Wie man in Neapel fährt.

Neapolitanische Fiaker und Tramways. – Der Esel als »Rennthier«. – Corso am Kai Caracciolo. – Der Prinz von Neapel.

In einer früheren Skizze habe ich den Typus des römischen Droschkenkutschers zu schildern versucht. Sollte dabei irgend etwas Despectirliches gegen die Rosselenker des ewigen Roms gesagt worden sein, so bitte ich sie inständigst um Verzeihung. Ich kannte damals den neapolitanischen »Edlen vom Bock« noch nicht. Er fordert nicht, wie sein römischer College, den Fußgänger auf, in seinem Wagen Platz zu nehmen, er will ihn dazu zwingen. Das erste Stadium ist, daß er dem Gehenden zuruft: »He, Sie, hier steht eine Carrozzelle. Steigen Sie ein!« das zweite, daß er straßenlang so dicht neben dem fürbaß Schreitenden einherfährt, daß er ihn fast an die Mauer drückt (Trottoirs sind selten in Neapel), das dritte, daß er seine Peitsche dem Hartnäckigen um die Ohren sausen läßt, daß Jenem Hören und Sehen vergeht. Es fehlt nur noch, daß die Herren Rosselenker Alle, die nicht fahren wollen, einfach durchprügeln. Selbst hanebüchene Grobheit hilft nicht immer gegen solche Zudringlichkeit, und man sieht nicht selten die geplagten Fremden zu Handgreiflichkeiten ihre Zuflucht nehmen. So wurde neulich ein deutscher Herr, der aus seinem Hotel trat, durch die Dreistigkeit eines Kutschers derart aufgebracht, daß er ihm seinen Cigarrenstummel in's Gesicht warf. Der Effect war ein überraschender. Schmunzelnd fing der Numerirte den Stummel auf, steckte ihn in den Mund und verabschiedete sich mit den deutschen Worten: »Danke schön, auf Wiedersehen!«

Natürlich wird der »Forestiere« weit mehr behelligt, als der Einheimische. Von Letzterem nimmt der Kutscher ohne Weiteres an, daß er, falls er überhaupt das nöthige Kleingeld besitzt, die Dienste der Droschke beanspruchen wird. Denn ein Neapolitaner, der zu seinem Vergnügen spazieren ginge, wäre eine unerhörte Erscheinung. Diese Abneigung gegen die Benutzung von »Schusters Rappen« ist in ganz Italien heimisch, und zu den Argumenten für die Ansicht des Italieners, daß alle Fremden mehr oder minder verrückt seien, gehört in erster Linie die Gewohnheit der Deutschen und Engländer, hie und da eine Fußtour zu machen.

Der neapolitanische Droschkentarif ist ungemein niedrig. Er beträgt für die oft sehr ausgedehnte und bergige Strecke innerhalb des Weichbildes 70 Centesimi (ungefähr 55 Pfennige). Aber innegehalten wird dieser Satz so gut wie niemals. Besteigt man die Droschke, ohne vorher mit dem Kutscher über den Preis zu unterhandeln, so ist sofort die Diagnose auf »Fremd« gestellt und regelmäßig wird dann ein Zuschlag oder ein Trinkgeld so laut und heftig gefordert, daß Viele, ums dem Scandal ein Ende zu machen, das Verlangen erfüllen. Ganz anders, wenn man die einschlägigen Gewohnheiten kennt und der italienischen Sprache mächtig ist. Man fährt dann stets unter dem Tarif. Man ruft dem Kutscher zu: »Halbe Taxe« und fast immer wird auf das Angebot eingegangen. So widerlich das Handeln mit einem Kutscher um eine solche Lappalie ist, so ist es doch kaum zu umgehen. Man wird durch das eben geschilderte Gebahren der Leute einfach dazu gezwungen.

Man fährt also nirgends so billig, nirgends aber so unangenehm, wie in Neapel. Das liegt an der Droschke selbst, am Pflaster, an der Eigenart des Verkehrs. Die neapolitanische Carrozzelle ist ungewöhnlich hoch und eng gebaut. Selbst Leute von Mittelwuchs wissen ihre Beine kaum anders unterzubringen, als sie in Höhe des Kutschbockes an den Vorderbord aufzustemmen. Da der Fahrgast ungefähr auf gleichem Niveau mit dem Lenker und dicht hinter ihm sitzt, dieser aber, wie ein Besessener, unaufhörlich mit der Peitsche knallt, so schwebt man in fortwährender Gefahr, empfindlich getroffen zu werden. Das Straßenpflaster wird von den Reisebüchern als eines der besten der Erde gepriesen. Es sieht mit seinen breiten und glatten Lavaplatten in der That recht stattlich aus und mag vortrefflich gewesen sein, als es noch neu war. Heute aber haben sich längst riesige Löcher gebildet, an deren Reparatur Niemand denkt. Da der Kutscher drauf los fährt, ohne eine Umgehung der gefährlichen Stellen zu versuchen, so setzt es alle Augenblicke Stöße, die den Wagen umzuwerfen drohen. Endlich bedingt die Eigenart der bergigen Anlage Neapels, das nur wenig bequem fahrbare Straßen besitzt, eine Ueberfüllung dieser Verkehrswege.

So ist der Kutscher, der, so wie er freie Bahn vor sich sieht, eine tolle Pace vorlegt, häufig genöthigt, langsamen Schritt zu fahren. Auch der öftere Wechsel zwischen diesen beiden Extremen ist keineswegs erfreulich für den Insassen der Droschke.

Höchst merkwürdig ist die Adjustirung der Droschkengäule, die sich zumeist aus der kleinen, zähen Rasse der Apenninenpferde rekrutiren und im Klettern auf den glatten Hügelstraßen Neapels eine bewundernswerthe Ausdauer und Sicherheit entwickeln. Das Geschirr ist derart mit Kupfer- und Messingplatten überladen, daß das Lederzeug völlig dadurch verdeckt wird. Außerdem trägt das Pferd eine Art Sattel mit einem riesigen Messingaufsatz, der equestrische Scenen darstellt. Die Scheuklappen sind mit bunten Rosetten und Fähnchen verziert, und zwischen den Ohren der Rosinanten ragt ein roth eingebundenes Federbüschel in die Höhe, wie es die kupferfarbigen Helden der Lederstrumpf-Erzählungen zu tragen pflegen, wenn sie skalplüstern den Kriegspfad beschreiten. Man sollte meinen, daß der Kutscher sein Pferd, das er so sorgfältig schmückt, sehr lieb hat. Weit gefehlt: der Neapolitaner ist der rücksichtsloseste Thierquäler, den man sich vorstellen kann. Alle diese Metall- und Bandzierrathen sollen lediglich den Schutz bilden gegen das »mal'occhio«, den bösen Blick, vor dem der Neapolitaner, selbst der gebildete, in beständiger Furcht lebt und dem er alles ihm zustoßende Unheil auf das Conto schreibt.

Eine weitere Specialität ist das eigentliche Zaumzeug der Droschkenpferde. Sie tragen nämlich kein Gebiß – Trense oder Kandare – sondern das Maul bleibt völlig frei. Die Leitzügel münden in große Messingösen, die horizontal zu beiden Seiten der Backenstücke in Höhe des Nasenriemens abstehen. Es ist wunderbar genug, daß der Kutscher trotz dieser primitiven Lenkvorrichtung sein Roß fest in der Hand hält und es sicher durch das Gewimmel des Straßentreibens zu leiten im Stande ist.

Ist es kein Vergnügen, sich einer hiesigen Droschke anzuvertrauen, so ist die neapolitanische Pferdebahn ebenfalls kein ideales Beförderungs-Institut. Sie versieht ihren Betrieb nicht nur mit Pferden, sondern mehr noch mit Mauleseln. Diese zähe Mischrasse dient zumeist als Vorspann, und es gewährt einen seltsamen Anblick, wenn an den Stellen, wo die Trace schlimme Steigungen zu überwinden hat, wie bei dem Anstiege vom Quai S. Lucia zur Piazza del plebiscito die Viererbespannung zur Hälfte aus Pferden, zur Hälfte aus Mauleseln besteht. Die Wagen des Tramway führen hier zwei Klassen. Der Tarif richtet sich nach »Sectionen« (eingetheilte Wegstrecken) und die zweite Klasse ist durchschnittlich um 1–2 Soldi billiger, als die erste. Letztere bietet gepolsterte Sitze, die erstere bloße Holzbänke. Vorzuziehen wäre die ungepolsterte Sitzgelegenheit, da die in Neapel so zahlreichen, blutgierigen Hüpfer – vulgo Flöhe genannt – ein ungestörtes Dasein in den Kissen führen und mit Vorliebe dem Passagier einen kleinen Besuch abstatten, wenn nicht andererseits das Publikum zweiter Klasse so reich mit diesen Parasiten versehen wäre, daß es ebenfalls gern von seinem Ueberfluß an Bedürftige abgiebt. Nicht minder lästig sind die zahlreichen Bettler, die sich überall, wo die Pferdebahn Schritt zu fahren durch die Terrain-Verhältnisse gezwungen ist, aufhalten und die Wagen so lange mit Winseln und Heulen begleiten, bis der Kutscher seine Gäule wieder in Trab setzen kann. Die fliegenden Händler finden sich selbstverständlich auch auf den Trittbrettern der Pferdebahnwagen ein und verstärken durch ihr mißtönendes Gekreisch den ungeheueren Wirrwarr.

Die naive Unhöflichkeit des Neapolitaners zeigt sich am deutlichsten auf der Trambahn. Die Bänke der Sommerwagen sind auf vier Personen berechnet. Niemals aber werden drei Leute, die es sich bequem gemacht haben, dem aufsteigenden Vierten aus freien Stücken Platz machen. Das einzige Mittel ist, sich energisch auf die Kniee eines der Fahrenden fallen zu lassen und so sein Wegrücken zu erzwingen. Das Unleidlichste aber ist die Einrichtung, daß nicht nur an den Haltestellen, sondern überall auf Verlangen gehalten wird. Der Neapolitaner steigt principiell nur vor seinem Hause auf, resp. läßt sich bis dorthin fahren. Ob eine Haltestelle zwei Schritte entfernt ist, ob eben eines Anderen wegen gehalten worden ist, das ist ihm sehr gleichgiltig. Niemals nimmt er die Gelegenheit wahr, dem Wagen einen Stillstand zu ersparen, sondern giebt, kaum daß dieser sich wieder mühsam in Bewegung gesetzt hat, das Zeichen zu erneutem Aufenthalt. So braucht man zu einer Strecke, die unter normalen Verhältnissen in fünf Minuten zu bewältigen wäre, oft das Drei- und Vierfache. Dabei macht die Pferdebahn glänzende Geschäfte. Trotz ihres hohen Tarifes, trotz der Concurrenz der Droschkenkutscher, die oft zu Pferdebahnpreisen fahren, sind die Tramwagen überfüllt vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.

Das Zug- und Lastthier des kleinen Mannes von Neapel ist der Esel. Dieses bei uns als störrisch und widerwillig bekannte Vieh ist hier das fleißigste und anspruchsloseste Geschöpf unter der Sonne, es leistet Alles, was man von ihm verlangt, und man verlangt nicht wenig von ihm. Oft verschwindet sein Körper unter der ihm aufgebürdeten Riesenlast, aber er schleppt sie tapfer zum Ziele. An dem Tragsattel befinden sich weit hinausragende breite Querbalken, auf denen sich allerlei Körbe mit Waaren schaukeln. So gleicht das arme Eselein, von dem man nur die melancholisch wackelnden Ohren hervorschauen sieht, einem wandelnden Laden. Ist es vor einen zweirädrigen Karren gespannt, so liegen auf diesem außer der eigentlichen Last meist noch ein viertel Dutzend mangelhaft bekleideter Leute spazieren, eines süßen Schlafes im Sonnenbrande pflegend. Auch als Reitthier dient der brave Asinus. Er bekommt dann einen Strick in's Maul, ein brauner Bengel, mit einem Hemde, oder auch mit »gar Nichts« angethan, schwingt sich auf Esels Rücken, und fort geht's im Galopp. Findet sich ein zweites Paar hinzu, so wird ein kleines Wettrennen veranstaltet. Bei einer solchen Gelegenheit habe ich sogar das Phänomen eines durchgehenden Esels beobachten können. Er fühlte sich seinem Reiter, einem höchstens fünfjährigen Bürschchen, überlegen, »nahm ihm die Hand,« brach auf der »geraden Bahn« aus und setzte »über die Barrière« mitten in die Körbe und in die Conversation einiger Gemüse- und Fischweiber hinein. Ueber diese schweren Hindernisse kam er mit großer Eleganz, bis er endlich seinen Jockey mit einer regelrechten Lançade in einen Fischtrog placirte und dann geduldig wartete, bis der kleine Held wieder aus dem unfreiwilligen Bade emporgestrampelt war und die Prügel der erzürnten Damen der Halle geerntet hatte. Abgesehen von solchen Ausnahmefällen ist jedoch das wackere Grauthier geduldig und beklagt sich über sein schweres Loos nur durch ein langgezogenes Gestöhne, das mit dem »I–ah« seiner deutschen Eselsvettern nicht die mindeste Aehnlichkeit hat und darum alle mit der italienischen Eselssprache noch nicht Vertrauten weidlich erschreckt, weil sie glauben, es sei ein Schwerverwundeter in der Nähe, der um Hülfe schreit.

Zu Luxuszwecken dient der Esel nur, wenn humoristische Zwecke beabsichtigt werden. So erscheinen auf dem Corso, den die elegante Welt Neapels allabendlich auf dem herrlichen Quai Caracciolo längs der Via Nazionale abhält, niedliche Miniaturgefährte, angefüllt mit reizenden Kindergestalten und gezogen von winzigen Eseln. Im Uebrigen geht es sehr vornehm zu bei diesem Corso, der, was die landschaftliche Umgebung betrifft, nicht seines Gleichen auf dieser Erde hat. Wollte man von der Zahl und Ausstattung der Equipagen Schlüsse auf die Wohlhabenheit ihrer Besitzer ziehen, so wäre Neapel die Stadt der Millionäre. Nichts aber wäre falscher, als eine derartige Meinung. Mancher dieser Equipagenbesitzer begnügt sich mit einer Wohnung und einer Nahrung, die bei uns der Kleinbürger verschmähen würde. Um so besser werden Pferde, Dienerschaft und Wagen gehalten, damit man Abends beim Corso gute Figur mache. Man sieht denn auch wirklich correcte und vornehme Gespanne in Menge, die den Vergleich mit den besten Mustern aus dem Bois de Boulogne oder dem Hyde-Park aushalten können. Herren wie Damen führen häufig in Person die Zügel, und die Aufgabe, ein feuriges Gespann durch das Gewimmel und den Lärm des Corsos zu bringen, ist wahrlich keine leichte.

Auch der in Neapel residirende Kronprinz von Italien, der Abend für Abend an den Gesellschaftsfahrten Theil nimmt, lenkt seine Rosse selbst. Er ist ein kleiner, schmächtiger junger Mann mit ernsten Gesichtszügen und aufgewirbeltem, röthlichem Schnurrbart. Er trägt stets Uniform, und die Neapolitaner, die keine besonderen Militärfreunde sind, wollen daraus einen bewußten Gegensatz zu seinem Vater construiren, der sich mit Vorliebe in Civil kleidet. Natürlich ist das heller Unsinn. Der Kronprinz ist activer General und übt die Functionen eines solchen mit voller Pflichttreue aus. Da es den italienischen Offizieren so streng, wie den deutschen, verboten ist, außerhalb des Dienstes die Uniform zu verlassen, so geht der Kronprinz seinen Untergebenen einfach mit gutem Beispiel voran. Für solche militärische Erwägungen sind aber die Neapolitaner nicht zu haben, und sie beginnen immer von Neuem ihre sehr ungerechtfertigten Raisonnements über die »Uniformschwärmerei« ihres künftigen Königs. Wenn sie gegen die prinzlichen Equipagen Einwendungen erhöben, so wäre das eher zu begreifen. Unter den luxuriösen Gespannen, die den Prinzen rings umgeben, fällt die geringe Eleganz seiner Wagen und Pferde doppelt auf. Nun ist er ja junger Ehemann. Vielleicht wird Prinzessin Helene dafür sorgen, daß ihre Equipagen nicht hinter denen ihrer Unterthanen an Vornehmheit zurückstehen.