Erstes Kapitel.

Das Städtchen Clatou, einige Meilen von St. Quentin gelegen, erfreute sich unter dem milden Scepter seines Bürgermeister seit undenklichen Zeiten eines blühenden Wohlstandes und einer Höhe der geistigen Cultur, um die es von der Gemeinde Ulrichstein im hessischen Vogelsberge ohnstreitig glühend beneidet worden wäre, wenn sich der Ruf von seiner Existenz überhaupt bis über die Grenzen des Departements verbreitet hätte. Aber die Clatounesen waren von der Giltigkeit jener altgriechischen These, die den Ruhm für eitel Wind erklärt, so aufrichtig überzeugt, daß sie in keiner Weise nach irdischem Glanze haschten, sondern schlicht und recht in den Tag hinein lebten; wiewohl ihre Verhältnisse ihnen reichlich gestattet hätten, alle vier Wochen eine lobende Erwähnung im »Figaro« zu bezahlen. Still und zurückgezogen pflagen sie ihrer Privatangelegenheiten und kümmerten sich weder um die aufregenden Dispute des Pariser Corps Législatif, noch um die politischen Schachzüge Beust's und Bismarck's. Der Name Jules Favre's war kaum jemals über die Lippen eines Clatounesen gekommen, und von der Neugestaltung Deutschlands hatte nur Herr Clamard, der Maire, eine chaotisch dämmernde Vorstellung. Kurz, Clatou, das weise und gerechte Städtchen unweit von St. Quentin, trug keine Schuld an dem schändlichen Friedensbruch, den Frankreich so theuer bezahlen sollte …

Im Laufe der sechziger Jahre zweigte sich von Clatou eine kleine Colonie ab.

Die neue Gründung nannte sich Gressinet. Sie blieb zwar mit der Mutterstadt in regem Wechselverkehr, allein schon nach kurzer Frist entwickelten sich im Schooße der Tochter jene Emancipationsgelüste, die vor einem Jahrhundert auf der westlichen Erdhälfte die Losreißung Nordamerika's von England zur Folge hatten …

Ahmte indessen Gressinet das glorreiche Beispiel der Union nach, so befolgte Clatou – und insbesondere Herr Clamard, der Bürgermeister – die Haltung Großbritanniens und verweigerte den Rebellen jegliches Zugeständnis.

Vor allem bestritt der Maire ihnen das Recht, sich eine Gemeinde zu nennen.

»Ihr gehört zu unsrer Gemeinde,« hieß es in seinen amtlichen Manifesten, – »ihr seid mir zinspflichtig, und jede gegentheilige Bestrebung ist als ein Akt der Insurrection und des Hochverraths zu betrachten.«

Die Gressineter protestirten. Einer der ihrigen, Jules Pierrot, der ein Jahr lang als Handlungsdiener in Paris gewesen, verfaßte ein Gegenmanifest, in welchem das Selbstbestimmungsrecht der Nationen nachdrücklich betont und das Axiom ausgesprochen war, daß man im neunzehnten Jahrhundert nach anderen Grundsätzen regieren müsse, als im fünfzehnten.

Diese Phrase vom neunzehnten Jahrhundert mußte den Maire in der tiefsten Tiefe seines amtlichen Bewußtseins verletzt haben, denn er antwortete in einem neuen Erlaß, es komme hier durchaus nicht auf den Unterschied zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit an, wie von gewisser Seite heuchlerischer Weise behauptet werde, sondern auf die Frage, ob die Verfassung gehalten oder gebrochen werden solle. Er, der Maire, werde dem Gesetze die gebührende Achtung verschaffen und jedermann, der es übertrete, ohne Ansehen der Person vor die Schranken der Tribunale citiren.

Die Gressineter schäumten vor Wuth. Ließ sich von jetzt ab ein Clatounese in Gressinet blicken, so wurde er von den beleidigten Patrioten dergestalt mißhandelt, daß er für die nächsten drei Wochen arbeitsunfähig war. Zur Revanche überfielen die Clatounesen eines schönen Tages den Haupträdelsführer der Gressineter, den Handlungsdiener Jules Pierrot, mit Steinwürfen. Pierrot rettete sich nur durch die schleunigste Flucht. Ganz außer Athem, von Schweiß triefend wie ein gehetzter Eber, mit Staub bedeckt und am Hinterhaupte nicht unbedeutend verletzt, langte er in Gressinet an, – eine lebendige Aufforderung zum Kreuzzug gegen die freveltrotzigen Clatounesen.

Sofort eilte er zu seinem Busenfreunde, dem Schulmeister …

Henri Jérôme Croquepeu, den die Gressineter – dem Maire von Clatou zum Trotz – aus eigenen Mitteln bezahlten, war nächst Pierrot der eifrigste und angesehenste Vertreter der Selbstständigkeitsidee.

Er empfing den Gesinnungsgenossen mit den Zeichen der höchsten Verwunderung.

»Ist's möglich, Jules? Sie haben es gewagt …? Aber das ist ja himmelschreiend, diabolisch, infernalisch, kymmerisch!«

»Croquepeu,« erwiderte Jules mit halberstickter Stimme, indem er sich das Taschentuch auf die Wunde legte, »Croquepeu, – sieh her! Dieses Blut heischt eine furchtbare Rache! – Sprich, Schulmeister, hast du je geliebt …?«

»Wie so?«

»Hast du nie anbetend vor einem Wesen gekniet, dessen Lächeln … dessen Blicke …«

»Ah, so! Jetzt erst begreife ich, was du sagen willst. Du meinst, ob niemals Eros mein Herz berührt …? Du mußt dich deutlicher ausdrücken.«

»Nun denn … antworte mir! Wenn deine Brust niemals in heiligen Flammen stand, so fehlt dir das Verständnis für den Schmerz, der mir siedend durch alle Adern geht … Sprich, Kindertyrann!«

»Ja, Jules! Ich war achtzehn Jahre alt, – da liebte ich Eugenien, die Tochter des Dorfschmieds … Ich darf wohl sagen: auch ich war ihr nicht gleichgiltig, – aber ach! Du weißt! Die Verhältnisse … Die Umstände … Sie hat einen anderen geheirathet …«

»Gut! So wirst du erfassen, welch ein wahnsinniger Zorn meine empfindsamen Nerven durchtobt. Höre mich an! Ich liebe …«

»Nicht möglich? Seit wann …?«

»Seit vier Wochen. Sie ist ein Engel …! Ach, Schulmeister, ich sage dir, wenn sie einen mit ihren großen, himmelblauen Augen so über die Achsel ansieht, – das Herz möchte einem zerspringen wie eine reife Kastanienschale! Aber leider, leider giebt es nichts Vollkommenes auf der Welt!«

»Schielt sie?«

»Du bist verrückt.«

»So findest du keine Gegenliebe?«

»Croquepeu, du wirst beleidigend …«

»Je nun, so erkläre dich näher … Überhaupt weiß ich nicht, was deine Liebe mit dem clatounesischen Attentat zu thun hat.«

»Schulmeister! Meine Geliebte vereinigt alle guten Eigenschaften des Leibs und der Seele … aber sie ist eine Clatouneserin!«

»Heiliger Antonius Paduensis! Das ist allerdings ein bedenklicher Übelstand! Und wer ist's, Pierrot? Wohl gar Louison, die Tochter des Notars? Herr Brassou ist ein glühender Feind unserer Autonomie; er haßt dich als den gefährlichsten Verfechter unserer municipalen Rechte: nie und nimmer wird er einwilligen, daß seine Louison …«

»So laß mich doch nur zum Worte kommen, geschwätziger Ruthenfürst! Louison ist mir so gleichgiltig wie dem Heiden der Sonntag. Meine Angebetete heißt Marion Leclerc.«

»Alle Götter der Ober- und Unterwelt! Die Mündel des Bürgermeisters? Pierrot, bist du bei Troste? Da wäre noch eher daran zu denken, daß der Notar dir seine Louison gäbe!«

»Vorläufig handelt es sich gar nicht um Geben oder Nichtgeben. Alles das wird sich später finden. Marion liebt mich. Im Nothfall entführe ich sie …«

»Himmel! Das wird einen saubern Skandal absetzen!«

»Mir gleich. Zunächst aber gilt es, meine Ehre wieder herzustellen. Denke dir, Croquepeu: die Geliebte meines Herzens war Zeuge des entsetzlichen Auftrittes! … Sie sah, wie ich fliehen mußte! O, ich hätte vor Wuth und Scham bersten mögen! – Aber die Steinwürfe ließen mir keine Wahl; sie würden mich zu Brei zermalmt haben. Begreifst du, Knaben-Despot, was es heißt, vor den Augen seiner Geliebten die Rolle eines Feiglings spielen zu müssen?«

»Ah, ich weiß es nur zu gut! Unter uns gesagt, Pierrot, – du erzählst es nicht weiter – ich bin überzeugt, Eugenie heirathete nur darum den Epicier, weil er mich einst vor ihren Blicken ohrfeigte, ohne daß ich meinerseits … Du verstehst! Es fehlt mir im allgemeinen nicht an Courage, aber Raoul war ein baumlanger Kerl, und so dachte ich, besser eine geringe Injurie einstecken, als sich einer tödtlichen Körperverletzung aussetzen. Aber, wie gesagt, das beklemmende Gefühl von damals ist mir noch sehr wohl erinnerlich … Haben sie dich auch geohrfeigt?«

»Das nicht. Allein ich mußte Fersengeld geben, wie ein Äpfeldieb, und das Hohngelächter der Clatouneserinnen verfolgte mich bis an die Grenze des Weichbildes. Man macht eine erbärmliche Figur, Croquepeu, wenn man so durch die Straßen sprengt und von den ungezogenen Gamins mit Pflaumen und Chausseesteinen geworfen wird! Ich bedarf einer glänzenden Genugthuung, sonst bin ich in den Augen Marion's für allezeit discreditirt. Willst du mir beistehen?«

»Was kann ich thun?«

»Berufe die angesehensten Bürger für heute Abend in die Scheune des alten Grimmont! Ich werde ihnen den Fall vortragen und ihre Unterstützung in Anspruch nehmen.«

»Gut. Auf sieben Uhr.«

»Und nun begleite mich in die Weinstube; ich verdurste bald. Um halb zwei muß ich ins Geschäft; also laß uns die Frist benutzen! Du wirst deine Einladungen dringlicher vorbringen, wenn du erst ein paar Tropfen Rebenblut in den Adern spürst.«

Sie gingen zur Schenke und leerten einige Gläser auf das Wohl Gressinet's. Dann verfügte sich Jules Pierrot, der Handlungsdiener, in sein bescheidenes Magazin, während Croquepeu von Haus zu Haus wanderte und die Bürger zu einer wichtigen Berathung nach der Scheune entbot.