Die Bighe-Rennen zu Padua.

Der prato del valle. – Die Renngefährte und ihre Lenker. – Dante als Sieger im Wettstreit. – Wie man in Padua am Totalisator spielt.

Zum Glück für den Reisenden, der in der Fremde nicht das Internationale, sondern das Nationale zu studiren sucht, haben sich hie und da in der italienischen Provinz einige Gelegenheiten erhalten, bei denen sich der specifisch italienische Sportssinn ohne importirte Muster offenbart. Unter diesen Localrennen vielleicht die interessantesten sind die volksthümlichen corse delle bighe, die Bighe-Kämpfe in der alten Universitätsstadt Padua. Ueber den historischen Ursprung der sich seit Jahrhunderten alljährlich im Juli abspielenden Rennen ist Genaues nicht zu erfahren. Die Einen datiren sie bis in's 13. Jahrhundert als eine Art Jubelfeier für die Befreiung der Stadt von dem blutigen Tyrannen Ezzelino, die Anderen gar bis in's römische Alterthum zurück. Wie dem auch sei, der Tag der Bighe ist dem Paduaner der höchste weltliche Festtag, der dem geistlichen Rivalen vom 13. Juni mindestens gleichkommt, allwo die Gläubigen den Schutzpatron Paduas, den hl. Antonius, bei dem Herr Schwerdtlein Goethe'schen Andenkens begraben liegt, mit Hymnen und Processionen feiern.

Am Renntage ergießt sich eine wahre Menschenfluth nach dem Süden der Stadt. Dort an der Grenze gegen Bassanello, Paduas lieblichem Bierdörfchen am Bachiglione, breitet sich der priveligirte Ort für alle Volksbelustigungen aus, piazza Vittorio Emanuele officiell, prato del valle im Volksmunde benannt. Ein gewaltiger Platz von kolossalen Dimensionen! Viereckig in der Anlage, wird er zumeist von Privathäusern flankirt. Nur an der Südostecke erhebt sich die majestätische Kuppelkirche von St. Giustina und, eng an sie geschmiegt die große Kaserne der hier garnisonirenden Infanterie-Brigade, geistliches und weltliches Regiment dicht bei einander.

Mitten im Riesenquadrate der piazza fällt eine eigenartige Anlage auf: ein kreisrunder Ulmenhain mit schattigen Gängen und marmornen Bänken. Ringsherum zieht sich ein Wassergraben, von barock verzierten Brücken überschritten und umgeben von einer Doppelreihe steinerner Statuen. Es sind die Standbilder »berühmter« Männer, die in Padua gewirkt haben. Diese illustre Gesellschaft, die aus etwa 80 Herren besteht, ist stark gemischt. Neben Tasso, Galilei und Petrarca findet sich auch ein in den weitesten Kreisen unbekannter Heerführer Nursatus, der wie ein Lieutenantsgigerl des 16. Jahrhunderts aussieht, und ein nicht minder obscurer Professor Nonnio, der der Inschrift nach ein verdienstvoller Philologe und die Leuchte eines Paduaner Gymnasii gewesen ist. Das Ganze macht mit seinem embarras de richesse an Monumentalfiguren einen überraschenden, aber ziemlich geschmacklosen Eindruck. Das hindert freilich die Paduaner Blousenflaneure nicht, hier im Schatten von Kunst und Wissenschaft ihre tägliche Siesta zu halten. Gegen Abend wird es dann auf dem Platze lebendig von eleganterem Treiben. Die fine fleur von Padua giebt sich hier Rendez-Vous zum Wagen-Corso.

Die wohl unterhaltene, kreisförmige Corsobahn dient auch für die Rennen. Zwei mächtige Tribünen umsäumen den Schauplatz in seiner ganzen Rundung. Der äußere Bau ist für die Glücklichen bestimmt, die sich einen Sitzplatz leisten können, der innere erwartet die zahllosen Stehplatzgäste, die nicht mehr als eine Pallanka (Dialektausdruck für das 10 Centesimi-Stück) an ihr Lieblingsvergnügen zu wenden haben. Heute ist das riesige Holztheater ausverkauft. Nach sachverständiger Schätzung sind es über 30000 Menschen, die ungeduldig des Beginnes harren, der auf 6 Uhr festgesetzt ist. Es ist noch nicht 7 Uhr – für italienische Begriffe also sehr pünktlich – als die Richter in ihre Logen treten, die wegen der Kreisgestalt der Bahn zahlreich angebracht sind.

Plötzlich ein Kanonenschuß. Allgemeines Ah und Bravo. Ohne artilleristische Mitwirkung geht es nun einmal nicht bei italienischen Volksfesten. Aber auch die andern Truppengattungen wollen nicht zurückstehen. Infanterie hält die Ordnung aufrecht, und jetzt erscheint ein Zug Husaren in ihrer kleidsamen dunklen Uniform. Sie reiten »Trab! abgekürztes Tempo« mit aufgesetztem Säbel und halten famose Richtung. Dafür lohnt sie seitens des Publicums wohlwollender Applaus.

Nach dieser militärischen Abnahme der Bahn knallt es nochmals aus einigen Kanonenschlünden. Nun richten sich Aller Augen auf ein hohes Gerüst, das in einem Platzwinkel errichtet ist. Durch die geschlossenen Holzgitter des thorartigen Baues kann man die kampfbereit haltenden Gespanne erblicken.

Die Bighen präsentirten sich als zweirädrige, niedrige Karren mit hohem bemalten Vorderbord und offener Rückseite, den altrömischen Rennwagen nachgebildet. Um den antikisirenden Eindruck zu vervollständigen, erscheinen die Wagenlenker – Pferdebesitzer aus dem Mittelstande – in klassischer Tracht, umgürtet mit der kurzen Tunica, ein buntes Band um die Stirn geschlungen. Zwei Pferde, deren Alltagsmuth durch Spirituosen reichlich angefeuert wird, bilden die Bespannung. Die Wagen, von denen zwölf gemeldet waren, concurriren zunächst in vier Abtheilungen. Die Sieger der Einzelrennen werden sich dann zum Entscheidungskampfe vereinigen.

Ein dritter Kanonenschlag durchzittert die Luft. Mit einem Ruck öffnen sich Flügelthüren des Startgerüstes, und die trunkenen Pferde, befeuert durch Geißelhiebe, stürzen in rasendem Tempo hervor. Gleich bei diesem Auslaufe fällt zumeist die Entscheidung. Wer zuerst die Innenseite der Bahncurve erreicht, ist gewöhnlich auch der schließliche Sieger, denn die unpraktische, kreisförmige Anlage der Rennpiste erschwert den nachfolgenden Läufern das Ueberholen des Vordermanns. Darum wird von Anbeginn wie toll gefahren, und da die Karren schwerfällig, die Rosse von Wein und Schlägen wüthend sind, so ereignen sich gar nicht selten Carambolagen, bei denen ganz empfindliche Katastrophen entstehen können.

Sobald die Bighen zur Tribünenhöhe kommen, erfährt der Anfangs entschieden malerische Eindruck eine starke Abschwächung. Die schnurrbärtigen Gesichter der Rosselenker nehmen sich gar seltsam aus zu der altrömischen Gewandung, und dann tragen die Herren zweifelhaft weiße Tricots um die wenig oder gar nicht klassisch geformten Glieder, so daß die Braven nicht wie antike Kämpfer, vielmehr wie moderne Jahrmarkts-Clowns ausschauen. Grotesk wird der Anblick gar, als die Karren vorbeigesaust sind und nun ihre offene Rückseite zeigen. In den Tuniken der aufrecht stehenden Peitschenschwinger fängt sich der Wind und wirbelt das leichte Gewebe in die Höhe, so daß die für die breitere Oeffentlichkeit nicht bestimmten Intimitäten der Unterkleider zum Vorschein kommen. Die auf den Tribünen zahlreich anwesenden Vertreterinnen des zarten Geschlechts nehmen an diesen »Enthüllungen« keinen Anstoß. Vielleicht hindert auch der auf den meisten Gesichtern fingerdick aufgetragene Puder das Constatiren eines schicklichen Erröthens.

Die zuschauende Volksmenge ist vollauf mit Johlen und Schreien beschäftigt. Der Fahrer der zuerst vorbeifliegenden Bighe wird bejubelt. Eine kleine Partei hält noch zu Nummer 2 und versucht, sie durch rasende Zurufe anzufeuern. Der dritte, der mit weitem Abstande daherkommt, wird regelrecht ausgepfiffen. Man glaubt gar nicht, welch intensiven Höllenlärm die Italiener ohne alle Instrumente zu Stande bringen können.

Nun ist das erste Rennen vorüber. Sieger ist ein Herr mit dem nicht übel klingenden Namen Dante. Dazu stammt er aus Siena, wo man das reinste Italienisch spricht. Eine alte englische Vollblutstute, die durch Zufall in seinen Besitz gelangte, hat ihm den Erfolg verschafft, indem sie sammt ihrem Deichselgenossen allen Concurrenten davonlief. Die übrigen Rennen bringen keine neuen Momente. Nur die Personen und Pferde wechseln.

Die Pausen werden durch das Volk selbst ausgefüllt, das sich in fortwährender Action befindet. Zumeist dienen als Zielscheibe die beiden Stadtbüttel, die zu Rosse den Verkehr zwischen den Richterlogen vermitteln. Man hat sie in schreiend rothe Postillonsuniformen gesteckt und auf elende Leihklepper gesetzt, die mit Scheuklappen geschmückt sind. Sobald sich diese Ritter von der traurigen Gestalt in Bewegung setzen, giebt es einen infernalischen Radau. In allen Tonarten wird getrampelt, gepfiffen, gebrüllt. Die Veranstalter des hübschen Concerts leben der »stillen« Hoffnung, die alten Rosinanten könnten doch vielleicht scheu werden und ihre rothbefrackten Bändiger abwerfen. Polizei und Militär ist genug zur Stelle. Aber Niemand hindert das wahrhaft ohrenzerreißende Toben. Das ist hier landesüblich und gehört zur Gemüthlichkeit. Im Uebrigen spotten auch die guten Rößlein ihrer fanatischen Verfolger und tragen geduldig und ohrenwackelnd ihre geängstigten Reiter von Loge zu Loge.

Der letzte, der Entscheidungs-Lauf der Bighen, wird wieder durch eine ausgiebige Kanonade und mit Husarenumritt eröffnet. Auch hier bleibt das Glück dem endgiltig obsiegenden Dante getreu. Der kugelrunde Herr wird sammt seiner Bighe im Triumphaufzuge zu den Preisrichtern geleitet, um einen Geldpreis einzukassiren, den er sicherlich dem schönsten, antiken Lorbeerreise vorzieht. Das Volk bereitet dem Sieger im Streite große Ovationen, die mit herablassendem Dankesnicken entgegengenommen werden. Da ist jeder Zoll ein Triumphator! Selbstzufriedener ist ganz bestimmt auch der »große« Dante nicht gewesen, als er die »divina commedia« beendet hatte.

Langsam beginnen sich die Massen zu zerstreuen, die Osterien und Trattorien anfüllend, um einigen Legionen strohumflochtener Chianti-Flaschen die schlanken Hälse zu brechen. Aber noch ist nicht Alles beendet unter den Ulmenbäumen des Mittelringes. Drohend geschwungene Arme werden sichtbar, Schmerzensschreie ertönen. Mein italienischer Begleiter hatte mir versichert, daß seine Landsleute bei Volksfesten zwar gehörigen Lärm machten, sonst aber musterhafte Ordnung hielten. Nun versuchte ich ihn mit dem offenbar soeben inscenirten Krawall zu widerlegen. Statt aller Antwort führte mich der kundige Paduaner schmunzelnd zu dem Schauplatz der Ereignisse. Da liegen im Grase des prato lang hingestreckt zahlreiche Leute und lassen sich ohne Widerstand nach allen Regeln der Kunst durchwalken. Die Erklärung dieses Phänomens läßt nicht auf sich warten. Man wettet nämlich in Padua bei den Bighe-Rennen um Prügel, deren Zahl je nach den Chancen des Sieges variirt. Der tapfere Dante schien nicht Favorit gewesen zu sein, denn der lebendige Totalisator zahlte ziemlich hohe Odds. Von Buchmachern, die eine Tantieme an der Auszahlung beanspruchten, war weit und breit Nichts zu sehen.

Wie wäre es, wenn man diesen originellen und wenig kostspieligen Wettbetrieb auch bei uns einführte? Ich glaube, die nicht selten auftretenden Klagen über die zu große Wettlust der sportsfreudigen Kreise würden mit einem Schlage verstummen.