4. Der Sohn, der dem Vater Trotz bietet.

Dies ist die ursprüngliche Auffassung vom Teufel als Erzrebellen; sein Ungehorsam und seine Empörung gegen Gott-Vater ist geradezu das Paradigma der Revolution. Nach Origenes[419] waren Hoffahrt und Auflehnung der Grund des Himmelssturzes, während nach Irenäus, Tertullian und anderen[420] das Hauptmotiv sein Neid gegen Gott war. Die zweitgenannte Idee scheint die ältere zu sein. Roskoff[421] sagt: »Das Motiv zur Feindschaft des Bösen gegen die Gottheit, der Ursprung des Bösen in der Welt ist sowohl nach der hebräischen Vorstellung vom nachexilischen Satan als auch in den Mythen anderer Völker, namentlich der Parsen, auf den Neid zurückgeführt, der in der Ich- und Selbstsucht wurzelt.« Stolz war nach der »Sklavenmoral« des Christentums, wie sie von Nietzsche genannt wird, stets eine Todsünde.

Die Auflehnung des Knaben gegen seinen Vater ist bekanntlich nicht nur eine Folge der feindseligen Einstellung, sondern gewöhnlich von Neid begleitet, was mit anderen Worten Bewunderung und den Wunsch nach Nachahmung bedeutet. Durch seine Rebellion befreit er sich auch regelmäßig nicht von dem Einflusse seines Vaters. Ob er ihn geradezu kopiert oder in das entgegengesetzte Extrem gerät und ihm so ungleich als nur möglich zu sein sucht, ist von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet völlig irrelevant; beide Reaktionen gehen in gleicher Weise auf den Nachahmungswunsch zurück. Diese Mischung läßt sich genau auf den Teufel anwenden. Er bemüht sich, entweder Gott in allem nachzuahmen, oder tut, wie wir sehen werden, alles genau in der entgegengesetzten Weise. Von dieser Gewohnheit, Gott zu karikieren, stammt sein Titel »Der Affe Gottes«. Sein Benehmen wird also in letzter Linie durch das Verhalten Gottes bestimmt, ein weiterer Beweis für die ursprüngliche Identität beider, während die genaue Übereinstimmung mit den Bestrebungen der Menschensöhne die hier vorgebrachte These unterstützt.

Das Band, das ihn gegen seinen Willen an Gott knüpft, zeigt sich auch in seiner Eifersucht auf jeden, dem Gott besondere Gunst schenkt, was ja gleichfalls ein typischer Zug des Kindes ist. In der Legende von St. Coleta heißt es[422], der alte Feind habe die Eigentümlichkeit, je mehr er sehe, daß sich jemand Gott nähere, desto mehr suche er ihn zu verfolgen, zu beunruhigen und abzuhalten, größere Übel über ihn zu verhängen und sie zu vermehren. Hiezu tritt noch als weiteres Motiv sein Haß, der von Gott auf jene übergeht, die mit ihm in näherer Verbindung stehen.

Dasselbe Motiv der Eifersucht ist wahrscheinlich auch die Erklärung für das Verhalten des Teufels gegen Christus, obgleich dieses natürlich zum Teil durch die Identifikation von Christus und Gott-Vater bestimmt wird. Christus wurde dadurch, daß Gott ihn aussandte, um das Menschengeschlecht zu erlösen, im Kampfe um die Herrschaft über die Menschheit zur Hauptperson; aus diesem Kampfe entstand die Erlösungslehre[423], was Graf[424] mit den ironischen Worten hervorhebt: »Seltsam genug! Unter den Menschen war niemals die Rede soviel von Satanas, niemals wurde er so sehr gefürchtet wie nach dem Siege Christi, nach dem Vollzug der Erlösung.« Der Teufel, auch darin Gott nachahmend, machte verzweifelte Anstrengungen, sich den Sieg durch Erzeugung eines Sohnes zu sichern, der im Stande sein sollte, Christus zu überwältigen. Merlin und Robert der Teufel stellen zwei derartige Versuche[425] dar, aber der eine wurde durch die Reue seiner Mutter zu Gott hinüber gerettet und der andere durch seine eigene Reue; Nero, Mohammed und Luther, nicht minder auch mehrere Päpste galten ebenfalls als Söhne des Teufels, die er zu diesem Zweck gezeugt haben soll. Im Mittelalter war die Furcht vor dem angedrohten Antichrist aufs höchste gestiegen und die Spannung der ängstlichen Erwartung seiner Geburt wurde durch umlaufende Gerüchte und Prophezeiungen zum unbeschreiblichen Schrecken gesteigert.[426]

Mit der hier behandelten Auffassung des Teufels als Darstellung des sich auflehnenden Sohnes stimmt schließlich sein leidenschaftlicher Haß gegen die Ungerechtigkeit und seine Neigung, die unschuldig Verfolgten zu verteidigen, insbesondere die Armen und Schwachen gegen ihre Unterdrücker.[427]

Nun können wir uns dem dritten Problem zuwenden, nämlich dem Verhältnis des Teufelsglaubens zum Angsttraum. Die in den vorhergehenden Kapiteln vorgebrachten Erwägungen werden uns zu der Entdeckung führen, daß an der Entstehung einer solchen Angstvorstellung par excellence, wie es der Teufelsglaube ist, die intensivste Angsterfahrung, die die Menschen kennen gelernt haben, also der Alpdruck, einen beträchtlichen Anteil haben mußte. Dieser Schluß wurde von manchen früheren Autoren gezogen. Die Anschauungen Clodds und Höflers z. B. wurden bereits erwähnt. Es stimmt gut damit überein, daß der Teufel ganz besonders als Nacht-Dämon gilt; er erscheint meist bei Nacht und bei Nacht erreichte seine Macht ihren Zenit.[428]

Es wäre ganz verständlich, wenn dieser Glaube nur im manifesten Inhalt der Nachtmahr mit seinen schreckenerregenden Visionen wurzeln würde, und dies ist auch offenbar die Anschauung der früheren Autoren, aber eine sorgfältige Vergleichung mit ihrem latenten Inhalt zeigt eine so außerordentliche Ähnlichkeit der beiden, daß dadurch endgültig ihre innere Verwandtschaft erwiesen wird.

Es wurde oben ausgeführt, daß das wesentliche Merkmal des latenten Inhalts der Nachtmahr seine sexuelle und vorherrschend inzestuöse Natur ist. Über die sexuelle Betätigung des Teufels muß nicht mehr viel gesagt werden, sie wird hinreichend illustriert durch das Sprichwort: »Wenn eine Frau allein schläft, beschläft sie der Teufel.« Es ist besonders bemerkenswert, daß die Vorläufer des mittelalterlichen Teufels in aller Form Inkubi waren. Pan, von dem der Teufel so viele Attribute übernahm, war das Äquivalent für Ephialtes[429], den Geist, der uns den wissenschaftlichen Namen für die Nachtmahr lieferte; auch die griechischen Faune waren als Inkubi tätig.[430] Weiter zurückgehend finden wir, daß die Sturm-Dämonen Babyloniens und Indiens, die alu[431] resp. die maruts[432], die Vorläufer des Ares und Ephialtes, »die Zermalmer« genannt wurden, von ihrer Gewohnheit, während des Schlafs sich auf die Brust der Menschen zu legen, und der germanische Riese Grendel benahm sich ebenso.[433]

Die oben angeführten Tatsachen zeigen, daß der Teufelsglaube mit dem Ahnenkult in enger Beziehung steht; vor mehr als dreihundert Jahren meinte Burton[434], daß die Teufel die Seelen der Gestorbenen, d. h. der Ahnen seien. Wenn die hier aufgestellte These richtig ist, nämlich, daß der Teufel die Projektion verdrängter Wünsche, die sich auf den Vater beziehen, verkörpert, so folgt daraus, daß der Verkehr mit ihm den Inzest mit dem Vater symbolisiert. Die Tatsache, daß die Schlange, das phallische Symbol des Vaters, eine ebenso hervorragende Rolle bei der Teufelsidee wie bei der Nachtmahr-Mythologie spielt, kennzeichnet den Ursprung beider aus dem Inzest.

In den verschiedenen Geschichten vom Teufel finden wir Details, die deutlich auf die Entstehung aus psychischen Vorgängen, die für den Traum charakteristisch sind, hinweisen, und von denen zwei hier kurz erwähnt werden sollen. Eines der allertypischesten ist das Vorkommen von Verwandlungen. Wir haben eben die Fähigkeit des Teufels, jede menschliche Form, die er wünschte, anzunehmen,[435] erwähnt und hervorgehoben, daß er am häufigsten als Schlange oder Ziegenbock erschien. Aber es gab keine Tierart, deren Form er nicht manchmal annahm[436], und er besaß sogar die Macht, Menschen in Tiere zu verwandeln.[437] Ein anderes Beispiel ist der psychologische Prozeß, den wir als »Umkehrung« kennen, wobei die Dinge von hinten nach vorn gestellt oder getan werden; dieser Vorgang ist, wie Freud[438] gezeigt hat, außerordentlich charakteristisch für die Traumarbeit. Die meisten Schriften über den Teufel haben eben dies als seine Eigentümlichkeit betont, insbesondere in Hinsicht auf den Sabbat. So tanzen die Anwesenden in einem Kreise nach rückwärts[439], die Gesichter vom Mittelpunkt weggekehrt[440], sie tauchen ihre linke Hand in das heilige Wasser[441] (Teufels-Urin)[442], machen das Zeichen des Kreuzes in der verkehrten Richtung[441], genießen bei der Messe schwarzes Brot[443] und bei dieser werden schwarze Kerzen benutzt[444] u. s. w. Der Teufel selbst hatte ein zweites Gesicht am Hinterteil, das oft dem eines schönen Weibes[445] glich (eine doppelte Umkehrung), er saß verkehrt auf seinem Sitz[446], sein Penis war oft am Rücken[447] statt vorn, von seinem Körper ging ein höllischer Gestank aus, der mit dem himmlischen Wohlgeruch des Erlösers[448] kontrastierte u. s. w.

Auf die Entstehung aus dem Traum kann auch die Tatsache zurückgeführt werden, daß der Koitus mit dem Teufel in der Regel äußerst schmerzhaft und unangenehm[449] war, denn dies ist in Angstträumen, in denen ein Koitus vorkommt, auch sehr häufig der Fall.

Einiges kann noch über den Zusammenhang zwischen dem Teufelsglauben und den im vorhergehenden Kapitel erörterten hinzugefügt werden. Der erste derselben, der Glaube an den Inkubus war ein wesentliches Stück des Teufelsglaubens, denn nach orthodoxer Anschauung waren die Inkubi einfach Teufel; selbst mit dem unmittelbaren Äquivalent des Inkubus, dem Alp, steht der Teufel in enger Verbindung[450], die jedoch hier nicht verfolgt werden kann, da das Thema ein rein mythologisches ist.

Die Verwandtschaft zwischen dem Teufelsglauben und dem Glauben an Vampire und Werwölfe ist mehr in ihrem gemeinsamen latenten Inhalt als in äußerlichen Ähnlichkeiten gelegen, aber auch in letzterer Hinsicht ist manches dahin Zielende auffindbar. Der Teufel wurde von den Kirchenvätern gemeiniglich »seelenraubender Wolf« genannt[451] und in Knuts Gesetzen wird er direkt als »vôdfreca verewulf[452]« bezeichnet. Im Mittelalter hieß der Teufel Erzwolf, Archilupus und er erschien häufig in Wolfsgestalt.[453] Grimm[454] führt die slavischen Namen für den Teufel (Polnisch wrog, Serbisch vrag u. s. w.) auf das althochdeutsche warg (= Wolf) zurück und der slavische böse Feind Czernobog erschien gewöhnlich als Wolf.[455] Des mittelalterlichen Teufels Abstammung vom Wolfe scheint jedoch in erster Linie germanisch gewesen zu sein, insbesondere von den beiden Wölfen Wotans. Wünsche[456] schreibt: »Neben Loki wird aber auch dem Fenrirwolf nach mehreren mißglückten Versuchen mit einem von den Zwergen verfertigten unzerreißbaren Bande von den Göttern eine Fessel angelegt. In der Redensart: »Der Teufel ist los«, haben wir sicher noch eine Erinnerung an Fenrirs wiederholtes Sichfreimachen von den starken Banden und Stricken, die ihm von den Göttern um den Hals geschlungen wurden«. Der Teufel wurde auch der Höllenwolf genannt und Grimm[457] bemerkt: »Der Teufel hat seinen ungeheuren Rachen mit Wolf und Hölle gemein«. Ungewöhnlich starke oder wilde Wölfe wurden entweder für verkappte Teufel oder für Werwölfe gehalten[458] und auch die letzteren gelten als vom Teufel erschaffen.[459] Historisch interessant ist der Fall der Angela de Sabarethe, die als das erste Weib genannt wird, das — in Toulouse, im Jahre 1275 — wegen sexueller Beziehungen zum Teufel verbrannt wurde; als Resultat dieser Verbindung gebar sie ein Monstrum mit dem Kopf eines Wolfes und einem Schlangenschweif.[460]

Von den zwei Kardinalpunkten des Vampirglaubens, nämlich, daß der Vampir ein revenant sei und daß er den Schlafenden Blut auszusaugen pflege, ist der erste im Teufelsglauben viel stärker ausgeprägt, wie oben besprochen wurde. Die einzige Erwähnung des zweiten Punktes, die ich finden konnte, betrifft den altdeutschen Teufel Grendel. Grimm[461] schreibt von ihm: »Er trinkt das Blut aus den Adern und gleicht Vampiren, deren Lippen von frischem Blut benetzt sind. In einer altnordischen saga findet sich ein ähnlicher Dämon, Grûnzaegir genannt ..., er trinkt das Blut aus Menschen und Tieren«.

Wir können dieses Kapitel mit einigen allgemeinen Bemerkungen über den Teufelsglauben beschließen. Wir haben gesehen, daß die infantilen Konflikte, die durch das Verhältnis zu den Eltern bedingt waren, ihren frühesten Ausdruck dadurch fanden, daß das Universum mit übernatürlichen Wesen bevölkert wurde, die manchmal freundlich, oft gehässig waren, stets jedoch versöhnt werden mußten. Bei der Entwicklung dieses Glaubens haben Traumerfahrungen wahrscheinlich eine große Rolle gespielt. Hauptsächlich infolge der Betonung des Stammes- oder Nationalstolzes verschmolzen einige Völker, vor allem die Juden, nach und nach diese Gestalten und entwickelten so eine Art Monotheismus. Dies führte jedoch zu der Notwendigkeit, die guten und bösen Eigenschaften der höheren Mächte auf zwei verschiedene Persönlichkeiten zu verteilen, so daß das, was dem Guten nahestand, der einen, und das, was dem Bösen zugehörte, der anderen zugeschrieben wurde. Das übertriebene Gefühl der Sündhaftigkeit, das für das Christentum charakteristisch ist, und der schärfere Kontrast zwischen Gut und Böse, der dadurch erzielt wurde, brachten zwar eine erhabenere Auffassung Gottes hervor, aber auch bei der Erzeugung des Teufels ein Entsetzen, neben dem alle früheren Erfindungen verblassen. In den letzten hundertundfünfzig Jahren und insbesondere während des letzten halben Jahrhunderts hat die Intensität des Teufelsglaubens stark abgenommen, der Gottesglaube erwies sich als der wurzelfestere der beiden; die psychologische Erklärung dieses Faktums ist ein interessantes Problem, dessen Erörterung uns jedoch zu weit von dem gegenwärtigen Thema abführen würde. Dies geschah nicht ohne heftigen Theologenzwist, da es offensichtlich die Schwierigkeit, über die Existenz des Bösen in der Welt Rechenschaft zu geben, vergrößerte. Dennoch war es notwendig geworden, teilweise wohl wegen der höheren Auffassung der Allmacht Gottes und seiner schließlichen Verantwortlichkeit für das ganze Weltall, denn diese Erwägungen machten den Teufelsglauben in seinem inneren Wesen überflüssig. Das Problem des Bösen, das den Theologen stets im Wege gewesen ist, da es sich von theologischen Voraussetzungen aus nicht auflösen ließ, wurde als Ganzes umgangen, indem man zu dem im 5. Jahrhundert entwickelten Glauben Zuflucht nahm, daß die Übel der Welt als Strafe oder als unbegreifliches Besserungsmittel zum heilsamen Fortschreiten in der Erkenntnis, zur Übung in der Geduld im Hinblick auf eine bessere Zukunft zu betrachten seien.[462] Wie lang sich die Menschheit mit diesen Sophismen begnügen wird, ist ungewiß; der Erfolg der Lehre Mrs. Eddys, daß das Böse nicht objektiv, sondern nur subjektiv existiert[463], kann als Zeichen einer wachsenden Unzufriedenheit des Volkes mit diesen orthodoxen Erklärungen aufgefaßt werden.

Doch der Teufel stirbt nicht leicht. Werwolf und Vampir hatten für den Kulturmenschen längst ihre Schrecken verloren, nicht einmal mehr die Kinder mochten sie fürchten und auch das Alpdrücken des Hexenwahns hatte Europa von sich abgeschüttelt, nur Satan wich nicht.[464] Von Zeit zu Zeit lesen wir bis zum heutigen Tage in den Zeitungen von einem geistlichen Exorzismus einer hysterischen Person als vom Teufel besessen[465] und der Glaube an einen buchstäblichen Teufel wird noch von der katholischen Kirche offiziell festgehalten und von einem großen Teil der Geistlichkeit anderer Kirchen. Eine der Szenen der letzten Jahre des erleuchteten 19. Jahrhunderts, die es verdient, in der Geschichte weiter zu leben, war der berühmte Miß Vaughan-Schwindel[466], bei welchem der Papst Leo XIII. und mehrere Bischöfe eine Dame offiziell segneten, die, obgleich aus der Vereinigung ihrer Mutter mit dem Teufel stammend, die Kirche triumphierend gerettet hatte; im nächsten Jahre (1897) gestand Taxil, daß nicht nur alles eine Lügengeschichte sei — der Teufelsbund mit eingeschlossen —, sondern auch daß die Dame selbst ein Produkt seiner Einbildungskraft war.

VII.
Die Hexenepidemie.

Die Probleme des Hexenaberglaubens sind komplizierter als die des Teufelsglaubens, obgleich sie mit ihnen nahe verwandt sind; denn einerseits wirkten beim Aufbau des Hexenglaubens noch zahlreichere Faktoren mit und anderseits haftete er nicht an Phantasiewesen, sondern an wirklichen Menschen. Infolge dieser Tatsache ist es anzunehmen, daß einige Bestandteile von den Betroffenen selbst geliefert wurden, wenn auch das meiste aus äußeren Quellen stammt. Wie viele von den Verfolgten wirklich von der Realität der angeblichen Vorfälle überzeugt waren, wird sich nie ermitteln lassen. Sicher ist, daß viele nicht daran glaubten, denn nachdem sie unter grausamen Torturen ein Geständnis abgelegt hatten, beichteten sie ihre Unschuld dem Beichtvater, unter der Bedingung, daß er nichts davon verlauten lasse, damit sie ohne neuerliche Tortur hingerichtet würden. In manchen Fällen war allerdings die Natur jener erdichteten Ereignisse und der Geisteszustand der Opfer derartig, daß diese an die Wirklichkeit der Verbrechen, wegen deren sie angeklagt waren, nicht im mindesten zweifelten.

Wie im vorhergehenden Kapitel können wir mehrere verschiedene Probleme unterscheiden, insbesondere:

1. Die Erklärung der Fundamente der Hexenvorstellung,

2. Den Grund für den Ausbruch der Epidemie an einem bestimmten Zeitpunkte und

3. Ihr Verhältnis zum Alptraum.

Die hier aufgestellte These lautet, daß der Hexenglauben im wesentlichen eine Projektion verdrängter sexueller Wünsche des Weibes darstellt, insbesondere jener, die sich auf das weibliche Gegenstück zum Ödipus-Komplex beziehen, nämlich die Liebe zum Vater und den Neid und die Feindseligkeit gegen die Mutter. Ebenso wie das Kind das Bild des Vaters in seine wohltätigen und böswilligen Züge auseinanderlegt und damit den Glauben an Gott und Teufel ermöglicht, so teilt es auch die Mutter in die beiden Hälften, woraus sich der Glaube an Göttinnen (Mater Dei) und weibliche Teufel entwickelt. Die Bemerkung Riklins[467], daß die Erfindung von Riesinnen und Hexen u. s. w. die Stellungnahme des Mädchens gegen die Mutter als sexuelle Rivalin ausdrückt, fällt mit dem Kern der gegenwärtigen These zusammen. Ferner werden wir sehen, daß beide Geschlechter ebenso zur Erfindung der Hexen wie zu jener des Teufels beigetragen haben.

Vor Behandlung der historischen Seite des Hexenglaubens wird es sich empfehlen, seine Hauptmerkmale zur Zeit der vollsten Blüte zu erörtern. Diese lassen sich kurz in zwei Gruppen zusammenfassen, und zwar diejenigen, welche

I. sich auf den Umgang der Hexe mit dem Teufel beziehen,

II. sich auf das Verhältnis zu den Mitmenschen beziehen.

Diese Gruppen waren ursprünglich voneinander unabhängig und wurden erst im 13. Jahrhundert vermengt; um dieselbe Zeit wurde eine dritte hinzugefügt, nämlich die Ketzerei, d. h. Tatsachen, die sich auf ihr Verhältnis zu Gott bezogen.

Für die eigentliche Hexenepidemie war die dritte Vorstellungsgruppe am wenigsten charakteristisch, so daß wir sie zuerst erledigen können. Obgleich sie das Element ist, das am wenigsten die eigentliche Hexe von dem alten Zauberer und Wahrsager scharf unterschied, da sie eher als eine direkte Fortsetzung der Attribute jener gelten darf, kam ihr doch für die Hexenverfolgung die allerhöchste Bedeutung zu. Wie bekannt, ging die Initiative zu jener Verfolgung von der Kirche aus, deren Streben auf die Ausrottung der Ketzerei und Vernichtung der Macht des Teufels gerichtet war. Die Laienschaft, deren ursprüngliches Interesse an dem Unternehmen nicht sehr stark war, wurde zur Unterstützung der Kirche durch die geschickte Kombinierung der Objekte dieser Verfolgung mit der alten Auffassung von schädlicher Zauberei (Maleficium) bewogen. Durch die Furcht vor der letzteren aus ihrer Ruhe aufgeschreckt, verband sie sich mit der Kirche, um die verhaßten Quellen des Maleficium zu zerstören, die nach der Erklärung der Kirche mit denen der Ketzerei und des Teufelspaktes identisch waren.

Die schädlichen Einwirkungen der Hexen erstreckten sich von kleinen Bosheiten bis zu den schwersten Verletzungen, selbst den Tod miteingeschlossen. Ihre genaue Überprüfung zeigt meiner Meinung nach, daß die Angst, die sich hinter dem Glauben an dieses Maleficium verbarg, die im tiefsten Grunde der Menschenseele ruhende Angst vor Unfähigkeit oder Versagen der sexuellen Funktionen war. (Beim Manne: »Kastrations-Komplex«, beim Weibe: »Angst vor der Kinderlosigkeit.«) Der Grund hiefür ist, daß fast alle Fälle von Verhexen sich entweder direkt auf die Erzeugung von Impotenz (oder Sterilität) beziehen, oder symbolische Darstellungen dafür sind.

In erster Linie ist zu beachten, daß die häufigste Spezialität der Hexenkunst in der Einmischung in die sexuellen Funktionen, besonders bei der Erzeugung der Impotenz bestand. Hansen[468] bemerkt: »Die Behexung trifft weitaus am häufigsten die geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann und Weib.« In der berühmten Hexen-Bulle[469] wird das Maleficium in sieben Punkten behandelt, von denen sechs die sexuellen Funktionen betreffen und einer die Verwandlung in Tiere. Der bekannte Malleus Maleficarum[470] widmet vier Kapitel einer eingehenden Erörterung der Frage, auf welche Weise diese Impotenz zu Stande gebracht wurde, und betont, daß im Gegensatz hiezu die Hexerei andere natürliche Funktionen nicht beirren kann, wie z. B. Essen, Gehen u. s. w.[471]; die verschiedenen Methoden, durch die der Penis weggehext werden kann, sei es in Wirklichkeit oder durch Augentäuschung, werden ebenso gründlich besprochen. Ein Lieblingsmittel war die Benützung der ligature de l’aiguillette, mit der, wie Brévannes[472] konstatiert, nicht weniger als 50 verschiedene Prozeduren vorgenommen werden konnten. Im 15. und 16. Jahrhundert war diese so häufig im Gebrauch und so allgemein gefürchtet, daß es Sitte wurde, die Hochzeiten im geheimen abzuhalten, um Bezauberungen zu entgehen. Das Hexenmaleficium vermochte in derselben Richtung noch weitere Wirkungen zu entfalten. Durch seine Anwendung konnte die Liebe zwischen einem bestimmten Manne und einem Weibe vernichtet, Unfruchtbarkeit der Frauen und Zeugungsunfähigkeit der Männer herbeigeführt, die intrauterine Frucht zerstört und Mißgeburten hervorgebracht werden.[473] Selbst wenn alle diese Gefahren vermieden waren, war das Neugeborene noch nicht in Sicherheit, denn Hexen fraßen mit Leidenschaft kleine Kinder, welcher Gefahr ungetaufte ganz besonders ausgesetzt waren.

Die meisten anderen Fälle des Maleficium symbolisieren dieselbe Furcht. Die nächst häufige war die Vernichtung der Ernte durch Regen oder Hagelwetter oder die Kunst, ein Feld, das einer bestimmten Person gehörte, unfruchtbar zu machen; in allen Epochen bestanden innige Assoziationen zwischen der Fruchtbarkeit der Menschen und der Natur, was nebst vielen anderen die Tatsache beweist, daß dieselben Götter beide beschützten. Auch die geringeren Fälle von Hexerei gestatten dieselbe Auslegung. Unter diesen waren die gewöhnlichsten, die Milch sauer zu machen (d. h. den Samen zu beschädigen), das Buttermachen zu hindern (auf dessen symbolische Bedeutung Abraham[474] hingewiesen hat), und die Bewegungen der Spindel (d. h. die Tätigkeit der Maschine),[475] zu beeinflussen.

Die einzige Körperfunktion, außer den sexuellen, welche die Hexen beeinträchtigen konnten, war das Urinieren, das bekanntlich mit der Sexualbetätigung im engen, besonders symbolischen Zusammenhang steht[476]; diese Verletzung wurde in Frankreich »cheviller«[477] genannt.

Der Glaube, daß durch Hexerei Krankheit[478] und Tod verursacht werden könne, hat auch auf denselben Komplex Bezug, denn man findet in der Psychoanalyse oft, daß eine außergewöhnlich starke Furcht in dieser Richtung durch eine tieferliegende Angst vor Impotenz bedingt wird, mit der die anderen Vorstellungen sich leicht assoziieren. Eine weitere Quelle für diesen Glauben bildet ihre Assoziation zur Vorstellung eines sadistischen Überfalles; das Volksdenken sieht in Krankheit und Tod meist die Folgen des Angriffes eines übelwollenden Dämons, der den Menschen überwältigt. Diese Behexung wurde mit Gift, und zwar entweder mit materiellem oder mit unkörperlichem, ausgeführt; Gift, d. h. eine Flüssigkeit, die, in den Körper aufgenommen, ernste Folgen nach sich zieht, ist ein gewöhnliches unbewußtes Symbol für Samen (vergleiche die Wahnideen der Verrückten, daß jemand sie vergiften wolle).

Es ist bemerkenswert, daß fast alle Zaubermittel, die das Maleficium verhinderten, sexuelle Symbole waren. Die am häufigsten gebrauchten scheinen Salz[479] und Hufeisen gewesen zu sein. Wie bereits erwähnt wurde, ist Salz in der Sitte der Völker ein weit verbreitetes Symbol für Samen und Fruchtbarkeit. Salz und Brot (Symbol der Faeces, infantiles Sexualmaterial)[480] wurden auch gegen die Hexerei häufig angewendet[481], da die Mischung der beiden die Fruchtbarkeit symbolisiert.[482] Das Hufeisen, dieser allgemein bekannte Glückstalisman, wurde auch häufig zur Abwehr der Hexen[483] benützt; Lawrence[484], der den Volksglauben hinsichtlich des Hufeisens ausführlich behandelt, nennt es »das Gegenmittel par excellence gegen Hexerei«. Daß hier ein Stück Vulva-Symbolik vorliegt, wurde gerechterweise allgemein anerkannt. Andere Dinge von ähnlicher Gestalt und Bedeutung wurden für denselben Zweck in Gebrauch genommen; so nannte man infolge dieses Zusammenhanges Steine, durch die ein Loch gebohrt war, »Hexensteine«.[485] In Butlers Hudibras (II. 3. 291) werden mehrere Symbole zusammengebracht; es heißt dort, ein Geisterbeschwörer könne mit Sicheln, Hufeisen und ausgehöhlten Feuersteinen böse Geister verjagen. An anderen Gegenmitteln wären zu erwähnen: ein aufgerichtetes Messer[486], ein Besenstiel[487], ein Pferdeschädel[488] und ein Drudenfuß[489]; die beiden ersten sind männliche Symbole, die anderen bisexuelle.

Die Erklärung dieses Massenglaubens an das Hexenmaleficium ist nicht einfach, obgleich er eine sehr allgemeine Grundlage haben muß, da etwas ähnliches in allen Epochen der Menschheit zu finden ist. Im allgemeinen besteht die engste Beziehung zwischen Zauberei und Sexualität, wie Bloch, Hansen und andere nachgewiesen haben[490], so daß der Verdacht wohlberechtigt ist, daß die Quelle des Hexenmaleficium, das sich in starkem Ausmaße auf die Frage der Impotenz bezog, gleichfalls sexueller Natur sein müsse. Hansen[491] hat folgende Erklärung beigebracht, die wenigstens auf den Fall, daß geradezu Impotenz herbeigeführt wird, anwendbar ist: Er führt ihren Ursprung in den Orient zurück und sagt, »sie dürfte in der Vielweiberei, und zwar gleichmäßig in der natürlichen Eifersucht der Frauen eines Mannes und der psychischen Entnervung dieses Mannes ihren Ursprung haben. Diese Art von Maleficium hat einen ausgesprochen weiblichen Charakter; sie hat viel dazu beigetragen, ältere, auf die Liebeserfolge der jüngeren eifersüchtige Frauen in den Verdacht der Hexerei zu bringen.« Zwei Erwägungen bestätigen diese Meinung Hansens. 1. Die Tatsache, daß im Mittelalter der Verlust an Männern in den zahlreichen Kriegen so groß war, daß die sozialen Bedingungen denen des Orients angenähert waren; in Deutschland war aus diesem Grunde die Polygamie durch Sondergesetze, die zu diesem Ende erlassen wurden, wirklich erlaubt worden. Auf die Bedeutung der Kreuzzüge in dieser Richtung hat Buckle hingewiesen.[492] 2. Die neuere psychiatrische Erkenntnis der engen Verbindung zwischen Impotenzgedanken und Eifersucht. Hansens Auffassung läßt jedoch den panikartigen Schrecken der Männer, die schließlich doch wissen mußten, daß sie potent seien, noch immer völlig unerklärt. Die Vorstellung muß an einer in ihrem Innern bereits vorhandenen Furcht Widerhall gefunden haben. Wir können annehmen, daß zu einer solchen Zeit die ungenügende Gelegenheit für die Frauen, hinreichende Befriedigung zu finden, der Frage der männlichen Potenz eine besonders stark empfundene Bedeutung gab. Auch ist es bekannt, daß diese Angst bei Männern ebenso häufig als tiefgewurzelt ist. Die psychoanalytische Untersuchung hat gezeigt, daß sie ihre Wurzeln in der frühesten Kindheit hat, in der Furcht des Knaben, daß ihm die Eltern den Penis, wie irgend ein anderes Spielzeug wegnehmen werden, wenn er schlimm ist, d. h., wenn er für ihn zu viel Interesse zeigt oder mit ihm spielt. Es ist im Wesen eine Furcht vor dem Vater. Ich möchte den Ausbruch, der diese Angst in Verbindung mit den Hexen bringt, als Verschiebungs-Mechanismus ansprechen. Man darf nicht vergessen, daß der Teufel die wesentliche Quelle und das gebietende Oberhaupt der Hexenkunst war; diesen haben wir aber bereits als Personifikation des feindlichen Vaters kennen gelernt. Ferner wurde bis zum dreizehnten Jahrhundert das Maleficium meist durch Männer, Zauberer ausgeübt; erst nach diesem Zeitpunkte übertrug die Kirche im Dienste ihrer eigenen Zwecke die ursprünglichen Attribute der älteren (männlichen) Zauberer auf die neue Gattung der Hexen. Zweifellos hat Hansen ebenfalls recht mit seiner Vermutung, daß die weitverbreitete Eifersucht der alten Weiber, durch die sozialen Einrichtungen begünstigt, die Furcht unterstützte und zur Lokalisierung bei den alten Hexen beitrug. Eine ähnliche Angst auf Seite der Frauen, die sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich auf Schwängerung und Geburt bezog, war unzweifelhaft ein weiterer Faktor; die Hexe personifizierte dann die gehaßte Mutter, welche die geheimen Genüsse des Mädchens störte. Schließlich sei daran erinnert, daß das Menschenherz stets bereit ist, infolge der eigenen feindlichen oder verbrecherischen Wünsche Schmerz, Unglück u. s. w. zu ahnen und zu fürchten. Freud[493] hat darauf hingewiesen, daß der Aberglaube nichts anderes ist, als die Projektion unbewußter Gedanken.

Die Ansicht, daß die Hexen (und Zauberer) mit Attributen ausgestattet waren, die von der Vorstellung des Kindes von seinen Eltern hergenommen wurden, wird durch die Tatsache gestützt, daß ihre Handlungen nicht immer feindselig gegen gewöhnliche Menschen waren, sondern oft freundlich. Durch mannigfache Versöhnungsmittel konnten sie, gradeso wie Gott und der Teufel, dazu veranlaßt werden, ihre übernatürlichen Kräfte in den Dienst Hilfsbedürftiger zu stellen. So wurde ihre Fähigkeit, Dinge, die sich in der Ferne ereigneten, zu sehen und zukünftige Ereignisse vorherzusagen, oft in Anspruch genommen. Am häufigsten wurde jedoch ihr Beistand erbeten, um Liebe zu erwecken (Liebes-Philter, Liebes-Amulette u. s. w.) oder zu vernichten, wenn ein gehaßter Rivale vorhanden war; die Hexen gingen gelegentlich so weit, den Liebhaber durch die Luft auf ihrer Ziege zur Geliebten zu tragen.[494] Sie konnten sogar veranlaßt werden, die angezauberte Impotenz zu heilen; im Hinblick darauf sagt Seligmann[495]: »eine Hexe heilte die Männer, indem sie mit ihnen während einer Nacht im Ehebett schlief«.

Wir kommen nun zur zweiten Gruppe, welche den Umgang der Hexe mit dem Teufel behandelt, und die das Kardinalmerkmal der Hexenepidemie bildet. Das Teufelsbündnis war die Hauptanklage bei den Hexenprozessen, vielleicht, weil es nach der Natur der Umstände leichter »bewiesen« werden konnte als das Maleficium oder die Ketzerei; vielleicht auch, weil die Richter dieses Thema weit anziehender fanden als die anderen. Wuttke[496] konstatiert: »Hauptgegenstände der Anklage waren der, meist auch geschlechtliche, Verkehr mit dem Teufel, die Hexenfahrt durch die Luft und der dort mit Tanz, Schmaus und oft auch mit Unzucht gefeierte Hexensabbat, wo dem Teufel gehuldigt und manchmal geopfert wurde; die Schädigung von Menschen und Vieh erscheint dagegen als Nebensache.« Soldan[497] nennt ebenfalls den Teufelsbund den »Kern« der Hexenprozesse. Ennemoser[498] schreibt: »Dem späteren Begriff der Hexen ist unzüchtige Buhlschaft wesentlich, sie besiegelt das geschlossene Bündnis und verleiht dem Teufel freie Macht über die Zauberinnen, ohne diesen Greuel kommt überhaupt keine Hexe vor.« Roskoff[499] sagt: »Das spezifische Hexenwesen der eigentlichen Periode der Hexenprozesse beruht nicht mehr bloß auf der Abweichung von Glaubens- und Lehrsätzen der Kirche, sondern, wie aus der Bulle Innozenz VIII. und dem Hexenhammer ersichtlich ist, lautet die Anklage vornehmlich auf: »Bündnis mit dem Teufel und vertrautesten Umgang mit demselben.«

Es kann nicht der leiseste Zweifel darüber bestehen, daß der eigentliche Wesenszug dieses Bündnisses die sexuelle Beziehung war. Die älteren Autoren, wie Bodin[500], De Lancre,[501] die Verfasser des Malleus[502] und die anderen sind in diesem Punkte völlig einig. So sagt, um nur einige der letztgenannten zu zitieren, Hansen[503]: »Jede Hexe steht in geschlechtlichem Verkehr mit dem Teufel ....... Gerade durch diesen Verkehr wird das dauernde Verhältnis zwischen Hexe und Teufel unterhalten.« Bloch[504]: »Der Begriff des Weibes als Hexe drehte sich fast nur um das Geschlechtliche, das meist als »Teufelsbuhlschaft« vorgestellt wurde.« Quanter[505]: »Die sexuellen Exzesse mit dem Teufel waren das einzige, was mit breitem Behagen den Hexen nachgesagt wurde.« Nyström[506]: »Das spezifische der Hexenprozesse in ihrer eigentlichen Periode bestand in der Beschuldigung der Teufelsbündelei und des Geschlechtsverkehrs mit dem Teufel.« Es wurde geradezu geglaubt, daß die Hexe ihre Zaubermacht erst nach dem Geschlechtsverkehr mit dem Teufel erhielt.[507]

Der Glaube an die Buhlschaft mit dem Teufel gründet sich offenbar auf jenen an die Unbefriedigung und geschlechtliche Bedürftigkeit, die allgemein und vielleicht mit Recht als Charakteristikum der Frauen mittleren Alters angesehen wird. Da der Teufel die symbolische Personifikation des Vaters ist, sind in letzter Linie unbewußte inzestuöse Wünsche die Quelle des Glaubens. Dieser Umstand gewann, wie bereits ausgeführt wurde, im Mittelalter eine ganz besondere Bedeutung; weitere Beweise für diese Auffassung des Problems sollen sogleich hinzugefügt werden. Geradeso wie manche Frauen, die Mystikerinnen und Heiligen, ihr Begehren dadurch befriedigten, daß sie es an die Gottesidee hefteten, so fanden andere auf einem weniger durchgeistigten Wege ihre Befriedigung an den fast synonymen Vorstellungen des Inkubus, Dämon oder Teufel. Der Unterschied zwischen den beiden Vorgängen ist, wie Maury[508] sehr richtig bemerkt hat, weit geringer, als dies auf den ersten Blick erscheint.

Wenn wir nun die Beziehung zwischen Hexe und Teufel mehr im Detail betrachten, können wir den Gegenstand am bequemsten in drei Teile zerlegen, nämlich das Verhalten der Hexen

1. auf dem Sabbat,

2. auf dem Wege zum Sabbat,

3. zu Hause.

Der Sabbat selbst ist von zahlreichen Autoren so lebendig beschrieben worden, daß hier keine vollständige Darstellung gegeben werden muß. Für unseren Zweck genügt es, die beiden wichtigsten Züge zu betonen, seine im wesentlichen sexuelle Natur und die Parodie der religiösen Zeremonien. Der Sabbat war kein ordnungsloses Durcheinander, sondern bestand in einer Reihe mit mehr oder weniger Genauigkeit ausgeführter Zeremonien.[509] Diese waren der Reihenfolge nach: Der Einzug und die Prozession, die Huldigung vor Satan, die schwarze Messe, der Sabbat-Tanz und schließlich die sexuelle Orgie, bei der inzestuöse Akte zwischen den nächsten Verwandten ausgeführt wurden.[510] Das Inzest-Element tritt also sowohl durch diese Tatsache als durch die Vereinigung mit dem Teufel an die Spitze. Die Parodie der christlichen Riten ging bis ins feinste Detail und wird von den meisten der alten Autoren mit unwilligen Kommentaren versehen.[511] Grimm[512] führt dies auf den vom Neid eingegebenen Wunsch des Teufels, Gott nachzuäffen, zurück, aber eine tiefere Erklärung liegt darin, daß die symbolische Bedeutung der beiden Gruppen von Zeremonien fast identisch ist; der Hauptunterschied ist der, daß die zu Grunde liegenden Komplexe im Fall der Vereinigung mit dem Teufel weit unmittelbarer dargestellt werden.

Die im Mittelpunkte stehende Zeremonie der schwarzen Messe[513] kann als im höchsten Grade symbolisch für diese Vereinigung angesehen werden, und deshalb auch der Sabbat selbst. Bei dieser diente die jüngste und schönste Hexe, die Königin des Sabbat, als Altar[514], nachdem sie mit dem Urin des Teufels getauft worden war, wobei das Zeichen des Kreuzes verkehrt und mit der linken Hand geschlagen wurde. Wenn sie sich dann der Länge nach hingelegt hatte, wurde die heilige Hostie so bereitet, daß auf ihrem Hintern ein Gemenge des ekelhaftesten Materials — Faeces, Menstrualblut, Urin und verschiedener Unrat — durcheinander geknetet wurde; dies stellte die berühmte Confarreatio vor, die Nahrung der schmachvollsten Liebe. Es ist nicht notwendig, in die Symbolik der Einzelheiten dieses Vorganges einzugehen, denn dies würde uns zu einer Erörterung der Bedeutung der Nekrophilie, Theophagie und anderer Gegenstände, die mit unserem gegenwärtigen Thema nichts zu tun haben, zwingen. Es möge genügen, daß diese Symbolik, die Pfister[515] in Verbindung mit zwei Mystikern nachgewiesen hat, durchgängig sexuell ist.

Die Art der Hinreise zum Sabbat (Hexenfahrt) war eine Frage, welche die Theologen des Mittelalters sehr beschäftigte. Es wurde allgemein angenommen, daß sie als Flug durch die Luft ginge, doch die Meinungen gingen darüber auseinander, ob der Leib selbst von einem Ort an den anderen versetzt wurde oder nur die Seele. Schließlich entschied man sich für die erste Annahme und schloß, daß der schlafende Leib, der zurückblieb, nur ein Erzeugnis des Teufels zur Täuschung des Gatten der abwesenden Hexe sei. Die Quellen des Glaubens an eine solche Nachtfahrt sind mannigfaltig, doch sie stehen alle im engsten Zusammenhang mit den Träumen und der Sexualität. Regius vom Prüm[516] sprach es sogar schon im 10. Jahrhundert aus und Johann von Salisbury[517] im 12., daß der Glaube eine durch die Traumerfahrung hervorgerufene Täuschung sei, und dies war auch die Meinung Weiers und vieler anderer; sie wird auch allein durch die Tatsache, daß die Nachtfahrt fast immer nur dann vorkam, wenn die Person in tiefem Schlafe lag[518], sehr nahegelegt. Die Übereinstimmung zwischen zahlreichen Beschreibungen der Hexenfahrt und gewissen typischen Träumen ist so vollkommen, daß an der Richtigkeit dieser Erklärung nicht der leiseste Zweifel bestehen kann.[519] Es ist ebenso gewiß, daß der Sinn der fraglichen Träume sexueller Natur ist, wie sogleich im Detail nachgewiesen werden soll.

In dem in Rede stehenden Glauben sind drei verschiedene Vorstellungen enthalten, jene des Reisens, Fliegens und Reitens. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß Reiseträume fast stets mit sexuellen Motiven assoziiert sind. Als Beispiele dienen die Erkundung unzugänglicher Örtlichkeiten, Todeswünsche gegen gehaßte Nebenbuhler, Flucht mit dem geliebten Elternteil fort von dem rivalisierenden u. s. w.; der Gegenstand wurde in den vorhergehenden Kapiteln bereits teilweise besprochen. Die Flugträume sind gleichfalls individuell determiniert und symbolisieren verschiedene Wünsche, doch die letzte Quelle ist stets die sexuelle Erregung durch gewisse Bewegungen (wiegen, hetzen u. s. w.) in der frühen Kindheit.[520] Die Vorstellung, die am deutlichsten ihre sexuelle Natur offenbart, ist das Reiten, das im Traum regelmäßig den Beischlafsakt symbolisiert.[521] Manchmal kommt dies ganz offen zum Ausdruck. So zitiert Delassus[522] folgendes Beispiel: »Martin d’Arles raconte, dans son livre des superstitions, qu’une dame très pieux se voyait souvent, en songe, chevauchant à travers la campagne avec un homme, qui abusait d’elle, ce qui lui causait une très grande volupté.« Ähnlich schreibt Jähns[523]: »So kam es vor, daß ehrbare Matronen ihren Beichtvätern vertrauten: ‚sie fühlten, daß sie unwillkürlich Nachts über Feld und Aue ritten; ja, wenn sie mit dem Roß über ein Wasser setzten, so wohne irgend jemand ihnen mit dem vollen Lustgefühl des Aktes bei.‘ Da war denn der offenbare Hexenritt und die offenbare Vermischung mit dem Satan eingestanden.«

Manchmal verwandelten Hexen einen Mann in ein Pferd, um darauf zum Sabbat zu reiten[524] (Traum-Umkehrung der natürlichen Stellung), manchmal reisten sie in Gesellschaft des Teufels — der vorn auf dem Stab ritt, während die Hexe hintenauf saß[525] —, doch am häufigsten war der Teufel selbst das Reittier, entweder in Gestalt eines Pferdes oder eines Bockes.[526] Das letztgenannte Tier war am beliebtesten und ist auch mit Hinblick auf seine wohlbekannten Eigenschaften zum Ausdruck sexueller Vorstellungen ausgezeichnet geeignet. Bei gewissen Anlässen schob die Hexe einen Pflock in den Hinterteil des Bockes, von dem dann entweder ihre Genossen[527] oder die Kinder[528], die sie zum Sabbat mitbringen wollte, getragen wurden. Oft genügte auch der Pflock allein, gewöhnlich in der Form eines Besenstiels, zur Reise. Jähns[529] hat gezeigt, daß dieser ein Repräsentant des Pferdes oder eines anderen Reittieres war; die phallische Bedeutung ist hier ebenso evident wie bei den zahlreichen anderen Formen des Zauberstabes. Die Vorstellung der Verwandlung menschlicher Wesen oder des Teufels in Tiere ist, wie bereits mehreremal bemerkt wurde, besonders charakteristisch für den Traum und im Jahre 1230 hat Wilhelm von Paris[530] bei Besprechung der Hexenfrage sich ausdrücklich für diese Entstehungsweise erklärt.

Ein interessanter Nebenumstand bei der Fahrt durch die Luft war die bekannte Hexensalbe, die dazu benötigt wurde. Sie mußte in den Körper hineingerieben werden, insbesondere oberhalb des Abdomen, in den höheren Teil der Oberschenkel und in die Füße, bis ein Gefühl der Erwärmung verspürt wurde.[531] Auch der Besenstiel[532], der die Hexe zum Sabbat trug, wurde damit eingerieben und Grimm[533] erzählt einen Fall, wo ein Kalb zu diesem Zweck bestrichen wurde. Die Materialien, die bei der Zusammensetzung der Salbe am liebsten verwendet wurden, scheinen die Eingeweide und das Fett kleiner Kinder[534] gewesen zu sein, doch viele andere Substanzen wurden gleichfalls benützt. Die Erklärung dieses sonderbaren Vorganges ist keineswegs einfach. De Lancre[535] sagt: »Le Diable use d’ongaens graisses et onctions, pour imiter nostre Seigneur, qui nous a donné le sainct sacrement de Babtesme et celuy de la Saincte onction.« Dies läßt außer manchem anderen offenbar auch die besondere Verbindung zwischen Salbe und Luftreise unerklärt.

Der Akt des Salbens hat zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung besessen und war meist mit der Vorstellung der Übertragung einer besonderen Macht auf gewisse Personen, Priester oder Könige, verknüpft; bei mehreren religiösen Zeremonien spielt es eine ähnlich wichtige Rolle. Ein vergleichendes Studium der Gelegenheiten, bei welchen die Ölung vorgenommen wird, macht es höchst wahrscheinlich, daß der Akt eine sexuelle Symbolik enthält und sein inniger Zusammenhang mit der Hexenfahrt und dem Sabbat unterstützt diese Auffassung. Freimark[536] bringt Beweise dafür bei, daß zu verschiedenen Zeiten die Ölungen wirklich zur Hervorbringung wollüstiger Träume benutzt wurden, und erwähnt eine Anzahl von Substanzen, von denen man annahm, daß sie im stande seien, aphrodisische oder anästhesierende Wirkungen oder Intoxikation hervorzurufen, die zu diesem Zweck gebraucht wurden. Kiesewetter[537] machte an sich selbst Versuche, um den Tatbestand zu erforschen, und konstatierte als Resultat verschiedene Reise- und Flugträume; es ist seither bekannt geworden, daß kein Arzneimittel dies direkt bewirken kann, es muß also die Einstellung der Erwartung dabei mittätig gewesen sein (wobei noch eine toxische Wirkung in Rechnung gezogen werden muß). Es ist auffallend, daß zwischen den Vorstellungen der Einsalbung und der leichten Bewegung stets ein Zusammenhang existiert hat, der zweifellos durch die physischen Qualitäten der ersteren unterstützt wurde. Das englische Wort »grease« (Salbe) kommt von den Gratiae (griechisch Charites), welche Aphrodite mit Öl zu waschen pflegten, und das vedische Äquivalent der Charitinnen waren die leuchtenden Rosse, die den Wagen Indras, der Sonne (= Phallos[538]), zogen. Die am Tage liegende Beziehung von mucus und semen zu den Koitusbewegungen ist zweifellos die Quelle der tieferliegenden Sexualsymbolik und ich habe gezeigt[539], daß in der frühen Kindheit sich eine ähnliche Assoziation zwischen den Vorstellungen der Bewegung und exkretorischen Akten (die als Sexualbetätigung aufgefaßt werden) bildet. Es ist daher begreiflich, daß der phallische Besenstiel, auf dem die Hexe »ritt«, mit Salbe eingeschmiert werden mußte.

Diese Ansicht wird weiterhin durch die enge Verbindung zwischen dem Akt des Salbens und dem des Genusses von Zaubertränken bestätigt. Die Hexe trank nach geschehener Einsalbung eine derartige Flüssigkeit, um zur Reise fähig zu sein.[540] Nun symbolisieren Zaubertränke, die wunderbare Kräfte einflößen, regelmäßig den Samen[541], so das vedische Soma, das griechische Ambrosia und der Nektar, das germanische odrörir. In der Ilias wird geschildert, wie die Göttin Hera ihren ganzen Leib mit Ambrosia salbt, so daß der Geruch Himmel und Erde erfüllt.

Abgesehen vom Sabbat und der Nachtfahrt hielt die Hexe bei sich zu Hause ihre Beziehungen zum Teufel auf verschiedene Weise aufrecht. In erster Linie begleitete er oder einer der ihm untergeordneten Dämonen sie stets als ihr »familiaris«, welche Vorstellung an den totemistischen Glauben erinnert, der so allgemein, z. B. im norwegischen Folklore[542], verbreitet ist. Der Familiaris nahm gewöhnlich die Gestalt eines Katers[543] an. Bei den Zusammenkünften der ketzerischen Katharersekte im 13. Jahrhundert erschien der Teufel als Kater und man nahm an, daß der Name der Sekte von dieser Tatsache genommen sei. Katzen haben eine besonders große Rolle in der Mythologie weiblicher übernatürlicher Wesen gespielt. Die alten germanischen Zauberinnen verwandelten sich gelegentlich in Katzen.[544] Katzen sind besonders mit der Vorstellung des Reitens assoziiert und wurden bei der Hexenfahrt wirklich zu diesem Zwecke benützt.[545] Dieser Glaube scheint vor allem aus der germanischen Mythologie zu stammen. Roskoff[546] schreibt: »Freyja fährt auf einem mit zwei Katzen bespannten Wagen, den Symbolen des starken Zeugungstriebes .... Die der Freyja geheiligte Katze macht das Mittelalter zum Tiere der Hexen und Nachtfrauen.« Dasselbe galt von dem Gefolge der Holda[547], dem Prototyp der Nachtdämonenseite der Hexen. Im Süden wurden die Katzen von ihren Verwandten, den Löwen, ersetzt; der Wagen des Heraklos wurde z. B. von zwei Löwen gezogen. Außer dieser symbolischen Begleitung der Hexen erschien ihnen der Teufel noch häufig als Inkubus (siehe später).

Der Gegenstand aber, der in dieser Beziehung die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Besessenheit durch den Teufel. Diese definiert Graf[548] wie folgt: »Der Teufel konnte sich damit begnügen, den Menschen nur äußerlich zu quälen, indem er die Angriffe und Bedrängungen vervielfachte, oder auch innerlich peinigen, indem er in ihn einfuhr. Im ersten Fall hatte man die eigentliche sogenannte Obsessio, im zweiten die Possessio«. In der Sprache unserer Tage würde der Unterschied zwischen den beiden Fällen wohl durch die Ausdrücke Zwangsneurose und Hysterie gekennzeichnet werden; wie zu erwarten stand, waren dem zweitgenannten Zustand hauptsächlich Frauen unterworfen. Die Merkmale der Besessenheit durch einen Dämon sind zu gut bekannt, um hier wiederholt zu werden.[549] Da das Vorkommnis noch immer keineswegs selten ist, war Gelegenheit vorhanden, sie vom klinischen Standpunkt aus zu untersuchen und nachzuweisen[550], daß sie als Symptom verschiedener Geistesstörungen vorkommen kann. Müller[551] schreibt: »Was sich in den Hexenprozessen durchgängig wiederholt, sind Entwicklungskrankheiten der Jugend oder des Alters bei Weibern, die über die klimakterischen Jahre hinaus sind, halb irre Zustände, Nervenkrankheiten, die so oft Gegenstand einer abergläubigen, dem Zeitalter angemessenen Auslegung waren, und endlich wirklich Buhlerei, und zwar, wie es scheint, oft mit verkappten Personen oder mit bekannten Personen, in deren Gestalt gerade jetzt einmal der Teufel erscheint.« Die Bedingung hat sich mit besonderer Häufigkeit bei der Hysterie erfüllt gefunden und mit Rücksicht auf unsere neuerworbene Kenntnis von der sexuellen Ätiologie der Hysterie[552] — die hysterischen Attacken mitinbegriffen, die den Akt des Koitus[553] symbolisieren — ist es wohl der Mühe wert, kurz den Nachweis der Hysterie bei der Besessenheit der Hexen zu führen. Unter die hysterischen Symptome, die dabei beobachtet wurden, gehören: Bulimia, pica, anorexia nervosa, vomiren (häufig von Fremdkörpern, wie Nadeln u. s. w.), globus hystericus, pseudocyesis, Zittern, koitusartige Bewegungen, Mediumismus, Narcolepsie (Ohnmachtsanfälle), Somnambulismus, Katalepsie, Amnesien, »Lügen«, Lebensüberdruß, feindselige Einstellung, Zerspaltung in zwei oder mehrere Personen: kurz, alle jene Symptome, von denen man neuerdings erklärt hat, daß sie niemals vorkommen, außer wo sie durch die Suggestion der Ärzte aus der Schule der Salpetrière künstlich erzeugt wurden. Die Beschreibung der konvulsiven Anfälle, wie sie die besessenen Nonnen von Louviers[554] zeigten, stimmt mit allen Einzelzügen genau mit der Beschreibung der hysterischen Anfälle überein, wie sie unsere modernen medizinischen Lehrbücher geben; selbst der Ausdruck arc en cercle wird benützt. Von besonderem Interesse ist der Umstand, daß der Exorzismus von dem Besessenen mit einer Flut von »abscheulichen und schamlosen« Reden begleitet wurde, mit anderen Worten, daß er durch den Prozeß des Abreagierens seine Wirkung übte.

Aber nicht nur die Symptome der Hysterie waren bei den Hexen vorhanden, sondern auch die Stigmata so häufig, daß auf das Vertrauen, welches man in sie setzte, die bequemste und sicherste Methode, eine Hexe zu erkennen, aufgebaut wurde. Scot[555] schreibt darüber: »Wenn sie ein geheimes Zeichen unter der Schulter, unter dem Haar, unter der Lippe oder an heimlichen Stellen trägt, so ist dies eine hinreichende Vermutung für den Richter, um gegen sie vorzugehen und auf die Todesstrafe zu erkennen.« Die Hauptprobe, die von den professionellen »Hexensuchern« angewandt wurde, war die sogenannte épreuve du stylet. Bezüglich der Verteilung und Natur dieser anästhetischen Stellen erzählt uns Sinistrari[556]: »Sie ist auf den verborgensten Körperteilen eingedrückt ...; bei Weibern ist sie meistens auf den Brüsten oder den heimlichen Orten. Nun ist der Stempel, der diese Zeichen aufdrückt, kein anderer als des Satans Klaue.« Wie es bei hysterischen stigmata gewöhnlich der Fall ist, geben diese anästhetischen Stellen auf Stiche kein Blut.[557] Freimark[558] hat darauf hingewiesen, daß diese Zeichen auch als Merkmale verschiedener ketzerischer Sekten, welche der vollen Entwicklung des Hexenglaubens vorhergingen, galten.

Die psychologische Erklärung der Phänomene der Besessenheit ist nicht schwierig. Freimark[559] hat sie mit den folgenden Worten beschrieben: »Tragen die Phänomene des Somnambulismus und Mediumismus in der Regel nur ihren Entstehungsursachen nach sexuellen Charakter, so sind diejenigen der Besessenheit durch und durch sexueller Natur ... Das urteilende Ich, das alle nach der bestehenden Gesellschaftsordnung, nach Religion, Moral und dem Milieu, in dem es sich entwickelt, als ungehörig betrachteten Gefühle und Vorstellungen unterdrückte, in das Unterbewußtsein zurückschob, wo sie sozusagen ein eigenes Leben führten, wird von dem dort im Laufe der Zeit sich ausbildenden Gefühls- und Vorstellungskomplex überrumpelt und die Bewußtseinsspaltung ist vollzogen ... Einen ähnlichen Vorgang können wir im Traumleben beobachten; und der Somnambulismus und auch der Mediumismus zeigen das, was uns der Traum lehrt, in verstärktem Maße.«

Wir gelangen nun zu dem zweiten Problem, nämlich, warum die Hexenepidemie gerade zu jener Zeit ausbrechen mußte. Die Untersuchungen, die über dieses Problem um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von Ennemoser[560], Michelet[561], Roskoff[562], Soldan[563] und Wächter[564] angestellt worden waren, wurden in den letzten Jahren verbessert und vertieft von Hansen[565], von Hoensbroech[566], Längin[567], Lea[568], Lempens[569], Riezler[570] und anderen, und viele Punkte sind nun völlig aufgeklärt. Die drei wichtigsten Schlüsse, die aus diesen Forschungen gezogen werden können, sind:

1. Daß die Idee der Hexerei in ihrem strikten Sinne im Mittelalter vollkommen neu war und daß die Hexenepidemie aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt;

2. daß die dazu beitragenden Faktoren außerordentlich ineinander verschlungen sind und

3. daß die volle Verantwortlichkeit dafür ohne jede Einschränkung der römisch-katholischen Kirche zur Last fällt.

Der Hexenglaube, so wie jener an den Teufel, wurde von der Kirche sorgfältig aus disparatem, längst schon im Folklore vorhanden gewesenem Material zusammengesetzt. Hansen[571] spricht das unzweideutig mit den folgenden Worten aus: »Der Begriff vom Hexenwesen ... ist keineswegs aus dem Spiel der Volksphantasie frei erwachsen, sondern wissenschaftlich, wenn auch in teilweiser Anlehnung an Volksvorstellungen, konstruiert und fest umschrieben worden; er ist in seinen Elementen durch die systematische Theologie der mittelalterlichen Kirche entwickelt, strafrechtlich in der Gesetzgebung von Kirche und Staat fixiert, schließlich auf dem Wege des kirchlichen und weltlichen Strafprozesses, und zwar zuerst durch die Ketzerinquisiton, zusammengefaßt worden.« Die meisten dieser aus dem Volk stammenden Elemente sind durch Jahrhunderte von der Kirche abgelehnt worden, die sich nur Schritt für Schritt zu ihrer Annahme entschloß. Dabei wurden die Elemente immer mehr und mehr zusammengepreßt, bis dann zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine ganz neue Auffassung entstanden war und offiziell proklamiert wurde. Hansen[572] sagt: »Wie bereits angedeutet wurde, erweisen sich die Verfasser der literarischen Quellen des 15. Jahrhunderts, welche uns jenen Kollektivbegriff der Hexe definieren, sämtlich als von der Überzeugung durchdrungen, daß es sich bei der von ihnen geschilderten Art des Hexenwesens um eine neue Erscheinung ... handelt. Die beteiligten Inquisitoren zeigen sich geradezu überrascht von der Existenz dieser neuen Sekte.« Jühling[573] konstatiert ebenso emphatisch: »Es gab freilich schon im Altertum den Begriff der Zauberinnen, aber die Hexe an und für sich ist eine Ausgeburt spezifisch christlichen Aberglaubens.«

Es ist unmöglich, hier den Versuch zu machen, daß »vielverschlungene Gewebe aus mannigfaltigen Fäden«, wie Roskoff den Hexenglauben sehr gut genannt hat, zu entwirren, doch müssen einige Worte über die Geschichte seiner hervorstechendsten Züge gesagt werden. Die Vorstellungen von Ketzerei, Teufelsbündnissen und Sabbat sind hauptsächlich, wenn auch keineswegs ausschließlich, religiöser Natur; der Glaube an das Maleficium, an die Verwandlung in Tiere und an den Flug der Nachtdämonen durch die Luft, die uns hier beschäftigen, haben in der Volks-Mythologie ihre Quelle. Das Maleficium war immer ein strafbares Delikt gewesen, bei den alten Römern sowohl wie bei den Germanen, nicht aber jene Handlungen, die im Inkubus- und Striga-Glauben enthalten waren. Die Geschichte der Entstehung der Hexerei ist die Geschichte, wie die Kirche vorsichtig und geschickt im Laufe zweier Jahrhunderte eine neue Vorstellung entwickelte und sie der ganzen zivilisierten Welt aufnötigte. Die Haltung der ältesten Kirche war den rudimentären Formen, in denen die Vorstellung damals vorkam, durchaus feindlich. Lehmann[574] weist darauf hin, wie folgt: »Auf der Synode zu Paderborn 785 stellte man folgenden Satz auf: Derjenige, welcher, durch den Teufel verblendet, nach Art der Heiden glaubt, daß jemand eine Hexe sein kann und deshalb dieselbe verbrennt, wird mit dem Tode bestraft.« Zu dieser Zeit wird also nicht die Hexe, sondern der Glaube an dieselbe verfolgt und bestraft. Diese Bestimmung wurde von Karl dem Großen bestätigt und war in den folgenden Jahrhunderten die Richtschnur für die Stellung der Kirche gegenüber allen Anklagen wegen Hexerei. Noch deutlicher tritt die Auffassung der Kirche von Hexerei im sogenannten Ancyranischen Kanon Episcopi hervor, welche um das Jahr 900 entstand. Hier wird den Bischöfen befohlen, »in ihren Gemeinden den Glauben an die Möglichkeit dämonischer Zauberei und nächtlicher Fahrten zu und mit Dämonen als reine Illusion energisch zu bekämpfen und alle diejenigen, welche einem solchen Glauben huldigen, aus der kirchlichen Gemeinschaft auszustoßen.«

Im dreizehnten Jahrhundert aber veranlaßte die beunruhigende Zunahme und die Macht der Ketzersekten[575] (Templer, Katharer und ihre Nachfolger, die Waldenser) die Kirche zu den entschiedensten Maßregeln zu ihrer Unterdrückung und sie verstand es, auf einfache Weise die Hilfe der Laien zu gewinnen, indem sie die Vorstellungen von Hexerei und Ketzerei miteinander vermengte. Das päpstliche Gericht, das Gregor IX. im Jahre 1227 errichtete, wurde der Nukleus der künftigen Inquisition und später im selben Jahrhundert erklärte Alexander IV. in aller Form, daß Hexerei und Ketzertum eines seien. Der große Einfluß des Thomas von Aquino zu jener Zeit wurde ebenfalls in die Wagschale geworfen und war ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung der Idee.[576] Von da an bis zum 15. Jahrhundert waren die Fortschritte verhältnismäßig gering.

An dieser Stelle können wir die einzelnen Elemente des Hexenglaubens mehr im Detail betrachten und erkennen, wie sie miteinander vermischt wurden. Das erste, das von diesem Schicksal betroffen wurde, war das Maleficium[577] und dies gab für das Volk den Ausschlag zur Verteidigung der Kirche gegen die Ketzerei. Der volkstümliche Glaube an das Maleficium, der die Kirche stets vom Standpunkt der Götzendienerei aus interessierte, kam in Zusammenhang mit dem Teufelsglauben[578] und dadurch auch mit der Ketzerei.[579] Dies erste Element erwies sich auch als das ausdauerndste. Hansen[580] sagt: »Das Maleficium, mit Ausnahme des Wettermachens, ist ohne alle Unterbrechung von der kirchlichen und bis in das 17. Jahrhundert auch von der staatlichen Autorität als Realität angenommen, seine Kraft ist nie ernstlich in Abrede gestellt worden; es zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Geschichte der strafrechtlichen Verfolgung.«

Es ist unmöglich, hier jene zahlreichen Legendentypen zu verfolgen, die sich auf Frauen, die bei Nacht fliegen,[581] beziehen, wie Ahnfrauen u. s. w., da dies uns zu weit in das Gebiet der Mythologie führen würde, obgleich von hier aus manches unterstützende Beweisstück für unsere Hauptthese gefunden werden könnte; denn solche Geschichten hängen eng mit den Erfahrungen des Alpdruckes zusammen und mit dem späteren Sukkubus. Es möge genügen zu sagen, daß sie bei der Entwicklung des Hexenglaubens eine bedeutende Rolle spielten. Beiträge kamen von der griechischen Persephone (Würgerin)[582], der römischen Striga (italienisch strega, schweizerisch Sträggeli)[583], den germanischen Elfen[584] und den deutschen Waldfrauen und weißen Frauen (Bertha, Holda)[585] — den Abkömmlingen der nordischen Frigg. Es wurde beispielsweise geglaubt, daß eine Hexe mit 40 Jahren eine Drude wird[586], während es anderseits hieß: »aus jungen Druden pflegen alte Hexen zu werden«[587]; nach Grimm[588] ist eine Drude eins mit einer Mahre (Nachtmahr). Die Kirche war einige Jahrhunderte hindurch entschieden abgeneigt, die Möglichkeit von Nachtflügen anzunehmen. Die Idee wurde im 5. Jahrhundert durch den berühmten Caere episcopi[589] zurückgewiesen, im Jahre 906 durch Regino von Prüm, im Jahre 1020 durch Burkard von Worms, im 12. Jahrhundert von Johann von Salisburg und im Jahre 1230 durch Wilhelm von Paris.[590] In dieser Frage wurde im 13. Jahrhundert ausführlich und mit größtem Eifer hin und wider gestritten[591] und erst um 1450 wurde der Glaube von der Kirche allgemein angenommen.[592] Es erwies sich dann, daß gerade dieser Frage für die endgültige Festsetzung des Hexenaberglaubens die entscheidende Bedeutung zukam, vor allem durch den Zusammenhang mit dem Sabbat; es war in der Tat der Fund der Inquisition, daß die Opfer so häufig Geschichten von Luftflügen erzählten, durch den die Frage für die Kirche erledigt und die Identität der ketzerischen Zusammenkünfte und des Hexensabbats nachgewiesen wurde.[593]

Das verwandte Thema der Verwandlung von Menschen in Tiere, ebenfalls eine alte Volks-Phantasie, verlief parallel mit jenem der Nachtfahrt. Anfänglich von der Kirche entschieden geleugnet[594], die jene, welche daran festhielten, ebenso streng bestrafte, wie im vorigen Fall, wurde der Glaube zuerst hitzig bekämpft[595] und schließlich angenommen, allerdings erst im Jahre 1525[596] mit allgemeiner Geltung.

Die Vorstellung des Sabbats wurde von der Kirche im Zusammenhang mit den selbstverständlich geheimen Zusammenkünften der Ketzer eingeführt, bei denen sie, wie man ihnen vorwarf, alle Arten von Orgien und Missetaten verübten; denselben Vorwurf hatte sich bekanntlich in den Zeiten der Römer die Kirche selbst gefallen lassen müssen.[597] Die erste vollständige Darstellung erscheint in einem Hexen-Ketzer-Prozeß, der im Jahre 1335 in Toulouse stattfand.[598] Die Idee wurde vermutlich durch die germanischen Sagen von der wilden Jagd und dem wilden Heer verstärkt. Die Erinnerung an die römischen Bacchanalia[599] und Cotyttia[600] spielte zweifellos auch eine Rolle; sogar der Gebrauch des Wortes Sabbat im Zusammenhang mit den Hexen wurde durch die Annahme erklärt, daß eine von jüdischen Manichäern veränderte Form des Sabos vorliege; unter diesem Namen, der von σαβάζειν tanzen[601] kommt, wurde nämlich der Kultus des Bacchos verrichtet. Die Erinnerung daran wurde im Mittelalter durch das berühmte Narrenfest[602] frisch erhalten, dessen wahrer Ursprung vorchristlich war.[603]

Die schwarze Messe, der Mittelpunkt des Sabbats, ist sehr alter Herkunft. Sexuelle Vereinigung in der Öffentlichkeit wurde sowohl in alten[604] wie modernen[605] Religionen, bei kultivierten[606] wie bei wilden[607] Völkern als geheiligte Zeremonie ausgeübt. Wir können die Geschichte und die Bedeutung dieser Tatsache unbesprochen lassen und verweisen nur darauf, daß die schwarze Messe als Perversion oder Aberglaube noch fortgedauert hat, längst nachdem die Hexenepidemie zu Ende war,[608] und bis zum heutigen Tage nicht ganz verschwunden ist.[609]

Der Glaube an die Buhlschaft zwischen Hexe und Teufel ist ebenfalls ein verhältnismäßig später Bestandteil des Hexenglaubens. Die Vorstellung eines solchen Verkehres zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen war natürlich stets im Volke lebendig, wurde jedoch von der Kirche heftig abgelehnt, e. g. von Burkard (900).[610] Bis zum 12. Jahrhundert war sie von der Zauberei völlig geschieden[611] und wurde nur durch die Zwischenglieder des Hexensabbats und der Ketzerei damit in Verbindung gebracht (um 1250).[612] Sie wurde von Gervasius von Tilbury im Jahre 1214[613] angenommen und im selben Jahrhundert auch von Thomas Aquin[614]; der erste Fall, in dem die Anklage in einem Hexenprozeß darauf basiert war, ereignete sich im Jahre 1275; damals wurde ein Weib wegen Verkehres mit dem Teufel verbrannt.[615] Bis dahin behandelte man den Akt nicht als Sünde, da man annahm, daß er, wenn überhaupt, nur gegen den Willen des Opfers vorkomme.[616] Es war jedoch schwer, die letztere Ansicht aufrecht zu erhalten, da die Anhänglichkeit der Verfolgten an ihren Inkubus-Teufel klar zu Tage lag, sogar dort, wo es sich um Nonnen handelte.[617] Nach der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gehörte der Glaube, wie Hansen[618] es ausdrückt, zum festen Bestand theologischer Wissenschaft.

Obwohl die verschiedenen Elemente des Hexenglaubens um das Jahr 1250 sich bereits zum größten Teil entwickelt hatten, kamen die Hexenprozesse in einem Zeitraum von etwa zweihundert Jahren nur wenig in Aufnahme. Dies war jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm, der als eine wahre Hexenepidemie gegen das Ende des 15. Jahrhunderts ausbrach. Es waren hinreichende Gründe sowohl für den Aufschub wie später für den Ausbruch vorhanden. Inzwischen waren die Theologen eifrig damit beschäftigt, die allgemeine Grundidee zu erörtern und auszuarbeiten, die, wie wir gesehen haben, erst nach 1450 zu einem harmonischen Ganzen vereinigt worden war. Die Methode des gerichtlichen Verfahrens mußte auch erst ausgestaltet werden und der Versuch, die Gewalt von der Laienschaft auf den Klerus zu übertragen, stieß auf ernsten Widerstand. Die Laien-Gerichte hatten sich nur mit dem Maleficium zu befassen und erst im Jahre 1400 ließen sie die Teufelsbuhlschaft als Anklage gelten.[619] Soldan[620] meint, daß die Erfahrungen der Kreuzzüge einen erheblichen Einfluß in dieser Richtung übten, da sie das Volk mit der orientalischen Vorstellung vom Verkehre zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen vertraut machten.

Von entscheidender Bedeutung war die Konzentration des allgemeinen Hexenglaubens auf die Frauen. Die zwei Hauptfaktoren waren dabei der soziale Zustand jenes Zeitalters, der Mangel an männlicher Bevölkerung infolge der Kriege, der allerwärts Eifersucht und Unbefriedigtheit unter den Weibern hervorrief, und die barbarische Haltung des Christentums gegen die Frauen. Diese Haltung, die von modernen Autoren[621] oft kommentiert wurde, läßt sich kaum voll erfassen, wenn man nicht die betreffenden Erörterungen bei De Lancre[622], Bodin[623] und vor allem im Hexenhammer[624] im Original gelesen hat. Das Benehmen der Kirche, die den Frauen unwürdige Züge aller Art andichtete und sogar darüber debattierte, ob das Weib eine Seele habe oder nur ein Tier sei, war ohne Frage eine Folge ihrer entarteten Haltung gegen die Sexualität im allgemeinen; es war ein Ausfluß der morbiden, misogynen Einstellung, welche durch die aufs höchste getriebene Verdrängung erzeugt worden war. Die ungewöhnlichen oder hysterischen Weiber früherer Epochen waren Magierinnen, Wahrsagerinnen, Prophetinnen; im Mittelalter waren sie Hexen. Wie Michelet[625] es epigrammatisch ausdrückt: »La Sibylle prédisait le sort et la Sorcière le fait. C’est la grande, la vraie différence.«

Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts traten zwei Ereignisse ein, welche die Sache zur Reife brachten und die eigentliche Epidemie förmlich inaugurierten; diese waren die Erlassung der berüchtigten päpstlichen Bulle durch Innozenz VIII. im Jahre 1484 und die Veröffentlichung des Hexenhammers im Jahre 1487. In der Bulle, einem Dokument, das »ein Erzeugnis der Hölle« genannt wurde, wird der Teufelsbuhlschaft und der Erzeugung von Impotenz mittels Maleficium besonderes Gewicht beigelegt.[626] Im Hexenhammer wurden diese Fragen ebenso wie jene der Nachtfahrt und des Sabbats bis in die feinsten Verzweigungen ausgeführt. Ohne die heftige Sprache zu führen, in welcher Autoren wie Ennemoser[627], Henne am Rhyn[628], Mannhardt[629] und Nyström[630] ihre Anklagen vorbringen, kann man dies Buch billigerweise nur als ein Unikum in den Annalen sophistischer Bigotterie und blinder Grausamkeit beschreiben; wir müssen es hier nur als Grenzstein im Vorüberschreiten kennen lernen, weil damit der Ausbruch der Epidemie gegeben ist. Es folgte ihm in den nächsten hundert und fünfzig Jahren eine ganze Anzahl ähnlicher Bücher, von denen jene von Bodin[631], Delrio[632], Remigius[633], König James[634], Torreblanca[635], Carpzov[636] und Glanvil[637] die bedeutendsten waren, und sogar eine Zeitschrift, die bekannte Hexen- oder Druden-Zeitung[638] (im Jahre 1627).

Die Epidemie raste nun regellos drei Jahrhunderte lang über Europa. Die Gesamtsumme aller Opfer wird nie bekannt sein. Voigts bekannte Schätzung auf neun und eine halbe Million schießt gewiß über das Ziel, obgleich auch Soldan[639] denkt, daß die Ziffer bis hoch in die Millionen stieg. Nyström[640] berechnet, daß die Anzahl höher ist als die aller Getöteten in allen europäischen Kriegen vom Beginn unserer Ära. Hauptsächlich infolge der Tätigkeit der Inquisition — die dort mehr gegen Ketzer als gegen Hexen gerichtet war — fiel die Bevölkerung Spaniens in zwei Jahrhunderten von zwanzig Millionen auf sechs, wobei die tatsächlichen Opfer 340.000 zählten. Torquemada allein soll 10.220 in achtzehn Jahren verbrannt und 97.371 zur Galeerenstrafe verurteilt haben u. s. w.[641]. Fast jedes Land Europas litt. Am leichtesten kamen die Länder der griechischen Kirche davon, dann Holland und — mit Ausnahme der schrecklichen Mora-Explosion im Jahre 1670[642] — Schweden. Selbst das entfernte Amerika hatte seine Epidemie.[643] Und obgleich die Ausdehnung der Epidemie übertrieben sein mag, kann nichts den Schrecken der kalten Grausamkeit überbieten, die wohl kaum in irgend einem Teile der Welt ihre Parallele findet. Sepp[644] sagt richtig: »Nie haben die Menschen blinder gegen einander gewütet, nie hat die Christenheit sich Angesichts aller Welt mehr blamiert als in den Hexenprozessen.«

Wenn wir für diesen außerordentlichen Zustand eine Erklärung suchen, müssen wir stets im Auge behalten, daß er nicht auf eine unerklärliche Verirrung des Menschengeistes zurückzuführen ist, wie es wohl den Anschein haben möchte, sondern mit der geistigen Verfassung jener Periode völlig übereinstimmte. Der Hexen-Aberglaube wurde in solchem Ausmaße rationalisiert, daß er mit der landläufigen Vorstellung vom Universum durchaus harmonierte.[645] In der Tat, vielleicht der auffälligste Zug, z. B. im Hexenhammer und insbesondere in Glanvils Sadducismus, ist nicht so sehr die Grausamkeit oder Dummheit, als vielmehr die hervorragende geistige Subtilität, mit der die unsinnigsten Thesen verteidigt werden. Die Faktoren, die den geistigen Zustand verschuldeten, durch den der Aberglaube ausgebrütet wurde, sind außerordentlich kompliziert[646]; die wichtigsten waren die sozialen Bedingungen jener Zeit und die abnorme Haltung der Kirche gegen sexuelle Dinge. Die kritische Periode war besonders das 14. Jahrhundert. Von diesem sagt Gener[647] sehr gut: »Ce n’est pas un siècle normal, c’est un siècle malade ..... Son histoire est tout entière contenue dans celle de la pathologie. Il semble qu’il subisse les approches de l’agonie du monde féodal et l’aurore d’une ère nouvelle. Dans ses souffrances il y a quelque chose du râle de la mort et des douleurs de l’enfantement. L’égarement de sa raison est celui de la sibylle avant la prophétie.« Einige Züge der Zeit wurden im vorhergehenden Kapitel erwähnt, so daß wir unsere Aufmerksamkeit hier den Kardinalfaktoren bei der Entwicklung der Hexenepidemie schenken können. Der bedeutsamste war ohne Frage die Machination der Kirche. Die drei Grund-Komponenten des Hexenglaubens waren Maleficium, Teufelspakt und Ketzerei, die man die Haltung der Hexe gegen Menschen, Teufel und Gott nennen kann. Das Vorgehen der Kirche bestand darin, die erste zur Bestrafung der zweiten auszunützen, um damit die dritte zu zerstören. Der schon vorhandene Glaube an das Maleficium wurde dazu benützt, den Geist der Verfolgung zu entflammen, der Beweis des Teufelspaktes, den Hysterie und Tortur lieferten, war das bequemste Mittel, des Opfers habhaft zu werden, während das eigentliche Motiv die Ausrottung der Ketzerei war. Der einmal so beschrittene Weg nährte und entflammte zweifellos die menschlichen Urtriebe in ihrer rohesten und niedrigsten Form. Sadismus und sexuelle Neugierde waren unter diesen die sichtbarsten. Bezüglich der theoretischen Diskussionen über die Hexerei sagt Bloch[648]: »Es gibt keine sexuelle Frage, die nicht von den theologischen Kasuisten in subtilster Weise erörtert worden ist, so daß ihre Schriften uns zugleich ein lehrreiches Bild der Phantasietätigkeit auf geschlechtlichem Gebiete geben,« und Jühling[649] hebt sogar noch schärfer die Lust des ehelosen Inquisitors am Entkleiden, Untersuchen und Verhören seiner Opfer hervor. Kinder von sieben[650] und Greisinnen von 85 Jahren[651] wurden zum Geständnis der Teufelsbuhlschaft mit allen begleitenden Details gezwungen. Das ganze Verfahren wurde, wie Roskoff[652] deutlich gezeigt hat, von den Zeitgenossen in ausgedehntem Maße dazu benützt, Bosheit, Haß und Neid durch falsche Anklagen der Feinde und Nebenbuhler zu befriedigen.

Das Ende der Hexenepidemie bedarf fast ebensosehr einer Erklärung wie der Anfang, obgleich ihm bisher weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die ausführlichste Schilderung davon gibt Soldan.[653] Die letzte offizielle Exekution fand in England im Jahre 1682, in Schottland 1697, in Frankreich 1726, in Sachsen 1746, im übrigen Deutschland 1749, in Bayern 1775, in Spanien 1781, in der Schweiz 1782, in Polen 1793 statt. Hexen wurden in England 1751 und 1863 (!) gelyncht, in Frankreich 1850, in Deutschland 1836 und eine wurde in Mailand im Jahre 1891 vom Pöbel fast getötet. Die Inquisition dauerte in Spanien bis 1834, in Italien bis 1859. In Rußland waren Hexenprozesse, Verfolgungen und Pöbelunruhen zu Ende des vorigen Jahrhunderts keineswegs selten und der Hexenglaube ist heute noch im Schwunge[654]. In Südamerika war zwischen 1860 und 1877 eine förmliche Epidemie, bei welcher eine erhebliche Anzahl von Hexen offiziell verbrannt wurde; eine wurde in Peru noch im Jahre 1888 öffentlich hingerichtet. Es ist sehr lehrreich, zu sehen, wie sich gegen das Ende der Hexen-Epidemie der Aberglaube wieder in seine Bestandteile auflöste und nicht als Einheit verblaßt. Zuerst verschwand der Glaube an die Teufelsbuhlschaft und den Sabbat, von denen schon 1650 verhältnismäßig wenig zu hören ist. Der Glaube an die Nachtfahrt hielt sich zähe und besteht sogar heute noch bei einigen Leuten.[655] Das widerstandsfähigste Element war das älteste, nämlich das Maleficium und in dem abgelaufenen Jahrhundert kam kaum ein anderer Punkt der Hexerei zur Sprache.[656] Offiziell hält jedoch die römisch-katholische Kirche an jedem einzelnen Elemente, von der Zauberkunst der Wettermacherei bis zum Teufelspakt noch heute fest.[657]

Das Verschwinden der Hexen-Epidemie wird gewöhnlich mit Berufung auf den Wechsel der Weltanschauung erklärt, den der Aufstieg der Wissenschaft verursachte, doch mehrere Erwägungen lassen es unwahrscheinlich erscheinen, daß dieser Faktor, so wichtig er sein mag, der einzige war. Vor allem kann er für die verhältnismäßig schnelle Abnahme des Hexenglaubens in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts[658] nicht ausreichen, denn die wissenschaftlichen Entdeckungen, die dabei so entscheidenden Einfluß geübt haben sollen, waren um diese Zeit erst in einen kleinen Kreis gedrungen. Außerdem hingen diese Entdeckungen z. B. Harveys, Keplers, Newtons mit dem Thema der Hexerei nur sehr indirekt zusammen und waren mit diesem Aberglauben ebenso vereinbar wie mit anderen, ebenso absurden, mit denen sie sich sehr wohl vertrugen; auch kann nicht behauptet werden, daß die allgemeine wissenschaftliche Haltung damals besonders hoch entwickelt war oder es heute ist. Die ganze Erklärung scheint mir zu intellektualistisch zu sein, denn sowohl die Entstehung wie der Ablauf eines solchen Aberglaubens sind vorwiegend Gefühlssache, während die Wissenschaft im allgemeinen eher die Tendenz zeigt, dem Umschwung in der Laienwelt zu folgen, als ihn einzuleiten; die »Wissenschaften« der Nationalökonomie und Ethik, und im gewissen Ausmaße auch die Psychologie sind bis zum heutigen Tage auffällige Beweise dieses Satzes. Einen wichtigen Anhaltspunkt finden wir in dem Umstande, daß der Hexenglaube abklang, weil das charakteristischeste Element, der Glaube an die Teufelsbuhlschaft eliminiert wurde, und ich möchte die folgende Erklärung dafür vorschlagen. Im siebzehnten Jahrhundert, besonders um seine Mitte, fand eine bedeutende Zunahme des Puritanismus statt und teils als Folge dessen, teils als Reaktion darauf ging im allgemeinen Verhalten der Öffentlichkeit zur Sexualität ein radikaler Umschwung vor.[659] Statt daß laut gegen sie gepredigt oder ihre Sündhaftigkeit betont worden wäre, wurde sie mehr und mehr den Augen der Öffentlichkeit entzogen. Ein heuchlerisches Kompromiß wurde durchgesetzt, das noch jetzt aufrecht erhalten wird und dahin geht, daß man ihre Existenz duldet, solange nicht allzu offen davon gesprochen wird. Dies war aber mit der Fortdauer der Hexenepidemie völlig unvereinbar, denn die Prozesse bestanden größtenteils in der Ventilierung aller möglicher sexueller Angelegenheiten. Kurz und gut, das Gefühl, daß die Taten der Hexen ein allzu unanständiges und abstoßendes Thema für die öffentliche Besprechung seien, nahm allmählich zu. Mit dieser Eliminierung der sexuellen Note (und den begleitenden Ideen von Teufelspakt, Sabbat und Nachtfahrt) wurden die Hexenprozesse mehr und mehr unmöglich. Der Hexenglaube löste sich deshalb in seine Elemente auf und konnte nur in der alten Form des Maleficium weiter bestehen. Dieses aber reichte für offizielle Verfolgungen trotz der verzweifeltesten Anstrengungen[660] nicht aus und der Glaube wurde vom Gebiete der Jurisprudenz auf jenes des Folklore übertragen, wo er mit stets abnehmender Kraft bis zum heutigen Tage sich fortfristete. Derselbe Faktor also, nämlich die übertriebene Sexual-Verdrängung, der die Hexenepidemie einst möglich gemacht hatte, war vermutlich, nachdem seine Entwicklung einen höheren Grad erreicht hatte, bei der Vernichtung der eigenen Frucht mit größtem Erfolg tätig. Ein außenstehender Beobachter hätte im 15. Jahrhundert voraussagen können, daß die Epidemie aus inneren Gründen sich selbst ein Ende bereiten werde wie ein Fieber, weil sie wie dieses, die Keime zu ihrer Heilung in sich trug.

Wir gelangen nun zum dritten Problem, den Beziehungen des Hexenglaubens zum Alptraum. Es besteht kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Alptraum auf der einen Seite und dem Hauptantrieb bei der Hexenverfolgung — der Absicht, die Ketzerei auszurotten — oder dem Volksglauben an die Zauberei, der von der Kirche zu diesem Zwecke ausgenützt wurde, auf der anderen, obgleich beide Themen indirekt mit der Sexualität und insbesondere mit Inzestvorstellungen verwandt sind. Ganz anders verhält es sich mit dem dritten Bestandteil, dem Glauben an den Teufelsbund, der das ganze zu einer Einheit zusammenfügte und ohne den die Epidemie nicht gedacht werden kann; dieser ist an jeder Stelle mit den Erfahrungen der Alp- und anderer Angstträume im Innersten verbunden. Dies wurde nie deutlicher bewiesen als durch den Geistlichen Jehan de Meung in seinem merkwürdigen Roman de la Rose, anonym publiziert im Jahre 1280 (!) und ist heute vollends unleugbar. Daß die Vorstellungen, die sich um die Nachtfahrt gruppierten, im wesentlichen aus dem Traum hervorgingen, wurde oben eingehend geschildert. Die Teufelsbuhlschaft selbst ist unzweifelhaft eine Form des Inkubus und der Glaube daran muß stark durch die Erfahrungen des Alptraums, die bei der Hysterie[661] so häufig sind, mitbestimmt worden sein. Die vorherrschende theologische Anschauung jener Tage half ihnen dann, objektive Gestalt anzunehmen. Müller[662] sagt: »Ihren sinnlichen Versuchungen und ihrer Furcht vor dem Versucher, vor dem sinnlichen Teufel kann sie nicht entgehen. In den phantasiereichen Zuständen des Halbwachens und Traums unterliegt sie der sinnlichen Erscheinung dessen, was ihre Sinne wünschen und was die religiöse Vorstellung fürchtet. Das Phantasiebild hat für sie Objektivität, sie kann die Anklage des Teufelsumganges nicht von sich ablehnen.«

Der Hexenglaube ist eine Projektion der unbewußten Gedanken des Mädchens über sich und seine Mutter; dies ist einer der Gründe, warum die Hexen meist entweder sehr alt und häßlich oder sehr jung und schön waren. Die Teufelsbuhlschaft stellt also, wie im Zusammenhang mit dem Sabbat bereits betont wurde, eine unbewußte Inzestphantasie dar.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Inkubus, Teufel und Hexenglauben gehen so weit, daß alle drei nur die verschiedenen Seiten desselben Themas darstellen. Selbst in seinen Einzelheiten ist die Übereinstimmung sehr auffällig, besonders zwischen der Hexe und dem populären Äquivalent von Inkubus und Sukkubus, nämlich dem Alp und der Mahre. Zum Beispiel glaubte man von den Hexen, ebenso wie vom Teufel, Alp und Mahre, daß sie gespaltene Hufe (Drudenfuß)[663] und einen hohlen Rücken[664] hätten; dieselben Amulette (Messer, Hufeisen, Salz u. s. w.) wurden zur Abwehr der Hexen, des Teufels und des Alpdrucks benützt. Der Koitus mit ihnen allen war unangenehm und genußlos[665]; der Alp, wie die Hexe, ritt auf Pferden und flog wie ein Vogel[666] u. s. w.

Die Beziehungen zwischen dem Hexenglauben und dem an Werwölfe und Vampire waren nicht so innig, obgleich sie in beiden Fällen vorhanden sind. Die Verfolgung und Hinrichtung angeblicher Werwölfe im 16. und 17. Jahrhundert gründete sich hauptsächlich auf den Glauben, daß die Hexen sich in Tiere verwandeln können. Hexen konnten sich selbst sowohl als auch andere in Werwölfe verwandeln.[667] Von Interesse mit Hinblick auf die Verbindung zwischen Hexensalbe, Nachtfahrt und Tierverwandlung (siehe oben) ist der Umstand, daß die Verwandlung in Werwölfe durch Salbung erfolgte. So wurde 1521 in Besançon ein Mann namens Michel Verdon verbrannt, weil er sich selbst und einen Gefährten mittels Einreibung mit einer Salbe in Werwölfe verwandelt hatte[668], und 1717 wurden die Angeklagten in einem Hexenprozesse genau derselben Tat beschuldigt.[669] Die enge Assoziation zwischen Hexen und Katzen wurde oben erwähnt und Grimm[670] zieht den alten Zauberglauben heran, daß Männer in Wölfe und Weiber in Katzen verwandelt werden. Ein ähnlicher Zusammenhang bestand zwischen der Mahre, der deutschen Vorläuferin der Hexen, und dem Werwolf; ein siebentes Kind wurde, war es ein Knabe, ein Werwolf, war es ein Mädchen, eine Mahre.[671]

Hexen hatten den Vampirendurst nach Menschenblut. Sie liebten es leidenschaftlich, Blut zu trinken[672], insbesondere das von jungen Menschen. Zweifellos liegt hier die Idee des Somnambulismus zu Grunde.[673] Milton in seinem »Paradise Lost« (II, 662) bezieht sich auf diesen Glauben:

»Kein häßlicheres Wesen denn die Nachtfrau,

Wenn sie, geheim gerufen, durch die Luft

Geritten kommt, von Kinderblut gelockt,

Zum Tanz mit Lapplands Hexenzunft.«

Fünf Hexen wurden 1604 in Lausanne verbrannt, weil sie in Wolfsgestalt ein Kind geraubt haben sollten. Sie trugen es zum Teufel, der aus der großen Zehe das ganze Blut aussaugte und kochten dann den Leib, um daraus Salbe zu gewinnen.[674] Ebenso waren die Hexen der harmloseren Gewohnheit, Kühe zu melken, zugetan und sie waren im stande, aus einer Spindel, einem Handtuch oder einem Beilgriff Milch herauszupressen.[675] Der Sinn davon wird verständlich, wenn man sich gegenwärtig hält, daß Milch ein unbewußtes Äquivalent für Samen ist. Der Alp saugte sowohl Blut wie Milch aus[676] und Stoll[677] sagt, daß in Deutschland noch der Aberglaube besteht, daß Schlangen bei Nacht den Kühen die Milch aussaugen; in Wales glaubte man, daß die Schlangen Milch aus den weiblichen Brüsten saugen.[678] In Schottland und Wales war bis vor kurzem der Glaube verbreitet, daß die Hexen sich in Hasen verwandeln, um den Kühen durch Saugen an den Eutern die Milch zu entziehen[679]; in Dänemark und Schweden gewinnen sie die Milch, indem sie Hasen zum Vieh schicken.[680] In der Mythologie sind Hasen und Katzen gleichbedeutend[681]; es ist daher verständlich, daß manchmal Hasen die »Familiares« der Hexen waren[682], statt der gewöhnlichen Katzen. Selbst die Revenant-Natur der Vampire ist in dem dänischen Glauben, daß Tote sich in Hasen[683] verwandeln, angedeutet. Andere sonderbare Zusammenhänge sind der russische Glaube, daß künftige Vampire bei Lebzeiten an einer Hasenscharte kenntlich seien, und der osteuropäische, daß ein Gestorbener ein Vampir wird, wenn eine Katze über sein Grab läuft.[684] Ein anderer Vampirzug ist in den Ghul-Geschichten zu finden, die bei mehreren Prozessen erzählt wurden[685], von Hexen, die die Leichen von Zauberern aufgruben und fraßen. So wie die Hexen kann der dalmatinische Koslak, der tatsächlich ein Vampir ist, das Wetter vorhersagen und schneller reisen als andere Leute.[686] Der Hexenglaube verschmilzt, so angesehen, an allen Punkten mit den bereits erörterten Erscheinungen.

Wir können das gegenwärtige Kapitel mit einem Zitat aus Hansen[687], der ersten Autorität für unser Thema, schließen: »Die Hexenverfolgung ist ein kulturgeschichtliches Problem, das, wenn es auch als tatsächlich abgeschlossen gelten darf, doch mit unserer Zeit noch enger zusammenhängt, als man auf den ersten Blick zuzugeben geneigt sein dürfte. Die Elemente des Wahns, auf denen sie sich aufgebaut hat, werden noch heute fast ausnahmslos in den Lehren der geltenden religiösen Systeme weitergeführt ..... Von der Verantwortung für seine Entstehung wird die Menschheit sich aber doch erst dann ganz entlastet fühlen können, wenn sie auch den kläglichen, noch nicht überwundenen Rest der ihm zu Grunde liegenden Wahnvorstellungen ausgeschieden haben wird, der trotz aller inneren Haltlosigkeit in den herrschenden religiösen Systemen noch heute sein Dasein fristet.«

VIII.
Schluß.

Es wird vielleicht von Nutzen sein, hier einen Rückblick auf die charakteristischen Eigenschaften, die den fünf eben untersuchten Erscheinungen gemeinsam sind, zu versuchen. In erster Linie stellen sie alle Konstruktionen aus zahlreichen Elementen dar, die nicht nur vorher im Glauben der europäischen Völker selbständig existierten, sondern auch bis zum heutigen Tage in weit auseinander liegenden Teilen der Erde zu finden sind. Für die Zusammensetzung der Bestandteile war jedesmal die Kirche ursprünglich verantwortlich, in vier Fällen die römisch-katholische Kirche und im fünften die griechische. Der Glaube an diese Erscheinungen stand, nach ungefährer Annahme, drei Jahrhunderte lang allgemein fest; nach Ablauf dieser Zeit verschwand er nicht, sondern löste sich in seine ursprünglichen Elemente auf. Auch der voll entwickelte Glaube fristet sich noch im ungebildeten Teile der Volksgemeinschaft fort und, daß dies keineswegs selten der Fall ist, wird dadurch bewiesen, daß der Schreiber dieser Zeilen selbst mit Leuten zusammentraf, welche von der Wahrheit des Glaubens, wie er im Mittelalter verbreitet gewesen ist, überzeugt waren. Der Glaube an die einzelnen Elemente ist viel weiter verbreitet und kann in gewissen Fällen auch bei gebildeten Leuten gefunden werden. Während des Mittelalters hatte der Glaube an jene Erscheinungen die Neigung, epidemische Formen anzunehmen, und gab dann meistens Anlaß zu furchtbaren Leiden und einem fast ohne Parallele dastehenden Ausbruch gemeinsamen Verfolgungsgeistes.

Die fünf Glaubensphänomene waren stark untereinander verschlungen und in mehr als einer Hinsicht geht eines fast unmerkbar in das andere über. Ihre psychologische Bedeutung hängt noch inniger zusammen als ihre äußere Gestalt. Die tatsächliche Formulierung nach Erreichung der vollständigen Entwicklung wurde durch eine Mehrheit von Faktoren beeinflußt, die hauptsächlich sozialer und religiöser Natur waren, weshalb ihre Analyse zunächst ein historisches Problem ist. Die bedeutsamsten waren der Haß der Kirche gegen jede Art der außerkirchlichen Anbetung, die ihr mit Ungehorsam gegen Gott gleichbedeutend schien, ihre abnorm übertriebenen Anstrengungen im Dienst der Sexualverdrängung und ihr besonderer Abscheu vor dem Inzest. Die Elemente, aus denen sich die Erscheinungen zusammensetzten, waren alle Projektionen des unbewußten verdrängten sexuellen Materials nach außen. An diesem Material sind zwei Eigenschaften vor allem bemerkenswert, das Hervortreten inzestuöser Wünsche und infantiler Züge. Die Phänomene können psychologisch als Phobien bezeichnet werden, deren latenter Inhalt verdrängte inzestuöse Wünsche bilden.

Ihre Beziehungen zum Alptraum sind besonders nahe. In der Intensität ihres Angstaffektes werden sie von keiner anderen Erfahrung erreicht, außer von jener der Alp- und verwandten Angstträume. In manchen ihrer Züge enthalten sie eine für Angstträume höchst charakteristische Symbolik; von diesen sei besonders erwähnt: die plötzliche Verwandlung einer Person in eine andere oder in irgend ein Tier, das Vorkommen phantastischer und unmöglicher Tierformen, die Schwankungen des betreffenden Objekts zwischen höchstem Anreiz und stärkstem Abscheu, die scheinbar gleichzeitige Existenz derselben Person an zwei verschiedenen Orten, das Fliegen oder Reiten durch die Luft und die Wiedergabe sexueller Akte als peinliche Angriffe. Der eigentliche Mittelpunkt des latenten Inhaltes sowohl beim Alptraum als bei den fünf von uns untersuchten Phänomenen wird durch die verdrängten inzestuösen Wünsche gebildet. Bei vier der letzteren sind auch andere sexuelle Wünsche, verschiedene Perversionen im latenten Inhalt vorhanden, ebenso im Falle der Angstträume, die nicht zum Alpdruck-Typus gehören. Ferner trat auch beim Alptraum manchmal die Neigung auf, wie jene epidemische Form anzunehmen.[688] Die ausgedehnte Übereinstimmung, die zwischen dem Alptraum und diesen Formen des Aberglaubens nicht bloß hinsichtlich ihrer wesentlichen psychologischen Bedeutung, sondern auch an vielen Punkten ihrer Oberfläche bestand, macht es sehr wahrscheinlich, daß die wirkliche Traumerfahrung bei der Ermöglichung ihrer Konstruktion, für welche sie ja die unerläßliche Basis abgab, von erheblichem Einfluß war.

Eine enge Analogie kann zwischen unseren Erscheinungen und den psycho-neurotischen Symptomen nachgewiesen, ja ihre Identität in weitem Ausmaße konstatiert werden. Wie diese entstammen sie verdrängten sexuellen Wünschen der frühen Kindheit, die verhältnismäßig unsichtbar blieben, bis äußere Umstände die Annahme gewisser scharf umrissener Äußerungsformen herbeiführten. Das allmähliche Verschwinden ging auch auf dieselbe Art und Weise vor sich, wie bei neurotischen Symptomen eine spontane Heilung eintritt; diese hängt nämlich teils von einer Erhöhung der Verdrängung ab, teils davon, daß die zu Grunde liegenden Strebungen einen neuen Abflußkanal ausfindig machen. Beide Vorgänge spielten bei dem Verschwinden jener fünf Bildungen des Aberglaubens eine Rolle, wie im vorigen Kapitel gezeigt wurde: erhöhte Schärfe des wissenschaftlichen Denkens in Verbindung mit den intensiven Sexual-Verdrängungen lassen sie als ungeeignete Ausdrucksform der begrabenen Wünsche erscheinen. Diese Erwägungen lassen uns die künftige Entwicklung der hier behandelten Vorgänge erraten. Die bei den Neurosen gesammelte Erfahrung zeigt, daß, solange nicht die begründenden Faktoren gründlich beseitigt wurden — was hier nicht der Fall gewesen ist —, das bloße Verschwinden der Symptome keineswegs vor jeder künftigen Störung sichert; die Tendenz der zu Grunde liegenden Strebungen, entweder durch Wiederaufnahme der alten Symptome oder in anderen Ausdrucksformen Befriedigung zu suchen, bleibt bestehen. Aus mannigfachen historischen Gründen muß die Annahme, daß ein Rückfall in den alten Aberglauben möglich sei, zurückgewiesen werden und dies wäre in unserer modernen Zivilisation auch kaum denkbar; eine andere Gruppe von Auswegen muß deshalb gefunden werden. Welcher Art diese sein werden, ist unschwer einzusehen; auf der einen Seite religiöse und soziale Bigotterie und Intoleranz, auf der anderen die Erzeugung von Psycho-Neurosen im engeren Sinne. Unsere gegenwärtigen neurotischen und geistesgestörten Patienten sind in ausgebreitetem Maße die Nachkommen der alten Hexen, Lykanthropen u. s. w. und ihre Symptome sind, wie in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt wurde, in vieler Beziehung gleich. Eine weitere wichtige Erwägung, die meist übersehen wird, ist die, daß das so entstandene Leiden ebenso drückend und nicht minder weit verbreitet ist wie die Schmerzen, welche die analogen Vorgänge im Mittelalter verschuldeten. Man kann sich sehr ernstlich fragen, ob ein Patient mit einer krankhaften Phobie, z. B. in bezug auf Katzen, weniger leidet als ein Mensch, der sich vor dem Teufel fürchtet. Dieser ist sogar in mancher Hinsicht in der besseren Lage, denn seine Furcht wird von Freunden verstanden und als berechtigt anerkannt. Er ist nicht gezwungen, sie geheim zu halten, um der Beschämung und dem Schandmal zu entgehen, welches ihm durch das Bekanntwerden der Tatsache, daß er Feigling und Weichling genug sei, seiner »eingebildeten Angst« nachzugeben, aufgedrückt würde. Eine Furcht, die der von ihr Befallene und seine Umgebung für vernünftig und richtig ansehen, ist leichter zu ertragen, als eine völlig sinnlose und unvernünftige Angst vor harmlosen Objekten, die mit den übrigen bewußten Gedanken nicht übereinstimmt und sich sogar gegen die Überwachung durch das Bewußtsein auflehnt.

Daraus lassen sich hauptsächlich zwei Lehren ziehen, die sich auf die Probleme der Verdrängung und der Urteilsfähigkeit beziehen. Die soziale Seite der ersteren darf uns hier nicht beschäftigen; es wurde nur versucht, an einem Beispiel zu zeigen, welch schreckliche Folgen die übermäßig und unverständige Verdrängung menschlicher Triebregungen nach sich zieht. Wir haben auch gesehen, daß es schwierig und Jahrhunderte lang unmöglich ist, diese Konsequenzen auszurotten, wenn ihr wahrer Sinn nicht aufgedeckt wird.

Die Beziehung unseres Themas zu dem Problem der Urteilsfähigkeit ist ebenso bedeutsam. Für jemanden, der davon überzeugt ist, daß seine Anschauung über einen gefühlsmäßig gefärbten, d. h. sozialen oder religiösen Gegenstand unzweifelhaft die einzig richtige ist, läßt sich keine gesündere Übung denken, als darüber nachzusinnen, daß die fähigsten und schärfsten Denker des Mittelalters, Menschen, die ihm an geistiger Begabung wahrscheinlich nicht nachstanden, ohne Zögern die Wahrheit von Sätzen, die uns heute lächerlich vorkommen, anerkannten. Bei der Besprechung einer Gruppe geringerer Irrtümer, die durch unbewußte Einflüsse herbeigeführt wurden, bemerkte Freud[689] mit Nachdruck: »Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteilsirrtümer der Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen äußeren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim Durchgang durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erfährt.« Eines der Hauptziele der Wissenschaft und Kultur ist es, eine objektive Anschauung von Kultur und Leben zu erringen. Die Hindernisse, die aus bewußten Hemmungen kommend, sich der Erreichung dieses Zieles entgegenstellen, wurden bis zu einem gewissen Grade überwältigt; wir beginnen nun die schwierigere, aber wichtigere Arbeit, die aus dem Unbewußten stammenden Hindernisse wegzuräumen. Der erste Schritt in dieser Richtung ist die Bemühung, die Natur und Betätigungsform dieser unbewußten Einflüsse, die das bewußte Urteil schädigen und verdrehen, genau zu durchleuchten. Freud hat in vorbildlicher Weise einen Weg gebahnt, den zu wandeln jetzt möglich ist; und wenn dies geschieht, wird die Menschheit in Hinkunft weniger Entschuldigung haben für die schwarzen Seiten, die das Buch ihrer Geschichte schänden, wie es die hier untersuchten Formen des Aberglaubens tun.