XI.

Von Molopolole nach Schoschong

Malerische Lage der Stadt.—Rev. Price und Williams.—Die Kotla.—Ausflug in die Molopolole-Schlucht.—Ein Festtag für Molopolole.—Millionärs-Laufbahn in Süd-Afrika.—Empfang bei Seschele.—Die Bakwena's.—Geschichte des Bakwena-Reiches.—Königin Ma-sebele und Kronprinz Sebele.—Molopolole's Umgebung.—Sitten und Gebräuche der Betschuana's.—Religiöse Vorstellungen derselben.—Naka's, Linjaka's und Moloi.—Heilmethode und Heilmittel derselben.—Beschwörung Khama's.—Regenmacher.—Aufbruch von Molopolole.—Ein dornenvoller Marsch.—Eingeborne Postboten.—Wassernoth.—In Lebensgefahr.—Barwa's und Masarwa's.—Abergläubische Gebräuche dieses Sclavenstammes der Betschuana's.—Ihre Jagdlist.—Neujahrsfeier in der Wildniß.—Im Bakwenalande verirrt.—Von Masarwa's gerettet.—Ein merkwürdiger Fund.—Begegnung mit Leoparden.—Ein besorgter Vater.—Einzug in Schoschong.

[Termitenhügel.]

Unstreitig bietet Molopolole von dem Thalkessel aus gesehen den interessantesten Anblick und die schönste Scenerie unter allen Betschuanastädten dar. Aus dem kleinen, grün begrasten Thalkessel, in dem wir stehen, erblicken wir um uns die meist in ihren oberen Partien oder bis zur Hälfte perpendiculär abfallenden, oder bis an ihren Fuß von Blöcken gebildeten, zwischen diesen aber und an den minder abschüssigen Abhängen dichtbebuschten, hie und da mit einer riesigen Aloëspecies gezierten Felsenhöhen. Zu unserer Rechten die von Norden kommende Schlucht mit der überaus interessanten Felsenformation des überhängenden Molopololefelsens und zwischen uns und dieser Schluchtmündung hohe Laubbäume, die Gebäude der Missionäre und ihre Gärtchen mit dem tropischen Pflanzenwuchse der Bananen und des Zuckerrohres geschmückt. Vor uns, am Fuße der östlichen steilen, und rechts von uns an dem der westlichen bewaldeten Höhe je ein Eingebornendorf, in dem letzteren die umfangreichen Gehöfte der Handelsfirma Taylor, nächst Francis und Clark die bedeutendste in den Betschuanaländern, und zwischen den beiden dringt der Blick durch das nach Süden führende Felsenthor, die Kobuque—und über dem Dorfe vor uns endlich nach Osten zu—hoch oben der von den Besten des Stammes bewohnte Stadttheil mit den königlichen Gehöften. Wenden wir uns nach Norden und Westen, so sehen wir den nördlichen Stadttheil am Fuße der nördlichen Höhenkette und außerhalb des Thalkessels die röthlichen Ruinen einer verlassenen Eingebornenstadt und die breite Ebene, von dem dunklen Grün des eben durchreisten, tiefsandigen Waldes nach Süden und Südwesten begrenzt. Was uns noch bei dieser Betrachtung auffällt, sind einige am Fuße der letztgenannten Höhen wie am Uferrande des Bächleins stehende Riesenbauten der Termiten.[[1]]

[1] Der eine war 9½ Fuß hoch (die Hauptpyramide) und hatte (mit den Nebenpyramiden) 40 Fuß Peripherie.

An Molopolole haben wir die Schönheit der Naturscenerie zu bewundern, ohne daß der Fleiß seiner dunklen Bewohner durch Anpflanzungen oder hervorragende Form im Baustyle seiner Hütten etwas dazu beigetragen hätte, nur die Anlage der Stadt an der von der Natur aus befestigten Stelle spricht zu Gunsten ihres Königs. Der gegenwärtige König Seschele, dem schon Livingstone einige Capitel seines Buches (»Missionary Travels«) widmet, und von dem ich noch ausführlicher zu reden haben werde, wohnte mit seinem Stamme, den Bakwena, der durch innere Reibungen und Kriege mit den umwohnenden Stämmen bedeutend herabgeschmolzen war, südöstlich von Molopolole, nahe da, wo wir jetzt die Stadt der Manupi finden. Ruinen bezeichnen noch die Stelle wo er gehaust; diese seine erste, gegen die Transvaal-Grenze zu gelegene Residenz hieß Kolobeng. Hier wurde er im Jahre 1842 von dem Nestor der Afrika-Reisenden besucht.

Aus Kolobeng wurde Seschele von den Boers vertrieben und siedelte sich dann in Liteyane, 10 englische Meilen westlich von Molopolole an. Seit 1865 residirt er in Molopolole, wo sich schon früher eine Niederlassung im Thalkessel befand und wohin auch Pilani aus der Mosupa-Stadt übersiedelte. Das Gebiet Seschele's, das nördlichste der vier erwähnten Betschuanareiche, grenzt nach Westen an das große Namaqualand, im Norden an das der westlichen oder N'Gami-Bamangwato's oder der Batowana's und an das der östlichen oder Schoschong-Bamangwato's, im Osten mit dem Limpopo und Marico an die Transvaal-Colonie und im Süden an das Land der Banquaketse. Die Südgrenze verläuft unter 24° 10' s. Breite von Koluany, an Kolobeng vorbei in südöstlicher Richtung zu den Dwarsbergen bis zum großen Marico. Die nördliche Grenze gegen die zwei Bamangwato-Reiche liegt unter 23° 30' s. Breite und folgt zum Theile dem Sirorume-River. Die Zahl der eigentlichen Unterthanen Seschele's schätze ich auf 32-35.000 und jene der im Lande wohnenden, allein keinen Tribut an Seschele zahlenden Batloka, Bakhatla und Makhosi auf 18-20.000, während ich die Kopfzahl der das ganze Banquaketseland bewohnenden Stämme auf 28-30.000, die eigentlichen Unterthanen im Lande Montsua's, des Königs der Barolongen auf 33-35.000 und jene in seinem Lande südlich vom Molapo gegen die Batlapinen zu wohnenden, allein ihm nicht Tribut zahlenden kleinen Barolongenstämme in der Umgebung gewisser Städte, wie Marokana etc. auf 30.000 veranschlagen möchte. Mankuruane, der Batlapinenkönig hat über 30.000 unter seinem Scepter, während sich in dem kleinen Mamusa-Königreiche kaum 8000 finden dürften, obwohl die Stadt Mamusa allein vor einigen Jahrzehnten an 10.000 Bewohner in ihrem Weichbilde beherbergt hatte.

Als wir am 21. Abends auf dem Rasenplatze in dem Molopololekessel lagerten, näherten sich uns ein ärmlich gekleideter Holländer, der hier Schmiedarbeiten versah, und zwei Eingeborne, welche uns Weideplätze für die Zugthiere anwiesen. Bald adarauf erschienen die beiden Missionäre Price und Williams und hießen mich willkommen. Der letztere ist seitdem nach Europa zurückgekehrt, während Rev. Price von seiner Gesellschaft nach Central-Afrika beordert wurde. Durch seine zweite Verehelichung mit Miß Moffat ist er mit Livingstone verschwägert.

Am folgenden Morgen unternahm ich einen Ausflug zu der nach Westen gelegenen Ruinenstadt und einen zweiten in die mit dem Molopolole-Thor in den Thalkessel mündende Schlucht aufwärts. In der Ruinenstadt fielen mir die gewölbten, aus Schilfrohr und Ruthen errichteten und cementirten Doppelbauten auf, wie ich sie in Mosilili's Stadt am Mosupaflusse beobachtet habe.

Türkische Feigen und die bekannte südafrikanische violettblühende Datura gediehen auf diesem Platze vorzüglich.

Unter den bewohnten Hütten der Baknena oder Bakwena fielen mir namentlich zwei Merkmale auf, durch welche sich dieselben von jenen der Barolongen und Batlapinen etc. unterscheiden. Sie waren im Allgemeinen weniger fest gearbeitet und konnten sich mit denen der Barolongenhütten etc. nicht messen, doch zeigten die meisten aus Thon gearbeitete Umzäunungen, die wir z.B. bei den östlichen Batlapinen nur noch an dem Feuerherde, bei den südlichen und westlichen gar nicht vorfinden. In den Dörfern fand ich frei zwischen den Gehöften stehende Berathungshäuschen, d.h. ein kegelförmiges, auf 20 und mehr Pfählen ruhendes Strohdach, die Oeffnungen zwischen den einzelnen Pfählen waren bis auf die Eingangsstelle mit einer solid gearbeiteten Rohrwand bis zur halben Höhe der Pfähle geschlossen und diese Wand mit einfachen Ockermalereien verziert.

Mein Ausflug die Molopolole-Schlucht aufwärts, an den Gebäuden der Missionäre vorbei, war recht lohnend. Ich schoß in dem Gewässer, das jedoch noch im Bereiche der Stadt versiegt, mehrere Fische und fing mit der Angel am Felsenthore sieben Welse. Der linke Flügel des Felsenthores wird durch einen perpendiculären, man könnte beinahe sagen, in seinen oberen Partien etwas überhängenden Felsen gebildet, unter welchen sich eine tiefe Stelle findet, die durch theils natürliche, theils künstliche Abdämmung stets gefüllt ist und den Fischen auch in trockenen Jahren eine sichere Zufluchtsstätte bietet; diese würden sich auch in den oberhalb in der Schlucht befindlichen Tümpeln bedeutend vermehren, wenn die letzteren ob ihres geringen Umfanges nicht so leicht von den Fischottern und Leguanen heimgesucht wären.

Mit nicht geringem Erstaunen und zugleich mit Unwillen, hörte ich von einer Elephantenjagd, die sich einige Monate zuvor mitten in der Stadt zugetragen. Der letzte Winter (die Zeit des europäischen Sommers) war im Lande der Bakwena's ungemein trocken. Von allen Seiten brachten die Barwa's und Makalahari Wildfleisch und Felle zu ihren Herren nach Molopolole, denn das abgemattete und durstende Wild ließ sich mühelos erlegen. Die Regentümpel, die Quellen (die Flußbette waren längst ausgetrocknet) trockneten aus, so daß man die Heerden bis an den unteren Marico und Limpopo zur Weide führen mußte. In Molopolole selbst war der Bach beinahe vollkommen versiegt und die Frauen mußten stundenlang warten, bevor sie ihre Töpfe füllen konnten. Die halbverdursteten Thiere, Eland-Antilopen, Giraffen, Säbel-Antilopen, gestreifte Gnu's, nebst einer Unzahl Gazellen und kleiner Antilopen schleppten sich zu den wenigen übrig gebliebenen Wasserstellen, um hier in den Tod zu laufen, denn diese waren von Jägern umstellt.

Zu dieser Zeit—im Monate Juni—erscholl eines Tages ein Geschrei von Hütte zu Hütte, von Dorf zu Dorf im Thale sich verbreitend und auf die Hohen dringend, ein Geschrei, das die Händler und Missionäre für Kriegsgeschrei hielten; als sie bestürzt nach der Ursache desselben forschten, sahen sie mitten im Thalkessel eine zehn Stück zählende, laut brüllende, nach den Quellen sich Bahn brechende Elephantenheerde vor sich. Weiße und Schwarze, alles was nur ein Kugelgewehr hatte, sprang herbei und die Metzelei begann.

Für Molopolole war dies der größte Tag seitdem es zur Residenz des Königs Seschele auserkoren war. Das Auge des Bakwena, der an der Jagd, recte Metzelei, Theil genommen, glüht und er lacht und gesticulirt laut, wenn er von dem Ereignisse spricht, das sich auch bis in die Köpfe der Greise und der Frauen, selbst die ihrer Kinder eingeschlichen hat, wer von ihnen hätte auch jener glorreichen Festtage vergeben können, an denen man einige Tage hindurch an Fleisch ñama (njama) Ueberfluß hatte. Diese in Molopolole getödteten Elephanten gehörten sämmtlich (wie ich später von den Boers erfuhr) der größten, doch die kleinsten Zähne tragenden Varietät des afrikanischen Elephanten an, die Zulah oder Hohlkopf genannt wird.

Von den beiden Predigern eingeladen, besuchte ich sie und fand, daß Rev. Price geschmackvoll eingerichtet jeder Bequemlichkeit sich rühmen konnte. Er hatte aber auch hart arbeiten müssen, bevor er es so weit gebracht. Er war einer der beiden Missionäre, welche die Mission im Lande der Makololo, d.i. in dem von ihnen mit Waffengewalt eingenommenen Gebiete zu errichten bestimmt worden waren und die Arbeit auch in Angriff genommen hatten, allein durch Mißerfolge entmuthigt, endlich aufgeben mußten. Rev. Price und Helmore erreichten die Stadt Linyanti am nördlichen Tschobe im Februar 1860 nach einer siebenmonatlichen Reise von Kuruman und wurden von dem Makololokönige Sekeletu freundlich aufgenommen, doch schon nach 14 Tagen waren beinahe Alle am Fieber erkrankt. Zuerst starb Malatsi, einer der Betschuana-Wagenführer—alle central-südafrikanischen Betschuana's mit Ausnahme der Batowana's vom N'Gami-See und der Makoba's am Zuga-River werden in Malaria-Gegenden vom Fieber decimirt—acht Tage später, als Rev. Price, der sich noch auf den Füßen erhielt, den Kranken die letzte Wegzehrung reichte und Einer nach dem Andern mit dem Tode abging, fand er das kleinste der vier neben Frau Helmore liegenden kranken Kinder kalt und leblos. Der Mutter, die bewußtlos am Fieber dalag, wurde so das Leid erspart, das erste Opfer unter den Ihrigen zu sehen; am 9. März starb der Säugling, dem Frau Price das Leben gegeben. Am 11. schied Selma Helmore aus dem Kreise der Niedergeworfenen und am nächsten Tage folgte ihre Mutter, den Folgen des schrecklichen Uebels erliegend. Selbst die Schwarzen wissen nur Gutes von dieser edlen Frau zu berichten, welche die Wildniß und das giftige Klima nicht gescheut, um dem Manne zu folgen, und mit ihm das Los seines Berufes zu theilen, unter einem wilden, kriegerischen Volksstamm das Wort Gottes zu verbreiten.

Auf der Reise gegen den Tschobe, auf welcher die Reisenden mehr als einmal vor Durst beinahe umgekommen wären, hatte sie oft ein seltenes, aufopferndes Beispiel ihrer Mutterliebe gegeben, um ihre Kinder vor dem Tode des Verdurstens zu retten und nun, in ihre neue Heimat gekommen, war ihrem, einem der edelsten Leben, in wenigen Tagen Halt geboten worden. Doch selbst in ihren Delirien—zu einem Skelett abgemagert und mit entstellten Gesichtszügen—hatte ihre innige Mutterliebe ihr momentan die überstandenen Sorgen in's Gedächtniß zurückgebracht, denn oft murmelten die in Fieberhitze glühenden Lippen, daß ihrem »Henri« (dem ersten Opfer in ihrer Familie) dürste und baten, man möge den ihr zukommenden Löffel voll des rettenden Elementes dem Kinde reichen. Nach dem Tode der Frau besserte sich für kurze Zeit der Zustand der übrigen, verschlechterte sich jedoch wieder im April und am 21. erlag Helmore dem Fieber, nachdem schon am 11. und 19. März Tabe (sprich Teb) und Setloke, zwei Betschuana's (Batlapinen), gestorben waren.

In dieser schweren Zeit wurde außerdem einer der Diener mit Namen Mahuse Verräther an den übrig gebliebenen. Den Zustand derselben wohl einsehend, fand er sich täglich am Hofe des Sekeletu ein und brachte ihn endlich zu der Ueberzeugung, daß alles, was dem Herrn Helmore gehöre, nur ihm, dem Könige, zufallen müsse. Daß diese und ähnliche Worte unter dem wilden Makololostamme und von Seite seines Königs williges Gehör fanden, wird man leicht begreifen. Die Makololo stahlen und nahmen was sie wollten und als Herr Price Linyanti verlassen wollte, da kam Sekeletu, nahm ihm außer einigen wenigen Kleidungsstücken alles ab und ließ ihn nur mit dem leeren Wagen von dannen ziehen. Bei dem später erfolgten Besuche Livingstone's trachtete er seine Infamie auf jede Weise zu beschönigen, doch sein unruhiger Geist ließ ihm keine Rast, bis er freiwillig einem in die Tschobe-Gegenden auf die Elephantenjagd ausgehenden Banquaketse, mit Namen Sebehwe, ein volles Geständniß seines schurkischen Betragens abgelegt hatte.

Auf seiner Reise von Linyanti nach dem Süden verlor auch Rev. Price sein treues Weib in den Ebenen des östlichen Mahabi; sie starb am 5. Juli und wurde von ihrem Gemal unter dem einzigen auf der weiten Grasfläche sichtbaren Baum beerdigt. Er reiste langsam mit den beiden Waisen des Herrn Helmore weiter gegen den N'Gami-See und wurde, hier endlich angekommen, von dem Könige der westlichen Bamangwato's Letschulatebe, freundlich aufgenommen und behandelt und traf einige Tage später meinen geliebten Freund, Rev. Mackenzie, der auf dem Wege nach Linyanti begriffen war, um der Mission Proviant etc. zuzuführen.

[Bei König Seschele.]

Rev. Price hatte mir bei meinem Besuche in seinen. Hause in Molopolole diese Episode mitgetheilt, später hörte ich sie wieder von meinem Freunde in Schoschong, ohne zu ahnen, daß auch die Zeit an mich herantreten würde, in der ich mit einem ähnlichen Ungemach zu kämpfen haben sollte. Doch wenn wir Beide auch aus verschiedenem Antriebe die Einöden Süd-Afrika's durchwanderten, er mit dem Banner der Religion, ich um meine geringen Kräfte der Wissenschaft zu widmen, die Sumpffieber haben unsern Wissens- und Thatendrang nicht zu ersticken vermocht.

Obwohl er sich in Molopolole bereits eine Heimat gegründet hatte, folgte er willig dem an ihn ergangenen Rufe an den Tanganjika-See.

Neben Rev. Price erwähnte ich Rev. Williams als seinen Brudermissionär, gleich den Missionären in Kuruman (Batlapinen), Taung, Kanja (Banquaketse) und Schoschong (östliche Bamangwato) der »London Missionary Society« angehörend, war er erst einige Jahre in Süd-Afrika und eben im Begriffe, sich ein Wohnhaus aufrichten zu lassen. Die beiden Herren erboten sich, mich dem Könige vorzustellen und so machten wir uns den zweiten Tag nach meiner Ankunft in Molopolole daran, die Felsenhöhe, auf der wie ein Adlernest der von den Getreuesten der Getreuen Seschele's bewohnte Stadtheil erbaut ist, hinanzuklimmen. An Mr. Williams Gebäude vorüber, hatten wir eine enge, steile Schlucht nach aufwärts zu verfolgen, an derem Eingange die von Mr. Price erbaute Kirche, ein 60 Fuß langes und 21 Fuß breites, mit einem Anbau versehenes, gewöhnliches, mit Gras gedecktes Gebäude steht. Von der Kirche gingen wir durch den südöstlichen Theil des oberen Stadttheiles nach der Residenz zu, doch zuvor mußten wir in die Kotla eintreten, um hier in formeller Weise den von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzten König zu begrüßen. Unter der Kotla verstehen wir die aus starken Pfählen und Baumstämmen geformte runde Umzäunung, wie sie in der Regel in der Mitte der Betschuanastädte für Berathungszwecke erbaut ist. Auf der der königlichen Wohnung zugekehrten Seite der Umzäunung befindet sich in derselben eine Oeffnung, die nach Belieben mit Baumstämmen geschlossen werden kann. An der den genannten Wohnungen nächsten und besonders dicht gebauten Stelle findet sich der Ort, wo der Herrscher, auf einem Stühlchen sitzend zu beiden Seiten von den Aeltesten des Stammes, oder den Häuptlingen, oder seinen Verwandten umgeben, die Berichte der vor ihm auf der Erde hockenden Boten, Jäger, Spione und die Parlamentäre anderer Eingebornenkönige anhört und ihnen selbst, oder durch einen der zunächst Sitzenden Bescheid ertheilt. Oft ist in der Umzäunung eine kleine gedeckte Holzhütte erbaut, in welcher in der Regel ein Feuer brennt, dieselbe wird während der Regenzeit als Versammlungsort benutzt. Diese Kotla's dienen zugleich als Forts; bei jenen, die am Fuße von Höhen liegen, sind namentlich die gegen dieselben gewendeten Umfriedungspartien aus großen und schweren Baumstämmen errichtet, um die Wirkung der Wurfgeschosse abzuschwächen.

Seschele empfing uns stehend. Der König der Bakwena's ist hoch in den Fünfzigern, wohlbeleibt, von großer Statur, ein beinahe unaufhörliches Lächeln umspielt sein Gesicht. Es war leicht erklärlich, daß ich mich in meinem Urtheile über dieses eigentümliche Lächeln nicht täuschte, und meine Ansicht auch bestätigt fand. Es drängte sich mir unwillkürlich die Meinung auf, daß ich einen »Tartuffe« vor mir habe.

Seschele wandte sich, nachdem er unsere Grüße erwidert, zu Rev. Price und ersuchte ihn, mir zu sagen, es hätte ihm noch nie ein Weißer so gefallen wie ich. Während mir es Price übersetzte und ich erstaunt war, solch' ein Kompliment von einem Eingebornen, den ich zum ersten Male getroffen, zu hören, und den König prüfend anblickte, sah ich, wie dieser mit seinem rechten Auge einen ihm zunächst stehenden Alten (Unterhäuptling) und seinem Sohne zuwinkte; sein Mienenspiel der rechten Gesichtshälfte stand mit dem mir vorhin erwiesenen Komplimente im offenen Widerspruche. Die Leichtigkeit, mit der er sich aber sofort, als er mein Erstaunen begriffen, aus der zweideutigen Lage zu helfen wußte, zeigte von nicht geringer Selbstbeherrschung.

Er lud mich und die beiden Missionäre hierauf ein, ihn in seine Behausung zu begleiten und eine Tasse Thee zu nehmen. Wenige Augenblicke später standen wir vor seinem neuen Hause, einem reinen und schmucken Gebäude, neben welchem sein früheres, nur von dem ältesten Sohne bewohntes Häuschen stand, an das sich die übrigen von der königlichen Familie bewohnten anschlossen. Das neue Haus für den König von Taylor um den Betrag von 3000 £ St. aufgebaut und adaptirt worden, welcher Betrag dem Kaufmanne in Straußenfedern und Ochsen ausgezahlt wurde.

Unter allen Betschuana-Herrschern ist Seschele am bequemsten und in europäischem Style eingerichtet. Doch bevor wir mit dem Könige das reine, gepflasterte Höfchen, in dem die Königin, auf unseren Besuch unvorbereitet, nach Bakwenasitte auf einem Rindsfelle lag, und sein Wohnhaus betreten, erlaube ich mir, den geehrten Leser mit Seschele etwas vertrauter zu machen. In Bezug auf Charakter nimmt Seschele unter den sechs Betschuana-Herrschern, trotzdem er sich die längste Zeit zur christlichen Religion bekennt, die unterste Stufe ein, während sein nördlicher Nachbar, der jetzige König der östlichen Bamangwato, Khama, am höchsten und ihm als der Nächste unser gutherziger Freund Montsua zur Seite steht.[[1]] Seschele ist ein geschickter Intriguant, ein Mann mit einem Doppelgesicht, seinen Intentionen entspricht die Sentenz »Der Zweck heiligt das Mittel«.

[1] Von Chatsitsive will ich noch nachträglich erwähnen, daß er als Character zwischen Mankuruan und Montsua die Mitte hält, d.h. daß ihm mehr zu trauen und zu glauben ist als dem Ersteren, ohne daß er die Gutmüthigkeit und lobenswerthen Eigenschaften des letzteren besäße.

Sein Stamm, die Bakwena's, leiten ihren Namen von Ba (oder Ma) und Kuena (Kwena) her, d.h. »die Menschen des Crocodils, oder die Menschen, die den Tanz des Crocodils tanzen,« also Menschen, die, ohne das Crocodil zu vergöttern, ihm eine gewisse Achtung zollen.[[1]]

[1] In dieser Weise finden wir auch die übrigen Betschuanastämme benannt, d.h. mit Namen, die sie sich selbst gegeben, nachdem sie das centrale Süd-Afrika eingenommen und sich dann in die verschiedenen Stämme getheilt hatten. So bedeutet der Name der Batlapinen eigentlich die Ba-Tlapi, d.h. »die den Fische geweihten«. Bakhatla (Ba-Khatla), die den Affen Geweihten; Batau = Ba-Tau (Taung), dei dem Löwen Ergebenen: Makhosi oder Makosi = Ma-Khoschi, Menschen, die einen Herrn (Häuptling), Banoga = Ba-noga (oder nocha), die eine Schlange etc. verehren.

Die Bakwena waren noch vor vierzig Jahren, nachdem sie sich bereits von den Banquaketse getrennt und selbst nachdem ein Theil derselben nach Norden auswanderte und sich näher an die Bamangwato ansiedelte, ein reicher Stamm, der sich meist von der Jagd und Viehzucht nährte. Der schwächere Theil zog nach dem Ngami-See ab, wo er zwar anfangs durch Fieber arg litt, der Rest aber sich nach und nach acclimatisirte und über die daselbst wohnenden Stämme die Oberhand gewinnend, mit ihnen ganz verschmolz. Die zahllosen am Notuany, am westlichen Marico-Ufer und den westlichen Nebenflüssen des letzteren weidenden Heerden bildeten den Reichthum des Stammes.

Mochoasele, Seschele's Vater, machte sich eines Verbrechens à la Morena David schuldig, in Folge dessen er ermordet wurde und die unzufriedenen Häuptlinge eine andere Herrscherfamilie zu wählen beschlossen. Es geschah um die Zeit als Sebituane, von dem Stamme der Basuto's, mit seinen kriegerischen Makololo die Masse der Betschuana's durchbrechend, nach Norden zog, um sich jener Striche, von denen er vernommen, daß sie sich eines ewigen Frühlings erfreuen, d.h. der Gegenden am Tschobe und Zambesi zu bemächtigen. Die Freunde des getöteten Mochoasele sandten heimlich Boten zu Sebituane und baten ihn, dem jungen Seschele zu seinem Rechte zu verhelfen. Sebituane entsprach auch ihrem Wunsche und sicherte dem Sohne des getöteten Fürsten die Herrschaft über die Bakwena's. Diese Verfügung, sowie die neuerliche Loslösung einzelner Abtheilungen vom Hauptstamme, welche nach Nordost, Süden und Südost auswanderten, schwächte die Bakwena's an Zahl und Macht und verminderte ihre Wohlhabenheit. Auf Livingstone's Anrathen, der im Jahre 1842 Seschele zum ersten Male besuchte und ihm den ersten Begriff eines rationell betriebenen Ackerbaues, wenn auch in einfachster Form, beibrachte, wechselte der junge Herrscher seinen Wohnsitz und ließ sich 20 geographische Meilen entfernt am Kolobengflüßchen nieder; so entstand seine erste und eigentliche Residenz Kolobeng.

Der Ackerbau schien den Bakwena's Segen zu bringen und der Stamm erholte sich sichtlich; trotz einiger Dürre-Perioden war der Stamm derart erstarkt, daß er den anwohnenden Holländern, die, wie es ihr Vorgehen mit Mankuruan, Montsua und Chatsitsive beweist, ihre Grenzlinien nach Westen ausdehnen wollten, allzu mächtig zu werden schien und sie ihn »kleen« zu machen beschlossen. Sie beschuldigten die Bakwena's, daß sie Diebstähle an ihren Farmen begangen und drangen auf Züchtigung derselben. Mochte nun auch der Vorwurf des Viehdiebstahls gerechtfertigt sein, das Vorgehen der holländischen Boer's, welche im Jahre 1852 Kolobeng überfielen und verbrannten, alles Vieh, dessen sie habhaft werden konnten, raubten und zahlreiche Gefangene mitschleppten, läßt sich in keiner Weise entschuldigen, es bleibt ein willkürlicher Gewaltact. Nach der Zerstörung Kolobeng's erstand Liteyane und später Molopolole.

Seschele wurde in seiner Jugendzeit Christ, als er aber bemerkte, daß die Mehrzahl seines Stammes am Heidenthume hielt, sein Bruder Khosilintschi von dem Volke sehr geachtet wurde und durch seine (Seschele's) Bekehrung die von ihm aufgegebenen heidnischen Gebräuche, deren Leitung dem jeweiligen König zufielen und mit dem Genuß der ersten Feldfrüchte und der Regenmacherei etc. verbunden waren, nunmehr von seinem Bruder geleitet und vollstreckt wurden und dieser in der Gunst der Volkes stieg, entschloß sich Seschele, wohl bis zu einem gewissen Punkte, so z.B. den Besuch der Kirche, der Taufe seiner Kinder u.s.w. Christ zu bleiben, sonst aber, soweit dies mit seiner Macht als Herrscher zusammenhing, die heidnischen Gebräuche auszuüben und theilweise auch zu leiten. Die kleine, junge, christliche Gemeinde unter den Bakwena's sah darin nichts Arges, betrachteten das Singen, Kirchengehen und die Monogamie als die Hauptpflichten eines Christen, während die mächtige Partei der Regenbeschwörer, id est Heiden, froh war, den König den alten herkömmlichen Landesgebräuchen treu zu sehen.

Noch einige Züge aus seinem Leben, um seine Geschichte abzurunden und dann, lieber Leser, wollen wir sein jetziges »Schlößchen« auf den Bakwenahöhen betreten. Im Jahre 1864 sandte Seschele einige Hundert seiner Leute aus, um Sekhomo, den damaligen König der Bamangwato, anzugreifen. Doch die Makalahari-Vasallen berichteten diesem rechtzeitig die Annäherung der Bakwena's und diese wurden im Thale des Schoschon-Rivers, vor der Stadt Sekhomo's, geschlagen. Diese Truppe wurde von Khosilintschi angeführt. Seschele entschuldigte sich, daß er den Raubzug auf Anrathen Matscheng's, des früheren, nun flüchtigen und bei ihm wohnenden Bamangwatokönigs angeordnet hatte. Einer weiteren Schandthat machte sich Seschele durch die Ermordung Tschukuru's im April 1866, des Schwiegervaters des gegenwärtigen Königs der Bamangwato, Khama (Sekhomo's Sohn), schuldig. Bei einem der schändlichen Versuche, seine beiden vom Volke geliebten Söhne Khama und Khamane zu tödten, wobei diese sich flüchten mußten, sich später aber auf Gnade ergaben, wollte Sekhomo den Anhängern seiner Söhne gegenüber nicht gleiche Gnade walten lassen, weshalb diese, darunter auch Tschukuru, auf Seschele's Einladung hin, Zuflucht bei diesem nahmen. Sie kannten zwar Seschele nicht, allein weil ihnen ein Sohn Seschele's (ein Getaufter) mitgegeben war, ließen sie sich doch überreden, nach Molopolole zu wandern. In der ersten Nacht wurde Tschukuru unter dem Vorhaben aufgeweckt, daß ihn des Königs Bruder zu sehen wünsche und als er unvorsichtiger Weise dem Boten folgte, im Walde von Bewaffneten niedergestoßen. Seschele hatte dies angeordnet, weil sich Tschukuru im Kampfe gegen die Schoschong angreifenden Bakwena hervorgethan und dann auch, um Sekhomo, der den alten Mann haßte, einen Gefallen zu erweisen. Als Sekhomo durch den vertriebenen und zu Seschele geflüchteten Mascheng verdrängt wurde und selbst bei Seschele Zuflucht nahm, half dieser mit seinen Leuten den Söhnen Sekhomo's, Mascheng, seinen früheren Schützling, zu vertreiben.

In den folgenden erneuten Kämpfen zwischen Sekhomo und seinem Sohne Khama bot er beiden seine Hilfe zugleich, gegen eine Summe von 2000 £ St. in Straußenfedern und Elfenbein. Eine seiner letzten Ehrenthaten war das von ihm erlassene Gesetz, womit er einigen holländischen Jägern gegen schweres Geld Erlaubniß gab, durch sein Land zu ziehen und in dessen nordwestlichem Theile zu jagen, dabei aber den Makalahari, welche die Jagdgebiete bewohnten, sowie den Führern der Jäger verbot, diesen die Wasserstellen zu zeigen. Die von den Bakwena's unter Führung seiner Söhne im Jahre 1876 an den Bakhatla's verübten Grausamkeiten sind noch in frischer Erinnerung.—

Bei unserem Eintritt in den Hof des königlichen Hauses wurden wir von der sich erhebenden Königin, einer großen starken Frau, die ein nach hinten zusammengebundenes Kopftuch, so wie ein großes, wollenes Umschlagtuch und ein Cattunkleid trug, bewillkommnet und in's Haus geführt. Des Königs voller Titel ist »Seschele M'Kwase Morena ea Bakwena.«[[1]]

[1] Unter den centralen Betschuana's ändert der Vater seinen Namen wenn seine Familie mit mehreren Söhnen bedacht ist und diese im Aufwachsen begriffen sind, indem er den Namen des ältesten Sohnes annimmt, z.B. heißt der Häuptling der östlichen Bakhatla gegenwärtig Ra-Piti, d.h. der Vater (Ra) des Piti (sein ältester Sohn), während die Mutter den des jüngsten Sohnes annimmt, so heißt die Königin oder Seschele's Frau, Ma-sebele, d.h. (Ma oder M') Mutter des Sebele.

Wir wurden von Seschele zuerst in das Empfangszimmer geführt, während Ma-sebele den Auftrag gab, uns einen Imbiß zu bereiten. Das Empfangszimmer (Seschele gebraucht den englischen Ausdruck »drawing-room«, nur daß er ihn in einer regelwidrigen Weise ausspricht) ist vollkommen mit europäischem Comfort eingerichtet, Stühle etc. aus Nußbaum, die Sitzpolster mit rothem Sammt überzogen. Ein selbstbewußtes Lächeln, durch die hohe Meinung über sich selbst hervorgerufen, besonders wenn er sich in seinem drawing-room befand, soll das ohnehin freundlich lächelnde Vollgesicht des Bakwena-Herrschers umspielen, so oft er einem Weißen das Innere seines Palastes zu zeigen in der Lage ist, und sich an dem Erstaunen des Fremden weiden kann—auch mir armen Sterblichen wurde das hohe Glück zu Theil, es zu schauen.

Während wir uns niederlassen mußten, breitete sich der König erst sein Schnupftuch (das er jedoch nicht zu gebrauchen scheint) auf den von ihm erkorenen Stuhl aus, bevor er sich auf denselben niederließ. Ma-sebele trat später auch ein, und ließ sich auf einem Holzstuhle nieder. Durch meine beiden Begleiter befragte mich Seschele nach dem Zwecke meiner Reise, nach meiner und der Nationalität meiner Begleiter. Da er, wie die meisten der Betschuana's nur »Engländer« und »Boers« kannte, die ersten gerne sah, die letzteren »nicht liebte«, so war er sehr erstaunt zu hören, daß ich ein Weißer sein konne, ohne zu einer der beiden Nationen zu gehören. Endlich hatte er sich das Wort »Austria« eingeprägt und nun fragte er, an welchem Flusse ich wohne und ob in einer Stadt oder auf einem Viehposten, d.h. auf dem Lande. Ich nannte Prag, für ihn ein neues Räthsel und dies um so mehr, als ich, um die Größe der Stadt nach Betschuanabegriffen darzustellen, ihm mittheilte, daß Prag seine Residenz Molopolole zwanzig Mal an Umfang übertreffe. Er meinte, sein »Herz wäre voll Staunen über das große Dorf« und nachdem er die ihm übersetzten Worte meiner Begleiter nachgesprochen, erzählte er der Königin, die mich gnädig zu mustern schien, die ganze Episode mit den Worten: »Er (nach mir weisend) ist ein Naka (Njake, Njaga oder auch Njaka, d.h. Doctor) no Englishman, no Boer (er sprach Bur), sondern ein—hier sah er wieder fragenden, doch auch lächelnden Antlitzes Herrn Price an; dieser nickte auch und sagte Au—strian—O—O—stri—en, plapperte Seine Majestät nach und stand auf, um sich in die Brust zu werfen, da ihm dies gelungen.

Ein neuer Ankömmling, lachend und beide Missionäre begrüßend, ward nun auf der Thürschwelle sichtbar, es war ein etwa 14jähriger, hoch aufgeschossener, mit Hemd, Weste und Beinkleidern angethaner Jüngling, der eine rothe, wollene Zipfelmütze trug. Er lachte zu allem was gesprochen wurde, namentlich als ihn seine Mutter—denn der schmucke Jüngling mit dem Barett auf dem wolligen Kopfe war kein Minderer als Sebele, der Jüngste oder Ma-sebeles darling Baby (Herzenskindlein)—mir mit den Worten mo Sebele o Thō-li[)ng] Bĕb vorzustellen geruhte. Nach einer halben Stunde fiel es plötzlich dem jungen Königssohne ein, seiner Mutter mitzutheilen, daß der Thee im Speisesalon aufgetragen sei.

Seschele eröffnete hierauf den Zug, wir folgten und Ma-sebele bildete den Nachtrab. Wir waren alle im besten Humor—namentlich ich und Tholing—, ich weil ich zum ersten Mal seit zwei Monaten, und Tholing Beb, weil er schon zum zweiten Mal an diesem Morgen die »Kuchen« des Makoa (die Kuchen des weißen Mannes) erblickte. Doch wurde ihm das Glück nicht zu Theil, gleich uns an der Tafelrunde zu sitzen; er war bestimmt die »Honneurs« zu machen, worauf er sich ziemlich gut zu verstehen schien.

Das Speisezimmer hatte eine schöne mit weißem Linnen gedeckte Tafel, der Thee wurde in napfförmigen Tassen servirt, von denen die des Königs, der oben an der Tafel saß, mindestens einen Liter fassen mochte. Die Kannen, Zuckerdose und das übrige auf einem Seitentischchen stehende Tischgeschirr war aus Silber gearbeitet und wie ich hörte, dem Könige von den periodisch sich in Molopolole aufhaltenden Kaufleuten verehrt worden. Der Thee war gut und die Kuchen ließen nichts zu wünschen übrig. Unser Gespräch aus dem drawing-room wurde fortgesetzt und ich über das Gebahren der englischen Regierung in den Diamantenfeldern und jenes der holländischen in Pretoria und Bloemfontein befragt.

Ihre schwarze Majestät schien an unserer Conversation kein Interesse zu finden und fing anfangs leise und verstohlen, doch als nach und nach die Natur über sie die Oberhand gewann, merklicher und hörbarer, ihre durch unser Eintreten in's Höfchen unterbrochene Beschäftigung wieder aufzunehmen, d.h. zu schlummern. Der Herr Ehegemahl sah dies und da es ihm vielleicht etwas ungebührlich dünkte, gab er ihr erst durch ein Hüsteln und als dieses nichts half, zeitweilig durch eine zarte Berührung mit seinen Elephantenfüßchen den begangenen Verstoß gegen die Hofsitte zu verstehen. Ich hatte alle Mühe meine Lachmuskeln im Zaume zu halten und bemeisterte endlich die Versuchung, indem ich an den König das Wort richtete.

»Morena! Als ich ein Knabe von dreizehn Jahren war und zum ersten Male die Bücher Naka Livingstone's las und in denselben auch Deinen Namen fand, dachte ich wahrlich nicht, daß ich einst Dich selbst sehen, sprechen, ja noch Thee und Kuchen in Deinem Hause genießen würde.« Seschele, der es, trotzdem er die Regendoctorei prakticirt, sehr gut versteht, an passender Stelle Bibelsprüche anzuführen, war auch sofort mit einer ebenbürtigen Erwiderung zur Hand. »Die Wege der Vorsehung sind wunderbar,« waren seine unmittelbar darauf folgenden Worte; doch schon während Mr. Williams Uebersetzung meiner Worte hatte der König, dessen rechte Gesichtshälfte uns, die linke seinem Weibe die nöthige Aufmerksamkeit zuzuwenden schien, zu seinem Bedauern beobachtet, daß Ma-sebele wieder eingeschlummert war und diesmal sich gefährlich nach der Seite neigte. Mich mit listigem Blicke betrachtend, applicirte er seiner Frau einen so unzarten Fußstoß, daß Ma-sebele, die arme Königin, mit ihrer Stirne beinahe die vor ihr stehende Tasse umgeworfen hätte.

Nach Tisch machte ich mit den beiden Herren einen Spaziergang auf die Felsenhöhe, auf welcher Molopolole erbaut ist; diese Höhe heißt Mo-ra-a-Khomo, d.h. der Vater der Ochsen, so genannt nach einem einst hier ansässigen Bakwena-Viehzüchter und bildet mit der ihr gegenüber liegenden Höhe das Felsenthor Kobuque.

Die früher hier ansässigen Makalahari's und Bakwena's—es geschah dies noch als Seschele in dem nahen Liteyane wohnte—benützten die steil abfallenden Wände der Moraakhomo-Höhe an dem Felsenthore, um altersschwache Eltern oder nahe Verwandte, deren Ernährung und Verpflegung ihnen lästig fiel, über dieselben herabzustürzen. Die Unthat wurde vom nächsten in demselben Gehöfte wohnenden Verwandten vorgeschlagen und mit Hilfe seiner Nachbarn im Dunkel der Nacht vollbracht. Die Schwachen und Hilflosen, wohl wissend, was ihnen unausweichlich bevorstehe, wurden ohne Widerstand an den Felsenrand hingebracht oder hingetragen und Hyänen oder Schakale besorgten noch in derselben Nacht die Bestattung der Herabgestürzten oder machten den Leiden der durch den Sturz nur Schwerverletzten ein Ende.

Das unter dem Molopolole-Felsen, d.h. am nördlichen Felsenthore befindliche, von dem etwa 2½ englische Meilen auswärts in der Schlucht entspringenden Tschanjana-Flüßchen gefüllte, drei bis vier Fuß tiefe Felsenloch wird an trockenen Tagen von der dunklen Jugend Molopolole's als Badeort benützt. Daß jedoch Baden und Waschen keine den Betschuana eigentümliche Tugend ist, konnte ich an den Jungen, die sich vor mir badeten, und wobei natürlich Sebele, des Königs Sohn, den Anführer spielte, und die unsinnigsten Sprünge etc. ausführte, bemerken. Sie krochen wohl in's Wasser, beeilten sich jedoch, bald aus dem nassen Elemente herauszukommen und sich an den sengenden Sonnenstrahlen zu trocknen; an trüben Tagen mieden sie ängstlich das Wasser.

Die freie Zeit meines Aufenthaltes in Molopolole benützte ich zu Ausflügen in die nächste Umgebung, auf welchen meine Sammlungen um manches interessante Object vermehrt wurden. Theils erstand ich, theils erhielt ich als Geschenk: einige Carossen, einige sehr primitiv gearbeitete Assagaie, d.h. Wurfspieße, deren Schaft kurz und fingerdick, deren Eisen stumpf und äußerst schlecht gearbeitet, deren oberes Schaftende mit Sehnen umflochten, oder mit einigen Stückchen einer im nassen Zustande umgelegten und zusammengenähten Boahaut zusammengehalten war, ferner Schlachtbeile, welche in dem ¾ Meter langen, hölzernen Stiel lose befestigt, unseren Hackbrettmessern nicht unähnlich sind, ferner einige gut gearbeitete Holztöpfe und einige Beschwörungsmittel, eines aus Rüsselkäfern, zwei aus Samen und eines aus Vogelklauen, Haut- und Hornstücken gearbeitet. Herr Williams verehrte mir einen aus Boababrinde (Andansonia) gearbeiteten Reissack, den er von den von einem Raubzuge aus dem Maschonalande heimkehrenden Matabele erhalten hatte.

Meine zoologischen Sammlungen vermehrten sich um einen schönen Orix capensis-Kopf mit langen Hörnern, ein Leopardenfell und eines von Gueparda jubata, einige Hyraxfelle, ferner eines von Viverra Zivetia, welches jedoch selten zu sein scheint, und mehrere von Felis caligata. Herr Williams brachte mir den Cadaver eines dreijährigen Kamafuchses, das Thier hatte sich früher schon in einem Schlageisen gefangen, war jedoch nach Zurücklassung des einen Hinterfußes davongekommen, nun hatte es sich zum zweiten Male täuschen lassen und diesmal sein Leben verwirkt. Die Bakwenahöhen beherbergen auch den schönen Klippspringer; im Lande der Bakwena's, nördlich von Molopolole begegnen wir endlich zum ersten Male der Eland-(Elen-)Antilope und der Giraffe.

Unter den Vögeln fiel mir die Häufigkeit mittelgroßer Raubvögel auf, namentlich Sperber, Falken, Bussarde und Milane; von letzteren hatte Herr Williams mehrere erlegt, da sie die Küchlein seiner Frau Gemahlin decimirten. Sonst fielen mir durch ihre Häufigkeit Eulen, Uhu's, Schleiereulen und Zwergkäuze auf, welche in den Felshängen ihre Wohnsitze aufgeschlagen hatten. In den Felsenritzen und unter den vielen Felsblöcken herrscht ein reges Thierleben—Säugethiere, namentlich Raubthiere in großer Zahl, dann Reptilien, besonders Schlangen und Eidechsen finden hier die besten Schlupfwinkel; an die reiche und üppige Pflanzenwelt, die an den Abhängen vermodernden Baumstümpfe ist die Existenz zahlloser Insecten, darunter Lepidoptera, Fliegen etc. gebunden. Meine Ausbeute an Käfern, Spinnenarten und Scolopender war eine sehr reiche; für einen Naturforscher ist überhaupt der Aufenthalt in dem Bakwena-Höhennetze in jeder Beziehung ein äußerst lohnender.

Wir finden auch hier wie an den Bamangwato- und anderen auf dem Hochplateau des zentralen Süd-Afrika gruppenförmig ansteigenden, felsigen, mit dem Marico- oder Matabele-Gebirgscentrum zusammenhängenden Höhen, den steilen, zerklüfteten Abfall der Tafelberge oder tafelförmige, mit kegelförmigen, isolirten Höhenspitzen besäete Hochflächen. Dieses Gesammthöhennetz geht allmälig nach Norden in eine bewaldete und meist tiefsandige Hochebene über, um sich dann wieder ebenso allmälig in einer Ausdehnung von 30 bis über 100 englische Meilen zu einem seicht eingeschnittenen Flußbette zu verflachen, auf dessen gegenüber liegendem Ufer ein ähnlich beschaffenes Höhennetz, wie das eben beschriebene sich fortsetzt. Granit, Quarzitschiefer, Trapdykes, Kalkadern und eisenhaltiger, sandiger Thon bilden die Hauptformation der Höhen, deren Vegetation durch mehrere riesige Aloëspecies charakterisirt wird, welche förmliche Gehölze bilden.

Bevor wir von Molopolole scheiden, sei es mir erlaubt, hier einige der wichtigen religiösen und lokalen Gebräuche unter den Betschuana's zu erwähnen. Ich verdanke die folgenden Mitteilungen der Güte der englischen Missionäre Herren S. Mackenzie, Hephrun, Price, Williams, Brown und Webb und des deutschen Missionärs T. Jensen, ferner einigen der hervorragendsten Trader und einigen gebildeteren holländisch und englisch redenden Betschuana's und fand dieselben aus eigener Anschauung während meiner drei in's Innere unternommenen Reisen betätigt.

Religion im eigentlichen Sinne des Wortes besitzen die Betschuana's, d.h. die das centrale Süd-Afrika bewohnenden Stämme dieser Völkerfamilie nicht, doch kennen wir aus dem Umstande, daß sie bei den ersten Belehrungen über das Christenthum dem unsichtbaren Gott sofort den Namen Morimo beilegten, ohne daß das Wort eine anderweitige Verwendung fände, schließen, daß sie in längstvergangener Zeit einem sichtbaren oder unsichtbaren Wesen göttliche Verehrung gezollt haben mußten. So hat sich denn das Wort Morimo bei ihnen traditionell erhalten. Das nächstverwandte Wort zu Morimo ist Barimo, welchen Ausdruck die Betschuana's noch immer häufig gebrauchen und der »die Geister der Abgestorbenen« bezeichnet. Trotzdem sie also keine eigentliche Religion besitzen, hängt doch die Masse an vielen Gebräuchen, welche bei anderen Völkern, die Vielgötterei treiben, als religiöse Gebräuche angesehen werden, z.B. eine gewisse Verehrung, die sie, wie schon erwähnt, gewissen Thieren zollen, dieselbe ist jedoch nur darauf beschränkt, daß sie das Thier nicht tödten, sein Fleisch nicht genießen und sein Fell nicht gebrauchen. So finden wir auch, daß diese Gebräuche von bestimmten, dazu herangebildeten Personen gelehrt und ausgeübt werden, welche den König, oder ist der König ein Christ geworden, einen ihm an Würde zunächststehenden Heiden als ihr Oberhaupt anerkennen und auf diese Weise die Kaste der Priester und des Oberpriesters repräsentiren, welche unter den Betschuana's Naka (Njaka, Njaga) heißen. Als die Betschuana's ein wohl in mehrere Unter-Familien getheiltes, doch noch unter einem Scepter vereinigtes Volk und Reich darstellten, war das Königthum in der Familie Baharutse erblich. Selbst als sich später die Betschuana's theilten, der eine Stamm (eine Abzweigung, Unter-Familie) etc. nach Norden, die anderen nach Süden, Osten, Südost und Südwest zogen und selbstständige kleinere und größere Königreiche errichteten, die alte königliche Familie von den meisten ihrer Unterthanen verlassen auf die Unter-Familie, aus der sie entsprang, beschränkt, und machtlos geworden war, blieb ihr doch das Vorrecht jene abergläubischen, dem Hohenpriesteramte unter den Betschuana's zukommenden Gebräuche zu verrichten, und Mitglieder königlicher Familien, sowie Naka's aus den neuerstandenen Betschuana-Reichen wanderten an den Hof der Baharutse (Bahurutse) um von dem jeweiligen Oberhaupte diese Gebräuche verrichten zu sehen. Seitdem jedoch einzelne der losgetrennten Stammzweige der Betschuana's eigene, ziemlich mächtige Reiche errichteten und einige der Chefs oder Könige Christen geworden sind, hat dies beinahe völlig aufgehört, trotzdem aber wird von allen Betschuana's mit höchster Verehrung von der alten königlichen Familie gesprochen, welche seitdem durch des Geschickes Walten ihre Macht durch eine abermalige Theilung ihrer Mitglieder und der daraus folgenden Zersplitterung ihres Stammes völlig eingebüßt hat und gegenwärtig als Unterthanen der Transvaal-Colonie in und im Weichbilde der Stadt Linokana (früher zur Lebzeit des Häuptlings Moilo nebenbei Moilio oder Moiloa genannt) und als Unterthanen des Königs der Banquaketsen, Chatsitsive, die Stadt Moschaneng bewohnt. Der gegenwärtige Häuptling der ersteren (der östlichen Baharutse) und somit das eigentliche Oberhaupt der Betschuana's ist Kopani, ein noch junger Mann.

[Regenbeschwörer.]

Zu jenen Gebräuchen, die in den einzelnen Betschuana-Reichen von dem Oberhaupte des Landes oder wo verschiedene Stämme ein Reich bewohnen von den diesen vorgehenden Häuptlingen angeordnet werden, gehört vor Allem der ceremonielle Genuß der ersten geweihten Feldfrüchte (meist Kürbisse), ferner die Ausübung der Heilkunde, das Regenmachen und das Bezaubern. Dem Stammes-Oberhaupte als obersten Doctor, Zauberer etc. stehen bei der Ausübung der Zeremonien mit Ausnahme der ersten obgenannten, die er nur allein verrichten kann, die Linjaka's (Priester), die man jedoch auch Naka (Njaka) nennt, zur Seite (wir wollen sie aber der Unterscheidung und ihrer untergeordneten Stellung halber Linjaka's nennen), welche die übrigen Zeremonien der Zauberei und der Regenmacherei verrichten und damit auch einige primitive Kenntnisse der Heilkräuter verbinden.

Als Heilkünstler erkennt man sie in der Oeffentlichkeit an einem aus Pavianfell (Cynocephalus Babuin) verfertigten Mäntelchen, und in ihren Wohnungen an den aus dem Felle der Hynena crocaia (maenlaia) gearbeiteten Fußdecken (Teppichen), auf denen sie Audienzen ertheilen. Manche tragen auch um den Hals an Schnüren oder Riemchen verschiedene Säugethier-, Vögel- und Reptilienknochen, doch immer auch vier meist aus Elfenbein, zuweilen aus Horn geschnitzte, mit eingebrannten Zeichnungen versehene Stäbchen und Pflöckchen, welche Würfel darstellen und zur Diagnose benutzt werden. Diese letzteren werden auch von Menschen getragen, welche gegen Bezahlung des Lehrgeldes blos in dem Werfen dieser Dolo's unterrichtet werden, ohne daß sie wirkliche Linjaka's wären.

Ihr Amt ist unter den Betschuana's erblich, doch werden auch wißbegierige junge Männer zu Doctoren gebildet. Der Aspirant hat als Honorar seinem Lehrer eine Kuh (gegenwärtig zumeist andere Objecte im gleichen Werthe), oder falls derselbe in den Diamantenfeldern Mali (Geld) verdient hat, 4-7 £ St. zu geben und wird darauf sofort in die »Lehre« genommen. Der medicinische Lehrcurs beginnt mit dem Ausgraben (das »Graben« bildet einen wichtigen Begriff und eine wichtige Manipulation bei vielen Zeremonien der Betschuana's) der Heilkräuter, wobei er von seinem Lehrmeister durch Wald und Flur geleitet, über die Species der Pflanzen, die zur Benützung gelangenden Theile, sowie über die Jahres- und Tageszeit, zu welcher die Pflanze ausgegraben werden muß, belehrt wird. Die gesammelten Pflanzentheile werden sodann getrocknet, geröstet oder zerstampft und dann ein Pulver oder Absud derselben als »Heilmittel« erklärt, wobei jedoch gewisse Sprüche und Formalitäten bei der Zubereitung wie bei der Verabreichung zu beobachten sind, welche von den Aerzten bei der Behandlung wohlhabender Leute unter großem Lärm inscenirt werden.

Ein oft verordnetes Heilmittel sind schweißtreibende Vegetabilien und dies, wie das Schröpfen um locale, so jenes um innere, im ganzen Körper oder über größere Partien desselben verbreitete Schmerzen (Typhus, Dysenterie etc.) zu beseitigen, dabei wird der Kranke verhalten, sich in seine beste Carosse oder in eine gekaufte Wolldecke zu hüllen, und nachdem das Mittel seine Schuldigkeit gethan, erscheint der Doctor, um die Carosse oder die Decke mit dem Schweiße, dem transpirirten Krankheitstoffe »einzugraben«, d.h. sie in Besitz zu nehmen, während der Kranke froh ist, den Grund seines Uebels aus dem Hause entfernt zu wissen. Der Patient würde es nie wagen, dieselbe zurückzufordern, sollte er auch nach seiner Genesung die Frau Doctorin mit seinem Schakalmantel in den Straßen des Dorfes herumstolziren sehen.

Den letzten Lehrcurs bildet die Belehrung über das Werfen der Dolo's. Neben dem Dienste der Medicinmänner haben die Linjaka's auch einen zweiten Dienst, den der Beschwörer oder guten Zauberer zu versehen. Hierher gehören: das Herbeischaffen, der Gebrauch und der Verkauf von Mitteln, welche an einer Schnur an der Stirne und am Halse getragen, z.B. den Träger einer Löwenklaue muthig und flink, seine Verfolger träge und ihn selbst kugelfest machen sollen. Solche Mittel sind ferner: aus kleinen Tarsus- und Carpusknochen gewisser kleiner Säugethiermännchen, verschiedener Vierfüßler, Schuppen des Schuppenthieres, Metatarsus-Knochen gewisser Vögel und den Klauen bestimmter Raubvögel, aus Schlangen- und Leguanhaut, kleinen Schildkröten, den Leibern großer Rüsselkäfer verfertigte Amulete; mit verschiedenen eingebrannten Zeichen versehene Holzpflöckchen, eingeschnittene Ziegenbockhörner und kleine Hörnchen der zarteren Gazellenarten etc. welche allein oder mit verschiedenen buntbemalten Glasperlen an eine Gras- oder Giraffenschwanzhaar-Schnur angefädelt als Schutz vor Krankheiten, Uebeln und Unfällen am Arme oder um den Hals getragen werden. In den Amtsberuf der Linjaka's gehört endlich der Gebrauch der Dolo's um die Zukunft oder z.B. den Ort zu erfahren, an welchem ein gestohlenes Gut oder ein Flüchtling zu finden ist etc. etc.; die Beschwörungsweisen, um böse und unreine Menschen und Thiere zu schrecken, und sich von den ersteren zu befreien: z.B. durch das Aufhängen verschiedener Artikel unmittelbar an oder in der Nähe der Umzäunung des Gegners, durch das Errichten von Feuer in seiner Nähe, welche umgangen, umtragen und über welche gewisse Formeln gemurmelt werden.

[Die Beschwörung Khama's.]

Zur Arbeit der guten Zauberer gehört auch die Ausübung der zum öffentlichen Wohle gereichenden Beschwörungsgebräuche, wie das Vergraben von zwei Antilopenhörnern an den zu einer Stadt führenden Pfaden, das Aufhängen von Töpfen auf Pfählen zwischen den Gehöften, in manchen Hofräumen oder an den die Stadt beherrschenden Punkten, das Aufhängen von Pavianköpfen nahe am Eingange zur Kotla und der Köpfe größerer Raubthiere in der Nähe jenes Viehkraals, dessen Insassen von dem betreffenden Raubthiere getödtet worden waren etc.

All' dieses geschieht, um damit Segen und Gedeihen über eine Stadt zu verbreiten, um sie gegen Feuersbrunst und feindliche Angriffe zu schützen, im letzteren Falle um die Heerde vor einem weiteren Unfall zu bewahren. Auch die Felder werden in ähnlicher Weise mit Beschwörungsmitteln umgeben, um eine gute Ernte zu sichern und Heuschrecken abzuhalten. Aus diesem Grunde werden auch diese öffentlichen Amulete, lipeku genannt, auf die feierlichste und geheimnißvollste Weise bereitet (bei den Marutse am centralen Zambesi wurden Menschenopfer zu diesem Zwecke dargebracht) und nur die ältesten Linjaka's zu der Zubereitungs-Ceremonie zugelassen. Nur einige solcher Ceremonien sind auch Fremden zugänglich, z.B. der Khomo kho lipeku, d.h. der dem lipeku geweihte Ochs; zu dieser Ceremonie wird ein bishin weder als Zug- noch als Packthier benütztes Thier ausgesucht, diesem die Augenlider mit seinen Thiersehnen zugenäht und dasselbe wieder in die Heerde eingetrieben, dabei sorgfältig bewacht und nach einiger Zeit geschlachtet; hierauf wird sein Blut mit anderen Mitteln zusammengekocht und der Brei in kleinen Kürbisgefäßen aufbewahrt. Im Kriege beschmieren sich der König und die Heerführer mit diesem Brei oder behängen sich mit kleinen, damit gefüllten Gefäßen.

Linjaka's, welche aus Rache oder Böswilligkeit, Jemandem schaden wollen, aber auch solche, deren Zauberschwindel eine der beabsichtigten entgegengesetzte Wirkung hervorbringt, erhalten den Beinamen Moloi, d.h. böser Zauberer und werden gefürchtet und gehaßt, so daß schon der Name Moloi den Ausdruck der höchsten Verachtung bezeichnet und man dem Betschuana keinen ärgeren Schimpf anthun kann, als ihm diesen beilegen. Der Moloi erscheint den Betschuana's auch mächtiger als der Linjaka, da ihm ohne die Ausübung seiner Zaubermittel selbst die stumme Natur gehorcht, er bewegt sich, klettert über Zäune und Felsen und geht über Flüsse, ohne gehört zu werden, Feuer schadet ihm nicht, Hunde, Schakale etc. hören auf zu heulen und verhalten sich stille, wenn er an ihnen vorbeigeht oder an sie herantritt. Mütter gebrauchen den Namen Moloi, um ihre schlimmen und schreienden Kinder zur Ruhe zu verweisen.

Die bösen Zauberer trachten auch die Ernte zu schädigen; werden jedoch die Linjaka's von ihren Häuptlingen ausgesandt, dies einem Nachbarstaate anzuthun, so trägt nur der Auftraggeber das Odium der That, sie, die blos seinen Befehl ausgeführt, bleiben wie zuvor Linjaka's. Die Betschuana's behaupten, daß die Moloi's Leichen ausgraben, um ihnen gewisse Körpertheile zu entnehmen, auch daß sie Neugeborne tödten und aus gewissen Korpertheilen derselben Zaubermittel bereiten, doch die wichtigsten ihrer Mittel (d.h. die ihrer Meinung nach schädlichsten) behaupten die Moloi von Thieren zu gewinnen, die allgemein gefürchtet sind und nur schwer in die Gewalt des Menschen gelangen, so z.B. von der Boa, vom Krokodil und anderen. Haßt ein Mann seinen Nebenmenschen, ist er auf ihn eifersüchtig, so begibt er sich in der Dämmerung zu einem Moloi, um diesen gegen entsprechendes Honorar für seinen Plan zu gewinnen. Ereignet es sich nun zufällig, daß der auf der Jagd Abwesende oder Verreiste der bösen Macht des Zauberers erliegt und natürlichen Todes stirbt oder von einem Thiere getödtet wird, dann heißt es, der Mann sei im ersten Falle durch das Molemo (Gift), oder im letzteren Falle durch das vom Moloi gewonnene Thier (Büffel, Löwe etc.) getödtet worden.

Das vorstehende Bild stellt eine Scene dar, die sich im Jahre 1866 in Schoschong zutrug. König Sekhomo hatte Moloi's gedungen, welche durch verschiedene in der Nacht vor dem Häuschen Khama's, seines beim Volke beliebten Sohnes, auszuführende Zaubereien diesen tödten sollten. Khama erwachte durch den Glanz des vor seiner Einfriedigung hell auflodernden Feuers, schlich sich an den Zaun und sah ruhig zu. Als sich zufällig einer der »Alten« nach seiner Wohnung umsah und ihn erblickte, stieß er einen Schrei aus; bei dem nun folgenden Tumulte suchten die Zauberer das Weite. Khama trat vor, zerschlug die Beschwörungsgefäße, warf den Beschwörungströdel in's Feuer, löschte dieses aus und erschien zum größten Erstaunen Sekhomo's und der von ihm gedungenen Moloi's am nächsten Morgen, frischer und froher wie je in der Kotla.

In Uebereinstimmung mit ihrem Charakter gelten die Moloi auch als Feinde des Regens. Die Moloi glauben durch die frischen Zweige eines grünen Busches, welche unter einer Verwünschungsformel in die Flammen geworfen werden—den Regen bannen zu können, ferner suchen sie denselben Zweck durch die Verwüstung der von den Regendoctoren ausgesetzten Zaubermittel zu erzielen, auch glauben sie, daß das wiederholte Abfeuern von Gewehren die sich nähernden Wolken verscheuche.

Der wichtigste Dienst, der von den Linjaka's und ihrem Oberhaupte gefordert wird, ist die Regenbeschwörung. Da jedoch der Mißerfolg bei dieser öffentlichen Beschwörung nur zu leicht ersichtlich wäre, überträgt man zur Zeit langer Dürre-Perioden die Beschwörung des Regens an Linjaka's aus regenreichen Gegenden. Es sind meist die am rechten Ufer des mittleren Limpopo wohnenden Ma-lokwana, welche gegen ein Geschenk an Vieh zu dieser Arbeit gewonnen werden.

In feuchten, niederschlagsreichen Jahren wird die Arbeit den heimischen Linjaka's überlassen; allein oder von Freiwilligen begleitet, begeben sich dieselben auf ein speciell dazu bestimmtes, fruchtbares Grundstück, um »isimo ea pula« d.h. das Feld des Regens zu graben. Dies ist eine allgemeine Ceremonie und geschieht zeitlich im Frühjahr. Dann folgt das Umgraben der Fluren durch die Frauen, nachdem noch zuvor die Männer von den Linjaka's durch Beschwörung gesegnete Samen (Kafirkorn, Mais, Kürbis, Wassermelone etc.) gekauft und diese in die vier Ecken des Feldchens eingepflanzt haben. An diesem Tage wird alle Arbeit eingestellt und erst am folgenden von den Frauen fortgesetzt.

Von diesem Tage ab ist es ferner den Betschuana's verboten, die jungen Zweige der Bäume abzubrechen, vor Allem aber nicht jene des schon oft erwähnten Wart-en-bichi(bitje)-Baumes, der unter den Betschuana's allgemein verehrt wird. Erst zur Kafirkornreife und von den Njaka angeführt, versammeln sich die mit Aexten und Messern versehenen Männer in der Kotla, um einige Aeste von der geheiligten Accacie abzuhauen; mit den ersten wird der an die Kotla angrenzende königliche Viehkraal ausgebessert und nachdem dies geschehen, dasselbe an den übrigen Kraalzäunen gethan. Vor der Ernte einen abgeschnittenen Ast der Accacia detinens um Mittagszeit in einem Betschuanadorfe herumzutragen, käme einer schweren Beleidigung des Stammes gleich.

[Pit, der Griqua, entdeckt Leopardenspuren.]

Zur Erntezeit müssen alle Baum- und Buschfrüchte, Straußenfedern und Elfenbein bedeckt aus dem Walde zur Stadt gebracht werden. Hat es in der Nacht geregnet und der Regen bis zum Morgen angedauert, so bebaut Niemand an diesem Tage die Felder, um den Regen nicht aufzuhalten und zu stören. Hat sich die nasse Jahreszeit eingestellt, oder, wie der Betschuana sagt, der Linjaka mit seinen Medicinen den Regen herbeigerufen, so trachten nun die letzteren auch den Regen auf längere Zeit zu »fesseln«. Aus diesem Grunde besuchen sie allein oder von ihren Schülern oder von den Besitzern der Felder begleitet einsame Orte, meist Höhen, pfeifen, schreien, murmeln Formeln und entzünden hie und da an den vorspringenden Stellen der Höhen Feuer, wobei sie zuweilen gewisse Ingredienzen in's Feuer werfen.

Versagen alle angewendetem Zaubermittel und fällt kein Regen, dann wird in der Regel die Schuld auf die Masse geschoben und dieselbe irgend eines Verstoßes gegen die herkömmlichen Gesetze beschuldigt; meist sind es Witwen und Witwer, welchen der Vorwurf trifft, die vorgeschriebenen Reinigungen unterlassen zu haben. Die Untersuchung beginnt und findet sich nun ein Schuldiger oder eine Schuldige, so wird der- oder dieselbe verurtheilt, sich öffentlich der Reinigung zu unterziehen. Die Linjaka's bauen ihnen dann gegen Bezahlung außer der Stadt Grashütten, in welcher sie einige Zeit bleiben müssen, um sich ihre Wolle vom Kopfe abschaben und sich von den Linjaka's reinigen zu lassen; dann erst können sie zu den Ihrigen heimkehren.

Hilft auch dies nichts, dann wird eine allgemeine Reinigung des Feuers und der Herdsteine vorgenommen. Die Linjaka's beseitigen in jedem Höfchen die drei Herdsteine, auf denen der Topf an's Feuer gestellt war und tragen sie auf einen bestimmten Punkt vor die Stadt, wo sie aufgehäuft und neue geweiht werden. Während der Dauer dieser Zeremonie müssen alle Herdfeuer im Orte ausgelöscht werden. Abends oder am folgenden Morgen erscheint der Unterpriester mit Reisig und einem geweihten brennenden Stock, um, nachdem die Feuerstelle gut abgescheuert worden ist, die Feuer in der ganzen Stadt anzuzünden.

Sollte dies Alles noch keinen Regen zur Folge haben, ordnet man eine allgemeine Reinigung der Stadt an, herumliegende Fellstücke, Knochen, im Felde, vielleicht nahe an der Stadt zu Tage liegende Menschenreste werden begraben. Liegt der Ort in der Nähe der Begräbnißstelle eines Häuptlings, die sonst sehr geheim gehalten wird, so schlachtet man ein Stück Hausvieh, um damit den vielleicht erzürnten Todten zu besänftigen. Es werden auch ganze Jagden auf gewisse Thiere abgehalten, von welchen die Linjaka's gewisse Organe als Regen beschwörende Mittel gebrauchen; diese Jagd heißt »Letschulo« und wird unter den Auspicien der Regenmacher abgehalten.

Obgleich das Christenthum das Loos der Frauen unter den Bekehrten etwas gemildert hat, konnte es ihnen doch viele der schwersten Arbeiten nicht abnehmen, und erst der eingeführte Pflug, dessen Gebrauch sich gegenwärtig immer mehr einbürgert, hat das Loos des Betschuanaweibes erleichtert, dadurch, daß der Mann ihn mit Hilfe der Ochsen verwendet, welche die Frau nie berühren darf. Einen ähnlichen guten Einfluß wird die Einbürgerung des Pflugs auf das allmälige Verschwinden der eben betriebenen abergläubischen und sinnlosen Regenbeschwörungs-Gebräuche nehmen.

Ich schließe hiemit diese vorläufige ethnographische Skizze und kehre zur Schilderung meiner Reiseerlebnisse zurück.

Der freundlichen Einladung Rev. Williams, die Weihnachts-Feiertage noch in Molopolole zuzubringen, konnte ich leider nicht willfahren.

Durch das Kobuque-Felsenthor verließen wir den Thalkessel von Molopolole und zogen im Thale eines Tschanjanazuflusses nach Norden. Die üppigste Vegetation sproßte um uns her, das Ufer des Flüßchens und die unbebauten Thalstellen, die Abhänge an den Felsenhöhen waren mit den mannigfachsten Blumen und Gräsern bekleidet, stellenweise bebuscht und mit Bäumen bestanden, so daß die hier röthlichen, dort gelblichen, dann wieder auch grauen bis schwarzbraunen senkrechten Felsenmauern, stufenförmige, natürliche Felsenterrassen, die viereckigen und die abgerundeten, sowie die herabgekollerten Felsblöcke wie von einem buntgeblümten hier hellen, dort dunkelgrünen Teppich umrahmt schienen.

Der Himmel hatte leider kein Erbarmen mit uns, in strömendem Regen mußten wir uns durch den tiefen Sand des Weges hindurcharbeiten. Das Mißgeschick dieses Tages war aber damit nicht erschöpft. Als ich nach des Tages Mühen ruhen wollte, fehlten die beiden schwarzen Diener Stephan und Dietrich, die ich von Musemanjana mitgenommen, und mit ihnen waren zwei meiner kräftigsten Zugthiere spurlos verschwunden. Es war mir schon am verflogenen Abend aufgefallen, daß die beiden Flüchtlinge mich wiederholt vor umherstreifenden Löwen warnten, sie hatten offenbar mich damit von der Verfolgung abhalten wollen. Obwohl bereits 15 englische Meilen von Molopolole entfernt, beschloß ich, dahin zurückzukehren, um Seschele zu bitten, die Diebe durch Reiter auf Chatsitsive's Gebiet verfolgen zu lassen. Von Boly und Pit begleitet, machte ich mich am nächsten Tage, nachdem der Regen etwas nachgelassen, zu Fuß auf den Weg.

[Eingeborne Postboten.]

Doch schon nach fünfstündigem Marsche war ich außer Stande den Weg fortzusetzen, die schwere Fußbekleidung hatte meine Fuße gänzlich dienstunfähig gemacht; ich blieb am Rande des zum Molopololekessel führenden Kobuque liegen und sandte Boly und Pit zu Rev. Price und Seschele. Stunde um Stunde verrann, es war ein böses Omen für den Erfolg ihrer Mission—endlich spät Nachmittags hatten sie mich wieder erreicht, wie ich es geahnt, war ihr Gang vergebens.

Die Rückkehr zum Wagen war für mich eine wahre Martertour. Der Regen hatte zahllose Samen einer Ranunculus-Species (R. crepens) von der Höhe in das Thal herabgeschwemmt, die ob ihrer stachlichen Eigenart von den Boers »Develkies« genannt werden. Unfähig in meiner Beschuhung den Rückweg anzutreten, mußte ich es barfuß thun,—das weitere bedarf keiner näheren Schilderung. Mitternacht war nicht fern, als wir das lodernde Feuer des Lagers meiner Gefährten mit einem Freudenschrei begrüßten—die Stunde der Erlösung war gekommen.

[Scene aus dem Leben der Masarwa's.]

Wir beeilten uns am 27. zeitlich Morgens die Stätte trüber Erinnerungen zu verlassen und setzten die Reise durch den tiefsandigen Wald nach Norden fort. Die schlechte Beschaffenheit des Weges nöthigte uns zu öfterem Rasten; während einer solchen kam Pit, welcher die Zugthiere abseits des Wagens zwischen den Grasbüschen weiden ließ, athemlos auf mich zugelaufen und schrie von Weitem. »Teiger, Teiger, Bass!« Bei näherer Untersuchung fanden wir zwar keinen Teiger (Leopard), jedoch zahlreiche Spuren desselben auf den salzhaltigen Stellen des Bodens. Ich hielt es daher für rathsam, den Marsch wieder weiter aufzunehmen.

Die Reise am 28. führte uns theils durch einige seichte Vertiefungen, welche deutlich den Abfall des Bodens nach Osten zu zeigten und in einige in der Regenzeit dem Limpopo zufließende Bachbetten ausliefen, theils durch sandigen Wald, in dem ich mir, nach dem Weglaufen der Diener als unfreiwilliger Wagenlenker meine Sporen zu verdienen hatte. Von Wildspuren fanden wir jene des gestreiften Gnu, der Elandantilope, des kurzschwänzigen Schuppenthieres und auch solche von Hyänen zahlreich vor.

Auch am 29. war die Fahrt recht beschwerlich, nicht allein daß der Sand nicht abnahm, es hob sich das Land merklich gegen Norden. Die Entfernung von Molopolole nach Schoschong beträgt in der kürzesten Strecke 128 englische Meilen, doch kann man diese, häufigen Wassermangels halber, nicht zu allen Jahreszeiten passiren und muß deshalb zeitraubendere Touren wählen. Zu Fuße kann die Strecke mit Benützung der Fußpfade in fünf Tagen zurückgelegt werden, eine Leistung, die auch von den Post-Betschuana's zu Stande gebracht wird. Der im westlichen Theile des Marico-Districtes wohnende Missionär, Herr T. Jensen, versieht den Dienst des Postmeisters für das Innere, d.h. für die in den Eingebornenstädten wohnenden Missionäre und Händler, bei denen auch die Briefe, die den Jägern von den Ihrigen nachgesendet werden, aufbewahrt werden. Wöchentlich kommt ein Eingeborner mit den Briefen von Molopolole und bringt die in Linokana angekommenen nach der Balwenastadt; alle vierzehn Tage werden wieder zwei Bamangwato von Schoschong von dem dortigen Prediger nach Molopolole gesandt, um die Post, die der Molopololer von Linokana gebracht, nach Schoschong zu befördern. Ein Feuerbrand, einige Assagaien, auf welche sie rohes Fleisch spießen und der lederne Gurt mit den Briefen ist die ganze Ausrüstung der Postboten. Früher wurde je ein Mann für diesen Postdienst von Schoschong nach Molopolole auf sechs Monate gemiethet, er erhielt Kost und wurde mit einer Muskete und etwas Schußmaterial, gegenwärtig aber mit barem Gelde für seine Mühe entlohnt.

[Flüchtender Leguan.]

Zahlreiche Löwen- und Leopardenspuren am Rande der vielen vegetationslosen Bodeneinsenkungen mahnten uns am folgenden Tage zur größten Vorsicht, auch bot der tiefe Sand, in dem die Räder bis acht Zoll tief einsanken, große Schwierigkeiten. Einst mochten diese eben durchzogenen Gegenden sehr wildreich gewesen sein, dafür sprachen die aufgehäuften Skelette von Antilopen, besonders des Elands und der Giraffe. An keinem der vielen, hier und auf der weiteren Reise nach Schoschong angetroffenen Giraffenschädeln beobachtete ich die kleinen knöchernen Stirnauswüchse gleich hoch, an manchen einen, an manchen beide mit Exostosen bedeckt, oder durch solche an der Stirnbasis brückenförmig mit einander verbunden.

[Trocknen von Giraffenhäuten.]

Gegen Abend fiel mir Niger's Betragen auf, der im Grase zu unserer Linken hin- und herlief. Ich rief Onkel herbei—wir hatten nach und nach die übrigen Hunde (sieben) eingebüßt—beschleunigte meine Schritte und kam eben noch zur rechten Zeit, um einen riesigen Landleguan gemächlich auf einen Baum klettern zu sehen. Auf dem ersten horizontallaufenden, dicken Aste legte er sich flach nieder und dehnte sich derart, daß man ihn leicht übersehen hätte, wenn nicht die gelblichen Querstreifen von der grauen Rinde des Baumes grell abgestochen hätten. Das Thier, welches durch sein plötzliches Erscheinen die befiederten Bewohner des Baumes nicht wenig erschreckt hatte, blieb vollkommen ruhig auf dem Aste liegen, man sah nur die Bewegungen der Augenlider und das momentane Aufblitzen der kleinen schwarzen, glänzenden Augen. Ein Schrotschuß tötete das Thier, das meinen Sammlungen einverleibt wurde.

Am 31. waren wir wieder in tiefsandigen Wald gelangt, die Gegend zeigte wellenförmige, geringe Bodenerhebungen, welche stellenweise bebuscht oder mit Bäumen schütter bestanden, stellenweise jedoch dicht bewachsen waren, während die seichten Vertiefungen eine äußerst üppige, wenn auch nicht tropische Vegetation bargen. Der Regen hatte in den letzten Tagen abgenommen und die südafrikanische Decembersonne ließ uns warm ihre Strahlen fühlen. Auf dem tiefsandigen engen Wege einherziehend, machte mich B. auf einen dunklen, auf einem hohen Kameeldornbaum hängenden Gegenstand aufmerksam. Wir fanden nähergekommen mehrere große Stücke trockener Giraffenhaut, die von den Jägern vor langer Zeit aufgehangen und vergessen worden sein mochten. In der Untersuchung derselben wurden wir durch einen herbeieilenden Makalahari unterbrochen, welcher durch seine Mittheilung, daß die Haut dem Morena Seschele gehöre, alle Annexionsgedanken im Keime erstickte. Er und seine im Walde wohnenden Gefährten waren hier stationirt, um die zeitweilig anzutreffenden Giraffen zu jagen. Das Fleisch gehörte ihnen, doch die Haut dem Könige. Die weitere Mittheilung des von mir beschenkten schwarzen Jägers, daß wir erst zu Mittag des folgenden Tages auf Wasser stoßen würden, trieb uns zur Eile an. Erst die einbrechende Nacht machte unserem Tagemarsche ein Ende.

Am Lagerplatz angelangt, berieth ich eben mit meinen Gefährten, wie der Wassernoth zu begegnen sei, als die Hunde zu knurren anfingen. Aus dem Benehmen derselben, die, ohne die Nähe des Feuers zu verlassen, auf eine Stelle in's Dunkle hinblickten und dann sich nach der entgegengesetzten Seite kehrten, wobei es uns auffiel, daß sie einen sich um unser Gefährt in den Gebüschen bewegenden Gegenstand witterten, schloß Pit, daß diesmal Masarwa oder Makalahari (die Sclaven der Bakwena's) die Ruhestörer waren.

Ein leises »Rumela, Sir!« das uns aus den Gebüschen entgegentönte, löste jeden Zweifel; nachdem Pit die Hunde zur Ruhe verwiesen hatte, traten zwei Schwarze an's Feuer, es waren die Postboten aus Schoschong auf dem Wege nach Molopolole. Der eine trug ein großes Stück Fleisch, das er in einem, eine halbe Tagreise entfernt liegendem Barwadorfe für eine Handvoll Zündhütchen erhandelt; als sie sahen, daß wir mit dem Wasser recht sparsam umgehen mußten, boten sie uns ihre beiden mit Wasser gefüllten und mit frischen Grasbüscheln zugepfropften Kalebassen an, leider konnten wir des starken Geruches der unrein gehaltenen Kürbisgefäße halber von ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen.

Der Neujahrsmorgen 1874 brach recht trübe an, Tags zuvor war es glühend heiß gewesen, heute war der Himmel mit Wolken bedeckt und die Atmosphäre bedeutend abgekühlt. Gegen Mittag heiterte sich der Himmel auf und als wir unsere Ost bei Nord-Richtung in eine nördliche änderten, sahen wir in eine Vertiefung vor uns, die sich nach Osten zu ziehen und der Anfang eines Thales zu sein schien, sowie eine kleine Rauchsäule an der bebuschten Erhebung ober dieser Vertiefung. Ein Säule Gold hätte uns alle nicht so elektrisiren können, wie es der bläuliche, in kleinen Wölkchen sich emporhebende Dunst und Rauch vermochte. Nach und nach erkannten wir auch einige elende Grashütten, dann spielende Kinder in ihrer Nähe und unten in der Tiefe zwei Barwa, die auf uns zu warten schienen. Ich sandte Pit voraus, um nach Wasser zu fragen; als wir zur Gruppe gestoßen waren, theilte uns der Diener mit, daß außer einigen tiefen, engen Löchern, aus denen nur die Bewohner des kleinen Dörfchens Wasser holten und aus denen höchstens Ziegen trinken konnten, kein trinkbares Wasser in der Nähe sei, wohl aber gegen Sonnenuntergang, wohin sie uns mit der Erlaubniß ihres Herrn, eines Bakwena's, führen wollten.

Unser Führer gehörte ebenfalls dem Bakwenastamme an. Ich glaube schon erwähnt zu haben, daß die Betschuana's sowie die Koranna's von Mamusa Diener, oder besser gesagt Sclaven besitzen, die dem Makalaharistamme (auch Bakalahari) angehören, welcher früher die Gebiete zwischen dem Zambesi und dem Oranjeflusse sein eigen nannte. Außer diesen Sclaven, die jedoch ziemlich mild behandelt werden, befinden sich in den sechs Betschuana-Reichen noch zwei andere Stämme in der Stellung von Sclaven den Betschuana's gegenüber, doch ist diese Stellung eine drückendere, denn während es zu geschehen pflegt, daß Makalahari freigelassen werden, und zuweilen eine Annäherung und Verschmelzung der Ma- oder Bakalahari und der Bakwena's etc. statthat, geschieht dies nie zwischen den letzteren oder anderen freien Betschuanastämmen und den beiden hart behandelten Sclavenstämmen, den Barwa's, die bei den nördlichen Betschuana's Masarwa's genannt werden, und den Madenassana's, die in dem nordwestlichen Gebiete der östlichen, und dem nordöstlichen der westlichen Bamangwato's wohnen.

[Masarwa's am Feuer.]

Ich möchte die Barwa's und Masarwa's als ein Mischlingsvolk, hervorgegangen aus der Verschmelzung der Makalahari, d.h. eines Zweiges derselben, mit den Buschmännern bezeichnen. Gestalt, Teint, Gebräuche und die Sprache sind ebenso viele Indicien für diese beiderseitige Verwandtschaft und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich die Barwa's und Masarwa's ein Bindeglied zwischen den Buschmännern und der Banthufamilie nenne. Während die Makalahari etwa Leibdiener, hauptsächlich aber Hirten der Betschuana's sind, haben die übrigen Sclavenstämme Jagddienste zu versehen, in welcher Beschäftigung sie ihre Gebieter auch weit übertreffen. Der Bogen und der Pfeil, den Betschuana's fremd, sind bei den Barwa und Masarwa wie bei den eigentlichen Buschmännern noch immer im Gebrauch, ebenso verstehen sie die Thiere in Fallen, d. h. mit vergifteten Assagaien (siehe die [Illustration Seite 44]) und in Fallgruben zu fangen, als Antreiber sind sie—wie die ihnen bezüglich der Sprache und des Gesichtsausdrucks verwandten, doch sich sonst an die westlichen Eingebornenstämme anlehnenden Madenassana's—vorzüglich verwendbar. Nur gegen ihre Verschmitztheit, Untreue und ihren Hang zum Diebstahl ist es gerathen, sich vorzusehen.

[Anschleichende Masarwa's.]

Sie bewohnen in wildreichen Gegenden kleine Dörfchen, d.h. Hütten, deren heuschoberähnliches Gerippe aus einigen in die Erde schief eingetriebenen, etwa fünf Fuß über dem Boden miteinander verbundenen Pfählen besteht und mit einer Lage von dürren Zweigen und Gras überdeckt wird. Sonst zeigt keine Umzäunung, blos einige glatte Steine, worauf Samen zerrieben, Knochen zerschlagen oder geschliffen werden, sowie einige Aschenhaufen, zahlreiche trockene Schoten von Leguminosen (Bäumen, Sträuchern und Pflanzen) und einige Fußpfade, daß hier Menschen hausen oder gehaust haben. Gewehre und Schießbedarf werden ihnen anvertraut, die Felle, Straußenfedern, Elfenbein und Rhinoceroshorn, nebstdem auch wilde Früchte, wie jene des Baobab, der Fächerpalme etc. müssen sie an ihre Herren abliefern. In der Regel finden wir jedoch einen Bamangwato oder Barolong etc., dessen Leibdiener sie sind, mit ihnen jagen, kehrt er heim, so übergibt er dem ältesten von ihnen das Commando. In jedem andern Falle müssen sie sich nach zwei bis fünf Monaten in der Hauptstadt einfinden und die Jagdbeute abliefern. Bei dem Besuche derselben ist es ihnen aber nicht gestattet, bei Tage in die Stadt zu treten, sie lassen sich vor der Stadt nieder, und nachdem sie dem nächsten besten Einwohner ihren Namen, ihren Wohnort und den Zweck ihres Kommens mitgetheilt und dieser es dem König hinterbracht hat, wird ihnen am Abend nach Sonnenuntergang ein Bote zugesendet, der sie in die Kotla führt. Solche, die den Besuch der königlichen Stadt zur bestimmten Zeit unterlassen, wenden durch einen von dem Chef ausgesendeten Boten an ihre Pflichten gemahnt und abgeholt.

Die Masarwa's sind von mittelgroßer Statur, besitzen einen röthlichbraunen Teint und abstoßende Gesichtszüge; in ihrer Gestalt nähern sie sich dem Buschmanne, in ihren Gesichtszügen und dem Teint den Makalahari's. Sie sind weniger treu und anhänglich als letztere, darum werden sie auch von ihren Herren seltener im Kampfe und als Hirten benützt, wohl aber als Spione oder um die Grenzen zu bewachen und von der ersten Annäherung eines feindlichen Haufens nach des Königs Stadt Nachricht zu bringen.

Kein Stamm im centralen Süd-Afrika versteht es in den trockensten Gegenden mit solchem Erfolge nach Wasser zu spüren, die Fährte des Wildes so treu aufzunehmen und das Wild so geschickt und unbemerkt zu beschleichen und zu überlisten wie die Barwa's und Masarwa's. Weil sie jedoch in Folge ihrer Untugenden von den Betschuana's hart behandelt werden, sind sie auch den Weißen gegenüber mißtrauisch geworden. Reist man durch die Kalahari, oder in den sandigen Wäldern, die wir eben durchzogen, oder in jenen zwischen Schoschong und dem Zuga-River und jenen zwischen den Salzseen und dem Zambesi, so ist man oft, ohne die leiseste Ahnung davon zu haben, von Angehörigen dieses Stammes gefolgt, der ob seines Mißtrauens und um nicht schwere Arbeit verrichten zu müssen, sich scheu in der Ferne des Weißen hält. Hat man jedoch ein Stück Hochwild geschossen, so sieht man sich, bevor noch die Beute erstarrt, von einem Trupp Barwa's umringt, welche mit Ungeduld den Moment erwarten, zum Ausweiden der Jagdbeute aufgefordert zu werden, um einen Theil des Fleisches als Entlohnung zu erhalten. Ich möchte sagen, sie sind unter den südafrikanischen Racen das, was unter den Vögeln der Aasgeier und unter den Säugethieren die Schakale. Kreist in den obgenannten Gegenden ein Aasgeier hoch in den Lüften, so hat ihn auch schon des Masarwa Auge erspäht und er eilt rasch nach der Stelle zu, wo der Geier sich niedergelassen. Ueberraschen sie nun bei solcher Gelegenheit den König der Thiere beim Mahle, so trachten sie durch Geschrei, mit Stein- und Feuerbrandwürfen das Raubthier zu verscheuchen, angegriffen, flüchten sie sich wie die Affen in die Bäume und verkriechen sich wie die Wiesel in die Dorngebüsche, um dem sie verfolgenden Löwen einen ihrer vergifteten Pfeile in eine dünnere Hautstelle einzubohren.

Nach der Mittheilung meines Freundes Mackenzie werden diese Masarwa's und Barwa's von den Betschuana's in der Regel Masarwa a bolotsana thata, d.h. schlechte Menschen (Bösewichter) und Masarwa Ki linoga hela (wahre Schlangen) betitelt.

Gleich den Buschmännern in der Colonie und im Oranje-Freistaat hassen die Barwa's und Masarwa's Ackerbau und Viehzucht, doch beobachtete ich nie—außer an einigen, jenen der Makalahari's ähnlichen, auf Bein und Holz ausgeführten, höchst einfachen, eingebrannten oder eingeschnittenen Strichen etc.—daß sie Gravirungen in Stein ausführen oder steinerne Objecte in ihrer einfachen Haushaltung benützen würden. Dagegen arbeiten sie lange Ketten aus rundlichen Straußeneier-Scheibchen und andere Verzierungen aus diesem Material. Ich konnte bei ihnen weder von einem Höhlenbau in Felsen, noch etwas von einer Ausschmückung der Felsenkuppen sehen oder in Erfahrung bringen, hingegen fand ich bei ihnen den crassesten Aberglauben in voller Blüthe.

Auf der Jagd, mag der Masarwa nun allein oder in Begleitung seines Betschuanaherrn sein, werden die einfachen Knochen- und Holz-Amulete (Dolos) geschüttelt und geworfen, um die Richtung des Wildes, die Art und Zahl desselben und den Erfolg der Jagd zu erfahren. Sie werden auch in Krankheitsfällen befragt, und ob der »Herr« kommt. Von den Betschuana-Herren hat er den Namen Morimo für Gott aufgeschnappt, und obgleich der Betschuana selbst den Begriff Morimo, der von seinen Vorfahren verehrt wurde, bis auf den Gedanken, daß Morimo ein höher als die Morena's (Fürsten) gestelltes Ding oder höheres Wesen bezeichnet, verloren, so bezeichnet doch auch der Masarwa und der Barwa seine Dolos, die ihn über alles belehren und unterweisen sollen, seinen Schatz und seinen theuersten Besitz mit Morimo, er meint »dies ist mein Gott (Se-se morimo-se)« oder er sagt »die Dinge meines Gottes (Lilo tsa Morimo oa me)« und Dinge die ihn benachrichtigen, »Lilo-lia impulelela mehuku.« Doch nicht allein, daß ihm die Dolos sein Morimo oder die Eigenschaft, das Eigenthum eines mächtigen Wesens sind, er behauptet auch andererseits, daß er selbst mit dem Werfen dieser Dolos Morimo Gelegenheit gebe, seine Kenntniß darzuthun, und daß er selbst Morimo's Werkzeug sei.

Die Barwa- und Masarwamänner zeigen ihren Frauen gegenüber mehr Anhänglichkeit als die Betschuana's und Makalahari's, die schwerste ihnen zukommende Arbeit ist das Wasserholen in den mit Bast, Stricken oder Thierhautstreifen umflochtenen Straußeneier- oder Kürbisschalen und das Tragen der kaum nennenswerthen Hausutensilien. Die primitiven Hütten sind in wenigen Stunden mühelos hergestellt. Eine große Anhänglichkeit zeigt der Masarwa für seine Hunde, die, im Gegensatz zu der schlechten Behandlung, die diesem Hausthiere von den Betschuana's zu Theil wird, bei ihnen zumeist gut gepflegt werden.

Von ihren Gebräuchen sind nur wenige bekannt, da noch kein Reisender in der Lage war, längere Zeit in oder in der Nähe eines Masarwadorfes zu wohnen und ihrer Sprache mächtig zu werden; wir wissen blos, daß sie sich im Stadium der Pubertät, mit einem Knochen die Nasenscheidewand durchbohren und ein Holzpflöckchen einschieben, um eine kleine kreisrunde Oeffnung zu erzeugen. Das Hölzchen wird, nachdem der Zweck erreicht, wieder entfernt; sie benennen diese That rupa, was jedoch ein aus der Setschuana entnommenes Wort ist und die Einleitungceremonie zu der Beschneidung bei den Betschuana's bezeichnet.

[Neujahrstafel im Urwalde.]

Was vielleicht dem Reisenden am meisten an den Masarwa's, die in manchen Gegenden über Mittelgröße, ja zuweilen im Lande der Bamangwato's oder Bakwena's etc. ebenso wie der herrschende Stamm von hoher Statur sind, neben der Häßlichkeit ihrer Gesichtszüge am meisten auffällt, das sind die röthlichen, wie halbgeröstet aussehenden vorderen Schienbeinflächen, oft tragen die Vorderarme und der Rücken sowie die Fußrücken und Schenkel ähnliche narbenartige Merkmale. Der Masarwa—in selteneren Fällen der Makalahari—der kaum mehr als ein kurzes Fellstück, über die Schulter geworfen hat und zuweilen außer einem kleinen aus Elandfell gearbeiteten Schildchen nichts zu seinem Schutze mit sich trägt, ist gegen die Kälte sehr empfindlich. Statt sich nach Betschuanasitte ein umzäuntes Höfchen zu machen und hier oder nach jener der Koranna's in der Hütte selbst ein Feuer anzuzünden, entzündet er das seine stets im Freien und sucht sich dann so rasch wie möglich zu erwärmen; er rückt dem Feuer so nahe wie möglich und schläft hockend mit auf die Kniee gesunkenem, zwischen die Arme gepreßtem Kopfe ein, daher sind dann auch die vorderen Unterschenkelflächen dieser armen Geschöpfe denen des Metatarsus der paarenden Straußenhähne nicht unähnlich gefärbt.

Berichtet man von dem Buschmann der Colonie, daß er die Haut des Wildes benützt, um sich demselben bis auf Treffweite seines Pfeiles zu nähern, so benützt der Masarwa einen kleinen dichten Busch als Deckung, d.h. den Busch mit der einen Hand vor sich hinhaltend und vorschiebend, um in kriechender Stellung seine Opfer zu beschleichen. »Eines Abends,« erzählte ein mir wohlbekannter Jäger, »saß ich allein an meinem Feuer in einer der weiten Ebenen des Mababifeldes. Vor mir lag die Ebene, das Gras war noch jung, kaum zwölf Zoll hoch. Ich rauchte und blickte auf die Ebene hinaus; vor mir hob sich hie und da ein kleiner Busch empor. Als ich nach einer Weile wieder aufsah, schien es mir, als ob sich der eine Busch an einer Stelle befände, an welcher ich zuvor keinen erblickt, d.h. kaum 50 Schritte vor mir. Ich fixirte das Object, doch mehr denn eine Viertelstunde verrann und noch immer stand der Busch an seiner Stelle. Ich hielt das ganze für Sinnestäuschung und kehrte mich zum Wagen—doch wer beschreibt meine Ueberraschung, als ich mich nach einigen Minuten zufällig umwandte und etwa 20 Schritte vor mir einen Masarwa erblicke.«

Bei den Wassertümpeln angelangt, fühlte ich mich bedeutend wohler. Unsere Haltstelle, wo ich uns eine mehrtägige Rast gönnen wollte, schien vor einem Jahre, oder doch während dieser Zeit von Jägern bewohnt gewesen zu sein. Einige Hufe von Zebra's, welche mit Auswüchsen, durch Wespenmaden hervorgebracht, wie mit Zoten dicht überwachsen waren, sowie Bruchstücke von Kudu- und Bläßbockhörnern, gestreifte Gnuschädel, ein Giraffen- und ein beschädigter Nashornschädel, und Reste einiger Grashütten wiesen deutlich darauf hin. Unsere Masarwa-Führer betätigten meine Vermuthung und theilten mir mit, daß hier Bakwena's (die Herren des Landes) unter der Anführung eines Sohnes Seschele's, d.h. des königlichen Prinzen mit mehreren Pferden gejagt und nebst einigen Straußen einen großen Wagen mit Fellen und Fleisch beladen nach Molopolole zurückgebracht hätten.

Nachdem wir uns alle gelabt und erfrischt hatten, konnten wir endlich daran denken, den Tag der Jahreswende zu feiern. Es geschah dies nicht ohne jedes Ceremoniell, ein Toast auf das Wohl des Kaisers von Oesterreich schloß die Feier des Neujahrstages 1874 im Herzen der südafrikanischen Wildniß. Erstaunt sah uns der Masarwa an, er sah uns in die Lüfte sprechen und frug Pit, ob wir zu unserem Morimo geredet hätten.

Gegen Abend fühlte ich mich so weit hergestellt, daß ich sogar einige hundert Schritte weit in die Büsche gehen konnte, wobei mir ein undurchdringliches dichtes Gehölz nahe an der Stelle, wo der nach Westen zu führende Weg plötzlich nach Norden sich wendet, durch seine Höhe auffiel. Gruppenweise fanden sich in diesem Walde zwischen Molopolole und Schoschong bis zu 60 Fuß hohe Bäume. Eine der Acacia horida äußerst ähnliche Art war besonders häufig vertreten. Alte Stämme waren niedergefallen, lagen theilweise zwischen den zerschmetterten, schwarz berindeten Aesten gebettet, theils lehnten sie an anderen, sich noch kräftigen Gedeihens erfreuenden und bildeten mit den vielen neu aufsprossenden Bäumen, dem anderweitigen Gebüsch, sowie den durch den Moder der absterbenden Bäume beförderten reichen Pflanzenwuchs dichte, oft undurchliche, wenn auch beschränkte Urwaldpartien in dem unabsehbaren, tiefsandigen Niederwalde. Bei der herrschenden Dunkelheit hielt ich es nicht für gerathen, in das oberwähnte Gehölz einzudringen, trotzdem mich ein mehrstimmiges Perlhuhngegacker anlockte.

Nachdem ich sie reichlich beschenkt, entließ ich die beiden Masarwa-Führer und ließ ihrer Mahnung entsprechend, sechs große Feuer um unser Lager anzünden, um die hier zahlreich herumwandernden Raubthiere abzuhalten. Ohne Ahnung, daß der folgende Tag für mich einer der ereignißreichsten und zugleich trübsten während meines siebenjährigen Aufenthaltes werden sollte, verfiel ich bald darauf in einen wohlthätigen Schlummer. Später als ich es sonst gewohnt war, wachte ich durch ein unnatürliches Kältegefühl auf, welches durch eine von der Wärme angelockte und wohl irgendwo unter den zahlreichen umliegenden Thierschädeln wohnende kleine Schlange verursacht worden war. Die Sonne stand schon hoch und am Feuer saßen Besucher aus dem gestern von uns wahrgenommenen Dorfe. Ich erkannte sie an dem Bakwena, der das Wort führte. Der Mann hatte einige Pallahfelle, einige weiße, doch nicht besonders feine Straußenfedern und einen etwa neun Pfund schweren Elephantenzahn mitgebracht, der deutliche Spuren trug, daß er von einem der Thiere »verloren«, durch lange Jahre irgendwo im Grase gebleicht hatte, bevor ihn der Zufall dem Bakwena oder einem seiner Masarwa-Diener in die Hände gespielt hatte.

[Verirrt.]

[Von Masarwa's gestörtes Löwenmahl.]

Gegen Mittag schulterte ich das in Moschaneng erstandene Doppelgewehr, nahm 12 Patronen mit und schlug eine westliche Richtung ein, um unseren Tisch mit frischem Wildfleisch zu versehen. Etwa 700 Schritte vom Wagen stieß ich auf Gnu's und nach weiteren 1000 Schritten, nachdem ich diese in Süd- bei West-Richtung verfolgt, auf quer über meinen Pfad nach Norden führende, frische Giraffenspuren. Ich verließ sofort die zuerst eingeschlagene Richtung und folgte den Giraffen, die, etwa 20 an der Zahl hier ihren Weg genommen haben mußten. Nach einer Stunde Weges theilten sich die Spuren, ich folgte den zahlreicheren, die nach Nordwest zu führen schienen. Der Rasen wurde dicht ohne hoch zu sein, die Spuren wurden immer undeutlicher, trotzdem fand ich an einigen abgebrochenen Zweigen deutliche Merkmale, daß hier die Thiere noch vor einigen Stunden geweidet haben mußten. Die Gegend war derselbe Niederwald, doch nur stellenweise dichter, und bestand aus geringen Senken und ebenso unbedeutenden sandigen Bodenerhebungen. Seitdem ich die abgebrochenen Zweige wahrgenommen, hatte ich weniger die Richtung im Auge behalten und als ich bei meinem Suchen drei Meilen zurückgelegt, hatte ich dieselbe vollkommen verloren. Während ich mich zu orientiren versuchte, fühlte ich mich recht matt und abgeschlagen, dabei mächtigen Hunger, das Aergste von Allem jedoch war, daß es in meinem Kopfe wohl durch den Einfluß der brennenden Sonnenhitze wie in einer Mühle sauste und sich stechende Schmerzen in den Schläfen einstellten. Ich war so, ohne es zu wissen, zweimal im weiten Bogen zurückgegangen und mußte mich höchstens fünf Meilen weit vom Wagen befinden, doch in meiner Verwirrung und von unsäglichem Kopfschmerz geplagt, schlug ich die entgegengesetzte Richtung ein und ging so rasch es meine Müdigkeit nur gestattete, gerade nach Nordnordwest. War der Kopfschmerz die Ursache, oder war ich so matt und meine Sinne durch die große Hitze so abgestumpft, ich kann es mir selbst heute nicht erklären, daß es mir in dieser Zeit, als ich schon die Giraffenspuren verlassen und den Heimweg angetreten zu haben wähnte, nicht einfiel, das goldene Himmelsgestirn anzusehen, nicht eher, als bis es sich schon zum Untergange neigte und die langen Schatten der Bäume das Ende des Tages anzeigten.

Da schlug ich eine südöstliche, dann aber eine östliche Richtung ein, um den von Molopolole nach Schoschong führenden Weg zu treffen. Allein als ich zu diesem Entschlusse gekommen war, hatte auch meine Abmattung den Gipfelpunkt erreicht und ich konnte kaum 20 Schritte gehen, ohne ausruhen zu müssen. Der Durst quälte mich entsetzlich. In der Hoffnung, daß ich vielleicht dem Wagen näher war als ich es vermuthen konnte, oder aber um die Aufmerksamkeit zufällig in der Nähe jagender Masarwa's auf mich zu lenken, feuerte ich acht Schüsse ab und horchte mit größter Spannung auf den Erfolg meines Nothsignals. Doch Alles blieb stille.

Mit Anstrengung und der Wunden nicht achtend, die mir das Erklimmen eines Dornbaumes verursachte, feuerte ich nochmals von seiner Spitze zwei Schüsse ab, vielleicht wurde ich nun gesehen, doch wie weit mein wirrer Blick auch reichte, keine Bewegung in den Büschen, kein Gegenstand zu erblicken, der mir Hilfe hoffen ließ. Nun sank mir der Muth. Ich fühlte mich außer Stande, einige Meilen weiter zu gehen. Die letzten beiden Schüsse konnte ich doch nicht aufopfern, ich fühlte mich so schwach, daß mir das Tragen des Gewehres zur Last wurde und hätte es wegwerfen mögen. All' dies wohl die Folge der heutigen Anstrengungen, des Unwohlseins und der Unfälle, die mir Tags zuvor zugestoßen waren. Was nun thun! Schreien! Ja, Schreien, ich begriff nicht, daß mir dies nichts helfen, höchstens wilde Thiere anlocken würde. Ich kroch auf einen Termitenhügel und schrie aus Leibeskräften. Es währte nicht lange und ich hatte mich—ohnehin derart abgemattet, daß ich mich mit aller Macht an den Termitenbau anklammern mußte, um nicht herunterzugleiten—heiser geschrieen. Als ich mich zur Erde gleiten ließ und hier neben dem Gewehre lag, brach ich, durch die glühende Sonne und die gänzliche Ermattung wie sinnesverwirrt, in ein Gelächter aus. Es kam mir selbst sinnlos vor, in dieser Wildniß, in der weit und breit im Umkreise keine menschliche Seele zu treffen war, auf solche Weise Rettung zu suchen. Das krampfhafte Lachen hatte einen krampfhaften Husten zur Folge und dieser führte mich wieder zur Besinnung zurück.

Der in mir wühlende Durst drohte mir den Rest meiner Kräfte zu rauben, vergebens sah ich mich nach Blättern um, deren Feuchtigkeit meinen brennenden Lippen Kühlung gewähren konnte, die einen waren dürr, die anderen mit Wollhaaren bedeckt; mechanisch griff ich nach den Blättern eines mir unbekannten Busches und führte sie an die Lippen, doch auch sie waren—Ironie des Schicksals—gallbitter. Noch einige Schritte und ich ließ das Gewehr fallen, Blitzartig durchzuckte mich jedoch bald nachher der Gedanke, daß ich damit meinen einzigen Schutz, meinen besten Freund geopfert und mit Aufgebot aller Kräfte schleppte ich mich zur Stelle zurück und hob das Gewehr, das noch zwei Schüsse barg, auf. Was war ich ohne Waffe in dieser Wildniß—ein wehrloses Opfer hungriger Hyänen!

Meine letzte Hoffnung war darauf gerichtet, mit einem der Schüsse ein kleines Feuer zu entzünden, unter dessem Schutze ich die Nacht überleben konnte. Doch auch dieses letzte Auskunftsmittel versagte, die dürren Aeste fingen kein Feuer. Nun ergriff mich nackte Verzweiflung, wie im Fieberwahnsinn jagten die tollsten Gedanken durch mein erhitztes Gehirn, Verwünschungen drängten sich auf die Lippen und mechanisch griff ich nach dem Gewehre.

Ich fühlte nun vollends meine Kräfte schwinden und erinnere mich nur noch, daß ich auf die Knie fiel, beide Hände ausstreckte und wie sich in diesem Momente eine schwarze Gestalt vor mir auf die Erde warf, an mich herankroch und mich erfaßte. Ich war gerettet—gerettet durch einen Masarwa, der viele Meilen weit von Westen her auf dem Wege zu der gestern passirten Niederlassung begriffen war, um seine Genossen zu holen, denn er hatte früh am Morgen weit von hier ein Gnu erlegt.

Ein labender Trunk hätte mich nicht mehr elektrisiren konnen als diese Erscheinung. Er richtete mich auf und als ich mit den Fingern nach dem Munde wies, daß ich durstig sei, da holte er aus seinem Ledersacke am Rücken eine Handvoll Beeren und preßte sie mir in die Hand. Als ich sie geschluckt und mich an ihrem süßlichen Saft gelabt, fühlte ich mich wie verjüngt. Nun trachtete ich ihm mit dem Namen Koloj begreiflich zu machen, daß ich zum Wagen gehen wolle, Koloj ist kein Setschuana-Wort, doch bei den Betschuana's, ihren Vasallen und den Makalaka's etc. eingebürgert. Mein Retter grinste mich an und wies nach Südost; »Pata-Pata« meinte er. Dies ist unter diesen Stämmen der aus dem Holländischen entnommene und verunstaltete Ausdruck für einen Weg, den ein Wagen befahren kann, und ich konnte nur nicken, um ihm meine Befriedigung auszudrücken. Mich erhebend, versuchte ich zu gehen und der Mann, obwohl kleiner als ich, stützte mich; er nahm mein Gewehr und schulterte es mit seinen drei Assagaien auf die linke Schulter, während er mir die rechte als Stütze bot. Allmälig kehrten meine Kräfte zurück und wenn auch nur äußerst langsam und nach längeren Ruhepausen—aber es ging vorwärts.

Als die Sonne unter den Horizont gesunken war, befanden wir uns am Fahrwege. Im Osten zeigte der Himmel eine dunkle Färbung, dort blitzte es und dumpf grollte der Donner zu uns herüber. Die Atmosphäre war kühler geworden und obgleich noch immer warm, schauerte ich doch unter dem Hauche des leisen Windes, der aus Nordosten durch die Bäume strich. Ich war in Schweiß gebadet und mein Hemd (ich hatte die Jacke im Wagen zurückgelassen) klebte am Körper. Nach einer halben Stunde Ganges wollte ich mich niedersetzen, doch mein Begleiter ließ es nicht zu. Kurz darauf ging er links vom Wege in die Büsche, ich wollte ihm nicht folgen, es war ja eine verkehrte Richtung, die er einschlug. Da wies er auf den Mund und ahmte einen schlürfenden Laut nach. »Meci? (Wasser)« frug ich. »E-he, E-he! (ja, ja)« antwortete er mit einem Kopfnicken und Grinsen und ich gehorchte.

Nahe am Wege in einer kleinen Sandvertiefung lag eine kleine von Eingebornen ausgegrabene, mit schlechtem Pfützenwasser gefüllte, doch mir sehr willkommene Grube. Gnu's hatten die Stelle kaum eine Stunde zuvor besucht und sich mit demselben Naß ihren Durst gestillt. Kaum hatte ich mich von dem Pfuhle erhoben, bedeutete mir der Masarwa ihm zu folgen, indem er nach dem Gewitter im Osten wies; die Dunkelheit war schon eingebrochen als wir vom Wege abbogen, und beinahe zur selben Zeit brach auch der Sturm los. Bald fiel der Regen in Strömen, die großen Tropfen schienen mir wie Schloßen und erzeugten, auf meinen schwitzenden Leib fallend, ein höchst unangenehmes Gefühl von Abmattung und Kraftlosigkeit.

Mein Führer hatte sein kleines Ledermäntelchen um mein Gewehr geschlagen und auf meinen Retter gestützt, ging es, stellenweise bis an die Knie durch das Wasser watend vorwärts. Endlich hörte ich die Hunde anschlagen und kaum hatte man mich erblickt, kamen E. und B. auf mich zu gelaufen und schalten mich wegen der Besorgniß, die ich ihnen mit meinem Ausbleiben bereitet hatte. Sie ahnten wohl nicht, wie es mir ergangen.

Nun, da ich wieder im Innern meines Wagens geborgen war, erwachten wieder alle Lebensgeister. Ich bat sie, den Masarwa zu bewirthen und ihn bei Pit am Feuer schlafen zu lassen. Ein kräftiger Imbiß und ein mehrstündiger tiefer Schlaf hatten mich so weit hergestellt, daß ich mich schon am nächsten Morgen ohne Stütze bewegen konnte.

Da nach Aussage des uns begleitenden Bakwena's der direkte Fahrweg in Folge des heftigen Regenfalles schwer passirbar geworden, schlugen wir am folgenden Morgen (am 3. Jänner 1874) einen etwas weiteren Seitenweg durch die Büsche ein. Schon nach einigen hundert Schritten stießen wir auf eine verendete Deukergazelle, welche in der verflossenen Nacht von einer Hyäne getödtet worden war. So unglaublich es mir auch schien, die von den Masarwa's verfolgten Spuren ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die schlanke Gazelle dem plumpen unbeholfenen Raubthiere zum Opfer gefallen war.

Nicht weit vom Wege trafen wir die Reste—einer amerikanischen Pumpe. Ein größeres Räthsel konnte uns nicht aufstoßen—unsere Führer konnten uns darüber keinen Anschluß geben, d.h. sie wollten oder durften es nicht. Nicht eher als in Schoschong wurde mir das Räthsel gelöst. Seschele hatte, als die Händler noch die directe, sehr wasserarme Route nach Schoschong frequentirten (gegenwärtig wird zumeist der wasserreiche Weg über die Dwarsberge und längs des Marico und Limpopo eingeschlagen), aus diesem Umstande Profit ziehen wollen, und sich deshalb durch einen der in seiner Stadt wohnenden Händler eine amerikanische Pumpe von Port Elizabeth bringen und an jener Stelle einsetzen lassen. Hier hatten Makalahari für die nach dem Innern reisenden Jäger, Händler etc. Wasser auszupumpen und jene dafür an den König eine Abgabe zu bezahlen. Da jedoch eine amerikanische Kettenpumpe den Makalahari's etwas Ungewöhnliches war und von ihnen trotz aller Instructionen unrichtig behandelt wurde, so währte es nicht lange und sie versagte den Dienst.

[Trinkende Masarwa's.]

Freund Eberwald, der dem Wagen vorausging, um demselben den Weg durch die Gebüsche anzuweisen, kam plötzlich athemlos zum Wagen zurückgelaufen. »Kommt rasch, nehmt Eure Gewehre, verseht sie mit frischen Zündhütchen, allein rasch, sonst verlieren wir ein schönes Stück Wild, das heißt Sie, Doctor, einen sehr schönen Balg. Wir folgten ihm alle, auch die Masarwa's. Hundert Schritte vom Wagen entfernt, war Eberwald plötzlich im hohen Grase auf einen Leoparden gestoßen. Das Thier sprang auf, fauchte und fletschte ihn an, machte einen Sprung und duckte sich weiter abwärts einige 30 Schritte vor ihm im hohen Grase nieder. Da Eberwald nur mit Schrot geladen hatte, wollte er sich nicht zu einem Schusse auf das Thier erkühnen und holte Succurs. An Ort und Stelle angekommen, konnten wir jedoch nichts wahrnehmen, einer der Masarwa warf seinen Speer nach der deutlich bezeichneten Stelle, doch nichts regte sich. Ich ließ die Hunde holen, doch da ich den Haß kenne, mit dem sich diese beiden Thiere stets verfolgen und Niger, der immer dem starken Onkel voraus war, dabei leicht zu Schaden kommen konnte, hielt ich und Pit die Hunde an der Leine, während B. mit einem Masarwa als Wächter am Wagen zurückblieb. Bellend nahmen die Hunde die Spur auf, welche geraden Weges auf das hohe dichte Gehölz zuführte, welches ich bereits Abends zuvor bemerkt hatte. Doch der Leopard war verschwunden, in dem dichten Buschwerk war er übrigens vor Entdeckung sicher.

[Begegnung mit einem Leoparden.]

Im weiteren Verlaufe unseres heutigen Marsches, der des aufgeweichten Bodens halber sehr beschwerlich war, begegneten uns Masarwa's, welche mit Honig beladen heimkehrten. In Wäldern folgen sie dem Honigvogel, auf der Grasebene und da, wo nur niederes Gebüsch zu treffen ist, dem Fluge der von den Wasserstellen heimkehrenden Bienen. Die Thiere folgen eines dem andern der Richtung nach ihrem Bau und leiten auf diese Weise die Honigsucher zu ihrem Neste. Ist der Eingang zum Bau (meist eine Höhlung im Baume) entdeckt, trachtet man die Bienen auszurauchen und sich dann des Honigs zu bemächtigen. Für ein etwa 1½ Zoll langes, fingerdickes Tabakstückchen erstand ich mehr denn einen halben Liter Honig.

Der Weg wurde auch am folgenden Tage nicht besser, an den sumpfigen Stellen trafen wir zahlreiche Schildkröten-Leichen. Zu den dem Auge wohlgefälligsten Schlingpflanzen Süd-Afrika's gehören unstreitig einige der gurkenartigen Gewächse. Auch auf der heutigen Fahrt beobachtete ich welche, die sich an Büschen emporschlangen, von denen sie durch ihre gelappten, schönen bläulichgrünen Blätter, namentlich aber durch ihre mehr denn daumenstarken und lang herabhängenden, unreif hellbläulichgrünen, weiß gescheckten, reif scharlachrothen Früchte deutlich abstechen. Eine solche Staude trägt oft drei bis sieben, ja bis zehn Früchte, von denen selten drei in gleichem Entwicklungsstadium stehen. Zumeist fand ich das herabhängende Ende der Frucht scharlachroth, den dem Stengel zugekehrten Theil jedoch noch grün und den dazwischen liegenden im allmäligen, oder auch plötzlichen Uebergang von bläulichgrün oder hellgrün zu gelb, orange und röthlichgelb. Während der Nacht begegnete uns ein Händler, der mit Elfenbein, Straußenfedern, Carossen und ungegerbten Thierhäuten über Molopolole und weiter südwärts nach der Cap-Colonie fuhr.

Auch am 5. Jänner blieb der Weg tiefsandig, der Wald wurde immer lichter und endlich gelangten wir auf eine große, blos stellenweise mit Büschen bewachsene Grasebene. Ich erbeutete auf derselben eine 4½ Fuß lange giftige, von mir bisher noch nicht beobachtete Schlange. Was mir besonders während der heutigen Fahrt auffiel, waren die zahlreichen, nicht blos in den nächstanliegenden südlichen Strichen, sondern auf weite Flächen hin einzeln auftretenden hohen, bald pyramiden-, bald kegel- und kegelstutzförmigen, sowie auch säulenförmigen, bis zu vier Meter hohen, graulichweißen Termitenhügel, welche sich in dem hohen Grase freistehend oder sich oft an ein kleines, dichtes Gebüsch anlehnend, gleich Monumenten emporhoben.

Nachdem wir etwa weitere 11¼ Meilen zurückgelegt hatten, sahen wir einen nur mit zwei Assagaien und einer Holzaxt bewehrten, mit einem Lederschürzchen bekleideten Makalahari auf uns zukommen. Nach Wasser befragt, erbot er sich unsere Thiere zu einem etwa drei Meilen entfernten Tümpel zu führen. Unterdessen ließ ich unser Nachtlager aufschlagen.

Hundegebell schreckte mich aus dem Schlafe auf; aus dem Wagen hervortretend, fand ich mich zwei Eingebornen gegenüber, die mich mit einem Redeschwall in der Setschuana begrüßten, von dem ich nicht ein einziges Wort verstehen konnte. Ich weckte Pit und erfuhr von ihm, daß ich zwei Bamangwato's, beide Unterthanen Sekhomo's, vor mir habe, wovon einer des Königs Abgesandter, eine Art Polizist, und der zweite ein »betrübter Vater« sei, der seinen entlaufenen Sohn, den er »Kind« titulirte, suche. Der Ungehorsame, der sich schon die »männlichen« Sandalen zu tragen berechtigt glaubte, hatte Schoschong und den Seinen heimlich Valet gesagt und sich dann am vorigen Tage einem vorüberziehenden Händler als Diener verdungen. Der besagte Vater frug nun, ob und wo wir sein »Kind« und den Weißen gesehen, dem es nachgelaufen, er müsse es zurückbringen, zu welchem Zwecke er den mit einer Donnerbüchse bewaffneten Vertreter der Behörde mitgenommen. Nachdem sie den gewünschten Bescheid erhalten, verließen uns die Verfolger raschen Schrittes. Einige Tage später, als ich bereits in Schoschong weilte, kam ein ältlicher Mann mit einem etwa vierzehnjährigen Jungen zu mir, mich freundlich und im vertraulichen Tone begrüßend. Pit kam meinem Gedächtnisse zu Hilfe. »Erkennst Du ihn nicht, Herr?« warf mein Griqua ein. »Es ist der Alte, der jene Nacht an uns vorbeirannte, um sein entflohenes Kind zu suchen. Das ist das Kind, er kommt es Dir zu zeigen.«

[Bamangwatoknabe.]

Der 6. Jänner war wieder ein durch mancherlei Unfälle ausgefüllter Tag. Kaum hatte ich mich von einem Stoße erholt, den mir eines unserer unbändigen Zugthiere versetzte, als mich Monkey in den Daumen biß, da ich eben daran war, die durch Sturm und Regen beschädigte Deckleinwand des Wagens in Stand zu setzen. Spät Nachmittags begegneten wir auf die Jagd ziehenden Bamangwato's, welche uns auf die Nähe der Stadt Schoschong aufmerksam machten.

Nach einer 1½stündigen Fahrt langten wir in dem großen, flachen Thale eines Flusses, in den sich zur Regenzeit der Schoschon als linkes Nebenflüßchen ergießt und bei den Feldern der Bamangwato's an. Dieses Thal scheidet die Bamangwatohöhen in eine nördliche und eine südliche Partie, von welchen die südliche durch einige Höhenketten charakterisirt wird, welche ihrerseits wieder durch Querthäler untereinander getrennt werden. Die nördliche Partie bildet ein sehr interessantes, von zahlreichen Parallel- und Querthälern durchzogenes Höhennetz, von denen das des Schoschon- und Unicorn-Flusses zu den bedeutendsten gehören; Hochplateaus auf den abgeflachten Höhen, kegelförmige kleine Kuppen, die hie und da aus diesem emporsteigen und aus großen Blöcken gebildet werden, Felsenthore etc. charakterisiren das nördliche Bamangwato-Höhennetz. Mit dem schon erwähnten Höhenrücken am Limpopo und durch diesen mit dem Central-Gebirgsknoten im Marico-District sind die Bamangwatohöhen durch einige kegelförmige Berge verbunden; die nördliche Partie der Bamangwatohöhen hängt durch die Tschopokette mit dem nördlichen Central-Gebirgsknoten des Matabele-Reiches zusammen. Dieses für die Geschichte der Bamangwato's bedeutende Thal—die wichtigsten geschichtlichen Episoden dieses Stammes spielten sich darinnen ab—erlaubte ich mir »Franz Josef-Thal«, sowie den höchsten Punkt des Höhennetzes »Franz Josef-Kuppe« zu benennen.

Ich zog am 8. Jänner zum ersten Male in Schoschong ein. Da meine Provisionen sehr abgenommen hatten und ich nicht im Stande war, neue mit barem Gelde zu erstehen, da ich ferner keinen Diener miethen konnte und bestrebt sein mußte, mich in drei Monaten auch wieder in den Diamantenfeldern einzufinden, um bei meinen früheren Kranken nicht vollkommen in Vergessenheit zu gerathen und die Mittel für die dritte, die eigentliche Reise zu gewinnen, so wurde Schoschong der fernste nördliche Punkt meiner zweiten Versuchsreise und ich wandte mich von hier nach einem längeren Aufenthalte, den ich im Folgenden näher beschreiben will, wieder nach dem Süden.