanischen Hochplateau's nach der Küste zu durch den Grysbock (Tragalus melanotis) und den kleinen Blaubock (Cephalolophus coerula), nach Norden hin durch den auf den Ebenen des Salzpfannengebietes paarweise, jenseits des Zambesi in kleinen Heerden lebenden Orbecki vertreten.
Die Fahrt über die bebuschten Hügelpartien nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, denn der Weg glich dem trockenen Bette eines mit Geröll übersäeten Wildbaches, der Wagen kam in die bedenklichste Situation, seine Schwankungen kosteten einem unserer Hunde, der sich unvorsichtiger Weise zu nahe gewagt, das Leben. Endlich war die Vaal-Fähre erreicht und wir alle gegen zehn Shillinge Entlohnung über das Wasser gesetzt.[[1]]
[1] Zur Trockenzeit benützen die Wägen eine unterhalb der Fähre befindliche Furth.
Am rechten Ufer des Vaal angelangt, schlugen wir in unmittelbarer Nähe von Klipdrift, am Fuße einer Anhöhe unser Lager auf. Mit anderen südafrikanischen Orten verglichen, verdient Klipdrift ein hübsches Städtchen genannt zu werden. Aus etwa 150 theils steinernen, theils Eisenblechhäusern (die Ueberreste des früher 5000 Einwohner zählenden Hauptortes der River-Diggings) bestehend, liegt es am Abhange niedriger, kaum 80 Fuß das Niveau des Flußbettes überragender, mit unzähligen dunkelbraunen Felsblöcken (Trapdykes) bedeckter Höhen; der aus Südsüdost kommende Fluß macht hier eine Biegung nach West. Kleine, theils kahle, theils begraste, hie und da mit Bäumen bedeckte Inseln in dem ober- und unterhalb Klipdrift über Felsenblöcke rauschenden Strome verleihen dieser Ansiedlung einen nicht geringen Reiz. Zur Zeit meines Besuches schmückten hohe Bäume beide Ufer des Flusses, von denen das linke höher als das rechte ist.
Lange Zeit besaß Klipdrift eine architektonische Merkwürdigkeit, nämlich das einzige aus Steinen erbaute einstöckige Haus, das Kanzleigebäude der »Standardbank«, eines Institutes, dessen Noten vollen Goldwerth haben. Am Ostende von Klipdrift schließt sich die native location (die Niederlassung) der farbigen Eingebornen an, damals von Koranna's Batlapinen und Barolongen bewohnt, von welchen gegenwärtig nur noch die beiden ersten Stämme vertreten sind. Das Aeußere dieser Eingebornen-Niederlassung erhält durch ein buntes Gemisch verschiedener Baustyle (Korannahütten, Basutohütten und in europäischem Style aufgeführte Holz- und Lehmhäuschen) einen eigentümlichen Charakter.
[Inneres einer Korannahütte.]
Die Bewohner, Männer sowohl als Frauen, entwickeln regen Arbeitssinn, während sich die ersteren im Taglohn oder zu anderen Arbeiten (Jobs) verdingen, steuern auch die Frauen (besonders die Kaffern- und Betschuanafrauen) durch ihren Verdienst als Wäscherinnen zu den Kosten der Haushaltung bei. Ihre Thätigkeit belebt die Scenerie am Flusse.
Ein flüchtiger Blick genügt, um die beiden Racen zu unterscheiden, und ohne Zaudern werden wir den Vertretern der Betschuanarace, den Batlapinen und Barolongen den Vorzug angenehmerer Gesichts- und Körperbildung einräumen. Von mattschwarzem bis dunkelbraunem Teint, sind ihre Gesichtszüge weder schön noch häßlich, während das gelblich-braune Gesicht des Koranna direct häßlich zu nennen ist. Die kleinen Augen liegen in tiefen Höhlen, das kurze und schmale Gesicht zeigt kaum einen deutlichen Nasenansatz, die unnatürlich vorgehenden Kinnbacken und wulstigen Lippen sind die Hauptmerkmale der vorderen, ein kleiner, länglicher Schädel jener der hinteren Kopfbildung. Der Körper der Frauen wird durch jene bekannte Sattelbildung der unteren Wirbelsäule, welche ihren Gang schwerfällig erscheinen läßt, nicht wenig verunstaltet. Viele Korannafrauen hatten Wange und Stirne mit rothem Ocker überschmiert, oder blau bemalt, und zwar mit vom Ohre zu den Augen, Nase, Mund und Kinn laufenden geraden oder nach oben zu concaven Linien. Häufig fand ich die Wangen und Stirne auch braun und schwarz bestrichen, was ihnen das Aussehen von gekleideten Affen verlieh.
[Kranken-Ordination in Klipdrift.]
Bei einem meiner Besuche im Eingebornenviertel trat ich in eine der Korannahütten. Es bot sich mir da ein eigentümliches Bild dar. In einer schüsselförmigen Vertiefung in der Mitte der Hütte lag in glühender Asche ein wolliger Gegenstand; bei näherer Besichtigung erkannte ich, daß es ein Lämmchen war, das gebraten wurde. Zwei Frauen, den Oberkörper vollkommen entblößt, beide gemüthlich rauchend, saßen auf Matten, während einige nackte Kinder, deren gelblich-graue, lichte Körperfarbe durch Unreinlichkeit schwarz übertüncht war, herumspielten. Das Familien-Oberhaupt, in abgetragene europäische Lappen gekleidet, saß unmittelbar am Heerde und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit das Garwerden des Bratens, das ein lautes Schnalzen mit der Zunge anzukündigen schien. Dies betätigte mir auch die Entfernung des Stückchens Kautabak, das der Koranna nur während des Mahles weglegt. Es währte nicht lange, so war der Lammsbraten von der glühenden Asche befreit, der verkohlten Wolle entledigt, in Stücke geschnitten und zertheilt. Während die Kinder fest und gierig darauf losbissen, schnitten sich der Mann und die Frauen, indem sie das eine Ende eines Fleischstückes mit den Zähnen, das andere mit der Hand festhielten, jeden Bissen mit dem Messer unmittelbar an den Lippen ab. Außer Fleisch, wobei sie namentlich die Eingeweide und das Hirn der Thiere vorziehen, genießen die Koranna's häufig Mehlbrei, gekochte Kürbisse und Milch, nur Fische, Krebse, Muscheln und Aehnliches verabscheuen sie wie die meisten afrikanischen Völker im Innern des Erdtheils, während wir überall längs der Seeküste Spuren von Menschen finden, welche sich durch eine sehr lange Periode nur von Fischen genährt haben mußten.
In geringer Entfernung von dem Eingebornenviertel in Klipdrift liegen die in früheren Jahren bearbeiteten River-Diggings. Welcher Unterschied—wie unscheinbar gegen die Dry- (Central) Diggings. Eine Unzahl zwei bis acht Quadratmeter großer, bis zwei Meter tiefer, theilweise mit Gerölle, namentlich calcedonartigen Steinen und kopfgroßen Grünsteinblöcken gefüllter Gruben, einem durchstöberten Friedhof nicht unähnlich, war Alles, was von den einst von Tausenden emsiger und mit Fieberhast arbeitender Menschen belebten Diamanten-Fundstätten übrig geblieben, seit Dutoitspan entdeckt worden war. Obwohl die Gruben keine besondere Tiefe hatten, mußte trotzdem das Diamantensuchen in diesem steinigen Boden sehr beschwerlich gewesen sein; ich traf jetzt nur zwei Digger, welche im Schweiße ihres Angesichts nach den kleinen, glänzenden Kieseln und allem Anscheine nach mit wenig Erfolg fahndeten; ein Engländer, der mit zwei Batlapinen arbeitete, und eine abgemagerte, etwa dreißigjährige weiße Frau, in deren Zügen Krankheit und Noth nur zu deutlich zu lesen waren; in ihrer Gesellschaft ein kleines Kind, welches mit farbigen Steinen spielte. Ihre sorgenschweren Mienen flößten mir Mitleid ein und ich konnte die Frage nach dem Erfolge ihrer Bemühungen nicht unterdrücken; ihre Antwort entrollte mir eines jener traurigen Bilder, an denen das Diggerleben in den Diamantenfeldern trotz der kurzen Zeit, die seit ihrer Entdeckung verflossen, überreich ist. Vor mir stand eine junge Frau, welche ihrem diamantensuchenden Gemahle nachgereist war, um ihn in sterbendem Zustande wiederzufinden und nun selbst allen tückischen Wechselfällen des aufregenden und aufreibenden Diggerlebens preisgegeben zu sein.—Ich werde später noch Gelegenheit finden, die Geschichte manches Opfers der Diamantenfelder zu erzählen.
Die mit üppiger, durch einige tropische Species charakterisirte Vegetation bewachsenen, kleinen Bergthäler, sowie einige morastige Wiesen in der Nähe des Flusses, hauptsächlich aber seine dichtbebuschten und belaubten Ufer und sein bald felsiges, bald schlammiges Bett, beherbergen als vorzüglich geeignete Schlupfwinkel, eine artenreiche Thierwelt. Ich bedauere, daß ich Klipdrift und seine nächste Umgebung stets nur flüchtig, meist auf dem Durchmarsche berühren konnte; bei längerem Aufenthalte winkt hier dem naturwissenschaftlichen Sammler reichliche Ernte, wie denn überhaupt der Ort wie eine Oase aus der eintönigen Oede des südafrikanischen Hochlandes hervorsticht. Doch selbst während meines kurzen Aufenthaltes fand ich von Falken und Sperbern manche interessante Art, graue Uhu's, Berg-, Baum-, Sumpf-, sowie auch Zwergeulen ziemlich vertreten; mehrere Krähenarten und namentlich in den Buschdickdichten der Ufer, sowie in der Nähe der Gehöfte fünf Staararten, von denen ich den kleinen, und den schönen großen, langschwänzigen Glanzstaar besonders hervorheben will. Zahlreich sind die Würger, doch noch zahlreicher die körnerfressenden Singvögel vertreten, von den letzteren fielen mir mehrere langschwänzige Finkenarten auf, doch fehlen auch Drosseln und andere Insecten fressende Singvögel nicht, namentlich Bachstelzen, Schnapper, Rohrfänger etc. Von spechtartigen Vögeln traf ich nur zwei, dagegen mehrere Arten Colibri's und eine Art des Bienenfängers, sowie zwei Eisvögel- und Kukuksarten an. Auch der schon erwähnte langschwänzige kleine Mäusevogel, mehrere Schwalben und eine Ziegenmelker-Species gehören zu den häufigeren Erscheinungen, in entsprechendem Verhältnisse sind auch die übrigen die Fauna Süd-Afrika's charakterisirenden Vogelarten vertreten, vor Allem aber Tauben, Zwergtrappenarten, Stelzenvögel, Enten und Taucher. Unter den Reptilien waren namentlich drei Species von Landschildkröten, neben einer im Wasser lebenden, häufig zwischen den Felsenblöcken an den Höhen anzutreffen. Die gewöhnliche Schildkröte, die gemeine südafrikanische Landschildkröte, und eine flache Art mit viereckigen grünlichen Zeichnungen in den Centren der oberen Schilder. Von Fischen beobachtete ich fünf Species, von welchen ich eine nordwärts bis über den Zambesi hinaus in allen Gewässern sowohl im Süßwasser, als auch in den Salzpfannen und Salzflüssen vorfand. Es ist der südafrikanische Wels mit schildförmigem Kopfe.
Erst hier, in der unmittelbaren Nähe von Klipdrift, gelang es mir, meine vier Pferde gegen die tauglicheren Zugochsen einzutauschen; obgleich ich dabei in pecuniärer Beziehung Einbuße erlitt, ging ich hocherfreut auf den Tausch ein, denn schon war in der Umgegend die alljährlich grassirende Pferdekrankheit ausgebrochen und in unserer Nähe sonnten sich bereits mehrere Pferdecadaver. Mein Gespann bestand nun aus sechs Zugochsen, von welchen leider zwei äußerst störrisch und unlenksam waren, während der Verkäufer mir alle als äußerst zahm, gefügig und Thiere par excellence anpries. Hätte nicht die grassirende Pferdekrankheit bereits so deutliche Beweise ihres mörderischen Auftretens in unserer Nähe gegeben, so wäre ich beim Tausche wohl besser weggekommen; so aber schien der Mann nur zögernd das Geschäft abschließen zu wollen. Mit der Vermehrung meines Gespanns erwuchs mir auch die Sorge, wenigstens zwei farbige Diener zu miethen; einen als »Leader«, um das vorderste Paar der hintereinander gespannten Zugthiere zu leiten und einen »Driver«, der das Gespann mit der Peitsche anzujagen hatte. Auch dieser Bedarf war bald gedeckt; bei einem Besuche des Korannadörfchens hatte Freund F. einen hier lebenden Deutschen angetroffen, den ich nun ersuchen ließ, uns unter seinen Nachbarn zwei rüstige, junge Männer auszusuchen und auf einige Wochen als Diener zu miethen. Noch am selben Tage brachte uns dieser einen echten Korannajüngling von ungefähr 16 Jahren und einen Korannabastard mit Namen Gert, welche sich beide geneigt zeigten, gegen einen wöchentlichen Lohn von 8 Shillingen und 6 Pence in meine Dienste zu treten.
Zu meiner nicht geringen Ueberraschung erbat sich der deutsche Ansiedler als einzigen Gegendienst einen Besuch bei seiner kranken Frau. Gern folgte ich ihm und fand mich bald darauf in einem kleinen, halb in europäischem, halb im Style der Korannahütten ausgeführten kleinen Gebäude, wo der Mann in Gesellschaft einer Bastardfamilie wohnte. Auch seine Frau gehörte zu diesen Mischlingen. Sie war in elende, doch reinliche Lappen gekleidet und der erste Blick belehrte mich über die Natur ihrer Krankheit; die Aermste war in Folge drückendster Nahrungssorgen gänzlich entkräftet; ich fand leider erst später Gelegenheit, ihr stärkende Arzneien senden zu können. Während ich noch mit der Frau sprach, hatte sich uns ein kleines, etwa sechsjähriges Mädchen mit wahrhaft feinen und schönen Gesichtszügen und kurzgelocktem, dunkelblondem Haare genähert. Es trug keine Spuren des dunklen Teints seiner Mutter an sich. Ueber meine Frage: wie es der Mann über sich bringen konnte, sich hier unter den Farbigen niederzulassen, erhielt ich die Antwort: »Wohne nicht lange hier, habe über 300 £ St., die ich mir durch langjährige Arbeit in der Colonie erworben, in jenen verlassenen Diamantengruben dort drüben eingebüßt; nun muß ich Taglöhnerarbeit verrichten, und in allen diesen Mühen, Sorgen und Enttäuschungen fand ich an diesem farbigen Weibe ein so treues, aufopferndes und mitfühlendes Wesen, daß ich mich nicht leicht von ihr trennen könnte.«
Trotz häufiger Regenschauer, welche sich während unseres Aufenthaltes in Klipdrift eingestellt hatten, dachten wir nicht daran, unser bisher gewohntes Nachtlager unter dem Wagen aufzugeben; unser Erfindungsgeist fand bald eine entsprechende Abhilfe. Dem Nachtlager war aber auch nicht ein gewisser origineller und phantastischer Zug abzusprechen. Unsere Diener schienen nicht nur in der Mythologie Süd-Afrika's wohl bewandert zu sein, sondern auch unter den Göttern des Alterthums so manchen Gönner zu haben, vor Allem schien Bacchus ihr Schutzpatron und Morpheus ihr Liebling zu sein. Wenn wir sie nicht zur Arbeit angehalten hätten, wären sie im Stande gewesen, sechs Stunden des Tages dem Dienste des ersteren, und den Rest des Tages dem Letzteren zu widmen. Ja, Gert trieb es so weit, daß er oft während des Mahles einschlief.
Nachdem wir uns mit etwas Provision, namentlich Mehl, Thee und Zucker versorgt, verließen wir Klipdrift und brachen nach Norden zu, gegen die Vereinigung des Hart-River mit dem Vaal-River, in die von den westlichen Batlapinen bewohnten Landstriche auf, wobei ich noch einige der flußabwärts liegenden, verlassenen River-Diggings und zunächst das auf halbem Wege liegende Gong-Gong berühren wollte. Die durchreiste Gegend war ein mäßig hügeliges, nach Westen zu dem Vaalfluß' steil abfallendes, nur stellenweise dichter bebuschtes Hochplateau, auf welchem einige Niederlassungen der Koranna's und Batlapinen zerstreut lagen.
Für den Jäger wie Naturforscher hat das Land zwischen dem unteren Hart- und Vaal-River insoferne besonderes Interesse, als man von Süden her hier zuerst das von den holländischen Farmern »blaues Wildebeest«, von den Betschuana's »Kokon« genannte, gestreifte graue Gnu (Catoblepas Gorgon) rudelweise antrifft. Es breitet sich von hier und von den nördlichen Gegenden des Oranje-Freistaates nach Norden zu bis über den Zambesi aus und ist größer als das schwarze oder gemeine Gnu, dabei auch minder wild. Seine Hörner unterscheiden sich auch wesentlich von jenen des gemeinen Gnu, sie sind nämlich nach vorne und innen gebogen und ähneln denen mancher unserer kurzhörnigen Rindviehracen.
Die Jäger unterscheiden beide Arten nach der Farbe der Schwanzhaare, indem das schwarze durch einen weißen, das auf bläulich-grauem Grunde, namentlich am Vorder- und Oberkörper schwarz gestreifte Gnu durch einen schwarzen Schwanz schon aus großer Ferne erkennbar ist. In den baumlosen Ebenen von den westlichen Theilen der Cap-Colonie bis zum 23. Grad nördlicher Breite ist es neben den Springbock- und den Bläßbockgazellen das häufigste Wild.
In später Nachmittagsstunde bogen wir in eine kleine Schlucht ein, an derem Ausgange im Vaalthale einige Segeltuchhäuschen und Zelte sichtbar wurden; es waren die Reste des einst so blühenden Gong-Gong, das anmuthig aus dem dunklen Grün üppiger Laubbäume hervorlugte. Auch fehlten einige Koranna- und Betschuanahütten nicht, die auf dem felsigen und niedrigen Abhange des Plateau's zwischen den Steinblöcken erbaut waren. Gegenüber von Gong-Gong liegt das noch ärmlicher aussehende Waldeks-Plant.
Wir schlugen im Dörfchen selbst auf einer einladenden Rasenstelle unser Lager auf. Ein Wagen war für Gong-Gong und Waldeks-Plant etwas nicht Alltägliches und so waren wir bald Gegenstand der allgemeinsten Aufmerksamkeit geworden.
Die Diamantengruben von Gong-Gong lagen auf dem Abhange; jene im Thale, unmittelbar am Flusse und im alten Flußbette waren schon seit Langem verlassen. Mehr Leben fand ich in Waldeks-Plant, welches sich auch durch den Fund zweier schönen Steine in einer und derselben Grube einen Namen errang. Es war ein gelblicher Stein, der 288¼ Karat wog und ein zweiter weißlicher, der in seiner Mitte einen schwärzlichen Fleck zeigte, einer Fliege nicht unähnlich und deshalb auch der »Fly-(Fliegen-)Diamond« genannt wurde. Ihr Finder wollte einst nach langer fruchtloser Arbeit seinen Claim verkaufen, doch Niemand fand sich, der auf seine Forderung eingegangen wäre; um nicht müßig zu sein, entschloß er sich allein, ohne Beihilfe schwarzer Diener, das Graben und Suchen fortzusetzen. Das bishin treulose Glück lächelte ihm nun zu und er fand zuerst den großen, kurze Zeit darauf den Fly-Diamond und ward über Nacht ein »gemachter Mann«. Der Werth des großen Steines wurde damals mit 10.000 £ St. angegeben und ich erinnere mich, daß er nach meiner Rückkehr von der ersten Reise in den Central-Diggings längere Zeit hindurch gegen 1 Shilling Entrée ausgestellt war.
[Batlapinenknaben den Kiri werfend.]
Von Gong-Gong schlugen wir eine nördliche Richtung nach dem Hart-River ein; einige weiße, aus der Ferne entgegenschimmernde Punkte an den zum Vaal sich steil herabsenkenden Felsenhügeln bezeichneten uns die Stellen, wo noch vor wenigen Jahren die blühenden River-Diggings New-Kierke-Rush u.a. lagen. Die Strecke von Gong-Gong bis Delportshope (dieses nicht ganz eine Meile von der Hart-Rivermündung entfernt) gehört gewiß zu den unbequemsten, die ich je mit einem Wagen passirte. Ich konnte es nicht fassen, wie zur Zeit der Blüthe der River-Diggings auf solchen Verkehrspfaden die Bedürfnisse von Tausenden von Menschen mittelst der Achse herbeigeschafft wurden. Auf der ganzen zurückzulegenden Strecke glich der als Fahrweg benützte Erdstreifen einem von Wasserfluthen ausgewaschenen Geröllboden. Die Fahrt über diese Chaussee war, wie leicht denkbar, eine martervolle; kaum war das eine Hinterrad aus einem der zahllosen wassergefüllten Löcher durch die vereinten Anstrengungen der Thiere und die virtuose Handhabung der riesigen Peitsche von Seite des Korannatreibers herausgefördert, als schon wieder eines der Vorderräder über einen fast fußhohen Block hinaufgezerrt wurde. Um das Maß voll zu machen, begannen die des Joches ungewohnten Zugthiere in störrischester Weise ihre Dienste zu versagen.
Kein Wunder, wenn diese Fahrt die dreifache Zeit in Anspruch nahm. Ein Blick auf die zu beiden Seiten des Weges zerstreut umherliegenden Wagentrümmer gewährte uns einen, wenn auch schwachen Trost; wir waren nicht die einzigen, die unter diesen Qualen zu leiden hatten. Leider waren dieser Fahrt alle meine Thermo- und Barometer zum Opfer gefallen. Die Begegnung mit einem Batlapinen, der an einem Kiri, einer bei den Zulu und Betschuana beliebten Waffe, ein Häschen trug, nahm mein ganzes Interesse in Anspruch. Die Waffe ist aus Holz (bei den nördlichen Bamanquato auch aus dem Horne des Rhinoceros) gearbeitet, 20-90 Centimeter lang und läuft an einem Ende in eine hühnerei- bis faustgroße, einfache oder geschnitzte Kugel aus. Im Handgemenge ist der Kiri eine sehr wirksame Waffe, auch findet er auf der Jagd Verwendung und einige Stämme werfen ihn mit wahrhafter Virtuosität. Bei den Matabele ist der Kiri jene furchtbare Waffe, mit welcher diese Zulu's die Schädel der männlichen, erwachsenen Bevölkerung der rebellirenden Makalakadörfer einschlugen.
[Batlapine.]
Nebst dem Hasen trug der Mann auch ein Paar aus gegerbtem Leder gearbeitete, mit Thiersehnen sauber zusammengenähte Unaussprechliche, welche ich ihm sammt der Jagdbeute und der Waffe abkaufen wollte. »Nein,« antwortete er, im gebrochenen Holländisch, »det brüke« (die Betschuana's haben in ihrer Sechuana[[1]] keine Benennung für viele der von den Europäern eingeführten Artikel, darum nehmen sie das dafür im Holländischen oder Englischen gebräuchliche Wort, es natürlich verunstaltend, oder sie umschreiben es durch mehrere ihrer eigenen Sprache), »bring' ich zu meinem »Bas« (Herrn) nach Klipdrift,« den Hasen, meinte er, könne er selbst gut brauchen und den Kiri könne er uns schon gar nicht überlassen, da er seiner zum Schutze gegen die Phyci (Hyäne) bedürfe. Wie der in der Colonie wohnende Kaffer auf seinen Wanderungen stets seine beiden, in der Regel aus Eisen oder Assagaiholz gearbeiteten Stöcke mit sich führt, so nimmt auch der Betschuana und Zulu seinen Kiri mit. Hat er auf der Weide oder im hohen Grase eine Zwergtrappe bemerkt, so sucht er sich so nah' als möglich anzuschleichen, erhebt sich dann plötzlich, um den Vogel zum Auffliegen zu bringen und in diesem Momente saust sein kleiner, am Ende verdickter Stock durch die Lüfte. Er thut dies ebenso geschickt, wie er sich als Schütze ungeschickt benimmt. Das Wild auf den unabsehbaren Ebenen zwischen dem mittleren Hart-River und dem oberen Molapolaufe ist durch diese Ungeschicklichkeit äußerst scheu geworden.
[1] Die Sprache der Betschuana's.
Nach und nach senkte sich das Land gegen den Hart-River, dessen Thal breit und offen erschien, und im Norden aus der Ferne durch den »N'Kaap«, den bebuschten und felsigen Abfall des Hochlandes begrenzt wird. Die Vereinigung des Hart- und Vaal-Rivers wurde mir immer als ein besonders schönes Landschaftsbild geschildert, ich fand dies blos als Gegensatz zu dem an schönen Naturscenerien so armen Gebiete Griaqualand-West bestätigt.
Von Süden kommend, breiten sich hier die vorher über Stromschnellen dahin rauschenden Gewässer des Vaalflusses in einem geräumigen schlammigen Bett aus, wo sie ruhig dahinfließend sich gleichsam etwas Rast gönnen um unmittelbar vor der Mündung des aus Nordost kommenden Hartflusses eine plötzliche Wendung nach West zu machen, und nachdem sie diese Richtung für eine kurze Strecke verfolgt, eine entschieden südsüdwestliche zu nehmen. Das linke Vaalufer an der Biegung ist sumpfig, mit hohen Bäumen bestanden und birgt so manche Wildkatze, Luchse und ähnliches Raubgethier, sowie einige Heerden verwilderter Schweine.
Die südliche Partie des rechten Ufers, in den oberen Schichten aus Humus, in den unteren aus Lehm gebildet, ist eine fruchtbare, nur unmittelbar an der Flußmündung mit hochstämmigen Bäumen bewachsene Ebene. Das jenseitige Ufer des Hartflusses ist viel höher, steigt auch zu einer Felsenhöhe empor, die von Schieferlagern gebildet und von petrefactenarmem Kalk überlagert, jene oben erwähnte nach dem N'Kaap hinziehende Hochebene bildet. Diese Höhe fällt unmittelbar am Vaalflusse oberhalb der Biegung steil ab, und wird von einer hier einmündenden Schlucht getheilt, welche ich manches interessanten Fundes halber (meiner Vaterstadt zu Ehren) die Holitzer Schlucht nannte und die kaum 300 Schritt von der Hart-Rivermündung entfernt liegend, mit der von Hübner entdeckten Klippdachsgrotte nicht zu verwechseln ist. Beide Ufer des unteren Hart-River gehörten früher zum Besitze des 3 englische Meilen entfernt am rechten Ufer in der »Stadt« Lekatlong wohnenden Batlapinenfürsten Jantsche, der gegenwärtig als englischer Unterthan eine jährliche Subvention von 200 £ St. erhält.
Der Abstieg von der hohen Ebene von Gong-Gong in das Hart-Riverthal führte uns an dem im bereits bekannten südafrikanischen Styl erbauten Gehöfte eines Store-Keepers (Kaufmannes) vorüber. Der freundliche Empfang, den wir bei diesem fanden, brachte uns bald näher und so erfuhr ich, daß er ein Deutscher sei, der an eine holländische Frau verheirathet, im nahen Delportshope sein Glück im Diggen versuchte, dabei aber noch ein kleines Tauschgeschäft mit den Batlapinen des unteren Hart-Riverthales betrieb und das Holz der Kameeldornbäume, die hier das jenseitige Ufer des Vaal dicht bedeckten, auf dem Markte in Kimberley verkaufte.
Seine uns bewiesene Gastfreundschaft und das Bestreben, sich uns gefällig und nützlich zu erweisen, hätte bald ein Menschenleben gefordert. Als er meine naturhistorischen Sammlungen, all' die von ihm so verabscheuten Reptilien und das giftige Gewürm in theurem Spirit of wine (Spiritus) präparirt sah, war sein Erstaunen nicht gering, da er aber bemerkte, welchen Werth ich auf die Acquisition schöner Exemplare dieses »Gut« (spr. Chut) legte, war er bemüht, mir solches zu verschaffen. Besondere Freude glaubte er mir durch den Fang einer Fischotter[[1]] zu bereiten. Da es schwer hielt, die scheuen Thiere lebendig zu fangen, wollten er und seine Freunde mir mindestens zu einigen Bälgen verhelfen. Ein junger Holländer hatte deshalb sein altes Schrotgewehr geladen, jedoch zu stark, beim Schusse barst das Gewehr—glücklicherweise ohne den Schützen oder Jemanden seiner Umgebung zu verletzen.
[1] Ich beobachtete drei Fischotterarten in Süd-Afrika, eine in den Strömen der südlicheren Partien und zwei im Limpopo- und Zambesi-Gebiete. Wenn die eine auch größer als die unsrige ist, hat doch keine der drei Arten einen gleich werthvollen Pelz.
In der durch Jahrtausende hindurch thätige Erosion ausgewaschenen Felsenmulde der Holitzer Schlucht, machte ich bei näherer Besichtigung derselben die interessante Entdeckung, daß dieselbe ein wahres schützendes Asyl für die artenreiche niedere Thierwelt und ein natürliches Treibhaus für die Vegetation sei. Während ich an den offenen Ufern des Vaal körner- und insectenfressende Singvögel nur in kleinen, mehrere Pärchen zählenden Colonien vorfand, wiederhallten hier die dichtbebuschten, bald terrassenförmig, bald steil abfallenden Wände der Schlucht von dem tausendstimmigen Gezwitscher der verschiedenartigsten Sänger. Die Bezeichnung »schützendes Asyl« ist eine um so zutreffendere, wenn wir die Lage und Umgebung der Schlucht näher in's Auge fassen. Die Schlucht—offenbar nur die Fortsetzung, d.h. das durch das Wasser muldenartig ausgewaschene Ende eines seichten Wiesenthales der Hochebene—ist an ihrem oberen Rande derart von dichten und dornigen Büschen eingerahmt, daß nur sehr kleine Thiere ungehindert Zu- und Ausgang finden; nach unten ist sie vom Flusse aus begrenzt, dessen steiles und hohes Felsufer, eine wirksame Schutzwehr gegen mordlustige Eindringlinge bildet.
Am Grunde der Schlucht, unter dem Schatten breitstämmiger, dichtbelaubter Bäume, erfreut uns das dunkle, saftige Grün eines üppigen Rasens; hier konnten wir das muntere Treiben der Springhasen, kleiner Gazellen, des Klippdachses und der Wildenten belauschen, während aus dem dichten Laube der Bäume das Geschnatter einer hier in Ruhe nistenden Chenalopex (Gansart) heraustönte. Den Reiz dieses verborgenen Erdenwinkels erhöhte das Rauschen eines von den dichten beerenbehangenen Büschen fast völlig verdeckten Wasserfalles im oberen Theile der Schlucht, dessen Ufer (von einer Kalksteinlage überdeckter Sandstein) grottenähnlich ausgehöhlt sind. Zur Trockenzeit versiegt nun allerdings das die ganze Scenerie belebende Rauschen des Bächleins. Mein Entzücken über dieses aus der anmuthslosen Umgebung edengleich hervorstechende Plätzchen war vollständig, als ich am Boden der Schlucht eine dichte Lage von Fossilien der letzten Alluvial Periode, darunter auch eine Tigerschneckenart entdeckt hatte.
An einem der zahlreichen, sein Geäste über die Schlucht ausbreitenden Bäume entdeckte ich einen mächtigen Nestbau, den ich für den eines Affen hielt, jedoch später erkannte, daß er einem der größten befiederten Nestkünstler, dem Hammerkopf angehöre. Dieser etwa 18 Zoll hohe, durch ein schön braunes Gefieder und einen langen Schopf am Hinterkopfe ausgezeichnete Vogel baut zwischen den Gabeln starker Aeste meist solcher Bäume, welche Abgründe und Flüsse überhängen, oder zwischen steilen Felsenklüften sein 18 Zoll bis 3 Fuß hohes im oberen Umfange 6-8 Fuß haltendes, nach unten spitzig zulaufendes Nest, das einem abgestutzten, oben umgekehrten Kegelkörper nicht unähnlich ist. Das Ganze stellt einen soliden, oben gedeckten und eine geräumige Kammer enthaltenden Bau dar; in die Kammer führt eine viereckige 8-10 Zoll im Quadrat messende Oeffnung. Der Bau, in dem eine Menge von Knochen anzutreffen sind, ist meist aus Reisig aufgeführt.
Doch auch dieses Eden, vielleicht nicht unrichtig mit einem im tauben Flußgerölle verborgenen Diamanten zu vergleichen, hatte seine Schlangen. Ich fand in der Holitzer Schlucht nicht weniger als sieben Arten, unter diesen zwei Species der in ganz Süd-Afrika wohl bekannten Cobra. Das erste Thier erblickte ich in dem Momente, als ich Insecten suchend, einen schweren Stein aufhob. Anfangs bemerkte ich nur, daß sich unter demselben in einer mäßigen Vertiefung die Reste eines Mausnestes befanden; der durch das Laubdickdicht dringende Sonnenstrahl ließ mich aber sofort die glitzernde Haut einer Schlange erkennen. Da ich keine geeignete Angriffswaffe bei mir hatte, blieb ich unbeweglich stehen, um nach der Flucht der Schlange das Nest nach kleinen Insecten durchstöbern zu können. Ich hatte auch nicht lange zu warten; durch die warmen Sonnenstrahlen geweckt, löste sich aus dem weichen Wollbettchen ein über vier Fuß langer Knäuel auf. Beim Emporrichten erblickte mich die Schlange sofort und schon fauchte sie, wie es die Cobras[[1]] thun, mit dem vorderen Drittel ihres Körpers aufgerichtet, nach mir herüber. Dabei blähte sie den dunkelgefärbten, ringförmigen, etwa zwei Zoll breiten Halstheil auf und züngelte lebhaft mit der gespaltenen dunklen Zunge. Meine Haltung mußte in ihr die Besorgniß einer drohenden Gefahr erweckt haben, denn sie verschwand bald darauf im dichten Gebüsch.
[1] Obgleich ich während meines siebenjährigen Aufenthaltes mehr als 200 Schlangen erlegte, beobachtete ich in Süd-Afrika außer den drei Mambaarten keine Schlange, die ungereizt den Menschen angreifen würde.]
[Nest des Hammerkopf (Scopus Umbretta).]
Bevor ich mich auf diese erste Versuchsreise begab, hatte ich eines Tages, als ich mit meinem Gefährten F. zwischen den Gesteinen auf den Ebenen zwischen Dutoitspan und Kimberley nach Insecten und Echsen fahndete, eine über 5 Fuß lange Cobra angetroffen; es war ein Exemplar von seltener Schönheit, und da ich keine bessere Waffe zur Hand hatte, griff ich schnell entschlossen nach einem der zahlreich umherliegenden Ochsenskelette, brach eine Rippe davon ab und verfolgte das Reptil. In die Enge getrieben, wendet sie sich plötzlich um und richtete sich fast hart vor mir hoch auf; ich war aber schon zu weit vorgebeugt, um zurückweichen zu können, ein minutenlanges Zagen und ich war verloren, doch meine Geistesgegenwart verließ mich nicht, ein kräftig und sicher geführter Hieb in den Nacken und das schöne aber gefährliche Thier war mein; mit triumphirender Miene trugen wir das um die Rippe gewickelte Reptil heim.
Unter allen südafrikanischen Giftschlangen halte ich die Mambaarten, eine grüne, eine schwarze und eine gelbliche Species für die gefährlichsten. Mir sind Fälle bekannt, daß Mamba's (von den beiden ersten Arten, welche die wärmeren Buschpartien an der Küste bewohnen) nach dem Erblicken eines Menschen sofort zum Angriffe übergingen. Ich will hier nur eines solchen gedenken. Einige Kaffernkinder, die sich in den nur einige hundert Schritte vom Hause entfernten Büschen spielend ergötzten, wurden einer aus diesen hervorschleichenden Mamba gewahr; die Gefährlichkeit des Thieres kennend, wandten sie sich sofort auf der nahebei vorüberführenden Straße zur Flucht; nach einer Weile im Laufe innehaltend, blickten sie hinter sich und mäßigten nun, nachdem sie das Thier nicht mehr erblickten, ihre Schritte. Wenige Minuten darauf aber schrie plötzlich eines der Kinder laut auf, die Schlange hatte ihrerseits deren Verfolgung nicht aufgegeben und nun eines derselben in die Ferse gebissen. Eine Viertelstunde später war das Kind eine Leiche.
Die schmutzig-ockergelbe Mamba der wärmeren, nördlichen Partien des centralen Süd-Afrika, gibt auf eine andere, in den Mapaniwäldern der Sibanani-Ebene häufig zu beobachtende Weise den Rach- und Mordsinn[[1]] ihrer Familie zu erkennen. Auf Wildpfaden, da wo diese zum Wasser führen und wo sich zwei brüchige und hohle Mapanibäume einander gegenüberstehend mit ihren dichten, doch nicht breiten, unscheinbaren Kronen berühren, wird man diese Mamba finden. Sie liegt in dem Geäste und zwischen dem dichten ölhaltigen Laube der Bäume auf der Lauer; nähert sich ein Geschöpf, so rollt sie sich mit dem Schwanze um einen Ast und läßt sich mit dem Vorderkörper nach abwärts, hier aus dem Gezweige zwischen den zwei Stämmen nach dem Pfade zu wie ein Assagai herunterhängend. Da sie keine auffallende Farbe besitzt, wie ihre grüne und schwarze Schwester, so wird sie namentlich von dem Europäer gar nicht bemerkt und kann so bei der Heftigkeit ihres Giftes leicht sehr gefährlich werden.
[1] Ich schreibe ihr ausdrücklich Mordlust zu, denn sie ist nie im Stande, die von ihr getödteten Thiere zu verschlingen.
Am selben Tage als ich in der Holitzer Schlucht jener Cobra gegenüberstand, wurde auch einer meiner farbigen Diener nicht wenig durch eine ähnliche Schlange erschreckt. Eben damit beschäftigt, ein angeschossenes Täubchen aus dem Dickicht des Uferabhanges herauszusuchen, sprang er plötzlich mit einem lauten Schrei aus den Gebüschen und eilte mit dem Rufe »Sir a Slang« zu mir. Alle Eingebornen, mit Ausnahme der unter den Zulus als Zauberer bekannten Medicinmänner, fürchten sich ähnlich wie die Affen, ungemein vor diesen Reptilien. Zwei Tage später erschoß ich am Grunde der Schlucht eine jener kurzen, schwarzen, von den holländischen Farmern ob ihres weißen, die untere Halspartie kennzeichnenden Fleckens Ringhals benannten Schlangen. Der früher erwähnte Kaufmann, dem ich mein Zusammentreffen mit dieser Schlange mittheilte, wußte mir etwas mehr über diese Schlangenart zu erzählen; eines Vorfalls, von dessen Wahrheit ich mich nur zu sehr durch andere ähnliche in der Folgezeit beobachtete Thatsachen überzeugen konnte, sei hier gedacht. Einige Monate vor meiner Ankunft fiel es dem Farmer auf, daß eine seiner täglich am jenseitigen Ufer weidenden Kühe regelmäßig durch mehr denn zwei Wochen um ein bis zwei Stunden später als die übrigen Thiere der Heerde in's Gehöfte zurückkehrte. Da es in der Nähe keine gefährlichen Raubthiere gab, ließ man die Thiere ohne Hirten auf die Weide gehen. Als nun dem Besitzer das eigenthümliche, tägliche Ausbleiben des einen Thieres auffiel, sandte er einen seiner Diener aus, um die Ursache dieser auffälligen Verspätung zu erforschen. Schon nach kurzer Zeit hörte der Farmer den Ruf des Dieners: »Bas, Bas, fat det rur[[1]] (Herr, fasse das Gewehr) und komm, schnell herüber, ein Ringhals säugt an Deiner Kuh.« Aeußerst begierig den Vorfall zu sehen, rief der Farmer seine Freunde zusammen und eilte nach dem Flusse. Unweit des Flusses sah er die Kuh gemächlich niedergekauert grasen, und um ihre Hinterfüße zur Hälfte geschlungen hielt sich ein Ringhals aufrecht an einem der Euter begierig saugend. Er war schon vollgesogen und hatte ganz das Aussehen eines riesigen Blutegels; der schwer angeschwollene Leib glitt fortwährend ab. Bevor die erstaunten Zuseher noch in die Nähe gelangt waren, verschwand die Schlange spurlos in den Büschen. Am folgenden Tage gelang es den Farmerleuten, sich ganz leise dem Busche zu nähern und das vollgesogene Reptil gefahrlos zu erlegen.
[1] Geschrieben wie es ausgesprochen wird.
[Mamba auf der Lauer.]
Etwas Aehnliches ereignete sich einige Jahre vor meinem Besuche Süd-Afrika's in dem Freistaat-Städtchen Philipolis. Einer meiner Freunde, Mr. K., den ich in den Diamantenfeldern kennen lernte, war daselbst in dem Geschäfte eines Herrn H. thätig und wohnte in dessen nächster Nähe, in einem etwas höher als das Niveau der Straße stehenden, aus Backsteinen solid erbauten Hause. Er war eines Nachmittags mit einigen Boers beschäftigt, als ihn seine Magd mit der Nachricht abrief, daß sein kleines Kind in Lebensgefahr schwebe. Ohne Ahnung, was diese Nachricht zu bedeuten habe, ließ der Mann Waare und Käufer im Stich und eilte nach Hause. Heimgekommen findet er seine Frau vor Schrecken wortlos im Vorhause, während ihm sein Töchterchen in kindlicher Harmlosigkeit erzählte, daß eine lange schwarze Katze aus Baby's Flasche die Milch trinke. Mr. K. eilte in die Kinderstube und findet sein kleines Kind schlafend, auf der Erde die halbgeleerte, mit einem Gummisauger versehene Milchflasche. Unterdessen hatte sich die Frau einigermaßen von dem tödtlichen Schrecken erholt und begann den Vorfall zu erzählen. Als ihr das kleine Töchterchen von einer schwarzen, langen Katze erzählte, da war sie sofort zum Baby geeilt; ein ihr Mutterherz mit Entsetzen erfüllender Anblick bot sich ihr; eine schwarze Schlange, die neben dem Säugling zusammengerollt lag und aus der halbliegenden Flasche, die dem schlafenden Kinde aus dem Munde entschlüpft war, Milch sog. »Mit einem Schrei stürzte ich heraus und das mußte wohl das Reptil so erschreckt haben, daß es herunterfiel, oder sich irgendwo im Bettzeug versteckte, ich hörte auch die Flasche fallen, dann fühlte ich ein solches Zittern, daß ich nicht mehr das Zimmer betreten konnte.« Mr. K. sah sich erst im Zimmer nach der Schlange um, und der erste Blick, den er unter das Bett warf, überzeugte ihn, welchen gefährlichen Gast das Zimmer beherberge. Um die Schlange anzulocken und sie sicher zu treffen, schob er die Flasche mit dem Sauger nach dem Reptil zu unter den Rand des Bettes, während ihm seine Frau einen Kiri brachte. Die Schlange konnte dieser Lockung nicht widerstehen, doch im nächsten Augenblicke zerschmetterte ein einziger Schlag Schlange und Flasche. Nach Jahren erst erfuhr Baby[[1]] in welcher Gefahr sie geschwebt und welch' wunderliche, schwarze Katzen es früher in Philipolis gab.
[1] Baby nennt man ein kleines, unmündiges Kind, und zwar stets das Jüngste.
In geographischer Hinsicht war es mir von großem Interesse, die Tiefen der von mir überschrittenen und besuchten Flüsse kennen zu lernen, und ich war, wo dies nur immer anging, und nicht Krokodile ein solches Beginnen vereitelten, bemüht, diesbezügliche Messungen anzustellen; in Ermanglung eines Bootes und anderer Apparate mußte ich die Tiefe an meiner Person selbst erproben. Ein Unfall im Harts-River, der mich näher als ich ahnte, an den Rand des Grabes brachte, verleidete mir für die Folge solch' gewagte Experimente immer mehr, bis ich sie schließlich ganz aufgab.
Es sei mir hier gestattet, diesem Unfall einige Worte zu widmen. Um eine passende Uebergangsstelle für meinen Wagen zu finden, mußte ich die Tiefe des nahe unserem Lagerplatze 6-8 Meter breiten Harts-Rivers untersuchen. Ich fand endlich eine mir günstig scheinende Stelle, die hohen und trockenen Ufer, die geringe Wassertiefe von 14-16 Zoll in dessen Nähe, bestärkten mich in der Hoffnung, die richtige Furth gefunden zu haben. Nachdem ich mit einem kühnen Wurfe den nothwendigsten Theil meiner Garderobe an das jenseitige Ufer befördert, ging ich daran, den Fluß zu übersetzen; schon nach dem ersten Schritt versanken meine Füße in tiefem Schlamm, langsam und vorsichtig den Grund prüfend, hatte ich etwa die Mitte der Flußbreite erreicht, ich stand in zwei Fuß tiefem Schlamm und ebenso tiefem Wasser. Jeder weitere Schritt zeigte mir, daß die Schlammschichte an Tiefe zunehme, ich wollte nur noch einen Schritt nach vorwärts versuchen und wenn die Tiefe nicht abnahm, umkehren, doch dazu kam es nicht mehr; ich sank immer tiefer und tiefer. Dabei fühlte ich, wie der Schlamm immer zäher und consistenter wurde.
Ein Hilferuf hätte kaum Erfolg gehabt, denn der Wagen war zu weit entfernt. Meine Lage war, ich muß gestehen, eine mich im höchsten Grade beängstigende. Schon umspülte das Wasser mein Kinn, und ich schien rettungslos verloren, als ich im Bewußtsein der eminenten Gefahr, vielleicht instinctmäßig den Oberkörper mit einem gewaltsamen Ruck nach vorwärts bog und mit den Händen die Bewegungen des Schwimmens versuchte. Ich kam so, nachdem die Brust die dünne oberste Schlammlage zertheilt hatte, mit Gesicht und Brust unter das Wasser, flach auf den Schlamm zu liegen; ein mit aller Kraft unternommener Versuch, den einen Fuß aus dem zähen Schlamm zu befreien, glückte. Doch nun drohte mir der Erstickungstod im Wasser und ich mußte wieder den Kopf über Wasser halten, um Athem zu schöpfen. Es war indeß kein Moment zu verlieren, wollte ich nicht den errungenen Vortheil opfern; ich wiederholte den vorerwähnten Versuch und endlich fühlte ich den zweiten Fuß aus seiner Umklammerung befreit. Ein zweiter Ruck nach vorwärts und es gelingt mir, meine Hände in den festen Schlamm des jenseitigen Ufers einzugraben. Ich war gerettet. Es bedarf wohl keiner weiteren Worte um meine Stimmung, meinen Körperzustand zu schildern, als ich wieder festen Boden unter mir fühlte.
Ich hatte mich kaum von der natürlichen Aufregung in Folge des mir zugestoßenen Unfalls erholt, als mir schon am folgenden Tage eine andere, höchst empfindliche Ueberraschung erwuchs und ich den bei vielen afrikanischen Stämmen so hoch entwickelten Diebssinn kennen lernte. Mein Reitpferd war plötzlich verschwunden, vergeblich alle unsere vereinten Bemühungen, eine Spur der Diebe zu entdecken. Erst nach sieben Jahren, gelegentlich eines Ausfluges, den ich aus den Diamantenfeldern nach dem Vaal machte, erfuhr ich von dem bereits mehrfach erwähnten Kaufmann, daß Jantsche's Leute das Pferd gestohlen hatten.
Nach mehrtägigem Aufenthalte an dieser mir in lebhafter Erinnerung bleibenden Stelle setzten wir unsere Reise im Thale des Hart-Rivers aufwärts fort.
Ab und zu verengt oder erweitert sich das Thal, je nachdem die es zu beiden Seiten begrenzenden, zumeist parallel laufenden Felsenhöhen näher aneinander oder weiter auseinander rücken, und behält diesen Charakter bis in die Nähe des Hauptortes des freien Batlapinenreiches, Taung. Von der Fruchtbarkeit des Bodens gaben die durchschnittlich ¼-½ Aere Flächeninhalt messenden und gut bebauten Felder Zeugniß, deren Gesammtausdehnung ich zu 1000 Schritt Länge und 2-400 Schritt Breite schätzte. Etwa hundert einzeln oder in kleinen Gruppen die Parzellen dieser bebauten Fläche bearbeitende Frauen belebten diese Strecke. Hier war eine Gruppe damit beschäftigt, die reifen Maiskolben abzubrechen, dort wieder das Feld auszujäten, andere wieder bearbeiteten mit äußerst primitiven Hauen den Ackerboden. Manche der Maispflanzen standen noch sehr niedrig, dagegen waren bereits Kürbisse und Wassermelonen in der Reife so weit vorgeschritten, daß den arbeitenden Frauen das Vergnügen vom Gesichte abzulesen war. Unter den Frauen bemerkten wir auch Mädchen und Greisinnen, denen die leichten Arbeiten, namentlich das Grasjäten und das Zusammentragen der Maiskolben oblag. Mehrere der Frauen trugen einen Säugling in einem Ledersacke am Rücken befestigt, oder hatten ihn auf einer auf der Erde liegenden kleinen Carosse gebettet, umgeben von mehreren bereits den Kinderschuhen entwachsenen Vertretern der hoffnungsvollen Jugend von Lekatlong, welche sichtlich bemüht waren, den kleinen Schreihälsen die Zeit und die quälenden Fliegen zu vertreiben, welches letztere sie theils mit Blättern, theils mit aus Thierschwänzen verfertigten und auf Holzstäbchen befestigten Wedeln mit wechselndem Erfolge zu Stande brachten. Manche der Frauen hatten blos einige Lappen (meist die Mädchen), andere eine kurze bis zu den Knieen reichende, glatt gegerbte Carosse um die Hüften geschlungen, andere wieder ein kurzes, viereckiges Fell als Vorder- und ein größeres, mit eingenähten schwarzen Lederringen geschmücktes als Rückenschürze benützt. Von der Stirn perlender Schweiß gab Zeugniß, daß sie wacker zur Arbeit hielten. Als Schmuck trugen die meisten Schnüre von großen blauen Glasperlen am Halse, aus Messingdraht geflochtene Ringe an den Armen und aus einem ähnlichen Material gearbeiteten Ohrschmuck, der jedoch bei den ärmeren nur aus rundlichen Holzpflöckchen bestand. Den Kopf hatten beinahe alle mit einem kegelförmigen aus Stroh oder aus Binsen und Gras geflochtenen, tief in's Gesicht fallenden Hute bedeckt, der ihnen unter ein »pund« (£ St.) nicht feil war.
[Im Schlamme des Harts-River versunken.]
[Ackerbau bei den Batlapinen.]
Das heitere und spöttische Lachen der schwarzen Schönen galt besonders unserem Begleiter F., dessen herausforderndes Benehmen das Hauptziel ihrer Witze bildete,—diese fröhliche Stimmung der Batlapinen erleichterte auch den lebhaften Tauschhandel, der sich an unserem Reisewagen entwickelte und bei welchem wir gegen einige Stückchen Transvaaltabak und einige färbige Taschentücher unseren Bedarf an Melonen und Kürbissen einhandelten.