Römische Momentbilder.

Römische Rosselenker. – In der Villa Borghese. – König und Königin. – Corso. – Auf der Piazza Colonna. – Ben Akiba und die capitolinische Venus.

Der römische Droschkenkutscher hat mit seinem deutschen Collegen fast Nichts gemein, als die – Droschke. Geburt und Erziehung haben gleichmäßig zu der Verschiedenheit der Arten beigetragen. Heißeres, unruhigeres Blut rollt in den Adern des südländischen Rosselenkers, und seine Erziehung hat die Polizei arg vernachlässigt. Der deutsche Droschkenführer fühlt das strenge Auge des Gesetzes beständig auf sich gerichtet. Er hält sich und sein Gefährt in vorschriftsmäßiger Ordnung, kennt das paragraphenreiche Reglement auswendig und harrt auf seinem Kutschbocke in stoischer Ruhe der Fahrgäste, die nicht immer kommen wollen. Natürlich ist er, wie so Vieles in Deutschland, uniformirt.

Ganz anders sein Römischer Berufsgenosse. Ihm läßt die Polizei manche Freiheit, und er benutzt sie redlich. Das Institut der Halteplätze kennt man auch hier, aber der Kutscher, der keine Lust zur Geselligkeit hat, stellt sich einfach hin, wo es ihm gerade gefällt. Und nun beginnt die Hauptbeschäftigung des Römischen »Numerirten«: der Kampf um den Fahrgast. Nähert sich seinem Standorte eine Person, die halbwegs aussieht, als könne sie sich den Luxus einer Fahrt leisten, so erhebt sich der Kutscher vom Bocke und winkt mit beiden Armen auf das Lebhafteste, während ein freundliches Lächeln sein Antlitz überzieht. In diesem Augenblicke macht er ganz den Eindruck, als habe er einen alten, lieben Freund wiedergefunden und deute diesem pantomimisch an, daß er leider den Bock nicht verlassen könne und daher um einen Besuch bitte. Folgt der also Aufgeforderte der Einladung nicht, so stellt der Kutscher die Diagnose auf Augenschwäche. Denn nunmehr nimmt er die Peitsche und knallt so heftig, daß selbst die an solche Klänge gewöhnte Rosinante unruhig die Ohren spitzt. Hilft auch dieses Mittel nicht, so theilt der Unermüdliche dem unterdeß näher Gekommenen vorwurfsvoll mit, daß hier eine carozza stehe, und frägt in schmeichlerischem Tone »vuole?« (»Wollen Sie?«) Für gewöhnlich, d. h. in Stadtgegenden, wo sich keine Sehenswürdigkeiten befinden, sind damit seine Künste erschöpft. Glaubt er aber, einen forestiere vor sich zu haben, dessen Schüchternheit einer besonderen Aufmunterung bedürfe, so setzt er, ganz, wie wenn er gerufen worden wäre, seinen Gaul in Trab und fährt dem Dahinschreitenden derart vor die Füße, daß diesen ein Fortsetzen seines Weges unbedingt in den Wagen führen muß. Macht der also Verfolgte geduldig einen Umweg und geht etwa auf eine in der Nähe befindliche Omnibus- oder Pferdebahn-Haltestelle zu, so hat er stets die Droschke zur Seite, deren Lenker jetzt allerhand mysteriöse Zeichen zu machen beginnt. Er legt einen Finger quer über die Mitte des anderen, d. h. zeigt seine Bereitwilligkeit an, für die Hälfte des Tarifs zu fahren. Oder er unterbietet sich noch weiter und tritt mit den Preisen der Pferdebahn in ernsthafte Concurrenz. Letztere Manöver sind natürlich nur im Sommer, in den Monaten der Fremdendürre, üblich. Zu den Zeiten, wo Rom von Bädekern überfluthet ist, versucht es der Römische Automedon eher mit einer eigenmächtigen kleinen Erhöhung des Tarifes.

An den Gefährten selbst, deren Form den Berliner Droschken erster Güte gleicht, fällt eine merkwürdige Einrichtung auf. Rechts vom Kutscher befindet sich die Bremse, die bei den 7 Hügeln, auf denen Rom, wie jeder Klippschüler weiß, erbaut wurde, eine entschiedene Nothwendigkeit ist. Zur Linken des Fahrers aber ragt eine dicke Holzstange von Meterhöhe empor. Erst bei Regenwetter enthüllen sich die Zwecke dieses geheimnißvollen Instrumentes. Auf ihm wird dann nämlich ein riesiger Regenschirm aufgesteckt, gegen dessen Dimensionen sich die umfangreichsten Regendächer unserer Hökerweiber wie zierliche Entoutcas ausnehmen. Diese sinnreiche Einrichtung hat zweierlei Vortheile: erstens schützt sie den Kutscher vor dem Regen, und zweitens wird der Fahrgast noch weit nässer als sonst, denn er kommt buchstäblich aus dem Regen in die Traufe.

Die äußere Erscheinung der Herren Droschkenkutscher bestätigt den alten Satz: Wie der Herr, so's Geschirr. Auf den Kutschböcken solcher Wagen, von denen sich der Gast mit Grausen wendet, sitzen Gestalten von wahrhaft imponirender Schmutzigkeit. Daneben überwiegt, wie überall, die Menge derer, die im Guten wie im Schlimmen den Mittelweg einhalten. Endlich aber giebt es auch »Zeuge«, die von Sauberkeit und Frische leuchten und deren Lenker ohne Weiteres als Typen des Bock-Gigerls zu bezeichnen sind. Moderngelbe Schuhe, heller Sommeranzug, schwarzes Künstlerhütchen und genial geschlungene Cravatte bewirken, daß der Kutscher bisweilen eleganter ausschaut als sein Fahrgast. Diese noblen Fiaker finden sich am häufigsten auf der Piazza di Spagna, dem Mittelpunkte des Fremdenviertels. Sie befleißigen sich besonders Damen gegenüber einer Höflichkeit, die beinahe an's Courschneiden grenzt. Diese immerhin auffällige Erscheinung hat ihren guten Grund. Vor wenigen Jahren nämlich hat sich eine schon etwas angejahrte, aber um so reichere Engländerin in einen dieser Rosselenker verliebt und den schwarzlockigen Jüngling als ihren Ehegemahl nach dem Inselreiche entführt, wo der Glückliche, einem on dit unter seinen früheren Collegen zufolge, nunmehr nur noch »mit Vieren lang« fährt. Seitdem drängt sich die Elite der Römischen Droschken-Kutscher auf der Piazza di Spagna, und mit schmachtenden Blicken verfolgen sie jedes weibliche Wesen, welches große Füße hat und einen rotheingebundenen Bädeker trägt. Ob solche Bemühungen eine zweite Auflage des eben skizzirten Romans gezeitigt haben, darüber schweigt meine Quelle.


Die Stätten, an denen der Römer am liebsten frische Luft schöpft, sind die Villa Borghese und die Villa Doria-Pamfili. Die erstere, deren fürstliche Besitzer arg verschuldet sind, steht jetzt unter der Verwaltung der Stadt, die aber wenig für ihren Pflegling zu thun scheint. Die riesigen Waldanlagen, die sich am Fuße des Monte Pincio hinziehen, sind ziemlich verwildert, und nur das Casino, in dem sich einige berühmte Rafaels, Tizians und Correggios befinden, prangt in altem, unvermindertem Glanze. Weit vortheilhafter präsentiren sich die Anlagen der Villa Doria, die, auf den Anhöhen jenseits des Vatican gelegen, wundervolle Ausblicke nach außen und köstliche Landschaftsbilder nach innen bietet. Sie ist jedoch schwerer zu erreichen und seltener geöffnet, daher nicht so populär, wie die Villa Borghese. Beide Parks beleben sich erst gegen Abend, wenn man die Schaaren von Kindern ausnimmt, die auch tagsüber auf den Wiesen ihr lautes, lustiges Wesen treiben. Zur Zeit des späten Nachmittags rollen dann die Wagen in endloser Reihe heran. Die Villa »Borghese« erhält vor der schöneren Rivalin schon deswegen den Vorzug, weil der Weg zu ihr durch den Corso, die Hauptstraße Roms, führt. Kein größeres Vergnügen für den Römer, der Equipage hält oder miethet, als dieser Corso auf dem Corso. Nicht Jeder vermag dieses Vergnügen nachzufühlen, denn der Corso ist eng, staubig und von beängstigendem Menschengewühl erfüllt. Und dennoch ist der Ausflug nach den Alleen der Villa eigentlich nur ein Vorwand, um ein halbes Dutzend Mal über den Corso fahren zu dürfen. Das Equipagengedränge ist hier um die Abendstunden oft so arg, daß die Wagen sich kaum im Schritt vorwärts bewegen können. Dem Zuschauer dieses mondainen Schauspiels bleibt somit Zeit genug, die Eleganz der Gefährte zu bewundern, die an Pracht der Anschirrung, Correctheit der Dienerschaft und Trefflichkeit des Pferdematerials durchaus mit Paris, ja beinahe mit London concurriren können. Dieser Equipagenluxus fällt umsomehr auf, als man fortwährend von dem finanziellen Ruin Roms hören und lesen muß. Als Erklärung solchen Widerspruchs wird vorgebracht, daß die angesehenen Familien lieber an Wohnung und sonstigem Haushalte sparen, ehe sie ihre Equipage aufgeben. Die ungemessene Eitelkeit der Italiener, die Alles auf den äußeren Schein zu berechnen pflegen, läßt diese verkehrte Handlungsweise wohl glaublich erscheinen. Das Wagendefilé bietet aber noch ein anderes Interesse. Im Fond der vorbeiziehenden Carrossen erblickt man die vornehme Damenwelt Roms, die sonst nirgends zum Vorschein kommt. In der That zeigt sich die elegante Römerin höchst selten auf der Straße. Man kann von jeder distinguirten weiblichen Erscheinung, die man zu Fuße lustwandelnd trifft, mit Sicherheit annehmen, daß sie eine Fremde ist. So ist die abendliche Stunde der Ausfahrt die einzige, in der Rom seine geburts- und finanzaristokratischen Schönheiten erblickt.

Regelmäßige Theilnehmer an diesen Gesellschaftsfahrten sind König und Königin. Der Erstere erscheint in einer äußerst einfachen, aber vortrefflich bespannten Halbkalesche. Die Einfachheit erstreckt sich auch auf die dunkle Livrée der Dienerschaft. Der König trägt stets Civil, während sein Begleiter in voller Adjutanten-Uniform prangt. Deutsche, die sich gemeiniglich einen König ohne Uniform so wenig vorstellen können, wie Kinder einen Herrscher ohne seine Krone, pflegen nicht selten dem Adjutanten ihren ergebensten Gruß darzubringen und scheiden darum von dem denkwürdigen Momente dieser Begegnung mit dem Eindruck, daß der König seinen Bildern recht wenig ähnlich sieht. In Wahrheit würde es aber selbst dem schlechtesten Photographen schwer fallen, das charakteristische Antlitz Humbert's I. nicht zu treffen, dessen mächtiger Schnurrbart nunmehr völlig ergraut ist.

Die Ankunft der Königin erfolgt weniger überraschend, als die ihres Gemahls, da ihre Dienerschaft blutrothe, weithin leuchtende Livrée trägt. Um so schlichter ist das Costüm der hohen Dame selbst, die meist in dunkler Kleidung und schwarzem Capotehütchen erscheint. Königin Margherita ist nicht mehr die blendende Schönheit, die sie einstens war, aber immer noch eine anmuthige Frau mit edlen, ernsten Zügen. Ihre Popularität ist von allen Stürmen der letzten Zeit unberührt geblieben. Ist sie doch eine Fürstin, die sich von politischen und staatlichen Angelegenheiten völlig abseits hält und nur in den Vordergrund tritt, wenn es Werken der Wohlthätigkeit und der Kunstförderung gilt.


Die piazza colonna, die den Corso ziemlich genau halbirt, ist das moderne Forum der Römer. Es hat seit einigen Jahren eine umfängliche Erweiterung erfahren, nachdem die Stadt den die Ostseite des Platzes einnehmenden Palast des Fürsten Piombino für einige Millionen angekauft und dann niedergerissen hat. Niemand weiß, warum! Augenblicklich sind Bestrebungen im Gange, diese Lücke wieder mit Bauten zu belegen. Aber da nicht allzuviel Gelder, sehr viel sich widersprechende Ansichten und recht mäßige Projecte vorhanden sind, so dürften diese Constructionen noch manches Jahr auf sich warten lassen.

Auf der Piazza giebt es des Abends großes Concert. Bei der Vorliebe, welche die Italiener für Musik im Allgemeinen und Gratismusik im Besonderen haben, ist es selbstverständlich, daß der biedere, alte Marc Aurel vor seiner stolzen, den Platz beherrschenden Säule allabendlich auf ein riesiges Menschengetümmel herabsehen muß. Der Arbeiter wie der Elegant, der Offizier wie der Rekrut promeniren um die Musiktribüne. Auch lichtscheue Elemente giebt es genug im Haufen. Vor Taschendieben wird gewarnt! Natürlich fehlen die ambulanten Verkäufer nicht. Mit kreischender Stimme bieten sie Zeitungen, Hosenträger, Wachshölzer, Spazierstöcke, Eiswasser und Pfirsiche, kurzum Alles an, was sich nur irgend im Umherziehen transportiren läßt. Wer das Römische Volksleben von heute an der Quelle studiren will, der begebe sich zum Abendconcert nach der Piazza Colonna.

Meist concertirt hier die banda municipale, das Musikcorps der Stadt Rom. Die Kapelle ist vor einiger Zeit in Deutschland zu Gaste gewesen und hat freundnachbarliche Erfolge geerntet. Die Truppe bildet auch ein wackeres Ensemble, überragt aber keineswegs den Durchschnitt unserer besseren Militärkapellen. Deutsche Musik spielt die »banda« mit Vorliebe, besonders Wagner. Leider! Denn die »Fantasie« aus »Valkiria«, »Siegfrido«, »Tristano« etc. sind Muster von Potpourris, wie sie nicht sein sollen, ein wahrer italienischer »Salat« von allerlei wahllos zusammengestoppelten Leitmotiven. Dazu schlägt der Dirigent, cavaliere Vessella, einen mehr oder minder richtigen Tact. Aber vom Geiste Wagners ist auch nicht ein Hauch zu spüren. Fremde und Italiener athmen auf, wenn Vessella und seine »banda« sich wieder auf vertrautes Gebiet zu Verdi und Ponchielli begeben.


Seit Gutzkow seinen »Uriel Akosta« geschrieben hat, ist der gute Rabbi Ben Akiba niemals wieder zur Ruhe gekommen. Fast täglich kann man in den Zeitungen eine unerhörte, sensationelle Geschichte lesen, der die Bemerkung angehängt ist, daß Derartiges, trotz des alten Ben Akiba noch nicht dagewesen ist. Ebenso regelmäßig erscheint dann nach wenigen Tagen der unumstößliche Nachweis, daß Ben Akiba doch Recht habe und die betreffende Geschichte nicht ohne Präcedenzfall dastehe. So ungern ich mich den Gegnern des wackeren Rabbis zugeselle, so kann ich doch nicht umhin, nachfolgenden Vorfalles zu gedenken, zumal ich damit auf eine Merkwürdigkeit ersten Ranges aufmerksam mache, die noch in keinem Reisehandbuche verzeichnet steht. Am Sonntag ist in allen staatlichen Galerien und Museen Italiens der Eintritt unentgeltlich. Jüngst profitirte ich von dieser Liberalität der italienischen Regierung, um der schönsten Frau Roms, der capitolinischen Venus, wieder einmal meine Aufwartung zu machen. Als ich von dieser Visite hochbefriedigt zurückkehrte, drückte ich dem Galeriediener, der meinen Stock aufbewahrt hatte, das übliche Trinkgeld in die Hand. Aber welch Unerhörtes begab sich – mit einer stolzen Handbewegung gab mir der Brave die gespendeten Soldi zurück. Ein italienischer Galeriediener, der kein Trinkgeld nimmt, der ist – alle Besucher dieses gesegneten Landes werden es mir bestätigen – wirklich noch nicht dagewesen.


Napoli in festa.

Feste estive. – Der Mercato. – Konradin und Masaniello. – Neapolitanische Feuerwerkerei. – Die Seebade-Saison. – Die Gassenjungen und die Polizei. – Die Cloaken als Schlupfwinkel. – Am Schlosse der »Donna Anna«. – Wie Luigia deutsch spricht.

Neapel im Festgewande … Kein anderes Land ist so reich an Feiertagen, kirchlichen und nationalen, allgemeinen und localen, wie Italien. Trotzdem begnügt sich der aus Lärm und Lustbarkeit gerichtete Sinn des Südländers keineswegs, die Feste zu feiern, wie sie fallen. Wo sich irgendwo eine größere Pause zwischen Feierdaten einschiebt, ist man alsbald dabei, solch unziemliche Lücke auszufüllen. Für Neapel bringen hauptsächlich Frühjahr und Herbst die traditionellen Vergnügungstage. So würde der Sommer in dieser Hinsicht zur saison morte, wenn eben nicht die Neapolitaner ausgiebig vorsorgten. Da der Kalender keine Feste ansagt, erfindet man welche. Um diese populäre Arbeit gleich gründlich zu thun, constituirt sich ein Comité und eröffnet eine Subscription. Die hier ansässige Fremdencolonie spendet einige nette Summen, und auch die wenigen Italiener, die noch Etwas zu verschenken haben, lassen sich nicht lumpen.

Das Resultat dieser Bemühungen ist zunächst ein sehr schönes buntes Placat, dessen Mitte den feuerspeienden Vesuv zeigt, zu seinen Füßen eine dürftig angezogene berittene Sirene aus dem Meere emportauchend. Das Ganze trägt die Ueberschrift »Feste estive (Sommerfeste) Napoli« und verheißt der Menge Illuminationen und Feuerwerke, Sängerfeste und Volkslieder-Concurrenzen, Militärkapellen-Wettstreit und Bootsturniere, Regatten und Taubenschießen, Trab- und Velociped-Rennen. Omnibusse, Pferdebahnen und Droschken schmücken sich mit bunten Fahnen, und die Zeitungen meinen, daß nun für ganz Italien und Europa Nichts mehr im Wege stände, nach Neapel zu kommen, der schönsten, gastfreundlichsten (?) und saubersten (??) Stadt der Welt. Man darf es den Gazetten nicht übelnehmen, wenn sie den Mund etwas voll nehmen. Die Prahlerei liegt dem Italiener im Blute, und die Journale lassen dabei wenigstens fremden Städten auch Etwas zu Gute kommen.

Die feste estive werden eröffnet mit einem großen Volksfeste auf dem Mercato, dem an historischen Denkwürdigkeiten reichsten Platze Neapels. Hier wurde Konradin von Schwaben hingerichtet, mit ihm der treue Friedrich von Oesterreich. Hier nahmen alle Aufstände Neapels ihren Anfang. Hier hat auch Masaniello, der kein ganz so eleganter und tenorsingender Herr gewesen sein mag, als der er in der Auber'schen Oper auftritt, dafür aber ein energischer wilder Volksmann, die Menge zum Siege begeistert, um dann auf demselben Platze den Tod zu erleiden. Der Mercato hängt auf seiner Ostseite eng zusammen mit der Piazza del Carmine. Die Kirche, die diesem Platze den Namen giebt, ist von Karl von Anjou, dem Hohenstaufenmörder, errichtet worden. In ihr haben spätere Geschlechter – o Ironie des Schicksals! – den ursprünglich im Mercato verscharrten Leichen Konradins und Friedrichs ein geweihtes Plätzchen gegeben, und darüber erhebt sich eine von Maximilian II. von Bayern gestiftete, von Schöpf nach Thorwaldsen ausgeführte Marmorstatue des unglücklichen Hohenstaufensprossen.

Konradin und Masaniello, die Helden des Mercato, sind auch die Helden des jüngsten Volksfestes. Den Musikpavillon auf dem Mercato überragt eine Gypsimitation des Thorwaldsen-Monuments Konradins, und neben dem Orchester auf dem Carmineplatze thronte ein großer Masaniello aus Majolica, das Beil in der Hand, mit heroischer Geste zum Sturm auffordernd. Zu ihren Füßen drängte sich eine nach Tausenden zählende Menge, die sich an der geschmackvollen, bunten Lämpchen-Illumination des Festraumes, an der elektrischen Beleuchtung, aus der sich der ehrwürdige Glockenthurm der Carmine-Kirche phantastisch heraus hob, an den Klängen der Musik, vor Allem aber am eigenen Thun und Treiben ergötzte. An den Borden der Plätze waren unzählige Bänke und Tische aufgestellt, und an ihnen schmauste man die vielgestaltigen Maccaroni, die nicht immer appetitlich aussehenden frutta di mare (darunter Meerspinnen und Tintenfische), am Feuer geröstete Maiskolben und ähnliche Lieblingsspeisen der Neapolitaner. Das Alles war in Kesseln und Tellern angehäuft, die von Schmutz und Oel trieften. Aber ein bischen Schmutz, ein bischen viel Schmutz sogar, gehört nun einmal zur neapolitanischen Gemüthlichkeit. Man spült ihn mit gutem Wein hinunter, dem feurigen Rothen vom Posilipp und von Salerno. Da für diesen Abend kein officielles Feuerwerk angesagt ist, so wird eines improvisirt. Aller Orten läßt man kleine brennende Papierballons zum Nachthimmel emporsteigen. Der Anblick ist schön, aber das Spiel ist nicht ungefährlich. Der Wind treibt einen der Ballons in ein offenes Fenster und verursacht einen kleinen Gardinenbrand. Abgesehen von solchem, hier nicht ausrottbarem Unfug und von dem unerhörten, betäubenden Lärm, den die vergnügte Menge veranstaltet, betragen sich die Massen musterhaft. Betrunkene sieht man hier ebenso wenig wie sonst in Italien. Der Wein, so gut und so billig er ist, wird überall in bescheidenen Quantitäten genossen. Um so fleißiger ist die Zunft der Taschendiebe an der Arbeit.

Noch größeren Zulaufs erfreute sich das um wenige Tage später stattfindende Feuerwerk auf der Piazza del Plebiscito. Dieser riesige Raum ist der gegebene, vornehme Festplatz für Neapel. Seine imponirende Fläche wird begrenzt von dem gewaltigen Königspalaste, der Präfectur und der Kirche S. Francesco, die, im Innern dem römischen Pantheon nachgebildet, sich hinter einem malerischen Colonnadenvorbau erhebt. Die nach dem Platze führende Hauptstraße Neapels, der enge Toledo, war prächtig illuminirt. Mit farbigen Lämpchen besetzte Bögen überspannten in phantastischen Formen den Fahrweg. Selbst die Laternen haben ihr nüchternes Aussehen verloren. Man hat sie mit bunten Transparenten umzogen, in denen der Teufel und seine Großmutter eine große Rolle spielen. Durch den Toledo wogt die unentwirrbare Volksmenge, Droschken und Equipagen mitten im Knäuel, nach dem Platze, der, besät mit Menschen, einem immensen Theatersaale gleicht. Die Ungeduld zu zügeln, spielt dort ein Riesenorchester, aus sämmtlichen Militärkapellen Neapels zusammengesetzt, rauschende Weisen. Endlich giebt ein Kanonenschuß das Zeichen zum ersehnten Beginn. Auf den Dächern der Kirche und den angrenzenden Colonnaden haben die Pyrotechniker ihr Hauptquartier aufgeschlagen, und von dort her leuchtet es plötzlich auf. Wohl eine Stunde hindurch schießen Raketen zum Himmel empor, prasseln Feuerräder, schwirren allerlei Feuerwerkskörper durch die Luft. Und als zum Schluß auf der Kuppel der Kirche die in allen Farben strahlende Inschrift emporsteigt »Es lebe Neapel, die Sirene des Südens« – da bricht donnernder Applaus los, und oben auf der Brüstung der Kirchenkuppel erscheint, winzig anzuschauen', der Obrist-Feuerwerker und verneigt sich mit bewegter Geste vor seiner dankbaren Zuschauerschaft. Kaum ist das pyrotechnische Schauspiel beendet, als sich ein neuer dumpfer Knall vernehmen läßt. Diesmal ist es der Vesuv, der eine dunkelrothe, mächtige Feuerlohe zum Nachthimmel schickt, als wollte er ironisch sagen: Was plagt ihr euch mit eurer armseligen Feuerwerkerei, ihr Menschen? Ich verstehe die Sache doch besser, als ihr.

Neben diesen grandiosen Lustbarkeiten, an denen die ganze Stadt theilnimmt, feiert man in einzelnen Vierteln eine Art von Localfesten, meist mit Bezug auf den kirchlichen Patron des Bezirks. Die Gassen sind dann auch hier mit Lampionbögen bunt decorirt, die Leute sitzen schmausend und zechend vor ihren Thüren und ergötzen sich an einem aus Privatmitteln beschafften Feuerwerke. Kurz, diese kleinen Vergnügungen sehen den großen recht ähnlich. Originell an ihnen ist nur, daß eine Musikbande von Thür zu Thür zieht, nach eingeholter Erkundigung die Lieblingsstücke des Hausherrn spielt und zur Freude der umhertanzenden Kinder nicht eher vom Platze weicht, bis sie für ihre musischen Thaten entsprechend belohnt worden ist.

Ein sehr umfängliches Fest, das ununterbrochen vier Wochen dauert, bedeutet die Seebadesaison. Der Neapolitaner beginnt mit seinen Seebädern nie vor dem 15. Juli und beschließt sie unweigerlich mit dem 15. August. Einen Grund für diese Beschränkung weiß Niemand anzugeben. Es ist eben eine Sitte, und kein Einheimischer weicht von ihr ab. Dafür wird in diesem knappen Zeitraume mit vieler Lust und allem Raffinement gebadet, und die kurze Stagione ist für den Neapolitaner ein wirkliches Fest, das auch officiell von den vereinigten Besitzern der Bade-Etablissements als solches bezeichnet wird. Die Anstalten, lustige, elegante Holzbauten, erstrecken sich mit kurzen Abständen vom Quai S. Lucia angefangen bis nach den Ausläufern des Posilipps, den vornehmsten Theil Neapels in Länge einer halben Meile flankirend. Am bequemsten zu erreichen sind die Stabilimenti längs der Villa Nazionale, der öffentlichen Promenade Neapels. Sie haben nur einen sehr großen Fehler für diejenigen, welche beim Baden die – Sauberkeit lieben. Unterhalb der Villa Nazionale münden nämlich die Kloaken der Stadt und entladen dort ihren unappetitlichen Inhalt, das Meer auf Meter hinaus verschlammend und verseuchend. Man sollte meinen, daß kein vernünftiger Mensch eine Badeanstalt aufsuchen wird, die in solch' zweifelhafter Fluth errichtet ist. Der Neapolitaner aber wird, wie schon oben bemerkt, niemals in seinen Vergnügungen durch eine Portion Schmutz gestört, und er tummelt sich in den trüben Wellen mit unvermindertem Behagen. Wenn schon die Neapolitaner, die ihr Bad bezahlen, wenig skrupulös sind, so sind es natürlich erst recht die Unzähligen, die gratis dem Meere einen Besuch abstatten. Es wimmelt tagsüber von Knaben und Jünglingen, welche die Kampen und Vorsprünge zwischen den Anstalten zum Aus- und Ankleiden benutzen und die Schwimmhose als ein höchst entbehrliches Kleidungsstück betrachten. Die Neapolitanischen Gassenjungen sind nicht nur eine auffallend hübsche, sondern auch überaus komische und stets urvergnügte Rasse. Dazu sind sie alle kleine Schwimmkünstler, und so entwickeln sich die drolligsten Scenen im Wasser, die am Lande regelmäßig sehr zahlreiche und sehr dankbare Zuschauer versammeln, unter denen nicht selten die Maler und ihre moderne Concurrenz, die Amateurphotographen, zu finden sind, um einige Genrescenen per Stift oder Apparat zu fixiren.

Natürlich ist dieses ungenirte Treiben behördlich verboten, nicht weil man überhaupt prüde ist – denn die neapolitanische Bevölkerung läßt ihre Kinder auch auf der Straße unbekleidet herumlaufen, ohne daß die Polizei intervenirt – sondern weil es sich in dem vornehmsten Theile der Stadt entwickelt, in dem die großen Hôtels und die Fremdenpensionen sich befinden. Verbote sind aber in Neapel noch weniger dazu da, befolgt zu werden, als anderswo in Italien. Das Municipium hat erst kürzlich wieder eine Bekanntmachung erlassen, in der allen außerhalb der Anstalten Badenden mit Confiscation der Kleider und anderen fürchterlichen Strafen gedroht wurde. Gefruchtet hat sie aber Nichts, wenigstens nicht für die Tagesstunden. Die Polizei hat nämlich auf eigene Faust einen Compromiß mit dem Badebedürfniß und der Toilettenfeindseligkeit der Herren Jungens geschlossen. So lange die Sonne ihre Strahlen auf die lustige Gesellschaft niedersendet, läßt sich kein Polizist an Ort und Stelle blicken. Erst gegen sechs Uhr, kurz vor Beginn des glänzenden Wagencorsos, der sich allabendlich auf der Fahrstraße zwischen dem Meer und der Villa Nazionale abspielt, debouchirt aus den Baumgängen der Villa eine Abtheilung Polizei gegen das Meer, um die Missethäter zu verjagen. Aber auch dieser Angriff geschieht mit einer Gemüthlichkeit, welche einen deutschen Schutzmann höchlichst verblüffen würde. Die scherzhaften Versuche der Polizisten, die am Ufer lagernden Kleiderbündel mitzunehmen, werden mit fröhlichem Lachen oder energischen Wasserspritzern beantwortet. Ein sehr beliebter Witz der lieben Jugend besteht darin, sich in die finsteren Kloaken-Mündungen zurückzuziehen, wohin kein Schutzmann seine Nase – zum Glück für die Nase – stecken kann, und dann, nachdem die heilige Hermandad sich entfernt hat, mit Jubelgeheul wieder zum Vorschein zu kommen. So hat der Corso oben auf der Via Caracciolo oft schon längst begonnen, ehe es den sanften »Hütern des Gesetzes« gelungen ist, alle Badenden aus dem Gesichtskreis der vornehmen Equipagen-Insassen zu vertreiben.

Draußen am Posilipp geht es ruhiger zu und vornehmer. Dort baden neben denjenigen Neapolitanern, die sich in sauberem Wasser zu erfrischen vorziehen, die zahlreichen Angehörigen der Fremdencolonie. Hier ist nicht nur das Meer von durchsichtigster Klarheit, man genießt auch den Blick auf eine Umgebung, deren sich kein zweites Seebad rühmen kann. Zur Rechten hat man das zerfallene Schloß der »Donna Anna« (es war dies eine spanische Vicekönigin, nicht etwa die Comthurstochter aus dem »Don Juan«), hinter sich die imposant ansteigende, reich belebte Fahrstraße und die wilden Felsklüfte des Posilipp. Vor sich erblickt der Schwimmende das weite Meer, aus dem in bläulich-rothen Umrissen Capri emportaucht, zur Linken aber das unvergleichlichste Panorama: die amphitheatralisch hingelagerte gewaltige Stadt mit ihren zahllosen, übereinander gethürmten Häusern, daneben die lichtfarbig schimmernden Ortschaften von Portici, Resina und Torre del Greco, im dritten Plane die Berge der Sorrentinischen Halbinsel und als beherrschenden Mittelpunkt des Ganzen den majestätischen Vesuv.

In diesen Bädern am Posilipp hört man mehr deutsch reden, als italienisch, und nicht nur von Deutschen allein. Die deutsche Sprache ist jetzt modern hier zu Lande, und es gilt als unzweifelhaft chic, sie zu sprechen. Täglich erscheinen in den nachmittäglichen Badestunden die jugendlichen Zöglinge der am Posilipp zahlreich vertretenen, vornehmen Mädchen-Pensionate, selbstverständlich gehütet und geleitet von ihren respectiven Lehrerinnen. Die obligatorische Unterhaltungssprache im Wasser ist deutsch. »Maria«, rief neulich solch eine kleine Wassernixe ihrer Freundin zu, »ich abe serr gut geschwimmt auf das Rücken, und abe geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt.« Leider hatte die begleitende Gouvernante nicht blos große Füße, sondern auch lange Ohren, denn sie antwortete statt der Angeredeten: »Sie machen so grobe Fehler, Signorina Luigia, daß Sie heute Abend keinen Kaffee zum Pranzo haben werden!« Mir that die arme Gemaßregelte herzlich leid trotz ihres geringen Respects vor der deutschen Grammatik, denn erstens hatte die kleine Luigia wunderschöne, nachtschwarze Augen, und dann ist man versöhnlicher Stimmung, wenn man hat »serr gut geschwimmt auf das Rücken und geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt«.