Venetianische Feste.

Die Venetianer als Fischmenschen. – Das Seebad am Lido. – Männliche Badefrauen. – Herrenbesuche im Damenbad. – Die Restaurationsterrasse und Verlobungen bei Musik. – Der Gondeltenor und seine Potiphar. – Volksfeste und die Polizei-Spritze. – Heiliger Marcus, hilf!

Venedig im Sommer ist so recht geeignet, das in Deutschland herrschende Vorurtheil zu widerlegen, Italien sei in der heißen Jahreszeit für den Nordländer ungenießbar. Für Theile des südlichen Italiens, speciell für Rom, sei gern zugegeben, daß ein Besuch im Frühjahr oder Herbst empfehlenswerther ist, obgleich auch dort um diese Zeit das eigentliche Volksleben auf der Gasse fehlt, das in seiner Art mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdient, wie der überströmende Reichthum an Kunstschätzen und Architectur-Schönheiten.

Venedig insbesondere belebt sich erst, wenn die Sonne heiß herniederbrennt. Dann steckt die ganze Bevölkerung vor ihren Thüren im Wasser. Der Venetianer wird zum Fischmenschen. Die Familie wandelt innerhalb des Hauses im Badeanzug einher, und jede freie Minute wird rasch zu einem Schwimmausflug vor das Haus benutzt. Eine Gondelfahrt durch das Gewirre von Canälen und Canälchen gewährt gegen den Abend hin einen sonderbar belustigenden Anblick. Pustend, schnaubend und spritzend, wie eine Bande übermüthiger Wasserthiere, tummeln sich Männer, Weiber und Kinder in dem belebenden Element. Aller Augenblicke öffnet sich eine Thür, und heraus stürzt sich eine nothdürftig bekleidete Menschengestalt im Kopfsprunge. Andere halten es noch bequemer und springen gleich vom Fenster aus, ein paar Stockwerke hoch, in die Fluth. Ein deutsches Schutzmannsherz würde sich umdrehen Angesichts dieses ungebundenen Treibens. Die venetianische Polizei erlaubt es sogar officiell und wünscht nur, daß ein gewisses Minimum von Costüme stets vorhanden sei. Damit ist freilich nicht gesagt, daß dieser Ukas überall und immer befolgt wird.

In dem nicht allzusauberen Canalwasser tummelt sich natürlich nur das ärmere Volk. Der Wohlhabende an Zeit und Geld fährt hinaus nach dem Lido. Venedig ist nicht blos eine große, mit Wundern aller Art gesegnete Stadt, es ist auch das fashionable Seebad für die angrenzenden Provinzen Ober-Italiens. Dem eleganten Lombarden oder Veneter ist die Saison zu Venedig ebenso de rigueur, wie der Strand von Heringsdorf oder Kolberg dem Berliner.

Die Dampfer, welche viertelstündlich den Verkehr zwischen der Riva dei Schiavoni und dem Lido vermitteln, sind stets vollgepfropft mit lustig schwatzendem Badevolke: Die Damen in hellen, lichten, buntfarbigen Toiletten, die Herren in weißem Flanell und englischen Strandmützen, die Knaben in kecken Matrosen-Anzügen, die das gesunde Braun der nackten Waden freilassen, und die kleinen Mädchen in jenen entsetzlichen langen Kleidchen, wie sie die Phantasie der Frau Kate Grenaway und die Mode erdacht haben.

Kaum hat das Schiff an der Nordseite des Lido angelegt, so beginnt der allgemeine Sturmlauf nach den Pferdebahnwagen. Der Tramway, dessen Pferdepark die einzigen Exemplare dieser nützlichen Vierfüßler im Bannkreise von Venedig umfaßt, durchfährt die villen- und trattorienbesetzte Insel ihrer Breite nach in circa 5 Minuten und setzt seine Gäste direct vor dem riesigen Bade-Etablissement ab. Das Gebäude mit seinen Vergnügungs- und Bade-Anlagen, seinen zahllosen Zellen, seinen Wäscheausgabe- und Werthaufbewahrungs-Stellen ist so zweckmäßig eingerichtet, daß mancher deutsche Bade-Commissär hier mit großem Nutzen längere Studien machen könnte.

Der eigentliche in der See abgegrenzte Baderaum zerfällt in zwei benachbarte Theile, von denen der eine den Herren, der andere den Damen reservirt ist. Die Absperrung ist aber nicht so ernst gemeint. Zunächst hat das schönere Geschlecht officiellen Zutritt im Herrenbade, ein Recht, das ebenso von den Damen der besseren Gesellschaft, wie von den Vertreterinnen der pikanten Gattung benutzt wird. Ferner sind die im Damenbad angestellten »Badefrauen« – Männer, und das inmitten der Abtheilung haltende Wachtboot ist ebenfalls bemannt und nicht beweibt. Man kann sich denken, daß diese wackeren Leute nicht allzu eifrig bestrebt sind, Herrenbesuche vom Gestade der Seligen fern zu halten. Hie und da kommt es freilich vor, daß eine zornige Dame aus jener Altersklasse, nach der sich die bösen Eindringlinge nicht mehr umzusehen pflegen, so lange Lärm schlägt, bis die schläfrigen Wächter in ihrem Boote zu ihrer Pflicht erwachen und die unterschiedlichen Adams aus dem Paradiese treiben. Nach einer halben Stunde ist aber regelmäßig der status quo ante wieder hergestellt, und der amüsante Flirt im Wasser nimmt seinen ungestörten Fortgang.

Derartige Beobachtungen entschädigen reichlich für die Zahmheit des Seebades selbst. Das Adriatische Meer weist im Sommer sehr hohe Temperaturen (durchschnittlich 24–28 Grad Celsius) und zumeist wenig oder gar keinen Wellenschlag auf. Besinnt es sich einmal darauf, daß ihm als reputirlichem Meere eigentlich eine wildere Physiognomie gebührt, so streikt alsbald das italienische Publicum. Bei etwas kälterem Wasser oder einem mäßigen Wellentreiben, das einem Sylter oder Helgoländer Stammgaste noch wie eitel Süßwasserspielerei erschiene, geht kein Italiener in das balkenlose Element hinein. Dann ist es leer am Lido, und von den wenigen Kühnen, die, von den Badedienern angestaunt, den Kampf mit den Wellen wagen, hört man ausschließlich englische oder deutsche Laute.

Nach dem Bade findet man sich auf dem in's Meer hineinragenden Restaurationspavillon zusammen, wo man bei einem Glase Vermouth das laute Treiben der Badenden, die dicht vor der Terrasse ihre schönsten Künste steigen lassen, beobachten oder aber, wenn man Liebhaber einer schlechten Musik ist, der concertirenden Kapelle seine Aufmerksamkeit schenken kann. Für Junggesellen ist indessen diese Terrasse nicht ungefährlich, denn auf ihr nehmen zahlreiche im Wasser angesponnene Romane ein Ende mit Schrecken. Hier ist das Reich der Mütter, hier verlobt man sich. Die Privatstatistik weiß Wunderdinge über die Häufigkeit solcher Fälle zu berichten. Es ist recht sonderbar, daß Paolo Mantegazza, der Feuilletonist unter den Medicinern, diese seltsame Erscheinung bisher unbeachtet gelassen und noch kein Buch geschrieben hat mit dem Titel: »Das Seewasser und sein Einfluß auf den Verehelichungstrieb der Menschen.«

Mit allen diesen Attractionen sind aber die Reize des Lido keineswegs erschöpft. Nicht blos der Naturfreund, der Sittenschilderer, der Modeschriftsteller, der Gourmand und die – Schwiegermutter, auch der Theaterschwärmer kommt zu seinem Recht. Im großen Saale des Restaurants ist meist eine Operntruppe installirt, die allerdings keine übermäßige Anziehungskraft ausübt.

Die musikliebende Fremdencolonie findet man Abends auf dem Canale grande um die unterschiedlichen »Serenaten« der Volkssänger-Gesellschaften Revue passiren zu lassen. Der beliebteste Gondelsänger ist der Tenor Giacomelli, der mit weicher, schmachtender Stimme seine Liebeslieder voller Verve und Inbrunst vorträgt. Die in ihren Gondeln lauschenden Missis finden ihn very nice indeed und bedauern nur, daß er nicht an allen Abenden zu hören ist. Bisweilen nämlich zuckt der Gondelier, dem man zuruft »alla serenata Giacomelli«, die Achsel und meldet geheimnißvoll, das der Gesuchte heute nicht sänge. Bei dringender Nachfrage erfährt man dann, daß der arme Giacomelli das Schicksal der meisten Tenöre theile und von Frauengunst stark umworben sei. Neuerdings habe ihm eine schöne principessa ihr Herz geschenkt, und dieser Giacomelli sei kein venetianischer Joseph, der den Mantel bei seiner Potiphar lasse, um auf den canalazzo singen zu gehen. Ist dieser Roman nur Reclame, so ist sie gewiß nicht ungeschickt ersonnen. Denn läßt der glückliche Tenorist an seinen principessa-freien Abenden die Stimme erklingen, so erscheint er allen Damen noch einmal so interessant als sonst. Rudert nach beendetem Ständchen die bunt beleuchtete Sänger-Gondel heran, so regnet es blankes Silber in den herumgehenden Sammelhut. Dem Geliebten einer principessa kann man doch kein Kupfer geben. Noblesse oblige!

Im Uebrigen verläßt sich die Stadt Venedig nicht allein auf Privatunternehmer, wenn es gilt, den vergnügungssüchtigen Einheimischen und den schaulustigen Fremden Unterhaltung zu bereiten. Drei große »Nummern« pflegt das splendide Municipio allsommerlich loszulassen: eine Riesen-Serenata, ein Wohlthätigkeits-Tombola und endlich, als Culminationspunkt, die altbeliebte Gondel-Regatta.

Für die Serenate wird ein rundes Holzschiff erbaut und mit farbigen Lampen reich geschmückt. Auf dieses schwimmende Podium postiren sich ein Orchester von ca. 80 Mann, ein ebenso starker Chor und mehrere Solisten. Die mannigfachen Vorträge bereiten einen wirklichen Kunstgenuß, der im eigenartigsten Concertsaale der Welt mit dem Wasser als Boden, den Gondeln als Logen und dem sternbesäten Himmel als Decke empfangen wird.

Die Tombola mit ihren Tausenden von Loosen und drei Gewinnen (400, 500 und 1000 Lire) bietet ein Schauspiel, bei dem das Volk von Venedig die Hauptacteure stellt. Zwei prächtig decorirte Pavillons, der eine für die Ziehung, der andere für das Aufziehen der Nummern bestimmt, werden auf dem Marcusplatze errichtet. Dieser einzige Platz, den seine herrlichen Bauten wie eine steingewordene Märchenphantasie erscheinen lassen, erstrahlt in festlicher Beleuchtung, der gewaltig zum Nachthimmel sich reckende Campanile in bengalischem Lichte. Der Steinboden der Piazza ist zum großen Theile mit Stühlen bestellt, den übrigen Raum nehmen in fürchterlicher Enge stehende Menschenmassen ein. Die zierlichen Tauben, des Marcusplatzes beliebte Pensionärinnen, die doch von den Abendconcerten her an einen schönen Durchschnittstrubel gewöhnt sind, schwingen sich aufgeregt in die Lüfte empor. Im Handumdrehen haben sich mitten im Gewühle die landesüblichen Klein-Industrien entwickelt. Eiswasser, Bleistifte, Cigaretten, Citronen und ähnliche gangbare Artikel werden kreischend feilgeboten, bis ein kräftiger Trompetenstoß den Beginn der Ziehung verkündet. Dann lebt Alles nur noch den Ereignissen Fortunas. Mit athemloser Spannung wird jede einzelne Nummer begrüßt. Um die Personen, deren Loos-Zettel die Glückszahlen enthalten und die Besitzer dem ersehnten Quaterno nähert, bilden sich erregt gesticulirende Gruppen. Ein Schrei geht durch alle diese Menschen, als der erste vermeintliche Gewinner im Laufschritt dem Lotteriepavillon zueilt, und schrilles Pfeifen begrüßt den Unglücklichem der sich in einer Zahl geirrt hatte und darum schleunigst wieder zum Vorschein kam. Als dann der wirkliche Eroberer des Quaternos erschien und noch dazu ein waschechter Venetianer war, da gab es einen tumultuösen Applaus.

Die Regatta endlich gestaltet sich zu einem Volksfeste ersten Ranges. Der Canale grande belebt sich Stunden vor dem Beginn mit einer nicht annähernd zu schätzenden Zuschauer-Corona. Die prächtigen alten Paläste an diesem großen Wasser-Boulevard sind mit Gobelins und Teppichen festlich geschmückt und von Neugierigen bis zum Dache gefüllt. Die flankirenden Kais erscheinen mit Stühlen besetzt wie ein riesiges Parterre. Die Hauptmenge aber bewegt sich auf dem Wasser. Neben dem ganzen stattlichen Gondelaufgebot sind unzählige Barken und riesige Familienboote zur Stelle, die durch Sessel zu schwimmenden Tribünen umgewandelt werden. Ein wahrhaft lebensgefährliches Gewimmel herrscht um die Zielgegend, am Palazzo Foscari zwischen der Rialto-Brücke und dem Ponte Ferro. Hier haben die Schaulustigen sogar auf den aus dem Wasser ragenden Gondelpfählen und auf den Häuserreihen Posto gefaßt. Die Hüter des Gesetzes sind eifrig bei der schweren Aufgabe, in dem Gewimmel von Fahrzeugen freie Bahn für die Rennenden zu machen. Da die Polizei ebenfalls in Gondeln fährt, so ist ihre Actionsfreiheit sehr gehemmt. Die Art, wie die Schutzleute dennoch ihren Anordnungen den nöthigen Nachdruck verschaffen, ist ebenso drastisch wie originell. In jeder Polizeigondel steht ein Feuerwehrmann, der eine direct aus dem Canal gespeiste, riesige Spritze handhabt. Wird den Befehlen der heiligen Hermandad nicht sofort Folge geleistet – Platsch! ergießt sich ein mächtiger Wasserstrahl auf Gondelführer und Insassen. Das Mittel ist nicht fein, aber es hilft.

Ein farbenfroher und glänzender Umzug der städtischen Festordnergondeln eröffnet die Regatta. Die Municipal-Fahrzeuge sind wundervoll mit Peluche, Seide, Metallbehängen und phantastischem Figurenaufputze decorirt. Ihre Lenker stecken in prächtigen mittelalterlichen Trachten von Sammet- und Brocatstoffen, die mit den Bootsfarben harmoniren. Ein Stück des alten Venetianer Glanzes aus den Blüthezeiten der mächtigen Republik scheint in's Leben zurückgekehrt. Einigermaßen contrastirt mit der wirklichen feenhaften Ausschmückung der Boote ein im Mitteltheile jedes Schiffleins aufgepflanzter Weinzuber, aus dem die romantisch gekleideten, mit blonden Pagenperrücken versehenen Ruderjünglinge bei jeder Haltegelegenheit »Einen nehmen«. Je Einer trinkt, und drei Andere halten das Ungethüm von Flasche, das ungefähr den Umfang eines größeren Luftballons hat. Es ist leicht zu begreifen, daß gegen das Ende des Umzuges der Ruderschlag an Präcision Einiges eingebüßt hat.

Die eigentliche Regatta ist kein allzu aufregendes Ding. Es concurriren mehrere der Gondelform nachgebildete schmale, niedere Rennboote mit je zwei stehend arbeitenden Ruderern. Da die zu durchmessende Strecke weit über eine Wegstunde lang ist und von einem sportsgerechten Training der Gondoliers keine Rede sein kann, so sind die Gestarteten vor dem Ziele so erschöpft, daß ein ernstlicher Endkampf nicht stattfindet. In weiten Abständen kommen die vier Ersten einher, um ihre Siegesfahnen, an die ein stattlicher Geldpreis geknüpft ist, in Empfang zu nehmen. Dann Tusch, und die Regatta ist zu Ende.

Unter den Zuschauern aber beginnt nun der Kampf um's Wegkommen. Die Polizei und ihre Kanonenspritze wären jetzt vortrefflich am Platze, aber Beide sind längst verschwunden. So muß jeder Einzelne sehen, wie er dem Chaos entrinnt. Aller Augenblicke krachen die Boote aufeinander, die Gondoliers fluchen, die Insassen halten bei den fortwährenden Stößen mühsam Balance. Für zartbesaitete Gemüther ist dieses Schlußvergnügen mäßig. Immerhin weiß der Festbericht am nächsten Morgen nur von einem halben Dutzend zertrümmerter Boote und keinem einzigen ernstlichen Unglücksfalle zu berichten. Wahrhaftig, diese Venetianer haben an ihrem heiligen Marcus einen wackeren Schutzpatron.