Walter Rathenau
Als Rathenau, Minister des Aeußeren, am 24. Juni 1922 von seiner Villa im Grunewald ins Auswärtige Amt fahren wollte, wurde sein Auto von einem andern, von Ernst Werner Techow (21 Jahre) geleiteten Auto, in dem der Oberleutnant a. D. Erwin Kern und Hermann Fischer saßen, überholt. Kern und Fischer schossen mit einer Maschinenpistole auf Rathenau und warfen eine Handgranate auf ihn. Rathenau war sofort tot. Das Auto hatten die Großindustriellen Johann und Franz Küchenmeister aus Freiberg in Sachsen, Mitglieder des Deutschen Schutz- und Trutzbundes, zur Verfügung gestellt. Die drei erstgenannten waren früher Mitglieder der Brigade Ehrhardt, dann der Organisation C und waren am Kapp-Putsch beteiligt gewesen. Die Maschinenpistole hatte Christian Ilsemann (21 Jahre), Sekretär des Schutz- und Trutzbundes in Schwerin, geliefert. Der angebliche Leutnant Willy Günther (27 Jahre), ein Psychopath und Deserteur, hatte den Plan mit ausgearbeitet und die Garage vermittelt. Er war Mitglied des Bundes der Aufrechten, des Deutschbundes, des Deutschen Offiziersbundes und des Deutschnationalen Jugendbundes. Auf einem »Nestabend« dieses Bundes ließ er sich als Mörder Rathenaus feiern. In seinem Besitz befanden sich Briefe von Helfferich, Ludendorff, Jagow und Oberst Bauer. Einer der zehn Briefe Ludendorffs enthielt unter anderm die Worte: »Lieber Günther« und: »mit herzlichem Gru?. Beihilfe leistete der Gymnasiast Hans Gerd Techow (16 Jahre). Der ehemalige Kadett Ernst v. Salomon (20 Jahre) vermittelte die Verbindung mit Waldemar Niedrig (22 Jahre), der ursprünglich das Auto lenken sollte. Das Auto stand in Berlin bei den Garagebesitzern Schütt und Diestel.
Nach der Tat erzählte Techow ihnen: »Die Sache hat geklappt. Rathenau liegt. Wir haben es getan, um die Roten zum Angriff zu reizen. Uns ging das Geld aus.« Dann fuhr er in seinen Tennisklub. Techow floh dann auf das Gut seines Onkels Behrens. Von diesem wurde er der Polizei übergeben. Behrens erhielt darauf eine Menge Drohbriefe.
Kern und Fischer wurden nach langem Suchen am 18. Juli auf der Burg Saaleck bei Bad Kösel in der Wohnung des Schriftstellers Dr. Hans Wilhelm Stein von der Polizei gestellt. Kern fiel bei der Schießerei mit den Beamten, Fischer erschoß sich selbst.
Am 3. Oktober 1922 begann die Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig. Günther bekam eine Sendung von Pralinen, die mit Arsen vergiftet waren. Er gab davon den andern Angeklagten, mit denen er während der Verhandlung verkehren durfte. Zum Teil erkrankten sie daran. Die Absender konnten nicht festgestellt werden. Am 14. Oktober wurden wegen Beihilfe zum Mord Ernst Werner Techow zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust, Hans Gerd Techow zu 4 Jahren und 1 Monat Gefängnis, Günther zu 8 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust, Niedrig und von Salomon zu 5 Jahren Zuchthaus und 5 bzw. 4 Jahren Ehrverlust, Ilsemann wegen Verstoß gegen die Waffenordnung, Schütt und Diestel wegen Begünstigung zu je 2 Monaten Gefängnis, Tillessen und Plaas wegen Nichtanzeige eines drohenden Verbrechens zu 3 bzw. 2 Jahren Gefängnis verurteilt. E. W. Techow wurde von der Anklage der Mittäterschaft freigesprochen. (Vorsitzender Dr. Hagens, Staatsanwalt Dr. Ebermayer.)
Gegen Tillessen schwebt noch eine Untersuchung wegen Beihilfe bei dem Attentat auf Scheidemann und wegen der Befreiung der Kriegsverbrecher Boldt und Dittmar. Auf die Organisation C wurde bei der Beweisaufnahme nicht näher eingegangen. Das Verfahren gegen Dr. Stein und gegen den Kapitänleutnant a. D. Wolfgang Dietrich, der den Tätern auf der Flucht neue Anzüge verschafft hatte, schwebt noch. Johann Küchenmeister, bei dem ein Waffenlager gefunden worden war und einer der Beteiligten, Günther Brandt sind flüchtig. Das Verfahren gegen den 17 jährigen Primaner Stubenrauch, der als erster den Plan gehabt hatte, Rathenau zu ermorden, wurde eingestellt. Er besucht weiter sein Gymnasium in Steglitz. (Berichte in allen Berliner Zeitungen.)
Im folgenden sind alle bisher behandelten Morde in tabellarischer Form zusammengestellt.
DIE VON RECHTS BEGANGENEN POLITISCHEN MORDE
| Lfd. Nr. | Datum Name des Getöteten Art der Tötung | Name des Verantwortlichen Schicksal | Name des Ausführenden Schicksal |
|---|---|---|---|
| 1 | 11. I. 19 W. Fernbach, W. Heise, W. Möller, K. Grubusch, E. Kluge, A. Schöttler, Wackermann willkürl. Erschießung | Major Franz v. Stephani keine Anklage | Weber, Seltzer keine Anklage |
| 8 | 15. I. 19 Dr. K. Liebknecht »auf der Flucht« | H. v. Pflugk-Hartung freigesprochen | Hr. v. Pflugk-Hartung, Stiege, Lippmann, Ritgen, Schulze, Friedrich freigesprochen, Krull 3 Mon. G., Bracht 500 M. Geldstrafe |
| 9 | 15. I. 19 Dr. Rosa Luxemburg »gelyncht« | Oberl. Vogel Vogel entkom. | Oberltn. Vogel, Jäg. Runge Runge 2 J. Gef. 2 Wochen Haft |
| 10 | 17. I. 19 R. Jordan, H. Merx, v. Lojewski, Milkert »auf der Flucht« | Sasse kein Verfahren | 2 Trainsoldaten kein Verfahren |
| 14 | 19. II. 19 Fulneczek angebl. Notwehr | unbekannt unbekannt | Heuer freigesprochen |
| 15 | 21. II. 19 M. Steinicke »auf der Flucht« | unbekannt unbekannt | Blumberg Verf. eingest. |
| 16 | 21. II. 19 Kurt Eisner willkürl. Erschießung | — — | Graf Arco Valley lebensl. Fest. |
| 17 | 7. III. 19 Adolf Riga willkürl. Erschießung | unbekannt keine Anklage | unbekannt keine Anklage |
| 18 | 8. III. 19 Abr. Melichowitz u. ein Matrose; Peters im Gef. gelyncht | unbekannt keine Anklage | Arth. Schneider, Ad. Arndt je 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus |
| 21 | 10. III. 19 Leo Jogisches, Dorrenbach »auf der Flucht« | Wachtmstr. E. Tamschik Z. Ltn. beförd. | unbekannt keine Anklage |
| 23 | 10. III. 19 H. Galuska, K. Friedrich, O. Werner »auf der Flucht« | unbekannt keine Anklage | unbekannt keine Anklage |
| 26 | 11. III. 19 Richard Borchard angebl. Standrecht | unbekannt keine Anklage | unbekannt keine Anklage |
| 27 | 11. III. 19 Bonczyk, Brandt, Biertümpel, Bursian, Dehn, Deubert, Ferbitz, R. Göppe, Handwohl, Harder, A. Hintze, Hinze, Jakubowsky, O. Kanneberg, Kuhle, Kutzner, Lewitz, H. Lietzau, Maszterlerz, Mörbe, Pobantz, Rösner, Schulz, Ulbrich, Weber, Zieske, Zühlsdorf willkürl. Erschießung | Oberst Reinhard, Hptm. v. Kessel Reinhardt nicht angeklagt, v. Kessel freigesprochen | Offizierstellv. Penther, Ltn. Marloh Marloh 3 Mon. Fest. u. 30 M. Geldstr., Penther z. Ltn. befördert |
| 55 | 12. III. 19 Sloveck, E. Dahle, K. Becker willkürl. Erschießung | unbekannt kein Verfahren | Vizew. Marcus freigesprochen |
| 58 | 12. III. 19 P. u. A. Daenschel angebl. Standrecht | Lt. S. Winter Verfahr. eingestellt | unbekannt keine Anklage |
| 60 | 12. III. 19 Otto Hauschild angebl. Standrecht | unbekannt kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 61 | 12. III. 19 Alfred Musick »auf der Flucht« | Oberl. Wecke kein Verfahren | Vizew. Marcus kein Verfahren |
| 62 | 12. III. 19 Piontek willkürl. Erschießung | unbekannt kein Verfahren | Ritter u. Wendler Ritter 3 J. Gef., Wendler freigsp. |
| 63 | 12. III. 19 Joh. Müller angebl. Standrecht | Leutnant Baum freigesprochen | Alex. Köhler kein Verfahren |
| 64 | 13. III. 19 Wilh. Bilski angebl. Standrecht | Leutnant Baum Verf. eingest. | unbekannt keine Anklage |
| 65 | 13. III. 19 Paul Biedermann, Hans Gottschalk willkürl. Erschießung | unbekannt kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 67 | 13. III. 19 Berthold Peters angebl. Standrecht | Hauptmann Poll kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 68 | 13. III. 19 Georg Fillbrandt, Paul Szillinski »auf der Flucht« | unbekannt kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 70 | 13. III. 19 Abrahamsohn, Wallmann angebl. Standrecht | unbekannt, kein Verfahren Rtm. v. Oertzen, Verfahr. schw. | Lt. Czekalla, kein Verfahren Lt. Czekalla, Verf. schwebt |
| 72 | 30. IV. 19 1 Zivilist »tödlich verungl.« (Namen in der Tabelle Seite 43) | Gen. v. Oven, kein Verfahren (v. Gagern 200 M.) | —, kein Verfahren Diegele 5 Woch. Gefängnis |
| 73 | 1. V. 19 36 Zivilisten »tödlich verungl.« (Namen in der Tabelle Seite 43) | Gen. v. Oven, kein Verfahren (v. Gagern 200 M.) | —, kein Verfahren Diegele 5 Woch. Gefängnis |
| 109 | 2. V. 19 103 Zivilisten »tödlich verungl.« (Namen in der Tabelle Seite 43) | Gen. v. Oven, kein Verfahren (v. Gagern 200 M.) | —, kein Verfahren Diegele 5 Woch. Gefängnis |
| 212 | 3. V. 19 16 Zivilisten »tödlich verungl.« (Namen in der Tabelle Seite 43) | Gen. v. Oven, kein Verfahren (v. Gagern 200 M.) | —, kein Verfahren Diegele 5 Woch. Gefängnis |
| 228 | 4. V. 19 7 Zivilisten »tödlich verungl.« (Namen in der Tabelle Seite 43) | Gen. v. Oven, kein Verfahren (v. Gagern 200 M.) | —, kein Verfahren Diegele 5 Woch. Gefängnis |
| 235 | 6. V. 19 21 kath. Gesellen »tödlich verungl.«(Namen in der Tabelle Seite 43) | Hptm. v. Sutterheim, Verf. eingest. Offizierstell. Paul Priebe, Verf. eingest. | Jakob Müller, Makowski je 14 Jahre Zuchthaus, Grabasch, Latosi 1 J. Gef., 10 J. Zhs. |
| 256 | 21. III. 20 A. Futran, W. Dürre, Fritz Kegel, K. Wienecke, K. Gratzke angeblich Standrecht | Kapt. Bebbel keine Unters. | Ltn. Kubich keine Unters. |
| 261 | 13. III. 20 Schottländer gelyncht | Oberl. Schmitz Unters. erfolgl. | unbekannt Unters. erfolgl. |
| 262 | 13. III. 20 Demmig, Schramm, Boronow, Romane willk. Tötung | Lt. Kaufmann kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 266 | 15. III. 20 Hoffmann, Böhm, Herkenrath »auf der Flucht« | Obtlt. Müller kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 269 | 17. III. 20 Wittke, Steinfurth angebl. Standrecht | Baron v. Brandenstein Verf. eingestellt | Freikorps Roßbach Verf. eingestellt |
| 271 | 18. III. 20 Slomski angebl. Standrecht | Rittergutsbes. Bachmann Verf. eingestellt | Freikorps Roßbach Verf. eingestellt |
| 272 | 18. III. 20 Puffpoff gelyncht | Rittm. Obernitz kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 273 | 18. III. 20 Gräbler angebl. Standrecht | Rittm. Obernitz Verf. schwebt | unbekannt Verf. schwebt |
| 274 | 18. III. 20 Dunn, Schlieker, Berg, Köhler, Gerber angebl. Notwehr | Stefan und Peter v. Lefort Verf. schwebt | unbekannt keine Anklage |
| 279 | 19. III. 20 H. Litzendorf »auf der Flucht« | Ltn. Simon (?) Verf. eingest. | Bender Verf. eingest. |
| 280 | 19. III. 20 Seidel in Notwehr | Ltn. Meinecke keine Unters. | unbekannt keine Unters. |
| 281 | 20. III. 20 Paul Jahnke willkürl. Erschießung | Ltn. Thormann freigesprochen | Harlinghausen Verf. eingest. |
| 282 | 25. III. 20 Hornschuh, Hartmann, Döll, Patz, 3 Füldner, 2 Soldau, Wedel, Rössiger, 2 Schröter, Rosenstock »auf der Flucht« | Ltn. Göbel freigesprochen | Engelbrecht, Jahn, Kraus, Herhaber, Schüler, Nebelmann, Blume, Völker, Voß, Lange freigesprochen |
| 296 | 24. III. 20 Tierarzt Neubert »auf der Flucht« | unbekannt Verf. schwebt | unbekannt Verf. schwebt |
| 297 | 24. III. 20 Weigelt angebl. Notwehr | — — | Ltn. Schütz, freigesprochen Ltn. Jansen, keine Anklage |
| 298 | 1. IV. 20 Hülsbusch angebl. Standrecht | Hachmeyer kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 299 | 1. IV. 20 A. Barth, E. Dann, K. Edelmann, L. Frankenberger, Fr. Glässer, J. Hasenstab, G. Helbing, F. Hurzera, Th. Ignasiak, Fr. Joppe, R. Krimm, R. Riesbeck, G. Rottenbücher, Meis willkürl. Erschießung | unbekannt Verf. eingestellt | unbekannt Verf. eingestellt |
| 314 | 3. IV. 20 Jos. Soyka angeblich. Standrecht | Kap.-Ltn. Meyerhofer kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 315 | 5. IV. 20 Paul Graf, Paul Langer »auf der Flucht« | unbekannt Verf. schwebt | Wachtm. Mehl, Friedrich Verf. schwebt |
| 317 | 6. IV. 20 Rogowski angebl. Standrecht | Lt. Linsemaier Verf. schwebt | Block Verf. schwebt |
| 318 | 6. IV. 20 Joh. Schürmann, Eug. Kläs angebl. Standrecht | Ltn. Sinnesheimer kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 320 | 6. IV. 20 Fr. Lichtenauer, »a. d. Flucht« Herm. Rießner, angebl. Notw. | Ltn. Goeke Verf. eingest. | unbekannt kein Verfahren |
| 322 | 9. IV. 20 Herm. Witschel, Rösner willkürl. Erschießung | unbekannt kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 324 | 8. IV. 20 Fr. Sieck »auf der Flucht« | unbekannt Verf. eingest. | unbekannt Verf. eingest. |
| 325 | 17. IV. 20 Max Maurer »auf der Flucht« | unbekannt kein Verfahren | Gaul, Grupat, Fuchs kein Verfahren |
| 326 | 25. IV. 20 Br. Borucki willkürl. Erschießung | unbekannt kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 327 | 17. V. 20 Rich. Peledun, Jos. Mainka »auf der Flucht« | unbekannt kein Verfahren | Grimm, Eversberg kein Verfahren |
| 329 | — Käthe Pintsch willkürl. Erschießung | Ltn. Horst Kohl kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 330 | 22. V. 20 Hans Paasche »auf der Flucht« | Oberl. Koppe Verf. eingest. | Schütze, Diekmann Verf. eingest. |
| 331 | 6. X. 20 Marie Sandmeier willkürl. Erdroßlung | unbekannt Verf. schwebt | Lt. H. Schweighart Verf. schwebt |
| 332 | 28. XII. 20 Paul Hoffmann »auf der Flucht« | Maj. v. Plüskow Verf. eingest. | unbekannt Verf. eingest. |
| 333 | 4. III. 21 Hans Hartung willkürl. Erschießung | unbekannt Verf. schwebt | Rittm. Beurer, Oberl. Berger Verf. schwebt |
| 334 | 26. III. 21 Paul Müller »a. d. Flucht« | unbekannt Verf. schwebt | unbekannt Verf. schwebt |
| 335 | 27. III. 21 Herzau, Thielecke, Pawlack, Weiner, Dietrich | unbekannt Verf. schwebt | unbekannt Verf. schwebt |
| 340 | 28. III. 21 Peter, Straube, Deutsch, Müller, Poblentz, Trautmann, Lederer, Isecke, Zillmann angebl. Standrecht | unbekannt Verf. schwebt | unbekannt Verf. schwebt |
| 349 | 31.III. 21 Mosenhauer »a. d. Flucht« | — — | Unterof. R. Böhm freigesprochen |
| 350 | 30. III. 21 Wilh. Sült »a. d. Flucht« | unbekannt kein Verfahren | Janicke Verf. schwebt |
| 351 | 10. VI. 21 Karl Garels willkürl. Erschießung | Lt. Schweighart? Unters. schwebt | unbekannt Unters. schwebt |
| 352 | 13. VI. 21 Buchholz angebl. Selbstmord | Hptm. Stennes? kein Verfahren | Erren (?), Meyer (?) freigesprochen |
| 353 | 26. VIII. 21 M. Erzberger willkürl. Erschießung | unbekannt Unters. schwebt | H. Schulz, H. Tillessen Unters. schwebt |
| 354 | 24. VI. 22 W. Rathenau willkürl. Erschießung | unbekannt kein Verfahren | E. W. Techow, Kern u. Fischer, Günther, Gerd Techow, Brand, Niedrig, v. Salomon, Ilsemann, Schütt, Diestel, Tillessen, Plaas Kern gefallen, Fischer Selbstm., W. Techow 15 J. Zth., G. Techow 4 J. 1 Mon. Gef., Günther 8 J.Zth., Niedrig, v. Salomon je 5 J. Zth., Ilsemann, Schütt, Diestel je 2 Mon. Gef., Tillessen 3 J. Gef., Plaas 2 J. G. |
Gesamtzahl: 354 politische Morde von rechts
Gesamtsühne: 90 Jahre, 2 Monate Einsperrung, 730 M. Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft
DIE VON LINKS BEGANGENEN POLITISCHEN MORDE
| Lfd. Nr. | Datum Name des Getöteten Art der Tötung | Name des Verantwortlichen Schicksal | Name des Ausführenden Schicksal |
|---|---|---|---|
| 1 | 13. II. 19 Kohlmann willkürl. Erschießung | — — | O. Albrecht, lebensl. Zuchthaus K. Arnold lebensl. Z. |
| 2 | 21. II. 19 Abg. Osel willkürl. Erschießung | — — | nicht ermittelt Lindner 14 J. Z., Frisch 3-1/2 J. Gefängnis |
| 3 | 21. II. 19 Major v. Gareis angebl. Notwehr | — — | Metzger, Lindner, Merkert 1-1/2 M. Gefängnis Schlund 2 Mon. Gefängnis |
| 4 | — Max Weinberger willkürl. Erschießung | unbekannt kein Verfahren | unbekannt kein Verfahren |
| 5 | 30. III. 19 F. K. v. Teuchert, F. W. v. Seydlitz, F. Linnenbrügger, Walter Hindorf, Prof. Ernst Berger, Sekr. Daumenlang, Hella v. Westarp, W. Neuhaus, W. Deicke, Prinz Thurn u. Taxis als Repress. willkürl. erschossen | Eglhofer, Fritz Seidel Eglhofer willkürlich erschl., Fritz Seidel z. Tode verurteilt | Josef Seidl, Kammerstädter, Schickelhofer, Kick, Gsell, Hannes, Huber, Hesselmann, Lermer, Wiedl, Fehmer, Pürzer, Riedmayer Josef Seidl, Schickelhofer, Kammerstädter, Wiedl, Pürzer, Fehmer, Walleshauser z. Td. verurteilt, Kick, Gsell, Hesselmann, Lermer, Hannes, Huber, Riedmayer, Debus, Strelenko und Greiner zu je 15 Jahre Zuchth., Rotter 7 J. Z. |
| 15 | 25. IV. 19 Ernst Lacher angebliches Standrecht | Rich. Käs, Gg. Graf, Radl Käs 6 J. Zuchth., Graf 12 Jahre Zuchth., Radl stdrechtl. ersch. | Blechinger, Ebert, Essig, Vogl, Mühlbauer, Anzenberger Vogl 4 J. Zuchthaus, Mühlbauer 3-1/2 J. Zuchthaus, Anzenberger 1 J. 6 Mon. Gef., Ebert, Blechinger, Essig je 3 J. Gefängnis |
| 16 | 2. VIII. 19 Polizeiag. Blau erdrosselt | Polizeiagent Toifl? kein Verfahren | unbekannt (Hoppe) Hoppe 6 J. Z., Winkler 3 J. G. |
| 17 | 19.III. 20 Gutsbesitz. Walter willkürl. Erschießung | unbekannt Verf. eingest. | unbekannt Verf. eingest. |
| 18 | 21. III. 20 Gutsbesitz. Henze u. Schwester willkürl. Erschießung | — — | Felix, Rolle, Steinbach Felix 5 J. Gef., Rolle und Steinbach 12 Jahre Zuchthaus |
| 20 | 28. III. 20 Sametz angebl. Standrecht | G. Karuseit Verf. schwebt | unbekannt Verf. schwebt |
| 21 | 3. IV. 20 E. Langensiepen angebl. Standrecht | unbekannt Verf. schwebt | unbekannt Verf. schwebt |
| 22 | 30. III. 21 Gutsbesitzer Heß willkürl. Erschießung | Max Hölz Lebensl. Zuchth. | unbekannt — |
Gesamtzahl: 22 Morde von links
Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre, 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen
DIE FORMEN DER POLITISCHEN MORDE
| »Tödlich verunglückt« | 184 | Als Repressalie erschossen | 10 |
| Willkürlich erschossen | 73 | Willkürlich erschossen | 8 |
| »Auf der Flucht erschossen« | 45 | ||
| Angebliches Standrecht | 37 | Angebliches Standrecht | 3 |
| Angebliche Notwehr | 9 | Angebliche Notwehr | 1 |
| Im Gefängnis oder Transport gelyncht | 5 | ||
| Angeblicher Selbstmord | 1 | ||
| Summe der von Rechtsstehenden Ermordeten | 354 | Summe der von Linksstehenden Ermordeten | 22 |
DIE SÜHNE DER POLITISCHEN MORDE
| Politische Morde | Gesamtzahl | ||
|---|---|---|---|
| begangen | von Linksstehenden | von Rechtsstehenden | |
| Gesamtzahl der Morde | 22 | 354 | 376 |
| davon ungesühnt | 4 | 326 | 330 |
| teilweise gesühnt | 1 | 27 | 28 |
| gesühnt | 17 | 1 | 18 |
| Zahl der Verurteilungen | 38 | 24 | |
| Geständige Täter freigesprochen | — | 23 | |
| Geständige Täter befördert | — | 3 | |
| Dauer der Einsperrung pro Mord | 15 Jahre | 4 Monate | |
| Zahl der Hinrichtungen | 10 | — | |
| Geldstrafe pro Mord | — | 2 Papiermark |
NICHT AUFGENOMMENE TÖTUNGEN
Wie bereits in der Einleitung hervorgehoben, macht die vorliegende Sammlung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zunächst habe ich natürlich alle Körperverletzungen weggelassen, die nicht tödlich ausgingen, wie z. B. den Ueberfall auf von Gerlach, Dr. Magnus Hirschfeld, die Attentate auf den Abgeordneten Auer, auf Scheidemann, Harden usw., bei denen der Mordversuch offenkundig war.
Ferner habe ich in die Sammlung nicht aufgenommen:
1. Die Opfer von Demonstrationen, Straßenkämpfen und von Lynchungen durch eine erregte Menge, wie sie vielfach z. B. während der Märzunruhen in Berlin, während des Kapp-Putsches und im Rheinland vorgekommen sind. Während des Kapp-Putsches wurden Hunderte von Arbeitern durch die meuternden Truppen und auch manche Soldaten durch Arbeiter erschossen. So fiel z. B. Hauptmann Bertold im Straßenkampf gegen die Arbeiter von Harburg. Von anderen Opfern von Unruhen seien kurz erwähnt: die 20 in Königshütte am 2. Januar 1919 erschossenen streikenden Arbeiter, die 5 durch die Garde-Kav.-Schützendivision in der Weinmeisterstraße im Februar 1919 Erschossenen, die 34 in der Köpenicker Straße in Berlin im März 1919 erschossenen Kommunisten, die 5 Reichswehrsoldaten, die durch die Baltikumer in Soest im Juni 1920 erschossen wurden. Zuletzt die 2 durch die auf Borkum stationierte Küstenwehr am 31. Dezember 1920 Erschossenen. Von der linken Seite stehen dem u. a. eine Reihe von Lynchungen gegenüber, die durch eine erregte Menge vorgenommen wurden, z. B. der Fall des sächsischen Kriegsministers Neuring und des Oberstleutnants v. Klüber in Halle, die Fälle am Wasserturm in Essen, am Rathaus in Schöneberg usw.
2. Alle Fälle, wo die erschießende Partei behauptet, daß sie von der Menge angegriffen wurde, gleichgültig, ob dies nachweisbar ist oder nicht. Daher habe ich nicht behandelt: die Erschießung von 17 Arbeitslosen in Breslau am 13. Februar 1919, die Erschießung des Arbeiters Hermann Mark in der Müllerstraße in Berlin am 3. Oktober 1919, die Erschießung eines Kriegsbeschädigten in Spandau am 12. Dezember 1919, die Erschießungen von 42 Demonstranten vor dem Reichstag am 13. Januar 1920, die Erschießung des Arbeiters Jusselbeck bei einer Versammlung in Oberhausen am 16. Februar 1920.
3. Alle Ermordungen, denen keine deutschen innerpolitischen Motive zugrunde liegen, also alle Erschießungen in Oberschlesien, ferner die Ermordung des französischen Sergeanten Mannheim, die Ermordung eines polnischen Kommunisten Körner (Rozenblum) durch einen anderen Polen in der Petersburgerstraße in Berlin, und von verschiedenen Türken durch Armenier. Endlich alle Fälle, wo es sich wahrscheinlich um einen persönlichen Racheakt handelte, wie die Ermordung des Abgeordneten Haase durch Voß und die Ermordung des Studenten Kahn in Baden-Baden.
4. Alle Fälle, wo die Erschießung auf Grund eines kriegsgerichtlichen Urteils erfolgte, weil hierbei meistens wenigstens das formale Recht gewahrt blieb. Daher ist die Erschießung von Leviné nicht aufgenommen. Dagegen habe ich die Erschießungen in Köpenick gebracht, da es sich hier meines Erachtens um Justizmorde handelt. Natürlich habe ich auch diejenigen Fälle erwähnt, wo »standrechtliche Erschießungen« durch meuternde Truppen auf Grund der Verordnungen Kapps vorgenommen wurden.
5. Alle Fälle, in denen es mir nicht gelungen ist, genügend Material zu bekommen. Hierunter fällt die Erschießung eines Sanitäters Hans Müller in der Neuenburger Straße in Berlin am 11. Januar 1919, die Erschießung von Pieser in Spandau am 11. Januar 1919, des Kommunisten Meseberg in Halle am 24. März 1919, die Erschießung des Arbeiters Pludra im März 1919 in Halle a. S. durch den Freiwilligen Hans Haneling auf Befehl des Oberleutnants Kornalewski (Feld-Art.-Reg. 45) und des Führers der 2. Streifkompagnie des Freikorps Halle Huberti alias Roth, ungefähr 50 willkürliche Erschießungen während der Märzunruhen in Berlin, z. B. die des Soldaten Neese am 12. März 1919, die Erschießung des Willi Bressert in Kottbus am 2. August 1919, die Erschießung des Kommunisten Hammer in Remscheid im September 1919, die Erschießung des 20 jährigen August Kluwig durch den Vizefeldwebel Moeßmann (6. Kompagnie des Freikorps Schütz) bei Hamborn im März 1920, die Erschießung des 19 jährigen Wilhelm Bölke in Adlershof am 19. März 1920, die Erschießung der Arbeiter Paul Reinke und Emil Dagner am 22. März 1920 auf Befehl des Major Kloß durch den Leutnant Schefler in Wesel, die Ermordung von Arbeitern durch Reichswehrsoldaten in Schallenberg und Tunzenhausen im März 1920, die Erschießung eines Arbeiters in Parin bei Grevesmühlen am 20. März 1920 auf Befehl des Wirtschafters des Gutes Oberhof, eine Reihe von Ermordungen von Bürgern bei Halle im März 1920, nämlich des Bergrats Dr. Vogelsang in Eisleben am 16. März, des Bürgermeisters von Osterfeld, des Rittergutsbesitzers Barth in Poserna, des Pastors Niehus in Burg Liebenau am 20. März, des Landesjägers Herr in Teutschenthal, des Schriftstellers Schott in Langenberg-Reuß, des Freiherrn von Knigge in Endorf, die Ermordung des Bürgermeisters Jaeckel in Osterfeld durch Kommunisten, die Erschießung des bolschewistischen Kuriers Paul de Mott am 5. April 1920 im Gefängnis Wesel durch den ihn bewachenden Gefreiten Getischorek »auf der Flucht« und die Ermordung des Arbeiters Karl Schluck am 15. April 1920 in Altenbochum durch Angehörige des Freikorps Epp; ferner die Erschießung des Arbeiters Otto Haase am 9. Juni 1921 in Berlin.
Selbst nach dieser scharfen Auswahl sind noch die geschilderten Fälle übrig geblieben.
ZUR SOZIOLOGIE DER POLITISCHEN MORDE
DAS WERDEN DER DEUTSCHEN ÖFFENTLICHEN MEINUNG
Wenn man sich die oben geschilderten Morde und die noch schrecklichere Klassenjustiz ins Gedächtnis ruft, so drängt sich die Frage auf: Wie sind solche Dinge in einem früher so geordneten Land möglich, das sicher zu den führenden Kulturnationen unserer Zeit gehört und das nach seiner Verfassung eine freiheitliche, demokratische Republik ist?
Um dies zu untersuchen, müssen wir die historische Bedingtheit, das Werden dieses heutigen Geistes verfolgen. Drei Phasen sind dabei zu unterscheiden: Die Entwicklung vor dem Krieg, die während des Krieges und die nach dem 9. November 1918.
Schon vor dem Kriege hat Deutschland, wenn auch nicht ganz mit Recht, den Ruf besessen, ein militärisches, d. h. halb feudalistisches Land zu sein, das gegenüber den westlichen Demokratien im Rückstand sei. Dieser Auffassung widersprechen die sozialen Einrichtungen Deutschlands und die außerordentlichen Leistungen seiner Wissenschaft und Technik. Begründet ist diese Auffassung zunächst durch den überwiegenden Einfluß des Militärs auf Staat und Gesellschaft, dann aber auch durch die grundsätzlich negierende Stellung, die Deutschland gegenüber den Haager Konferenzen eingenommen hat. Es bleibe unerörtert, inwieweit diese Versuche einer Pazifizierung der Welt tatsächlich möglich und aussichtsreich waren. Worauf es ankommt, ist, daß durch diese Haltung die Meinung entstanden ist, daß Deutschland ein militaristisches Land sei. Diese Weltauffassung hat auch in der Tat die Außenpolitik in wichtigen Momenten, z. B. in der Frage der Schiedsgerichtsbarkeit entscheidend beherrscht.