Viertes Kapitel.

Die Angelegenheiten der jungen Gemeinde nahmen von dieser Stunde an in der That einen Aufschwung, der den Segen des Himmels deutlich erkennen ließ.

Die Schulmeister wurden engagirt, wiewohl man den vorgeschlagenen Gehalt nachträglich auf siebzig Franken jährlich verringerte.

Die Feuerspritze wurde gekauft und in der Scheuer Grimmont's sorgfältig untergebracht.

Die erste Nummer des ›Unverzagten Streiters von Gressinet‹ erschien in Klein-Octav und erfreute sich des allgemeinsten Beifalls. Der Leitartikel, von Croquepeu verfaßt, behandelte das mehrfach erwähnte Steinwurf-Attentat der Clatounesen unter dem pittoresken Titel: ›Wie man in Clatou das Recht freier Bürger achtet!‹; – während Jules Pierrot unter der Rubrik: ›Clatounesische Lügen‹ nachzuweisen suchte, daß in ganz Clatou kein vorurtheilsloser Ehrenmann lebe, und daß insbesondere die Justiz viel zu wünschen lasse.

Bereits wenige Tage nach erfolgtem Ankauf der Feuerspritze begann Gressinet mit den Übungen.

Es war ein feierlicher Moment, als die Bürgerschaft sich vor das roth und blau lackirte Instrument spannte und vor das Dorf auf die »Gemeindewiese« marschirte, wo das erste Probespritzen stattfinden sollte.

Croquepeu dichtete aus Anlaß dieses bedeutsamen Ereignisses eine Cantate, deren Refrain also lautete:

»So fürchten wir nie des Verrathes Brand:
wir spritzen für Freiheit und Vaterland.«

Unter den weihevollen Klängen einer großen Harmonika wurden die ersten Stöße geleistet. Das Pumpwerk übertraf an Promptheit und Energie alle Erwartungen. Diese Spritze zu bedienen, war eine Lust, eine ideale Beschäftigung, die an das freie Schaffen des gottbegnadeten Künstlers erinnerte.

Die Gressineter waren just in der besten Arbeit, als unvorsichtiger Weise Herr Laloupon, der Pfarrer von Clatou, vorüberging. Alsbald erinnerte man sich des Tedeums, das dieser entartete Priester aus cynischer Freude über die Mißhandlung des Gressinetischen Rächercorps' hatte anstimmen lassen. Eine diabolische Wuth bemächtigte sich aller Gemüther. Croquepeu, der die Spitze des Schlauches hielt, wechselte mit Jules Pierrot einen Blick des Verständnisses, wartete, bis der Pfarrer etwa zehn Meter entfernt war, und richtete dann den straffen Strahl mit seiner vollen Vehemenz auf die unteren Rückenwirbel des Dahinwandelnden.

Die Wirkung war colossal. Der Diener der Kirche wurde nicht nur vollständig durchnäßt, sondern auch empfindlich contusionirt. Zornglühend hinkte er nach Hause und sandte alsbald dem Maire ein langes Klageschreiben, worin er um Genugthuung für die erlittene Injurie bat, Gott zum Zeugen für die fortschreitende Entartung des Menschengeschlechts anrief, und die Gressineter mit den Philistern und anderen heidnischen Völkerschaften verglich.

Des anderen Tages schickte der Bürgermeister zwei berittene Gensdarmen aus und ließ die Feuerspritze im Namen des Gesetzes confisciren.

Alle Reclamationen der Betroffenen blieben erfolglos. Der Maire gab zur Antwort, Gressinet gehöre zur Gemeinde Clatou, und sobald es in Gressinet brenne, werde er, Clamard, von Amtswegen für die erforderlichen Löschmaßregeln Sorge tragen. Eine eigene Spritze sei subordinationswidrig.

Der ›Unverzagte Streiter von Gressinet‹ brachte in seiner nächsten Nummer einen Leitartikel, betitelt: ›Wo soll das enden?‹ Herr Clamard war in besagtem Aufsatze auf's Leidenschaftlichste angegriffen. Croquepeu schloß mit der bedeutsamen Wendung: »Und so werden wir, angesichts der obwaltenden Verhältnisse, höheren Ortes das Recht suchen, das uns von maßgebender Seite in einer so durchaus nicht näher zu qualificirenden Weise verweigert wird.«

Diese Drohung des ›Unverzagten Streiters von Gressinet‹ ward noch in derselben Woche verwirklicht.

Jules Pierrot verfaßte eine Adresse an den Sous-Préfet, die sich alsbald mit Unterschriften bedeckte.

Das ebenso klar als taktvoll gehaltene Document hob die Wichtigkeit einer municipalen Entwickelung Gressinets aufs Nachdrücklichste hervor und betonte die hohe culturgeschichtliche Bedeutung gut organisirter Lösch-Apparate. Dann ging die Adresse auf den speciellen Fall ein und erhärtete mit allen Mitteln der Logik, daß Herr Clamard, der Maire, sich eines Gewaltstreiches schuldig gemacht habe, um dessen geneigte Abstellung man um so dringender bitte, als bereits die Presse anfange, die Angelegenheit in unangenehmer Weise zu interpretiren. Die Ehre Gressinet's erheische eine schleunige und glänzende Satisfaction.

Leider hatte der Unterpräfect eine Nichte der Schwägerin des angeheirateten Onkels des Bürgermeister zur Frau.

Die Petition wurde zurückgewiesen.

Man wandte sich nun mit einer neuen Beschwerde an den Präfecten.

Leider war der Präfect ein Duzbruder des Unterpräfecten.

So machten denn die Gressineter abermals Fiasco.

Das journalistische Organ der jungen Gemeinde führte indeß nicht umsonst den Titel: ›Der unverzagte Streiter‹! Die wackern Bürger ließen sich durch das mehrmalige Fehlschlagen ihrer Hoffnungen nicht abschrecken.

Es war seit einiger Zeit das dunkle Gerücht nach Gressinet gedrungen, Napoleon III. und sein Gouvernement seien liberal geworden.

Die Gressineter wußten zwar nicht genau, was sie sich unter diesem ›Liberalismus‹ zu denken hatten, aber eine instinctive Ahnung sagte ihnen, Liberalismus sei etwas Ähnliches wie Liberalität; und da überdies Jules Pierrot versicherte, in Paris sei jeder anständige Mensch liberal und der Kaiser folge nur dem Gebote der öffentlichen Meinung, wenn er sich gleichfalls zum Liberalismus bekehrt habe, so beschloß man, die Sache bis aufs Äußerste zu treiben und in Angelegenheiten der Feuerspritze eine Adresse an Se. Excellenz den Minister des Innern aufzusetzen.

Am 14. Juli 1870 ging also ein recommandirtes Sendschreiben nach Paris ab. Nachschriftlich war dem Document die Bitte um recht baldige Erledigung beigefügt, da es ja leicht einmal in Gressinet brennen könne, und die Bürgerschaft alsdann in die größte Verlegenheit gerathen würde, wenn keine Spritze zur Hand sei.

Die Patrioten warteten von Tag zu Tag, aber es kam keine Antwort. Wohl aber erschreckte sie eines schönen Morgens die Nachricht, daß der große Staatsmann Emil Ollivier an Preußen den Krieg erklärt habe.

»O weh,« sprach Croquepeu, als er am Abend nach dieser verhängnisvollen Botschaft mit Jules Pierrot in der Weinschenke des würdigen Goguenard saß, »da sieht's schlecht aus mit unserer Petition! Die Herren in Paris werden jetzt an größere Dinge zu denken haben, als an Gressinet und die Feuerspritze.«

»Pah,« erwiderte Goguenard, »haben wir nicht ausdrücklich um rasche Erledigung gebeten? Es ist ja doch wahrhaftig keine große Mühe, ein ›Genehmigt‹ an den Rand zu schreiben, und das Ding auf die Post zu geben.«

»Goguenard, Goguenard, ich verstehe mich besser auf diese Späße. Unsere Spritze ist für immer zu den Todten geworfen.«

»Unsinn! Wie lange wird denn der Krieg dauern! Die paar Kosacken nehmen wir auf den kleinen Finger. Nun, und wenn sie erst wieder Frieden gemacht haben und die rothen Bänder vertheilen, hernach wird auch unsere Spritze erledigt. Man muß die Geduld nicht verlieren. Nicht wahr, Herr Jules?«

»Hm, hm,« versetzte Jules Pierrot, – »ich glaube zwar auch, daß wir in höchstens vierzehn Tagen Preußen so ziemlich erobern werden, aber mit dem Friedenschließen geht's nicht immer so glatt, wie man denkt. Als ich in Paris war, da schlugen sich die Deutschen drüben über dem Rhein. Nun, die Geschichte hat auch nicht lange gedauert, was die eigentliche Kriegführung betraf; aber bis alles wieder im Reinen war, ist doch manches Quart die Seine hinuntergeflossen. Ich meinestheils wäre der Ansicht, wir warteten gar nicht ab, was das Ministerium beschließt, sondern holten uns die Spritze auf eigene Faust.«

»Das ist ein Gedanke!« rief Croquepeu. »Weiß Gott, Jules, du hast mitunter prächtige Einfälle! Wo steht die Spritze?«

»Im Hinterhofe des Maire,« versicherte Goguenard. »Aber schwer wird sie zu kriegen sein. Der Hof ist ummauert und vor der Thür liegt ein Schloß, das seine vier Kilogramme wiegt. Nein, Kameraden, so wird nichts ausgerichtet!«

»Nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht in einigen Wochen,« erwiderte Jules mit Würde. »Ich will euch was sagen. Es gilt hier vor allen Dingen, die richtige Gelegenheit auszukundschaften. Ich will spioniren.«

»Aha!« schmunzelte Croquepeu mit einem verständnißreichen Augenzwinkern.

»Goguenard,« sagte Jules, »da Sie uns eigentlich auf diese Idee gebracht haben, so sollen auch Sie erfahren, was ich bis jetzt nur meinem vertrautesten Freunde, dem hier anwesenden Schulmeister Henri Jérôme Croquepeu mitgetheilt habe …«

Der Weinwirth horchte auf.

»Ja, Meister Goguenard,« fuhr Jules mit geheimnisvoller Betonung fort, – »ich bin der Mann, der die Verhältnisse in dem Clamard'schen Hinterhofe gründlich in Augenschein nehmen und den geeigneten Moment der That mit Zuverlässigkeit berechnen kann. Sie sind discret, Goguenard …«

Der wackere Bürger legte zur Betheuerung seiner Verschwiegenheit die rechte Hand in die Herzgrube.

»Nun denn …« flüsterte Jules, »ich bin der Verlobte der schönen Marion Leclerc …«

»Nicht möglich!« rief Goguenard. »Sie, Herr Jules, der feurigste Patriot, der glühendste Gegner der Clatounesen, der … wie soll ich nur sagen … Sie, der Chef der ganzen Agitation …«

»Liebster Freund,« versetzte Jules bedeutungsvoll, »es giebt Angelegenheiten, in denen die Parteiunterschiede aufhören. Nehmen sie z. B. einmal an, die Preußen trügen über unsere glorreichen Heere den Sieg davon …«

»Pah!« lachte Goguenard.

»Nun natürlich, es ist nur eine Annahme! Aber gesetzt den Fall … die feindlichen Armeen überschwemmten unser Departement … Glauben Sie, daß im Angesicht des gemeinsamen Gegners der Zwist der Gressineter und Clatounesen fortbestehn würde? Goguenard! Ich bin Gressineter mit Leib und Seele! Sie kennen meine Thaten, – ich brauche daher keine überflüssigen Worte zu machen! Aber so unversöhnlich wir auch die verrätherischen Bewohner von Clatou hassen – eins werden wir doch nie und nimmer vergessen: sie sind Franzosen! Gegen die Bajonnete der Preußen würden wir selbst die Clatounesen bis auf den letzten Mann vertheidigen. Habe ich Recht?«

»Ohnstreitig!« rief Croquepeu begeistert, während er das volle Glas zum Mund führte.

»Wenn's die beiden Herrn sagen, dann muß es wohl wahr sein,« versetzte Goguenard nachdenklich …

»Nun, sehen Sie wohl: wie's im Krieg ist, so ist es auch mit der Liebe. Amor fragt nicht lange, ob sein Gegenstand diesseits oder jenseits der Gemarkung wohnt. Kurz und gut, Marion ist meine Braut …«

»Aber ihr Vormund?« fragte Goguenard mit hochgezogener Braue.

»Das ist's eben!« erwiderte Jules. »Just mit Rücksicht auf den Herrn Maire habe ich diese Gelegenheit benutzt, um Sie in mein Geheimniß einzuweihen …«

»Wie so?«

»Hören Sie mich an. Ich schleiche mich jeden Mittwoch und jeden Sonnabend als Fuhrknecht verkleidet nach der Mairie und verplaudere ein Stündchen mit meiner Herzallerliebsten. Der Alte ist dann nicht zu Hause, und Marion weiß es stets so einzurichten, daß mir auch im Treppenbau niemand begegnet. Von ihrem Fenster aus kann man den Hinterhof überblicken. Wenn ich mich bis jetzt gehütet habe, hinauszugaffen, so geschah dies aus leicht begreiflicher Vorsicht. Jetzt, da ich weiß, welche Interessen auf dem Spiele stehen, werde ich die Sache riskiren und die Verhältnisse auskundschaften. Die Feuerspritze von Gressinet wird gerettet werden, und Sie, Meister Goguenard, sollen die Lorbeeren des glorreichen Unternehmens unverkürzt einheimsen.«

»Mit Vergnügen! Ich bin zu allem bereit. Gressinet geht mir über Leib und Leben.«

»O, es ist keine Gefahr vorhanden,« fuhr Jules fort. »Wenn Sie sich an die Spitze von vier, fünf geriebenen Burschen stellen, so wird es Ihnen ein Leichtes sein, die Angelegenheit zum gewünschten Ziele zu führen. Ich meinestheils verzichte auf jeden Ruhm. Sie, lieber Goguenard, Sie allein werden den Gressinetern das geraubte Kleinod zurückerobert haben.«

»Das läßt sich hören. Sie sind in der That ein großmüthiger Charakter, Herr Jules.«

»Nicht wahr, Croquepeu,« sagte Pierrot eifrig, »die Perspektive, die ich da unserem trefflichen Weinwirth eröffne, darf geradezu als glänzend bezeichnet werden?«

»Als kymmerisch, als phänomenal,« bestätigte der diensteifrige Schulmeister.

»Das wäre denn abgemacht!« rief Jules. »Und nun, mein wackerer Goguenard, bitte ich Sie um einen Gegendienst!«

»Reden Sie!«

»Marion's Vormund, der Tyrann von Clatou, ist natürlich mir vor allen Gressinetern spinnefeind …«

»Das gereicht Ihnen nur zur Ehre, Herr Jules.«

»Er wird mir das Mädchen nie und nimmer gutwillig zur Frau geben …«

»Das glaub' ich selbst.«

»Aber Marion liebt mich, und mein Entschluß, sie zu heirathen, steht so felsenfest, daß kein Himmel und keine Hölle ihn erschüttern werden.«

»Löblich, sehr löblich, Herr Jules.«

»Da ich nun das Ziel meiner Wünsche auf dem gewöhnlichen Weg nicht erreichen kann, da eine friedliche Vereinbarung nicht möglich ist –«

»So machen Sie's wie der Kaiser und erklären den Krieg!«

»So ist's! Ich werde Marion entführen.«

»Alle Wetter!«

»Ja, würdiger Weinverzapfer! Ich bin nicht gesonnen, demüthig den Nacken zu beugen und zu entsagen, wo der Kampf mir die Krone verschaffen kann. Marion hat bereits eine Ahnung von meinem Vorhaben … Ich zweifle nicht, daß sie mir folgen wird, – folgen – folgen – bis an das Ende der Welt.«

Jules Pierrot streckte den rechten Arm aus, um anzudeuten, wie unendlich weit Marion ihm folgen würde. Goguenard nickte bedächtig mit dem röthlich schillernden Haupte, während Croquepeu von neuem das Glas zum Mund führte.

»Und was kann ich bei dieser Angelegenheit thun?« fragte der Weinwirth nach einer Pause.

»Hören Sie weiter,« versetzte Jules. »Ich werde also Marion aus dem Kerker der Mairie mit Gewalt befreien, und zwar in derselben Nacht, in welcher Sie, an der Spitze Ihrer Getreuen, die Feuerspritze erobern …«

»Und da soll ich das Mädel wohl auf die Spritze setzen?« fragte Goguenard im Ton eines Mannes, dem eine bedeutsame Idee aufdämmert.

»Unsinn! Marion wird mit der Expedition, die Sie commandiren, nicht in die mindeste Berührung kommen. Ich besorge die Entführung meiner Geliebten auf eigene Faust. Nein! Sie sollen dem reizenden Kind ein Versteck gewähren. Ihre Frau ist klug und verschwiegen; es wird ihr ein Leichtes sein, die Kleine so lange zu verbergen, bis der Bürgermeister seine Einwilligung gegeben hat. Ist Marion erst in Sicherheit, dann werde ich Herrn Clamard schon auftrumpfen. Das Spiel ist dann so gut wie gewonnen.«

»Mein Haus steht Ihnen und Ihrer Dame jederzeit zur Verfügung,« erwiderte Goguenard, indem er Herrn Jules freundschaftlich die Hand reichte. »Sobald der Moment gekommen ist, winken Sie! Ich werde die Feuerspritze im Sturm nehmen und Fräulein Marion so meisterhaft verstecken, daß alle Häscher des Tyrannen von Clatou nicht im Stande sein sollen, das Geheimnis zu enträthseln.«

»Ich danke Ihnen, Goguenard! Also es bleibt dabei! Vorwärts mit Gott für Freiheit und Gressinet!«

»Und Marion Leclerc!« ergänzte der Wirth mit einem vielsagenden Lächeln. »Erst freilich kommt der Patriotismus – aber gleich dahinter folgt Amor! Nicht wahr, Verehrtester? Die Liebe glüht fast ebenso heiß wie das Pflichtgefühl?«

»Sie sind ein kleiner Schwerenöther!« sagte Jules, indem er sich erhob. »Komm, Croquepeu, wir haben heute genug geleistet! Laß uns den Rest des Abends unserm Journal widmen!«

Croquepeu leerte sein Glas, hing seinen Arm in den des Handlungsdieners und verließ in bedenklichem Menuetschritt die Schenke des würdigen Goguenard, der artig sein Käppchen lüftete und seinen scheidenden Gästen und Gesinnungsgenossen ein lebhaftes »Auf Wiedersehn!« nachrief.