In den Euganeeischen Hügeln.
Topographie der Euganeen. – Die kleinen Bettler. – Petrarca's Katze. – Der Monte Rua und sein Kloster. – Der Landsmann aus Kattowitz. – Bataglia, das Schwefelbad. – Eine »Rigoletto«-Aufführung.
Wenige Wegstunden von Padua, der uralten Stadt des heidnischen Antenor und des heiligen Antonius, wölbt sich aus der Ebene ein Bergcomplex hervor, von zahlreichen, dicht bewaldeten Höhen gebildet. Die Italiener nennen diese, von stattlichen Erhebungen gekrönte Kette bescheiden genug die Euganeeischen Hügel. Ob die so benannte Gebirgslandschaft die letzten Ausläufer der Tiroler Alpen oder die ersten Vorläufer der Apenninen darstellt, das zu entscheiden, bin ich nicht Geologe genug. Aber daß die Euganeen aus Trachytfelsen bestehen, weiß Jeder, der nach der Herkunft der eigenthümlichen Pflasterquadern von Venedig und Padua gefragt hat. Die erste Annäherung lehrt, daß diese Berge vulkanischer Natur sind. Wo ein kleiner Wasserlauf sich windet, an jedem Feldrain, steigen heiße Dämpfe auf. Alle diese Bächlein rinnen aus Schwefelquellen von 70gradiger Temperatur. Die anwohnenden Bäuerinnen haben es bequem, wenn sie braten wollen. Das Koch- und Brühwasser fließt ihnen vor der Thür vorüber. Seit altersgrauen Tagen sind die Heilquellen von Abbano und Battaglia, den Hauptorten des Hügellandes, als Badestätten benutzt worden. In den Römerzeiten standen berühmte Thermen in den Euganeen, und heute haben sich die beiden genannten Plätze zu eleganten Bädern ausgewachsen, die gegen Lähmungen, Gicht, Katarrhe und Frauenkrankheiten Wunder wirken.
So malerisch liegen die von blauem Höhenschimmer umgebenen Kuppen zur Schau, so lockend winken sie nach Padua herüber, daß man nicht allzu lange zögern mag, ihnen einen Besuch abzustatten. Außerdem habe ich einen lieben Gefährten zur Seite, der als authentischer Besteiger des Aetna und des Groß-Glockner keine Bodenerhebung in der Nähe wissen kann, ohne den Beruf in sich zu spüren, sie von oben zu betrachten. Also klettern wir eines Tages in einen hochrädrigen Kutschirwagen, verlassen Padua durch die alterthümliche porta di Ponte Corbo und eilen an den trüben Fluthen des Bachiglione entlang gen Süden.
Eine Fahrt durch die oberitalienische Campagna gleicht der Fahrt durch einen endlosen Park. Die Fruchtbarkeit des Landes, in dem hauptsächlich Mais und Wein gedeiht, ist eine überaus glückliche. Der gartenmäßige Eindruck der Landschaft wird durch die Gewohnheit der Bauern vermehrt, ihre Felder mit Zierbäumen einzufassen, und diese durch dichte Kettenranken zu verbinden. In all' dem Grün tauchen verfallene Schlösser auf, die einstigen Landsitze der venetianischen Nobili, dazwischen zerstreut die zahlreichen Bauernhöfe mit stattlichen Hallen- und Backsteinbauten. Bei näherer Besichtigung verliert freilich solch eine bäuerische casa Vieles von ihrem wohlhabendem Außenwesen. Die Bauern des Veneto mögen tüchtige Landwirthe sein, aber die Schmutzabfuhr scheinen sie nicht zu kennen, und so machen die Höfe einen nichts weniger als appetitlichen Eindruck. Auch die Menschen der verschiedenen Altersstufen haben von dieser allgemeinen Schmutzkruste ihr Theil weg bekommen. Insbesondere die Kinder, unter denen blonde Haare und blaue Augen gar keine Ausnahme sind, lassen sich, wenn sie mit den niedlichen schwarzen Ferkeln im Sande tollen, sehr schwer von ihren Spielgefährten unterscheiden.
Das Erscheinen eines mit Fremden besetzten Wagens ist für die kleinen Gewohnheitsbettler das Signal, ihre sämmtlichen Künste zu erproben. Zuerst versuchen sie es mit der Sentimentalität und stöhnen in so herzzerbrechender Weise nach caritá, daß man sie dem Hungertode nahe glauben würde, sähen sie nicht gar so wohl genährt aus. Als diese Trauermimik offenbar ihren Zweck verfehlt, ändert sich flugs das Bild. Es wird ein kleiner Wettlauf neben dem Wagen arrangirt, die Augen blitzen, die Zähne leuchten. Dann geht's an's Räderschlagen, daß die dürftige Bekleidung, das aus mehreren Löchern bestehende Hemde, in den Lüften fliegt und die braunen Körper in der Sonne glänzen. Dazwischen tönt unablässig der Ruf nach einem »soldino«. Vor Angst, die unermüdlichen Jöhren könnten sich die Schwindsucht an den Hals laufen oder einige Gelenke brechen, spendet man schließlich die ersehnten Kupferstücke. Sofort ist der Schwarm wie weggeblasen. Aber am Straßenrand hocken die kleinen Räuber und überzählen die Beute. Sie haben auf Theilung gespielt.
So geht es durch Abbano, des Titus Livius uralten Geburtsort, der sich vornehme Villegiaturen und prächtige Badehäuser zugelegt hat. Etwas weiter in das Gebirge hinein liegt Arqua, ein kleines Dörfchen, das eine berühmte Sehenswürdigkeit enthält: Haus und Grab Petrarca's. In dem gut erhaltenen Häuschen hat der große Sonettendichter seine letzten Lebensjahre zugebracht und einen sanften Tod gefunden. Für sein Grabmal hat er sich selbst das Epitaph geschrieben. Auch eine Genossin Petrarca's ist noch wohleinbalsamirt vorhanden: des Dichters Katze.
In Galzignano, einer Ortschaft, die sich reizvoll heimlich zwischen die beiden höchsten Berge der Euganeen, den Monte Venda und den Monte Rua, hineinschmiegt, ist die Wagenfahrt zu Ende. Unser Ziel ist das den letztgenannten Berg krönende Kloster Rua. Der Rua-Berg ist ungefähr so hoch, wie der heimische Zobten. Mein Genosse erklärt ihn für ein mittleres Maulwurfhügelchen, dessen Besteigung für ihn, der »auf dem Aetna und dem Großglockner« gewesen ist, eine entschiedene Herablassung bedeutet. Mir aber, der ich im Bergsteigen weniger au fait bin, wird der Aufstieg, der nicht immer auf gebahnten Wegen und manchmal recht steil aufwärts geht, sauer genug. Dazu brennt die italienische Sonne munter herab und die Rua-Kuppe rückt nur langsam näher. Endlich stehen wir an der Klostermauer, aber mein Frohlocken kam zu früh. Innerhalb der labyrinthisch sich in die Höhe windenden Mauern gilt es noch fast eine halbe Stunde vorwärts zu streben, ehe wir vor dem zinnengeschmückten Thore halten. Die Glocke giebt einen mürrischen, gellen Klang von sich, als wäre sie ärgerlich, in ihrer beschaulichen Ruhe gestört zu werden. Nach längerer Pause öffnet der Pförtner in schneeweißem Wollengewande, Sandalen an den Füßen und einen breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe. Schweigend geleitet er uns in ein bescheiden ausgestattetes, niederes Wartezimmer, dessen schönster Schmuck die durch die Fenster lachende Aussicht in's blühende Land ist. Ein zweiter Pater, jünger als der erste, erscheint, um uns durch die Klosterräume zu geleiten. Die Bitte um eine Erfrischung wird freundlich gewährt. Dienstfertig bringt der junge Mönch eiskaltes Wasser herbei, das nach den überstandenen Strapazen wonnevoll mundet. Dabei unterhalten wir Fremden uns ungenirt in der heimatlichen Sprache, sicher, nicht verstanden zu werden. Plötzlich fragte der Pater schüchtern, ob wir Italiener seien. Wir verneinen und proclamiren unser Deutschthum. Da kommt es in stockenden Lauten von den Lippen des Ruensers: »Auch ich bin ein Deutscher.« Neugierig ob der etwas fremdartigen Aussprache forsche ich nach der speciellen Zugehörigkeit des Landsmannes. Die Antwort lautet: »Ich bin aus – Kattowitz.« Tableau!
Hier oben in der Klosterstille von Rua einen Schlesier und noch dazu einen aus dem berühmten Gemeinwesen Kattowitz zu treffen, darauf hatten wir freilich nicht gerechnet. Dem Vereinsamten schien es eine wahre Freude, wieder einmal die Muttersprache reden zu können. Er erzählte, daß er im Polnischen »hinter Warschau« in den Orden getreten und alsbald nach Rua verschickt worden sei. Seit sechs Jahren weile er hier und habe nie den Fuß vor das Thor gesetzt. Dann gab er uns eine durch die Anschauung unterstützte Erklärung des Ruenser Klosterwesens.
Der Klosterbau ist uralt, der Erbe des noch älteren, durch Plünderung zerstörten Mönchstifts vom nahen Monte Venda. Die Ruenser Fratres haben Benedictiner Confession und Camaldulenser Regel. Außer der Kirche befindet sich innerhalb der Mauern eine große Anzahl kleiner Siedelhäuschen, die sich terrassenförmig übereinander an die Berglehne hinlagern. Diese steinernen Häuschen enthalten je eine Kapelle, einen Eß- und einen Schlafraum. Davor ein Gärtchen zur Blumenzucht. Jeder Mönch bewohnt eines dieser Gebäude für sich allein. Gemeinsamer Tisch wird nicht gehalten, ebenso ist an den meisten Tagen das Reden und jegliche Unterhaltung untersagt. Das Innere der Zellen ist sauber, einfach, schmucklos. Den einzigen Aufwand auf Rua macht die Kirche, die einige gute Altargemälde und kostbare Weihgefäße besitzt. Ihre Hauptreliquie ist ein in die Wand eingelassenes bärtiges Marmorgesicht, angeblich die Todtenmaske Johannes des Täufers. Sie wurde bei einer Plünderung des Klosters Venda gerettet und hier herüber gebracht.
Die beste Zierde von Rua ist seine herrliche Fernsicht. Dicht benachbart ragt der majestätische Venda empor und hinter ihm öffnet sich in Schluchten und Hängen das grünende Bergland der Euganeen. Auf der Nordseite schweift der Blick weit in die sonnige Ebene nach Padua, nach Vicenza und Mestre. In silberne Schleier gehüllt leuchtet am Horizonte das Adriatische Meer und darüber bauen sich die Kuppeln und Thürme der wundersamen Lagunenstadt Venedig empor. Unser Landsmann von Kattowitz ist gegen alle diese Reize gänzlich abgestumpft. Wenn man sie sechs Jahre hindurch täglich vor Augen hat, ist es erklärlich, daß man selbst solcher Schönheit müde wird.
Gern hätte ich noch gewußt, was unseren Landsmann veranlaßt hat, in so jungen Jahren in diesen strengen Orden zu treten. Das Antlitz eines religiösen Schwärmers hat er durchaus nicht. Aber als er der Frage ausweicht, dränge ich nicht weiter in ihn. Vielleicht wären auch seine Aufschlüsse nichts weniger als romanhaft interessant gewesen. Endlich schieden wir von unserem freundlichen Führer, nachdem wir unsern Dank noch mit einer kleinen Geldspende verstärkt hatten.
Hinunter geht es hurtig genug und bald saßen wir wieder im Wagen, der uns nach Battaglia, dem größten Badeorte der Euganeen führte. Das weit im Lande sichtbare Wahrzeichen von Battaglia ist das auf steilem Trachytkegel thronende Schloß des Grafen Wimpffen dem auf Meilen im Umkreise die Gegend gehört. Mächtige, breite Treppenterrassen, die von der Ebene bis zum Gipfel steigen, ein prachtvoller Park, der sich zu Füßen und an den Seiten des Schloßfelsens entlang zieht, geben der Residenz ein besonders stolzes Gesicht. Die Fahne weht zum Zeichen der Anwesenheit des Besitzers. Trotzdem steht der ganze Complex den Kurgästen zur Benutzung frei. In den Dependenzen des Schlosses befinden sich zahlreiche Badeanlagen, darunter die natürliche Dampfgrotte, die eine Hitze von 50 Graden aufweist. Das Etablissement steht unter gräflicher Administration, wird vortrefflich geleitet und ist vom elegantesten Publicum besucht. Dennoch kostet in der Hochsaison die volle erstklassige Pension nur 10 Lire = 8 Mk. pro Tag. Das ist so ein kleiner Beweis für die außerordentliche Billigkeit von Ober-Italien, von der freilich diejenigen Durchreisenden wenig merken, die ausschließlich in den internationalen Karawansereien der Fremdenstädte verkehren.
Von der Trefflichkeit der Verpflegung konnten wir uns selbst überzeugen. Der riesige Speisesaal ist überfüllt, das Diner ausgezeichnet. Oben an der Tafel präsidirt der joviale Badearzt Dr. Pezzolo durch seine Anwesenheit gewissermaßen die kurgemäße Unschädlichkeit der aufgetragenen Genüsse verbürgend. Herr Dr. Pezzolo ist ein Feinschmecker. Das beweist er ebenso durch die sorgfältige Auswahl der für seinen Teller bestimmten Stücke, als durch die kluge Disposition, mit der er die beiden hübschesten Mädchen der Badegesellschaft zu Nachbarinnen bekommen hat.
Nach dem Diner schlägt die Majorität der Kurgäste den Weg zum Theater ein. Denn Battaglia hat in der Sala Marigo seine eigene Oper. Man giebt den »Rigoletto« und so wandern auch wir zu dem Musentempel, der zwar electrische Lampen, im übrigen aber das Aussehen eines ziemlich primitiven Tanzsaales aufweist. Die Ausführung der Verdi'schen Schauer-Oper war ähnlich disharmonisch, wie der Raum in dem sie sich abspielte. Einzelne Leistungen strahlten wie electrisches Licht hervor, der Rest war – Schmiere.
Das Orchester, mit 25 Mann besetzt und tüchtig geleitet, wurde seiner Aufgabe vollkommen gerecht. Ausgezeichnet war der Baß Campello. Er mußte jeden Tact, den er sang, wiederholen. Sehr wacker hielt sich der Vertreter der Titelrolle, Cesarotto, der, ein Schüler des trefflichen venetianischen Gesangsmeisters Alberto Selva, eine wohlgebildete, in der höheren Lage glanzvolle Stimme producirte. Sein Vortrag vibrirte von echt italienischem slancio. Damit war, was der Abend an wirklicher Kunst bot, erschöpft. Die Gilda, des Narren holdes Töchterlein, war so abnorm häßlich, daß der herzoglich mantuanische Geschmack ganz unbegreiflich erschien. Leider fühlte das Fräulein auch nicht die Notwendigkeit, ihre äußeren Mängel durch guten Gesang vergessen zu machen. So empfand man bei Gildas entsetzlichen Schicksalen nichts als eine gewisse Befriedigung darüber, daß es der tremolirenden, falsch singenden Person so miserabel erging. Die Duenna Gildas wurde durch eine ältere Dame von unheimlichem Umfang vertreten. Später tänzelte dieser selbe Koloß plötzlich als zarter Page in himmelblauen Tricots neckisch über die Bühne. Der Herr Herzog hatte vielleicht einstmals in längst verschwundenen Tagen eine Stimme gehabt, jetzt hatte er nur noch auf dem linken Tricot einen gesunden Fettfleck. Die krampfhaften Versuche, dieses Malheur zu verbergen, schädigten bisweilen die Würde der herzoglichen Haltung.
Bezeichnend für den geringen Ernst, den das italienische Publicum für seine musikalischen Kunstwerke übrig hat, war die »Bereicherung«, die der dritte Act erfuhr. Signor Cesarotto hatte nämlich seine serata d'onore (Benefiz) und anläßlich dieses Ereignisses erschien er plötzlich im Gesellschaftsanzuge ohne Rigoletto-Maske im Herzogspalaste, um aus dem vorgehaltenen Notenhefte einen unglaublich sentimentalen Singsang anzustimmen, in dessen Refrain er stets behauptete: la mia sposa sera la mia bandiera (Mein Weib wird meine Fahne (!) sein«). Das schöne Lied stammt von Rotoli und ist noch trivialer, als die Leierkastenmusik des Signor Tosti, neben dem für einen richtigen Italiener kein anderer Lieder-Componist existirt. Aber da die Nummer der hohen Stimmlage des Sängers beste Gelegenheit zur Entfaltung gewährte, so mußte das schaurige Ding gleich mehrmals unter den begeisterten Bis-Rufen der Corona widerholt werden, worauf der glückselig lächelnde Bariton abtrat und sich die Rigoletto-Maske wieder anschminkte. Derlei Geschmacklosigkeiten werden hier absolut nicht als solche empfunden. Im italienischen Zeitungsstil heißt das »eine gelungene Episode«.
Trotz dieser unvorhergesehenen Zuthaten fanden auch die blutrünstigen Morithaten Rigolettos ihr Ende und um einen Kunstgenuß reicher fuhren wir durch die schweigende Campagna nach Padua zurück. Frau Luna, hell am sternenklaren Nachthimmel schimmernd, versprach einen wunderschönen Folgetag. Wie recht aber der Rigoletto-Textdichter mit seinem eben so knappen, als wahren Ausspruche »La donna e mobile« hatte, sollte sich hier wieder einmal zur Evidenz erweisen, denn Frau Luna hatte gelogen und am nächsten Tage regnete es scheußlich.