Zweites Kapitel.

Fünf Minuten nach sieben war die Versammlung vollzählig.

Pierrot ergriff das Wort und schilderte in den lebhaftesten Farben die erlittene Unbill. Er forderte die Gressineter auf, diese blutige Beleidigung durch eine exemplarische Bestrafung der Mutterstadt glorreich zu sühnen.

Nach längeren Debatten faßte man den Beschluß, Clatou am nächsten Sonntag während der Kirche zu überfallen, dem Haupturheber des frevelhaften Attentates die Fenster einzuwerfen und einen etwaigen Widerstand mit bewaffneter Hand zu bewältigen …

Das war eine verwegene Idee. Ihre Annahme läßt sich nur aus der krankhaften Steigerung des intermunicipalen Hasses erklären, der bei den Gressinetern die Stimme der Vernunft völlig übertäubte. O, hättet ihr den Plan Jules Pierrot's verworfen! Ihr würdet ihm und euch viel Trauer und Herzeleid erspart haben!

Der verhängnisvolle Sonntag kam heran. Die Glocken von Clatou hatten langsam ausgeläutet. Die gesammte Bürgerschaft – mit der einzigen Ausnahme eines lüderlichen Zecherkleeblatts und verschiedener Greise, Wöchnerinnen und Kranken – befand sich im Gotteshause. Herr Laloupon, der Geistliche, predigte über die Bibelstelle: »Selig sind die Friedfertigen –« und erging sich in eifrigen Angriffen auf die Störer der öffentlichen Ordnung. Die Clatounesen schmunzelten, denn sie fühlten, daß Herr Laloupon auf die Gressineter stichelte.

Da zog aus den Thoren der rebellischen Colonie eine Schaar von fünfzig oder sechzig kräftigen Burschen – so ziemlich die ganze waffenfähige Mannschaft des Pflanzdorfes – und wandte sich in raschem Halbtrabe dem arglosen Clatou zu.

Nach fünf Minuten war die Mutterstadt erreicht. Jean, der alte stelzfüßige Polizist, wurde über den Haufen gerannt. Dann plötzlich klirrte ein Hagel von Steinen wider die Façade eines der stattlichsten Häuser der Hauptstraße, und ein lautes Hurrah des Rächercorps verkündete, daß die Salve von wunderbarster Wirkung gewesen.

Alsbald regte es sich in den Hallen der Kirche. Die Weiber und Kinder erhoben ein klägliches Angstgeschrei. Die Männer rüsteten sich zur Gegenwehr. Die clatounesische Übermacht gestattete keinen Zweifel über den Ausgang des Handgemenges. Jules Pierrot, der unter den Vordersten war, wurde an der Kirchentreppe von einem gigantischen Schlossergesellen in Bearbeitung genommen. Zu seinem wahnwitzigsten Entsetzen bemerkte er unter den Damen, die sich nach der Pforte des Gotteshauses drängten, Marion Leclerc, die Geliebte seines Herzens. Sie sollte jetzt zum zweiten Male mit ansehen, wie ihr treuer Cavalier von pöbelhaften Fäusten mißhandelt wurde. Jules Pierrot rang wie ein Verzweifelter; aber der Schlossergeselle war ein Hercules, legte ihn über das Knie und erteilte ihm eine Lection, wie sie Herr Croquepeu, der Schulmeister, seinen Zöglingen nicht kunstgerechter hätte angedeih'n lassen können. Ähnlich wie dem Liebhaber Marion's erging es den meisten Gressinetern; nur Wenige schlugen sich rühmlich durch und erreichten die Colonie; die Übrigen wurden schauderhaft zerwalkt und dann in Masse nach der »Violine«, das heißt nach der Wache gebracht.

Herr Clamard, der Maire, rieb sich die Hände. Die Gressineter knirschten vor Schmerz und Erbitterung. Herr Laloupon, der Pfarrer, ließ ein Tedeum anstimmen.

Drei Tage später wurden sämmtliche an dem Krawall betheiligten Colonisten mit mehreren Wochen Polizeigefängnis bestraft.