Drittes Kapitel.

Auch dieses Leid trug dazu bei, den Zorn der Gressineter zum Paroxysmus zu steigern.

Als die Gemaßregelten die Freiheit wieder erlangt hatten, berief Jules Pierrot die Bürgerschaft des unglücklichen Pflanzdorfes zu einer abermaligen Generalversammlung in die Scheune des ehrwürdigen Herrn Grimmont.

Die Eingeladenen erschienen mit mathematischer Pünktlichkeit. Drei oder vier der besiegten Sonntagskämpfer trugen noch die Spuren ihrer Niederlage in den finster blickenden Gesichtern. Über der ganzen corona civium lagerte eine düstere, unheilschwangere Stimmung.

Jules Pierrot ergriff das Wort.

»Mitbürger!« sagte er langsam und feierlich. »Die Würfel sind gefallen!«

Ein dumpfes Murmeln ging durch die Reihen der Zuhörer.

»Eine schamlose Vergewaltigung, wie wir sie in den Annalen unserer vaterländischen Geschichte nicht zum zweiten Male verzeichnet finden, hat die letzten Bande der Pietät, die uns an das verabscheuungswürdige Clatou knüpfen mochten, für alle Zeiten zerrissen!«

Lange anhaltender Applaus.

»Mitbürger!« fuhr Pierrot fort, »wir müssen Clatou moralisch vernichten …«

Athemlose Spannung.

»Es genügt hinfür nicht mehr, daß sich Gressinet eine Gemeinde nennt: wir müssen eine Gemeinde werden! Setzen wir Gut und Blut an die Erreichung dieses glorreichen Zieles!«

»Hoch! hoch!« schrieen die Gressineter in donnerndem Chorus.

»Patrioten! Suchen wir Clatou zu verdunkeln, zu überflügeln, zu zermalmen! Clatou besitzt eine Schule mit zwei Elementarlehrern: stellen wir, dem Tyrannen Clamard zum Hohne, drei Elementarlehrer mit je zweihundert Franken Gehalt und freiem Holz an!«

»Unterstützt! Unterstützt!« riefen drei oder vier der eifrigsten Vaterlandsfreunde. »Ich zeichne zehn Franken!« – »Ich zwölf!« – »Ich fünfundzwanzig!«

»Aber nicht genug,« fuhr Pierrot fort, »daß wir im Punkte der Intelligenz die Clatounesen überholen müssen: es gilt auch die municipalen Institute dergestalt zu entwickeln, daß man höheren Ortes unsere Reife erkennt und, Herrn Clamard zum Trotz, unsere Berechtigung, als selbstständige Gemeinde aufzutreten, amtlich sanctionirt!«

»Sehr wahr! Hört, hört!«

»Bürger! Zu den wichtigsten Errungenschaften eines municipalen Gemeinwesens gehört unstreitig der Besitz einer unabhängigen Feuerspritze! Schaffen wir eine Feuerspritze an!«

»Hoch! hoch!« schrieen die begeisterten Gressineter. »Es lebe Jules Pierrot! Hoch! hoch!«

»Aber eine Feuerspritze kostet ein Heidengeld!« bemerkte einer der Versammelten.

»Das ist wahr!« versetzte ein Zweiter.

»Sehr richtig!« murmelte ein Dritter.

»Patrioten!« schrie Pierrot … »Wo es die Ehre Gressinet's gilt, da ist keine Ausgabe unerschwinglich! Denkt euch übrigens nur einmal folgenden Fall! Die Clatounesen, von dem leidenschaftlichen Drange ihres Hasses getrieben, nahen uns eines schönen Tages mit Fackeln und Pechkränzen! Sie zünden uns insgeheim das Haus über dem Kopfe an! … Bürger! Was soll aus uns werden, wenn wir unter sothanen Umständen keine Feuerspritze besitzen?«

»Er hat Recht! Wir sind es nicht nur unserer Ehre, sondern mehr noch unserer Sicherheit schuldig, nichts zu versäumen, was die schmachvollen Pläne der Clatounesen vereiteln kann! Vae victis, sagt der Lateiner! Schaffen wir eine Spritze an!«

Es war Croquepeu, der Schulmeister, der durch diesen pathetischen Mahnruf die Versammelten elektrisirte und einen neuen Sturm des Beifalls entfesselte.

»Ich bitte noch für einige Augenblicke um eure Aufmerksamkeit!«

»Reden Sie, reden Sie! Ruhe! Jules Pierrot hat das Wort! Wollt ihr still sein dahinten? Reden Sie!«

»Meine Freunde! Wir leben im neunzehnten Jahrhundert …«

»Sehr wahr! Bravo!«

»Ruhe! Ruhe!«

»Das neunzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der Bildung, der Intelligenz, des allgemeinen Stimmrechts, der öffentlichen Meinung! Was aber ist der bedeutsamste Hebel der öffentlichen Meinung …«

»Die Weiber!« schrie im Hintergrund eine volltönende Baßstimme …

»Die Presse!« vollendete Jules Pierrot mit theatralischer Würde. »Ja, meine Mitbürger, die Journalistik ist heutzutag' eine Großmacht. In Paris, unsrer heiligen Metropole, habe ich ihren Einfluß kennen und achten gelernt. Männer von Gressinet! Gründen wir eine Zeitung!«

Lautlose Stille.

»Aha, ein Wochenblatt,« meinte endlich Goguenard, der Weinwirth … »Ich bin dabei, lieber Herr Jules!«

»Ein Journal?« rief der Krämer Léon … »Das wird amüsant. Ich mache mit, lieber Pierrot!«

»Gründen wir eine Zeitung!« sagte jetzt auch Croquepeu, indem er sich nach Möglichkeit in die Brust warf. »Clatou besitzt seit einem Jahre den ›Clatouneser Beobachter‹! Schaffen wir ein Organ, das die schamlosen Verleumdungen dieses ›Beobachters‹ energisch zurückweisen und der staunenden Welt zeigen kann, daß der alte glorreiche Sinn der Gressineter noch nicht ausgestorben ist, daß wir die Standarte der Wahrheit hochhalten, und die angestammten Rechte eines freien Volkes unbeugsam zu wahren wissen!«

Die Versammlung applaudirte begeistert. Man schritt zur Abstimmung. Sämmtliche Anträge Pierrot's wurden mit großer Majorität angenommen.

Goguenard, der Weinwirth, trat an die Spitze der Spritzencommission.

Léon, der Krämer, erklärte sich bereit, die Collecte für die Schulmeister zu leiten.

Das zu gründende Journal wurde dem Antragsteller persönlich überlassen.

Es sollte vorläufig dreimal monatlich erscheinen und in St. Quentin auf Gemeindekosten gedruckt werden.

Man setzte schließlich als Titel die geschmackvolle Bezeichnung: ›Der unverzagte Streiter von Gressinet‹ fest und verpflichtete den Redacteur Pierrot, in jeder Nummer eine eclatante Schandthat der Clatounesen dem Urtheile Europa's Preis zu geben.

Hierauf erklärte Jules die Versammlung für aufgehoben. Jean-Baptiste Grimmont, der Älteste im Rathe, umarmte den kühnen Jüngling unter lautem Schluchzen, blickte zum Himmel auf und sprach:

»Ich danke dir, Herr, daß du mich aufbehalten hast, diese Freude noch zu erleben! Ich werde jetzt, so du gebeutst, gern in die Grube fahren.«

Jules Pierrot war sichtlich gerührt. Ein leises Zucken spielte wie Wetterleuchten um die sonst so mannhaften Lippen.

»Ehrwürdiger Freund!« sagte er mit tremulirender Stimme … »ich thue nur meine Pflicht! Nicht an mich dürfen Sie sich wenden, wenn Sie Ihren Gefühlen Ausdruck verleihen wollen, sondern an das Volk, an die gesammte Bürgerschaft. Wir alle sind ja von dem gleichen Gedanken beseelt, der in den heiligen Worten gipfelt: Vorwärts mit Gott für unser geliebtes, glorreiches Gressinet!«